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Full text of "Abhandlungen der philologisch-historischen Classe der Königlich sächsischen Gesellschaft der ..."

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KOLAX. 



/ 



EINE ETHOLOGISCHE STUDIE 



VON 



OTTO RIBBECK, 



MITGLIED DER KÖKIGL. SACHS. GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. 



Des IX. Bandes der Abhandlungen der philologisch -historischen Classe der Könlgl. 

Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 



N« I. 




djOD\C>^ 



LEIPZIG • 



BEI S. HIRZEL. 



1883. 



/ - 



ABHANDLUNGEN 

DER 

KÖNIGL. SACHS. GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN 

zu LEIPZIG. 



PHILOLOGISCH-HISTORISCHE CLASSE. 

ERSTER BAND. Mit einer Karte, hoch 4. 1850. broch. Preis 18 Jl. 

A. WESTERMANN, Untersuchungen Über die in die attischen Redner eingelegten Urkunden. 
2 Abbandlungen. 1&50. \s M. 

F. A. UKERT, Über Dämonen, Heroen und Genien. 1850. 2 u^ 40 ^. 
TH MOMMSEN, Über das römische Mtinzwesen. 1S50. 5 J(. 
E. V. WIETERSHEIM, Der Feldzug des Germanicus an der Weser. 1850. :j M, 

G. HARTENSTEIN, Darstellung der Rechtsphilosophie des Hugo Grotius. 1850. 2 .4r. 

TH. MOADISEN, Über den Chronographen vom Jahre 354. Mit einem Anhange über die 
Quellen der Chronik des Hieronymus. 1850. 4 .#. 

ZWEITER BAND. Mit 3 Tafeln, hoch 4. 1857. broch. Preis 22 uT. 

W. RÖSCHER, Zur Geschichte der englischen Volkswirthschaftslehre im sechzehnten und 
siebzehnten Jahrhundert. 1^51. 3 .//. 

Nachträge. 1852. 8ü ^. 



J. G. DROYSEN, Eberhard Windeck. 1853. 1 M \^ ^. 

TH. MOMMSEN, Polemii Silvii laterculus. 1853. \ Ji m ^. 

Volusii Maeciani distributio partium. 1853. 60 ^. 

J. G. DROYSEN, Zwei Verzeichnisse, Kaiser Karls V. Lande, seine und seiner Grossen Ein- 
künfte und anderes betreffend. 1S54. 2 Jl. 

TH. MOMMSEN, Die Stadtrechte der latinischen Gemeinden Salpensa und Malaca in der 

Provinz Baetica. 1855. 3 M, 

Nachträge 1855. 1 .// 60 3jf. 



FRIEDRICH ZARNCKE, Die urkundlichen Quellen zur Geschichte der Universität Leipzig 
in den ersten 150 Jahren ihres Bestehens. 1857. 9 Uf, 

DRITTER BAND. Mit 8 Tafeln, hoch 4. 1861. Preis 24 Ji, 

H. C. VON DER GABELENTZ, Die Mclanesischen Sprachen nach ihrem grammatischen Bau 
und ihrer Verwandtschaft unter sich und mit den Malaiisch-Polynesischen Sprachen. 1S6(). 

8 Ji. 

0. FLÜGEL, Die Classen der Hanefitischen Rechtsgelehrten. 1860. 2 M 40 ^, 

JOH. GÜST. DROYSEN, Das Stralendorfiische Gutachten. 1860. 2 M 40 ^. 

H. C. VON DER GABELENTZ, Über das Passivum. Eine sprachvergleichende Abhandlung. 
1860. 2 ^ SO ^. 

TH. MOMMSEN, Die Chronik des Cassiodorus Senator v. J. 519 n. Chr. 1861. 4 .H, 

OTTO JAHN, Über Darstellungen griechischer Dichter auf Vasenbildern. Mit S Tafeln. 1861. 

6 .M. 

VIERTER BAND. Mit 2 Tafeln, hoch 4. 1865. Preis 18 Jl. 

J. OVERBECK, Beiträge zur Erkenntniss und Kritik der Zeusreligion. 1S61. 2 .<$f 80 .!^. 

G. HARTENSTEIN, Locke's Lehre von der menschlichen Erkenntniss in Vergleichung mit 
Leipniz's Kritik derselben dargestellt. 1861. 4 .//. 

WILHELM RÖSCHER, Die deutsche Nationalökonomik an der Gränzscheide des sechzehnten 
und siebzehnten Jahrhunderts. 1862. 2 M. 

JOH. GUST. DROYSEN, Die Schlacht von Warschau 1656. Mit 1 Tafel. 1863. 4 M 40 ^. 

AUG. SCHLEICHER, Die Unterscheidung von Nomen und Verbum in der lautlichen Form. 
1865, 2 .•/ 40 ;^. 

J. OVERBECK, Über die Lade des Kypselos. Mit 1 Tafel. 1865. 2 u^ 80 ^. 



ABHANDLUNGEN 



EINUNDZWANZIGSTER BAND. 



DRUCK VON BHEITKOPF & UÄRTEL IN LEIPZIG. 



ABHANDLUNGEN 

DER EÖMOLICH SÄCHSISCHEN 

GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. 



f 



EIKLNDZWANZIGSTKR BAND. 
HIT SIEBEN TADELN. 



LEli'ZlG 

BEI S. II I H Z E L. 
l8Si. 



ABHANDLUNGEN 

DER PHILOLOGISCH-HISTORISCHEN CLASSE 
DER KÖNIGLICH SÄCHSISCHEN 

GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. 




NEUNTER BAND. l ' '^ \^^ 

MIT SIEBEN TAFELN. ^"-<l^io'CA'i}i^ 



LEIPZIG 

BEI S. H I H Z E L. 

188t. 



I N H A LT. 



0. Ribbeck, Kolax. Eine ethologische Studie S. \ 

W. Röscher, Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien - H 5 

G. Ebers, der geschnitzte Holzsarg des Hatbastru im ügyptologischen 

Apparat der Universität zu Leipzig -201 

A. Leskien, der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen - 263 

F. Zarncke^ Christian Reuter, der Verfasser des Schelmuffsky, sein 

Leben und seine Werke - 455 

A. Springer, die Genesisbilder in der Kunst des frühen Mittelalters 

mit besonderer Rücksicht auf den Ashburnham-Pentateuch . . - 663 



/ 



KOLAX. 



EINE ETHOLOG ISCHE STUDIE 



VON 



OTTO RIBBECK, 

MITGLIED DEB KÖNIOL. 9ÄCH9. GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. 



Des IX. Bandes der Abhandlungen der philologisch -historischen Classe der KOnigl. 

Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 



N« I. 



/ 



V 



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'^<S- '■ c 



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•30DL:UßR; 



LEIPZIG 

BEI S. HIRZEL 
1883. 



Vom Wrfnsjior üliergeben den 12. .luni IbS.'i 
Der Abdruck vollendet den 10. Auj^nst 1SS3. 



KOLAX 



EINE ETHOLOGISCHE STUDIE 



VON 



OTTO RIBBECK 

MITOLIED DER KÖNIOL. SACHS. GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. 



Abhmndl. d. K. 8. QesflUseh. d. WUseniicli. XXI. 



I. 

über (He Grundbedeutung des Wortes x6XaS geben uns die 
Alten direct keine. brauchbare Auskunft: nur als Scherze, theils be- 
wusste, theils unbevvusste, können Ableitungen gelten wie die von 
xiXov, tpocpiQ^), oder von xoXXäv^). Zwar würde der ersteren von 
formaler Seite kein Bedenken entgegenstehn. Denn jedenfalls wird 
doch unser Wort in die Reihe jener theils adjectivisch, theils sub- 
stantivisch gebrauchten Bildungen gehören, durch welche der Begriff 
eines Stamninoniens in manchen Fällen gesteigert, in andern gleich- 
sam verkörpert wird : \ibaZ (steinig, Edelstein) von Xtdo<;, xci>|xa^ (ausge- 
lassen) von xtt)|xoc, ßü)(xaS = ß(0[jLoX65(o<; und subst. Nebenform von 
ßu>|io<;, TcXoüxaS (Nabob) von tcXoütoc, oxofxifaS (Grossmaul) von axofx- 
90^, oopcpaS (Kehrichthaufen) von aüp9o<;, OaXdfxaS (= OaXa[x(TT]c, 
Ruderer) von ödXa[xo<;, (p6pTa$ (Lastträger) von <f6pTo<;; femer [xu- 
XaS (Mühlstein) von [xüXy), oxüTuaS (Seiler) von oxütttj, uöpTuaS von 
TcipiTY], xaicdva^ von xaicdvT] u. s. w.^). So könnte auch x6Xa6 ent- 
weder von x6Xo^ (Brocken) oder von xoXov (Darm) abgeleitet werden 
und für den xoXaS der Komödie sogar in recht angemessenem Sinne. 
Entschiedenen Einspruch aber erhebt das, soweit uns bekannt, älteste 
Beispiel des Gebrauchs beiAlkman. In einem Parthenion, wo zwei 
Jungfrauen mit einander verglichen werden, heisst es nach neuer- 



\) Athenaeus VI p. 262 A ^cofxoxoXa^ . . . xup((o<; 8' xdXaS hzl tootoü xel- 
Tat. xoXov Y^P 'h '^9^9'^f 2^®^ ^^^ ^ ßooxoXo; xal SuoxoXo? . . . xotX(a xe r) 
Tf|V xpocpT^v oe)^o[jiiv>]. 

2) Athenaeus VI p. 258 B 'Av5poxüOTj<; 6' Jaxpo; eXeys xr^v xoXaxetav l^^eiv 
TTjV Jirmvüfxfav a^ro xoo irpoaxoXXäo&at xat(; ojAtXfat?. i\io\ bk SoxeT 8id xr^v eii- 
j^spsiav, oxi Trdvxa uiroSoexat xxX. Über den Gebrauch von xoXXav in den Schriften 
TTspt <:ptX(a; G. Heyibut de Theophrasti iibris irspl (fikla^; (Bonn 4 876) S. 2 4 A. -1. 

3) Bei Lobeck Pathoi. proi. 447 Parahp. 425—444. 275 ff., der aber xoXaE 
in seine Sammking nicht mitaufgenommen hat: vgl. Pathoi. pro!. .3 4 7 f. 447 
A. 20. 

4» 



i Ribbeck, 

dings fesPtgestellter Lesung ^) : ^Ai[T^Giy[opa [xev aSia * | d 86 Seüxspa 
TceS' 'A^tScbv xb eiBoi; | Ttutto^; eißi^voj x6Xa$ dec Spafxetxai xxX., 
die zweite wird der anderen unmittelbar auf der Ferse folgen, wie 
das Pferd dem Lakonischen Jagdhunde, als x6Xa6, d. h. natürlich 
weder als Schmeichler noch als Schmarotzer, sondern nach einzig 
möglicher Auffassung als untrennbarer, treuer Begleiter. So 
werden wir auf Bildungen wie ßoüx6Xo;, deox«5Xo; (= tepeta: Hesy- 
chius), das elische öe7]x6Xo<;2) geführt, womit schon Lobeck-*) die 
atYixoper<; zusammengestellt hat. Dass dem Stamme xoX*) der Begriff 
der Bewegung eigen ist, bezeugen die Glossen xoXetv eXOeiv; 
xoXsa* TCoid xi; ^pj^Yjoi;; xoXidoat* öpj^YjoaoOat ; xoXaßpiCeiv oxipxäv; 
xoXexpa>ot • xaxauaxoüoiv ; xoXocppov * dXacpp6v ; xoX6xo|xa • xb xoXoßbv xüfxa 

-JJ xb xüXiov xal eTTtcpspov (schol. Aristoph. eq. 692) u. s. w. Auch 

der Vogel xoXoio; mag von seiner Beweglichkeit den Namen tragen, 
und /oX(i)6<; = öopüßo;, dxa^ia, xapaj^i^ zunächst das wirre Durch- 
einander von Menschen und Stimmen bedeuten. So wird e5xoXo<; und 
860x0X0; ursprünglich den leichtbeweglichen und den schwerfälligen 
ausgedrückt haben. Wenn aber ßoüx6Xo<; der begleitende Hüter seiner 
Rinder, der ftsoxoXo; der dienende Gefährte und Pfleger des Gottes ist 
{dei cullor^ deicola)^ so muss xoXaS den Begleiter [adsecula] in emi- 
nentem Sinne bedeuten. Diese Auffassung wird vollkommen be- 



Fr. 23 V. 59 (poel. lyr. Gr. rec. Bergk^ vol. III p. i\). Im Papyrus stellt 
von erster Hand nach letzter Lesung von Blass: ITTTTOCCIBHNUJIKOAAEAI- 

€CAPAM6lTAI. »Das 1 nach ZA ist durch einen dicken Querstrich getilgt; 
ob dann weiter € oder O folgt, ist nicht zu erkennen.« Blass schlug vor (vgl. 
Hermes XIII 28) : xoXaS ak^ oder x. 610c. Ich ziehe das erstere vor. Bergk 
schreibt in der letzten Ausgabe xoXaEaToc und versteht ein Pferd des Skythen- 
königs Rolaxais (Herodot IV ^. 7) , welches berühmt gewesen sei durch seine 
Schnelligkeit. Aber weder hiervon noch überhaupt von dem Marstall jenes Königs 
ist etwas bezeugt. Der Einwand »poterat canis equi minister, non equus canis 
comes dici« ist hinfällig, wenn man sich veranschaulicht, wie der spürende Jagd- 
hund dem Pferd voranläuft. 

2} Pausanias V 4 5, 4 Lucian Alex. 41. Inscr. Graecae antiquiss. n. 109 Z. 6: 
opTip Toxa OeoxoX[eoi. Pausanias Y 15, 7: loxi 5i irpo tou xaXou^vou Osr^xoXeaivo^ 

OtXT|}JLa. 

3) Phryn. p. 65«. 

4] Gurtius Etym. 470 nimmt eine alte Wurzel xav an (sich regen, gehen, ver- 
kehren), von der sowohl xoX (in ^00x0X0? u. s. w. und colere] als iroX (in a{- 
iroXo; OsTjiroXeTv u. s. w.) abstammen. 



KOLAX. 5 

stätigt, wenn wir in dem Bruchstück aus einer Elegie*) des Asios 
von Samos, eines gleichfalls sehr allen^) Dichters, folgende Schil- 
derung eines ungeladenen Gastes lesen, der zu einer Hochzeit 
kommt : 

•^XOsv xvtoox6Xa£, eöie MsXyj^ ef^ixsi, 
axXTjTo;, Cö>lJ''05^) xe)^pYj[X6vo^, ev os [xeootoiv 
Y^pco^ etoTT^xet ßop|36poü eSavaSü*;. 

Die satirischen Verse sind von Welcker*) schön erklärt worden. 
Der Dichter spottet der allen Zunft der Rhapsoden, der Tafel- 
sänger, als deren Heros Eponymos die derb populäre Legende den 
Kpcco^^iXo; (Bralenfreund) , später in Kpetu^fuXo^ umgebildet, feierte. 
Ein Genosse derselben, der dem Bratenduft nachgehende, erscheint 
nun bei der Hochzeit des Smyrnäischen Flussgottes, aus dessen Ehe 
mit der Nymphe der göttliche Homeros entspriessen sollte. In ver- 
ächtlicher Bettlergestalt, hinkend, gebrandmarkt wie ein Sclave, und 
hochbetagt lässt der spöttische Dichter den ungeladenen Gast unter 
die erlauchte Versammlung treten, ein Vorbild in manchen Zügen 
des hungrigen, demütigen Schmarotzers späterer Zeit. 

Grade im Osten, auf den Inseln und dem kleinasiatischen Fest- 
lande, scheint der Ausdruck x6Xa^ zunächst heimisch gewesen und 
als Titel für eine besondere Classe von Hofbeamten, die zum 
Gefolge des Fürsten gehörten, verwendet zu sein. Über diesen 
Stand hat Klearchos von Soloi, der Schüler d.^s Aristoteles, 
der in seiner Schrift Gergithios Geschichte und Spielarten der 
xoXaxec; darstellte, wichtige Mittheilungen gemacht, die wir in dem 
grossen Bruchstück bei Athenaeus'^) lesen. Namentlich 'gab es auf 
Kypros ein Geschlecht altadliger xoXaxs^, die im vertrautesten 
Dienst des jedesmaligen Herrschers geradezu eine erbliche Stellung 



1) Bei Athcnaeus III p. H5D. 

t) Jünger immerhin aisKallinos undArcliilochos, die ältesten elegischen Dichter: 
MarkscbefTel ilesiodi . . . fragmenta p. 260. 

3) ^j^wfxoo ? 

4) Epischer Cyclus P 435 f. : vgl. Griech. Götterlehre III 47. 

5) VI 67 p. 1855 C: Kkiapyo^ o' o SoXsü? iv T(j> iiriYpa(po|jiiv<p rspYiJ)ttj> 
xal 7:oJ>£v T^ apx^i '^o^ ovd[iaToc tcüv xoXaxwv irapr^XOe Sir^YeiTai xtX. 



6 Ribbeck, 

einnahmen^), so geheim, dass luan weder ihre Zahl noch ausser 
von den hervorragendsten ihre Gesichter kannte. Ihr Stammsitz war 
Salamis. Dort theilten sie sich in zwei auch verwandtschaftlich ge- 
trennte Gruppen, jede mit besonderer Function: man könnte nach 
orientalischem Sprachgebrauch sagen, die einen dienten als Augen 
(6cp8aX[ioi), die anderen als Ohren ((ota) des Königs^). Diese (^ep- 
Ytvoi genannt^) mischen sich als Spione unter die Bürger in den 
Werkstätten und auf den Märkten, erlauschen deren Reden, und 
hinterbringen was sie gehört haben jeden Tag den sogenannten 
avaxT£(;, den königlichen Prinzen*). Die anderen (icpofxdXaYYe;) unter- 
suchten dann weiter was genauerer Nachforschung werth schien. 
Als eine Art Kammerherren fungirten die drei x6Xaxe(;, welche 
nach Klearchs Bericht jener junge König auf Kypros, ein Paphier von 
Herkunft, um sich hatte. Einer sass am Fussende des silbernen 
Bettes und hielt die Fusse des Jünglings in dünne Schleier gewickelt 
auf seinen Knieen; der andere sass auf einem Sessel daneben, hielt 
die herabhängende Hand desselben, kühlte sie, zog und streckte 
jeden Finger; der dritte und vornehmste stand zu Häupten, auf die 
Kissen niedergebeugt, und ordnete mit der linken die Frisur des 
hohen Herrn, während er mit einem Fächer in der rechten ihm Luft 
zuwehte. Da kam eine Fliege und biss den König: der xoXaS, der 
nicht wagte sie mit dem Fächer zu verscheuchen, schrie laut auf 
und verjagte dadurch nicht nur die eine, sondern alle übrigen Fliegen, 
die im Gemach w^aren^). Einer der x6Xaxe<; hat die Pflicht, dem 
König auf der Strasse zu folgen, und es ist wunderlich anzusehen 
wie er Haltung und Geberde desselben, auch den Wurf des Gewan- 
des nachahmt*^). Auch xoXaxi6s<; hat es vor Zeiten auf Kypros 



\) Athenaeus a. 0. p. 255 F: irapaSsSeYjjivoi 6' stal iravtet; oi xata tt,v 
Kuirpov [xovapj(oi xo täv eü^evoiv xoXaxcov ^evo? v^ y^ßr^oiiuoy» ircfvo ^dp to xTTjfia 
Tüpavvixov loTt. 

2) Vgl. Xenophon Kyrop. VIII 2, \0L 

3) Vgl. Hcsychius: YspYivo;' SiaßoXo;. über die Sladl Fip-yiva. Fspy^, 
r^pyi^a in der Troas: Athenaeus VI 68 p. 'i56B Strabo XIII p. 589 Stcphaniis 
ßyz. s. V. 

4) Vgl. Aristoteles Kuirpfwv iroXiTsia (fr. 44 < Rose) bei Harpokration s. v. 



avaxrec. 



5) Klearch bei Athenaeus VI p. 255E. 256 F. 
6j Ebenda p. 258 A. 



KOLAX. 7 

gegeben, die den Prinzessinnen (avaoaai) so zu sagen als Hofdamen 
untergeben waren ^). Von da auf das Festland verpflanzt an die 
Höfe des Arlabazos und seines Schwagers Mentor^) , sowie nach 
Syrien, dienten sie den Frauen der Fürsten mit ihren Rücken als 
Stufen einer Leiter, um den Wagen zu besteigen, daher xXtfxaxi- 
8e^ genannt^). Zu noch schmählicheren Dingen wurden jene xoXa- 
xtoec von den Fürstinnen in Makedonien verwendet*). Von Kypros 
ist nach Klearchs Ansicht der Samen der x6Xaxe<; weiter in die Welt 
verbreitet % nur dqss sie hier und da mit synonymen Wörtern be- 
nannt werden: cpiXoi, eTaTpot, oüvi^deK;, oufjiß^coToi, lauter 
Namen, welche die oben aufgestellte Grundbedeutung bestätigen. 
Bis in die homerische Zeit verfolgte Demetrios von Skepsis (im 
Tpcütxo^ öidxoa[xo(; ?) die Spuren dieses Verhältnisses: so erkennt er 
in dem Troer Podes, der (P 575) als (piXo<; etXaTrtvaon^j; und sxat- 
po^ des Hektor gerühmt wird, den x6Xa^, und ßndet es entsprechend, 
dass jener von Menelaos grade am Bauch verwundet wird®). Wie 
bei den Parthern die Stellung eines solchen Gesellschafters um die 
Mitte des zweiten Jahrh. v. Chr. aufgefiisst wurde, erzählte Posei- 
don ios von Apamea im 5. Buch seiner ioTop(ai. Der sogenannte 
cp(Xo<; habe keinen Platz am königlichen Tische, sondern sitze auf 
der Erde zu Füssen des Königs, der auf hohem Polster liege. Er 
esse wie ein Hund was ihm vom Herrn zugeworfen werde. Oft 
werde er aus irgend einer zufälligen Ursache vom Mahl weggerissen 
und gepeitscht: blutrünstig falle er dann vor seinem Züchtiger auf * 
den Boden und beweise ihm seine Verehrung^). Derselbe Schrift- 



\) Alhenaeus VI p. 256 C. 
%) Ebenda 69 p. 256 C. 

3) Plutarch über den Unterschied zwischen Schmeichler und Freund p. 50 c 
(H6 H.), Vaierius Maximus IX 1, 1, offenbar nach Klearchos. Ihre CoUeginnen 
auf Samos, welche gleichfalls ihren vornehmen Herrinnen beim Besteigen des 
Wagens nur in weniger sclavischer Weise behiilflich zu sein hatten^ hiessen dircü- 
atpiSe?' al xara Safxov tal? ^uvaiEl ttjV SsEiav X^^P* iiziyoooai xaxa rf^v 
oo'fuv (Hesycbius). Die Worte sind schon von Casaubonus richtig erklärt, weniger 
von Meineke bei M. Schmidt. 

4) Atbenaeus VI p. 256 E. 
5] Ebenda p. 256 B. 

6) Ebenda p. 236 D; s. Gaede: Demetrii Scepsii quae supersunt fr. 74. 

7) Alhenaeus IV p. «52 F (fr. bist. Gr. III p. 254 fr. 8 M.). 



8 RlBBEGKJ 

Steller bezeichnet als Parasiten der Kelten ihre Barden, welche als oo|x- 
ßicoTaC das Heer im Kriege begleiteten und selbstgedichtete LobgesSnge 
vor ganzen Versammlungen wie vor Einzelnen mit Gesang vortrugen*). 
Aus diesen Andeutungen ergiebt und erklärt sich, wie von Alters 
her und im eigentlichen Sinne dieser Stand als ein offiziell anerkannter 
vorzugsweise an Fürstenhöfen seinen Platz hatte in mannigfachen 
Functionen von Kammerdienern, Spionen, Vertrauten, Gesellschaftern: 
daher auch im bürgerlichen Leben regelmässig der x6Xa6 seinem 
Gönner die Namen ßaoiXeuc, rex beilegt und in höfischer Unter- 
würfigkeit vor ihm kriecht. Auch Spassmacher, fahrende Sänger und 
Dichter, Künstler, Philosophen, Gelehrte aller Art, sowie Beamte und 
Feldherrn, sofern sie zum Gefolge eines Königs gehören, fallen unter 
den BegrifT der x6Xaxe;, wie denn z. B. bei Lucian^) Aristoteles als 
der geriebenste dieser Classe bezeichnet wird. 

II. 

Lange Zeit ist der Ausdruck x6Xa^ mit seinen Ableitungen der 
Litteratursprache fast fremd geblieben : Homer , Hesiod , Theognis, 
Pindar, Aeschylus, Sophokles, Herodot, Thukydides, Lysias gebrauchen 
ihn nicht. Archilochos umschreibt entiHstet das Gebahren eines 
Schmarotzers (Perikles) in leider lückenhaft und unsicher überliefer- 
ten Versen, ohne dass wir erfahren, mit welchem Namen er Leute 
solches Gelichters bezeichnet hat : . . . icoXXiv Se luivwv xal 5(aX(xp7]Tov 

fjLsdü I oÖTe Tifxov 6toeveifX(6v | oi;8s [xyjv xXt^OsU eo^XOe<; oTa 8tq \ 

cp(Xtt)v cp(Xo(;' I ak\d o ifj ^^^P ^^^^ '^^ ^^^^^ cppsva<; Tzap-qifaift'^ | et^ 
(ivat8c(Y)v 6Tret(rn:£7caixa<; Muxoviwv Sixyjv^). Dass die bettelhaflen In- 
sassen der kärglichen Kykladeninsel Mykonos für die Bewohner 
des ägäischen Meeres früh den Typus eines Tellerleckers hergaben*), 
darf man aus dem Bruchstück mit Sicherheit schliessen: auch Kra- 



\) Poseidonios im 23. Buch seiner toropfat bei Athenaeus VI p. 246 D (fr. 
bist. Gr. III p. 259 fr. 23 M.). Vgl. IV 37. Joubainville introd. a lYHude de la 
litterature Celtique p. 52 f. 

2) Todtengespräche 13, 5: airavTcüv ixelvoc xoXaxwv iTitTpiirroTaTo; aJv. Vgl. 
IT. icapaofTOü 36. 

3j So habe ich grossentheils mit Hülfe von Meineke Athen, vol. IV p. 5 und 
Bergk zu Archil. fr. 78, die Worte aus dem Excerpt bei Athenaeus l c. \i her- 
zustellen versucht. 

4) Zenobius V 24 mit der Anm. der Herausgeber. 



KOLAX. 9 

(inos macht schon Gebrauch von dem sprüch wörtlichen Begriff, des 
Mykoniers als eines armen Schluckers^). In Athen scheint der 
Name x6Xa$ nicht lange vor der Zeil des Aristophanes eingeführt 
zu sein, und von Anfang an hatte er eine gemeine Färbung, so dass 
er vom höheren Stil in Poesie und Prosa so gut wie ausgeschlossen 
war. Nun aber gab das aufblühende Leben in der führenden Bun- 
desstadt, der gesteigerte Fremdenverkehr, die Ansiedelung begüterter 
und geistig angeregter Männer, das Auftreten der Sophisten, dazu 
der wachsende Wohlstand und das intensivere Behagen an Unter- 
haltung und Genuss der Geselligkeit einen gewaltigen Impuls. Mit 
glänzendem Beispiel ging Kimon voraus, der TroXo^evcoTaTo^ 2), dessen 
Haus ein gemeinsames irpüiaverov für seine Mitbürger war^), indem 
er täglich offene Tafel für seine Demosgenossen hielt^). 

Auf persönliche Anregung des Perikles geschah es, dass der 
Syrakusaner Kephalos seinen Wohnsitz nach Athen verlegte, wo sein 
Haus der Mittelpunkt einer geistigen Elite wurde. Bis zum Über- 
maass aber trieb diese Gastlichkeit der reiche Kallias, der seines 
sparsamen Vaters Erbschaft im Jahr 427 antrat. Während die Ein- 
leitung des Platonischen Protagoras, dessen Scenerie in der ersten 
Jugendzeit des Alkibiades, etwa ein Jahr vor Ausbruch des pelo- 
ponnesischen Krieges gedacht ist, mit leiser Ironie schildert, wie 
sich der Schwärm der Sophisten mit dem Gefolge andächtiger Nach- 
treter bei ihm wie in einer Herberge häuslich eingerichtet hat, 
geisselt Eupolis in seinen K6Xa/ec die Verschwendung des Haus- 
herrn und die niedrige Gesinnung seiner schmarotzenden Gäste. 
Darin war die durchschlagende Wirkung dieser Ol. 89,3 = 422 auf- 
geführten Komödie begründet, dass den Athenern hier zum ersten- 
mal in scharfer und drastischer Ausprägung ein Typus vorgeführt 
wurde, der von aussen imporlirt eben im besten Zuge war epide- 
misch zu werden. 

In Athen nämlich und seiner Komödie begegnet uns der Aus- 



\) ine. fab. 328 K. 

2) Kratioos in den 'Ap/tXoyot fr. \ K. Theophrast in seiner Schrift über den 
Reichthum hatte die Gastfreundschaft des Kimon als Muster hervorgehoben: Cicero 
de off. II «8, 64. 

3) Plutarch Kimon 10. 

4) Aristoteles bei Plularch Kim. tO (Val. Rose Aristoteles Pseudepigr. fr. 3ö6). 



1 Ribbeck, 

druck xoXa^ erst in den unmittelbar vorausgehenden Jahren^). In den 
Acharnern^) des Aristophanes fehlt er noch; einmal in den Rittern 
heisst es von Kleon: xbv Bsottotyjv | 'igxaXX' , eöcüiceo', exoXdxeü\ 
eSTfjTrdxa (V. 48). Dem Demos gegenüber wird ihm eine Sthniiche 
Stellung zugeschrieben wie jenen kyprischen und asiatischen Hof- 
schranzen, an deren Functionen es auch erinnert, wenn V. 60 von 
ihm berichtet wird^), wenn der Herr speise, stehe er bei ihm und 
verscheuche mit seiner Gerbehaut die Redner, wie jene mit dem 
Wedel die Fliegen, was denn auch in den Wespen*) geradezu ge- 
sagt ist. Übrigens geben er wie sein Nebenbuhler, der Wursthänd- 
ler, sich für Liebhaber (spaatT^c; 1341) des Demos aus, und die Züge 
des dXaCiov überwiegen in ihrer Charakteristik^). Es war ein beissen- 
der Vergleich, wer ihn auch zuerst angewandt haben mag, wenn der 
leitende attische Staatsmann durch die Bezeichnung xoXa^ zum Kammer- 
herrn eines Tyrannen Demos®), und seine Nachtreter hinwiederum zu 



1) Wenn der Scholiast zu den Wolken 687 und den Wespen 74 angiebt, 
Kratinos habe in den Seriphiern [fr. 24 2 K.) den Amynias als aXaCova 
xal xoXaxa xal aoxocpGCvrrjV dargestellt, so ist damit der Ausdruck xoXaE noch nicht 
verbürgt. Wer den Hierokleides (oder Hieroklcs), welchen Hermippos in den Kip- 
xti>irs; fr. 38 K. und Phrynichos in den KuofxaoTaf fr. 4 7 K. iizl irovTjptcf ver- 
spottet haben sollen, KoXaxocpwpoxXefSri^ genannt habe, sagt uns Hesychius 
nicht : gewiss weder Phrynichos noch Hermippos, eher Aristophanes oder Eupolis. 

2) y. 634 fr., wo von den Schmeicheleien die Rede ist, womit fremde Ge- 
sandte die Athener berücken, werden die Verba i^airarav und ÖcoTreusiv gebraucht. 

3) ßupoiVTjV ejrcüv I SeiTTvouvToc karvK airoaoßsT tou? [>ii^Topa^. Vgl. schol.: 
I8si YO^p eCirelv [xupotvr|V . . . xal? '^ap p.opatvaic airoooßoöai ta; [xoiac ' o S4 toü? 
pV^Topa^ eiirs. 

4) V. 596 : (poXarret 8ia x^ipo? Ix«>v xal ta? p.o(a^ airaixuvst. Zu der- 
gleichen Dienstleistungen des xoXaS wird auch gehören, wozu sich Kleon weiter- 
hin in den Rittern 94 erbietet: airo{xo^a(X£vo^^ u) ^r^\Uy p.ou irpoc ti^v xe^aAr^v 
airo^<o. 

5) Alazon S. 6. 

6) Aristoteles in der Politik p. 4 292 fasst dieses Yerhältniss mit voller Schärfe 
auf: h jiiv yap Tat? xaxa vojiov 87|p.oxpaTou[xivai(; (ttoXeoiv) oü yfveTai Br^jjLa- 
"K'o>YO(;, aAA' ol ßiXTtarot tcuv itoXitcov 6?alv iv irposSptcf oiroo 8' ol vofxot jit^ 
etat xupioi, ivxaüUa YivovTat 3Tj|iaYü>Yoi. [xovap)ro? yap o 8fjp.o? 
Y IV erat . . . b 8' oov toioüto; of^[io<;, Sts jiovap)(o<; tov, CtiTeT jiovapyrelv 8ia to jitj 
ap/soDat ütto vofxoo, xatyivsTat Ssottotixo;, Sots ol xoXaxs? IvTijiot' 
xal eoTiv b toiooto? or^\i.o^ avcfXoYov twv p.ovap}(ia>v r^ TupavvtSi. 8t6 xal xb '^Öo? 

TO aoTo xal b otj fiaYtü^bc xal b xoXaE ol aoTol xal avaXoYov 

xal jiaXiaTa 8' exaTspoi Tuap' ^xaTipoic ?o;^ooo3iv, ol jisv xoXaxe? Ttapa tu- 



KOLAX. 1 1 

Kainmerdieuern gleichsam in zweiter Potenz gemacht wurden *) . Zu den 
letzteren gehörte jener Theoros, der schon in den Acharnern (134 ff.) 
als Gesandter des Staates auftritt, von Dikaiopolis als diXaCcov^) und 
Diätenschlucker beargwöhnt, schärfer und bittrer aber in den Wespen 
zur Zielscheibe des Spottes gemacht wird : co luoXi^ xal Hecupou 
ftsotacx^pia I xet tk; aXXo^ icpoeaTTjxev ii\k&^ x6Xa$, ruft der Chor 
Y. 418 in seiner Bedrängniss aus. Er putzt uns (den Hcliasten, 
d. h. dem Demos) die Schuhe, rühmt Philokleon^). Das Skolion, 
mit welchem ihn dieser bedenkt (1241), lässt vermuthen, dass er 
ein Apostat der conservativen Partei war, daher ihn auch Sokrates 
in den Wolken (400) unter die meineidigen (eiriopxoi) zählt. So 
lagert er nun unter den Zechgenossen (aofiTOxat) des Kleon (1220); 
Sosias aber sieht ihn nahe bei dem Walltisch, von dem er träumt, 
sitzen und zwar auf dem Boden (xo^H-Q^t ^S)? w'G sich's für den x6XaS 
gebührt, und Alkibiades giebt ihm seinen richtigen Namen: HecuXo;, 
rJjv xecpaXyjv xoXaxoc l^iov (45). 

Von den Demagogen und Volksrednern wird der spöttische Titel 
zunächst auf die Lehrer der Beredsamkeit, also der xoXaxeia, und 
überhaupt auf die Sophisten übergegangen sein. Ein Chor solcher 
Denker ('fpovxtoxai) trat im Konnos des Ameipsias auf (Ol. 89, 1, 
zugleich mit den Wolken). Wenn von Sokrates, als er sich diesem 
Chor nähert, gerühmt wird: ouio^ [xsvtoi icsiv&v oötco^ oüTTciTroi ItXy) 
xoXaxsuaai, so ist damit gemeint, dass er den einträglichen Betrieb 
jener höfischen Kunst, der Rhetorik, verschmäht, zugleich aber wohl 
auch, dass er nicht wie andere Gelehrte, Künstler u. s. w. sich dem 
Gefolge eines hohen Gönners angeschlossen und bei ihm Versorgung 
gesucht hat. Wahrscheinlich hat er selbst das Treiben und ganze 
Gebahren wie alle Leistungen eines Gorgias und Protagoras durch 



pavvoi?, ol 8g SrjjiaYwyol irapa toT? or^fAOt? toT<; toioütoi?. Vgl. p. «314a. Enl- 
sprccbeod werden in Platon's erstem Alkibiades p. fSOb Staatsmänner geschildert, 
die ETI ^apßapi^IovTe? iXr^XuÜaat xoXaxeuaovte^ ttjV ttoXiv, aXX' oüx ap- 
5ovTs?. 

\] Aristophanes Wespen 683 : oti yap [le'jfaXri SoüXsta 'axtv toütoü(; [xav aTrav- 
Ta? iv dtpj^al? I auTOüc t' sivai xal toü? xoXaxac tou? toütwv jiioOo^o- 
poovTac; 1 033 : ixaxov 84 xoxXcp yXcoTta t xoXaxtov o^p.u>Sop.£V(ov JXt)([ia)VTo | 
irepi TTjV xscpaXrjV (des Kleon}. 

t) Alazon S. 7. 

3) V. 600 : Tov 01:0^707 e/^^ ^^ "^i^ Xsxavr^? Ta|jL|3aot' 7|p.tt)v irepixwvsi. 



1 2 Ribbeck, 

die noch frische Metapher, xoXaxeta, charakterisirt, wie er es nach- 
her in den Platonischen Dialogen thut, zunächst im Gorgias 
p. 463 ff., wo die Rhetorik und Sophislik als Theile unter den wei- 
teren Begriff der xoXaxsta gestellt werden. Mit grösserer Erregung 
aber und allgemeiner spricht derselbe im Phaidros p. 240b von 
dem x6Xa$ als einer schlimmen Bestie und grossen Plage, der frei- 
lich dennoch die Natur einen gewissen Reiz verliehen habe'). Wen 
Dillenbergers lexicalische Darlegungen^) überzeugt haben, dass dieser 
Dialog bald nach Piatons erstem Sicilischen Aufenthalt (Ol. 98,2 = 
387) geschrieben ist, der wird vermuthen, dass gerade die bitteren 
Erfahrungen, welche der Verfasser so eben am Hof des Dionysios 
gemacht hatte, und die unmittelbare Anschauung der berüchtigten 
AiovuooxoXaxe<; ihm jene Worte eingegeben haben, die Athenaeus 
oder dessen Quelle für bezeichnend genug hielt, um sie besonders 
anzuführen. 

Aber 9 — 10 Olympiaden früher, wie gesagt, hatte bereits Eu- 
polis einen ganzen Chor solcher Sstvd ihjpia in seiner Komödie auf- 
treten lassen, indem er nicht nur den Sophistenschwarm , der bei 
Kalliüs einzukehren pflegte, nebst dem zahlreichen Anhang andächtig 
nachtretender Hörer, sondern auch das übrige profane Gesindel, 
welches die Gastlichkeit des verschwenderischen Hausherrn mis- 
brauchte, unter dem Namen von Hofschranzen zusammenfasste und 
mit gemeinsamen Zügen ausstattete. Nun aber drängt sich die Frage 
auf, in welcher Maske dieser Chor möge aufgetreten sein, da der 
Chor der altattischen Komödie doch eine burleske, phantastische Er- 
scheinung voraussetzen lässt. Auf dergleichen scheint auch Lukian 
anzuspielen, wenn er im Nigrinos 24, 64 f., nachdem er das würdelose 
Betragen der Schmarotzer geschildert hat, hinzufügt: »das schlimmste 
ist, dass viele von solchen, die sich für Philosophen ausgeben, 
sich noch viel lächerlicher betragen. Wie glaubst du, dass mir zu 
Muthe ist, wenn ich einen von diesen, besonders von den bejahr- 
teren sehe, wie er sich unter den Haufen der x6Xaxe<; mischt und 
sich einem der Angesehenen als Trabant anschliesst (Sopo^popoüvia) 



l) saTt [xev Sr^ xal aXXa xaxa, akka ti; ejxiH 6a([i.tt>v toT<; TrXefoToi; h Toi 
jTixa TjOovrJv • otov xoXaxi, osivcji Wr^plvj^ xal ßXa^Tß \Le'^iX'^, ojico? iirejiiEev 



Tiapao 

T^ cpuat; TjöovTjV Tiva oux afiouaov. 
t) Hermes XVI 3t \ tf. 



KOLAX. 1 3 

und sich mit Leuten unterhält, die zu Tisch bitten, da er ja schon 
durch seine Erscheinung mehr als die anderen auffallt. Am meisten 
ärgere ich mich, dass sie nicht auch die Maske der x6Xaxe^ anlegen'), 
da sie ja doch in allem übrigen dieselbe Rolle spielen wie im Drama 
(la akXa ^s ifiotco^ uTCoxptvofJisvot xoö 8pd|i.aTo;).« Es ist hier nicht 
von der Gesichtsmaske (7cp6o(üTcov) des xoXaS und irapaotTo; die Rede, 
wie sie Pollux IV 148 beschreibt, denn ihre Physiognomie konnten 
jene schmarotzenden Philosophen doch beim besten Willen nicht 
andern, sondern von dem gesammten An- und Aufzug, der Theater- 
Garderobe, von welcher der genannte Compilator an einer anderen 
Stelle (IV 115 ff.) nur zu kurz handelt^). Wenn dort dem Parasiten 
ein schwarzes oder graues Gewand (119) und als Zubehör einige 
Requisite der Palästra (Schabeisen und ülflasche 120) zugetheilt 
werden, so sind auch diese Garderobestücke wenig geeignet, den 
niedrigen Charakter des xoXa^ sofort ins Licht zu setzen und 
schwerlich wird Lukian gerade an sie gedacht haben. Nun wissen 
wir, dass Eupolis seinen Chor xotXiooaifiova^ (fr. 172K.), Bauchdä- 
monen, und Ta-jfTjVoxvtaotJTTjpa; (fr. 173), Bratpfannenduftjäger nannte. 
Ferner wird in einem Bruchstück (156K.) die phantastische Gestalt 
des Kekrops beispielsweise vermuthlich zur Erklärung und Recht- 
fertigung einer analogen Bildung angeführt: 

xal xiv KexpoTua xavcodsv av8p6; cpao Ij^eiv 
fjLEj^pi Tüiv xoj^wvÄv, xd 06 xdicüöev 8i)vvf8o^. 

Ich vermuthe, dass hiermit eben die Gestalt der xoXaxsc in dem Eu- 
polideischen Chor verglichen war, dass dieselbe von der i3auchgegend 
an etwa in einen gewaltigen Darm (xoXov) endigte, eine Bildung, 
welche durch die Ähnlichkeit mit derjenigen der Giganten doppelt 
wirken musste*^). Die Erfindung wäre noch lange nicht so barock wie 
das Räthselbild aus einer unbekannten Komödie, welches die Parasiten 
zeichnet (anon. com. 497 M.): 

Yaar?jp 5Xov xh a(3|jLa, icaviaj^*^ ßXsTicov 
dcpöaXfjL^c, epTTov xotc 68oGai thjpCoV*). 

r, TT|V oxeoT^v Tcüv xoXaxcov fjL£7aXajj.j3avouat mit Frilzsche. 

2; xat axeoTi jxsv yj tcüv üT:oxptT(Iiv otoXt] xtX. 

3) Die Parasiten heissen Öfters y'Tj'SvsT«;. 

4) Plutarch, vom Unterschied zwischen xoXa^ und cpfXoc p. 54 b : ouTw^ oittsi- 



1 4 RiBBEGK, 

Uoier den namhaften Genossen der Zunft, welche in dem EupoH- 
deischen Drama vorkamen, waren denn auch ausser Protagoras, der 
aXaCoveueiai luepl x&v |i.eTS(üp(i>v, td Se j^a|x5dev eodfet (fr. 146K.), 
der berüchtigte o^pocpd-jfo^ Melanthios (fr. 164)% und Hungerleider 
wie der Sokratiker Chairephon (165), der Kleiderdieb Orestes, Marp- 
sias (166) und Kleokritos (167). Ihre Methode und ihre Grundsätze 
oiTenbart der Chor der Schmarotzer im Epirrhema der Parabase^ 
Sie stellen sich vor als durchweg feine Herren. Ein gemietheter 
Diener begleitet den xoXaS; zwei Röcke hat letzterer im ganzen, 
mit denen er wechselt, wenn er auf den Markt ausrückt. Sieht er 
da einen reichen Tropf (irXoüTaS), so macht er sich sofort an ihn, 
lobt jedes Wort, welches dieser sagt (vgl. fr. 178), scheint ausser 
sich vor Vergnügen über das Gesprüch, und erzielt so eine Ein- 
ladung zum Essen. Bei Tisch muss er dann freilich viel geist- 
reiche Witze machen und dabei seine Zunge hüten, wenn er nicht 
riskiren will unsanft vor die Thür gesetzt zu werden. Nicht Feuer 
noch Elisen oder Erz hält die xäXaxec ab, zum Schmause zu eilen 
(fr. 162). Den Kallias preisen sie in dem Liede fr. 163: 



po? T^v xoXaxoc vop.(C«>v rd JafißsTa Tauil T(j> xapxtvcp fiaXXov >) xo) xoXaxi Trpoa- 
Tjxsiv -^aarr^p . . . ftrjpiov. irapaafToo y^^P ^ TotoüTO(; eixovta|xo(; ian xtX. 

\) Klearchos bei AÜienaeus I p. 6 c; Athen. VIII p. 343 c; schol. zu Ari- 
stoph. Frieden 803, Vögel 4 54. 

%) Bei Athenaeus VI 236 E (fr. 4 59 K.) : 

aXXd ötairav t^v sj^ooa' oi xoXaxs; Tupo? ü[ia<; 

XsSofisv aXA.' axoooa{>' <i>; iojisv SiravTa xofi'j/ot 

avöpsc* oToiai irparra \i},>^ iral? dx6A.oui>oc eaxiv 

aXXoTpio; xa TioXXa, [iixpov 3e xt xdfxov aoxoü. 
5 (p.ax{(o oe jxoi So' laxov j^apfevxe xoüxt«, 

oiv [j£xaXa[j.ßav(i)v ael Oaxspov i£sA.auvu> 

sl^ aYopav. dxei 8' eTusiSav xaxiScü xiv' avSpa 

rjX(btov, TcXoüxoüvxa 8', eufto? Tuepi xooxov s?[it. 

xav XI Xü/TQ Xe^cüv b TuXooxaS, Travu xoox' iTraivcu, 
10 xat xaxairX7;Txo[i.at Soxtov xoTat Xoyotat j^atpsiv. 

£ix' iirl ostTTvov ipjfOfxeoi^' aXXuoi^ aXXo? r^[Lm 

jxa^av iir' aXXocpüXov, oo oei j^apisvxa TuoXXa 

xov xoXax' £ui>eo)(; Xiysiv, tj 'xcpipexai UopaCs. 

otoa 8' 'Axioxop' aiixo xov oxiyfiaxiav 7raJ)ovxa * 
15 axtt>{xp.a ^ap sitt' a(3eh(i(;, slx' atixov b Tcal; ÖüpaCe 

i;aYaYa>v £/ovxa xXoibv TrapeStoxsv Ütvet. 



KOLAX. 1 5 

xaXXaßioac Se ßatvet, 
oTjaafAtSac Se X^^^^» 
[jLijXa 8e jfii[LTmxai. 

Der verschwenderische Hausherr beschenkt sie dafür mit Bechern, He- 
tären und anderen Kostbarkeiten^), und daneben stehlen sie auch noch 
Servietten (168). Diese Verbindung von zudringhcher , ironischer 
Schmeichelei, Gefrässigkeit, Spitzbüberei, Witz und Possenhaftigkeit ist 
typisch für den Charakter gebHeben : d(6^, o^o^d^oc oder -^aozpiiiap- 
Yoc, und feXfüTOTCoioc sind zu einem schönen Dreiklang verschmolzen. 
Ungeladen zu Festen und Schmausen zu kommen ist ja ein altes 
Vorrecht des berufsmSissigen Lustigmachers: er gilt ähnlich wie 
die fahrenden Spielleute des Mittelalters als unentbehrliches, selbst- 
verständliches Element bei solche» Gelegenheiten. Wer nun bei 
Opferfesten an den Altären herumlungerte, um dann beim Schmause 
als Possenreisser seine Rolle zu spielen und ein Stück vom Braten 
zu erhaschen, hiess ßwfjioXij^o^^). Vom y^Xiototcoioc giebt das 
Xenophon tische Symposion^) eine deutliche Anschauung, ob- 
wohl seine Glanzzeit, wie seine Klagen beweisen, vorüber ist: 8ei- 



i) Maximus Tyrius 20, 7 und Eupolis fr. ^55 (vgl. \6\) K. 

2) HarpokratioD : |3cop.oXo)(eusai>ai ' xup(co^ iXi^ovio ß(up.oXo}(oi o[ ItcI 
Touv Ouaicüv OTTO TOüc ß«>|i.oü? xatXCovxe? xal jxexa xoXaxstac irpoaaiToov- 
Ts; (also Bettler, die am Fusse der Altäre hocken, um vom Opfer etwas ab- 
zukriegen) . ETI 5s xat of TuapaXajißavojisvoi tal; Oüatat; auXr^rai ts xal jxavTet?. 
(Vgl. etym. m. 217, 55. schol. Plat. p. 424 B.) Bei Pherekrates in der To- 
pavvt^ fr. M\ K. rühmt ein Gott die weise Einrichtung, welche den Olympiern 
den fetten Duft von Altären zuträgt: 

xaireift' iva jxt^ irpo? ToTat ßü)p.oI( Travxajfou 
ael Xo)(u>vTS( ßu>p.oXo)(oi xaXw^da, 
iTro(T)<3ev o Zeoc xairvo8oxr^v [xeifaXrjV iravo. 

Im Gerytades des Aristophanes (um die Zeit der Frösche) wird ein Parasit ange- 
lassen (fr. 4 66 K.) : /apievTtCsi xal xaTa7ra(Cei; Tifiuiv xal ß(ü{xoXo)(su8i. Dass der 
aauix^oXoc Spass machen muss, ist nach Anaxandrides in der Gerontomania 
fr. 4 M. eine alte Satzung des Rhadamanthys und Palamedes. 

3) Vgl. 4, 4 4 ff. 2, 24 f. 4, 50. Das Substantivum x6Xa£ findet sich in 
den Xenophontischen Schriften nirgends , nur das Yerbum xoXaxEueiv in der Be- 
deutung »den Hof machen« (Kyrop. I 6, 3 VU 2, 23 Memor. I 2, 24 U 9, 8 
IV 4, 4 Hellen. I 6, 7 V 4, 4 7 Hier. 4, 4 5 resp. Laced. 4 4, 2) und einmal 
Oecon. 43, 42 xoXaxeofiaTa, Schmeichelkünsle. 



1 6 Ribbeck, 

TT^etv xdXXÖTpta ist sein Zweck, dem er nachgeht, mag er geladen sein 
oder nicht, denn axXTjxov eXdeiv iizl xh Ssitcvov scheint ihm sogar 
lustiger. Er reisst nicht nur Witze, sondern giebt auch mimische 
Actionen und Tänze komischer Art zum Besten. Lacht man nicht, 
so wird er melancholisch; was er sich von den Gästen gefallen 
lassen muss, zeigt das ßeXo; y^^^'^^'^^Q^^'' >^ den ' OotoXoYot des Aeschy- 
lus (fr. 171). Ein solcher Clown, wie ei* z. B. noch bei der 
Hochzeit des Karanos in Makedonien auftritt ^) , ist trotz mancher 
Ähnlichkeit doch schon in dem einen Hauptpunkt vom x6XaE unter- 
schieden, dass er sich keiner einzelnen Person fest und daueiiid 
anschliesst. 

Hauptsächlich um seiner ocj^ocpafia und -^aoxputap-^ia willen, die 
er gern am fremden Tisch befriedigte, mag der falsta£Pähnliche 
Schildwegvverfer Kleonymos^) von Aristophanes in den Wespen Kola- 
konymos genannt sein. Denn schon in der zweiten Parabase der 
Ritter (1281) stellt dieser Aristokratenchor eine tiefsinnige Erwägung 
darüber an, wie jener nur zu solcher Virtuosität im Essen gekom- 
men sein möge: 

^aal |jLev ^o^p aozhy epeTCTOfxevov td täv sx^vtcov dvspcov 

oüx äv eSeXöeiv dizh xi^c 0iTz6r^<^^ xoi)^ 8 dvTißoXetv äv 6|i.o((ü^' 
td' (o ava, TCpoc YO'^cfKov, eSeXöe xal oü^Y^codt xig xpaireCTg. 

Doch wird ihm weder hier, zwei Jahre vor Aufführung der Wespen, 
noch früher, in den Wolken und den Acharnern, der charakteristische 
Spitzname x6Xa^ schon beigelegt. 

Während nun Pia ton in seiner Unterscheidung ehrlicher und 
unehrlicher xlpai^) den Begriff der xoXaxeCa willkürlich weiter fasst 
und das entscheidende Kriterium allein in der Verleugnung der 
Wahrheit zum Zweck des angenehmen Scheins (j^aptCe- 
oöat) findet, gleichviel in welcher Absicht übrigens ein solcher Be- 
trug geübt werde, unterlässt er doch an anderen Stellen*) nicht die 



\) Athenaeus lY p. I30C. 
%) Alazon S. 28. 

3) Gorgias p. 463 ff. 502 b. 521b. Euripides im Erechtbeus fr. 364, 4 8(1. 
N. umscbreibt den BegrifT der xoXaxs^ ganz entsprecbend : cp(Xou; Ss xou; piv [iiq 
5faXttivTa(; iv Xoifot? | xixxrjoo* toü; 8e irpo? jjapiv aüv y)8ov^ | x^jj af^ 
TTovT^poüc xX^ Upov sipYfiTcü axi^Tj ? • 

4) Soph. p. 222 e resp. IX p. 590 d Syrapos. p. 4 83 a. 



KOLAX. 1 7 

eigennützige Absicht als charakteristisch zu betonen. Entschie- 
dener schliesst sich Aristoteles*) der populiüren Eupolideischen 
Auffassung an, indem er unter xoXaS denjenigen versteht, welcher 
um seines eigenen Vortheils willen die Freundlichkeit 
übertreibt, den in uneigennütziger Weise hierin Übertreibenden da- 
gegen als apeaxoc bezeichnet, beide als fehlerhafte Abarten des ein- 
fach Maass haltenden cpCXoc. Dass Theophrast in seiner Schrift 
Tztpl xoXaxeiac auch diese Anschauung seines Meisters getheilt 
hat, ist an sich durchaus wahrscheinlich und wird dadurch bestätigt, 
dass in seinen ^apaxx^pec dem xiXaZ und dem apeoxoc gesonderte 
Capitel (2. 5) gewidmet sind; und wenigstens in dem ersleren hat 
die freilich abgestumpfte DeGnition noch das Aristotelische Gepräge 
bewahrt: ttjv 8e xoXaxe(av 6iuoXdßoi äv tk; 6|xiX(av aioj^pav efvai, ooji- 
^epooaav 8e tü> xoXaxeöovTi. Kein Wunder, dass in der höf- 
lichen und beschönigenden Umgangssprache jener verächtlich gewor- 
dene Ausdruck vermieden wurde. Wie die Lüderlichkeit und Üppig- 
keit der jungen Bonvivants mit dem geselligen Kunstausdruck nicht 



\) elh. Nicom. II 7 p. 4^08a: irspl 5s xo Xotirov yjSü to 4v T(ji ßt(p b [jlsv 
oi^ SsT TjOo? ci>v <p(Xo? xal t; jisao'n;? (piX(a, b 8' u:rspßaXXa>v , s{ [tz^^ ooosvb? 
ivsxa, apsaxoc, el 8' (o^sXeta^ t^? laoToo, xoXa^. IV \% p. H27a: tot 
OS ouvTjSovovToc fisv Too 7)8ü(; sivai oToj^aCojisvo; p.-^ 8i' aXXo Tt apsaxo?, 

b 8' oitcü; (ofsXsia xic aoxcji Y^'p'^i'**- sf? XPIH'*'^* ^*^ ^^^ ^^^ XP^iP*^'^^^' xoXaJ. 
Wenn an anderen Stellen der gewinnsüchtigen Absicht nicht ausdrücklich immer 
Erwähnung geschieht, so erklärt sich dies hinreichend durch den Zusammenhang : 
z. B. p. H25a wird vom [t.s'^ako'J^o'/o^ gesagt, er vermöge nicht auf jemand Rück- 
sicht zu nehmen ausser auf einen Freund , denn das sei 8ouXixov, 8io xal Trav- 
te; ol xoXaxs? dr^Tixol xal ol xairsivol xoXaxsc. Auf den Zweck der Unterwürfig- 
keit kommt es hier gar nicht an, sondern nur auf die Fähigkeit dazu. Vgl. femer 
p. H59a, H73b. Rhet. I H p. 1371a. Anders und stumpfer die Endemische 
Ethik und die 'H&ixa jis^aXa: dort bilden xoXaxs(a und aTziybsia (oder s/J>pa) 
die beiden Extreme zur cpiXta als der [isaorr^?, wie apiaxsia und auftaSsta zur os[i.vo- 
TT^;. Nach eth. Eudem. II p. \tt\ ist xoXa£ b irXsio) auvsiratvow r^ xaXu>c s/si, 
api^xeia — xb Xtav irpo? y)8ovTjv; nach III 1233b xoXaE — b Süj^epo^ Siravia 
irpb? xa? l7ci&u|x(a? b{xiXa>v, während b iravxa Tupb; aXXov (Cöw) r^ xal iravxwv 
sAarriov apsaxo^ heisst; nach eth. m. I p. 1193a xokal — b 7rXsta> xibv irpoo- 
Tjxovxcüv xal ovxcüv TrpooxiÖst;. 

An die Aristotelische Definition erinnert Lucilius XXV» fr. 10 M. (659 f. L.): 
Bcocu' non curat cauda insignem esse illnm, dum pinguis siet : Sic amici quaerunt 
animum, rem parasiti ac ditias.« 

Abhandl. d. K. S. üesellsch. d. Wissensch. XXI. 2 



1 8 RiBBBCK, 

dacoTia, sondern b^pivri^^ 6Ypö<; ßtoc, ein flottes Leben') hiess, so 
brauchte man für xoXaxetisiv die mildere Wortnuance dpeaxeiv. To 
•joip xoXaxsüsiv vöv dpsoxetv 5vo|x' £X^t, sagt ein Zeilgenosse beider 
Philosophen, Anaxandrides^), in einer seiner Komödien^); doch 
hat gerade das Lustspiel, dem eine drastische Sprache geziemt, wie 
es scheint, wenig oder keinen Gebrauch von dieser Feinheit ge- 
macht^). So musste nun auch, nachdem die Sitte stehender Haus- 
freunde sich in Athen festgesetzt und die Übung an fremdem Tisch 
regelmässig mitzuessen geradezu eine Berufsart geworden war, ein 
technischer Ausdruck für diese Menschenclasse gefunden werden, 
der, ohne ein moralisches Urtheil einzuschliesson, ihre gesellschaft- 
liche Stellung möglichst unverfUnglich aussprach. Hierfür bot sich 
der von religiösen Gülten entlehnte, durch ehrwürdige Geselzostra- 
ditionen geadelte Titel TcapdatTo^^). So wurden dem Herakles, 
jenem Typus des gemüthlichen YOtaTpiii-ap-jo^, in den Denien Atlika's 
allmonatlich Opfer dargebracht, wozu der Archen ßaoiXeüc je 12 v6&ot 
oder Söhne von solchen (denn Herakles war ja selbst ein voftocj 
auszulesen hatte, die dem Priester bei der heiligen Handlung, wozu 
denn auch der Schmaus gehörte, als TrapaoiToi zu assistiren hatten"). 
Diesem Institut hat der junge Aristophanes das Motiv zu seinem 
Erstlingswerk, den AaiTaX7j(;, entnommen; die lustige Gesellschaft der 



\) Alexis h nupaüvci) (fr. ^98 M.) und Krobylos sv 'AttoXittouto (fr. 3), ofrcn- 
bar Zeilgenossen, bei Athenaeus VI p. 2r>8C. 

2) Anaxandrides führt nach Meineke bist. er. 367 wenigstens von Ol. 104, 1 
bis 108, 2 (376—347) auf. 

3j In der Samia bei Athenaeus VI p. 255 A. 

4j Gerade bei Anaxandrides kommt dagegen xoXaS und xoXaxsusiv mehr- 
fach vor. 

5) Vgl. M. H. ß. Meier in der AUgem. EncyclopUdic von Ersch und Gruber. 
Albert v. Kampen: de parasitis apud Graccos sacrorum ministris. Güttingen 1867. 
A. Hug Züricher Festprogramm 1872: de Graecorum proverbio auTOjjiaToi xtX. 
Knorr: de parasitis Graecorum. parlicula prior (Kostocker Diss.) 1873. Der- 
selbe: die Parasiten bei den Griechen. Gymn.progr. von Beigard 1875. Pole- 
mon TTSpt döo$tov ovojAaTcov halle inschriflliches Material über die geistlichen Para- 
siten gesammelt : fr. LXXVII f. bei Preller: Polemonis Periegetae fragmcnta p. 1 1 i ir. 
Aus einer reichen LiUeralur stammt das umfangreiche Excerpl (des Didymos/) bei 
Athenaeus VI c. 26 ir., vgl. Val. Rose: Aristoteles pseudocpigr. p. 457 IF. 

6) Athenaeus VI p. 23 iE: Pscphisma des Alkibiades auf der Stele im Kyno- 
sarges. Vgl. die Verse aus der ^KTrixXr^po; des Komikers Diodoros fr. 2, 23 If. 



KOLAX. 1 9 

Sechziger, welche im Herakleion des Demos Aio|xet(; im Kynosarges^) 
ihre Zusammenkünfte hielt und deren Witze Philipp von Makedonien 
zu seiner Erheiterung sammeln liess^), mag wohl aus jener geist- 
lichen Körperschaft mit der Zeit herausgewachsen sein^). In Acharnä 
wurden gleichfalls vom Archon ßaotXe6(; Parasiten des Apollo ge- 
wählt, die zu gemeinschaftlichem Schmause der athenischen Bürger 
im Heiligthum des Gottes aus der heiligen Heerde Ochsen und aus 
dem ihnen zugewiesenen Antheil (von Äckern ?) einen Hekteus Gerste 
auszuwählen und letzteren in sein Tcapaoftetov abzuliefern hatten^). 
Die beiden Herolde, welche jährlich die von Athen nach Delos 
ziehende Feslgesandtschaft (Delische Theorie, Ar^Xiaoxat) begleiten, 
speisten das Jahr über als Parasiten des delischen Apollo mit den 
Tempelpriestern in dessen Heiligthum ^). Auch auf Delos ^) selbst, 
dem Eldorado der ocj^ocj^dYot ') , hatte Apollo seine Parasiten; des- 
gleichen Athene vom Demos Pallene^) und die Dioskuren im 
'Avaxsiov zu Athen**). Endlich hiessen diejenigen, welchen der Staat 
als Ehre oder Belohnung ausserordentlicher Weise die Speisung im 
Prytaneion gewährte, luapdotTot *^) , als Gäste gegenüber den oüaotToi, 



\) Von den jungen Herren im Kuvoaapifec hofft der Parasit bei Alkiphron 
III it, den sie beim Würfelspiel ausgezogen haben, Unterstützung. 

2) Athenaeus VI p. 260 A. XIV p. 6UD. 

3] Vielleicht dachte Ptolemaios Philopator an diesen Club, als er in Alexan- 
dria seine Gesellschaft der FeXotaarat berief. Vgl. Ptolemaios von Megalopolis im 
zweiten Buch täv irepl tov <I>iXoiraTopa btopicüv (fr. bist. Gr. III p. 67 fr. 2 M.) 
bei Athen. VI p. 246C; Droysen Hellen. HI 2, 164. 

4) Krafes Iv SeoT^pcp 'Attix^ SiaXixToo (nach Philochoros' TexpaTtoXt;) bei 
Athenaeus VI p. 235C: vgl. Pollux VI 34 f. Hesychius und Photius s. v. Tuapa- 
aiToi. Zu der sodalitas der artifices scaenici gehörten in Rom die parasiti Apol- 
lini s, deren Bestehen von Merkel prol. ad Ovidii fast. p. CGXXXIV bis auf die 
Stiftung der ludi Apollinares (542/212) zurückgeführt wird und sich weit in die 
Raiserzeit hinein erstreckt. Vgl. m. Gom. Rom. fr. p. 399 f. Marquardt Rom. 
Staatsverw. III 517. 

5) Polemon bei Athenaeus VI p. 234 F cilirte die xupßsu i^spl toiv or^Xia- 
OTiov. Ob das dort erwähnte At^Xiov auf Delos oder in Athen oder Marathon zu 
denken sei, ist unklar. 

6) Der Komiker Kriton im Philopragmon fr. 3 (IV p. 537 M.). 

7) Athenaeus IV 73 p. 173. 

8) Polemon bei Athen. VI p. 234 F. 

9) Athenaeus VI p. 235 B. 

1 0) Moeris : irapaa(TOü? too; xa Brjfxoaia aiToupivoo«; iv TtpuTavefcj) 'Attixoi, 
TOü? xoXaxac ''KXXtjVS^. Vgl. Timokles fr. 8, 16 (HI 594 M.). 

2» 



20 Ribbeck, 

den Prytanon, die von Aratswegen ihren festen Sitz am Gemeinde- 
tisch einnahmen. Selon, welcher die Speisung durch ein besonderes 
Gesetz neu regelte und beschränkte, bezeichnete dieselbe darin aus- 
drücklich als Trapaattetv ^) . 

Dass Epicharmos der erste gewesen ist, welcher diesen geist- 
lichen Titel den stehenden Tischgästen in Privathäusern beigelegt und 
unter solchem Namen die wohlbekannte Figur auf der Syrakusischen 
Bühne hat auftreten lassen, kann man bei unbefangener Betrachtung 
der überlieferten Zeugnisse^) nicht bezweifeln. Wer immer die An- 
gabe des Karystios widerlegt hat, müsste nicht so verständig und 
unterrichtet gewesen sein wie er bei Athenäus sich offenbart, wenn 
er erstens angenommen hätte, jener meine einfach die Erfindung der 
Schmarotzerrolle, und wenn er zweitens diesen Irrthum durch Zurück- 
greifen auf Epicharm statt durch Berufung auf die xoXaxec des Eu- 
polis widerlegt hätte. Wir haben festzuhalten, dass ein wirklich 
TrapdotToc genannter Schmarotzer im OXoGio; des Epicharm zuerst 
aufgetreten ist, und die Charakteristik, die er von sich giebt, stimmt 



\) Plularch SoIoQ 24: i8iov 82 toü 2!6Xo)V0(; xal xo ^epl t^? iy ^r^iioolt^ 01- 
T7]oea)i;, oirep aoTo? TrapaotTsTv xixXrjXS. xov ifÄp aoiov oox i^ oiTsToftai Tzokkd- 
xtc' iav OS <ü xaÖTjxsi jjli^ ßoüA.T^Tai, xoA.aCsi, to jiiv tjyoujisvo? TrXeoveEfav, to 8' 
ü7rspo'{/tav Ttt>v xoivow. Vgl. R. Scholl Hermes VI 24 f. 

2) Alhenaeus VI 28 p. 235E: xov 8s vov XsifOfjLSVov irapaaixov Kapuoxio? 
o Ilsp^aji-^jvo? dv xtji irspt 8i8aaxaXi(i)V sops&fjvai cpr^oiv oiro irpcuxou 
'A A. s S 1 ? , äxXaUo|jLsvo; oxi 'Et: ()( a p ji o <; Iv 'EXirtoi t] IIXouxcp izapa ttoxov 

auxov sbrJYaYev oiixcool Xs^cdv xal aoxov iroisT xov Ttapaoixov XsYovxa xot- 

a8s TTpo; xov irüvÖavojxevov xal aXXa 8s xoiaoxa iTriAsyst xou 'Emjrap- 

jjLOu Tuapaaixo; . . . ol 8' ipyoiXoi TioiTjxal xou; Tcapaatxou; xdXaxa; sxaXouv, 
a<p (üv xal EüTToXt; xtp 8pa{xaxi xtjV 67ciYpa<pir)v diroiTjaaxo . . . xoi> ok ovo|ia- 

xo; xoü irapaafxoü fi.v7jp.ovsusi 'Apapco; iv ^Tjisvafcj) itoXü 6' saxl xou- 

vojjLa irapa xot; vscox&poi;. xo 3s [)^[i.a irapa IlXaxcüvi xcji ^iXooocpo) sv Aa- 
yr^Ti (2)* (pTjol ifap" ^al Yjfuv xa [xsipaxia TrapaaixsT (ganz unverfänglich: »sie 

essen an iinsrer Seite «) . Pollux VI 3 4 F : a^o 6s oixfcov Trapaaixslv xal 

Tuapa xot; vs(üxspoi; irapaaixo;. sjxt 8s xal irapa xoT; TcaXaioT; xoSvojxa, oo [itjv 
i<^^ ou vüv, aXX' tspa; OTnjpsota; xouvofia, iizl xi^v xoo tspoo atxoü sxXoyr^v 
atpoujisvo;* xal ap)^sTov xi 'ADr^vr^aiv 7rapaa(xiov xaXou^vov, cd; dv xtji voficp xou 
ßaaiXico; saxiv sopsTv. ^ttI fiivxot xou irapaaixslv xaxa Xtj^vefav 73 xoXaxsiav 
Trptüxo; 'Eirtj^apjio; xov Trapaoixov cuvofxaasv, sixa^Xs^t;. Dass der 
Parasit eine sicilische Rolle war, beweist auch Pollux IV ^48, der den 2!ixsXixo; 
als eine besondere Species des Parasiten, uapaaro; xptxo;, aufrührt. Ganz analog 
hat Epicharm auch die Rolle des Betrunkenen zuerst auf die sicilische Bühne ge- 
bracht; Krates ist ihm dann auf der attischen gefolgt. 



KOLAX. 21 

vollkoiDuien zu der Rolle. Seinem Beispiel ist in Athen erst Alexis, 
vermuthlich in der vor Piatons Tode (348) gedichteten Komödie 
flapdaiTOQ gefolgt, nachdem bereits Araros, der Sohn des Aristo- 
phanes, im * Y|xsvaio<; *) einmal vorübergehend des Namens Erwäh- 
nung gethan und den damals in Athen noch nicht abgegriffenen 
Euphemismus im Dialog gelegentlich verwendet hatte, ähnlich wie 
Aristophanes vorübergehend, in den Wespen, von dem neuen Aus- 
druck x6Xa8 Gebrauch machte, ehe noch Eupolis die Charakterrolle 
als solche künstlerisch verarbeitet hatte. Mit Recht hat Meineke aus 
diesen Thatsachen geschlossen, dass der riapdotTo^ des Antiphanes 
jünger gewesen sein muss als der gleichnamige des Alexis, und 
dasselbe ist (wegen fr. 81 M.) von den Ai8ü|i.ot jenes Dichters zu 
sagen. Beide Zeitgenossen haben in der Ausbildung des Typus in 
mannigfachen Variationen gewetteifert, so dass seitdem der Parasit 
eine der beliebtesten Rollen auch für die neuere Komödie geworden 
ist. Das Überhandnehmen der xoXaxeia an den Höfen des Philippos 
von Makedonien, des Alexandros, der Diadochen, sowie auch in der 
Umgebung ihrer Feldherrn mag es erklären, dass bei und seit Me- 
nandros neben irapaattoc auch der Ausdruck x6XaS wieder auf- 
taucht, speciell für den Begleiter des miles gloriosus, dessen dXaCo- 
vsta er trägt und pflegt, so dass man vielleicht im Grossen und 
Ganzen für den x6XaS einen militärischen, jedenfalls einen vornehme- 
ren, für den icapaoiTo^ einen Gönner des Civilstandes voraussetzen 
darf. 

m. 

Die mannigfachen Spielarten und Schattirungen des x6Xa^-7rap(i- 
aiTO(; durch die Komödie zu verfolgen kann bei dem trümmerhaften 
und unsicheren Material nur sehr unvollkommen gelingen. Obwohl 
er zu der Classe der tpej^eSefoot, Y<3taTpi(iapYot und o^ocpaY^^ gehört, 
so braucht doch nicht jeder Freund von Schmausereien zugleich ein 
Parasit zu sein^). Auch lassen die dürftigen Bruchstücke nicht immer 



i) fr. 16 M. : oux soft' otcox; oüx el irapaaiToc, cpfAxaie, 

b 8' 'loj^oji-aj^o? b Btatpicpcov ae to^xavei. 

2) Aristophanes ine. fab. 675 K. kann ebensogut einem Tps/iSsiTuvo; als einem 
Schmarotzer angehören: vgl. was von dem Parasiten Chairephon bei Mcnander 
fr. 353 M. erzählt wird. Ebenso unentschieden ist der Charakter von fr. 2 f. aus 



22 Ribbeck, 

mit Sicherheit erkennen, ob nur vorüberstreifend *) , sei es von der 
ganzen Gattung^) sei es von einem einzelnen Exemplar derselben, 
oder ob von einer handelnden Person des Stückes die Rede ist oder 
diese selbst vielleicht das Wort führt. Möglich, obwohl nicht mit 
Sicherheit bewiesen ist, dass in der Aristophanischen Komödie 
Apd|i.aTa -JJ Kevxaüpo^ als heroisches Urbild des »ungeladenen« 
Gastes Herakles auftrat, wie in Epicharms Stück 'HpaxXijc 6 
icapd <t>6X(i>, und dass von ihm die Rede war in dem Hexameter 
fr. 272 K. : j^copet axXYjtoc del SetirvT^acov ou ^ctp axavdat^). Für ver- 
fehlt aber halte ich die Yermuthung^) , das^ Aristophanes in den 
Wespen V. 60 auf jenes Stück anspiele. Eine unbefangene Betrach- 
tung der Scholien ^) wie des Textes führt zu der Überzeugung, dass 
der Dichter auch dort wie im Vorhergehenden die Wiederholung 
verbrauchter Stoffe aus der megarischen Posse und der älteren atti- 
schen Komödie ablehnt. Nicht selten kam auf das Geschlecht der 
x6Xaxe(; die Rede in Parabasen, anderen Chorliedern und Syntagmen. 
Aus einem Syntagma sind die Anapästen, welche im FiQpuTdSYjc 
des Aristophanes (Ol. 93, 3) gegen einen cpu)|i.ox6XaE als den 
Widersacher des Sprechenden gerichtet waren, (fr. 166 K.): 

j^aptevTfCei xat xataiuaCCet^ if)|i.ü)v xai ß(ü|xoXoj^£üet. 
167: (j^iOopi^ xe xaXou xal cpcüfioxoXaS. 



den Aupat des Melagenes (vgl. ine. fab. ^7. 4 8). Ein richtiger Tpa^sosiTcvo; ist 
Philokrates bei Eubulos ine. fab. H 8 M. 

\) Vgl. Phrynichos MovoTpoiroc fr. JO K. 

t) Die Verwünschung aus der lo des Sannyrion fr. 10 K.: cpOsipsaO' i7;i- 
Tpiictoi <|/ci>p^x6Xaxsc. 

3) ou Y^p axavi>ai drückt vielleicht die Harmlosigkeit seiner Gesinnung aus: 
vgl. Aelian var. bist. X 12. Oder heisst es: »es schmeckt ihm guta? vgl. fr. 483 K. 

4) V. Wilamowitz obs. crit. H IF. Herrn. IX 330. 

5) scliol. Yen. zu V. 60 : iv toT^ irpo toütoü SsoiBaYf^ivoi? 8pa[Aaaiv s?; ttqv 
'HpaxXiouc aitXTjOxfav TroXXoi TTpoeipr^Tai. Troioüat Se tov llpaxXia Y^Xotoo 
^(aptv xexXr^fiivov eJ; SsTttvov xal Soaj^spavavxa oia xo ßpaoeto? 
TcapaxiOsvai xa otj/a. In der Komödie Apap.axa >) Kevxaupo; müsste er ja, 
wenn fr. 272 richtig verstanden wird, axXrjXo; zu Pholos gekommen sein, war 
also nicht xo Ssiirvov l^aicaxwfjLSvo;. OfTenbar geht ja auch irotouot auf die älteren 
Dichter. Von Euripides verrathen die Fragmente keine Spur; vielleicht ist in dem 
schol. Yen. zu V. 61 : ou jiovov iv xoT^ 8pa{xaaiv starjxxai oSxcix; KupiTrfoTj?, ikka 
xal iv T({) IIpoaYuivi xal dv xoT^ 'A^^apveuai zu corrigiren AaixaX^oiv statt 
8pap.a3iv. 



KOLAX. 23 

An das oben erwähnte Chorlied der Eupolideischen x6Xaxe<; (fr. 1 63) 
erinnern unverkennbar priapeische Verse aus der Komödie IHpaai, 
welche dem Pherekrates später untergeschoben ist, fr. 131 K. : 

& (AaXd^ac J16V s^epcov, dvaicvewv 8' udxivöov, 
xai |i.sXiX(OTivov XaXu)v xal ^oSa TupoooeaYjpco;. 
& (piXu)v (JL6V d|i.dpaxov, irpooxivtuv oe oeXiva, 
YeXüiv 8' {TcicoaeXtva xal xoo|xoodv8aXa ßaCvcov, 
Iyx^i xdTTißöa xpCtov Tuaioiv , (b; v6[jloq äativ*). 

Umgekehrt wie bei Eupohs scheint hier der Chor aus Besitzern un- 
ermesslicher Reichlhümer in Wirklichkeit oder in Hoffnung, aus gegen- 
wärtigen oder zukünftigen Nabobs vom Schlaraffeniande bestanden 
zu haben, wie z. B. auch die BoupioTrspoai des Metagenes ein Schla- 
raffenleben darstellten. Vielleicht war es dort Plutos selbst, welchen 
der Chor seiner Verehrer^) ansang, während jener bei Tafel schwelgte-^). 
Auch der kretische Tetrameter eines Chorliedes aus den TpaY«)8o( 
des Phrynicbos fr. 57 K. : if^So 8' dTCoiTj-javCCsiv dveo oufJißoXttiv 
drückt die Gesinnung des Schmarotzers aus. Dem Hungrigen, der 
vergebens eine Krippe sucht, begegnen wir in den 'ATuoxoTxaßi- 
Covxe^ des Ameipsi as. Verzweifelnd beschliesst er, indem er sich 
von einem ungastlichen Freunde trennt, er wolle nun auf dem Markt 
einen Dienst suchen (natürlich bei Tische) (fr. 1 K.): e^«) 8' twv irst- 
pdao[xai | stc rrjv d-jopdv Ip-j^ov Xaßeiv, und erhält die schnöde Ant- 
wort: "^rcov y'öv o5v | vtjotic xaddirep xeoipsü^ dxoXoüöi^oet^ efiot. Ein 
solcher (vielleicht der nämliche) war es, der einem Hartherzigen 
nachrief (ine. fab. 24): epp e; xopaxac, ixovocpdife xal xoixcopüj^e^). 
In einer besonders reichen Auswahl von Beispielen muss Alexis 



1) Ähnlich ein xoXaS im KcopaXtaxoc des lipilykos Tr. 2 K. : {xr^Xa xat poa^ 
Xi^et^y möglicherweise an den jungen Herrn, der offnes Haus hall, gerichtet. Ver- 
mulhlich bestand auch hier der Chor aus Schmarotzern: vgl. die prosodiaci Tr. 3 K. 

t) Ein Verehrer des IIXoüto; disputirt gegen einen der Ilevia in fr. 4 30; ein 
Dieb, der eine silberne Schale mitgehn heisst, wird angerufen in fr. 129. 

3) In der gleichfalls apokryphen Pherekrateischen Komödie Xstpuiv empfahl 
Jemand (vermuthlich ein Schmarotzer) die Tugend der Gastlichkeit, in feierlichen 
Hexametern die u7coiH)xai Xetpiovo^ parodirend, fr. 1 52 f. K. 

4] Unter die xoXaxS(; in engerem Sinne wird man nicht rechnen wollen die 
Freier der Penelope, obwohl einer von ihnen im 'ÜSuaoeü; des Theopompos fr. 34 K. 
den Euripides parodirend raXXoTpia SeiTuvs'^v als Kriterium der Glückselig- 
keit bezeichnet. 



24 Ribbeck, 

seine Lieblingsßgur, den Parasiten, vorgeführt haben. Von der be- 
rühmten Charakteristik im OpeoxTjc ist uns leider gar nichts er- 
halten. Den edax parasitus zeigt der Bericht im Ilapdoixo;, der auch 
beweist, dass dieser Name erst damals unter den jungen Leuten in 
Mode gekommen war, fr. 173 M. : 

xaXouai 8' auxov Tcavte^ ol v6a)Tepoi 

irapdoiTov ü7üox6pia|xa* tu) S' ouSev ixeXei xiX. 

Als vollkommen eingebürgert setzt diesen Charakter der KoßepvYj- 
TY](; voraus, wo ein Missvergnügter, der es noch nicht weit ge- 
bracht, seine Collegen in zwei Classen theilt (fr. 114 M.): die gemeine, 
in der Komödie verarbeitete, die sogenannten schwarzen, zu denen 
er sich selbst rechnet (oi ixeXavec if]|i.et;), und die vornehmere (^evoc 
oepoirapaatTov) , zu der Satrapen und hervorragende Strategen ge- 
hören, die sich höchst ehrbar und stolz benehmen und Reich thümer 
zusammenscharren, echte Genossen und Nachkommen der höfischen 
x6Xaxe^ alten Stils (ocppo^ ej^ov | j^tXiotaXdviou^ dvaxoXrov x' otiata^). 
Beiden ist gemeinsam das wesentliche Kennzeichen ihres Berufs, 
xoXaxe(a<; dY(6v, aber die letzteren erfreuen sich blühenden Wohl- 
standes, wUhrend die anderen betteln gehen (fr. 114). Es ist ein 
saures Brod, was sie verdienen. Nie sei es. ihm so kümmerlich ge- 
gangen , klagt der Parasit im FTpcüTÖj^opo; (1 90) , als seitdem er 
das Parasitcnleben führe (d'f' o5 TrapaoiTu)) . Lieber Stinte (|jLe|i.ßpd- 
Sai;) essen in Gesellschaft mit Einem, der attisch plaudern kann. Er 
ist also an einen Ausländer gerathen, mit dem er sich entsetzlich 
langweilt. 

Schwer hat es auch der Parasit in der Komödie llupauvo^ 
(Kohlenpfanne), denn sein Gönner Demeas, ein vornehmer Eteobutade, 
läuft so schnell durch die Strassen, dass der nachkeuchende Be- 
gleiter noch eher mit dem Pegasos oder den Boreaden glaubt Schritt 
halten zu können. Dennoch fliesst er gleich darauf in Versicherungen 
unwandelbarster Liebe und Anhänglichkeit an seinen Brodherrn über 
(fr. 196). Schwer empfindet nach seiner Versicherung ein An- 
derer in den 2üva7codvT^oxovTe(; die unselige Tyrannei des Bauches 
(p. 205): ihm gilt der Bauch für ein grosses Unglück des Menschen ; 
was lehrt er uns alles und zu wievielem zwingt er uns ! könnte man 
diesen Theil von unserem Körper trennen, so würde Niemand mehr 
freiwillig sich misshandeln lassen : um seijietvvillen passiren alle Un- 



KoLAx. 25 

aanehmlichkeiten*). Melancholisch klingen die Hexameter aus dem 
V6üo6|i£vo<; (fr. 255): 

xoXaxo^ 8s ßio^ |xixpbv j^povov dvöeu 
oüSeU Y^P X^^P^^ TToXioxpoxd'fo) luapaatKo. 

Vergeblich hat jener im OpüS auf dem Markt nach einer Ein- 
ladung ausgeschaut und geht nun mit leerem Magen heim (fr. 251): 
efw 8s xeorpei)^ vTjaiK; otxaS' diroxpsj^o}. Ungeladen hat sich zum 
Schmause der eingefunden, zu welchem im Tuvoapsio^ fr. 23 i der 
Hausherr sagt: du scheinst mir ein Kyrenäer^) zu sein; wenn man 
da Einen zu Tische ladet, so kommen noch 1 8 andere und 1 Wagen 
und 15 Gespanne, die alle mitessen wollen, so dass es am besten 
gewesen wäre, keinen einzuladen. Dagegen der Hochzeilsgast im 
Toxtan^^ hat, gewiss auf Grund besonderer Verdienste, eine richtige 
Einladung erhalten, daher er denn auch das äussersle bei Tafel 
leisten will: er hofft zu platzen, denn das ist die Todesart, die er 
sich wünscht (fr. 226). 

Schon sind einzelne Genies erstanden, welche in ihrer Kunst 
Bahn brechen und als hervorragende Repräsentanten ihrer (blasse 
einen glänzenden Namen erwerben: Chairephon, von dem in der 
Komödie Oü^dc (fr. 252) gerühmt wird, dass er die Kunst sich 
auch ungeladen Gratis-Diners zu verschaffen, eben entdeckt habe; 
femer Tithymallos, in der MtXrjaia, im 'Oouooeuc u^atvwv (fr. 153), 
in der 'OXuv&ia (fr. 156) verherrlicht. 

Von gutem Humor und von ihren vielseitigen Gaben wie von 
den Freuden ihres Standes eingenommen sind die Parasiten des 
Antiphanes, namentlich in den Stücken IlapdoiToc, Ai8i)[jloi, At^ji.- 
viai, np6-|fovoi. Eine Art für sich bildet der irapdotToc aoto- 
aixoc im 'Aira^x^jJ^ß'^oc des Krobylos, eines Zeitgenossen des 
Hypereides^) , der zwar einem heamzrfi zugethan ist und an seinem 
Tisch Theil nimmt, aber sich selbst verpflegt^), ein Kostgänger, so 
zu sagen , ob nun vielleicht der Herr momentan in ärmlichen Ver- 



i) Vgl. die ähnliche Betrachtung in des Diphilos OapaoiTo; fr, 57 M. 
2) Ober die Tpü'fTj der Kyrenäer Eupolis fr. \9\ M. (^89 K.). 
3} Meineke bist. er. 490 f. 

4) fr. \, S. H69 (IV 565) M. : TuapaoiTov auToaiTov aoTov ^o^v Tpecptov Td 
irXaTaTa auvepaviaTo? et kJ) SsaicoiiQ. 



26 KlBBECK, 

hältnissen, heruntergekommen ist, oder wie die Sache sonst mag zu- 
sammengehangen haben. 

Aus der Entwicklungsgeschichte des hier erörterten Charakters, 
wie wir sie in Obigem zu geben versucht haben, ergiebt sich mit 
grosser Wahrscheinlichkeit, dass der AiovoaaXeSavSpoc des Krati- 
nos dem jüngeren dieses Namens gehörte^), mag nun Alexandres 
von Makedonien oder von Pherae als Dionysos zu verstehen sein. 
Für beide passten xoXaxsc; und ßoeXXoXdpOYife^ dvsTcdYf eXxoi ^) , ^^^ 
denen einer, wie es scheint, seine Sache gegen einen Widersacher 
vertheidigt^). Wenn derselbe Dichter eine Komödie r(YQ^^"^^C (nicht 
TtTav£(;) schrieb, so lässt sich dabei an einen Chor von Schma- 
rotzern (ytqyevs?;, Terrae filii) denken, die vielleicht ähnlich wie die 
xoXaxs^ des Eupolis mit Schlangenbeinen gebildet waren. Dazu stimmt 
vollkommen die Schilderung eines jener Giganten, des Korydos, in 

den Orakelversen fr. 8 : K6pü8ov xöv j^aXxoiüTcov ice^^üXaSo Ij^ei 

Yolp X^^P^ xpaxatdv, | ^o^Xx^v, d8d|i.aTov, ttoXö xpeCrra) toö Tcopi; aüXoG. 

Durch die schon erwähnte Verbindung mit dem prahlerischen 
OfQzier bei Menandros erhielt die nachgrade etwas abgebrauchte 
Figur ein frisches Interesse. Der ßü)|xoX6j^o(; nimmt eine Dosis eipo)- 
vsta an*), und die geistige Überlegenheit des ironischen Schmeichlers 
gegenüber dem eitlen Gecken und plumpen Bramarbas giebt ihm 
auch für die dramatische Handlung grössere Bedeutung. Die Be- 
rühmtheit des Menandrischen KoXaS wird durch die wiederholten 
Bearbeitungen und Entlehnungen von Naevius, Plautus, Terenz be- 
wiesen. Dagegen trat im Ali; eEoiiraxäv und auch in dem ano- 
nymen 'AXaCcüv die Rolle dieses mililUiischen Begleiters bedeutend 
zurück, wenn wir nach den Bacchides und dem miles gloriosus des 
Plautus urtheilen dürfen. Mehr in den Geleisen des Alexis und An- 



\) So schon Porson und Meineke bist. er. 57, der aber S. 4^3 "wieder 
scbwankt. Bei dem älteren bleibt Kock. Freilich fügt keiner der Citirenden dem 
Dichternamen hinzu o veuixspo;, wie sonst häufig, obwotil nicht ausnahmslos ge- 
schieht. 

2) fr. 44 K. ßSeXXoXapüYY«>v aveTuaifYiXtmv f aotm «poixrjaa; iizl SelTuvov ([lixa 
(potTT^aa? Kock cpotTTjOavTaiv Meineke). 

3) oü Y^P '^^^ ^^T® TTpmTo; axXr^To^ cpotx^j; im SeTirvov avT^oxi?; Er beruft 
sich auf die zwingende Gewalt des Hungers. 

4^ Bei PoUux VI itt stehen als Synonyma neben einander: xoXaS ßwfioXo- 
Xo; etpa>v. Vgl. Donat zu Ter. eun. 270 f. 279. 403. 773. 788, 4 090. 4 093. 



KoLAx:. 27 

tiphanes hielt sich wohl Diphilos, dessen TeXeata; als besonders 
gelungene Charakteristik des Parasiten der des xoXaE bei Menander 
an die Seite gestellt wird*). Doch brachte auch er eine neue Spiel- 
art, die des unfreundlichen, erzürnten Parasiten auf^). Wenig- 
stens in der otaoxeüi^ der 2i)Vtt)pt<;^) wurde ein solcher Fall bespro- 
chen (fr. 72): »er zürnt? er ist ein Parasit und zürnt?« — »0 nein«, 
sagt der Hausherr selbst oder ein höhnischer Gast, »er will sich nur 
von dem Tisch entwöhnen und hat ihn daher mit Galle beschmiert, 
wie man für Kinder, die man von der Mutter- oder Ammenmilch 
entwöhnen will, die säugende Brust mit etwas Bitterem bestreicht.« 
Es gab einen Wortwechsel, in dem der gekränkte Parasit seine Würde 
wahrte und behauptete, er komme in der Tischrangordnung gleich 
nach dem Kitharöden (fr. 73), der auch zugegen war (fr. 75). Die 
Scene war bei der Hetäre Synoris. Nach Tisch würfelt der Parasit 
mit ihr und weiss ihr durch ein geschickt contaminirtes und inter- 
polirtes Citat aus Euripides (dem Lieblingsdichter dieser Menschen- 
kinder: vgl. IlapdotTo^ fr. 60) nachzuweisen, wie hoch dieser Weiber- 
feind Leute seines Schlages geschätzt habe (fr. 71). 

Auch bei den Römern finden wir den galligen und rachsüch- 
tigen Parasiten wieder: in der Asinaria (V 2) und in den Me- 
naecbmi (450. 471 f. 518 ff.), wo von dem Element der adsen- 
tatio eigentlich nichts übrig bleibt. Übrigens macht der anhängliche 
Geselle als langjähriger Hausfreund und kluger Rathgeber in der 
Palliata öfters dem erfindungsreichen Sciaven Concurrenz: so spielt 
er den geriebenen Intriguanten und Sykophanten, aber zu Gunsten 
des jungen Herrn, im Phormio, den gewandten Gauner zu gleichem 
Zweck im Curculio. Als opferwilliges Werkzeug für die Inlrigue 
dient er im Persa. An den älteren Typus erinnert wieder der zur 
Disposition gestellte, verwaiste, ausschliesslich mit sich und seinem 
Hunger beschäftigte Parasit im Stichus und in den Captivi. So 
geben uns erst die römischen Bearbeitungen eine etwas vollere An- 
schauung von der mannigfachen Verwendung dieser Charakterrolle 



\) Vielleichl waren TeXeoia^ und Uapiovzo^ identisch. 

2) Vgl. Lucian Parasit 52 p. 876. 

3) Vielleicht auch im HapaoiTo;, fr. 60: oti oei Trapaaiisiv ovTa ouaapaoTov 
acpoopa (oder St>aapsaxov?). 



28 KlBBECK, 

in der dramatischen Ökonomie. Eigenthümliche Motive boten ferner 
Parasitus piger und Parasitus medicus des Plautus. In dem 
letztgenannten Stücke muss dem Schmarotzer unfehlbar eine starke 
Mischung von dXaCovsta beigegeben sein. Dass aber Plautus seine 
edaces parasili mehr, als der feinere Geschmack der Augusteischen 
Schule ertrug, in das Gebiet der Possenreisser (ßwfxoXoj^ot) über- 
schweifen Hess, bemerkt Horaz epist. 11 1, 173: »aspice, Plautus . . . 
quantus sit Dossennus^) edacibus in parasitis». Nachdem aber mit 
dem Strom der eingewanderten Graeculi auch dieser zudringliche 
Fremdling auf römischem und italischem Boden heimisch geworden 
war, fand er auch in den verschiedenen Gattungen des nationalen 
Lustspiels seine Verwendung. In der Gemina (fr. VI. VII) und im 
Quintus (fr. III) des Tilinius werden Parasiten als Verderber der 
Jugend gescholten; im Vopiscus (fr. XIV) des Afranius wird einem 
undankbaren vorgehalten, dass man ihn bisher als gleichgestellten 
Hausfreund und täglichen lieben Gast behandelt habe. In der Atel- 
lana hatte der Dossennus als Manducus die Rolle des Para- 
siten zu vertreten^): natürlich, dass gerade hier sein Appetit noch 
mehr als sonst, wo möglich, betont wurde. Der Hungerleider, der 
nach einer cena, manchmal vergeblich, schnappt, erschien in den 
Atellanen Maialis (fr. III) und Prostibulum (fr. HI — V) des Pora- 
ponius. Fast regelmässig fiel im Mimus die zweite Rolle dem 
Parasiten zu'^): die Leiden und EnttUuschungen des hungrigen Gastes 
waren ein beliebter Stoff*). Laberius endlich hat einen Mimus 
unter dem Titel Colax gedichtet. Ausserdem lässt eine stattliche 
Reihe von Fragmenten die Beziehung auf den Parasiten zu. 

Eine Ergänzung unserer Kunde von der Komödie gewährt die 
Satire, welche so vielfach aus ihr als dem Spiegel des Lebens 
schöpft. Schon Ennius liess im 6ten Buch seiner Satiren einen 
selbstzufriedenen Parasiten die Bequemlichkeiten seines Standes prei- 



1) Dieser Ausdruck erkrart sich durch die gleich zu erwähnende Verwendung 
des Dossennus für die Holle des Parasiten in der Atellana. 

2) Vgl. Varro de 1. 1. VII 95 M. (com. Rom. fr. p. 274 fr. 1) Isidor gl. : 
»dossennus, persona parasitoruma. 

3) Feslus p. 326 M. Horaz epist. I <8, \0 f.: vgl. com. Rom. fr. p. 399. 

4) luvenal V 157. »nam quae comocdia, mimus Quis melior plorantc gula?« 



KoLAx. 29 

sen^). Dann unterscheidet Lucilius (XXVIl fr. 10 M. = 659 f. L.) 
die Zwecke des wahren Freundes und des Parasiten: 

c6cu' non curat cauda insignem esse illam, dum pinguis siet: 
SIC amici quaerunt aninium, rem parasiti ac ditias. 

Aus dem harmlosen Tellerlecker, der froh ist, wenn er täglich an 
fremder Tafel seinen Bauch füllen darf, entwickelt sich nun aber in 
Rom im Schwärm betriebsamer und hungriger Graeculi (Juvcnal III 
69 ir.), die als Hausfreunde (»viscera magnarum domuum domini()ue 
futuri« 72) sich in die Familien einzunisten verstehen, der krie- 
chende Erbschleicher, wie ihn Horaz (sat. II 5) darstellt, bei 
dem wir auch parasitae in der Begleitung der Matrone finden 
(sat. I 2, 98). Ganz an die attische Komödie erinnern die Schil- 
derungen des richtigen x6Xa$ epist. I 18, 10 ff. und bei Juvenal III 
41 ff. (vgl. den bescheidenen dienten an der Tafel seines Palrons: 
sat. V). Die vornehmen adulalores am Hofe des Domitian geisselt die 
vierte Satire. An die Verwandtschaft der Hofnarren, der hohen und 
niederen Sporteljüger, der salulalores und adseclaiores ^ sowie der 
ardaliones mit den x6Xaxe(; alten Schlages braucht endlich nur kurz 
erinnert zu werden-^l 

I ) Quippe sine cura laetiis lautus cum. advenis 

insertis raalis, expedito bracchio, 
celsüs alacer, lupiiio expectans impetu, 
mox cum alterius abligurrieris bona: 
quid censes domino esse animi? pro divom fideml 
ille Irislis dum suom servat, tu ridens voras. 

V. 2 insertis wage ich nicht zu ändern, es steht im Gegensatz zu expedito. 
Die Backen des hungrigen Parasiten sind vor der Mahlzeit wie eine Tasche ein- 
geschlagen, inlentis, wie Ritschi op. IH 794 vorschlug, würde erst auf den essen- 
den passen. V. 3 alacer celsus (sodiellss.) schützt Vahlen Rhein. Mus. XIV 568, der 
den Spondeus im zweiten Fusse durch Annahme von Lücken vor und nach beiden 
Worten beseitigt. V. i abligurias die Leydner Handschrift, obligurrias, ablinyas 
andere. V. 6 dum suom von mir vorgeschlagen Rhein. Mus. X 277. dum ciuium 
Lügd. cibum dum Vahlen (nach Murets Vorgang). 

t] Friedländer Sittengesch. P n4 IT. 365 f. Marquardt Privatleben d. Rom. 
I tOK f. 



30 Ribbeck, 

Verzeichnißß der Komödien, in denen ein /6XaS (icapaoiTo^) oder 

mehrere auftraten. 

1. Griechische: 

Epicharmos EXtui^ i) ilXouxoc; 

Eupolis K6Xgix£^. Xpuoouv ifi^toc,'? (fr. 289 K.) 

Arislophanes rY]potdi5Y]<; (fr. 166 f. K.). Apd[xaTa ^ Ksviaupoc? 

(fr. 272). TaYYjvtoxat? (fr. 491 f.) 
Philonides Koöopvot? (fr. 1) 
Phrynichos Tpa^coSoC? (fr. 57) 

Ameipsias 'AiroxoxTaßiCovTS^ (fr. 1). ^LcpevSovyj (fr. 19). ine. fab. 24 
Pherekrates? Ilspaai. Xeiptuv? (fr. 152 f.) 
Melagencs ine. fab. 17 
Theopoinpos '03üoosü(;? (fr. 34) 
Epilykos KtupoiXtaxoi; (fr. 2) 
Antiphanes A(8ü(xoi. AnrXdatot? (fr. 86 M.). A-^(xvtat (fr. 144). 

IlapdatTo^. ripo^ovot. Sxö&gii (fr. 199 f.), TüppYjv6<;? (fr. 210). 

ine. fab. 230. 248 f. 
Anaxandrides FepovTOfiavfa (fr. 10) 
Eubulos OiSiTTOü^ (fr. 72) Atovüatoc? ine, fab. 118. 134 
Nikostratos liXoGtoc Toxton^c 
Amphis ruvaixo[Jiav(a. ine. fab. 38 
Aristophon 'latpöc; (fr. 3) 
Kraiinos der jüngere riYa^tec;? AiovuoaXsSavSpo; 
Alexis 'Ap/iXo^o^? (fr. 22). KüßepvTQXYj^. MiXYjaia. 'Ooüaoeö^ ucpai- 

vcov. OXuvöta. 'OpeoxY]^. Hpcoxoj^opoc;. Hüpauvo^. Xuvairo&vT^axov- 

xe(;. TTQXe'^0(;. TuvSdpeox;. ToxtaxTQ(;. (Dpü^. (Dü-^d^. ^süSofisvoi; 
Antidotes npa>x6/opo<; 
Axionikos XaXxiSixoc; 
Epigenes Bdx^at? (fr. 2) 
Diodoros 'EirixXYjpot; 
Sophilos OüXap)(0(;? 

Timokles Apaxovxtov. ' ETctxatpexaxo;. 'Ilptuec? (fr. 13) 
Philemon 'AvaveoufxsvYj. (KoXaS.) Mextuiv? 
Men andres KoXaS. Ms&yj. 'Op-fiQ 

Diphilos Fdfxo;? (fr. 23). Hr^aeoi;. AiQfxvtai? Ilapdatxo;. ^u^tapit; 
Lynkeus Ksvxaopoc;? 



KOLAX. 31 

Apollodoros von Karystos: 'EictoixaC^j|xsvo;. 'lepeia? 
Hegesippos OiXsTaipoi 
Euphron Aiaxpa'? MoGoai? 
KritoD ^DtXoicpdfYP-^^ 

Nikolaos ioc. fab. 

II. Römische: 
Naevius Carboriaria? Colax nach Menandros (fr. 1). Guminasticus 

(fr. VIll) 
A q u i 1 i u s : Boeotia (fr. 1) 
Plautus: Asinaria. Bacchidcs. Caplivi. Colax. Curculio. Menaechmi. 

Miles gloriosus. Parasitus niedicus. Parasitus pig(M\ Persa. Stichus 
Ca e eil ins: Asotus (fr. V? VI). Epistula (fr. 2) 
Terentius: Eunuchus. Phormio 
Turpilius: Demetrius (fr. IX?) 
Pall. ine. fab. XLVl ? LV ? 
Titinius: Gemina (fr. VI. VII). Prociha (fr. XI? X?). Quintiis (fr. 111). 

ine. fab. VII? 
Afranius: Brundiisinae (fr. III?). Fratriac (fr. XVI? XVIII?). Simii- 

lans (fr. V?). Vopiscus (fr. XIV) 
Poraponius: Maialis (fr. 11?) 111. Munda (II?). Prostibuhim (fr. 111. 

IV. V). ine. fab. VI? 
Novius: Baucakis (vgl. Haupt Herrn. VI 386 f.). Dapatici? Fiil- 

lones? Fullones feriati (fr. 1?). Milites Pometinenses (fr. 111?) 
Ine. nora. rel. p. 276 
Laberius: Colax. Fullo (fr. H?). 

Die historische und ethologische Litteralur der Alten bot ein 
überreiches Material über Geschichte und Wesen der xoXaxeia wie 
ihrer Jünger und Meister. Schon erwähnt ist Klearchos von Soloi, 
der in seiner lehrreichen Schrift repi[(ftio(; (benannt nach einem 
der xoXaxe^ des Alexandres) nach den Anschauungen und Traditionen 
seiner Heimathsinsel Kypros den Gegenstand behandelt hat^). Auch 

«) Müller fr. hisl. Gr. II p. 310 ir. 



32 Ribbeck, 

in den 'Eptutixot, in den Büchern luepl cptXCa;, in den ß(ot desselben 
Verfassers kam die Rede gelegentlicli auf x6Xaxe(; und Parasiten. 

Historischen Inhaltes ist auch das einzige Fragment (LXXXIIl W.) 
aus dem Buch des Theophrastos irepi xoXaxeta^^). 

Gleichsam die Vorgeschichte der Parasiten, die Nachrichten über 
geistliche Parasiten stellte Polemon in der Tcepl dSoScov 6vo[ia- 
Tü)v 6TC10X0X1Q aus den Monumenten und der Litteratur (z. B. Phi- 
lochoros Tsxpq^TcoXt;, Krates dxTix?) 8taXexT0(; u. s. w.) zusammen. Den 
AnPangcn des Parasitenthums in der älteren Litteratur, vornehmlich 
bei Homer, ging (vermuthlich in seinem Tpa>tx?)(; Staxoap.o(; und viel- 
leicht mehr in scherzhaftem Sinne) Dcmetrios von Skepsis nach, 
der Zeilgenosse des Krates und Aristarchos^), während Karystios 
von Pergamon irepl StSaoxaXiAv die Aufnahme der Parasitenrolle auf 
der attischen Bühne erörterte. 

über einzelne namhafte x6Xaxe^ und Parasiten war eine über- 
niessendo Menge von Anekdoten in den zahl- und umfangreichen 
(oTopfai, ßfoi, dTüOfxvTjfxoveüfxaTa, besonders der Makedonischen Zeit 
ausgeschüttet. Dieses bunte Material ist dann zerstreut in ötcoixvtj- 
(lata wie die des Didymos zu Kratinos Eupolis Menandros, in an- 
dere Sammelwerke wie des Pamphilos, dann weiter in die Compi- 
lationen und Excerpte eines Athenaeus, Pollux, Diogenian, aus letz- 
terem endlich in die Glossare. 

Die Charakteristik des x6XaS, welche Theophrastos in 
seinem Werk irspi t^&äv gegeben hat, scheint noch vollständiger, als 
wie sie in dem zweiten Capitel der Tlieophrastischen Charaktere jetzt 
vorliegt, Plutarchos gelesen und für seine Abhandlung, »wie man 
den cp(Xo(; vom xoXa^ unterscheiden könne«, ausgenutzt zu haben ^). 



1] Hierher gehört auch das Citat bei Athenaeus X p. 435E. 

2) Vgl. Gaede : Demetrii Scepsii quae supersunt fr. 74. Auch was bei 
Athenaeus V 3 über op.7|pixa oüiiTCoata stellt, könnte von Demetrius entlehnt sein, 
zumal da sich die ganze Erörterung dort um Ilias B 404 und 408 dreht, eine 
Stelle, d'iii dem Schitrskatalog , über den er ja speciell gehandelt hat, vorangeht. 
Hinige Anklänge auch in den Schollen. 

3) Vgl. Ueylbut de Theophrasti iibris irspl (fikla^ p. 28, der p. 33 das 
Buch Tiepl xoXaxeia^ für einen Theil der ir. cpiX(a^ halt. Auf Theophrast hat 
schon Wyttenbach hingewiesen zu Plul. p. 53 F. Nur an den Titel der Plutar- 
chischen Abhandlung erinnert des Maximus Tyrius unergiebige diss. XX.: tioi 
^copiTriov Tov xoXaxa ror <piXoD. Den Unterschied zwischen «pfXoc und xoXa£ hat 



KoLAX. 33 

Der xoXa^O s^^I^^ ^i^h die Aufgabe, dem, welchem er sich ange- 
schlossen bat, in alle Wege, durch dick und dünn angenehm (i!)Sti(;] 
in Thaten und Worten zu sein, und zwar um seines eignen Yortheiis 
willen. Wie unechtes Gold den Glanz und Schimmer des echten, 
so ahmt er gleissnerisch die Holdseligkeit und Gefälligkeit des wahren 
Freundes nach^), doch währt seine Treue nur so lange, als Gluck 
und Wohlstand des Herrn ^). Jenem a6|xvoirapdaixov f^^oc des Alexis 
(fr. 114) schliessen sich die feineren Hausfreunde und Vertraute an, 
welche ihre xoXaxeCa unter ernsthaft ehrbarer Miene zu verstecken 
wissen. Plutarch^) nennt sie die tragischen im Gegensatz zu denen 
der Komödie, oder die wilden, d. h. geföbrlichen, im Gegensatz zu 
den zahmen^), jenen harmlosen armen Schluckern, die nicht einmal 
einen Burschen haben, der ihnen die Oelflasche zur Palästra trägt 
(auToXT^xüöoi), und froh sind, wenn sie am Tisch geduldet werden 
(TpaireCeic), — Possenreissera und ekelhaften Kerlen, deren Gemeinheit 
in Teller und Becher aufgeht^). 

Nicht ganz übereinstimmend, aber doch ähnlich unterscheidet 
Donat eine gemeinere Gattung der Parasiten, welcher der Terenzische 
Phormio angehöre, und eine voraehmere, der adsenlalores , die erst 
in neuerer Zeit (vgl. Eun. 247) aufgekommen sei, vertreten durch Gnatho 
im Eunuchus^). 



schon Antiphon, der Zeitgenosse des Sokrates, erörtert, aus dessen Schrift irepl 
ojiovoiac u. a. folgender Satz erhalten ist: iroXXoi S' ej^ovxeg cp{Xou; oo yi^vco- 
axooatv, oXA' itaipoo^ Tcoioovtai öunrac tcXoutoo xal tuj^t)«; xoXaxac (Begleiter, 
Nachtreter des Glückes): fr. 109 Bl. bei Suidas s. v. xoXaxefa. Vgl. Blass Att. 
Beredsamkeit I S. 99 IT. Übrigens dürfte der Inhalt sich mit Synonymik befasst 
haben, ebenso wie in der gleichbenannten Schrift des Chrysippos. 

l] Einiges zur Charakteristik in meinem Vortrag über die mittlere und neuere 
attische Komödie (4 857] S. 32 0*. Vgl. auch A. Hug: de Graecorum proverbio auTo- 
|iaToi xtX \ 872. 

t) Plutarch, Unterschied zwischen Freund und xoXaE p. 50 B. 

3) Maximus Tyrius XX 6 : o 8a xoXa^ suTojfta? piv xoiV(i)VO<; airXTjoroTaTo?, 
iv Se taig oop.cpopau ap.ixtoTaTO(;. 

4) A. 0. p. 50E. 

5) A. 0. p. 61 C. 

6) a>v h {xi^ XoiraSi xal xoXixi [lztol ßtt>{xoXo}((ac xal ß8eXop(ac ri 
aveXeuöepfa ^{l'^'^zxai xaTa87]Xo(;: Plutarch über den Unterschied zwischen 
Freund und x6Xa£ p. 50 C. 

7) Donat zu Ter. Phormio III { (II 2) : * in hac scaena de parasitis vilioribus 

Abhandl. d. K. 3. GeselUch. d. WisROnsch. XU. 8 



34 ßlBBBCK, 

Wir beginnen mit dem vulgären edax parasitus. Er ist ein 
Freigeborener, bisweilen guter Eltern Kind: nachdem er oder sein 
Vater das Vermögen durchgebracht hat, ist er zu diesem Erwerb 
gedrängt worden, der ihn von der Gnade ilbermUthiger Emporkömm- 
linge (v667cXooToi) abhängig macht ^). Sein Tyrann ist der Bauch ^), 
ein Geföss von wunderbarer Fassungskraft^). Ein Ungethüm, ganz 
Bauch, das Auge nach allen Seiten spähend, auf den Zähnen kriechend, 
das ist — nicht etwa der Krebs, sondern der Parasit^). Farnes 
ist die Mutter des Gelasimus im Stichus, denn seit seiner Geburt ist 
er nie satt gewesen. Als dankbarer Sohn trägt er zur Vergeltung 
sie, die ihn doch nur 1 Monate lang als Frucht im Leibe gelragen, 
nun schon länger als 1 Jahre im Magen als centnerschwere Riesin ; 
täglich hat er Wehen und kann doch nicht von ihr entbunden wer- 
den*^). Er selbst ist, wie er vom Vater weiss, zur Zeit einer Theurung 
geboren, daher sein Appetit^). Wenn mich doch Jemand wie eine 
Gans mästen wollte! wünscht ein anderer^). Epikur hatte Recht, if)8ovi^ 
für das Gute zu erklären, aber das höchste Gut ist essen ([laaSadai) , 
wo eben das Gute zur if)8ovi^ hinzukommt®). Des Lebens Amme, 
Hüterin der Freundschaft, Feindin des Hungers, iaTph^ ixX6Too ßot>Xt(Jt{a<; 
ist die TafeP). Nicht Feuer, nicht Eisen oder Erz hält den x6Xa5 
ab zur Mahlzeit zu gehen *^), geladen oder ungeladen"). Das war ein 
guter Demokrat, der TdXX6Tpta Betirvatv erfunden hat; wer dagegen 
von seinen Gästen einen Beitrag zur Mahlzeit (au|xßoXd;) verlangt, 

Terentius proponit imaginem vitae, ut in Eunucho de potioribus et his, qui nuper 
processerint , id est de adsentatoribus. animadvertendum autem huiusmodi geous 
hominum magis a Terentio lacerari*. 

4) Vgl. Alkiphron III 61. Terenz Eun. 235: 'conveni hodie adveniens quen- 
dam mei loci hinc atque ordinis Hominem haud inpurum, itidem patria qui ab- 
ligurrierat bona*. 

2) Alexis fr. 205 : der Parasit spricht. 

3) Diphilos fr. 57, Monolog eines Parasiten. 

4) Com. anon. fr. 497. Ergasilus in den Captivi 187: 'cum calceatis dentibus 
veniam tarnen'. 

5) Plaulus Stichus 155 ff. 

6) Stichus 179 f. 

7) Epigenes fr. 2. 

8) Hegesippos fr. 2 : der Parasit spricht. 

9) Timokles fr. 13. 

10) Eupolis fr. 148 (Chor der xoXaxe^. 

1 1 ) Epicbarm 'EXirfc fr. 2 (Parasit) . 



KoLAX. 35 

verdient aus seinem Hause gejagt zu werden^) Wer vollends Einen 
verhindert einen Schmaus zu geben, der verdient den Flüchen des 
Buzyges anheimzufallen ^) . Daher ist es auch beilige Pflicht, bei einem 
aau{ißoXov Senrvov pünktlich zu erscheinen: wer sich da verspätet, 
ist im Stande auch in der Armee zu desertiren ^) . Der Gewissenhafte 
hält sich schon vorher in der Nähe der Küche auf und misst sorg- 
fältig die Schatten, um zu ermitteln, wie lange es noch hin ist bis 
zur Essstunde ^); denn die Zeit wird ihm gar lang und er verwünscht 
wohl die Einrichtung der Sonnenuhren, die sich an das Gebot des 
Magens nicht kehren, welcher doch einzig und allein entscheiden 
sollte ^) . Er beobachtet die Vorzeichen : geht ein fetter Rauch aus der 
Küche grade in die Höhe, so frohlockt er und verspricht sich eine 
gute Mahlzeit; sieht er aber nur ein dünnes Wölkchen in schräger 
Richtung, so denkt er sich gleich, dass es nicht« Solides geben wird^). 

Der Parasit vereinigt das Raffinement des Feinschmeckers (^^o- 
^d^oc) mit dem unersättlichen Schlund des Vielfrasses (dSirjcfd-foc). 
Den Küchenzettel macht er mit gleichmässiger Berücksichtigung der 
Qualität und Quantität am liebsten selbst^. 

Ist er erst an der Arbeit, so überlässt er vorläufig gern den 
Andern das Gespräch und ruht selber nicht, bis er reinen Tisch ge- 
macht und sogar den Teller durchbohrt und zum Sieb verwandelt hat^). 

Die jungen Leute nennen ihn alle durch die Bank 

Aus Neckerei Parasit, doch macht er sich nichts daraus. 

Lautlos bei Tische schmausend sitzt der Telephos; 



I] Eubulos fr. 72 (Parasit). 

2) Diphüos fr. 59 (vgl. Paroemiogr. Gr. I p. 388. Haupt Hermes V 36 
Beruays Monatsber. d. Berliner Akad. d. W. 4876 Oct. S. 606. 

3) Amphis fr. 38. 

4) Plutarch über d. Unterschied zw. cpCXo; und xoXa? p. 80 D: vgl. Eubulos 
fr. 4 48 Menandros fr. 353 Hesychius s. vv. Ssxaicouv (rroix&tov. 8coSexairoSo(; 
(iirraTuooc oxia). 

5) Aquilius fr. I. Bei Alkiphron HI 4 schlägt ein Parasit, der die sechste Stunde, 
die der Mahlzeit, nicht erwarten kann, vor, den Sonnenzeiger entweder umzu- 
stürzen oder umzustellen. Dasselbe deutet der Name 'ExToSiancnQC im folgenden 
Briefe an. 

6) Diphilos fr. 58. 

7) Plautus Persa 93 ff. 4 06 ff. Capt. 4 59 ff. 909 ff. Menaechm. 209 ff. Carcul. 
349 ff. 366. 

8) Alexis fr. 256. 

3* 



36 Ribbeck, 

Fragt man ihn was, so nickt er blos, dann schnauft er so, 
Dass oft der Hausherr zu den Kabiren ängstlich fleht, 
Den fürchterlichen Sturmwind zu beschwichtigen. 
Ein Ungewitter für die Freund' ist dieser Mensch*). 
Bei einem Hochzeitsschmaus zu platzen, das ist die schönste Todes- 
art, die sich ein solcher denken kann^). Bisweilen machen sich die 
Tischgenossen den rohen Spass, ihm gewaltsam Festes und Flüssiges 
in Massen einzufüllen wie in ein Fass, so dass es entsetzliche Kata- 
strophen giebt^). Sein aufgetriebener Bauch könnte Athleten als 
Pauksack dienen^]. 

Er sitzt zu Unterst am Tisch ^), nimmt im Nothfall mit dem eng- 
sten Platz vorlieb, nur ebensoviel wie ein Hund zum Liegen braucht^). 
Sobald das Handwasser (vor Beginn der Mahlzeit) gereicht ist^), 
gehen von Rechtswegen seine Functionen als Spassmacher (^eXtuto- 
TCot6(;, ßa>|xoX6xo^, ridiculus homoY) an. Er hat die Pflicht, geistreich 
und witzig zu sein^): xo?; 8' 6 xoXa^ Tcdfxitpcoxo; öcpaCvetv "fipx^io [acoxov, 
hiess es in einem parodischen Gedichte, vielleicht des Matron*")- 
Dazu bereitet er sich vor aus Apophthegmen- und Anekdotenbüchern *% 



4) Alexis fr. 4 73. V. 4 vor wots siQd zwei Halbverse im griechischen Texl 
ausgefallen. 

t) Alexis fr. 226: vgl. Phoinikides fr. 3. 

3) Alkiphron III 7 

4) Timokles im nux-nj; fr. 29: 

eopYjosi^ 84 Tttiv lirioitfcuv 
TouTcuv TtvaC} ot Seiirvouaiv iofuScofiivoi 
taXXotpi', iauTooc avxl xcopoxcov Xiiceiv 
irapij^ovTec adXTjTaiotv. 

5) Plautus Stichus 489: 'scis tu med esse unum imi subselli virum'. (vgl. 
493] Capt. 471 : 'nil morantur iam Lacones imi subselli vires*. 

6) Stichus 680. 

7) Plutarch <fi\o^ u. xoXaS p. SOG : tou; auToXrjxu&ooc • * . xal xpaireC^c xal 
(iSToi TO xata x^^'P^C oScop axouojxivou^, qk tic elire, dazu Wyttenbach. 

8) Stichus n\ Capt. 470. 477. 

9) Epicbarmos a. 0. V. 4 f.: Travel 6s ^oip(etc s.l\d xal iroiicp iroXov | ^ikioxa 
xal Tov loTittivT' iiraivEO). Eupolis fr. ^B9, \t: oo 8et /apCevra iroXXa | tov 
xoXax' eu&^u)c X^yeiv, ti 'xfipetai ÖupaCe. 

4 0) Athenaeus V p. 4 87A: vgl. Meineke anal. crit. ad Athen, p. 63. 85. 

H) Stichus 400: 'ibo intro ad libros et discam de dictis melioribus'. 454: 
Mibros inspexi: tam confido quam potis, Meum me obtenturum regem ridiculis 
legis'. [tt\ : Mogos ridiculos vendo') Saturio im Persa 39S ff- zu seiner Tochter: 



KoLAx. 37 

die er besitzt, und die neben Badestriegel, Oelflasche, zwei Röcken, 
mit denen er wechselt^), und einigen anderen noth wendigen Toiletten- 
gegenständen bisweilen sein ganzer Reicbthum sind^). Erzielt er 
nicht die gehörige Wirkung, so muss er wenigstens passiv die Kosten 
der Unterhaltung tragen, muss sich den muth willigsten Schabernack^), 
Ohrfeigen und Prügel aller Art^) gefallen lassen; Töpfe jeder Be- 
stimmung fliegen ihm an den Kopf '^), was ihm gelegentlich ein Auge 
kosten kann^); er wird wohl auch hinausgeworfen^), in den Block 
gespannt^), und kann unter allen Umständen von Glück sagen, wenn 
er leidlich heil nach Hause kommt ^), 

Zur Erheiterung der Gesellschaft prügeln sich auch zwei Para- 
siten gegenseitig und recitircn dazu schallende Anapästen voll atti- 
schen Salzes ^^), welche an die zwischen dem Paphlagonier und dem 
Wurstbändler in den Rittern gewechselten Complimente erinnert haben 
mögen. Oder der Parasit tanzt den x6p§a^; wenn aber alle beim 
Zechen eingeschlafen sind, nimmt er wenigstens eine Serviette, falls 



Mibrorum eccillum ego habeo plenum soracum. Si hoc adcurassis lepide, quoi 
rei operam damus, Dabuntur dotis tibi inde sescenti logi, Atque Attici omnes: 
mülum Siculum acceperis'. Litterarische Bildung verr'äth auch das Gitat aus einer 
Tragödie im Curculio 591 ff. 

1) Eupolis fr. 4 59, 5 f. 

i) Plautus Persa 4 20 ff. Stichus 21 8 ff. 

3) AlkiphroD III 6 45. 48. 54. 61. 66. 68. Noch rohere Spässe als in 
Athen wurden mit den Parasiten im Peloponnes, in Sparta, Argos, Korinth ge- 
trieben : Alkiphron HI 51. lieber die Knickerei der Korinthier klagt der 60. Brief. 
IH 74 (s. Chairephon]: Stossseufzer eines Parasiten, dass nicht nur der Herr und 
die Gäste, sondern auch die Knechte und M'ägde ihren Muthwillen an' ihm auslassen. 

4) Gapt. 88. 472 (nil morantur iam) ' plagipatidas , quibus sunt verba sine 
penu et pecunia'. Entschädigungen für Körperverletzungen des Parasiten setzt die 
lex convivalis am Schluss des Querolus fest. 

5) Aeschylus fr. 194. Plautus Capt. 89. Gurcul. 394 ff. Pers. 60. 

6) Curculio 394 ff. 

7) Plutarch, Unterschied zwischen cp{Xoc und xoXaS p. 50 D. 

8) Eupolis fr. 159, 13: oi8a 8' 'Axiorop' auTO xov oriifjiaTCav iraftovra* | 
ox(0(jL(Aa -^ap elir' aaeX-jf^c, elt' aoxov b icoi? dupaCe | iSaYaYcov e^ovra xXoiov 
icapi8ü>x6v OivsT. 

9) Der Syrakusanische Parasit, der TcoXXa xatacpaYCDV , iroXX' 4ji.icia>v ohne 
Diener (vgl. Eupolis fr. 4 59, 3 f.) und Leuchte durch die Finsterniss heimtorkelt 
und dabei den Schaarwächtem (7C8p('7coXoi) in die Hände fällt, dankt den Göttern, 
wenn er mit blossen Prügeln davon kommt : Epicharm 'EXii(c. 

10] Alkiphron HI 43. 



38 RiBRECK, 

die Silbergerdihe schon in Sicherheit gebracht sein sollten, unter die 
Achsel und macht sich aus dem Staube^). 

Von der Laune seines Herrn muss er sich Alles gefallen lassen^). 
Wird er geschimpft, so muss er es sein, der am herzlichsten über 
sich lacht^). Alle Vorwurfe und Schmähungen, mit denen ihn jener 
im Zorn tractirt, muss er von vornherein zugeben, jedem Streit und 
Conflict mit aalglatter Geschmeidigkeit ausweichen. Setzt man ihm 
ein verdorbenes Stück Fisch von gestern vor, so darf er sich nicht 
ärgern^). Zurechtweisungen, welche er^ sich durch vorschnelles 7cpo<; 
^dpiv Xlfstv zuzieht, hat er mit Dank hinzunehmen^). 

Leider unterwerfen sich auch Gelehrte und Philosophen einer 
so schnöden, freiwilligen Knechtschaft (ddeXo8ooXe(a , SooXoirpeTreia) . 
Sie eifern gegen die xoXaxeCa und übertreffen einen Gnathonides oder 
Struthias darin. Um sich durch die Aufwartung am Morgen (salutaiio) 
die Einladung zu Tisch zu verdienen, stehn die togati in Rom um 
Mitternacht auf, machen die Runde durch die Stadt, lassen sich von 
den Dienern der Reichen verächtlich behandeln, müssen es als hohe 
Gunst des Herrn ansehn, wenn ihnen gestattet wird, Brust oder Hand 
desselben zu küssen; und was müssen sie dann bei Tafel herunter- 
schlucken von schlechten Speisen und Getränken, von faden Redens- 
arten, von Demüthigungen aller Art! Mit Unrecht schimpfen sie 



\) Alkipbron III 46. Stibitzereien des Parasiten: 47. 53. Vgl. Eupolis fr. 
168. Bekanntlich gehörte dergleichen auch im Kreise des Galuli zu den nicht 
ungewöhnlichen Scherzen: c. 42. 85. 

2) Vgl. Antiphanes fr. 81. 8 f. Menander ine. fab. 586. 

3) Plutarch über d. rechte Art zu hören 16 p. 46 G. Vgl. Lukian Timon 
45, 159: yoicÄv aTcavtwv ßopcorate xal av&puSircov iiriTpnrroTaTe. — iel ^iXo- 
9X(i>(jLo>v ao ye. 

4) Axionikos fr. 6, 9 : 

oiov f(Xepi^ TU ^OTt xal (jLa^^etat t( (aoi* 
(AsteßaXotiTjV itpoc toutov^ ooa t' eTp7)x^ )xe 
xaxcog o[i,oXoYtt)V eo&i<i>( ou ß^airrofiai. 
irovr^po«; m le yjpr^axoQ stva( cp7]o( ti?, 
i^xcofiiaCcov TOüTOV airiXaßov X^P^^* 
-jfXauxoo ßeßpcüxwc tijxaxoc icp&ov rr^p^pov 
aupiov ScuXov tout' e/cov oux a^Öojxai. 

5) Vgl. die Geschichte, welche Timaeus bei Athen. VI p. 250 D von Demokles^ 
dem xoXaS des jüngeren Dionysios, und Hegesandros ebenda p. 248 E von Klei- 
sophos, dem xoXa^ des Makedonischen Philippos, erzählt. 



KoLAX. 39 

beim Nachhausegehen über die [AixpoXofta und die ußpt^ des Wirthes : 
ihre eigene Kriecherei ist Schuld an dem Hochmuth desselben, sie 
sind es, welche den Gelehrtenstand in Verruf bringen^). 

Trübselig ist der Anblick eines unversorgten Parasiten, der keine 
Einladung auf dem Markt erhascht hat und nicht wagen darf, unge- 
laden zu kommen, was freilich der wahre Meister seines Fachs ohne 
Bedenken thjiit^). Vergebens ist er diesem und jenem icXotSxaS nach- 
gegangen, hat alle seine Künste des Witzes^) und der Schmeichelei 
versucht^): der hartherzige hat ihn mit leeren Ausflüchten, er speise 
selbst auswärts^), habe keinen Platz mehr am Tisch ^, wohl gar mit 
Hohn^ abgefertigt. Nur den Schadenfrohen kann es belustigen zu 
sehen, wie der verwöhnte, zwischen den reichen Essvorräthen um- 
herirrend, kaum 4 x^Xxoot; in der Tasche, nach dem Preise aller 
Delicatessen der vornehmen Fischhändler fragt und endlich, weil alles 
zu theuer ist, zu den elenden (jteiJLßpdSet; seine Zuflucht nimmt ^). 
Mit hungrigem Magen kehrt er heim zu seiner schmalen Kost^), oder 
geht müssig spazieren, und muss sich den Spitznamen xeaxpeut; 
gefallen lassen ^^). Es bleibt ihm nichts übrig, als melancholische 
Betrachtungen über die schlechten Zeiten, die Entartung der Sitten, 
den Verfall der Gastlichkeit ") , den Egoismus des [iov6otTO(;, der sich 
selbst um die beste Lebensfreude bringt*^), die Unsterblichkeit des 
Hungers'^) anzustellen. Ist der ständige Pfleger in den Ferien aufs 

4) LakiaD Nigrinos 2S , 60, über Miethlioge 40, 701 , Ausreisser 19, 375. 
Stellea aus luvenal und Martial bei Friedländer SitteDgescb. P S. 338 f. 

2) Epicharmo8'EXic{(;: 90v8e»wi(u xtf kmxi, xaX^oai Sei (tovov* | xal t<{> ya 
\kTiy(l X<i)VT^ xcooSiv Set xaXeTv. 

3) Piautas Capt. 478 0*. 

4) Vgl. Eupolis Tr. 159, 6 ff . Pctroiiius c. 3. Gelasimus im Sticbus 470ff. 
kommt sogar mit einer Einladung zuvor, um so die Gastfreundschaft seines rex 
hervorzulocken. 

5] Plautus Stichas 190 ff. 596 ff. 

6) Sticbus 487. 592. 

7) Sticbus 617 ff. Eine Mystification bei Alkipbron III 5. 

8) Timokles fr. 11. 

9) Pomponius V. 80 f. 

10) Ameipsias fr. 1. Alexis fr. 251. Anaxandrides fr. 34, 8. Eubulos fr. 
68. Dipbilos fr. 62. Eupbron fr. 2. Zenobius paroem. IV 52. S. unten. 

11) Sticbus 183 ff. Capt. 469 ff. 
M] Alexis fr. 266. 

13] Alexis fr. 156. Antipbanes ff. 86. 



40 RiBBBCK, 

Land gegangen, verreist oder in Kriegsgefangenschaft, so härmt sich 
der verwaiste x6Xa^ ab in aufrichtigster Sehnsucht nach dem ab* 
wesenden Beschützer^). Wenn alle Hulfsquelien versagen oder wenn 
der vielgemisshandelte endlich aller Demilthigungen satt ist, so denkt 
er als letzten Trost an die Halsschlinge, die allem Kummer ein Ende 
machen wird^). 

Aber welcher Jubel, wenn dann der geliebte rex^ sein Leben, 
sein Genius, seine Freude, sein gnädiger Gott {dem praesens) wohl- 
behalten und wohlhabend wiederkehrt'), vorausgesetzt dass nicht 
etwa ein mitgebrachter Rival oder mehrere ihn aus dem früheren 
Besitze zu verdrängen drohen^)! Er dttnkt sich nicht mehr Parasit, 
sondern 'regum rex regalior'^), und gebehrdet sich, wenn er etwa 
selbst die frohe Botschaft zu überbringen hat, wie ein servus currens, 
der durch die Strassen fegt und Alles, was ihm in den Weg kommt, 
umrennen möchte^). 

Ein classisches Exemplar des behäbigen, wohl situirten x6XaS 
ist Gnatho im Eunuchus: ^quf color nitor vestitus, quae habitudo 
corporis! omnia habeo, neque quicquam habeo: nil quem est, nil 
defit tarnen' rühmt er schmunzelnd (242 f.). Wohlgenährt, von ange- 
nehmer Gesichtsfarbe, weder schwarz wie ein Sclav noch weiss wie 



4) Piautus Capt. U3 ff. 

t) Stichus 639: 'potione iuncca onerabo gulam\ Alkiphron III 6. 49. Einer 
bei Alkiphron III 7 will in den Pelraieus gehn und sich als Lastträger verdingen, 
ein andrer III 34 will Tagelöhner auf dem Lande werden. Ein dritter III 70 hat 
es bei einem Bauer versucht, aber die harte Arbeit hat er nicht vertragen. Er 
ist in die Stadt zurückgekehrt, aber alle Thüren sind dem Verbauerten verschlossen 
geblieben: so hat ihn der Hunger einer Megarischen Räuberbande in die Arme 
getrieben. Ein vierter, III 71, geht unter die Schauspieler, aber es wird ihm 
schwer sich so spät in die Kunst einzustudieren und sein Erfolg ist sehr zweifel- 
haft. Bei dem dritten Fall (III 70) erinnert man sich des Verbotes in Cato's Buch 
de re rustica 5, 4: (vilicus) 'parasitum nequem habeat*. 

3) Stichus 372 ff. 372 ist zu vertheilen : Pinacivm. tuum virum Gelasimvs. 
et vitam meam. 459 ff. 58Ü ff. Capt. 768 ff. Freude über einen freigebigen und 
gastfreien Kaufmann, der mit grossen Reichthümern zu Schiff aus Istrien gekommen 
ist: Alkiphron III 65. 

4) Stichus 388 ff. 

5) Capt. 825. 

6) Capt. 778 ff. 790 ff. Für solche Fälle passt was in dem commentum de 
comoedia p. H, 23 R. allgemein angegeben wird: ^parasiti cum intortis palliis 
veniunt\ 



KOLAX. 4 1 

ein Fraaenzimmer , lebhaft, mit ktthaem, feurigem Blick, das Bild 
eines frischen Lebemannes^]. Aber auch Phormio, welcher vom 
adsentator nichts an sich hat, befindet sich in seiner harmlosen 
Stellung als ständiger Tischgast des jungen Herrn ganz wohl und 
erkennt die Gute desselben dankbar an, wie er ja auch durch die 
That beweist, 338 ff.: 

immo enim nemo satis pro merito gratiam regi refert. 

t6n asumbolum venire unctum atque lautum e balineis, 

ötiosum ab animo, quom ille et cura et sumptu absumitur! 

dum tibi fit quod placeat, ille ringitur: tu rideas; 

prior bibas, prior decumbas. cena dubia adponitur . . . 
Gbta quid istuc verbist? Phormio ubi tu dubites quid sumas 

potissimum. 

ba^c quom rationem ineas quam sint suavia et quam cara sinl, 

6a qui praebet, non tu hunc habeas plane praesentem deum? 
Nach allgemeiner Regel, wie es scheint, ist der xoXa^ noch ein junger 
lediger Mann, da Niemand an einem greisen Possenreisser Geschmack 
findet^). Nur ausnahmsweise ist er über 30 Jahre alt^) und verheira- 
thet^). Ausdrücklich führt Pollux die Maske des x6Xa^ und des T^apdaixot; 
unter denen der veavCoxot auf. Beide sind von dunkler Hautfarbe, 
wie sie die Palästra mit sich bringt, gebogener Nase, wohlgepflegt 
und gelenkig. Der Parasit unterscheidet sich durch eingedrückte 
Ohren (in Folge der vielen Ohrfeigen, wie ein Athlet) und lustigeren 
Ausdruck, der x6Xa^ durch emporgestreckte Augenbrauen, was ihm 
ein boshafteres Ansehen giebt^). Aristoteles erkennt ihn an der 
glatten Stirn, dem grinsenden oder auch unbeweglichen Gesichts- 
ausdruck, wie ihn schönthuende Hunde haben, den nach oben ge- 



1) Lukian über den Parasiten 41 p. 864. ^ 

2] Alexis fr. 255 : xoXaxo^ Ik ß{o^ (iixpov XP<^^^^ av&si. | ou6sU Y^P X^'P^** 
icoXioxporafcp irapaa(T(p. Adulescens heisst der Parasit in der Reget, z. B. 
in Plautus* Menaechm. 494. 498. 

3) Menaechm. 446. 

4) Saturio im Persa. 

5] Onom. lY 1 48 : xoXa£ 8ä xal icapaaito^ jiiXave^, ou piiQV üto iraXabrpac, 
iiciYpuicoi, euicadet^' T(p 8e icapaafxflp jiaXXoV xaT^aye ta cora, xal cpatSpotepo? 
irrtv, u)9icep b xoXa^ avaTiraTai xaxor^Oecrripo); ta? o<ppü?. Vgl. die Terracolt6n 
der Sammlung Castellani in The illustrated London news Nov. %t, <873. — 492. 



42 Ribbeck, 

richteten Pupillen^). Hündisch sind auch seine Bewegungen: er duckt 
sich zur Erde, und der ganze Körper erscheint wie zerbrochen^). 
Die Darstellung des Parasiten veranschaulicht eine interessante Anek- 
dote'). Ambivius, der die Rolle des Phormio zuerst gespielt habe, 
sei berauscht aufgetreten, und so habe er gleich die ersten Worte 
gesprochen, aufstossend vor Sattigkeit, die Lippen leckend wie ein 
betrunkener^), das Ohr mit dem kleinen Finger reibend. Terenz 
aber, der anfangs unwillig über den Zustand seines Schauspielers 
gewesen sei, habe ausgerufen, gerade so habe er sich den Parasiten 
gedacht, als er die Rolle geschrieben habe, und sei ganz mit ihm 
ausgesöhnt gewesen. 



l) Aristoteles Physiogn. p. 8 Hb, 36: oi 5' aisve«; ej^ovre? (to piTcoirov) , 
xoXaxec* ava^ipetai itd to yiyvo[i£Vov TcaOo?. i6oi 8' av xt^ em tiüv xuvuiv, 
OTi ol xove^, äireiSav OwireucDOi, y^Xt^vov to [liTWTtov l^oüotv. Apuleius PhysiogQ. 
in Val. Rose's anecdota Graeca et Graecolatina I p. 151 f.: Mdem Aristoteles dicit 
eos qui superciiia obducunt, pupitlas autem superius tendunt atque omni vultu 
summisso sunt^ esse quidem inhoneste blandes et referri ad canes. idem Aristoteles 
dicit eos , qui vultu omni tranquillo , pari modo blandes esse : et hos ad canes 
referri'. 

2] Apuleius Physiognom. a. 0. p. 4 48, 13: 'qui autem summittunt sese 
atque omne corpus infringunt, inhoneste blandi sunt, quos Graeci xoXaxa^ vocant : 
refertur hoc ad canes'. 

3; Donat zu Phormio III 1 (II 2), 1 : 'adhuc narratur fabula de Terentio et 
Ambivio ebrio, qui acturus hanc fabulam oscitans temulenter atque aurem minimo 
scalpens digitulo hos Terentio pronuntiavit versus, quibus auditis exclamaverit poeta 
se talem, cum scriberet, cogitasse parasitum, et ex indignatione, quod eum satu- 
rum potumque deprehenderat, deienitus statim sit'. Jenes ' aurem scalpere ' wird 
schwerlich zu unterscheiden sein von dem gestus der inpudici, welche Migito 
scalpunt uno caput' (luvenal 9, 133 nach dem berühmten Epigramm des Calvus 
auf Pompeius: vgl. Seneca epist. 52, 12). Ferner sind zu vergleichen ol Ta lOTa 
Trrepotc xvcu^ievoi (Lukian über d. Tanz 2 p. 266, über Verleumdung 21 p. 452), 
welche sich durch diesen Kitzel Wollust erregen. 

4) Donat zu V. 315: 'haec et labia lingens, ut ebrius, et ructans, utpote 
satur, pronuntiavit actor bonus'. Diese Bemerkung erinnert an die bekannte Anek- 
dote des Hermippos bei Athen. I p. 21B, Theophrast habe einmal, um den o<)^o- 
f ayoc darzustellen, die Lippen mit der Zunge beleckt : xa( icore o^offi'^o'i {xtjxou- 
(levov i(e(pavTa n^v YXu>aoav irepiXeCx^tv Ta X^^^'^' Vielleicht ist bei Donat nach 
Mingens' eine Lücke anzunehmen und ein besonderer gestus für den ebrius aus- 
gefallen. Weitere interessante Bemerkungen über Mimik und Vortrag des Parasiten 
zu III 1 (II 2), 7. 21. III 2 (US), 11. 22. V 6, 1. 9. 7, 42. 44. 67. 77. 
88. 8, 26; über den eigenthümlichen Parasitenstil zu III I (II 2), 13. 16. 22. 
24. 25. 28. V 8, 64. 



KoLAX. 43 

Der vornehmere xoXa^, zumal der militärische, erfreut sich 
einer gesicherteren Stellung: er ist der unzertrennliche Begleiter seines 
SeoicoTTjc. So rühmt sich der Parasit des Cleomachus in den Bacchides 
V. 601: Mllius sum integumentum corporis'^). Die niedrige Rolle 
des verlachten und gemisshandelten Spassmachers ist ein überwun- 
dener Standpunkt fttr ihn. Er ist es, der sich innerlich über den 
Herrn lustig macht, äusserlich allerdings als unterwürfiger Freund 
und Vertrauter durch äusserste Schmiegsamkeit und Fügsamkeit seiner 
Eitelkeit fröhnt^). Unter allen Bedingungen muss er ihm ^pbc; X<^P^^ 
sprechen und handeln^). Allem, was der Herr sagt, stimmt er zu, 
zollt er Beifall und Bewunderung^). Dem Geschwätzigen leiht er ein 
gefälliges Ohr^). Zu den Tischreden des Ungebildeten applaudirt er 
mit einem Geschrei wie ein durstiger Frosch^). Poetische Vorträge 
des Reichen bewundert er in immer neuen Wendungen^); singt der- 
selbe, so ruft er bravo, wenn auch alle übrigen schweigen. Macht 
der Reiche einen Witz und sei es auch der frostigste oder abge- 
droschenste, so weiss sich der x6XaS vor Lachen nicht zu hallen^). 

f) Auch die Charakteristik bei Theophrast c. 2 setzt dies voraus. 

t) Terenz Euouchus 246: 'olim isti fuit generi quondam quaestus apud sacchim 
prius : Hoc novomst aucupium : ego adeo hanc primus iuveni viam. Est genus 
bominum, qui esse primos se omnium rerum volunt, Nee sunt: hos consector, 
hisce ego non paro me ut rideant, Sed eis ultro adrideo et eorum ingenia admiror 
simul'. Zahlreiche Winke über die Charakteristik des Gnatho sind im Commentar 
des Donat eingestreut. 

3) Vgl. Piutarch Unterschied zw. <ptXo( und xokai p. 55 A: tou hk xdXaxoc 
tout' IpYOV iorl xal tiXo^, izl rtva 7rai5(av t) icpa^iv t) Xoyov Icp' rfio^i] xal 
irpoc -^SoviQV o^l^oiroteiv xal xapuxsoeiv. Nikolaos (lY 570 M.) Y. 36: itpo^ X^P^^ 
o(L(Xst Too Tpifovto^ iic' oXi&pcp. Euripides fr. 36 4^ 4 8 ff. Schon der gewöhn- 
liche Parasit muss to b)jLiXY)Tixov^ to otcojjluXov, to rfi6 haben: Alkiphron III 44, 2. 

4) Eunuchus 251 : 'quidquid dicnnt laudo: id rursum si uegant, laudo id 
qnoque. Negat quis, nego; ait, aio; postremo imperavi egomet mihi Omnia ad- 
sentari: is quaestus nunc est multo uberrumus'. Vgl. 416f. Menaechm. 462: 
Metv. sed quid ais? Pen. egone? id enim quod tu vis, id aio atque id nego. Vgl. 
mil. gl. 35. Eupolis fr. 159, 9: xav rt 'tuyjQ X^ycov o icXoutaS, iravo toot' 
iicaivcD , Kai xaTaicXr^TTo^iai 8oxd)v ToXoi ^oyoioi yalp&iy, Horaz serm. II 5^ 
96 — 98. Vgl. die unmuthige Aeusserung desCaelius: 'die aliquid contra, ut duo 
simus* (Seneca de ira III 8, 5). 

5) Horaz serm. 11 5, 95: 'aurem substringe loquaci'. 

6) Lukian An den Ungebildeten 20, 115. Petronius c. 40. 48. 

7) Lukian Miethlinge 35 p. 694. Vgl. An den Ungebildeten 7, 107. 

8) Menandros fr. 286 : ^ikwzi icpo^ tov Koitpiov lx)^avoü|ievo^. Terenz Eun. 



44 RiBBEGK, 

Cheirisophos, der x6XaS des Dionysios, sieht den Tyrannen mit 
einigen Bekannten lachen, steht zwar zu weit ab, um ihr Gespräch 
hören zu können, lacht aber doch mit, und wie ihn Dionysios fragt, 
warum er lache, ohne doch zu wissen um was es sich handle, er- 
widert er: ich bin überzeugt, dass was ihr geredet habt spasshaft 
war^). OeflFentliche Vorlesungen des Gönners unterbricht der Ver- 
ehrer fortwährend durch ungestümes Beifallsrufen, wobei er auf- 
steht^, wenn auch alle übrigen Zuhörer lachen über den elenden 
Inhalt und den schlechten Vortragt). Er bittet sich das Manuscript 
aus zu häuslichem Studium^). Dieselbe Geschichte hört er unver- 
drossen zum tausendsten Mal wieder und versichert, er kenne sie 
noch nicht ^). Grossthaten, deren sich der dXaCcov rühmt, erregen 
immer von Neuem sein Staunen, und mit kecker Erfindung überbietet 
er jene Rodomontaden durch neue Wunder, die er ihm ironisch 
unterschiebt^). 

Ais Geschichtschreiber ^) füllen solche Leute ihre Werke mit abge- 
schmackten Lügen zur Verherrlichung ihres Helden. So beschrieb Ari- 
stobulos einen Zweikampf des Alexandros und des Porös im Stil einer 
homerischen dptoteCa, und las jenem die Stelle vor. Alexandros 
nahm ihm das Buch fort, warf es ins Wasser und sagte: so sollte 
man es auch mit dir machen, der du solche Zweikämpfe für mich 
bestehst und Elephanten mit einem Spiess tödtest^). Ein anderer 
verglich den griechischen Befehlshaber mit Achill, den König der 



486(1. 497. Theophr. 8 p. <23, t\ P. : xal iizaiyiaai Ss cffiovro^ xal lmaY;p.7^va- 
oftai 84, ei itaoasTai, 'Op&co? (vgl. Lukian Timon 47, <60)' oxcu^avTi «j/uxpÄc 
iiriYeXaaai, to re Ifianov cooai ei; to ordp-o w? 8iq ou ÖDvafjLSVo? xataa^etv tov 
Y^XojTa. 

f) Hegesandros bei Athenaeus VI p. S49E. 

2) Plutarch über die rechte Art zu hören p. 44 D: vgl. Quintilian II %, 9 ff. 
u. a. Horaz a. p. 420 fr. Petronius 10 p. 41, 3 B. 

3) Lukian An den Ungebildeten 7, 4 07. 

4) luvenal III 44 : Mibrum, Si malus est, nequeö iaudare et poscere\ 
5} Terenz Eunuchus 42 4 f. 

6) PiautusMiies gl. I 4. Vgl. Nikolaos (IV 579 M.) in den Anweisungen für 
den xoXaS V. 36 : icapatarreTaf xi? xal iroisT Tcavxa? vexpoo? Aedrvcp' oicoiu^ tou- 
Tov üirop.oxTTjptoa^ EU Tf|V rpaireCorv xal oti ttqv X^^^i^ acpe?. 

7) Lukian über Geschichlschreibung 4 2, 4 7. 

8) Vgl. Artotrogus im mUes glor. 25 : *\e\ elephanlo in India Quo pacto 
pugno praefregisti braccbium*. 



KoLAX. 45 

Perser mit Thersites ^). Ein Architekt erbot sich den Athos zu einem 
Bild von Alexandros zu machen und zwar zu einem ähnlichen : dieser 
erkannte ihn als x6Xa^ und Hess ihn fallen^). 

Unerschöpflich ist das Füllhorn der Schmeicheleien, von den 
directen faustdicken an, wie sie für den dickhäutigen dXaCcov passen, 
bis zu den raffinirtesten und verstecktesten für feinere Naturen ^) . Eine 
gewisse naive Derbheit, die thut als könne sie ihrer Bewunderung nun 
einmal keine Zügel anlegen, wirkt oft am meisten^). Die drastischen 
Hyperbeln der x6Xax€<; des Eupolis fr. 163, die wir in den Ilepoai des 
vermeintlichen Pherekrates fr. 131 wieder aufgenommen und verarbeitet 
fanden, sind noch weiter variirt in der ' EtcCxXtjpoc; des Diodoros fr. 2, 34 ff. : 

Tooc S^ xoXaxeaeiv Suva|iivou(; 

xal icavT liratveiv, ol^ siretS-)] icpooepufot 

^a^aviSa<; ii oaicpbv o(Xoupov xaxa^afcov, 

Xa xai ji68' Icpaoav auxov i^pioxTjxevat. 

licet 8' dicoirapBoi (Jtetd xivoi; xaxaxe((i£vo^ 
. xoüXü>v, irpoadfcov tJjv ^rV ISeix' atixoö cfpdoat, 

Tcodev ih Oofi(afia xoöxo Xafißdvet^). 



1) Lukian a. 0. U, 20. Vgl. mil. glor. 64. Alazon S. 34 ff. Man sieht, 
die Scfameicheleien der xoXaxe«; und die Prahlereien der aXaCovsc in der attisch- 
römischen' Komödie sind zum guten Theil unmittelbar aus dem Leben gegriflen 
und erinnerten die Zeitgenossen Menanders an handgreifliche Beispiele der Gegenwart. 

2) Lukian a. 0. 12, M, für die Bilder 9, 189. 

3) Plutarch über den Unterschied zw. cpfXo«; und xoXaS p. 57 A: 8sivo< aiv 
^uXarrsa&ai to uttotctov, av fiiv suirapü^oo xivo? a^P^^*^^ XapYjTai ^opfvr^v icaj^stav 
cpipovTo«;^ oXcp tcj) (jLOXxrjpi -/fir^zaij xa&aTusp o ÜTpou&ia^ i(iirepiiraTd>v xcp Biavxi 
xal xaxopxoup^vo^ t^^ avaio07;o(a? auToo toT? iita(vot?* »AXeErfvSpoo irXiov tou 
ßaatXicu^ iriircoxa;« (Menand. fr. 285] xal (Men. fr. 286). too^ hi xop-^oripou^ 
opa>v Ivrao&a \i,a\iaxa irpoai^^ovrac aoToT^ xal <puXaTTO{AivQü^ xo }(a)p(ov xooto 
xal TOV xoirov oix aic' eu&aiac iiraY^^ ""^^^ eiraivov, aXX* aicaYa^tov iroppco xoxXoü- 
Tai xxX. 

4] Seneca nat. qu. IV praef. 5 : * alius adulatione clam uletur, parce, alius 
ex aperto, palam, rusticitate simalata, quasi simplicilas illa ars non sit. Plancus, 
artifex ante Yilleium maximus, aiebat non esse occulte nee ex dissimulato blandi- 
endum. Perit, inquil, procari, si latet'. 

5) Vgl. Lukian für die Bilder 20 p. 501: Küvai&o; b AY)p.72Tp(oo 
TOü noXiopxY)To5 xoXa( airavxcov autf}) täv icpo? ttqv xoXaxefav xaTavaXo)- 
fjivcuv iiT^vei tmo ß'yjx^^ ivo}(Xou(jL£vov rov Ar^fii^Tpiov oxi ip.p.sXco; ^XP^H'' 
1CT&T0. luvenal III 106: Maudare paratus, Si bene ructavit, si rectum minxit 
amicnSy Si trulla inverso crepitum dedit aurea fundo*. Athenaeus VI p. 249 F. 



46 RiBBBCK, 

Der x6XaS ist bereit, Thersites für den schönsten, Nestor für den 
jüngsten aller Griechen vor Troja zu erklären, den taubstummen 
Sohn des Krösus für feinhöriger als Melampus, den Phineus für 
scharfsichtiger als Lynkeus^). 

Die meisten Könige, sagt Plutarch^), heissen Apollon, wenn sie 
nur durch die Nase singen, Dionysos, wenn sie betrunken sind, 
Herakles, wenn sie ringen. Die xöXaxei; sind durch ihre Lobreden 
Schuld, dass Ptolemaios öffentlich als Flötenbläser und Nero als tra- 
gischer Schauspieler aufgetreten ist: 'nihil est quod credere de se 
Non possit, cum laudatur dis aequa potestas''). Den 2^m des jün- 
geren Dionysios beschwichtigte sein x6XaS Demokies, den seine Mit- 
gesandten des Verrathes bei dem Tyrannen angeschuldigt hatten, 
durch das Vorgeben, er habe sich nur mit seinen Genossen entzweit, 
weil jene nach Tische immer Lieder des Phrynichos, Stesichoros, 
Pindar hätten singen wollen, er hingegen die des Dionysios; und 
dessen zum Beweise erklärte er sich bereit, sie alle der Reihe nach 
vorzusingen, während jene nicht einmal die Zahl wüssten. Dann 
bat er um die Gnade, der Herrscher möge ihn doch seinen neuesten 
Päan auf den Asklepios, von dem er gehört habe, durch einen Kun- 
digen lehren lassen^). 

Jeden physischen oder moralischen Fehler des Gönners be- 
schönigt der x6XaS mit dem Namen des begriffsverwandten Vorzuges, 
wie der verblendete oder gleichfalls schmeichlerische Liebhaber alle 
Mängel im Bilde seiner oder seines Geliebten euphemistisch in Reize 
umwandelt^). So nennt jener Lüderlichkeit (do(oTia) seines Herrn 



von den AtovoaoxoXaxe^ : diroirruovto«; 8e tou Aiovua(ou iroXXaxi^ irapsT}(ov rd 
irpoacoira xaTairrü&a&ai * xal diroXeCj^ovre^ tov o(aXov Iti hk tov Ifierov aoTou 
fiiXitoc eXe^ov elvai Y^^^^^Tspov. 

1) Lukian für die Bilder 29 p. 499. 

i) Plutarch a. 0. p. 56 f. 

3) luvenal IV 70 f. Die Vergölterung der Fürsten. 

4) Timaeus bei Athenaeus VI p. 250. 

5) Piaton Staat V 19 p. 474 e (ausgeschrieben von Aristainetos epist I 18, 
cilirt von Plutarch a. 0. p. 56 D): o piv, Sri ai|i.6;, iTzly^dfi^ xkr^bzl^ iicatve- 
br^oexai uf' u{JLd)v^ tou 88TOYpü7rov ßaoiXixov cpare elvai. tov 8i 8i^ 8id 
(jiiaou Tootcov ifijieTpoTaTa ^x^^^' fiiXava^ 8i dvSpixoo^ föeiv, Xeoxou^ Zk 
ftscuv itaTSac elvai* }j.eXixXc])poü( 8i xal toüVOfjLa otei tivoc oXXoo elvat 
i:olri]ia etvai t ipaoroS uiroxopiCofiivou re xal su^sp^^c ^ipovToc dqv wy^orrfta, 



KoLAX. 47 

Genialität (eXeoOepiöryjc), Feigheit Vorsicht (diacpdXeia) , unbesonnenes 
Dreinfabren (efiwXYjSfot) Raschheit (^Söttji;), Knauserei (fitxpoXoif(a) 
Maasshaltung (aco^ poo6v>]) ; wenn Einer verbuhlt ist (lptt)Tix6(;), hat er 



iav tsd oap(f iq; Bei Theokrit X S7 singt der Schnitter: Bo{xßuxa ^(apCeaaa, Züpav 
xodiovTi rj TOVTS^, Jojfvav aXtoxaoaxov, iya) 84 [iovo^cfieXfjfXcupov. VMS; 
^ yap IpcoTi IIoXXaxK, m IloXufafie, ra (iiq xoXa xoXa icifavrat. Lucretius 
IV 1160 ff.: 

nigra melichrus est, inmunda et fetida acosmos^ 
caesia Palladium, nervosa et lignea dorcas, 
parvula, pumilio chariton mia, tota merum sal^ 
magna atqne immanis cataplexis plenaque honoris, 
balba loqui non quit, traulizi; muta pudens est; 
at Ilagrans odiosa loquacula Lampadium fit; 
ischnon eromenion tum fit, cum vivere non quit 
prae maeie; rhadine verost iam mortua tussi. 
at tumida et mammosa Ceres est ipsa ab laccho, 
simula Silena ac saturast, labeosa philema. 

Ovid a. a. II 657 ff. : ^nominibus mollire licet mala, fusca vocetur, Nigrior Illyrica 
cui pice sanguis erit; Si straba, sit Veneris similis; si rava, Minervae; 
Sitgracilis, macie quae male viva sua est. Die habilem quaecumque brevis, 
quaeturgida, plenam, Et lateat Vitium proximitate boni*. Anders ist das Thema 
bei Horaz sat. 13, 43 gewendet (vermuthlich nach einer griechischen Quelle 
itepl ^iXia;): 

at pater ut gnati, sie nos debemus^ amici 
sl quod Sit Vitium, non fastidire: strabonem 
adpellat pactum pater, et pull um, male parvus 
sicui filius est, ut abortivus fuit olim 
Sisyphus; hunc varum distortis crinibus, illum 
balbutit Scaurum pravis fultum male talis. 
parcius hie vivit, frugi dicatur. ineptus 
et iactantior hie paullost, concinnus amicis 
postulet ut videatur. at est truculentior atque 
plus aequo liber, simplex fortisque habeatur. 
caldior est, acres inter numeretur. opinor, 
haec res et iungit iunctos et servat amicos. 

luvenal III 86: 'quid quod adulandi gens prudentissima laudat Sermonem indocti, 
faciem deformis amici, Et longum invalidi coUum cervicibus aequat Herculis 
Antaeum procul a tellure tenentis, Miratur vocem angustam* u. s. w. Plumper ist 
die Umwandlung eines Gebrechens in das grade Gegentheil, wovon luvenal VIII 
32: 'nanum cuiusdam Atlanta vocamus, Aethiopem Cycnum, pravam extortamque 
puellam Europen, canibus pigris scabieque vetusta Levibus et siccae lambentibus 
ora lucemae Nomen erit tigris pardus leo, si quid adhuc est Quod flremat in terris 
violcntius' u. s. w. 



48 Ribbeck, 

ein warmes Herz und liebt Geselligkeit (cpiX^oTop-yoc und cpiXooüVT^d>]<;), 
der Zornige und Hochmüthige heisst männlich (dvBpeioc), der Würde- 
lose (eoTeXiJjc xal xaicetvöc) menschenfreundlich (cptXav&p<üTCoc). So 
nannten die xöXaxec die Grausamkeit eines Dionysios von Sicilien 
und eines Phalaris Strenge ((xiooTTovTjpfa), die Orgien des Ptolemaios 
Frömmigkeit, die zügellosen Ausschweifungen des Antonius heitere 
Feste*). Vorzüge oder Interessen, welche dem xpecfcov fehlen, wer- 
den herabgesetzt, verspottet, in Fehler oder Thorheiten umgewandelt, 
so dass gerade das Gegentheil davon lobenswürdig erscheint. Sitten- 
losen Menschen gegenüber wird oüxppooüvr] als Phihsterei (d-jfpotxfa) 
verhöhnt, vor Gewaltthätigen gilt Gerechtigkeit und Bescheidenheit 
für Verzagtheit und Mangel an Energie (aToXfiCa und dppcooxia icpb«; 
xh TcpdTxetv). Verkehrt der x6XaS mit Leuten, die kein Interesse am 
öffentlichen Leben haben, denen es an Gemeinsinn fehlt, so nennen 
sie Bethoiligung an Staatsgeschäflen (7roXiTe(a) Sichbefassen mit 
fremden Angelegenheiten (dXXotptoirpaifta eirteovoc;), erklären berech- 
tigtes Streben sich hervorzuthun (cptXoTtfiia) für hohles Streberthura 
(xevoSo^fa axapiro;). Bei unzüchtigen Weibern macht man sich beliebt, 
wenn man die ehrbaren Ehefrauen unliebenswürdig (dva^poBiioüi;) 
und unmanierlich (dYpo(xoüc) schilt 2). 

Ist der x6Xa^ ein Maler und hat ein Porträt anzufertigen, so 
macht er es ganz wie der Besteller es haben will: er verkleinert 
die Nase, macht die Augen schwärzer und was sonst beliebt wird^). 
Als Beschauer findet er ein so verschönertes Bild natürlich ähnlich^). 
Als Dichter steht er nicht an, eine Frau von kleiner Figur mit einer 

\) Plutarch über d. Unterschied zw. <p(Xo(; und xoXa? p. 66Bff. Vgl. Mor. 
p. 483. 50r Ix TT^; im(rroX^(; irepl tfikia^ bei Stobaeus floril. II 36: xax(ac 
auTttv icXaaaovxaf tive; ^Tj^iaTcov euirpeTceCa, to piv <ptXoaxc]))jL{jLaTov aicXoov, to 84 
(piXdpyopov icpop.7]&e; ditoxaXoup^voi. Seneca epist. 45,7: ' venit ad me pro 
inimico blandus inimicus. vitia nobis sub virtutum nomine obrepunt. temeritas 
sub titulo fortitudinis latet; moderatio vocatur ignavia; pro cauto timi- 
dus accipitur'. Aristoteles rhet. I 9 p. 3^, 34 — 32, H Bk. Vgl. Thucyd. III 
8«. Sallust Calil. 52, H. Tacitus Agr. 30 extr. Hierher gehört auch von den 
Anweisungen des Komikers Nikolaos (IV 679 M.) V. 33: airo t&v itoiv xXiirrei 
tt? Yj xal ßairreTai, OiXwv xaXo; elvai, xal irap' Y)Xix(av voasT' lorw Favuiiii^ST)^ 
ouTo; a7ro&sou{i£VO(. 

%) Plutarch a. 0. p. 57 C. Vgl. Horaz sat. I 3, 66 ff. ^ 

3) Lukian für die Bilder 6, 487. 

4) Theophrast t p. <24, <8P. 



KOLAX. i9 

Pappel zu vergleichen, ein Lobgedicht auf das Haar der Slratonike, der 
Gemahlin des Seleukos, zu machen, welche dasselbe durch Krankheit 
verloren hat, die Hyakinthosfarbe ihrer krausen Locken zu besingen 
und so fort^). 

Weiter ist ein Hauptgesetz für den x6Xa5, durchweg so zu sagen 
die zweite Stimme zu spielen: xa oeuTspa Xs-ystv xai TcpdTietv, 
wie jener scurra bei Horaz (epist. I 18, 12 IT.): 'sie nutuni divitis 
horret, Sic iterat voces et verba cadentia tollit, Vt puerum saevo 
credas dictata magistro Reddere vel partes mimum tractare secundas"^); 
und diese zweite Rolle ist eben, wie oben angegeben, im iMimus 
regelmässig die des Parasiten gewesen. Als echter etpcov macht er 
sich selbst schlecht, um den Anderen desto lauter zu preisen: wie die 
Ringer sich bücken, um den Gegner niederzuwerfen, sagt Plutarch'^). 
»Ich bin nur ein feiger Kerl auf dem Meer«, wirft er hin, »kann keine 
Strapazen ertragen; spricht man schlecht von mir, so gerathe ich 
ausser mir vor Zorn: aber für den da giebts keine Gefahr, keine 
Anstrengung; Alles trägt er sanftmüthig. Alles mit Heiterkeit, — ein 
seltner Mensch!« Oder wenn er eigene Gaben nicht ganz verleugnen 
kann, heisst es: »ich laufe schnell, aber der da fliegt; ich reite 
passabel, aber was will das sagen gegen diesen Hippokentauren? ich 
mache einen leidlichen Vers, donnern aber ist nicht meine Sache, 
sondern des Zeus« ^) . Beim Ringen lässt sich der x6Xa5 von seinem 
Herrn zu Boden werfen, beim Weltlauf überholen, wie Krisen der 
Himeräer von Alexandres, der es aber merkte und darüber böse 
wurde. Wie die Stoiker den )Veisen, so erklärt der xoXaS seinen 
Herrn für Alles was er will, für einen Redner und Dichter, einen 
Maler, Flötenspieler, Schnellläufer, Athleten^). Wie der xoXaS auf 
Kypros, so ahmen alle höfischen x^Xaxec; den Herrscher nach in 



\) Lukian a. O. 4, 486 ff. (nach dem Vorbild der xojaTi BspsvfxTi? des Kalli- 
machos) . 

2) Vgl. Bentley's Anm. zu V. H. 

3) Plutarch a. 0. p. 57 E. Ein arabischer xoXa^ geht mit einem hohen 
Herrn spazieren. Dieser fragt: bist du nicht grösser als ich? Jener erwidert: 
euer Gnaden sind grösser als ich, nur bin ich der Natur nach etwas entwickelter. 
'A. V. Kramer Culturgesch. d. Orients II 246). 

4 Plutarch a. 0. p. 541): vgl. Kallimaciios fr. 490. 
5) Plutarch a. 0. 16 i>. 58 E. 

Abbandl. d. K. S. OeselUch. d. Wissenscb. XXI. 4 



50 RlDBECK, 

Stimme, Geberde u. s. \v^). Auf alle Stimmungen und Neigungen 
des Herrn geht er ein, aber mit Ostentation und lieber treibung. 
Ist derselbe verdriesslich , so stellt er sich schwermUthig; ist jener 
abergläubisch, so spielt er den SchvvUrmer (8eocp6pYjTo;) ; ist jener 
verliebt, so macht er den Vernarrten; lacht der Andere, so will er 
vor Lachen bersten; friert jener, so zieht er einen Wintermantel an; 
findet jener es schwül, so schwitzt er 2). Mit dem Einen singt und 
tanzt er, mit dem Anderen treibt er Gymnastik, mit einem Uritten 
theilt er die Passion für die Jagd. Kommt ihm ein Gelehrter in den 
Wurf, so wird er ein Bücherwurm, lässt den Vollbart lang hängen, 
trägt den Philosophenrock, führt die Zahlen und Dreiecke Piatons im 
Munde. Stösst er dann wieder auf einen reichen Lebemann, der 
gern zecht, so wirft ei' den xpißcov weg, lässt sich rasiren, und weiss 
nur von Trinkschalen und Weinkuhlern, Gelächter auf Spazierwegen, 
Spöttereien über die Philosophen. So die Dionysokolakes in Syrakus. 
Während der Anwesenheit Piatons, so lange Dionysios für Philosophie 
schwärmte, war der Königspallast mit Staub angefüllt, weil so viele 
Geometrie trieben und Figuren in den Sand zeichneten : sobald aber 
Piaton in Ungnade gefallen war und der Tyrann die Philosophie auf- 
gegeben hatte, gab mau sich wieder den Trinkgelagen und Dirnen, 
den Possen und der Lüderlichkeit hin^). 

Selbst Krankheiten, Gebrechen und zufällige Eigenheiten des 
Gönners und Meisters ahmen sie nach : hielten sie sich frei davon, 
so könnte dieser ja einen versteckten Tadel darin finden. Die An- 
hänger Piatons gingen wie dieser in gekrümmter Haltung, die des 
Aristoteles lispelten, die des makedonischen Alexandros neigten den 
Hals zur Seite und nahmen den rauhen Ton seiner Stimme im Ge- 
spräch an^). Die xoXaxec des Dionysios, der vom vielen Trinken 

\) Plularch a. 0. <0 p. 54 C. 

t) Iiivenal III 4 00: ' rides, maiore cachinno Concutitur ; flet, si lacrimas con- 
spcxit amici, Ncc dolel; igniculum brumae si tempore poscas^ Accipit endromidem ; 
si dixeris aestuo, sudat\ Vgl. die xoXaxsu)i.aTa des Liebhabers bei Ovid a. a. 
II 196—208. 

3j Plutarch a. 0. 7 p. 5S B (I)ion 13), der p. 52 E als Virtuosen in dieser 
Art von xoXaxe(a den Alkibiades nennt; vgl. Satyros bei Athen. XII p. 535. 
Plutarch Alcib. 23. 

4) Plutarch a. 0. 9 p. 53C Lehren f. d. Staatsmann 3, t3 p. 800 A: ot 
jjLSV ouv auXixol xoXaxs^ wairsp opyil^oftr^pai p.ifjLOup.svot r^ rpoivf^ xtX. 



KOLAX. 51 

augenkrank geworden war, stellten sich blind, Hessen sich vom 
Tyrannen an der Hand fuhren, stiessen aufeinander, thaten bei Tisch 
als könnten sie die Speisen und Becher nicht sehen, grilTen daneben, 
bis ihnen jener die Hände führte, warfen die Schüsseln herunter*). 
Als dem makedonischen Philippos bei der Belagerung von Methone 
ein Auge ausgeschlagen war, erschien Kleisophos in seiner Gesell- 
schaft gleichfalls mit einem Verband am rechten Auge; als jener am 
Bein verwundet war, hinkte er, wenn er mit dem Herrscher aus- 
ging; nahm derselbe eine bittere Speise zu sich, so schnitt der x6Xa^ 
eine Grimasse, als ob er mit davon ässe'^). Dass dergleichen orien- 
talische Hofsitte war, wird durch die arabische Sitte bestiltigt, dass, 
wenn der König ein Leiden hatte, die ünterthanen sich stellen muss- 
ten, als hätten sie das gleiche^;. Bei Worten Hess es Nikesias, der 
xoXa^ Alexanders, bewenden, der, als der König in Krämpfen lag, 
bemerkte: »was sollen wir anderen anfangen, wenn ihr Götter so 
leiden müsst!«^) 

Auch innere Seelenleiden machen Manche mit. Merken sie, dass 
der Herr in der Ehe unglücklich ist oder gegen seine Söhne oder 
Freunde Misstrauen hegt, so klagen sie über ihre eigene Frau, ihre 
Kinder, Verwandte, Freunde, und bringen abscheuliche Beschuldigungen 
gegen sie vor. Einer soll sogar seine Gattin Verstössen haben, nach- 
dem der Gönner sich von der seinigen getrennt hatte, wurde aber 
ertappt, als er heimlich zu ihr ging: die Frau des letzteren hatte es 
gemerkt ^) . 

Bei Berathungen hält sich der xoXa^ so lange zurück, wie der 
Herr die Augenbrauen zusammenziehend und den Kopf wiegend, bis 
dieser seine Meinung gesagt hat; dann bricht er los: »beim Herakles, 
du nimmst mir das Wort aus dem Munde, das wollt' ich eben sagen^)«; 
und um ja nicht lau zu erscheinen, feuert er ihn dringend zur Aus- 



<) Theophrast (tc. xoXaxe(a<;?) bei Athenaeus X 47 p. 435 e, den Plutarch 
a. O. p. 53 F beoutzt hat; ferner Athen. Vr p. 249 f. Dasselbe Hegesandros bei 
Athen. Vr 57 p. 250e über die xoXaxe; des Hieron. 

2) Satyros im Leben des Philippos bei Athenaeus VI 54 und Aelian de nat. 
anim. 9, 7. 

3) Athenaeus VI p. 249a. 
4} Athenaeus VI p. 251 c. 

5) Plutarch a. 0. p. 54 A. 

6) Plutarch a. 0. p. 6:i 13. 

4* 



52 Ribbeck, 

fuhrung an*). Aber ohne Zaudern macht er jede Sinnesänderung, 
jede Wandlung in deinen Synipathieen und Antipathieen mit und be- 
stärkt dich in jeder Laune. Sprichst du den Vorsatz aus, deine 
Lebensweise zu ändern, z. B. dich aus der Politik in das Privatleben 
zurückzuziehen, so sagt er: »wir hUtten uns längst von allen den Un- 
ruhen und Anfeindungen losmachen sollen«. Fällt es dir dann wie- 
der ein, zu den öffentlichen Geschäften zurückzukehren, so stimmt 
er zu: »das ist eine Denkungsart, deiner würdig; die Unthätigkeit ist 
zwar angenehm, aber ruhmlos und niedrig«^). Wenn du einen deiner 
bisherigen Freunde ihm gegenüber tadelst, so spricht er: »es hat lange 
gedauert, ehe du dem Menschen auf die Sprünge gekommen bisl; 
mir hat er schon früher nicht gefallen«. Aeuderst du wieder deine 
iMeinung und lobst ihn, so wird er versichern, dass er sich mit dir 
freue, dir in seinem Namen danke und ihm Vertrauen schenke*'). 

Die feineren Formen der xoXaxs(a. Statt eigener Lobes- 
erhebungen macht der x6)va$ den Beiichterstatter über das, was 
andere Leute Rühmliches über dich gesprochen haben : er habe sich 
gefreut. Fremde oder ältere Personen auf dem Markt zu treffen, die 
viel Gutes von dir gesagt haben und dich sehr bewunderten^). 
»Gestern erklang dein Ruhm in der Stoa: mehr als 30 Menschen 
Sassen da beisammen, und wie die Rede darauf kam, wer der beste 
sei, da ßngen sie alle von dir an und kamen auf deinen Namen 
zurück«"'). Als Begleiter auf der Strasse, natürlich comes exterior^), 
macht er dich aufmerksam, wie die Menschen dich ansehen: das 



\) Plutarch <p{Xo<; und xoXa5 p. 6-2 F. 

2) Plutarch a. 0. p. 53 B. 

3) Plutarch a. 0. p. 53 A: toiouto? yap oio^ e? ^i-^oi^ Tiva täv ^(Xa>v 
i:po; auTov sittsTv • * |3pao£ci>c Trscpwpaxa; tov av&pfOTiov * i\io\ jiev ^Äp 0^84 itpo- 
Tspov Tjpsoxev'. av 6' ao TcaXiv duaivf^; [jLSTaj3aXX6[JLSvo;, vi^ Aia cpr^oei sovr^Sea&at 
xal ydpiy ejfsiv aoto; ouep toü av&pcuiroo xal irioTeoetv. Dies und p. 63 B viel- 
leicht nach Theophrast. 

4) Plutarch a; 0. 13 p. 57 B. 

5) Theophrast 2 p. <23, <0P: r^oooxtfisi; -/bk^ Iv T^ atoa ' TtXeiovcöV ^ap r^ 
TpiaxovTa avi>pu>7r(i)v xattr^pivcov xal dfiTreaovTo? Xo^oo, tU eiTj ßiXTioToc, air' 
aiitou apSapivou^ Travta; im to ovop.a aoTOo xaTsv£;(t>YJvai. Vgl. niil. gl. 58 — 71. 

6) Horaz sat. H 5, Hf. luvenal III \3\ : ' divitis hie servi claudit latus 
ingenuorum Filius'. 



KoLAx. 53 

geschehe in der ganzen Stadt keinem ausser dir^). Oder er denkt 
sich falsche Beschuldigungen gegen dich aus, thut als habe er sie von 
anderen gehört und kommt voll Eifer mit der Frage, wo du dies und 
jenes gesagt oder gethan habest. Wenn du, wie selbstverständlich, 
es in Abrede stellst, so ergreift er den Anlass in Lobreden Ubei*zugehn : 
»ich wunderte mich auch, dass du von einem deiner Freunde schlecht 
gesprochen hättest, der du es nicht einmal von deinen Feinden ver- 
magst; oder dass du fremdes Gut angriffst, der du so freigebig mit 
deinem eignen bist«^). 

Auch in die Form ironischer Neckereien, von denen das Gegen- 
theil zu verstehen, kleidet sich die xoXaxeia: wenn einer den Stein- 
reichen mit Gläubigern, den grossen Redner und Staatsmann mit 
einer Anklage bedroht, den Freigebigen einen Knicker nennt, wenn 
ein Parasit zu Philippos sagt: »bin ich nicht dein Brodherr ?(('^). 
Erheuchelte FreimUthigkeit in der Form leichten Tadels ist 
eine Würze der xoXaxe(a^). Um sich gleichsam den Boden zu be- 
reiten, affectiren sie gegen Sclaven und Angehörige unerbittliche 
Strenge und rauhe Biederkeit, damit man glauben soll, sie können 
nicht anders als ihre Meinung frei heraussagen^). Auch dem Gönner 
widerspricht der xiikaZ wohl einmal zum Schein, um sich von jenem 
widerlegen zu lassen und ihm die Befriedigung der Ueberlegenheit 
zu gewähren®). Während er über wirkliche Fehler und Vergehen 
hinwegsieht, rügt er desto aufmerksamer etwa die Vernachlässigung 
eines Hausgeräthes, eines Hundes oder Pferdes, wenn der Freund 
schlecht wohnt, wenn er sich im Aeusseren, in Kleidung, Haar, Bart 



1) Theophrasl char. 2 p. 123, 8 — «0. 

2) Plutarch a. 0. 13 p. 57 G. 

3) Plutarch Symposiaca 11 1, 5: odx i^ta ae tpecpco ; Nach Lynkeus von 
Samos in seinen a7ro[iV7|)jLOveop.aTa [bei Athen. VI p. ^48 d) war es Kleisophos : 
!3x<üirrovTo? 8' aoxov xoö OiXdnrou xal euTjfxepouvTo^ , zV oox i-^m os, ecprj, 

4) Plutarch über die Bosheit des Herodot 9. 

5) Plutarch über d. Unterschied zwischen <p(Xo; u. xoXaE <7 p. 59 D; vgl. 
5 p. 51 G. 

6) Gicero de amic. 26, 99: ' ctiam graviores constantiorcsquc admoncndi sunt, 
ut animadvertant ne callida adsentationc capianlur. apertc enim aduiantcm nemo 
non videt, nisi qui admodum est excors : callidus ille et occultus ne se insinuet 
studiose cavcndum est. ncc enim faciliimc agnoscitur, quippe qui ctiam adversando 



54 RlBRECK, 

vernachlässigt *). Er zupft ein Fäserchen von deinem Rock, und wenn 
der Wind dir ein Körnchen in das Haupthaar geweht hat, liest er 
es ab und sagt dabei mit Lächeln: »siehst du? zwei Tage bin ich 
dir nicht begegnet, da hast du den Bart voll grauer Haare, obwohl 
du in Ansehung deiner Jahre es noch mit Jedem in der Schwarze 
des Haars aufnehmen kannst«^). Das ist der sprüch wörtliche xpo- 
xuXeYfA^c^). Unleugbare Schwächen des Gönners werden verwischt 
durch Hervorhebung unwesentlicher Mängel, als ob diese an dem 
Missfallen, welches jene hervorrufen, Schuld seien. An einem schlech- 
ten Redner z. B. tadelt der x6XaS nicht die Rede, sondern er be- 
schuldigt das Organ und wirft ihm vor, dass er es durch Kaltwasser- 
trinken verderbe. Soll er eine schlechte Abhandlung beurtheilen, 
so tadelt er nur den groben Papyrus und die Nachlässigkeit des Ab- 
schreibers. So stritten sich die xfSXaxe<; mit Ptolemaios, der mit 



saepe adsentetur et litigare se simulans blandiatur atque ad extremum det manus 
vincique se patiatur, ut is, qui illusus sit, plus vidisse videatur'. 

\) Plutarch über den Unterschied zwischen <p(Xo; und xoXa£ il p. 59 E. 

8) Theophrast char. 2 p. \%3, M: xal äXXa TOiaüia X^ycov Ätto toü ifiatioo 
a^eXsTv xpoxtiSa • xal dav xt Tcpo? to Tpiyio\ia tt^^ xscpaX% ütto irveufJÄXo; 
TtpoasvsjfÖiQ aj^opov, xopcpoXo^^aai, xal iuiYsXaaa^ 84 eJTrsTv *opa(;; ort Sootv aoi 
7]fiepa)v oiix hfTeviyTpfia y iroXicuv lojrY^xa^ tov irtoYcova |jl£otov, xadrep, eiTt; xal 
aXXoc;, ezet? ^po? ta Ittj |jiXaivav tiqv Tptj^a. Schon Aristo ph an es hat diesen 
Zug. In den Holkades wurde von Kleon oder einem andern xoXa^ des Demos 
gesagt, fr. 410K: aSa^el ^ap aoToo tov a/op' dxXsYsi t' ael 'Ex toü Ysvefoo tÄ; 
TToXia^. In den Rittern 908 verspricht Kleon dem Demos: i'^m 84 Ta; icoXta; 
ye oouxXiYwv veov iroir^au). Ein andrer Vers aus unbeicanntem Stück (fr. 657] 
lautet: si ti^ xoXaxeoei I-Tuapayv (Tiapaxopcuv Kock] xal Ta^ xpoxo8a; acpaipcov, an 
einer anderen Stelle (fr. 714) kam acpaipei Tpfjrac in demselben Sinne vor: iizl 
Tivo? xoXaxeusiv dTrijreipouvTo;. Valeria erregte so zuerst die Aufmerksamkeit 
Sulla*s im Theater: 7:apa tov ^oXXav dSoTiia&ev irapairopsoop.iv7] ttjv ts X®^P* 
irpoc aoTov airr^petaaTO xal xpoxoSa tou [p.aT(oo oitaaaaa irapijXOev iin tt^v kaorrfi 
Xwpav (Plutarch Sulla 35). 

3) Hesychius: xpoxoXeYP-o?' to xoXaxeoTixo); Ta<; xpoxoBa? aTroX^YSiv 
Tttw i(iaT((ov. Bekker anecd. i, 27: acpaipsTv xpoxu8a(;' X(av T^rrfxiaTai . .. 
im Tcüv itavTa ttoioovtcuv 8ia xoXaxsiav, woTe xal irapeirofiivooc a^ aipsiv xpoxoSa^ 
TTj? doÖfjTo? T^ xapfo; ti t^c xe^paXf^; yj toü Yeve(oo. Suidas: acpaipeiv xpoxuSa^ * 
hd TÄv iravTa tcoioüvtcov 8ia xoXaxsta;. aXXoi ts jjpcoVTat xal *ApiaTocpavr^; (ine. 
fab. 657) xal acpaipet wto? r^ [^ivo;* arcixco; yj ouvTaEi?. Appendix pro verb. 
cent. I 42: a^aipelv xpoxüoa^' eirl twv itavTa itoioüvtwv Svexev xoXaxsCa^ * 
Tj OüToc acpaipstTat xal xpoxü8a(; im t&v 8ia xoXaxeta; p.exP^ ^''^ '^**^^ 
ap.ixpOTaTo>v xaTaYivofjtivcov aiTsiv. 



KoLAX. 55 

Bildung kokettirte, halbe Nächte lang über einen Ausdruck, eine Zeile, 
während sich gegen seine Grausamkeit und seine Hybris keiner von 
ihnen erhob'). 

Am schlimmsten sind jene, welche die Laster ihres Pflegers nicht 
nur übersehen, sondern ihn sogar darin bestärken, indem sie ihn mit 
scheinbarer FreimUthigkeit des gegcntheiligen Fehlers bezichtigen. 
Himerios schalt einen höchst filzigen Nabob einen leichtsinnigen Ver- 
schwender, der mit seinen Kindern noch einmal werde hungern 
müssen. T. Petronius warf umgekehrt dem Nero kleinliche Sparsam- 
keit vor. Wenn Einer roh und grausam mit seinen Untergebenen 
umgeht, fordert ihn der x6Xa^ auf, die gar zu grosse Gutmüthigkeit 
und das unzeitige Mitleiden abzulegen. Vor einem Dummkopf stellt 
er sich, als fürchte er seine überlegene Schlauheit. Ein Lästermaul 
sie)it sich einmal veranlasst einen Angesehenen zu loben; der x6Xa^ 
widerspricht: das sei eine Krankheit des Freundes, Leute zu loben, 
die es nicht verdienen. Wenn Einer mit seinem Bruder zerfallen ist, 
seine Eltern verachtet, seine Frau schlecht behandelt, so sagt der 
xoXa^: »du bist an Allem Schuld, du machst ihnen viel zu sehr den 
Hof«. Ist ein Zerwürfniss mit einer Hetäre oder einer Ehebrecherin 
eingetreten, so trägt er Feuer zu Feuer, wirft dem Liebhaber vor, 
wie lieblos und hart er gegen die Geliebte sei. So die Freunde des 
Antonius in seinem Verhältniss zur Kleopatra: sie beredeten ihn, dass 
er von ihr geliebt werde, schalten ihn unempfindlich und hochmüthig. 
»Sie hat ihr Königreich und ihre heimathliche Behaglichkeit verlassen, 
tbeilt mit dir das Kriegsleben wie ein Kebsweib und du lässt sie 
schmachten«. Das hörte Antonius gern, lieber als Lob. Solche 
Tzappr^ala ist wie die Bisse leidenschaftlicher Frauen, durch schein- 
baren Schmerz die Wollust reizend 2). 

Immer führt der x6Xa^ den unvernünftigen, leidenschaftlichen, 
lasterhaften Trieben des Freundes das Wort und wird so zu seinem 
bösen Genius. Im Zweifelsfalle legt er stets sein Gewicht in die 
Wagschale der niederen Regungen. Hat z. B. der Freund einem 



\j Plutarch über d. Unterschied zwischen cpiXo^ und xoXa£ M p. 59 F^ nach 
Theophrast? (toioütoc y*P ^ xoXaE 010; ^■r^Topo<; cpauXoo xtX.) Aneiidoten über 
xoXaxEia unter der Maske der TiappTjata : Agis von Argos gegen Alex andros d. Gr., 
der Senator gegen Tiberius ebenda \S. 

i] Plutarch a. 0. 19 p. 60 D. Vgl. Leben des Antonius 53. 



56 RlBBECK. 

Angehörigen versprochen Geld zu leihen, bereut es aber und schSkmt 
sich doch sein Wort zu brechen, so schlägt der xoXaS dieses Ehr- 
gefühl nieder mit der Bemerkung: »du giebst ohnehin so viel aus, 
hast so vielen zu helfen, musst sparen«; und so siegt die Rücksicht 
auf den Geldbeutel. Hat sich der Freund den Magen überladen und 
zweifelt ob er baden und essen soll, so wird der x6Xa5, statt zur 
Vorsicht zu mahnen, ihn in das Badelocal schleppen und ihn auf- 
fordern von frischem auftragen zu lassen, den Leib nicht durch Fasten 
zu schwächen. Ist jener aus Weichlichkeit unlustig zu einem Wege, 
einer Seefahrt, einem Geschäft, so wird der xoXaS sagen: »es drängt 
ja auch gar nicht, es ist eben so gut, wenn du es aufschiebst oder 
einen anderen schickst«^). 

Schroffe, eigenwillige, auf sich beruhende Naturen, denen mit 
directcm Lob und gewöhnlichen SchmeichelkUnsten nicht beizukoramen 
ist, gewinnt der geschmeidige Rathgeber dadurch, dass er sich selbst 
des Rathes bedürftig zeigt. Er kommt zu dir, um dich als einen 
äusserst klugen Manu über seine Privatangelegenheiten um Rath zu 
fragen; zwar habe er nähere Freunde, aber er könne nicht umhin 
dich zu belästigen: Tcot ifäp xaxacpüY«>|xev of y^***!^^^^ Seojievot; xivi Se 
moTeüoa)|xsv ; Nachdem er dann irgend ein Wort von dir vernomnoien, 
versichert er, ein Orakel, keine Ansicht gehört zu haben, und ver- 
abschiedet sich. Sieht er, dass einer Anspruch auf stilistische Kenner- 
schaft macht, so giebt er ihm etwas von seinem Geschriebenen, bittet 
ihn es zu lesen und zu verbessern. Dem König Mithridates, der gern 
den Arzt spielte, gaben sich einige seiner Hausfreunde zu Operationen, 
zum Schneiden und Brennen her 2). 

koXaxe(a in Handlungen. Unerschöpflich natürlich sind die 
thatsächlichen Beweise der Ergebenheit und Unterwürfigkeit, deren der 
x6Xa^ sich befleissigt, denn eben in der Erfindung immer neuer Hui- 
digungen bewährt sich sein Genie. Uns kommt es auch hier nur 
darauf an die Zuge zu sammeln, die gerade durch ausdrückliche 
Zeugnisse nachweisbar sind. Von den passiven Leistungen auf diesem 
Gebiet ist schon oben die Rede gewesen. 

Als treuer Begleiter seines Gönners spielt er seine Rolle vor 
Allem im unmittelbaren persönlichen Verkehr. Auf der Strasse läuft 

1) Plutarcl) über den Unterschied zwischen cptXo«; und xoXaE SO. 
i] Plutarch a. 0. U p. 57 F. 



KoLAx. 57 

er dir entweder entgegen oder nach, grUsst dich mit lächelnder Miene 
von weitem, streckt dir die Rechte entgegen, entschuldigt sich unter 
Betheuerungen und Schwuren, wenn du ihn früher gesehen und an- 
geredet hast*). Namenlose Emporkömmlinge gewinnt die vornehmere 
Ansprache mit dem Vornamen^). Unterwegs leistet er dir die Dienste 
eines anteambulo^). Die Begegnenden fordert er auf still zu stehen, 
bis du vorübergegangen bist^). Aus dem Gedränge befreit er dich 
durch Entgegenstemmen seiner Schultern^) Bist du auf dem Wege 
zu einem deiner Freunde, so läuft er voran und meldet dich bei 
demselben, kehrt dann wieder um und berichtet, dass er dich ange- 
meldet hat^). Thust du in Gesellschaft eine Aeusserung, so fordert 
er die übrigen auf zu schweigen'). Bei Berathungen in Volksver- 
sammlungen oder im Rath ergreift er mit Absicht kurz vor deiner 
Ankunft das Wort. Trittst du dann ein, während er noch spricht, 
so hört er mitten in seiner eigenen Rede auf, tritt Rednerbühne und 
W^ort an dich ab, stimmt ohne weiteres deiner ganz entgegengesetzten 
Ansicht zu, und giebt hierdurch mehr als durch lautes Lob zu er- 
kennen, wie sehr er sich deiner Einsicht unterordne^). Im Theater 
und bei öffentlichen Vorträgen kommt er vorher, um die besten 
Plätze einzunehmen und sie dann dem Gönner zu überlassen^). Er 
nimmt dem Diener die Kissen ab und breitet sie dir selbst unter *^^); 
fragt dich, ob du auch nicht frierst, ob du eine Decke oder einen 
Überwurf haben willst; ermahnt dich, wenn ein Luftzug geht, dein 
theures Haupt zu bedecken "). Dabei neigt er sich zu dir und flüstert 



\] Plutarch cp(Xog und xoXaS p. 62 D. Dazu Maximus Tyrius tO, \ : ^ear^puK, 
opeYü>v ösSiav icapaxaXsdco tov avSpa SirsaUai aoTcj) , iTraivcov , xuoaivov xal 
avTtßoXuJv xal Seofxsvo? xal SirjYOüfxsvo? ^xiottoo; xiva? Y]8ova?, f^ Xaßcov aüTov 

a^si xtX. 

t) Horaz serm. II 5, 32: 'gaudent praenomine molles Auriculue'. 

3) Vgl. Marquardt Privatlebeo der Römer S. 145. 

4) Theophrast char. 2 p. <23, 24 f. 

5) Horaz serm. IF 5, -94: 'extrahe lurba Opposilis uraeris'. 

6) Theophrast a. 0. p. <24, 5 ff. 

7) Theophrast p. 123, 20. 

8) Plutarch ytXo; und xoXag 15 p. 58B. 

9) Plutarch a. 0. p. 58 C. 

10, Theophrast p. 124, 15. Vgl. Aristoph. eq. 784 f. Aeschines gegen Ktesi- 
phon 76. Ovid a. a. 159 ff. (schon von 145 an: xoXaxeofjiaTa des Liebhabers]. 
I \] Horaz serm. H 5, 93 : *raone, si increbruii aura, Cautus uti velet carum caput'. 



58 Ribbeck, 

dir ins Ohr. Auch wenn er mit anderen spricht, hat er doch immer 
den Blick auf dich gerichtet*). 

Von den mannigfachen offiziellen xoXaxe6|xaTa, welche zu Ehren 
eines Machthabers oder Mitbürgers auf Grund von Anträgen Einzelner 
und danach gefasster Volksbeschlüsse erfolgt sind, kann hier nur an- 
deutungsweise die Rede sein 2). Mit Demonstrationen solcher Art hat 
es im Privatleben eine gewisse Verwandtschaft, wenn der xoXaS seinem 
neugeborenen Kinde den Namen des Gönners giebt^), das Bild des 
letzteren im Siegelfinge trägt ^), ihn als Gast vor allen durch einen 
goldenen Kranz auszeichnet^). 

Unermüdlich ist er in praktischen Diensten aller Art, keinem 
anderen neben sich lUsst er Raum und Gelegenheit dazu, verlangt 
Aufträge über Aufträge und ist gekränkt, ja ausser sich, wenn er 
keinen erhält; seine Versprechungen sind unbedingt, überschwäng- 
lich^'). Er ist der Mann, rastlos, ohne Athem zu schöpfen, auf dem 
Weibermarkt Commissionen zu besorgen und unzählige Bedürfnisse 
für das Hauswesen des Gönners von da einzuholen'). Am wenig- 
sten lässt sich der Parasit das Geschäft nehmen, für die Küche ein- 
zukaufen^). 



\) Theoplirast p. 4ii, 4 1 — «5. 

2) Vgl. z. B. PluUrch Demetr. «Off. 

3j Aristomenes als xoXaE des Agathokles nannte seine Tochter Agathokleia: 
Polybios XV 34, 8. Lukian Tiraon 4 68. Wenn Kallikratcs, xoXa? des dritten Ptole- 
maios, das Bild des Odysseus in seinem Siegelring trug und seine Kinder Telegonos 
und Antikleia nannte (Athen. VI p. 254 D], so muss eben jener König seinen Stamm- 
baum auf diese Ahnen zurückgeführt haben. Ein mythischer König Telegonos von 
Aegyplen ist ja z. B. aus der Geschichte der lo bei Apollodor II 4, 3, 8 (vgl. 
schol. Eurip. Or. 932) bekannt. Vgl. Mcineke anal. crit. ad Athen, p. 4 09. 

4 Polybios a. 0. 

5 Polybios a. 0. 

6; Plutarch a. 0. p. 62 D. 

Ij Theoplirast p. 4 2i, 7 f. mit der Anm. von Casaubonus. Ueber die pvaixefa 
aYOpa oder den xoxXo?, wo alles mögliche Hausgeräth zu kaufen war, s. Pollux 
X 4 8. Becker Charikl. 11'^ 4 54 f. Büchsenschütz Besitz und Erwerb 474. Wachsmuth 
Stadt Athen I 20 4. 

8) Plautus Capt. 473. Der Parasit klagt über die gegenwärtige Generation: 
' ipsi obsonant, quae parasitorum ante erat pro vincia*. mil. gl. 666 (in einer inter- 
polirten Partie): *\e\ hilarissumum convivam hinc indidem expromam tibi Vel pri- 
niarium parasitum atque obsonatorem optumum'. Gnatho im Eunuchus 255 H*. 
erzählt , wie ihn beim macellum das ganze Volk der cuppedinarii begrüsst : * con- 



KoLAX. 59 

Dafür weiss er aber auch sein Verdienst in gehöriges Licht zu 
setzen. Mit schreienden Farben und breitem Pinsel entwirft er ein 
Bild seiner Anstrengungen, was für Wege er gemacht, welche Sorgen 
er gehabt, welche Nölhe er durchgemacht, welche Feindschaften er 
sich zugezogen hat. In Schweiss, Geschrei, Athomlosigkeit, geschäf- 
tigem Laufen, wichtigthuenden Gebärden und Mienen nimmt er es 
mit jedem servus currens auf*). 

Während er für wirklich mühsame, geßthrliche Dienste zu an- 
ständigen, offenen Zwecken versagt, ist er stets bereit, dem Freunde 
bei leichtfertigen, niedrigen, unsittlichen, heimlichen Unternehmungen 
an die Hand zu gehen^). Vornehmlich ist er ein bereitwilliger 
und geschickter Gehilfe in Liebesangelegenheiten, auch hierin mit 
dem listigen, intriguanten Sciaven wetteifernd*^). Darum macht 
er sich mit Vorliebe an reiche junge Männer und steht mit den 
gestrengen Vätern auf Kriegsfuss. Alle seine Rathschläge laufen 
den Ermahnungen des Vaters geradezu entgegen; der unentrinnbare 
Köder ist die i^oovT^. Der Vater ermahnt zur Nüchternheit, der xoXaS 
zum Trinken ; jener zur Ehrbarkeit, dieser zum Ausschweifen ; jener 
zum Sparen, dieser zum Verschwenden; jener zur Thätigkeit, dieser 
zum Mussiggang. So spricht er: »das Leben ist ja doch nur ein 
Punkt in der Zeit; man muss es geniessen; der Alte ist ein ver- 
schimmelter Philister und reif für den Tod, hoffentlich werden wir 
recht bald seine Leiche zum Hause hinaustragen«^). Er plündert den 
Beutel des Alten, verhilft dem Jungen zu seiner Dirne-*) oder ver- 
kuppelt ihm eine Ehefrau^); setzt dem einfältigen Liebhaber den 



curnint laeti mi obviam cuppedinarii oinnes: Cctarii laiiii coqui fartores piscatorcs, 
Quibus et re salva et perdita profueram et prosum saepe : Salutanl, ad cenam 
vocaDt, adventum gratulantur*. Die Anekdote aus deo Xpslai des Komikers Machon 
über Chairephon bei Athenaeus VI p. 243 F. 

\) Plutarch cpUo; und xoXaE p. 63 F. Vgl. Curculio II 3» Crgasiius in den 
Captivi IV 2. 

2> Plautus Anaplntruo 993: 'anianti supparasitor* : vgl. 515 mil. 348. 
parasit'itio: Amph. 524. 

3) Plutarch a. 0. p. 64 D. 

4' Vgl. die vereitelten IlofTnungcn des Parasiten bei Alkiphron I 24. 

5. Alkiphron III 8 : ein Parasit will im Bunde mit einem Collegen seinem 
Gönner, einem veoicXouTo^, eine spröde Hetäre mit List oder Gewalt zuführen. 

6) Plutarch über Kindererzichung 4 7 p. 4 3A. 



60 RiBBBCK, 

Contract mit der Hetäre und der Kupplerin auf^j, übernimmt Sen- 
dungen ins Ausland, um das nöthige Geld für Liebeshändel aufzu- 
treiben und spielt dabei (im Interesse seines Auftraggebers) den ver- 
schmitzten Gauner 2); giebt seine eigene hübsche, unschuldige Tochter 
einer fremden Liebesintrigue und seinem Hunger zu Gefallen zu einem 
Scheinverkauf an den Kuppler her^); führt als geriebener Sykophant 
Processe, um dem Sohn hinter dem Rücken des Vaters zu seiner 
Geliebten zu verhelfen^); unterstützt auch den ungetreuen Ehemann 
in seinen Abenteuern^), oder wenn es gilt die Frau wegzujagen und 
den Verwandten Trotz zu bieten^); denuntiirt denselben bei der 
Gattin aus boshafter Rache'), oder um den jungen Herrn von der 
Nebenbuhlerschaft des alten zu befreien und jenem zu seinem Liebes- 
glück zu verhelfen^), oder um den Widerstand des Alten durch 
demUthigende Erinnerung an eigene Jugendsünden zu brechen^). 
Wenn er gereizt wird, besinnt er sich auf seine Pflicht als getreuer 
Haushund die Ehre seines xpecpcov zu bewachen, und zeigt den ehe- 
brecherischen Verkehr der Frau mit dem [loi^^oc an*^) oder enthüllt 
Heimlichkeiten aus vorehelicher Zeit"). 

Als Erbschleicher vollends scheut der xoXaS weder Kosten noch 
Mühe. Er füllt dem orbus Küche und Vorrathskammer mit Braten, mit 
den besten Erzeugnissen seines Gartens, er vertheidigt ihn vor Gericht, 
leiht ihm seine eigene Penelope, wenn denselben danach gelüstet ^*^). 

\) Plautus Asinam 746 fT. Bei Alkiphron III 64 ist der junge Herr in eine 
Hetäre verliebt, weiche ihre Gunst vielmehr dem Parasiten zuwendet. Ein ver- 
liebter Parasit: 67. 

2) Plautus Curculio 67f. I43f. 206f. 225 f. 275. 329ff. 

3) Saturio im Persa des Plautus. 

4) Phormio des Terenz. 

5) Alkiphron III 72 : die eifersüchtige Frau hat den Parasiten als \crmuth- 
liehen Gelegcnheitsmacher zur Verantwortung gezogen ; durch einen Glücksfall 
kommt er mit einem blauen Auge davon. 

6) Plutarch <p(Xo? und xoXaE p. 64 F. 

7) Peniculus in den Menaechmi des Plautus V 4 . 

8) Plautus Asinaria V 2. 

9) Terenz Phormio V 9. 

10) Alkiphron III 62. Die Frau hat sich durch einen Eid gereinigt und der 
blaniirte Denuntiant verwünscht seine Zunge: 69. 

H) Alkiphron III 63. 

12) Aelter als alle die Schilderungen und Züge bei Horaz (besonders sat. II 5) 
Ovjd Marlial luvenal u. a., welche FricdlUnder Sittengesch. P S. 367 IT. zusammen- 



KOLAX. 6 1 

Erkrankt der Reiche, so geloben die x6Xaxe(; Opfer für seine Genesung, 
und fühlen sich dann freilich sehr enttäuscht, wenn diese eintritt^). 
Nicht weniger erfreuen sich reiche alle Frauen solcher Huldigungen 2). 
Beruf und Zwecke des x6Xa; bringen es mit sich, dass er gegen 
Rivalen eifersüchtig und neidisch ist, mögen dieselben nun wahre 
Freunde oder nur seines Gleichen sein. Gelingt es ihm nicht sie 
offen aus dem Felde zu schlagen, so macht er ihnen öffentlich den 
Hof und kriecht vor ihnen, verläumdet sie aber im Stillen, denn er 
weiss, dass von seinen heimlichen Bissen, so geschützt das Opfer 
auch sein mag, doch immer Narben zurückbleiben*^). Denn die 
xoXaxsta ist eine Schwester der otaßoXr^^), zumal bei Hofe. Unter 
der Schaar der auXixol x^Xaxei; ist ein beständiger Kampf: jeder will 
der erste sein, stösst den Nebenmann mit dem Ellenbogen bei Seite 
und stellt dem Vordermann, wenn er kann, ein Bein; alle passen 
einander auf, um gegenseitig Blossen zu erlauschen '^) . 

Lob und Tadel des xöXaS. Seit Epicharm*') und Eupolis") sind 
die Parasiten und x'SXaxe; der Komödie geneigt gewesen über die 
Vorzüge ihres Charakters und Berufes, über ihre grossen Vorgänger, 
über die Regeln ihrer Kunst, seltener über die Plagen und Leiden 
ihres Standes sich auszusprechen, häufig in Monologen (namentlich 
Prologen). Darin haben sie eine gewisse Wahlverwandtschaft mit 
den Köchen. Der Parasit, sagt der in den AiSu|xoi des Antiphanes""), 
ist ein theilnehmender Freund : er nimmt Antheil an Glück und Leben 
(Lebensunterhalt) seiner Freunde. Kein Parasit wünscht denselben 
Unglück, im Gegentheil beständiges Wohlergehen. Lässt Einer viel 
draufgehen: er beneidet ihn nicht, sondern wünscht nur als Gesell- 



stellt (vgl. auch Petron c. H6 über Croton, und 4 24 zu Ende], ist was der lebens- 
lustige Hagestolz im miles glor. 706(1. R. vortragt. 
4; Lukian Todtengespr'ache 5. 

2) Athen. VI p. 246 B. 

3) Plutarch ^ iXo< und xoXa£ p. 65 D : Apophthegma dos Medios. 

4) Lukian calumniae u. s. w. 20, 451 vol. III p. 162 Bckk.). Vgl. Alkiphron 
HI 58. 

5'; Lukian a. 0. 4 0, 4 39. 

6 'EXttic Tj nXoüTo?. 

7 KoXaxsc fr. 4 59. 

8 fr. 84. 



(Vi RlRRECK. 

schafter Theil daran zu haben. Er ist ein treuer und zuverlässiger 
Freund, nicht streitsüchtig, nicht heftig, nicht giftig. Er lässt sich 
Zornausbruche gefallen, lacht, wenn du ihn verspottest, versteht sich 
auf Liebe (ep<oTtx6(;), macht Spass, ist heiter, dann wieder ein stram- 
mer Krieger, wenn er als Löhnung eine gute Mahlzeit erhalt. »Giebt 
es wohl«, fragt ein anderer in den AT^piat*), »einen angenehmeren 
Beruf als xoXaxeuetv? Alle anderen haben Mühe und Sorge: uns ver- 
geht das Leben unter Lachen und Schwelgen. Wo die Hauptaufgabe 
Scherz, herzliches Gelächter, Neckerei, Zechen ist, ist das nicht an- 
genehm? Für mich kommt es gleich nach dem Reichsein«. 

»Du kennst meinen Charakter«, sagt jener in den IIp^-jovoi des- 
selben Dichters*-^), »dass ich nicht von Hochmuth besessen bin, sondern 
meinen Freunden diene mich schlagen zu lassen als glühendes Eisen, 
zu schlagen als Donnerkeil, einen zu blenden als Blitz, einen zu ent- 
führen als Wind, zu erwürgen als Schlinge, Thüren aufzubrechen als 
Erdbeben, hineinzuspringen als Heuschrecke, ungeladen zu schmausen 
als Fliege^), zu erdrosseln, zu tödten, Zeugniss abzulegen über was 
man will, Alles unbedenklich zu thun. Um dessentwillen nennen D)ich 
die jungen Leute Ungewitter (oxirjirco^), aber ich mache mir nichts 
aus den Spöttereien, denn als Freund meiner Freunde gründe ich 
mein Verdienst auf Thaten, nicht auf Worte«*). 

Nachgebildet und variirt ist die Stelle im 'IaTp6<; des Aristo- 
phon^): »giebt Einer einen Schmaus, so bin ich zuerst da, so dass 
ich schon lange Suppe (Cü>|x6<;) heisse. Gilt es Einen, der sich beim 
Wein ungebührlich beträgt, vor die Thür zu setzen, so darfst du in 
mir einen argivischen Ringer sehen; gilt es an ein Haus anzurennen, 
so bin ich ein Sturmbock, eine Leiter heranzuklimmen, ein Kapaneus, 
Schläge zu ertragen, ein Ambos, Ohrfeigen auszutheilen, ein Telamon**), 



\) fr. U4. 

2) fr. 4 9 4. 

3) Die demnächst folgeuden Worte [ir/EsXUelv cppiap scheinen verdorben zu 
sein: der Fehler muss im Verbum stecken. Man erwartet etwas wie ^poyj^i^ziy. 
SYXOtirretv, i^j^afvsiv. 

4] Aus anderen Lobreden auf das Parasitenthum stammt von Antiphanes ine. 
fab. fr. 230. 248 f. 

5) fr. 3 HI 357 M.). Vgl. auch die Charakterist iit des Pj thagoristen fr. 9. 

(ij TsXafj.(üvtoi xovSuXoi sprüchworllich Hcsychius) wegen Apollodor III \1, 
(> H. 



KoLAx. 63 

Schöne zu versuchen, Rauch «^). Das cpiXeiatpov der Parasiten preist 
ein solcher im Apaxovxiov des Timokles^): »liebst du, so theilt er 
deine Gefühle ohne Umstände; hast du ein Geschäft, so ist er mit 
dabei und thut was irgend nöthig ist, indem er dasselbe für Recht 
hält als sein Pfleger, ein Lober und Bewunderer desselben durch 
dick und dünn. Es ist wahr, die Parasiten haben Gefallen an un- 
entgeltlichen Tafelfreuden: aber welcher Sterbliche nicht? welcher 
Heros oder Gott verschmäht eine solche Unterhaltung? Ein Haupt- 
beweis wie man sie ehrt, dass man ihnen dasselbe gewährt wie den 
olympischen Siegern: Speisung; denn Tüpuiaveta werden alle Mahl- 
zeiten ohne Beitrag genannt«. 

Wie vornehm und nur durch unwürdige Stümper in Verruf ge- 
bracht der Parasitenberuf sei, führt ein selbstbewusster Vertreter in 
der 'EmxXr^pot; des Diodoros fr. 2 (III 543 f. M.) aus. Hat ihn doch 
kein geringerer als Zeus cpiXio^ erfunden. Dieser tritt in die Häuser 
ein, gleichviel ob arm oder reich, und wo er ein hübsch überdecktes 
Lager sieht und einen Tisch mit gehörigem Zubehör dabei, da lässt 
er sich fein nieder, und nachdem er sich mit Speise und Trank 
gehörig gütlich gethan, geht er wieder nach Hause, ou xaxaßaXcbv 
ao[jtßoXd(;. »Ganz eben so mach' ich es: seh' ich gedeckte Lager 
und gerüstete Tische und die Thür offen, so trete ich still ein, 
ordne meinen Anzug, um den Genossen nicht zu belästigen, greife 
tapfer bei allen Schüsseln zu, trinke und gehe dann wie Zeus cp(Xio; 
heim«. Auch auf die ehrwürdige Genossenschaft der 12 Parasiten 
des Herakles beruft er sich, wofür mit Sorgfalt begüterte und wohl- 
beleumdete Abkömmlinge von Dynasten^) aus der Bürgerschaft aus- 
gelesen werden. Dem Beispiel des Herakles folgend haben dann 
später wohlhabende Leute Parasiten an ihren Tisch berufen, leider 
nicht Toi)(; j^apteaTdxoüi;, sondern toü(; xoXaxeüsiv 8uva|xevou(; , Leute 
die ganz wie die xoXaxec des Eupolis sich zu den elendesten Schmeiche- 
leien erniedrigen^). Diese Leute sind Schuld daran, dass der sonst 
so ehrenvolle und rühmliche Beruf jetzt verachtet ist. 

Es ist eben eine Kunst, die gelernt und geübt sein will, und 



\) Vgl. Schweighäuser zu Athen. VI p. 238 B. 

2) fr. 8 ^m 59 4 f. M.). 

3) nämlich voOoi. 

4 V. 35-40: s. oben S- 45. 



64 Ribbeck, 

7Avar von klein auf. Im Ilpcox'Sj^opot; des Antidotes^) erzählt ein 
erfahrener Meister einer Schar von Adepten, wie er schon als Knabe 
die Ohren gespitzt habe, wenn die Rede auf diesen feinen Beruf 
(xepiov) gekommen sei 2). Ein anderer bei Axionikos im XaXxiSixo; 
fr. 6 (III S34 M.) erzählt von den Ohrfeigen und den Wunden, die 
ihm an den Kopf geworfene Geschirre und Knochen in seiner Jugend 
verursacht haben. Aber diese Lehrzeit ist zu seinem Heil gewesen : 
jetzt weiss er den Streitsüchtigen durch bereitwillige Zustimmung zu 
pariren, erwirbt sich Gunst, indem er dem Schurken, der ein braver 
Mann zu sein behauptet, Lob spendet, und nimmt auch mit halbver- 
dorbenen Speisen gelegentlich vorlieb. Eine Schule der ars parasitica, 
deren Junger nach ihm selbst Gnathonici heissen sollen, will Gnathon 
im Eunuchus des Terenz (260 ff.) stiften. 

Am ausgiebigsten ist die Belehrung eines gewiegten Altmeisters 
bei Nikolaos (IV 579 M.). Nach ihm ist Tantalos 3) der Urahn des 
Parasitengeschlechtes, aber er verstand sich schlecht auf seine Kunst: 
er hatte eine zügellose Zunge, wurde vom Tisch (des Zeus) gejagt 
und bekam einen Schlag mitten auf den Bauch, dass ihm die Sinne 
vergingen, — ganz mit Recht: denn er war ein dummer Phryger, der 
die Offenheit seines Brotherrn nicht ertragen konnte. Auch jetzt ist 
vor dem Leichtsinn, mit dem man den gepriesenen Beruf des dau|x- 
ßoXüx; TaXXoipta öetiuveiv ohne alle Vorbereitung ergreift, zu warnen. 
»Wie kommst du denn eigentlich dazu, Mensch? was verstehst du? 
wessen Schüler bist du? welcher Secte hast du dich angeschlossen? 
von welchen Grundsätzen gehst du aus? Mit Mühe gelingt es uns, 
die wir ein ganzes Leben darauf verwendet haben, eine offene Thür 
zu entdecken, weil es so viele unverschämte Goncurrenten giebt. 
Nicht jeden führt die Fahrt zur Tafel glücklich hin. Erstens muss 
man eine gute Lunge haben, dann eine kecke Stirn, eine Gesichts- 
farbe, die nicht wechselt, unermüdliche Backen, die einen Puff aus- 
halten können. Das sind die ersten Elemente der Kunst. Dann muss 



\] III 528M., später als die gleichnamige Komödie des Alexis. 

i) Der Sprecher wird bei Athenacus VI p. 24 0b mit den Gelehrten in dem 
\on Claudius Caesar in Alexandria als Annex des Museums gesUfteten Claudianiim 
'^Sueton. Claiid. K%) verglichen^ wv ouoa p£}j.V7jO&ai xaXov : also etwa ein Haus- 
j<e lehrt er, wie ihn Lukian beschreibt? 

3) Ixion als Parasit des Zeus: Lukian Kronosbriefe 4^ 38 p. 417. 



KoLAx. 65 

raan verstehen, wenn man verspottet wird, sich selbst auszulachen; 
dem Brotherrn zu dessen Verderben zu Gefallen zu sein (lupo; x^P^"^ 
&{AtXei ToG Tp69ovTO(; iiz ^Xeöpo)). Der alte eitle Geck, der sich 
schminkt, sei dir ein Ganymedes; dem prahlerischen Krieger, der bei 
Tische Schlachten Kefert und Leichenhaufen thUrmt (in seinen Er- 
zählungen), höre geduldig zu, deinen Spott verbergend, und lass deinen 
Aerger an den Speisen aus«. So übertrifft die ts^'^t] irapaotiixT^ alle 
übrigen Künste, selbst die dXaCove(a^). 

Eine Ergänzung^) dieser Bruchstücke bietet Lukians Dialog über 
den Parasiten, eine Lobschrift auf denselben, welche den Beweis 
fuhrt, dass sein Beruf eine Kunst ist (ßii ts^vt) if) irapaotTixT^) . Es 
ist nach dem Obigen wohl anzunehmen, dass der Sophist einen Theil 
seiner Argumente und Beispiele der Komödie und anderen alteren 
Quellen verdankt. 

Der Parasit Simon ist auf die Kunst, als deren Meister er sich 
rühmt, nicht weniger stolz als Pheidias auf seinen Zeus und schämt 
sich des Namens icapdaixoc; durchaus nicht. Die erste Aufgabe des 
Parasiten ist, zu prüfen und zu entscheiden, wer geeignet ist ihn zu 
verpflegen, wem er zum Zweck des icapaoiTstv sich anschliessen soll, 
ohne es später bereuen zu müssen. Dazu gehört eben so viel Unter- 
scheidungsgabe wie für den Münzkenner, der echte und falsche 
Münzen zu scheiden hat, ja die Aufgabe des Parasiten ist schwieriger, 
da er keine äusseren Kennzeichen hat: er muss eine Art Mantik aus- 
üben. Welcher Geist und wieviel Übung gehört ferner dazu, immer 
durch angemessene Worte und Handlungen dem Gönner seine Zu- 
neigung zu zeigen und sich in seinen vertraulichen Verkehr einzu- 
nisten! Dann erfordert es Geschick, an der Tafel des Freundes so 



{) Anaxandrides im <I>ap{i.axo{iofvTi(; fr. 49 (HI 4 93M.1: 
oTt sijx aAa^wv, toüt fiTriTijxa? ; aAAa ti : 
vix^ yap aoTY) ra; is^rva? Tiaoa^ ttoXü 
jjLSTÄ T]^v xoXaxsiav * yjos jxsv yap Siacpspei. 
2) Eine satirische Anweisung für die Jünger des Parasitenthunis in Bagdad 
zur Zeit der Chalifen theilt aus dem Arabischen mit Alfred v. Krcnier Culturge- 
schichte des Orients unter den Chalifen II 20< (f. Unter Anderem wird aucli hier 
empfohlen: »vorzüglich nehmt auf Ilochzeilsschmliuse Bedacht, oder die Häuser, 
wo raan eine Erbschaft gemacht« u. s. w. Dann bekennt der Altmeister: »o wie 
oft habe ich gestritten und gelitten. Hiebe gegeben und bekommen, Tritte ver- 
tbeilt und genommen!« u. s. w. 

Abhandl. d. K. S. Oeaellsch. d. Wissenscb. XXI. 5 



GG RlDBKCK. 

viel wie möglich zu essen. Der Parasit muss ein Kenner sein und 
wissen was gut schmeckt, und er muss diese Kennerschaft beständig 
pflegen, um sie nicht zu verUeren. 

Die TcapaoiTixTQ ist in der That eine xej^vyj icoiecov xai 
ßpcüTetüv xai xAv 8ia laöta Xsxxecov, ihr xeXo(; ist das "JiSti, und 
schon Homer, in dessen Zeit die Parasiten datxü|xove(; hiessen, stellt 
durch den Mund des Odysseus, des weisesten der Hellenen, die 
Tafelfreuden als das schönste Ideal hin. Epikur hat der TcapaotxtxT^ 
ihr TsXo; entwendet für seine 6u8ai|xov(a, aber bei ihm kommt es 
nicht zur Geltung über der Unruhe wissenschaftlicher Forschung^). 
Der Parasit als Optimist zerbricht sich nicht den Kopf über die Welt- 
schöpfuog: in grösster Behaglichkeit und Seelenruhe isst er, lieg! 
rücklings, Füsse und Hände ausgestreckt wie Odysseus, als er von 
Scheria nach Hause abfuhr. Der Epikureer, auch wet^ er reich ist, 
hat viel Sorgen und Verdriesslichkeilen in seinem Hauswesen, die 
ihm das if]8u verkümmern können. Der Parasit hat weder einen Koch, 
dei' ihn ärgert, noch Feld noch Hausverwalter noch Silbergeschirr, 
dessen Verlust ihm Verdruss bereiten könnte. 

Alle anderen xspai erlernt man mit Mühe, die Parasitenkunsl 
allein ohne alle Mühe. Wen hat man vom Schmause weinend weg- 
gehen sehen: wie viele aus der Schule? wer geht mit finsterem 
Gesicht zum Schmause, wie die welche in die Schule gehen? Was 
Vater und Mütter ihren Kindern zur Belohnung für Fortschritte im 
Lernen geben, das hat der Parasit alle Tage. Täglich feiert er Feste, 
alle Tage sind für ihn heilige. Die Ausübung dieser Kunst bedarf 
keiner Werkzeuge, sie braucht überhaupt nicht gelernt zu werden, 
sie stellt sich durch göttliche Eingebung (deicf |xotpcf) ein wie die Dicht- 
kunst. Man kann sie ausüben zu Lande und zu Wasser, daheim 
und unterwegs. Ihre Voraussetzung (dp^i^) ist die edelste, nämlich 
Freundschaft (cptXia). Nur den Freund lUsst man Theil nehmen am 
Tisch und den Mysterien dieser Kunst. Dass dieselbe eine könig- 
liche ist, sieht man daran, dass der Parasit sie im Liegen ausübt, 
nicht sitzend oder stehend, nicht im Schweiss seines Angesichts wie ein 
Sciave. Er pflanzt und pflügt nicht, Alles wächst ihm von selbst zu. 

Die Parasitik hat allein einen festen Begriß*, während es über 

\\ Vgl. Ilegesippos fr. ? oben S. 34. 



KoiAx. ß7 

« 
(las Wesen der Rhetorik, der Philosophie die verschiedensten An- 
sichten giebt. Sie ist dieselbe bei Hellenen und Barbaren, es giebt 
keine Verschiedenheit der Dogmen in ihr. 

Kein Parasit trägt nach der Philosophie Verlangen, aber viel 
Philosophen nach der Parasitik. So ist der Sokratiker Aeschines in 
Sicilien Parasit bei Dionysios geworden, ebenso Aristipp, der es zu 
grossem Ansehen in diesem Beruf gebracht hat. Plato dagegen hat 
ihn nach zweimaligem kui*zem Versuch wegen Ungeschick aufgeben 
müssen. Arisloxenos war Parasit des Neleus, Euripides bei Archelaos, 
Anaxarchos bei Alexander. Aristoteles ist in der Parasitik nur ein 
Anfänger gewesen wie auch in anderen Künsten. Wenn es zur 
Glückseligkeit gehört nicht zu hungern, zu dürsten, zu frieren, so 
trifft das vor allem bei dem Parasiten zu. Philosophen, die frieren 
und hungern, sieht man genug, aber keinen Parasiten ; denn wer dies 
leidet, ist eben kein Parasit, sondern ein Bettler oder ein Philosoph. 

Wenn ein Krieg bevorstände und eine Musterung der waffen- 
fähigen Mannschaft stattfände, so würden die Parasiten sich als die 
tauglichsten herausstellen. Philosophen und Rhetoren sind mager 
und blass, der Parasit ist wohlgenährt, von angenehmer Hautfarbe, 
weder schwarz wie ein Sciave, noch weiss wie ein Frauenzimmer, 
lebhaft, mit kühnem feurigem Blick. Die besten Helden bei Homer 
sind Parasiten: Nestor war Parasit des Königs, der ihn höher stellte 
als den Achill, den Diomedes und den Aias. Auch Idomeneus war 
Parasit des Agamemnon, Patroklos des Achill. Um ihn zu tödten 
bedurfte es eines Gottes und zweier Menschen, und wie nobel ist 
er gestorben! Dass er aber Parasit war, beweisen seine eigenen 
Worte bei Homer, denn er nennt sich nicht ^tXoi;, sondern öepaTutüv 
des Achill, was nur Parasit bedeuten kann, da er ja kein Sciave 
war*). Ebenso ist Meriones Parasit des Idomeneus gewesen, endlich 
(nach Thukydides) Aristogeiton, der Befreier Athens, Parasit des 
Harmodios, denn er war arm und dessen ipaaxiQt;, und natürlich sind 
doch die Parasiten epaoxai ihrer ipscpovie^;. Wie benimmt sich nun 
der Parasit im Kriege? Zuvörderst geht er nie in die Schlacht, ohne 
vorher gefrühstückt zu haben, wie auch Odysseus vorschreibt. Wäh- 
rend andere mit ihrer Rüstung zu schaffen haben und vor Furcht 

\) Vgl. Demetrios von Skepsis oben. S. 7. 3^. 



68 Ribbeck, 

zittern, sitzt er mit heiterer Miene bei Tisch. Nachher kämpft er 
in der vordersten Reihe, deckt mit seinem Schilde seinen Tpecpcov, 
dessen Leben ihm ja theurer ist als sein eigenes. Fällt er, so bietet 
er noch als Leiche einen stattlichen Anblick, als ob er bei einem 
Symposion läge. 

Im Frieden überlässt er Markt und Gerichte den Sykophanten, 
besucht Gymnasien Palästren Symposien, deren Zierde er ist. Er 
weiss mit den wilden Thieren umzugehen: weder vor einem Hirsch 
noch vor einem Wildschwein erzittert er bei Tisch, er weist ihnen 
die Zähne. Auf Hasen macht er besser Jagd als die Hunde. Wer 
nimmt es beim Symposion mit ihm auf in Spässen und Essen, mit 
Singen und Scherzen? 

Was nun seinen übrigen Lebenswandel betrifft, so verachtet er 
den Ruf: es ist ihm gleichgültig, was die Leute von ihm denken. 
Er schätzt das Geld so gering wie die Steine am Strand. Er ist 
nicht zornig, oder wenn er einmal erzürnt ist, so erheitert er viel- 
mehr damit seine Gesellschaft^). Es giebt nichts was ihm Verdruss 
bereiten kann, da er weder Geld noch Haus noch Diener noch Weib 
noch Kinder hat. Wenn er Nahrungssorgen hat, so ist er eben kein 
Parasit mehr. Er wird auch nicht von Furcht geplagt. Seine Thüre 
legt er des Nachts nur leicht an, damit sie nicht vom Wind geöffnet 
wird ; kein Geräusch in der Nacht erschreckt ihn ; an einsamen Orten 
geht er unbewaffnet. Den Parasiten kann niemand wegen Buhlerei 
oder Gewalt oder Raub anklagen 2). Sobald er eins dieser Vergehen 
begeht, hört er auf Parasit zu sein. Es giebt keine Apologie eines 
Parasiten und nie ist ein Process gegen einen Parasiten erhoben 
worden. Er stirbt den glücklichsten Tod, essend und trinkend: 
höchstens stirbt er an mangelhafter Verdauung^). 

Ein Reicher ohne Parasit, der allein isst, erscheint als ein Bettler, 
armselig und elend, wie ein Krieger ohne Waffen, ein Kleid ohne 
Purpursaum, ein Pferd ohne cpdXapa. Der Parasit ist sein Schmuck 
und sein Schutz. 

Selten wird in der Komödie, desto häufiger aber in moralischen 
und satirischen Betrachtungen die Schattenseite des Charakters 

\) Vgl. Diphilos 2!uv(op(;. 
2^ Vgl. Alkiphron IH 52. 
3 Vgl dial. inorl. 7. 



KoLAX. 69 

direct herausgekehrt. Nur aus dem rd[jLo<; des Diphilos haben wir 
eine in grösserem Stil gehaltene Auslassung über das Unheil, welches 
der xoXaS anrichtet, fr. 23: 

6 i[äp x6XaS 
xal orpaTTj^ov xai SovdoTTjv xai 9{Xoü(; xal xa; luoXei^ 
dvaipeiuet \6i[to xaxoüpf^ (xixpov ij86va^ j^povov. 
vuv 3s xal xa^e^Ca ti<; üTuoSeSüxe toü<; oj^Xoüi;' 
a{ xp(oei^ 8'if)|itt)v voooGot, xal to 7cp6<; X^P^'' tcoXü. 
Auch im Veu8Y]paxXi3(; des Menandros fr. 505 beklagte (vielleicht 
ein treuer Diener) das Unheil, welches der Parasit mit seinem Ge- 
folge im Familienleben anrichte, wenn er zur Frauenwohnung und 
zur Vorrathskammer Zutritt habe. Hieran schliessen sich die Verse des 
Komikers Anaxilas fr. 33 (III 353 M.): die xoXaxec sind Würmer 
in der Habe der Besitzenden. Sie nisten sich bei einem Arglosen 
ein und essen, bis das Futter alle ist: nachher ist dieser eine leere 
Schale, sie aber nagen einen anderen an^). 

Wie man sonst über den xoXa^ dachte, mag eine kleine Samm- 
lung von Vergleichen lehren, durch die man ihn charakterisirt hat. 
Der x6XaS hat die Natur des Polypen, der die Farbe des Felsens 
annimmt, an dem er gerade haftet, und sie mit dem Ort wechselt; 
er ist also ein echter Hellene, der nach der alten Regel lebt, die in 
populärer Spruchweisheit schon dem Kinde eingeprägt wurde ^). In 
demselben Sinne gleicht er dem Chamäleon: wie dieses alle Farben 
annimmt, ausgenommen die weisse, so vermag er sich Allem anzu- 
passen, nur nicht dem Ernsthaften und Guten ^). Er ist wie ein 
Spiegel, der die Bilder fremder Bewegungen und Affecte wieder- 
giebt^), wie der Schatten des Menschen, der mit ihm geht und 
steht*), wie jene Eulenart (toxo;), die dich umschwirrt und alle 
deine Bewegungen mitmacht®), wie der Vogelsteller, der die Stimme 



\) Vgl. PluUrch rf[ko<; und xoXaE 19 p. 61 D. 

2] Plutarch (p(Xo<; und xoXaE 8 p. 52 F. Vgl. Athenaeus VII 100 p. 3l6ff. 
Zenobius I 24 mit d. Erkl. J. Bemays über d. Phokylideische Gedicht S. XI f. 

3) Plutarch a. 0. p. 53 D. 

4; Plutarch a. 0. p. 53 A. 

5] Plutarch a. 0. p. 53 B. 

6) Plutarch a. 0. p. 52 B. Wyttenbach vergleicht Aristoteles hisl. an. VIII 12: 
mro; . . . lati 8i xoßaXo; xal jjlijit^tti;, xal avTopj^oofjievoc aXfaxeiai, icepieXOovTOc 
Oaiipou Tcov &7]peoTa>v, xaOairep y^au^. Plutarch de anim. solert. p. 961 E. 



70 RiBBBCK, 

der Vögel nachahmt^); wie ein schlechter Maler, der wirkliche 
Schönheil nicht zu erreichen vermag, sondern die Ähnlichkeit in 
Runzeln, Narben, Hautflecken sucht ^); wie Wasser, das sich aus 
einem Geföss ins andere giessen lüsst^). Wie den Stieren die Bremse, 
den Hunden die Laus im Ohr sitzt, wie der Holzwurm sich gerade 
in weiches und süsses Holz am liebsten einbohrt, so klammert sich 
der xo)vaE am liebsten an Eitle und Ehrgeizige^). Er ist der schlimmste 
Beklunpfer der Selbsterkenntniss, ein Feind des Pythischen Apollon 
und, sofern die Wahrheit etwas Göttliches ist, ein Gottverhasster^). 
Wie unechtes Gold nur den Glanz des echten ausstrahlt, so giebt 
der x6Xa£ nur die heitere und freundliche Seite des wirklichen Freun- 
des wieder^'). Er ist nur für frivole Zwecke zu brauchen, wie der 
Affe als Uausthier nur zu Possen und Scherz dient ^), diebisch und 
räuberisch wie der Rabe^) und Geier^), zudringlich wie die Fliege^"). 
Er wedelt, kriecht, grinst wie der Hund. 

V. 

Die Charakteristik des x6Xa6-TCapdotTo; wird weiter vervollständigt 
durch die Spitznamen, welche Einzelnen oder besonderen Kate- 
gorien beigelegt sind. Ein Theil derselben ist schon zur Erwähnung 
gekommen. 
Zi(ü|x6<;. Anaxandrides fr. 34, 5: Xtuapö; TuepiTuaTei AtjixoxX^;, Cu>[ao(; 

xaT(ov6|xaaTai (über Demokies S. 83). Aristophon fr. 3: av xt^ 

saxi^, 7üdpei[JLt Tup&To^;, (ßax i^Sy] irdXat . . . Cu>|xo<; xa}woö(xai. 
KdipxQtpo<;, der scharfgezahnte = Thrason, Parasit des syrakusischen 

Tyrannen Hieronymos: Athen. VI p. 251 E. 



\) Plutarch praer. rei p. g. 3, 13. 

2) Plutarch '^ikoc und xoXa$ p. 531). 

3) Ebenda p. 52 ß. 

4] Ebenda p. 55 £. 49 D. 

öj Ebenda p. 49 B. 

6) Ebenda p. 50 A. 

7; Ebenda p. 6 iE. Lukian Fischer 34 p. 603: xoXaxsuuxcurepoi Si tcuv 
«ri^ixmv. 46 p. 64 3: heuchlerische Philosophen sollen gubiandmarkt werden mit 
dem Stempel des Fuchses oder des Affen. 

8 Aristophanes Wespen 4üir. Diogenes bei Athenaeus VI p. ?54C. 

9 Vgl. Lukian Timon 45, 159: ^UTCuiv GtTcavTCDV ^opvkaxe,. 

10 Antiphanes fr. 194, 7: SsiirvsTv a/Xr^To; [xuia. Vgl. 3130, 6. 



KOLAX. 71 

Ksaxpcüc;, ein Seefisch, der kein Fleisch, auch nicht von Fischen 
frisst (vYjoTeüet). So heissen hungrige Parasiten. Schon Arislo- 
phanes im Gei*ytades Fr. 156 K. nannte ehrliche Hungerleider 
avSpa; xeoTpei;. Alexis im Op6S fr. 251 : iifo} ii xeorpeuc; v^otk; 
otxaS' dicoTpe^o) (vergeblich hat er auf dem Markt eine Einladung 
erwartet). Diphilos in den Ai^ptai fr. 52: oötoi SeSenr^T^xaoiv 
6 8e Toka^ Vfth \ xeoTpei«; äv siyjv evexa vYjateia«; dxpa^. Euphron 
in der Atoxpd fr. 2 (IV 489 M.): MiSa; H xeorpeüc eaxf vtjotk; 
TcspiTcaTei. Anaxandrides im 'OSüaoeüt; fr. 34, 8 (III 177 M.): xd 
Tü6XX' dSeiTT^o^ Tceptiuaxet, xeaxptvo^ laxi v^oxic Eubulos in der 
Nausikaa fr. 68 (III 238 M.): 8<; v5v xexdpxrjv Tfjfxepav ßaTüxiCexai, 
vijoxtv TcovTjpoG xeaxplü)^ xptßcov ß(ov. Bei Ameipsias in den 
' ATCoxoxxaßCCovxec fr, 1 (II 701 M.) ein Gespräch zwischen einem 
Parasiten und dessen ungastlichem Gönner. »Ich will auf den 
Markt gehen«, sagt der erstere unmuthig, da er die HoQ'nung 
aufgegeben hat bei diesem zu speisen, »und will sehen, ob ich 
Arbeit (d. h. eine Einladung) kriege«. Darauf der andere: »recht 
gut, dann bin ich dich los«, "^xxov -ydp o5v | v-^oxk; xaOdTcep 
xeaxpeCx; dxoXoüÖT^oet(; 6|io(. Vgl. Athenaeus VII c. 77 — 79. 
Zenobius IV 52. Diogenianus V 53. Hesychius s. v. xeaxpstt;. 
Vgl. oben S. 23. 25. 

K6p|xo^ (xop|i6<; Stumpf, Rumpf): Timokles fr. 9. Vielleicht nur ein 
X<i«to8üXT^<;. 

R6pü8o(;, Lerche = Eukrales (vom Lachen und seiner hellen 
Stimme?). Athenaeus VI c. 39 ff. 47. Kratinos iun* fr. 8. Alexis 
fr. 45. 166. 178. 222. Timokles fr. 9, 11. Euphron fr. 8. 

Kpißavo^ dpxwv, Backofen: Ephippos fr. 1? 

Kupir]ß((üv, Kleie = Epikrates, Schwager des Redners Aeschines: 
Demosthenes de f. 1. 287 Harpokration s. vv. ETrixpdxTj«; und 
KupTjßicov. Athenaeus VI p. 242 D. Alexis fr. 466. 

KcDßiü)v, Gründling: Alexis fr. 166 (vgl. 97). 

AaYüv{<ov, Flaschner = Demokies-: Athenaeus XIII c. 48. 

AsjAßo;. Anaxandrides fr. 34, 7: 6irto8ev dxoXoodei x6Xa$ x(p, Xsfißo; 

l7UlX6xXY]Xai. 

Miccotrogus = Gelasimus im Stichus des Plautus 242: 'nunc JVIicco- 
trogus nomine e vero vocor'. 



72 Ribbeck, 

Peoiculus in Plautus' Menaechmi 77: 'iuventus nomen fecit Peni- 

culo mihi Ideo quia mensam, quando edo, detergeo'. 
IIxepvoxoTüi;, Schinkeuschlächter = Philoxenos Athen. VI c. 40. 

48 Axionikos fr. 6. Menandros fr. 269. Vgl. flxepvoYXü'fo;, 

lIispvoTpüixTTjc; Balrachom. 222. 29. 
Scortuni =i Ergasilus in Plautus' Captivi 69: 'iuventus nomen indidil 

Scorto mihi Eo quia invocatus soleo esse in convivio'. 
SefiioaXt^, Weizenmehl: Alexis fr. 166. 97. 
SeöxXov, iMangold = Eukleides: Athen. VI p. 250 E. Die Form 

asüxXov für das attische xeGxXov klang dem Athener affectirt 

(iMeineke com. Gr. III 448). 
Sxr^TCTo;, Gewitter: Antiphanes fr. 194, 10 f. 
2xo|X|Spo;, Makrele: Alexis fr. 166 (vgl. fr. 76. Timokles fr. 14). 

Hier reihen sich die Parasitennamen der Dichtung an:^) 

AxpaxoXüfiac; A IM 53 (vgl. Athenaeus VI p. 251 E über Thrason). 
*AXox6(xtvo(; A III 58. 
A|idaT^xo<; A III 59 ( A|iaoxo<; Meineke: vgl. Suidas aiiaoxoc* i 

a(xaaY]xo;). 
ApioxoxopaS A III 68. 
'Aptox6(xaxo<; A III 49. 
'Apxe7ciöü|xo^ A III 6. Vgl. 'ApxeufßoüXo; Batrachom. 258. 'Apxo- 

cpayo^ Batrachom. 211. 
'ApxoTTtixxTj; A III 50. 
Artotrogus: Plautus' miles glor. Vgl. TpüiSdpxr^f; Batrachom. 28. 

105. 110. 247. 
Aüx6xXt]xo<; A III 55. 
BopPop6Cti)|xo<; A III 74. 
Boüxttüv A III 43, verwandt mit ßooxxiCstv i= ieientare? (anders 

iMeineke zu A III 60, der diesen und andere Namen von puxo^, 

einer Weinsorte bei Alexandria, herleitet. Mit bucca stellt Knorr 

den Namen zusammen). 
BoüxoTcvtxxYjc A III 50. 

rdaxpiov in gleichnamiger Komödie des Antiphanes. 
Gelasimus im Stichus des Plautus. 



\] Die Namen des Alkiphron stellte von A — E zusammen Knorr in d. Progr. 
S. 12 fr. Ich bezeichne mit A die Briefe des Alkiphron. 



Koux. 73 

Fei&eXXot; A I 22, vielmehr wohl ein a^poixoc;: vgl. I 27 f. 
Fvddcov A III 34. 44, im Eunuchus des Terenz. Vgl. Longos IV 

10 f. Hesychios. 
rvodcoviSyj^ Lukian Timon 45, 159; Fugitivi 19, 375. 
Fpovdcüv [=z dva^üar^ai(;; Hesych.) A III 52 (ifopöcov Veo. ifpiUiD^ 

Par. Ven. mg. Tevöicov Hercher). 
FpiiXXt'cov A III 10, 2. 44, 1. Axionikos fr. 2, vgl. Athen. VI p. 244F. 

245 A. XIII 591 D (s. die Liste der historischen Parasiten S. 81 j. 
Curculio des Plautus. 
7Fü|xvoj(aipcov A III 66 (Aeiirvoj^atpiov oder Pafxo^^aCpcov Herel. 

'Ajivoj^aipcov verm. früher Hercher. Fapo^^atpcov Knorr. Fopo- 

)^dpiüv? Dass die zweite Hälfte -^^dpiov lautete, bemerkt Hercher). 
Ai'^avoicauaiXüTcoc; A III 67. 
'ExToSicüXTY); (=1 rJjv exTT^v oicoxcüv: vgl. III 4) A III 5. ('EtvoSiioxitj^ 

Seiler). 
Ergasilus in den Captivi des Plautus (vgl. Ipfov Xaßer^). Nach 

König de nom. propr. 19 f. = Scortum (vgl. Artemidorus I 78). 
'Epsßtv&oXsiüv, Erbsenwürger A I 23: Hercher Philol. IX 42. 

('EpeßtvöoXeiccüv Meineke). 
^EioiiidpiaTo^ A III 55. 
'Exoi |i6xoaao<;, Dachtelmeier A III 7. 
ESpoüXoc A I 22 (ob Parasit?) 
E&xviao; A UI 52. 

*EcpaXXoxüdp7]<; A III 64 (xtiöpTj ionisch = j^üxpa). 
Z7jv6cpavTo^ Lukian Tod tengespr. 7 . 
Z(0{iex7cv£u)v A III 7. 
HoüSstTCvo; A III 68. 
vHapipocpdifoc; A III 56 (Hoixßpo^dYoc; Bergler. 'lajxßoydYoc; Meineke. 

HajxßocpaYpoc; Hercher: 'fd^poi; ein gefrässiger Fisch). 
HiQpcuv bei Menandros fr. 854. 
Hpaoox6öoi[xo<; A III 70, wohl eher ein Krieger? 
'la^voXiiJLoc; A I 21. 

Kairvoo'f pdvTT] ^ A III 49 : vgl. Eustathius p. 1 71 8,60 (com. anon. fr. 119^. 
RaTcupoacp pdvTTfj^? A III 62 (KaTuvoa^pdviYjc; Reiske. Kaicpoa^pdvnjc; 

Seiler). 
KecpaXoYXüTCTTjc; A III 48 (nach Seiler. Ke^peXoYXüTcxrjc; Ven. 'E^eXo- 

YXüTTTr^i; die übrigen Hdschr. Vgl. Anm. 2 zu S. 58). 



7i Ribbeck, 

Kvia6Cü>|Jto<; A III 6. 

KoaaoTpdTreCoi; A III 69 (KvüiaaoTpdireCo; Hercher. rXüioaoipditeCo; 

Knorr!) 
KoTüXoßpo^^dioo^ A III 8. 
K p s X cü ß Y] <; A III o 1 . 
Küvai&o; A III 43 >. unten S. 87). 
KüTTsXXiaiT^c; A III ö(>. 

KüivüiTcoacppaviTj; A I 21 (Kair^oacppavTr^;?) 
Kü>7ra8iü)v (Liebhaber von Aalen aus dem Kopaissee) A III »52 

(nach Hercher Herrn. I 280 : KoicaSicov die Handschr. Ao7ra8(cüv 

Schäfer). 

Aai(xoxüxXcü'|» A III 51 (s. unten KüxXu)Tre<;). 

Aa)(ovoi)aü(xoao^ A III 47. 

Astj^oTutvaS A III 44 (vgl. Aetj^oiuivaS Balrachoni. 100. 227. AeipfiiiXT^ 

Batrachoni. 29. Aei/iQ^Hop 202). 
Ai[xevTepo(; A III 59. 
AiixoTCüxTYjc; A III 70 (nach Meineke; AiixoTruatr^; die Handschr. 

AifioYstiaTTj; Seiler). 
AoTaQ£xi)a[i|3o<; A III 4 (nach Reinesius, Xoiraoej^öaixfio) die Handschr.). 

MavoaXoxoXaKiYjc;? Riegelfeiler, Thüreinbrecher? A III 5 (Mav- 
8oXoxoXaimg B MavSüXtxoXdtTmg Yen. MavöiXoxoXaimg die übrigen 
Hdschr. MavSiXoxXeTTiT] Reiske KavSoXo/oXiimg Seiler MaYÖaXio- 
xoTTOg Hercher). 

MaiTuacpaviaoc; A III 48 (nach Hercher Herrn. I 280: (xaxxacpaviaaü) 
H Mairacpötviaü) Ven. Mainracpaaiü) die übrigen Hdschr. xMauira- 
cpaviao) Seiler). 

Mepidäc A III 61 (s. Meineke) = täv dpiaicov diro'^£p6(xevo; (xsptdac*? 
vgl. 56, 1. MepiSapicaS Batrachoni. 257. 270). 

Movo^vo^o^ A fr. I (Movo^vdöci) Hercher. MovoYvaiXco die Hdschr. 

^ Meineke nimmt den Nom. Movo^vdötov an). 
Multivorus: lex convivalis. 

OtvoXaXo; A m 57 (OtvoXao; Ven.). 

Oivo7rv{xTr^<; A III 8 (nach Ven. OtvoTin^xTr^c die übrigen Handschr. 

OtvoTTiTTy;; Seiler). 
i)ivoxap«)v A III 72 (mit Hercher, üfvo^aCpcov die Handschr.) 

riavXd-^ovo; A fr. I (vgl. Hesychius HaXXa^^avov) . 



KoLAx. 73 

naxatxiwv A III 10, 2. 42, 1. Über die Pbönikischen Zwergidole, 

riaTaixot, Herodot III 37. Vgl. com. anon. fr. 443. 
riaTsXXo^apcov A III 54 (llaxeXXoj^apovxi die Hdschr. naxeXXo/apcovt 

Hercher) . 
rir^^aY^ccüv A HI 65 (nach Hercher. nr^Zdy/M[Lo^ Par., nTj^d^covoi; 

Ven., von Meineke vertheidigt. nrjSaYYjcpvoc die übrigen Hdschr.). 
ntvaxoaicoY^io^ A III 63 (tlivaxoaTOYYtov Meineke p. 164. Ilivaxo- 

airoYTto«) Hercher. Vgl. Peniculus S. 72). 
nXaxouvxo(iUtt)v A III 67. Ein solcher ist I 22 geschildert. 
IIXaxüXaiiAoc A I 23. 

Ilox7jpiocpX6apo; A III 57 (nach Bergler. rioxTjpocpXudpm die Hdschr.). 
Properocius: lex convivalis. 
'Pa-jfoaxpd-jfYiooc;, Beerenpresser, A III 42. 
*Pacpavoj(6pxaao(; A III 72. 
'Piv6}xaxo<; A III 65 (vgl. Menandros fr. 854: iiio^' diriaxa(xai ^iväv. 

' Pt7o(xd)((i> Meineke. 'Püxo|idj^a) Hercher). 
XapöavdTuaXXoc; A HI 52, 1. 
Saturio im Persa des Plautus. 
2xop8oXeTciao<; A III 62 (s. Meineke. SxoSpoXsTciaoc; Ven. 2xopo8o- 

XeTxtao^ Hercher). 
Xx8|icpuXo§ai|xcov A III 42 (i]xacpüXo8a((xovi Val.). 
Sxe|i(j>üXo5^dptt)v A III 46 (mit Hercher. ISxefxcpüXo^^afpcov die Hdschr.). 
Sxpdxtoc Alexis im llopaüvo^ fr. 196. 

lSxpoudfa<; Menandros fr. 285. Vgl. Lukian Fugilivi 19, 375. 
i;xpoü»(ü>v A HI 43 (Sxpoüaiac; Ven.) I 9. 
TVjXecpoc;: Alexis llapdatxo;. 
ToupSoaüvaYOc; A III 64 (ToupSoxuvaYo«; verm. Meineke. Toüp8oau(x- 

cpa^o^ Seiler). 
TpaireCoXe (xxY]^ A III 45 (nach Ven. und B. TpaiceCoXsij^cov die 

übrigen Hdschr.) 
IpaTZE^oyipto^ A III 46. 
Tpsy eosiTcvoi; A III 4. 
TpixXt^^oadS, pulvinar farciens, A HI 69 (nach Ven. TptxXtvoodpaS 

die übrigen Hdschr.). 
*TovoacppdvxY)<;, Trüffelriecher, A III 61 (nach Hercher. üSpoacppdvxr^; 

die Hdschr. ausser Ven., der SxopSoa-fpdvxr^; hat). Als seinen 

eigentlichen Namen giebt er IloXüßio^ an, 



76 UlBUECK, 

'YicvoipotTcsCo:; A III 60 ('iTcvoipaiceCo; Seiler). 

OaxioSapoaTTToc; A III 66 (nach Hercber. Oa^oöttpSapici) Yen. 
Oa^oSatTY] die übrigen Hdschr. Oa^oSapSaTcrci) iMeineke). 

OiXdTTopo; A III 71 (s. Meineke). 

<DtXtGt87j;: Lukian Tinion 47 f. 

OiXoYopeXaSio; A III 58 (OtXoYapsXaoiov Meineke p. 164). 

(DiXoiJid^sipo^ A lll 63. 

P h r in i o des Terenz (Donat praef. p. 14, 4 Ü\ R. : * quamobrem 
nulla dubitalio est haue solaiu esse, cui nouien poeta uuitaverit, ei 
errare eos, qui in hac Phorinionem parasituui putant a forniula litis 
quam intenderit noniinaliini, cum Graeca üngua tiscus sparteus et 
stramen nauticum sie dicatur: a cuius rei vel capacitate vel vilitate 
etiam ab Apollodoro parasitus Pbormionis nomine nuncupatur'). 

Opi-jfoxoCXTjc;, Schnierbauch ? A III 74 (<l>püYoxotXr^^ Yen. Opi^oxocXr^; 
und <I>ptYoxe(XY]<; andere Hdschr. OpixoxotXTj^ Bast. OpixoxoiXT]!; 
oder *PiY03co(Tr^; verm. Meineke). 

Xaaxoßoüxr^<; A III 60 (Boüxoj^daxTj; verm. Seiler und Meineke). 

XuxpoXeCxTYjc; A III 54. Vgl. ' Kixßaaix^Tpo; Batrachom. 137. 224. 

XcovoxpdxYjc;, Tiegelbeherrscher, A lll 53 (nach Seiler. Xcüvoxpdxco 
und Xovoxpdxco die Hdschr.). 

Vij^oSiaXexxTjc;, Kriimelnascher , A III 45 (Vi^^oSiaXetxxY)^ Seiler). 
Derselbe wird angeredet Vtj^tcov. Ygl. Vij^dEpicaS Batrachom. 24. 
106. 141. 231. 

VijroxXaüaxYjc, Krümelbeweiner, A III 43 (U^üjfoxXauaxY)^ Yen.). 

Vij^ofxaj^oc; A III 71. 

'öpoXoifioc;, der nach der Uhr sieht, A lll 47. 

VI. 

An diese Namenliste, welche den Parasiten hauptsächlich als 
gierigen Tischgast charakterisirt , fügen wir zunächst einige Bilder 
hervorragender historischer Persönlichkeiten dieser Gattung, 
welche in der Komödie vorkommen. 

Vor allen ist zu nennen Xaipecpcov^). Er hat die Kunst er- 
funden sich xa 6erW daü(xßoXa zu verschaffen. Er geht früh auf den 
Topfmarkt« wo Kochtöpfe an Köche vermiethel werden. Sieht er, 



\] Athenaeus IV 58 p. 1G4F. VI 42 p. 243 ff. 



KoLAX. 77 

dass ein Koch einen solchen für einen Schmaus miethet, so Trägt er 
ihn nach dem Namen des Gastgebers, und sobald er bemerkt, dass 
sich die Thür desselben öfifnet, so tritt er allen voran hinein^). Ein 
feineres Strategem war folgendes. Am 24. Gamelion war der tsp&i; 
i[d\io^ des Zeus und der Hera, ein Fest, welches zugleich mit den 
Gamelien der Phratrien durch Privatschmäuse, zu denen man die Ge- 
nossen der Phratrie einlud, begangen wurde. Um sich für eine solche 
Einladung frei zu halten, erklärte Chairephon, er werde den Upü^c; 
^a[Lo<^ am 22. bei sich zu Hause feiern, einem Unglückstage, an dem 
voraussichtUch kein Gast zu erwarten war^). Man musste immer 
darauf gefasst sein, ihn neben den eingeladenen Gästen als Tcapaßooxo; 
auflauchen zu sehen ^). »Ich lade Ares und Nike ein bei meinem 
Abzüge«, sagt ein ins Feld rückender Krieger; »ich lade auch den 
Chairephon, denn wenn ich ihn auch nicht lade, so wird er doch 
axXr^To^ kommen«^). Bei einem Hochzeitsschmause liegt er einst 
wieder ungeladen zu unterst am Tisch. Da kommen die Yuvaixov6|xot, 
welche nach einem Gesetz des Demetrios Phalereus zu inspiciren 
haben, ob die Anzahl der Theilnehmer auch nicht das gesetzliche 
Maass (30) überschreite. Es ergiebt sich, dass Chairephon überzählig 
ist, und er wird fortgewiesen. Er aber sagt zu den Beamten: zählt 
doch noch einmal, fangt aber bei mir an^). Wie zu Hause war er 



\) Alexis fr. 252. 

2) Menander fr. 309 : 

i\ik Yoip BiiTpitj^sv b 
xojjL^oTaTo? avoptt)v Xaipscpoiv, tspov ^afiov 
cpaoxcov TToiK^aeiv §suTSpcf {jlst' eixaSa 
xal>* aoTov, Tva r^ Terpaoi osnrv^ uap' stipoi;* 
Ta T^€ fteoü fap TravTa/tü? ej^siv xaAtti;. 

3) Timolheos fr. 2 p. 798 M. 

4) Apollodoros v. Karystos fr. 25. Vgl. das Apophthegma der Gnathaina bei 
Athenaeus XIII p. 584 E = Wiener Apophlhegmensamiulung n. 188 (Wachsniuth 
Heidelberger Festschrift zur Begrüssung der 36. Philol. Vers. 1882 S. 32). Es 
isl ein Zug des uirepr^cpavoc , beim Gastmahl zu spät zu kommen : Cliairephon 
Oüoi xoXoujxsvo; epj^exai, sondern axXr^To;. 

5) Athenaeus VI p. 245 A. Das von Philochoros im 7. Buch seiner Atthis 
ebenda p. 245c) erwähnte Gesetz war neu, als Timoklcs seinen <I)tAooixa(Tnj? 

aufführte (fr. 32), wo ein aocoio? spricht. Im Rückblick auf jene Zeil, wo die 
neue Verordnung manchen Conflict zwischen den Betheiligten hervorrufen moclite, 
erzählte einer im Ksxpü'faXo^ des Menander (fr. 265) eine Anekdote, vielleicht von 
Chairephon, der ja in diesem Stück erwähnt war (fr. 270). Durch diese Auf- 



78 RiBBEGK, 

als stundiger 7uopa(xaaY]TYj<; bei dem Verschwender Deraotion*). Einst 
war er wirklich zu einem Schmause geladen. In der Nacht wacht 
er auf, sieht den Schatten des Mondes, glaubt, es sei die untergehende 
Sonne, stürzt fort in Angst zu spät zu kommen , und ist bei Tages- 
anbruch zur Stelle^). Selbst über das Meer nach Korinth ist er un- 
geladen zu Gast gegangen, so viel Freude machte es ihm, an fremdem 
Tisch zu essen ^). In einer Komödie des Nikostratos kam er selbst 
unter den Personen als Zechgenosse vor*). Mit einer hungrigen See- 
möve (wie einst Aristophanes den Kleon) verglich ihn der Parode 
Matron^) in seiner Schilderung des Schmauses, welchen der Redner 
Xenokles®) in Athen gegeben hatte. Er liess denselben wie den Feld- 
herrn auf dem Schlachtfelde die Reihen seiner Gäste durchschreiten: 
8 ozri 8' ap' eir ouSov (uiv, a^sSoöev 8s ot r^v irapdaixo^ 

Xaipe^ocDV, TceivtovTi Xapcp ßpvi&i^ eoixco^ 

vT^or/]c, dXXoTp(ü)v eü 6i8u)(; 8si7cvoauvdu)v. 

TA 8e [xaYeipoi V-^"* ^opeov TcXijadv xe xpa^e^a«;, 

ot<; STctxexpaTcxat (xeifac; oupavo; oiixavidcDv, 

T^ixsv ImoTcsüaai Seiicvoo j^povov t^8' dvafisivai. 

fassung, die auch durch den Ausdruck xara vop.ov xaivov xiva bestätigt wird, 
sind die von Mcineke anal. crit. (Athen, vol. IV p. 107] geäusserten Bedenken 
gehoben. Zu Menanders Zeit scheint das Gesetz schon nicht mehr gegolten zu 
iiaben. Vgl. Boeckh Ges. kl. Sehr. V 423 f. 

\) Timokles fr. \0. 

S) Menander fr. 353. Ähnliches von Philokrates erzählt bei Eubulos fr. 118: 
s. oben S. 35. 

3) Alexis fr. 206. Vgl. Alkiphron HI 51. 60. Dass er auch [UfidBr^xE 
xcofidCeiv aSsiTüVoc, ohne Fackel und Kränze, wird bei Antiphanes fr. 199 berührt. 

4) Im Toxtarr]; (fr. 25), einem Stück^ das in Ägypten spielte (Athen. XV 
p. 685 £). Ein ägyptischer Banquier spricht von verführerischen Vorbereitungen 
zu einem oup.7roaiov, worauf ein Genosse zu Chairephon: elsv* xaXo^ b xaipo;, 
Xaipsf uiv. Es war also, wie es scheint, angenommen, dass derselbe auch Ägypten, 
vielleicht Alexandria, besucht hatte; es wäre denkbar, dass Machon, der in 
Alexandria lebte und seine Komödien aufführte , ihn dort kennen gelernt und aus 
seiner Bekanntschaft Stotf für seine Anekdoten gewonnen hätte. Bei Menander war 
Chairephon noch erwähnt im 'AvSpo^tivo? (fr. 53) und im KexpucpaXo; (fr. 270). 

5) Athenaeus IV 13 p. 134D: vgl. Meineke anal. crit. 

6) Vgl. schol. Aristopb. Frösche 86, Meineke bist. crit. 516adn. 

7) Vgl. Aristoph. Ritter 956: Xdpo; xs;(TjVci; iizl Tritpa? or^ixT^Y^P"*^- Wolken 
591 : KXscDva xov Xdpov. Derselbe Vogel als ßoü^paYo; wird dem Herakles, dem 
Pcitron der doY)cpdYOi und Parasiten, zugetheilt in den Vögeln 567 ^s. dazu Kocki, 
Athen. X p. ii 1 C. 



KoLAx. 79 

Und weiter unten, in der Hitze des Gefechtes, p. 1 3(> v V. 1 06 : 

Xaipecp 6ü>v 8' ev^Tjaev a|xa Trpooaco xai OTCtaoü) 
Spvtdac; ifvuivai tlox &va(ai[xa aiTt'Cea&ai . . . 

ocppa o{ otxa? tovxi irdXiv TCOTiSopiriov sitj. 

Er selbst hat ein Aefirvov geschrieben und seinem Berufsgenossen Kyre- 
bion gewidmet, ein Büchlein von 375 Zeilen, welches von Kallimachos 
mit den Anfangsworten in seinen Katalog eingetragen war'). 

Anekdoten über Chairephon hat in iambischen Trimetern der Ko- 
miker Mac hon, ein Zeitgenosse des Apollodoros von Karystos, in 
seinen XpeFai erzählt'^). Damals wird der vielgenannte, dessen Lauf- 
bahn seit den Zeilen des Alexis und Antiphanes sich verfolgen liess, 
nicht mehr am Leben gewesen sein. So ist wohl auch die 'Ilpeia 
des Apollodoros (fr. 23) erst nach dem Tode des Parasiten aufgeführt, 
da in diesem Stück das Auftreten eines »neuen Chairephon u gefeiert 
wird, der in der Ertindsamkeit, zu einem Hochzeitsmahl zu gelangen, 
ein würdiger Nachfolger des grossen Meisters gewesen ist. Er hat 
einen Korb genommen, einen Kranz aufgesetzt und sich in dunkler 
Abendstunde als einen Abgesandten der Braut ausgegeben, der die 
Vögel (welche zu den symbolischen Hochzeitsgaben gehört haben 
mögen) bringe. So ist er hineingekommen und hat mitgeschmaust. 

Tithymallos^), der bei Alexis^) mehrfach vorkam, war ein 
armer Schlucker, freilich zu den Unsterblichen gerechnet, weil 
der Tod den Armen aus dem Wege gehe ') , ein Typus des Hun- 



4) Athenaeus VI p. 244 A. 

t] Athenaeiis VI p. 244 F. Apophthe{<iuen des Farusiten Korydos über Chaire- 
phon ebenda p. 245 F. 

3) Athenaeus VI 38 p. 240 C. 

4) MlAr^ata (fr. U8), X)öüaaeü; ucpa(viüv (fr. 153), 'ÜXuvtXa (fr. I.'ifii. 

5) 'OXüvftta fr. <56: o oa ooc irevi]? Iot', w ^Xuxela. touto ok Aeooiyr' o 
J^avaTo; xo yivo^, tu? cpaoiv, (xovov. *ü ^^uv Ti}>u}iaXXo; aDavaTo; Trspiep^reTat. 
Ein Liebhaber scheint zu der Tochter des armen Mannes zu sprechen, über dessen 
Familie und Lebensweise die bejahrte Gattin in den Anapästen fr. 155 Auslcunft 
giebt. Antiphanes im Tüppr|Vo<; fr. 210: 

ap3TT| To TTpoTxa tot? cpiXot; UTUTipSTsTv. 
B. XeYSi? sasoDat tov Tit>uaaXAov ^Xo»j3iov * 
sJoTTpaSsTai '(OLp jitattov ix ?ou aoo Xoyo'j 
wap oi; eösiTTVai TipoTxa aiiXXsEiv ao^^vr^v. 



80 Ribbeck, 

gers*), des gewaltigen Appetits^), des classischen Parasiten^). Seine 
rothe Gesichtsfarbe wird der Scham darüber zugeschrieben, dass er 
beständig dau|xßoXo<; bei Tisch sitze ^). 

Philoxenos^), mit dem Spitznamen rixepvoxoTrtc;, geschätzt und 
geliebt wegen seines anmuthigen Witzes^) , der älteren Generation 
angehörig'). 

Eukleides, Sohn des Smikrinos^), genannt SeuiXo^***), weniger 
beliebt als Philoxenos. Seine Witze galten für unartig und frostig ^^*). 

Eukrates"), mit dem Spitznamen Korydos, in der Zeit des 
Alexis ^^) einer der witzigsten Parasiten, dessen Memoiren Lynkeus 



<) Bei Aristophon fr. 9 wird ein ni>i)aYOptoTY]? charakterisirt : 

Trpo; [jiv To TteivTiV, eaOietv 8e [irfik ev 
vojjLiC' opav Tt&ü[j.aXAov t^ <I)iXi7nr(5r^v. 
Vgl. Timokles Kaovioi fr. 18. 

2) Timokles 'KTTiotoXai fr. 9: TiOujjLaXXo; ooSsTrcjiTroT' i^paLa&T] cpaYfiiv | outo) 
^cpoSpa. 

3) Timokles KivTaopo; fr. 19: TittofiaXXov aotov xat irapaaiTov «TcoxaXwv. 

4) Dromon VaXtpia fr. i : 

üTr£pTQa)rovo[j.r|V 
^XXcDV aoüfißoXo^ TtaXiv Sswrvelv • iravo 
afoy^pov ^ap. B. afieXei* tov TiftofiaXXov ^oSv ael 
IpuOpotepov xoxxou TrepiTraTsiv la&' opäv * 
ouT(uc ^pui>pia 3U(ißoXac ou xataTitte((. 

5) Athenaeus VI 40 p. 241 E. 

6) Lynkeus der Samier (über den s. Meineke Menandri et Philemonis rel. 
p. XXXni) im zweiten Buch irepl MsvavSpou bei Athen. VI p. 242 C charakterisirt 
ihn. Proben davon nach Lynkeus ebenda 48 p. 246 A. 

7) Axionikos im XaXxiSixo^ fr. 6. Ein Parasit spricht von seiner Jugend: 

OTS TOü TuapaoiTStv TTpüiTov i^paaftr|V jisxoi 
OiXoSsvou 'ZTfi nT8pvoxo77(8oc vso; st' cüv xtX. 

Menander halte ihn im KexpucpaXo; erwähnt [fr. 269), auch Machon (Athen. VI 

p. 244 F.). 

8) Athenaeus VI p. 242 B. 

' 9) Athenaeus VI p. 250 E. S. oben S. 72. 

4 0) Lynkeus der Samier hat ihn im zweiten Buch irspi MevavBpou mit Philo- 
xenos verglichen: Athen. VI p. 242 B. Hegesandros in .seinen uirofivr^fiara theilte 
Witze von ihm mit: daraus Athen. VIII p. 250 E. 

\\) Athenaeus VI 39, vgl. oben S. 74. 

12) IIoiTiTat fr. 478 : itavo Tt ßouXop.ai | oo7«> "(zkaabaa xal 73X01' asl X^ystv , 
jxsTa TOV KdpüOov [laXiat' 'Ath;vata)v ttoXu. TiTJ>rJ fr. 22 2: b Kopuoo; oGto;, b 
tÄ "(zkoV 8t^i3(j.svo; I X^YSiv BXsTraTo? potiXst' sivat xtX. (Blepaios wahrschein- 
lich ein reicher SüoxoXo;). 



KOLAX. 81 

von Samos geschrieben bat ^) . Er gehörte nicht zu denen, die auch 
ungeladen sich an fremdem Tisch einen Platz zu erobern wussten'^). 
Desto grösseie Verheerungen richtete er an, wenn er einmal Posto 
gefasst hatte. Der jüngere Kratinos in den Fiifavt^; stellt ihn in 
Orakelversen selbst als einen Furchtbaren Giganten dar mit eherner, 
unermüdlicher Faust, der verzehrender als das Feuer keinem Tisch- 
genossen etwas übrig liess^). Auch an der Tafel des Ptolemaios hat 
er gespeist, ist aber nicht satt geworden^). 

In die Zeit des Alexis ftlllt ferner Mosch ion, genannt 6 rapa- 
{laoT^XTjC'*). Zu den xeoipel; gehörte Midas^*). Dagegen ist Arche- 
phon von Athen nach Ägypten gereist, wo er an der Tafel des 
Königs Ptolemaios gespeist hat"). Auch Dromeas hat sich in der 
Welt umgesehen, so dass er über die oencva in Chalkis und deren 
Verhültniss zu den athenischen auf Befragen ein sachverständiges 
Gutachten abgeben konnte"*). Areopagit und wohlbestallter Parasit 
des Satrapen von Lydien, iMenandros, und der Hetäre Phryne war 
Gry 11 ion®). Er war nicht mehr unter den Lebenden, als Axionikos 

4) Athen, p. 241 D: ava^pa^^ei 8' auTou rä a7ro[xvrj[jLov£U[jLaTa AoYxeuc o 
Za^io;, EixpaTTjV aüTov xaXelai^ai xuptw; cpasxcüv. Hierauf eine hübsche Probe 
seiner Witze; mehr aus derselben Quelle c. 47. 

2i Alexis im Ar^{X7]Tpio; fr. 45: oXX' aia}ruvo[jLai | tov Kopt>oov , tl 8oEu> 
auvaptatav naiv | ourtu irpo^^eip«)^ • oux aTrapvoüfiat ö' ojwo; ' | oüoe yap ixelvo;, 
av xaA.|j Tt?. Korydos auf dem Fischmarkl für den eigenen Tisch einkaufend, da 
er nirgends geladen ist, bei Timokles im 'Eiriy^aipixaxo^ fr. H . 

3) Kopooov TOV jraXxoTüTTov 7rs^i>Aa;o, | st jjltq aot vo[jlisi; aüTov [jLr|Oev xata- 
Xci'{/£iv I [jLr|0' o'^ov xoivfi [jLSTa TOüToi) TTtüTTOTS OttiaTQ | tou KopüOOü, 7rpoA.eY«) aof 
e^et -^ap yzlpoi xpottaiav, | j^a^xr^v, axa|i.aTov , iroXu xpeirrcu tou Trupo^ auTou. 
V. 2: wenn du nicht schon darauf gefasst bist, dass er dir nichts übrig lassen 
wird. Vgl. Timokles fr. 9, 4. Alexis fr. 166, 2. Euphron fr. 8, 6. 

4) Lynkeus bei Athen. VI p. 245 F. Verse des Machon ebenda p. 242 B. 

5) Alexis im Tpo<püSvto<; fr. 232 : eW o Moa/tu>v | b ^:oipa\^.rlor^zr^^ iv ßpotol^ 
auoui[jL8vo(;. Dass dieser identisch gewesen sei mit dem bei Athen. 11 p. 44 D ei^ 
wUhnten uSpoirorrj;, von dem Machon (ebenda VI p. 246 B) einen Witz erzählt hat, 
ist nicht erweislich. Ebensowenig lässt sich sagen, ob der unter den erwarteten 
Gästen aufgezählte Moschion bei Straton im Phoinikides V. 13 der unsrige sei. 

6) Euphron fr. 2. 

7) Anekdote darüber bei Machon: Athen. VI 44. Erwähnt wird er von 
Kratinos d. j. fr. 14. 

8j Hegesandros bei Athen. IV p. 132C. 

9) Athenaeus VI p. 244 F. XIII p. 591 D. Der Samier Lynkeus hat in den 
' ATCocpbeYfJLaTa von ihm erzählt. 

Abhftndl. d. K. S. Oesellsch. d. Wisxenach. XXI. g 



82 Ribbeck, 

seine Komödie Tupprjvo^ (fr. 2) schrieb. Nichts Näheres wissen wir 
von dem obenerwähnten Uimerios in Athen ^). Unbekannt ist auch 
der Wirkungskreis des Spartiaten Hairesippos, der geschildert wird 
als av9pa>iuo<; oo (xeipCoi^ cf<a5Xo^ otifie Soxcov ^^pTjori^ etvai, icidavov o 
sj^cüv 6v xoXaxeCa Xo^^ov, xal Oepaireuoai xoüc eiiröpoüc; |X£^pi 
T^j; Tüj^Tjc; 8etv6<;^). 

Kein Parasit, sondern ein berühmter Tpej^sSeixvoi; und ^'j^o^d^o«; 
war der Staatsmann der demosthenischen Zeit Kallimedon, ge- 
nannt 6 xapaßo<; (Krabbe), weil er schielte und die Fische liebte^). 
Seit Alexis und Antiphanes ausserordentlich häufig in der Komödie^) 
erwähnt, ist er ein hervorragendes Mitglied des Sechzigerklubs ge- 
wesen, der in dem Heraklesheiligthum des Demos Diomeis seine 
lustigen Zusammenkünfte hielt und dessen Witze dem makedonischen 
Philipp so viel Vergnügen machten^). In diese Reihe der xpej^e- 
oeiTcvoi®) gehören: Philokrates, der bekannte Zeitgenosse des De- 
mosthenes') ; Phoinikides^); Taureas^); Chairippos*®). 

Die grosse Masse höfischer xöXaxei;^^) vollständig aufzuzählen 
kann nicht in unsrer Absicht liegen, zumal da dieser Begriff je nach 
der Auffassung des Berichterstatters ein sehr schwankender ist. Neben 
Parvenüs und niedrigen Subjecten werden gelegentlich selbst hohe 
Offiziere und Beamte, Diplomaten und Gelehrte mit diesem Namen 
gebrandmarkt, der ursprünglichen Bedeutung desselben nicht unan- 
gemessen, wie denn auch die comiles der cohors praetoria^ welche 
den römischen Statthalter in seine Provinz begleiteten^^), ebenso wie 



\) Plutarcb über (piXo; und xoXaS p. 60 D. Oben S. 55. 

i) Agatharebides von Knidos im 30. B. s. tcrroptat (III p. 194 fr. 8 M.) bei 
Alben. VI p. 251 F. 

3) Athenaeus III c. 57. 64. VIII c. 24. 

4; Alexis fr. Ht, UO. 4 66. 188. Eubulos 9. Timokles tl. Tbeophilos 4. 
Euphron 9. Philemon 44. 5) Athen. XIV p. 6UD. 

6) Aufgezählt von Alexis fr. 166 bei Athen. VI p. 242 D. 

7) Athen. VIII p. 343 E. Eubulos fr. 118 erzählt boshaft eine Geschichte 
von ihm, die nach Menander ähnlich dem Chairephon passirt war. 

8} Antiphanes fr. 48. 189. Euphron 8. 

9] Antiphanes fr. 48. 189. Philetairos fr. 3. 
10; Menander fr. 480. Phoinikides fr. 3. 

11) Maximus Tvrius 20, 7: Tupavvip oudsU cptXo;, ßaaiXei hi oufisl^ xoXaE. 
1 i) Spöttisch rühmt CatuII c. 1 1 die Hungerleider Purins und Aurelius als 
anhängliche comites seiner Cohorte. 



KoLAx. 83 

die romanischen comtes und conti Nachkommen und Spielarten der 
alten xoXaxe^ sind. 

Berüchtigt vor andren sind die siki tischen. Schon der 
altere Dionysios hatte seine xoXaxec, verkehrte aber mit ihnrn 
auf jovialem Fuss und nahm selbst gelegentliche Neckereien nicht 
übel *) . Von den niedrigen Schmeicheleien, zu welchen sich die Um- 
gebung des jüngeren Tyrannen dieses Namens herbeiliess, hat Theo- 
phrast in seiner Schrift Tcept xoXaxs(ac berichtet^). Spöttisch sind die, 
dionysischen Künstler (AiovuaoTs^^vFrat) , welche an diesem Hof ver- 
kehrten , demnächst wohl auch die übrigen <ptXot und siaipot des 
Fürsten AiovuaoxoXaxe«; genannt worden^). 

lieber einzelne dieser sikilischen x/Aaxe; hat Timaios im 
22. Buch seiner bxoptai Mittheihmgen gemacht*;. Bei beiden Ty- 
rannen stand Satyros in Gnaden'). Unter dem jüngeren Dionysios 
waren namhaft Demokies mit dem Beinamen Aa^üvtcov^ der so- 
gar als Gesandter in Staatsangelegenheiten verwandt wurde'); und 
Cheirisophos, von dem Hegesandros aus Delphi in seinen utto- 
jivT^ftaxa erzählte^). 



i) Eubulos in der Komödie Aiovuaio^, welche das Treiben am Hof des 
Tyrannen, seinen poetischen DileUantismus , seine Reliquienjägerei u. s. w. ver- 
spottete, fr. 25 : aXX' eori toT? as[jLVoIc piv auOaSeorepo; , | xat toT? TtoTc ö' au 
Mein . | xoXaEt iraai xoT; oxüjTrrooai te | sautov eio^^^r^zo^ ' r^'^ziTciii ßs ör^ | toütou^ 
(iovou; iXeuOepoix;, xav SouXo^ '^. Einer dieser xoXaxei; scheint zu sprechen. 

2; Hieraus Athenaeus X p. 435 E VI p. 249 F. 

3) Aristoteles rhet. III 2 p. 4 405, 23: xal o {liv AiovuaoxoXaxa; , auTol S' 
auToo? Tej^vftac xaXouatv. Diesen Spottnamen übertrug Epiiwur auf die Schüler 
Piatons bei Laertius Diogenes X 8 : tou; re irept IlXaTCüva AiovoaoxoXaxa; (ixaXei) 
xat auTOv IlXaTcova ^puaouv. Hatten doch auch jene syrakusischen Höflinge in 
der That Interesse für Platonische Philosophie geheuchelt, so lange sie bei dem 
Tyrannen in Gnaden stand. Der rachsüchtige Parasit bei Alkiphron III 48 stellt 
den tragischen Schauspieler Likymnios zum Chor der AiovjsoxoXaxe;, Theopompos 
(fr. 297 M.) bei Athenaeus VI p. 254 B gab Athen Schuld, dass es voll sei 
AiovuaoxoXaxcov xal vautaiv xat XcottoSutcov xtX. Mit Unrecht will Meineke anal, 
crit. zu Athen. X p. 435 E AiovusioxoXaxs^ schreiben. 

4j Bei Athenaeus VI p. 250. 

5) Athen. VI p. 250 D: xat iSaropov Ss ttva avaYpacpsi o Ttjiaio; xoXaxa 
a{i<poTep(i)v T(0V Aiovuatcov. 

6) Athen. XIH 48 (nach Lynkeus?. Oben S. li. 

7) Athen. VI p. 250 A. 

8) fr. 6 M. bei Athen. VI p. i49E. 

6* 



8i Ribbeck, 

Dem Tyrannen Hieronymos war ergeben Tbrason*), genannt 
i xdp^^apo;, ein Säufer, gestürzt durch Sosis^). 

Am reichlichsten fliessen die Nachrichten über die xoXaxec; des 
makedonischen Hofes und der Diadochen. Besonders hat 
Theopomp mit grellen, gehässigen Farben die Rohheit und Ztigel- 
losigkeit der etarpoi des Philippos, Sohnes des Amyntas, geschil- 
dert, als wüster Abenteurer und Glücksritter, die (etwa 800 an der 
Zahl) aus allen Orten und Gegenden der Welt zusammengelaufen 
seien ^). So bezeichnet er als xoXaxa [xeifiaTov z. B. auch den Thra- 
sydaios, den thessalischen Tetrarchen *) ; ferner den Penesten Aga- 
thokles, der bei den Symposien des Königs getanzt und Spass ge- 
macht habe, von diesem aber als Statthalter über die Perrhäber 
gesetzt sei^). ber eigentliche Hofparasit war Kleisophos, ein 
Athener von Geburt, der seine Meisterschaft in der xoXaxs(a gründ- 
lich zu verwerthen verstand*). 

'AXeSavSpox^iXaxe; hiessen nach Analogie der Aiovüaox6Xaxe; 
die dionysischen Ts^^^nxai, welche die grosse Hochzeitsfeier des ma- 
kedonischen Aloxandros nach dem Siege über Dareios durch ihre 
musikalisch-mimischen Leistungen verherrHchten und dafür königlich 
belohnt wurden'). Von den übrigen in seiner Umgebung werden 
u. A. folgende als xiXaxe; bezeichnet. 

Agesias^), sonst unbekannt. 

Agis aus Argos, epischer Dichter (iTCoiroioc) ^) , dem aus Neid 

4) ßaton \on Sinope irspi tt^c tou ' Iepcovu[i.oo TupavvtSoc (Gr. hisl. fr. IV 
p 3i9 M.: bei Athenaeus VI p. 25« E. Vgl. Polybios VII 5. Oben S. 70. Sosis: 
LiviusXXIV 21. XXV 25. 

2; Polybios XV 31, 7. 

Z\ Theopomp im 49. Biirh seiner btoptai (fr. 249 M.) bei Athen. IV 62. 
VI 77 (auch p. 260 A) und Polybios VIII H. 

4) Bei Athen. VI p. 249 C: vgl. Schäfer Demosth. H 402 f. 

5) Theopomp fr. 136 M. bei Athenaeus VI 76. 

6) Anekdoten über ihn lieferten Satyros im Leben des Philippos (fr. 3 M.\ 
Lynkens in den a7ro[jLvr^[jLOV£ü(iaTa, und Hegesandros in den uirojivrJjxaTa (fr. 4 M.) 
bei Athenaeus VI 53 F. 

7) Chares im ^0. Buch seiner (atopfai irspl 'AXiJavopov bei Athenaeus XII 
p. 538 F: xal sxtote ol irpoTspov xaA.ou^svot oiovujoxoXaxs; dXs^avSpoxoXaxe^ 
exXr^Ör^aav Sii tolc twv ocupcuv UTrspßoXa;, ir^^ ot; xal 7;aÖrj o 'AXsEavSpo?. 

8" Plutarch ?p(Xo; und xoXaE p. 65 0. 

9 Arrian anab. IV 9, 9. Curlius VIII 5, 8. 



KoLAx. 85 

und Eifersucht wohl eiuiual ein freimüthiges Wort entschlüpfte, wel- 
ches er durch schmeichlerische Interpretation wieder gut zu machen 
wusste *) . 

Agnon von Teos^), Befehlshaber^), berühmt durch seine gol- 
denen Schuhnägeh). 

Anaxarchos aus Abdcra, der Philosoph ^) , dessen Schmeiche- 
leien denn doch mehr den Charakter ironischer Neckereien eines 
menschenverachtenden Weltmannes gehabt haben und nicht anders 
von Alexandros aufgefasst sein werden'*). 

Bagoas, der Eunuch und Buhle Alexanders^), der den Satra- 
pen Orsines durch seine Verleumdungen aus Rache stürzte''). 

Demades, der berüchtigte Demagog, der den Antrag in Athen 
stellte, Alexander für einen Gott zu erklären"). 

Demetrios, Sohn des Pythonax, einer der siaipoi, der die Hof- 
etikelle, die Beobachtung der TcpoaxüvTjai; , so streng überwachte ^•'), 

Dioxippos von Athen, der Pankratiast **) , der das Blut Ale- 
xanders t^cop nannte; Epikrates von Athen, Schwager des Redners 
Aeschines, mit dem Beinamen Kuprjßicüv (S. 71), der vorschlug jahr- 
lich statt der 9 Archonten vielmehr 9 Gesandte an den König zu 

IJ Plutarch '^tXo^ und xoXaE 18 p. ÖOB. Vgl. Lobeck Aglaoph. 1303. 

2) Plutarch a. 0. p. 65 D. 

3 Plinius n. h. XXXHI 3, 14, 50: ' Alcxandri Magni praefecluiir . Als 
sTaipo^ bezeichnet bei Alhen. XII p. 539 C. 

4] Phylarchos im 23. Buch seiner bropiai und Agatharchidcs im 10. irspt 
^Aiia^ bei Athen, a. 0., Plinius a. 0. Silberne Niigei giebt ihm Plutarch Alex. 40. 

5) Cber ihn Laerlius Diogenes IX 4 0; das übrige Material bei Zeller Pbilos. 
der Griechen IH 1 S. 438 f. 

6) Vgl. die Geschichten bei Athen. VI p. 250 F [nach Salyrosj, Plutarch 
Sympos. IX i, 2, 5, Aelian \ar. bist. 1X37. Dass er nach der Ermordung des 
Kleitos den Jammernden König an die Majestät seiner Würde erinnerte und ihm 
eine Maxime einschärfte, ohne welche Alleinherrscher nicht regieren können^ 
(Arrian Anab. IV 9, 7, Plutarch Alex. 52, Mor. p. 781 A) ist charakteristisch für 
seine kühle Betrachtungsweise menschlicher Verhältnisse , kein Beweis niedriger 
xoXaxsta. 

7) Dikaiarchos tc. tTj; iv 'iXicp Uuaia; bei Athen. XIII p. 603 B, Plutarch 
Alex. 67, über (fiko^ und xdXa^ p. 65C. 

8) Curlius X 1, 4 f. 

9) Athenaeus VI p. 251 B: vgl. A. Schäfer Deniosthenes u. s. Zeit III 19 tf. 290. 
10) Arrian IV 12 = Plutarch Alex. 54. Vgl. Plut. (ftXo; und x6Xa£ p. 65C. 
Hj Aristobulos b KaaavSpeu; bei Athen. VI p. 251 A erzählt, Dioxippos habe, 



86 RlBBE€K, 

wählen*); Gergithios von Gergitha auf Kypros, nach dem Klearchos 
sein Buch über den Ursprung des Wortes x6XaS benannt hat^); Me- 
dios aus Larissa, der Trierarch, einer der Vertrautesten^), der durch 
freche Verleumdung Nebenbuhler zu beseitigen wusste^) ; Nikesias, 
der den Fliegen, die von Alexanders Blut gekostet hatten, grössere 
Kraft verhiess") und die Gottheit des Herrschers betonte, auch als 
dieser in Krämpfen lag®). 

Deraetrios Polio rketes war cpiXo^eXüx;') und fand an der 
Gesellschaft seiner x6Xax€; Gefallen. Bei seinen Symposien sah er 
gern, wenn die Gäste bei Trinkspenden ihn allein als König bezeich- 
neten, die übrigen Grossen des Reichs zu deren Arger nach Amtern 
und Commando's, die sie bekleideten, z. B. den Ptolemaios nur als 
Nauarchen, Lysimachos als Schatzmeister, Seleukos als Elephanten- 
Befehlshaber, Agathokles als Gouverneur der Inseln^). In unwürdig- 
ster xoXaxe(a ihm gegenüber wetteiferten auf den Antrag ihrer De- 
magogen Athener und Thebaner, zum Überdruss des Gefeierten 
selbst: jene, oi täv xoXdxcov xoXaxec;, durch Errichtung von Heilig- 
thümern für seine Hetären, eine Leaina- und eine Lamia-Aphrodite, 
von Altären und Heroa und Spenden für seine x6Xax6^, einen Adei- 
mantos, Burichos, Oxythemis, durch Absingung von Päanen auf die- 
selben, durch jenen Empfang des einziehenden Herrschers, der unter 
Prosodien und Chören als der einzige wahre Gott begrüsst^) und im 

wie Alexander einmal verwundet worden und sein Blut geflossen sei, den homeri- 
schen Vers cilirl : lx!^9 oiooirep ts ^£&i ^axapeaai ösotaiv , während Anaxarchos 
'nach Laertios Diogenes IX 10, 60) bei gleichem Anlass gesagt haben soll: tooti 
fiiv atjjLa xal oox iymp xtX. 

4) Hegesandros bei Athen. VI p. 254 A. Mehr bei A. Schäfer a. 0. I 207. 

t) Athen. VI p. 255 C. 

3) Arrian VII 24 : MtJSiov .... täv itaipiDV h T(j> tote tov TiiUavülTaTOv : 
vgl. 25. 27. Plut. Mor. p. 338 0. 472 D. Leben Alex. 75 f. 

4) Plularch <ptXo; und xoXa£ 24 p. 65 C: TjV 8' o MijSto? tou irept tov 
ÄAeEavSpov /opou t«iv xoXaxcov otov eSap/o; xal aocpta-nQ^ xopocpato? hd toog 
apiaTou; aüvteraYiiivo; u. s. w. Sein Apophthegma s. oben S. 64. 

5i Hegesandros (rr. 6 M.) bei Athenaeus VI p. 249 E. 

6) Phylarchos im 6. Buch seiner taropiai (fr. 8 M.) bei Athen. VI p. 254 C. 

7) Phylarchos im 4 0. Buch seiner taTop(at (fr. 20: vgl. 6) bei Athenaeus 
VI p. 26 4 B. 

8) Phylarchos im 4 i. Buch (fr. 29 M.) bei Athenaeus a. 0. Plutarch Demetr. 
25, rei publ. ger. praecepta 34, 44. 

9) Demochares im 20. Buch seiner (atoptai (fr. 3 M.) bei Athenaeus VI 62. 



KoLAx. 87 

Liede *) gefeiert wurde ; die Thebaner durch Erhebung seiner Hetäre 
Lamia zur Aphrodite*^). Im Einzelnen werden als xoXaxec; des De- 
metrios folgende bezeichnet. 

Adeimantos aus Lampsakos. Auf seinen Betrieb wurde im 
Demos Thria der treulichen Gemahlin des Demetrios, der Phila, als 
Aphrodite Tempel und Bildsäule errichtet und der Ort nach ihr <I)iXarov 
genannt^). 

Aristodemos von Milet, General des Demetrios und geschickter 
Unterhändler, Siegesbote von ihm an den Vater Antigonos nach der 
Schlacht bei Salamis Ol. 118, 2 , dessen Bemühung , seiner Meldung 
durch Spannung der GemUther eine desto grössere Wirkung zu sichern, 
Manchen an die Kunstgriffe eines Parasiten oder Sclaven in der Ko- 
mödie erinnert haben mag^). 

B u r i c h o s , Geschwadercommandant ^). 

Dromokleides der Sphettier, athenischer Redner, beantragt in 
der Volksversammlung Huldigungen für Demetrios, den XcoTVjp^). 

Euagoras, der bucklige (6 xupTo;) '). 

Kynaithos und sein xoXdxeofia ist oben erwähnt worden^). 

Oxythemis, Sohn des Hippostratos, von den Athenern mit dem 
Bürgerrecht beschenkt"). 



i) Mitgetbeilt von Duris im ft. Buch seiner bTop(ai (fr. 30 M.j bei Athenaeus 
VI 63. 

2) Polemon tt. ttj; tcoixiXt^c aroa? Tr^<i h ütxoaivi bei Athen VI p. 253 B. 
Vgl. Droysen Hellenismus II t, H9tr. 

3) DionysioS; Sohn des Tryphon im 10. Buch s. Werks irspl ovo(j.aTa>v bei 
Athenaeus VI p. 255C (vgl. 62 p. 253 A). Vgl. Bursian Geogr. v. Griechenland 
I 387 A. 2. 

4) Plutarch Demetr. 17, der den Aristodemos nennt TrpcüxeoovTa xoXaxstcf 
TÄv aoXixttiv otTravTCüV xat tote irapsoxsoaojjivov , «k so ixe , twv xoAaxeup.aT(i)v 
To |jL8YiaT0V iTreve^xelv toT<; 7cpaY|Aa<Jiv. Vgl. Diodor XVIII 47. XIX 57. 60. 66. 
Droysen Hellenismus U 2, ISöfl*. 

5) Diodor XX 52. Demochares bei Athen. VI p. 253 A. 

6) Plularch Demetr. 13. 34. Droysen a. 0. II 2, 121. 255. 

7j Aristodemos im zweiten Buch seiner '^ekoia airo(xv7|p.ov8u[jLaTa bei Athenaeus 
VI p. 244 f.: vgl. Müller bist. Gr. fr. III p. 310 (fr. 10). 

8) S. 45. 74. Lukian {yizkp &{xdvtt)V 20, 501. Vgl. oben Alkiphron III 43. 

9) CIA II n. 243. Vgl. Phylarchos im 6. (10.?) Buch seiner laT0p(ai bei 
Alhenaeus XIV p. 61 4 F. (Demochares bei Athen. VI p. 253 A) Herakleides o Xip.ßo<; 
im 36. B. seiner taxoptai (fr. 4M.) bei Athen. XIII p. 578 A. Diodor XXI 27 f. 



88 RiBBBCK, 

Unter allen athenischen Staatsmännern zeigte sich gegen Deme- 
trios am servilsten Strato kies, der Kleon seiner Zeit, dessen 
schmeichlerische Psephismen Plutarch verzeichnet*). Mit Recht hat 
ihn der Komiker Philippides als den bösen Genius Athens gebrand- 
markt^). 

Kallikrates, xoXaS des dritten ^) Ptolemaios (Euergetes) , Nau- 
arch des zweiten (Philadelphos), welcher der Arsinoe als der Aphro- 
dite Zephyritis einen Tempel auf dem Vorgebirge Zephyrion weihte*), 
schwerlich derselbe, durch welchen (310 v. Chr.) der erste (Soter) 
den Fürsten Nikokles von Paphos stürzte^). 

Aristomenes, der Akarnane , einer der Leibwächter des Aga- 
thokles, des Freundes Ptolemaios' IV Philopator; nachdem jener sich 
der Gewalt bemächtigt hatte, dessen rechte Hand. Er zeichnete den 
Machthaber, als er bei ihm speiste, durch einen goldnen Kranz aus, 
trug zuerst sein Bildniss im Siegelring und nannte seine Tochter nach 
ihm und dessen Schwester Agathokleia**). 

i ) Demetr. i 4 : oüto; y*P "^i^ ^ "^^"^ oocptov toütü>v xal TcspircÄv xaivoiip-yo; 
apeaxeo)i.aT(i)V — — r^v 8e xai xaXXa TcapaToXjioc b Stpatox^^? xal ßeßiu>x(0(; 
aaeXym; xal tf^ toü TraXaioo KXecuvo^ a7ro[iip.eTaöai Soxmv ^is}\i.okoyi^. xal ßoeXopic^ 
irpo^ Tov 8f|fjiov<eü)repeiav. 'ti extr. ^6. Vgl. Kuhnken zu Rutilius Lupus p. 34. 
Droysen Hellen. II 2, 4 76. 183. \9\. 

t) fr. ex ine. fab. 25 f. Vielleicht in der Komödie 'Avaveuiat^, welche ironisch 
die Verjüngung, die Neugeburt Athens durch die Reformen und Neuerungen von 
Staatsmännern wie Stratokies, wohl nach dessen Tode, behandelt haben mag. Zu 
solchem Thema passt fr. 25, Stratokies konnte mit fr. 8 gemeint sein: <jm>p.oxoXa' 
xeuwv xal irapsiaiwv act. Vgl. übrigens Meineke bist. crit. 470 ff. 

3) Euphantos im 4. Buch der toropCai (fr. bist. Gr. III p. 4 9) bei Athenaeus 
VI p. 251 D. Über das hier berichtete xoXaxeo)i.a s. oben S. 58 ; was zur Rettung 
des Euphantos in den Greifswalder Philol. Untersuchungen IV 88 vorgetragen wird, 
giebt den Bericht des Athenaeus preis, ohne auch nur eine Erklärung zu ver- 
suchen. 

4) Athenaeus VII p. 3I8D. Epigramm des Poseidippos (Blass Rhein. Mus. 
XXXV 94) und Basis von Delos (HomoUe Bull, de corr. Hellen. IV 325 f.) 

5' Diodor XX 2t. 

6) Polybios XV 34, 7: xa^Xtata xal asfivoTaTa 8oxsT Trpoarr^vai toü ts ßaai- 
Xeti); xal r^? ßaai^cia? , xara xoaoüTov xexoAeuxevai tt^v 'ÄYaOoxXeou? eüxaipiav. 
TupttiTo; piv yap oi? eaoTov IttI SeiTrvov xaXiaac tov 'Ay. j^püaoüv aT^cpavov airsScuxe 

p.ov(p Tü>v TrapovTtüv Ttpurco; 6e tt^v eixova toü iTpoeipY][iivoü cpipeiv d-oXp-r^aev 

iv To> BaxTuXicp * ifevojiivT^^ 8s Oü^aTpo^; aüTcji TaüTr^v 'AYaOdxXsiav TcpoaT^Y^P^^^^^ 
(S. 58). Die xoXaxe^ des jungen Ptolemaios V Epiphanes, dessen Vormund er war» 
stürzten ihn: Diodor XXVIII 4 5. Plutarch über (flko^ und x6Xa£ p. 7 4 C. 



KoLAX. 89 

Philon, ein andrer oirr^peTTjQ und xoXaS des Agathokles'), ist im 
Stadion zu Alexandria unmittelbar vor diesem von der erbitterten 
Menge ermordet worden^). 

Hierax von Antiochia, früher Flötenspieler, der das Spiel von 
Pantomimen (Xuaia)Oo{) begleitete, allmächtige Stutze des Reichs unter 
dem elenden Ptolemaios Yll Euergetes mit dem Beinamen 
Physkon, als dessen Strateg und leitender Staatsmann. Als die 
Armee zu Galaistes abfallen wollte, weil ihr der Sold nicht gezahlt 
wurde, hat er aus eignen Mitteln das Geld geschafft und so dem 
drohenden Umsturz vorgebeugt^). Dennoch nennt ihn Poseidonios 
von Apamea x6Xaxa oeivov^). 

Parasit des Königs Lysimachos war Bithys, Kleon's Sohn, 
von Lysimacheia, der dem knauserigen Herrn mit gutem Humor zu 
begegnen wusste ^) ; ferner Paris"). 

Phormion war Parasit des Seleukos'). 

Herakleides von Tarent, aus dem Handwerkerstande hervor- 
gegangen, rechte Hand des Philippos, Sohnes des Demetrios und 
Vaters des Perseus, verschlagen und intriguant, nach unten herrisch, 
nach oben unterwUrtig (irpo; (xsv toü; TaTretvoxepouc xataTcXr^xTixtüTaxo; 
xat ToXfiYjpoxaxo«;, irpo; Se xoü^ üirepej^ovxa^; xoXaxixtüxaxo^) , ein geborner 
Überläufer und Verräther, aus seiner Heimathstadt verjagt, weil er im 
Verdacht stand, dass er sie den Römern ausliefern wolle, von Rom aus 
mit den Tarentinern und Hannibal verrätherische Ränke spinnend, von da 
zu Philipp geflohen, izap o> xotatixyjv Trspteiroti^aaxo iriaxtv xal 86va(xiv, tSoxe 
xoG xaxaoxpacpYjvai xyjv xYjXixaüXYjv ßaaiXe(av aj^eSöv atxwüxaxo^ y^T^''^"^^^')- 

\) Polybios XIV [c. \i) bei Alhenaeus VI p. 2öE. 

2) Polybios XV 33. 

3) Diodor XXXIII 26. 

4; Im vierten Buch seiner toropfai (fr. bist. Gr. IIl p. 254 M.) bei Athenaeus 
Vi p. 262 F. 

5] Aristodemos (fr. HM.) bei Athen. VI p. 246 D: Lysimachos wirft dem 
Bithys einen hölzernen Skorpion in den Rock, dieser springt erschrecktauf; nach- 
dem er die Täuschung erkannt hat, ruft er dem König zu: »ich will dich auch 
erschrecken; gieb mir ein Talent«. CIA I n. 320 Ehrendecret der Athener. 

6] Scherz des Demetrios Poliorketes über den Hof des Lysimachos , an dem 
wie auf der komischen Bühne lauter zweisylbige Personen auftreten : Phylarchos 
im 6. Buch der loropfai bei Athen. XIV p. 6<4F. 

7) Aristodemos a. 0. bei Athen. VI p. 244 F. 

8) Polybios XIII 4, cilirt bei Athenaeus VI p. 25 < E. 



90 RiRRECK, 

Als Parasit des Königs Antiochos I von Syrien hat Aristode- 
mos in dem angeführten Buch den Sostratos von Priene ver- 
zeichnet*), Flötenspieler 2) und Tänzer^) des Königs, von niedrer Her- 
kunft^). Was von seinen Aussprüchen bekannt ist, macht ihm keine 
Schande und zeigt eher Freimüthigkeit als kriechende Gesinnung. 

Bei dem zweiten Antiochos standen Archelaos, der Tänzer, 
und Herodotos, der Xopt^tiioc, in hoher Gunst ^). Bei Antiochos 
dem achten mit dem Beinamen fP^iro; (Habichtsnase) war Apollo- 
nios Parasit'^). 

Den Rest ordnen wir alphabetisch. 

Andromachos von Karrai, vertrauter x6XaS des Licinius Crassus, 
den er an die Parther verrathen hat'). 

Anthemokritos, der Pankratiast, Parasit des argivischen Tyrannen 
Aristomachos^), ob des älteren oder des jüngeren, ist un- 
bekannt. 

Ariston von Chios^). dem Philosophen, sagte Timon im dritten Buch 
seiner Sillen*") nach, er sei xoXa^ des Stoikers Persaios gewor- 
den**), weil dieser eTarpo<; des Königs Antigonos war, 

Athenaios von Eretria, xoXaS und üTCYjpeTYjc des Sisyphos von 
Pharsalos"). 

Escharos, Iros, Ortyges hiessen die 3 vornehmen Verschwörer, 
durch welche Knopos der Kodride, König von Erythrai, um- 



Bei Athenaeus VI p. SiiF (fr. 7 M.) . 

t] Hegesandros bei Athen. I p. 19 C (fr. 13). 

3) Sextus Empiricus adv. niathem. p. tS\ Fabr. 

4) Stobaeus floril. 86, U. 

5) Hegesandros bei Athen. 1 p. 19 D {\iiXi3T0L Iti^awvto twv ^{XcdvJ. 

6) Poseidonios von Apamea im 34. Buch seiner bTopiai (fr. 33 M.) bei 
Athenaeus VI p. 246 D. 

7) Nilcolaos von Damascus im 414. Buch seiner bropCai (fr. bist. Gr. HI 
p. 418 M.) bei Athenaeus VI p. 252 D. Plutarch im Leben des Crassus 29. 

8) Agatharchides von Knidos im .22. Buch seiner Eopcüiriaxöt (fr. 5 M.j bei 
Athenaeus VI p. 246 E. 

9 Ober ihn Zelier Phiios. d. Gr. III 1, 32. Vgl. Ritschi opusc. I 5510*. 
10) Bei Athenaeus VI p. 251 B (fr. LXIIll W.;. 
11j Über ihn Zeller Phiios. d. Gr. Ili 1, 34. 

12) Theopomp im 9. Buch der 'EXX7|Vixa (fr. bist. Gr. 1 p. 280 M.) bei 
Athen. VI p. 262 F. 



KOLAX. 91 

gebracht ist: oi exaXouvxo §id to icspi xd^ depaireta^ £ivai xdiv 
Eiri^avüiv irp6axave( xai x6Xax6^^). 

Herakleides von Maroneia, x6XaS^) und vertrauter Rathgeber des 
Thrakerkönigs Seuthes, in dessen Interesse er an der Tafel 
desselben seine Gäste, die griechischen Offiziere bearbeitete^). 
Er verleumdet den Xenophon beim König aus Furcht von ihm 
aus der Gunst desselben verdrängt zu werden^), ist überhaupt 
Intriguant und Diplomat^]. 

Kleonymos, Ghoreut und xoXa^ in Argos, von Myrtis, dem Führer 
der makedonisirenden Partei, am Ohr aus der Gerichtsversamm- 
lung herausgeführt mit den Worten : ou ^opeuasK; dvddSe o6§' 
ä[i&v dxoüOTg®). 

Lysimachos, xoXaS und Lehrer des Königs Atta los, über dessen 
Bildung (icepi t^^ 'AtTdXou 7cai8etac) er ßt^Xou; Tcaaav xoXaxetav 
£(i9atvo6aac geschrieben haben solP). 

Melanthios, Parasit des Alexandros von Pherae, hat die Er- 
mordung seines wilden und wüsten Brodherren mit aufrichtigem 
Kummer als einen Stoss in seinen eignen Leib empfunden^). 

Niko Stratos, Söldnerhauptmann der Argiver, von gewaltiger Körper- 
kraft, ein Herakles, den er auch durch seine Tracht, Löwenfell 
und Keule, in den Schlachten darzustellen suchte, in hoher Gunst 



\) Hippias von Erythrai im t\. Buch irepl ttjC iratpföo«; ioTopioJv (fr. bist. 
Gr. IV p. 431 M.) bei Atben. VI c. 74 f. 

t) Nacb Atbenaeus VI p. S51 F (aus Theophrast 7c. xoXax6ia(;?j. Xenopbon 
b^aucbt den Ausdruck nicbt. 

3) Xenophon Anab. VII 3, 15. 

4) Xenopbon a. 0. VII 5, 6. 
5] Xenophon a. 0. VII 6. 

6) Theophrast irepl xoXaxeia; bei Atbenaeus VI p. 254 D. Er charakterisirt 
den Kleonymos als icpoaxaOiCovTa TroXXaxi? aüT(p ideni Myrtis) xai toT(; aovSixa- 
Couai, ßouXofievov hk xai {xera täv xata tt^v ttoXiv evooEwv opaai>ai. Über Myrtis, 
den Theopompos im 51. Buch (I p. 322 Tr. 257 M.) Amyrtaios nannte (Harpocr.), 
s. auch Demosthenes de cor. 295. 

7j Atbenaeus VI p. 252 C (fr. bist. Gr. III 2 M.). Kallimacbos bat das Werk 
des Lysimachos in seine ir(vaxe<; eingetragen und den Verfasser als Beoompeioc, 
d. h. als Anhanger der Secte des Atheisten Tbeodoros (Laert. Diog. II 8, 7. H. 
Callimacbea ed. 0. Schneider II p. 318 n. 12). Hermippos dagegen (fr. bist. Gr. 
III p. 46 M.) zählte ihn unter die Schüler des Theophrast. 

8) Plutarch cptXo^ und x6Xa| 3 p. 50 D. 



92 RlDRECK, 

bei Artaxerxes Ochos, der ihn für das Gommando gegen 
Ägypten vorgeschlagen hat*). Theopomp^) sagt ihm nach, dass 
er, obwohl irpootaTTjc; seiner Heimath, von edler Abkunft und 
grossem Reichthum, dem Perserkönig gegenüber aTravxac üirspe- 
ßaXexo Tig xoXaxe(a xal Tat<; depairetat^ ou [x6vov too; xite axpa- 
Teia<; |xexao)^6vTa<; dXXd xal xoü<; l[X7Cpoa&ev -|feTfevTr][xevoü<;. Um dera 
König zu gefallen und sein Vertrauen zu gewinnen, habe er 
seinen Sohn zu ihm gebracht. Täglich bei der Mahlzeit habe 
er einen besondern, mit Speisen besetzten Tisch aufstellen lassen 
für den Dämon des Königs, weil er in Erfahrung gebracht, dass 
die persischen Höflinge dies thäten. Er habe gehofft, für solche 
Huldigungen desto mehr von dem Könige zu profitiren, denn er 
sei ato)^pox€p8TQ<; gewesen und )(pY][xdxu)v ux; oux oiB' ei xi^ ex£- 

pOC 7]XX(0V. 

Sosipatros, ein fOYjc;, war xoXaS des M ithridates^). 
Sostratos, der Chalkedonier, xoXaS des Kauaros, Königs der thra- 
kischen Galater, dessen gute Natur er nach Polybios^) verdarb. 

Ohne Namen werden x6Xaxe<; erwähnt der Fürsten 
Nikokles von Kypros (Max. Tyr. 20, 7. Vgl. Anaximenes ßaaiXscov 

(xexaXXaYOit bei Athen. Xll c. 41); 
Sardanapallos (Max. Tyr. 20, 2) ; 
Slraton von Sidon (ebenda: vgl. Theopomp im 15. Buch s. OtXtT:- 

mxai (oxoptat fr. bist. Gr. I p. 299 fr. 126 M. bei Athen. XU 41) ; 
Telos von Sybaris (Max. Tyr. a. 0. : 6 Sü|3ap(xY]<; ex£tvo<;. Vgl. Herod. 

V 44. 47, Diodor Xll 9, Heraklides Ponlikos Tuspt Sixaiootiv/ji; bei 

Alhenaeus XII 21). 
Aus den Satiren des Lucilius stammt vielleicht die Redensart 
tongiliatim (d. h. pravis verbis) loqui, von einem alten Erklärer 
auf einen Parasiten Tongilius zurückgeführt, 'qui hoc invenerat risus 
aucupium, ut salutatus convicio responderet et male dicentem salu- 
taret blandissime'-*). 



\) Diodor XVI 44. 

2) Im 18. Buch seiner broptai (1 p. 301 fr. 135 M.) bei Athenaeus VI 60 
252 A. 
3 Nikoiaos der Peripaletiker bei Athenaeus VI p. 252 F. 

4) Im 8. Buch bei Athen. VI p. 252 C. 

« 

5) Isidori glossae: Löwe Prodromus S. 334, vgl. 53. 



KoLAx. 93 



VII. 

Zur Synonymik. 

Die Synonymik variirt den Begriff durch Hervorhebung einzelner 
Seilen und Züge. Sie bezeichnet das schmeichlerische Wesen des 
x6Xa^ durch -{jOüXiafJLOi; jfapiTOYXcooaeiv xop(Cea&ai, vergleicht es mit 
der Freundlichkeit des Hundes: arxaXoc, oa(vsiv, öirCXXetv 0T6[xa, mit 
Liebkosungen, die man etwa dem Pferde zuwendet: öcüircEtv xaxa- 
ifj^^stv TcoincüCetv, seine Art zu grUssen mit dem Flügelschlag des 
Hahnes: TuapaTcrcpo-ifiCsi'^ ; die Vertraulichkeit kehrt sie hervor in d8eX- 
^tCeiv; die Zudringlichkeit in eiao[xiXerv ; die Geselligkeit in oü|xßt(OToc; 
den Diensteifer in Ospa'}, xpo^oXs^fA^c ; die Zungengewandtheit in x(6- 
TtXo^; die Schalksnatur in eipcov xepxcD'ji xoßaXoc Tridyjxtafx^c xiftaasoxT^j^ ; 
die stille Verachtung in spY^fAtoxo^ eiriTcoOdCeiv ^ivav Tcpoicr^XaxfCeiv ; 
das Betrügerische in affxuXo^ aTraxecÄv y^t^^ vo&süsiv u-jreXaüveiv u. dgl. 
Den Weltmännischen bezeichnet xo|X']>6c, den Würdelosen xop5ax(Cü>v, 
den Bettel- und Possenhaften ßcofjLoXoj^oc ^^^^"^'^^^61;. 

Dem xoXaS des Demos, 8Y]|xox6XaS, sind Composita gewidmet, 
welche seine Unehrlichkeit und Gunstbuhlerei kennzeichnen: Syjfio- 
7:(&r//o; or^|xo5fapiaxTQ;, Cicero nennt den adsenlator der Menge schlecht- 
weg popularis^). 

Beim Parasiten wird vor Allem betont die Theilnahme an frem- 
dem Tisch ohne Einladung und Beitrag : zpaiz^f^to^ Tcapa|xaaüvxY]c; izapi- 
ßooxo(; u. dgl., axXYjxoc dvsTcdY^eXxo; doufipoXo^ u. s. w.; demnächst der 
Appetit: XtfioxoXaS '>p(o|xox^XaE Xdpuy^ und Composita, Tuovxo^^dpuY^ u. 
dgl.; der Bauch : ÄXpio^doxtüp ifaazpojipo^^Ki xoiXiooa(|X(ov ; die Lüstern- 
heit: xair^oxr^pr^xT^i; xaYr^voxviaoöifjpa^ u. a. ; ferner die Armuth in aoxo- 
XfjXudoc;, die Gemeinheit in br^^ cpcojjiox^Xacpo^. 

I. R6Xa8 xoXaxefa xoXdxeofjia. Vgl. Pollux VI 122 (kretisch 
x6XaxxT^(;? Hesych.). im Lateinischen schliesst sich am nächsten an: 
adsecula, Tcapdotxo^ und bucellarius in Glossaren erklärt. 



\) De amic. 25, 95: *conlio, quae ex imperitissumis constat, tarnen iudicare 
soM, quid intersit inier populärem, id est adsentatoreni el leveni civem, et inter 
coQSiantem el severum el gravem. 



94 Ribbeck, 

atxaXo<;: Hesychiiis. Aristophanes eq. 48: 6 ßupaoTracpXaY«)^ uiroTre- 
oa>v Tov oeoTuoxYjv | 7]xaXX eöa>TC£ü £xoXdx£o' eSTjTraxa xxX. schol. 
Yen. : aixdXXetv saxi t6 xöv xüva toic toai xal xfi oupd oaiveiv xou; 
')^&d6a<;. anecd. Bekk. 21 : aixdXXovxe<; OY](xafvet x6 oaivovxec, oTOp 
Ol xüve<; Tcoioüotv xxX. 

a{|x6Xo<;. Suidas: xoXaS, diraxscÄv. anecd. Bekk. 363. 1 (vgl. 356, 22. 
362, 31): 6 lixireipo; t^ ';f]8uc ev xo) diraxav xai xoXaS xxX. Schol. 
Plat. p. 314 B. Hesiod OD. 374 u. s. w. 

diraxeoiv u. ähnl. Pollux a. 0. 

apeaxoc: s. oben S. 17 f. Vgl. Cyrillus: placivus, dpsaxo^ (apeaxo;?) 
placor, dpsaxeia. 

ß(ü(ioX6)(o(;. Uarpokration (s. oben S. 15) etym. m. 217, 55: xupiax; 
eXe'yo^'co oi im xiBv düotÄv iizl xolc; ß(0(xor<; Xojrcovxec xal [xexd xoXa- 
xeiaQ irpooatxoOvxe^ . . . xivs^ oe [Aexd xtvoc eüxpötueXiac xoXaxa 
xxX. schol. Aristoph. nub. 910. Vgl. schol. Plat. p. 421 B. 

ßu>(xoXo/ta. Hesychiiis : y^vo<; xoXaxet'a«; cpopxix?*v xai Y^XioxoTroiov . 

YeXcoxoTToio«;. Pcllux, s. oben S. 15. 36. 

-yoT]«;. Pollux, Hesychius. Moeris: 76^^; 'Axxixoi, xiXaS * EXXvjvixiv xat 
xoivov. r6Y]X€<; Kom. des Aristomenes. 

S>](iox6Xa8 (Hyperides) Lukian Deraosth. encom. 31. 

3>j [xoTTiÖYjxo«; Aristophanes ran. 1084: if) tcoXk; if)(xa)v | uiroYpaixixa- 
xs(ov dvEfisaxiodT] | xal ßtüfJLoXoj^iov Syjixoiti&tqxcov, sSairaxiuvxtüV xov 
8^[Aov det. schol. : or^ixoiuidTQxoü^; oe xoix; iravoüp^oü«; irspl xov O"^- 
(xov , . , ^ xou<; xov 8^[xov xoXaxeüovxa<; xal 7ceidovxa(;. Vgl. anecd. 
Bekk. 34, 1 8. 

STjfjLoj^apioxTQ^: Euripides Hec. 133. 

etpwv: Pollux. Schol. Plat. p. 384 B: eipcoveta xb Trpoj^eipwi; xal (xexd 
xoö 'irpi<; X^P^'' oiaXe^eadai, xoXaxe(a, cl^eoooXo-ifta. 

ep-y^ixioxo;. Philoxenus: dpY6(Xü>xoc, adulalor u. s. w. gloss. bei Sal- 
masius zu bist. Aug. t. II p. 361 : adulator, ambitiosus. adsen- 
tatores, epfOfxcoxoi. Hesychius: ep-f, eixiraiCtov. Lobeck Aglaoph. 
1318. 

ij8uX6Yo<;. Eurip. Hec. 133: 6 icoixiXo^^pcov | x^iri; 'ifjSüXoYo; 87;|xoxQi- 
ptaxT^; I AaspxtdoT]^. 'f^8oXia(x6(;: Eustalhius 1 417, 21. Menander 
fr. 30. 

ösparj^ (kretisch: anecd. Bekk. p. 1096, 1) Pollux a. 0. vgl. Hesy- 
chius, Suidas. i^epdiTiov Lukian de paras. 31. 



KoLAX. 95 

d(6r{;. Hesychius: xoXa^, 6 (lexa i^aüfiaaixoü s-f'^cujAiaon^;. Oätucc;* x6Xa- 
x6(;, eipcovec. Ou>iuix6^' xoXaxeuxixoc;. etym. m. = Timaeus lex. 
Plat.: dÄTre(;* oi jjLexa t{^eü8oo<; xal dau[xaa[xoü Tcpootovxe^; iid xoXaxeia, 
icapd xh dcÄ'L, ^irep ecrrt thjpfov aTcaxr^Xov. (Herodianus 1 p. 404, 1 9 L. 
^iiy}^' h TcXdvo<;.) Antiphon tc. i[xovota<; bei Suidas s. v. dcDireia' 
TcoXXot 8' Ij^ovxec cptXoo^ ou ^i'^^^'^Q^^'i'^ ? dXX' sxafpoü; irotoövxat 
öcÜMca^ TcXoüxoü xal xüj^Tjc; xiXaxa;, — öwireta: Eluripides Oresl. 
670 Xenophon tu. Ixic. 3, 12. Was für ein Thier eigentlich öc6} 
ursprünglich bedeutet, weiss ich nicht; dcoTuxeiv aber und i^u>- 
ireueiv bezeichnet eine sanfte, schmeichelnde Liebkosung, ur- 
sprünglich mit der Hand, wie man Pferde streichelt und klopft: 
Xenophon tz, tinrix^«; 3, 12. Ein C^pov i^cuicsüxixov ist der Hund 
(Aristoteles Naturgesch. p. 488b, 21, Physiogn. 6. p. 811b, 38). 
Ferner sind Frauen, Mädchen, Töchter zu da>7ceu[xaxa, Liebkosun- 
gen und Liebeserweisungen geschickt, (Aristoph. Wesp. 61 Lys. 
1037 Eurip. Suppl. 1103 Aesch. Proni. 936 Soph. El. 397), 
auch in Worten (Oätcsc Xo-^ot), die zunächst nur den Zweck der 
Liebkosung, der schonenden Höflichkeit (Herod. I, 30) haben, 
dann auch andre praktische Ziele verfolgen, zunächst dem Stär- 
keren, Überlegenen gegenüber, den man sich dadurch geneigt 
macht (Soph. Oc. 1003. 1336 Eurip. Orestes 670 Aristoph. Wesp. 
563). So entsteht der BegrifiT des bewussten, absichthchen 
Schmeicheins (Aristoph. Ach. 640. 657 Ritter 48. 788) zum 
Zweck eine Person zu erweichen, zu gewinnen, zu betrü- 
gen. Das Wort kommt bei Homer Hesiod Theognis Pindar 
nicht vor: Herodot ist der erste, bei dem es sich nach- 
weisen lässt (Hl 80). Im Lateinischen entspricht begrifflich 
.am meisten palpo (Onomasticon : paipo, bto^, palpum, dco- 
irefa); palpo percutere Plaut. Amph. 526 Merc. 153, palpari 
alicui Amph. 507, Hör. sat. U, 1, 20. Lucilius 29, 96 von 
einem Schmeichler: *hfc ubi me videt, palpatur, cäput scabit, 
ped^s legit'. Im Rudens 126 wird der leno als palpator be- 
schrieben. Lautlich steht vielleicht fovere am nächsten. Philo- 
xenus: focilat^ dciwceüei. Vgl. Varro bei Nonius p. 481, 14: 'suum 
quisque diversi commodum focilatur'. 

xspxoxj;. Plutarch über cp(Xo; und xoXaS 18 p. 60b: vgl. Lobeck Agl. 
1296 — 1308. Komödien mit dem Titel Kspxuiire^ schrieben Her- 



96 Ribbeck, 

mippos (fr. 38 RoXaxocptopoxXsiSyjc), Piaton, Eubulos (fr. 53 f. scheint 
ein Parasit zu sprechen). Vgl. auch Kratinos fr. 12. 

xoßaxTpa. Hesychius: xoXaxeüjjtaxa, Travoüp^T^ixaTa. Lobeck Agl. 1322. 

x6ßaXo(;. anecd. Bekk. 272, 21: if) izapa irovr^poü dvdptÖTroo xoXaxe(a. 
Vgl. Lobeck Agl. 1308—1329. xoßaXe(a anecd. Bekk. 272, 21. 

xo{X'^6^. Pollux a, 0. Eupolis fr. 159, 2 K. 

xopSaxfCw^'. Pollux a. 0. (Hesychius: xop8axta[xo( • id xfiv |x(|Xti)v 
^eXota xal irafpia. So führt Pollux unter den Synonymen des 
x6XaS u. a. auch üTroxpixigc, Troi7]r}]c leXouov, (xiixo^ ieXota>v, iroir^- 
T-^jc ato^pÄv (iafidTtüv, alayi^okiifoc^^ fiodcov, T(oöaan^<; auf.) 

xpoxoXe YH'^'i- s. oben S. 54. 

xütüv Tcpoaaafvtüv, TrpoooeoTjpci^. Pollux a. 0. 

xtuTtXo(;, eigentlich XdXo<; wie die Schwalbe (Anakreon fr. 154: vgl. 

Simonides fr. 243. 73), demnächst Xö^ok; dTcaxüiv, xoXaxsuiov. 

etym. m., Hesychius, Photius, Suidas. Vgl. Hesiod OD. 374 

Thaies in Bergk's lyr. Gr. III* 200 Theognis 852 Soph. fr. 606. 
TctÖ7]xta|xo(. Aristoph. Ritt. 887 u. schol. 
TuoirirüafiaTa. Hesychius, Photius: xoXaxeiat ei(; too^ dSajidotooc fe- 

irou;. Eustalhius p. 565, 19. 
ao-^xaiaveüaf^aYoc Krates, der Komiker, in einer Elegie (Bergk 

lyr. Gr.* U, p. 372). Stobaeus flor. XIV 16: KpdxYj; xoo; xoXa- 

xdc ^1^01 ouixaTav£Ooicpdiou(;^). 
Tt&aa£üTT^c. Aristophanes Wespen 702, dazu schol. Ttdaaeueiv: 

Demosthenes Olynth. 111 31 ; vgl. Herraogenes ir. eupsaeax; IV 10 

V e r b a : 

dosX'fiCsiv. Apollophanes 4 p. 798 K. 
atxdXXstv. Soph. fr. 728 anecd. Bekk.^) 
dpeaxeiv. Anaxandrides 42. 



\) Derselbe, dessen Blüthe Laertius Diog. VI 5 um Ol. H3 setzt, führte in 
seiner 'EcpT^jxepu als aus dem Rechnungsbuch eines jungen Lebemannes folgende 
Posten auf (Bergk lyr. Gr. 11^ p. 370 fr. <5): 

TtJ)et p.aY6iptt> fAvac osx', laTpcp opaj^jjtrjv, 
xoXaxi rdXavTa tc^vts, aüfißooXu) xaTrvov, 
TTopvTß TotXavTov, (ptXoao'fo) TpicoßoXov. 
Vgl. unten das Apophthegma. 

2) asXXEi • cpiXst. xoXaxsusi Hesychius, entweder aus aixaXXsi oder aus aioXet 
verdorben. 



KoLAX. 97 

dcpaipsiv xpoxüSa«; anecd. Bekk. s. oben S. 54. 
eiaoitiXeiv. Hesychius : etacofxiXei, exoXdxeoev . 
•JjSu^iCet». Philemon 30, Menandros 30. 
^jooXoistv. Phrynichos fr. 3 K. 
dtoTceoeiv und dc&TCTeiv: s. oben S. 45. 

xaxa'j^TQX®^^^- Hesychius: ^aux*^ xpißetv, wie man ein Pferd streichelt. 

Vgl. Aristophanes fr. 42 K. 
xepxcoTüiCetv iid täv xoXaxeoovxcov xxX. Diogenian II 100. Eusta- 

thius zu Hom. Od. x 552. 

xo(jL'i;£ueoOai. Hesychius. 

xoptCeadai, liebkosen, von Kindern. Aristophanes Wolken 68, schol. 
anecd. Bekk. 47, 31. &icoxop(Ceaftai : schol. Plat. p. 401 B., Hesy- 
chius, Suidas und Photius. 

xtt>x(XXeiv, beschwatzen, betrügen: S. 96. Theognis 363. Soph. 

Antig. 756. 
XiTCOpeTv. Hesychius: oeraöai, xoXaxe6eiv xxX. Aesch. Prom. 1004 

und sonst. 

vodeüeiv. Hesychius: diraXXoxpior, diraxa, xoXaxeuei; spät. 
TcapaTcxspü^fCet''. Photius: xoXaxeusiv, ctTci xaiv dXexxpooviov. 

TcoTCTCüCetv. Schol. Plat. p. 465 B: iroTuiruaDetT] • xoXaxeo&etyj, ex |i.exa- 
'^opa; xÄv iizi xoi^ iTncot«; TroTCTruafidxcov ev xco Sa|i.dCeadai. Timo- 
kles fr. 21, 7. 

TCpoTTTjXaxtCetv, grob schmeicheln. Hesychius: spsdtC^t, xoXaxeust. 

^ivav. Menandros ine. fab. fr. 854. Vgl. Lobeck Agl. 1305'. 

aaiveiv, Tcpoaaafveiv, TceptaatvEtv. Hesychius, Photius, Tragiker. Der 
metaphorische Gebrauch von adulari scheint vor Cicero kaum 
nachweisbar, tritt massenhaft erst im Zeitalter des Tacitus auf, der 
ihn mit Vorliebe anwendet. Auch deshalb also ist es nicht räthlich 
das Citat bei Priscian p. 791 P. *Cassius similiter: adulatique erant 
ab amicis at({ue adhortati' dem Cassius Hemina zuzuschreiben. (Vgl. 
Peter vett. bist. Rom. rel. p. CLXXVI A. 2). Ob die Worte aus 
der Rede des Prometheus * nostrum adulat sanguinem ' (vom blul- 
leckenden Adler gesagt) von Accius (V. 390^) oder von Cacero 
herrühren, bleibt zweifelhaft. Der Sprache des Plautus und 
Terenz ist adsentaior und blandus und was desselben 

Abhandl. d. k. S. UesellHch. d. WiKHensch. XXI. 7 



98 Ribbeck, 

Stammes ist geläu6g. Cyrillus: blandor y^^^9 xoXa^. blandus^ 

xtüTiXoc ba>^ u. s. vv. 
uTueXauveiv, ÖTcspj^saOat, ÖTctevai, uTcoTcfTcxetv, üiroTpsj^eiv 

bekannt, (schol. Aeschin. III H6: üTcoTreTcrcoxoTsc; * otovel xoXa- 

xe6ovT6<;) . 
üTütXXetv axojia. Sophokles Antig. 509. 
Xaptxo-fXwoaerv. Aeschylus Prom. 294. Athenaeus IV p. 165C. 

II. 7:apdatTo^. parasitulus: Löwe Prodromus 419. parasitaster 

Ter. adelph. 779. 
axXTr]To<;. Antiphanes ine. fr. 230. 

dveirdYT^^'^^^- Kratinos fr. 44. 

daufxßoXoc. Anaxandrides fr. 10. Diphilos 71. ammbolum venire: 

Terentius Phorm. III 1, 25. 
aüToX^xüdo;. Plutarch Mor. p. 50C (I p. 115H). 
ßSeXXoXdpof 8, Blutegelschlund, Kratinos fr. 44. 
buecellarius: vgl. Salmasius zu script. hist. Aug. vol. I p. 877. 

1031. II 614 (ed. Lugd. Bat. 1671). gloss. Hildebr. p. 232. 

buccellatarius: vgl. Löwe Prodr. 419. buccones, icapd- 

attot ßouxx(ü>v£(; : Philoxenus. 
YaaTpo)fdpüß8i<;. Kratinos fr. 397. 
IfXcoTTOYdaTtüp. Amphis fr. 482. Pollux II 108: ^^(üTToYdaTopec irapd 

Tot<; x(o[iixor<; oi dizh x^c y^(6ttyj<; ßtouvTs;. 
oaiTü(Xü>v. Homer: Lukian über den Parasiten 10 p. 848. 
sTciatTtoi;, eigentlich Tagelöhner (Athenaeus VI p.247), Timokles fr. 29. 
eiriTpaTreCtBioc. Hesychius. 
\>TQ<;. Hesychius (SoöXoc, |xiod(OT6c, irapdatTo;). Vgl. Aristoteles eth. 

Nicom. IV 9: irdvTec o^ xoXaxei; öyjtixoi. Lobeck Aglaoph. 1319. 
xaicvoTYjpYjTTQc. Eustathius zu Homer p. 1718, 60. 
xviaox6XaS. Asios fr. XIV M. 
xviaoXoixo«;. Antiphanes fr. 63. Amphis fr. 10. Sosibios 6. So- 

philos 5. 7. 
xviooTYjpTjTT^^. auecd. Bekk. 49, 13 (com. anon. 294). 
xoiXto8a({xu)v. Eupolis fr. 172K. 
Xdpü-|fS. Eubulos ine. fab. 134. 
XijjLox^XaS. com. anon. 295. 
XijfvoTsv {>>](;, Leckermaul. Pollux VI 122. 



KoLAX. 99 

jiaauvTYj^. Hesychius. 

(ioXoßp6<;. Homer Odyss. p 219. Hesychius (vgl. schol.): (jioXtaxcov 

hd "rijv ßopdv, ToüTsoTt icapdaiToc, YGi<3'cptjiapYo<;, eicai'nrji; xxX. 
oXßioidatcop. Alexis fr. 10. 
ovoü Y'^ddoc. Eupolis fr. 434 K. (Hesychius: icatCet et<; ircXü^a-yiav. 

Vgl. Tvadcüv). 
Tcapdßuaxoc. Timotheos fr. 1. 
TcapaSeSeticvYjjievoc. Amphis fr. 31 M. 
TcapaSeiicvt^. Eubulos ine. 134. (Lobeck Phryn. p. 326.) 
icapa{iaoTQTT|(;. Alexis fr. 232. Timokles 10. 
TcapajiaaüvTYj;. Ephippos fr. 8. Alexis 217, 8. 
luovTocpdpoS com. anon. 304. 
ao(ißi(oTo<;. Eupolis fr. 448 K. 
Ta77jvoxviaodTQpa<;. Eupolis fr. 173. 
toluberna , adsecula icapdaiTo^ eutpaTceXo;: Philoxenus. (coluberna 

oder cotubernalis? vgl. Lobeck Aglaoph. 1318".) 
TpaiceCeoc. Plularch Mor. p. 50 C (1 p. 115H), Hesychius (xpaueC^ec 

heissen bei Homer X 69 V 173 p 309 Hunde, die bei Tisch 

gefiiUert werden). 
tpaiceCoXoij^ö*;. Eustathius p. 1837, 39. 
TpißaXXot. Hesychius: auxocpdvxat. oi 8e xoi); dcoTceuxixoo; ev xoi«; 

ßaXaveioi^ oiaxpißovxac; xal siri xd oeiTTva eauxoo<; xaXoOvxac. Vgl. 

Lobeck AgI. 1037. 1325. 
zptiiotnz'io(^. Athenaeus VI p. 242 C u. s. vv. S. 75. 
']>co(jLox6Xa8. Aristophanes fr. 167, Sannyrion fr. 10, Philemon 8, Phi- 
lippides 8. Vgl. bucellarius oben S. 98. 
'l^cop.oxoXacpoc Diphilos fr. 48. 

Verba: 

xdXXoxpia SetTcveiv. Antiphanes fr. 248 f. Eubulos fr. 72. Theo- 

pompos fr. 34. 
dicoxTjYavtCetv aveo aufißoXÄv. Phrynichos fr. 57. 
epYov Xaßsiv. Ameipsias fr. 1 K. Alexis 190 (vgl. epTfoXaßeiv, ep^o- 

Xaß(a). 
irpoFxa osncvetv. Antiphanes fr. 210. 



100 Ribbeck, 

HI. Der Brodherr. des xoXaS heisst: ßaoiXeü<;, rex, dominus, 
genius (Piautus Capt. 879, Cure. 301, Men. 137 f. 140) xpscptüv (irapa- 
Tpscpeiv: Timokles fr. 10,2), cpaivv] (Menander bei Aelian tc. C^txüv IX 
7 z=i ine. fab. 854), praesaepis (Piautus Cure. 228). 

Der Ungastliche heisst jjLovocpdYo<; Ameipsias fr. 23 ine. fab. 24. 
Es wird von ihm gesagt : Xadpocpa^etv Metagenes fr. 15, ji o v o - 
aiTsiv Alexis ine. fab. 266, (lovocpa^eiv Antiphanes ine. fab. 250. 



VIII. 

Populäre Ausdrücke, Sprüchwörter, Gnomen und 

Apophthegmen. 

1. Suxov atiei^. Zenobius V 91 : aGiY) Xs-fexai xaia t<5v xoXa- 
xeuovtcov. ot -jap AÖTjvatoi exoXdxeuov toüc y^^PT^^^ ßouXojisvoi izap 
aoTÄv Xa|i,|3dveiv xd irpc&ifjLa oGxa' otcoviCovto ifdp aoio?; xai TcdXiv eXdstv 
ei<; veiüta. Vgl. Diogenianus VIII 9, Apostolius XV 69, Suidas und 
Photius s. V. Hesychius: aSxov aiieiv xoXaxeueiv. Schol. Aristoph. 
Wesp. 361 : oGxa p. aixe?;' toutIoti ipocpäv ßoüXsi, Sit Tpo'^dv cpaoi lo 
sattietv ta^dSa^;. Der GrundbegriflF ist also wohl: betteln. 

2. 'EireoOe V-'^'^P^ x^^P^^- Aristophanes Plut. 315: ob 8' Api- 
oiüXXo«; üTToxdoxuiv ipEi<^ ' | firea&e (xyjipl ^o^poi. schol. : xoGio 8e irapoi- 
(jLt(I>0£; ehal cpQtotv • o( ifdp icottoe; auTO et(oi)aai Xe-^siv , eirsa&s (x. x- i^apot- 
fiiaxov ouv eail xat iid täv dTraiSsuiiov cpaol Xe-yea&ai. Macarius IV 6 
= appendix proverb. II 79: sttI täv xoXaxeoTixo); xiotv e7co|i.6V(ov xpo^^; 

6V£Xa. 

3. Aüxofxaxoi 8' d^^^^'^ osiXäv eirl oatxa«; taatv^). 
Nach alter Erklärung 2) soll Herakles sich mit dem Spruch aoxo- 



Ij Das Material und die Litteratur über diesen Spruch hat zuletzt zusammen- 
gestellt Arnold Hug in seiner Ausgabe des Platonischen Symposion S. <2 f. 204 IT. 
Doch vermag ich den Schlüssen, die er zieht, nicht zu folgen. 

2) Zenobius II 19: aoTop-atoi . . . isviai. 0üTa>; 'HpaxXeiTo? e;(pT]aaTO r^ 
irapoijita, w^ 'HpaxXiou^ eTrtcpotrrijavTo? eirl tyjv otxtav Krjöxo; too Tpaj^ivtou xat 
ouTo)^ etTTovTo?. HpaxXsiTo;] 'Hatooo? Schneidewin o Iiax}(üXtOT^<; cod. Athous 
bei Miller Mise. 350. Der ursprüngliche Text ist eben zusammengezogen , der 
Archetypus wird beide Cilate, aus Hesiod und Bakchylides, enthalten haben. Schol. 
zu Plalo sympos. p. 174 B: taüTT^v Se ^ey^'J^^v sipr^aUai iizi ' HpaxXsI, o; ots sbri- 



KOLAX. 101 

(laToi . . . ivnai als ungebetener Gast bei dem Hochzeitsniahl des Keyx 
eingeführt haben. Es gab aber neben jener Fassung eine andre, 
welche d-y^^^^ an Stelle von oeiXuiv setzte: welche von beiden die 
ursprüngliche sei, ist Gegenstand der Controverse. Der zweiten ge- 
genüber hat ausdrücklich Eupolis im Xpuoouv ^evo^ die erstere als 
die authentische betont^): ob er damit die Wahrheit sagte oder von 
dem Recht des komischen Dichters zu bestimmtem Zwecke Gebrauch 
machte, lässt sich nicht mehr ermitteln. Jedenfalls passt dieselbe zu 
der von der Legende vorausgesetzten Situation. Da Keyx, Sohn des 
Elektryon, ein NefiFe des Amphitryon war, konnte sein Vetter, der 
Zeussohn, wohl mit einer gewissen Herablassung als ein Wohlgebor- 
ner (dfadä^) dem wenn auch königlichen Sohn des Sterblichen und 
den anwesenden ^evoi als Plebeiern fSeiXot im alterthümlichen Sinn 
wie bei Theognis) durch freiwillige Theilnahme an deren Fest eine 
Ehre anzuthun vermeinen oder versichern. In dem alten erzählenden 
Gedicht idjAoc; Kt^üxo<;, welches i[pa\niLaxi7L&'^ icatSec; dem Hesiod ab- 
sprachen'^), mag jene Wendung des esslustigen Heros, die einen leise 
scherzhaften Anflug hat, vorgekommen sein. Dem herben Spruch hat 
in lyrischer Darstellung derselben Scene Bakchylides^) nach bekannter 
Freiheit zu nicht mehr erkennbarem Zweck eine urbanere Form ge- 
geben: lata S iizi Xdtvov o686v, xol Se dofva; Ivxoov, JiBex' Icpa* | aüx6- 
(laxQi o' d^aduiv Saixac euoj^doüc; eirepj^ovxat Sixaioi | cpÄxec. Ebenso 
musste natürlich Kratinos*) in der Parabase, wenn er jenen alten 
Satz verwenden wollte, um seinen Chor als Gast den Zuschauern zu 
empfehlen, demselben eine verbindliche Wendung geben: o( 8' aod' 
-}][ur^, (bc & TcaXaib«; | Xö-jfoc, auxofxdxoo^ d-jfadoi»^ isvai | xoixcpoiv kizl 
oaixa deaxÄv. Das Verhältniss zwischen Dichter und Publicum ist geist- 
reich umgekehrt: Genuss und Beifall feinsinniger Zuschauer ist das Gast- 



i) fr. 289K. bei Zenobius: EüttoXk; . , . ixipwc cpTjatv Ij^siv tt^v icapoi- 
(iiav xtX. 

t) Alhenaeus II p. 49 B: ou *H<jto5o<; dv Kr]üxo<; Yotfitp (xav yip 7pap.jia- 
TtxcöV T[aioe(; airoEsvcoai too icoir|Tou tol Itctj taüta, aXX' efiot Soxet dp}^ala elvai) 
TptiroSac xa? xpaizi^a^ ^Tjat. Plutarch Sympos. VIII 8 , 4 : ox; b xov Kt^oxo«; 
YajAOv e{; xa 'Haio8ou irape[j.ßaXa>v etpr^xev. Vgl. 0. Müller Dorer II 481 , Mark- 
schefTel Hesiodi . . . fragmenta p. 154. 

3) ine. fr. 33 B. 

4) fr. «69 K. in schoi. Plal. a. 0.: KpaTivo<; Ss h flüXatcf {lexaXXaEa^ 
auxfjV Ypot^st oüxa>; xtX. 



1 02 RlBBfiCK , 

mahl, an dem jener mit Selbstbcwusstsein als ein wenigstens ebenbür- 
tiger sich betheiligen wilP). 

Der Scherz des Sokrates im Symposion Piatons p. 174B endlich 
setzt die durch Bakchylides in Aufnahme gebrachte Fassung [d-^a- 
Ouiv — 'A^Giöwv) voraus, doch zeigt der gleich folgende neckische 
Vorwurf gegen Homer, dass dieser jenes Sprüchwort nicht nur cor- 
rumpirt, sondern schmählich vergewaltigt habe (ou [x6vov Siacpöetpai 
aXkä xal üßp(aai ei<; lauxTjv xijv Tcapotjjtfav) , indem er Menelaos, den 
schlechteren Mann, ungeladen zum Schmause des Agamemnon, des 
besseren kommen lasse (x^fpo) &vTa eicl rijv to5 d|xe(vovoc), dass dem 
Verfasser hier die Lesart SeiXtov vorschwebte. Natürlich, dass die 
bakchylideische Interpolation im geselligen Verkehr und Gebrauch den 
Vorzug erhielt und in dem Maasse, dass die ursprüngliche Lesart da- 
rüber fast in Vergessenheit gerieth^). Vollends natürlich, dass die 
Parasiten die höfliche Form adoptirten und sie gern ihrem heroischen 
Patron und Vorgänger^) in den Mund legten. 

4. 'AxXtjtI xtüfxdCoüotv ec cptXtov (piXot. Zenobius II 46 u. s. w. 

Gnomen und Apophthegmen bestimmter Autoren. 

Metagenes: 

5. ETc ottüvo^ apiaTo<; d{JLuveaftei Tcepl 0£tTr.>oü. (fr. i8K.) bei Athe- 
naeus VI p. 271 A. 

Menandros: 

6. 'E(xe 8' dotxeiiü) TcXoüoto^ xai (xt] uevYjQ' 

^^ov cpepeiv -^dp xpeiTxovcov xüpavv(8a. 

ine. fab. fr. 586. 

7. Kaipcj) xbv süTüj^oGvTa xoXaxeucov cpiXo; 

xaipoo cpiXoc Tur^üxev, ooyl xou <p(Xoü. 

fr. 664. 

\) Wie kann man aus dem Cital ük b iraXaio^ Xo^oi; einen Schliiss auf die 
echte FaSvSung ziehen , da doch im Folgenden die willkürliche Änderung auf der 
Hand liegt! 

t) Ganz unbekannt ist der Verfasser der bei Athenaeus I p. 8 A in abgeris- 
senem Excerpt erhaltenen Worte : aYa^o; Tipog ayaÖGu^ avopa? iariaadfisvo^ -^xov • 
xoiva "[ip tÄ tü>v cptXoDV, welche Mcincke vol. IV p. 5 metrisch zu constituiren 
sucht: vgl. ßergk poet. lyr. Gr. IM p. 405. 

3) Vgl. Plaulus' Curculio 358. 



KOLAX. 1 03 

Pseudophokylides 91 ff.: 

8. MyjSs Tpa7ueCox6poü(; xoXaxa^; iroiera&at sTaipooc ' 

TToXXol -yap TTootoc xai ßpuioioc; etatv etarpoi, 
xaipo"^ da)Tce6ovTe(;, ettyjv xopsaaaöai Ij^coatv, 
dj(d6[jLevoi 8 oXi^ok; xai itoXXot(; irdvT6<; aTcXyjoToi. 
Bergk II * p. 93 f. 
Zenon: 

9. 'EXsYX® oaüTÖv ootk; er, jxtj itp6(; X^P^'^ 
axou', dcpaipoü Se xoXdxu>v icappTjaCav. 

Stobaeus floril. XIV 4 Zt^vü>vo(;. Vgl. Meineke bist. er. com. Graec. 
praef. p. X. 

Antisthenes: 
i 0. "Qoicep Td<; exaipac xdYaddt icdvxa eSxeo&ai xotc epaoTat<; icap- 
efvat tcXtjv vo5 xai cppoviQoewc, oGxco xai xooc xoXaxa^ oT^ ouveiai. Sto- 
baeus floril. XIV 19 'AvxiodsvYj^: Xs^et xxX. Vgl. 12. 

Aristonymos: 

1 1 . Td |xsv SüXa zh irOp aöSovxa ötc auxoG xaxavaXioxexat, 6 6e irXoGxo^ 
£xxps<f>ü)v xoü^ xoXaxac ötc' aixÄv xo6xu)v Siacpdefpexat. Stobaeus floril. 
X 9: ex xäv 'Aptoxu)v6[jLOü xojxapCcov. Vgl. Meineke bist. er. p. 197 f. 

Diogenes: 

12. rioXü xpeixxov e<; xopaxac dTreXOefv 9i s(; xoXaxa^. Athenaeus 
VI p. 25iC. Stobaeus flor. XIV 17: 'Avxiod6V7](; atpexcoxepov cpYj- 
oiv sie x6paxa<; ejiireoerv -JJ et^ xoXaxa^;* ol |xev -|fdp dTcodavovxoc xo 
oa>(ia, ol 8e Cävxo; tJjv ^p^X"^^ Xujiaivovxai. Vgl. 15. antbol. Pal. XI 323: 

'Pd) xai Ad|xß8a (a6^ov xopaxa^ xoXdxcov BtopiCei' 

XoiTTÖv xauxb x6pa^ ßu)|xoX6xo<; xe x6Xa^. 
xoövexd jxot, ßeXxiaxe, x68e C«5ov ice^poXa^o, 

et8ü>c xat C«>vxü)v xoix; xoXaxac; xopaxa^. 

13. 'Eul T^c xoXaxeta<; ciSoTcep iid [ivT^ixaxo^ auxo (jlovov x6 ovofxa 
x^<; ^iXta^ eittifeifpairxai. Stobaeus floril. XIV 14. 

Epiktetos: 

1 4. "Qoirep Xüxo<; Sjiotov xovl, oöxu) xai xoXaS xai jiotxoc xai ica- 
pdoixo^ Sjioioi; cpiXü) xxX. fr. 48 bei Stobaeus flor. V 1 1 4. 

15. Ol jxev xopaxec xdiv xexeXeüxyjxoxwv xoü^ 0'fi)aX(jLOü(; XujiaC- 
vovxai, 5xa^ ooSev aOxcBv eaxt XP^^'^' ^^ ^^ x6Xaxe<; xäv Cwvxwv xd^ 
']/üXo^<^ ota^Oetpoüoi xai xa6x7]<; optpiaxa xücpXtüxxooatv. fr. 103 bei Ma- 
ximus Tyrius XIII p. 54. Vgl. 12. 



104 RlBBBCK, 

1 6. ritÖT^xoüip-yijv xal xükanoc, diceiXirjv h taa) deieov. fr.'l 04 ebenda. 
Favorinus: 

1 7. 'Qoitep 6 'Axxatcov ütto xdiv xpecpojievaiv ütc aoxoO xuvdiv dice- 
davev, ooxüx; oi x6Xax6<; xouc xpecpovxa^ xaxeo&iouotv. Stobaeus floril. 
XIV 12 (vgl. 11). Zeller Philos. d. Gr. V 51. 

Klearchos: 

1 8. K6XaS |xs^ oüSeU Siapxet icpbc cptXiav • xaxavaXtaxei -yap 6 j^p6- 
voc x6 xo5 TcpoaicoiVjjiaxoc auxAv cj;eö8o^. 6 8 ipaavtfi xoXaS eoxi cpi- 
X(a<; 8i' liSpav ij xdXXo(;. Aus dem ersten Buch der 'Eptoxtxd bei Athe- 
naeus VI p. 255 B. 

Pythagoras: 

19. Xatpe xoi«; IXe-y^ooaC oe [xdXXo^ yJ xoi«; xoXaxeüouaiv o)^ o* 
ejfdpcBv j^stpova^ exxpsicou xoü^ xoXaxeuovxa;. Slobaeus flor. XIV 18. 
xaxaveüoüotv verm. Meineke. 

Sokrates: 

20. *H Xüiv xoXdxtüv eüvoia xaddirsp ex xpoir^^; cpeü-yet xa^; dxu^ia^. 

21. HY]pe6oüot xor^ |xev xuoi xoot; Xa^^oQu^ oi xüvyj-yoi, xoic 8' eirai- 
voi^ xoü^ dvoTfjxoü^ Ol xoXaxec;. 

22. Ol |xsv Xüxot xor(; xoatv, oi 8e x6Xaxe^ xot(; cpiXoK; ovxe^ o|xoiot 
dvo(Ao(cov ^Tüidütiouaiv. 

23. Eoixev if) xoXaxeta YpowcxTg ua^oiiXicf . 8to xep'j>tv jiev Ij^si, j^petav 
Se oüSejxCav izapix^iau 20—23 Stobaeus floril. XIV 21—24. 

Sotion: 

24. 0( SeXcptvec (i^xP^ '^^^^ xXü8ü>vo(; aüvoiavTQj^ovxai xoFc xoXufi- 
ßtüoi, icpic 6e xö Srjpov oux sEoxeXXouatv oöxux; oi xoXaxe^ sv eu6(cf 
Tcapa|xsvoüatv, ux; xal oi xob^ <p(Xoü(; et^ d7co87j[itav TcpoTrs(jncovxe<; (xs^pt 
x'^(; Xe(a(; oüfMcapaxoXoüdoGaiv, eTcet8dv os de, xpaj^etav IXdcoaiv, dTctaotv. 
Stobaeus floril. XIV 10: ^ü)Xiü>vo(; ex xoö itepi op^^;. Vgl. Zelier Phi- 
los. d. Gr. IV 605 A. 3. 

Bias: 

25. *0 B(a(; dicexpivaxo . . xi 7rüi)o(jLevu> xi xäv C^v ^aXeitci- 
xaxov eoxt^ . . . ßxt xäv jxev dfptcDv 6 xupav^o(;, xcBv 8' ifjixepcov 6 x6- 
XaS. Plutarch cp(Xo(; und x6XaS p. 61 C. Als Scherzwort des Pitta- 
kos zu Myrsilos im Gastmahl der 7 Weisen p. 147B bezeichnet. In 
etwas veränderter Fassung dem Diogenes beigelegt von Laertius 
Diogenes VI 2, 51 : epcoxYjdeU x( xwv ÖTjpiwv xdxtoxa 8dxvei, e^Tj, xdiv 
|xev difp((üv oüxocpdvxY](;, xcBv 8e if)(Aep(ov x6Xa8. 



KOLAX. 105 

Krates: 

26. KpaxYjc Tcp6<; veov icXoüotov iroXXouc xoXaxa^ euioüpojxevov "vea- 
viaxe" ericev, ''ekt& ooo tJjv epYjjxiav". Slobaeus flor. XIV 20. Der 
Kyniker ist gemeint. 

Lykurgos: 

27. Kai xb ji6v ji6pov s^Xaaev . . . x-Jj^i 8e ßa^ixYjv ux; xoXaxetav 
acaOi^aeco^. Plutarch apophth. Lacon. Lyc. 18 p. 228 B. 

IX. 

Die Uebertragungen des Begriffs der xoXaxe(a auf andere 
Lebensverhältnisse gehen aus von der Platonischen Auffassung, welche 
jedes auf Bewirkung von x^P^^ ^^^ "})8ovt^ gerichtete Streben (Rhetorik 
und Sophistik, Koch- und Toilettenkunst) als xoXaxsta bezeichnet*). 
Für die Komödie kommt neben der geheuchelten Freundschaft vor 
Allem die Liebe in Betracht: die verführerischen Lockungen der 
Hetäre, die gleissnerische Beflissenheit, die lenodnia'^) des Kupplers 
(der im Rudens 1 2ß ahpalpaloi' charakterisirt wird) und der Kupplerin, 
selbst die Huldigungen des Liebhabers dem Mädchen gegenüber 
erinnern an die Künste des xoXa^. ^Blanditiis vult esse locum Venus 
ipsa' versichert TibuU I 4, 71 ; ^blanditia, non imperio fit duicis Ve- 
nus' heisst es in den Sprüchen des Syrus (56); Blanditiae be- 
gleiten (nach Ovid amor. I 2, 35) den Triumphwagen des Amor. Das 
öü)icix6v, welches Weibern von Natur eigen ist^), wird bei der Buhlerin 
von selbst zum xoXaxeuxixov. So schildert sie Ephippos in der 
'EfjLTcoXi^ fr. 6: 

liteixd -y eiatovx', edv Xüiroüjievo^ 

xuj^T] xk; if](jLa)V, exoXdxeooev ^jSsux;, 

ecpfXYjaev ouj^l aü(JL7uieoaoa x6 oxojia 

(ooTcep TToXeixiov, dXXd xoiat axpoodioi^ 

j^avoöa' 6|Jio(u)(;, -^ae, Trapejiüdi^aaxo, 

eicoiTjae d' fXapbv eü&eux; x' dcpstXe irdv 

auxoö xb XoTCoGv xdirsSetSev iXecov. 

4 ) Gorgias c. 4 8 ff. 

t] Der grade Stab, welchen der Tcopvoßoaxo^ auf der komischen Bühne trug, 
hiess apsaxo^ : Pollux IV 4 20 Hesychius s. v. 

3) Vgl. mit dem Folgenden was Philoklcon in den Wespen 605 ff. von Frau 
und Tochter rühmt. 



106 Ribbeck, 

Die Überlegenheit der Heläre in diesem Punkt gegenüber dem ehr- 
baren Mädchen betont Menandros ine. fab. fr. 554: 

eXsüdspcf Y^^^^'^^ ^P^^ ir6pvY]v p-dx'^i- 
TrXetova xa/oop^et, TrXeiov otS', atoj^uvexai 
ou§ev, xoXaxeusi (läXXov. 

Die schmeichelnden Locktöne der beiden Buhlschwestern in der 
ersten erhaltenen Scene der Bacchides sind nicht weniger in dem 
flüssigen Rhythmus wie in liebkosenden Worten (V. 27 : ' cor mcum, 
spes mea, Mel meum, suavitudo cibus gaudium') ausgeprägt, z. B. 
V. 82flF.: 

locus hie apud nos, quamvis subito venias, semper liber est. 

übi voles tu tibi esse lepide, mea rosa, mihi dicito: 

da tu qui bene sit, ego ubi sit tibi locum lepidum dabo. 

Milphidippa und Acroteleutium vereinigen sich mit Palaestrio (mil. 
gl. IV 2. 5) zu einem wahren Concert der xoXaxe(a dem miles gegen- 
über. Auch die Magd Astaphium im Truculentus versteht sich auf 
^blandimenta meretricia' (318). Der Liebhaber ist eine feindliche 
Stadt, die erobert werden muss (Truc. 169); man gewinnt ihn, wie 
man Fische fängt*) und Vögel stellt^); er beisst an^), geht ins Netz^), 
geht auf den Leim^). So lange er frisch, schmackhaft, bemittelt ist, 
wird er umschmeichelt ; ist er ausgebeutelt, so wird er zu den Todten 
geworfen : 

äliam nunc mi orationem despoliato praedicas, 
äliam atque olim, quom inliciebas me ad te blande ac benedice. 
tum mi aedes quoque adridebant, quom ad te veniebam, tuae. 
me ünice unum ex omnibus te atque illam amare aibas mihi, 
libi quid dederam, quasi columbae pulli in ore ambae meo 
üsque eratis: meo de studio studia erant vostra omnia. 



\) Bacch. 102: ^|uia piscatus meo quidem animo hie Ubi hodie evenit 
boiius'. Ausgeführt in Trucul. 35 IL, in andrer Wendung Asin. 178 ff. 

t) Vergleich mit aucupium, ausgeführt von der lena in Asinaria 24 5 ff. 

3) hainuiu vorat: Truc. 42. 

4) si inierit retc piscis: Truc. 37. 

5) Bacch. 50: viscus nierus vostrast blanditia. 1158: tactus sum vehemen- 
ter visco. 



KOLAX. 1 07 

lisque adhaerebatis : quod ego iusseraoi, quod voluoram 
fäciebatis: quod nolebam ac volueram, de industria 
fügiebatis neque conari id facere audebatis prius. 
Dünc neque quid velim neque nolim facitis magni, pcssumae *). 

Es sind die wohlbekannten Züge der xoXaxeCa. 

Auch der Liebhaber muss sich auf diese Künste verstehen: 
sTOiTa <poiTc5v xal xoXaxeucDV (ejie xe xai) Tyjv jxTjxsp' Ipu) jxe, erzählt 
eine Schöne bei Menandros ine. fab. 550. Warnend sagt die alte 
Syra in der Hecyra 68 zur Philotis: ^nam nömo illoruro quisquam, 
scito, ad te venit, Quin ita paret sese, abs te ut blanditiis suis Quam 
minimo pretio suam voluptatem expleat'. Eingehender schildert die 
Kupplerin in der Asinaria V. 181 die Beflissenheit des werbenden 
Galans : 

is dare volt, is se aliquid posci: nam ibi de pleno pron)itur, 
n^que ille seit quid det, quid damni faciat: illi rei studet: 
voll placere sese amicae, volt mihi, volt pedisequae, 
voll famulis, volt etiam ancillis, id quoque iam, catulo meo 
sübblanditur novos amator, se ut quem videat gaudeat. 

Am vollständigsten sind die Weisungen, welche Ovid^) seinem Schüler 
in der Liebeskunst ertheilt: wie er als Zuschauer im Circus sich für 
die Partei erklären soll, welcher die schöne Nachbarin günstig ist 
(I 146), und beim Aufzug der Epheben der Venus Beifall klatschen 
soll (147 f.). Es werden ihm die nämlichen kleinen ofßcia einge- 
schärft, durch welche, wie wir sahen, der x6kaZ auch seinem Brod- 
herrn sich als dessen ipaarfi^ darzustellen sucht: 

utque fit, in gremium pulvis si forte puellae 

deciderit, digitis excutiendus erit; 
et si nullus erit pulvis, tamen excute nulluni : 

quaelibet officio causa sit apta tuo. 



4) Argyrippus zur lena in Asinaria 204 (T. Vgl. Trucul. 164 fl'., dort Astaphiuni 
163: *duin vivil hominem noveris; ubi inortuost, quicscat: Te dum vivebas^ novcram\ 
und dann 4 75 ff. der veränderte Ton, da Diniarchus erklärt: ^sunt mi etiam fundi 
et aedis\ Vgl. auch Trabea fr. I. Plularch Mor. p. 824 F: ai 8' airo Uearpcov 
. . . ^soocuvufjLoi Ttp.ai xal i{;euSo[jLapTop£<; itaipixaic ioUaai xoXaxEiai<; o^Xcov ae\ 
Tcp SiSovTi xal ^apiCo{iiv(|> irpoajieiSwovrtüv £cp7;|jLepov xiva xal aßs^aiov oo^av. 

2) Ihm ging Tibull mit 'Veneris praecepta' für Knabenlicbhaber voraus: I 4. 



108 Ribbeck, 

paliia si terra nimiuiu deiuissa iacebunl, 
collige et inmimda seduius effer huino. 

# 
159 parva levis capiunt animos. fuit utile multis 
pulvinum facili composuisse manu, 
profuit et tenui ventos movisse tabella 

et Cava sub tenerum scamna dedisse pedem^). 

Wenn dann der Triumphzug kommt, soll er dem Mädchen auf alle 
ihre Fragen nach den Namen der Könige, der Gegenden, Berge und 
Flüsse prompten Bescheid geben (221 f.) : ^omnia responde, nee (antum 
si qua rogabit: Et quae nescieris, ut bene nota refer'. Ferner die 
Anweisungen über das Verhalten beim Trinkgelage (569 ff.) nach der 
Methode des Bsüiepa Xe-ysi^ xal irotef^, 583: 'sive erit inferior seu 
par, prior omnia sumat. Nee dubites illi verba secunda loqui'. 

Um aber die erworbene Gunst zu behaupten, selbst die Spröde 
geschmeidig zu machen, ist für den unbemittelten Liebhaber, der 
nicht inmier schenken kann, erste Bedingung obsequium^): 

497 cede repugnanti: cedendo victor abibis. 
fac modo quas partis illa iubebit agas. 
arguet, arguito. quidquid probat illa, probate. 
200 quod dicet, dicas. quod negat illa, neges. 
riserit, adride. si Hebit, flere memento. 

inponat leges vultibus illa tuis. 
seu ludet numerosque manu iactabit eburnos, 
tu male iactato, tu male iacta dato u. s. w. 
209 ipse tene distenta suis umbracula virgis, 
ipse fac in turba, qua venit illa, locum. 
nee dubita tereti scamnum producere lecto 

et tenero soleam deme vel adde pedi u. s. w. 
223 iussus adesse foro iussa maturius hora 
fac semper venias, nee nisi serus abi. 



i) S. oben S. 57. Die praktische Ausführung dieser Weisungen war bereits 
in den Ainores III 2 vorausgenommen. 

t) II \11 ff. <97 ff. TibuU I 4, 39: *lu puero quodcumque luo temptare 
libebit, Gedas: obsequio plurima vincit amor. Neu comes ire neges* 
u. s. w. Vgl. oben S. 50. 



KOLAX. 1 09 

^occurras aliquo' tibi dixerit, omnia differ: 

curre, nee inceptum turba raoretur iler u. s. \v. 
251 nee pudor aneillas, ut quaeque erit ordine prima, 
nee tibi sit servos deraeruisse pudor. 
nomine quemque suo (nullast iaetura) saluta, 
iunge tuis humiles, ambitiöse, manus u. s. w. 
Aueh kleine Geschenke, Erstlinge des Gartens u. a. sind wohl 
angebracht (261 ff.). Vor Allem natürlich muss der Liebhaber nicht 
ermüden die Schönheit und die Gaben seiner Erwählten zu bewun- 
dem (295 ff.): 

297 sive erit in Tyriis, Tyrios laudabis amictus, 

sive erit in Cois, Coa deeere puta u. s. w. 
305 bracchia saltantis, vocem mirare eanentis^ 

et quod desierit verba querentis habe^) u. s. w. 
Nur darf sein Lob nicht gemacht und geheuchelt erscheinen: 
3H tantum ne pateas verbis Simulator in illis 
effice nee vultu destrue dieta tuo. 
si latet ars, prodest u. s. w. 
Schmähungen und selbst Sehläge soll er geduldig ertragen: 
533 nee maledicta puta nee verbera ferre puellae 

turpe nee ad teneros oscula ferre pedes u. s. w. 
Nimmermehr halte er dem Mädchen körperliche Fehler vor (641 ff.), 
vielmehr beschönige er sie durch wohlklingende Euphemismen ^) 
u. s. w. 



Vgl. oben S. i3. 

2) 657 IT. Vgl. oben S. 46 f. Grade das Gogcntheil solcher xoXaxeia, frei- 
lich hinter dem Rücken der Geliebten zu begehen, empfiehlt Ovid in den remedia 
amoris solchen, die sich von der Krankheit der Liebe befreien wollen, 34 5 IT.: 
profuil adsidue vitiis insistere amicae, 

idque mihi factum saepe salubre fuit. 
'quam mala* dicebam 'nostrac sunt crura puellnc ! ' 

nee tamen, ut vere confiteamur, erant. 
'bracchia quam non sunt nostrae formosn puellae!' 

et tamen, ut vere confiteamur, erant. 
^quam brevis est!' nee erat, ^quam multum poscit amanleml' 

haec odio venit maxima causa meo. 
et mala sunt vicina bonis. errore sub illo 
pro vitio virtus crimina saepe tulit. 



110 RiBBBCK , 

Vom x6XaS unterscheidet sich der apeaxo<; wesentlich durch die 
Uneigennützigkeit seines Charakters ^) . Alles lobend, jeden Gegensatz 
und alles Unangenehme im Verkehr mit Menschen vermeidend^), aller 
Welt Freund ist er mit keinem Einzigen wahrhaft befreundet^). Sein 
Gegenpol ist nach Aristoteles^) der Grobian (SuaxoXoc), nach Ende- 
mos ^) der Arrogante (aüdd8T]<;) : in Verbindung mit diesen Charak- 
teren wird er näher zu behandeln sein. Verwandt mit ihm ist der 
römische scurra, doch ist dessen eigentlicher Antipode der Bauer 
(dYporxo(;, rusticus): auch dieser Typus bleibt daher einer späteren 
Betrachtung vorbehalten. 

X. 

Theophrasti characterum caput II. 

xoXaxeta(;*^). 
Ttjv 06 xoXaxeiav üTcoXdßoi av xk; 6[itXiav aiojfpdv efvat, ooji'f s- 
poDaa^^ 3e T(p xoXaxeüovxt, t{»v 8e xoXaxa toioüt»Sv xiva, (iSaxe a|xa tco- 



qua potes, in peius dotes deflecte puellae 

iudiciumque brevi limite falle tuuai. 
turgida, si plenast, si fuscast, nigra vocetiir; 

in gracili macies crimen habere potest. 
et polerit dici petuians, quae rustica non est; 
et potent dici rustica, siqua probasl. 
Die praktische Anwendung der hier empfohlenen Heilmethode ist von Catull anti- 
cipirt in den Spottversen auf die Mantuana [?Ameana die Hdschr.) puella 
c. 44. 43; vgl. auch c. 86; Horaz carm. IV 43. epod. 8. 

4) Aristoteles eth. Nicom. II 7 p. 4 4 08A: Tcspl 8s to Xoiirov tjSu to iv T<p 
ßtcp . . . b Se uicepßaXXcov (im rfio) , ei }jiv ouSevo^ Svexa, apsoxo^. IV M 
p. 4 4 27A: b [jlsv toü 7]6ü? slvai axo^aCojievoc [jli^ 6t' aXXo tt apeaxo^. 

t) Aristoteles eth. Nicom. IV 4S p. 4 4 26B: ev hk Tai<; bfiiXCai«; xal xq au~ 
CtjV xal Xo^cov xal irpa^fJ^xcov xoivcovsTv o( piv apsoxoi Soxouaiv sivai ot iravxa 
irpo^ TjOovi^v STcaivoovxe; xal oo8sv avxixstvovxec , aXX' ciofievoi 8stv aXuitoi xol? 
dvxoYxavooatv eivai. 

3) Aristoteles a. 0. IX 4 p. 4 4 74A: ol 8s iroXufiXoi xal Tcaaiv oixsico^ 
evxü')f)(avovxe<; oo8evl 8oxouatv stvai cptXot , tcXtjV iroXixtxoK , oü<; xal xaXouaiv 

apioxouc* 

4) Eth. Nicom. II 7 (oben S. 4 7). 5) Eth. Eudem. III 7. 

6j Usus sum libris manuscriptis hisce : Parisinis n. 1977 saeculi X vel XI 
= A, n. 4 983 saec. X = B; Laurentianis saec. XV plul. 60, 48 = F, 
plut. 60, 25 = f, plut. 86, 3 = <p ; Marciano 543 saec. XV = M; Rhe- 
digerano tt saec. XV = K. Consensum librorum siglo signavi 0. Ex his 



KOLAX. 111 

peu6(ievov etTretv „ev&ujxig , cüc dTCoßXeTcouot Tzph^ ae oi avöpwTroi; 
TouTo ouSevl xÄv ev x^ TcoXei y^'^s^öii tcX-Jjv ooi* TjüSoxtjist; j^öet; ev 
T^ OTO^'" TcXet^SvcüV ifap "i^ Tptdxovxa dvdptt)uu)v xadY]|i.svtt>v xal sjx- 5 
lueoovToc X6yo^9 ti(; eiT] ßeXxioToc;, die' aoxou dpSafisvou^ icdvxa; stcI 
xi Svo(Aa aoxoG xaxeve/O^vat • xal fifia xoiaGxa Xs^cov aizh xoG {[la- 
xioü d^tkth xpoxüSa* xal sdv xt irp^(; ih xp()^a>ji.a x^^ xecpaX^c ütuo 
7r>e6jxaxo^ irpoaevej^d^ aj^opov , xapcpoXof -^aai • xal iTzvftkdaac, 8e eiTuerv 
„6pa(;; 6xt Sootv 001 fjfxepcov oux dvxexüj^Yjxa , ttoXiäv lojf Tjxa^ x^iv 10 
rc&Y«>^Qi [leoxiv, xaiirep, etxt; xal aXXoc, Ix^tc; irpbc xd sxtj [isXatvav 
XYjv xpt)^a" • xal Xe-yovxo^ 84 aoxoö xi xouc dXXou^ oKuicdv xeXeGaai, 
xal eTcaiveoai 8e ^So^'^^^? '^oil eTriOYjfn^vaodai 8s, eJ Tcaüoexat, „6pdÄ^" • 
xal oxiÄ^avxt cj;üj^pd)<; sTuiYeXdaai, x6 xe Ijidxtov iooat eic x6 ox6(jLa 
cix; o*}) 00 Süvdjievo^ xaxaoj^eiv x6v -jfsXcoxa • xal xooc dTravxdivxa^ sirt- 15 
ox^vai xeXeuaat, eu><; av aüx6(; TcapsXdij]" xal xor(; icaiStotc; [lyjXa xal 
dmouc 7cpid(JLevo<; etasve']fxa(; 8oüvai op&vxo^ aoxoo, xal cpiXT^oa(; 6e 



contuli ipse Parisinos anno 1876, Laurentianos a. 1882; Marciani et Rliedigerani 
lectiones accuratius quam antea enotatas ex Hermanni Diels Tlieophrasteis Berolini 
1883 editis sumpsi, atque eiusdem viri doctissinii de Parisinis testimonia quaedain 
attuli, quae in meis schedis non repperissem. 

3 airoßXiirouaiv sU ^s MK<p: cf. Diels Theophrastea p. 12. oi om. MR 

oüOevt FMRf<p (fjLr^ftev B p. 134, 1 P. : celerura [jlyjSsvC p. 126, 41 [jL>]8iv 
p. 127, 25 oilSiva p. 138, 11 AB 4 irXr^v r^ 001 A9 Tj aot (om. irXv) F 5 t)] 
0' T^ M 7 Sp-a Needhamus aXXa Xi^etv ABFf(p. Expectcs Xs^ovxa ut 

supra V. 4 iropeuo^ievov , sed nominativi etiam infra secuntur licentia slruclurae, 
quae in ceteris capitibus numciuam admitlitur, cuius nescio quae turbae textus pos- 
sunt in causa fuisse. 8 xpoxioa FMRf<p^ item cpit. v. 5. xiva 9 uiro 

Aubenis duo 9 veü[j.axo<; M Tzpoozyeybj^ Ff Tupoor^vs^ihg R irpoayjvexUrj 

ABM^p 10 Busiv Af 63/7]xa<;] eaj(' A ey(ei^ <p 1 1 et xic 

oAAoc M R iyei irpot; xd exT] M R lupoc xa Ixy] exei? A 9 p.iXaiva M 

12 a'xoüxi] auxo, suprascr. m. ead. xt, f 13 ^oovxo? Reiskius: cf. mus. 

Rhen. XXV 130 axovxoc FMRf^ dxovxo<; A dxouovxo^ (sie scriptum: axxo) B 

axouov, i. e. axooovxo^ aul dxooovxa, epit. v. 7 et iraoorjxai (r^ m. 2 corr. 

in e) <p &l Traoaaixo Reiskius tjv TraüOTjxat Astius eirdv TrauoTjxai Fossius Verba 

xat eTrioTjjxrjvaaOat . . . op&o)^ melius post xeXeuaat v. 12 sequi monui mus. 

Rhen. I. 1. 14 oxoJ^j^avxt Cratandrea axw^a; x( A oxco^ac xt (sie scr. : a x'tj;xt) 

B (oxw^av xt AB testatur Diels.) oxm^a«; xt <p axm^J^a^ rt Ff 3xu>^a<; xt M R 
TTtxpm^ R dTTiYeXaaat F (Sae A teste Dielsio 1 5 3t^] Sei B teste Dielsio. 
\lr^ Ao TOD? aTravxaf; <p 16 jitxpov ÄiriaTTjvat MR TratStot?] ireSfoi^ A 

le«*le Dielsio. iratat M 17 diriSiot © 8e om. B teste Dielsio 



112 Ribbeck, 

EiTzth „j^pTjaxoö Tcaxpic veoirta''* xal oovcovoüjievo^ xpYjTciBa(; xbv icoSa 
cp^aai eivai supoOfioTspov xoG üTCoSVjfiaTo^* xal Tcopeüojxevou Tcpoc xtva 

20 xÄv cp{Xu>v TCpo8pa(JLcbv eiTcetv oxt „itpJx; ae Ipj^exat" xal dvaoxps'^ac; 
8xt „TcpooT^YT^Xxa''. djisXet 8e xal xd ex '^u'^autla^ d^opd^ 8iaxovijoai 
Suvaxi^ dTCveuoxf * xal x&v eaxtu>|jievu)v Tcpiüxoc eTcatvsoai xiv otvov * 
xal irapa|xsvu)v eiTcetv „a>^ (AaXax(j5(; sadfeK;". xal apac xt xc3v dizh 
xijc; xpaTueCv]«; cp^aat „xooxl dpa w; XP^^*^^'' eaxt". xal dpiox^oai, 

25 fA"?] ^1^01, xal ei eTCißdXXeoöai ßoüXexat, xal ei xi iceptoxeiXig auxov 
xal |XY]v xaGxa Xe-ycov itp?); xö o5c irpoomTrccov otacj^tdüptCeiv xal 
et(; exetvov diroßXeTccov xot<; dXXoi^ XaXer^. xai xoö icaiS^^ ev xtS 
dedxpm dcpeXojxevo^; xd irpoaxe^dXaia ai)xh^ 67rooxp<i)oat • xal x9]v oixfav 
cpijaai e5 T^p^fixexxov^odat xal xbv d^p^v e5 TcecpoxeGodai xal x^jv etxova 

30 6|xotav eivai. xal xb xecpdXaiov xöv xoXaxa eaxi dedoaodat Tcdvxa xal 
Xe^ovxa xal irpdxxovxa m ^apieiodai oicoXafxßdvei. 



Epitome Monacensis descripta a DieLsio p. 26. 

* H oe xoXaxeta aojicpepei jxev xco xoXaxt. dXX' ofxux; aia/pd eoxiv 
6fxiX(a. 6 8e x6XaS xoioüx6(; xi^ oTot; Xe^eiv, tb^ daxero(; ef xal irept- 



18 veoTTia BF vsoxia f iTcixpTjiriSa? A iiA xprjirTSa? B eirl xpTjirtSa; 

FMRfcp iiri xpTjTcIoa? eXI>civ Fossius 4 9 ^pr^aai elvai] eivai ^fi^ai A eri 

eopoÖp-OTSpov Petersenns itopeoojjLSVo? M 20 irpoaSpajxtov (A sine acc. teste Diel- 
sio) 9 epj^ojiai 9 24 ort] eiirelv ort R 7:poaT]Y7£Xxa<; (AB teste Dielsio p. 4 2] 9 
(fuit: TcpoayJYYeXxd as) 6s om. A9 22 SovaTo;] ixavu); M 23 irapa[jiva>v] 
fortasse ut familiaris manere putandus est, postquam abierunl ceteri convivae. 
7capaxsi|iiv(0V MR: quadrat ad proxima, ubi post toiv inseri possit. cf. quae Dielsius 
disputavit p. 4 2. aiaÖiSK; B m. 4 xt Bf tI F 25 87ttßaXia&at F eirt- 

Xaßsaöai f et xi] exl B Ixt FMRr9 TreptareiXTQ Kayserus TceptirretXT] AB 

iceptaxsiXei M TreptoxelXai FRf {7rsptoxe(Xat volueruntj itsptoTe(Xa? 9 26 ^iTjv] 

[jLT^ AB9 Xif =, h. e. Xi^cov et Xeyetv m. eadem, A irpooicfirrcov BFMRf9 
Siaiciirrcüv , m. eadem irpoc suprascr., A Tcpoaxoirrwv Valckenaer Sta<{;t&up(Cstv 

solus A ^t&up(Ceiv ceteri : de librorum A et B discrepantia disputavit Dielsius p. 8 

27 e{<;] «o; 9 TratSoc] SouXou R, supra iratSo; suprascr. M 28 d9sX6^evo^ 
iv xa 0irpoaxe9dXata 9 : volebat librarius h x(j> Oeaxpcp repelere, sed agnovit er- 
rorem. 29 apxixexxov^aÖat F i^pxetxexoxxov^aftat (super prius x scr. -/) M 

ap^eaftai xexxovsiaftat R 30 itdvTa XiyovTa f 34 cp ut in Byzantino feren- 
duni esse dicit Diels p. 4 2. <o B ot; Ff9 a MR: scribi possit 8t' (Sv, vide epit. 
V. 4 4. uicoXa(j.ßd[v(0 {\i e\ corr.j M. 

Cohaerebant olim v. 2 4 — 24 dpiXet .... /pr^axov doxt cum v. 28 — 30 xal 
xi]v oixtav . . . etvai; praeterea sie illa ordinanda : v. 27 sq. xal xoo 7rat8o(; . 



KOLAX. I I 3 

jSXsTrroc xai airXuic siitetv icdvxcov C^J^wToxaTo^ xai oaa loiauTa. Ip^a 
GS 10 d^eXeiv diro xoö tfxaxtoü xpoxüSa* xotl oTov xop^foXo^eiv xo 
Exehoü xpfjfcüfia* Ixt uirofxsiSiuivxa etTceiv «ix; Iva^/o^ i'^fteC; jxoi 5 
ijietoi; vGv Soxsic; [loi TcoXib^ xijv xpC^a • xal awoirav ^vxeXXeo&ai xoöc 
).ot7:oü^ xoG xoXaxeoo|X6voo X6ifovxo<; xotl eiraivetv dxoiovxo^' xal xoi)^ 
di:avTd)vxac eTO)^er> * xal xoi; 6xe(voü iraiStoK; xpa^Tjfiaxa Trpoo^epetv 
ml fiaxapfCeiv xöv -jfevvT^aavxa • xal irpoSpafietv d^YsXXovxa rJjv exeCvou 
rapoiiotav xal au&u eita^axdTcxeiv • xal edeXeiv üiroupYeiv eicej^ovxa xout; 10 
aefvoü SoüXoü^' xal dirXcoc xooaöxa xal Xe^etv xal Trpdxxeiv 01' 5au)v 
vo|iiCci j^aptstodat. 



oro3Tp«wat, V. 24 — 27 xal ipa>T7^aai . . . XaXeiv. tum v. <5 sq. xal toü? . . . 
zaoiXbiQ, 19 — 2 4 xal ^opsuopivou . . . irpoaTj-jfyeXxa. Celerum v. 4 6 — 4 8 xal 
701; raiSioi^ . . . vsoTTia plane ex dpioxou moribus depicta sunt [vidc p. 4 27, 
13 sqq. P.), nee ab eodem aliena v. 22 — 24 xal xcbv 4aTi(JDjjiva)V . . . ^pTjaxov 
ion et V. 28 — 30 xal xtjV oix(av . . . bp.o{av elvai, quamquam tSoXo^oü ora- 
nid suDl. 



Ahhundl. d. K. S. üpsellsrh. d. WiRaensch. XXI. S 



Nachtrag. 

In dem KomÖdienvorzeichniss S. 30 ist der Stxucovioc des Menaudro.s aus- 
gefallen. Pollux IV H9: xal iropcpup^ 8' JaÖTjTi i)(ptt>VTO ol veavioxoi, oi 5s i:a- 
paaiToi p^Xafv^ >] cpaia, ttXtjV dv l\xu(jDv((p Xsox^, ort fjiXXei ^afisTv o Trapaatroc 
Vgl. oben S. <3. 44 f. 



FÜNFTER BAND. Mit 6 Tafeln, hoch 4. 1S70. Preis 18 ^, 

K. NIPPERDEY, Die leges Annales der Römischen Republik. 1S65. 2 j^ 40 ^. 

JOE. GUST. DROYSEN, Das Testament des grossen Kurfürsten. 1S66. 2 u5r 40 ^. 

GEORG CURTIUS, Zur Chronologie der Indogerman. Sprachforschung. 2. Auflage. 1S73. 2 uSr. 

OTTO JAHN, Über Darstellungen des Handwerks und Handelsverkehrs auf antiken Wand- 
gemälden. 1S6$. 4 Jt, 

ADOLF EBERT, Tertullian's Verhältniss zu Minucius Felix, nebst einem Anhang über Com- 
modian's Carmen apologeticum. 1S6S. 1 M \^ ^, 

GEORG VOIGT, Die Denkwürdigkeiten f 1207— 1238, des Minoriten Jordanus von Giano. 
ISTo. 1 M %^ ^. 

CONRAD BURSIAN, Erophile. Vulgärgriechische Tragoedie von Georgios Chortatzes aus 
Kreta. Ein Beitrag zur Geschichte der neugriechischen und der italienischen Litteratur. 
1S70. 2 u5f 40 4?'. 

SECHSTER BAND. Mit 3 Tafeln, hoch 4. 1874. Preis 21 uT. 

MORITZ VOIGT, Über den Bedeutungsweehsel gewisser die Zurechnung und den öconomischen 
Erfolg einer That bezeichnender technischer lateinischer Ausdrücke. 1S72. 4 Ji. 

GEORG VOIGT, Die Geschichtschreibung über den Zug Karis V. gegen Tunis. 1S72. 2 .H, 

ADOLF PHILIPPI, Über die römischen Triumphalreliefe und ihre Stellung in der Kunst- 
geschichte. Mit 3 Tafeln. 1672. 3 uiT 60 .». 

LUDWIG LANGE, Der homerische Gebrauch der Partikel Ei. I. Einleitung und Ei mit dem 
Optativ. 1872. 4 Jl. 

Der homerische Gebrauch der Partikel Ei. II. Ei ken an) mit dem Optativ und 

Ei ohne Verbum Finitum. 1S73. 2 M. 

GEORG VOIGT, Die Geschichtschreibung Über den Schmalkaldischen Krieg. 1&74. 6 M, 

SIEBENTER BAND. Hoch 4. 1879. Preis 43 Ji, 

H. C. VON DER GABELENTZ, Die Melanesischen Sprachen nach ihrem grammatischen Bau 
und ihrer Verwandtschaft unter sich und mit aen Malaiisch -Polynesischen Sprachen. 
Zweite Abhandlung. 1S73. 8 M, 

LUDWIG LANGE, Die Epheten und der Areopag vor Solon. 1874. 2 M. 

J. P. VON FALKENSTEIN, Zur Charakteristik König Joh.anns von Sachsen in seinem Ver- 
hältniss zu Wissenschaft und Kunst. 1874. 1 ^ 60 ^. 
MORITZ VOIGT, über das Aelius- und Sabinus-System, wie über einige verwandte Rechts- 
systeme. 1875. 4 .ü, 
FRIEDRICH ZARNCKE, Der Graltempel. Vorstudie zu einer Ausgabe d.j Ungern Titurel. 8 Ur. 
MORITZ Y^IGT, über die Leges regiae. I. Bestand und Inhalt der Leges Regiae. 1876. 4 M, 

Lber die Leges regiae. II. Quellen und Authentie der Leges Regiae. 1877. 8 M, 

FRIEDRICH ZARNCKE, Der Priester Johannes. Erste Abhandlung. 1879. 8 M. 

ACHTER BAND. Hoch 4. iSS3. Preis 35 Jl. 

FRIEDRICH ZARNCKE, Der Priester Johannes. Zweite Abhandlung. 1976. S Jl, 

ANTON SPRINGER. Die Psalter-Illustrationen im frühen Mittelalter. Mit 10 Tafeln in 
Lichtdruck. 1880. 8 M. 

MORITZ VOIGT. Über das Vadimonium. 18S1. 3 uj? 20 4^. 

G. VON DER GABELENTZ und A. B. MEYER. Beiträge zurKenntniss der melanesischen, 

mikronesischen und papuanischen Sprachen. 18S2. 6 Jl. 

THEODOR SCHREIBER, Die Athena Parthenos des Phidias und ihre Nachbildungen. Mit 

4 Tafeln in Lichtdruck. 1883. 6 uT. 

MAXHEINZE, Der Endämonismus in der Griechischen Philosophie. Erste Abhandlung. 1S83. 4 «4^. 

NEUNTER BAND. 

OTTO RIBBECK, Kolax. Eine ethologische Studie. 1SS3. 4 uT. 

Leipzig, September 1S83. S. Hirzel. 

SITZUNGSBERICHTE 

DER KÖNIGL. SÄCHSISCHEN GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. 

KLEINERE ABHANDLUNGEN. 

BERICHTE über die Verhandlungen der KönigKch Sächsischen Gesellschaft der Wissen- 
schaften zu Leipzig. Erster Band. Aus den Jahren 1846 und 1847. Mit Kupfern, 
gr. 8. 12 Hefte. 

Zweiter Band. Aus dem Jahre 1848. Mit Kupfern, gr. 8. 6 Hefte. 

Vom Jahre 1S49 an sind die Berichte der beiden Classen getrennt erschienen. 

Mathematisch-physische Classe. 1849 (3; 1850 (3) 1851 (2 1852 (2; 1853 (3) 

1854 [3^ 1855 (2) 1856 (2 1857 (3 1858 (3^ 1859 (4 1860 (3; 1861 (2; 1862 
(1) 1863 (2] 1864 (li 1865 (1) 1866 (5, 1867 (4) 1868 (3 1869 (4) 1870 (5) 
1871 (7) 1872 (4mitBeihefr 1873 [1) 1874 (5; 1875 4; 1876 2, 1877 (2 1878 (1) 
1879 1. 1880 (1 1881 ;i) 1882 \\ 

Philologisch-historische Classe. 1849(5. 1850(4; 1851 (5, 1852 (4) 1853 (5) 1854 

(61 1855(4) 1856(4) 1857(2) 1858(2) 1859(4) 1860(4) 1861 (4) 1862(1) 1863 

(3) 1864(3) 1865(1) 1866(4' 1867(2. 1868 ;3) 1869(3) 1870(3) 1871,1) 1872(1) 

1873 ;i 1874 2 1875 {2) 1876 (1,- 1877 (2) 1878 (3 1879 i2^ 18S0 ^2^ 1881 (2) 

1882 1). 

Jedes Heft der Berichte ist einzeln zu dem Preise von 1 Mark zu haben. 



SCHRIFTEN 

DER FÜRSTLICH-JABLONOWSKrSCHEN GESELLSCHAFT Zu LEIPZIG. 



ABHANDLUNGEN bei Begründung der K. Sachs. Gesellschaft derWissen- 
sc haften am Tage der 200jährigen Gebnrtsfei^r Leibnizens herausgegeben von der 
Fttrstl. Jablonowsß^schen Gesellschaft. Mit dem Öildnisse von Leibniz in Medaillon 
u. zahlreichen Holzschn. u. Kupfertaf. 61 Bogen in hoch 4^ 1846. broch. Preis 15 Jt. 

PREISSCHRIFTEN gekrönt und herausgegeben von der Fürstlich Jablo- 
nowski'schen Gesellschaft. 

1. H. GRASSMANN, Geometrische Analyse geknüpft an die von Leibniz erfundene geometrische 
Charakteristik. Mit einer erläuternden Abhandlung von A. F. Möbius. (Nr. I der mathematisch- 
physischen Section.) hoch 40. 1847. 2.£. 

2. H. B. GEINITZ. Das Qnadergebirge oder d. Kreideformation in Sachsen, mit Berttcks. der glau- 
konitreichen Schichten. Mit 1 color. Tafel. (Nr.U d.math.-phys.Sect.) hoch40^. 1850. \Jf60S». 

3. J. ZECH, Astronomische Untersuchungen über die Mondfinstemisse des Almagest. (Nr. Dl 
d. math.-phys. Seet.) hoch 40. 1851. 1 .4. 

4. J. ZECH, Astron. Untersuchungen üb. die wichtigeren Finsternisse, welche v. d. Schriftstellern 
des class. Alterthums erwähnt werden. (No. IV d. math.-phys. Sect.) hoch 40. 1853. 2 Jf. 

5. H. B. GEINITZ, Darstellung der Flora des Hainichen-Ebersdorfer und des Flöhaer Kohlen- 
bassins. (Nr. V d. math.-phys. Sect.) hoch 40. Mit 14 Kupfertafeln ingr. Folio. 1854. 24 uT. 

6. TH. HIB8CH, Danztgs Handels- und Gewerbsgeschichte unter der Herrschaft des deutschen 
Ordens. (Nr. I der historisch-nationalökonomischen Section.) hoch 40. 1858. S Jf. 

7. H. WISKEMANN, Die antike Landwirthschaft und das von Tbttnensche Gesetz, aus den alten 
Schriftstellern dargelegt. (Nr. II d. hist.-nat. ök. Sect.) 1859 2 .XT 40 .^. 

8. K. WERNER, Urkundliche Geschichte der Iglauer Tuchmacher-Zunft. (Nr. III d. hist.-nat. 
ük. gect.) 1861. 3^. 

9. V. BÖHMERT, Beiträge zur Gesch. d Zunftwesens. (Nr. IV d. hist.-nat. ök. Sect.) 18Ji2. AJH. 

10. H. WISKEMANN, Darstellung der in Deutschland zur Zeit der Reformation herrschenden 
nationaiökonomischen Ansichten. (Nr. V d. hi^t.-nat. Ok. Seet.) 1862. 4 Jf. 

11. E. L. ETIENNE LASPEYRES, Geschichte der volkswirthschaftl. Anschauungen der Nieder- 
länder und ihrer Litteratur zur Zeit der Republik. (Nr. VI d. hist.-nat. ök. Sect.) 1863. 8 UT.. 

12. J. FIKENSCHER, Untersuchung der metamorphischen Gesteine der Lunzenauer Schieferhalb- 
insel, (Nr. VI d. math.-phys. Sect.) 1867. 2 Jf. 

13. JOH. FALKE, Die Geschichte des Kurfürsten August von Sachsen in volkswirthschaftlicher 
Beziehung. (Nr. VII d. hist.-nat. ök. Sect.) 1868. S ^. 

14. B. BÜCHaENSCHÜTZ , Die Hauptstätten des Gewerbfleisses im classischen Alterthume. 
(Nr. Vin d. hist.-nat. Ä. Sect.) 1869. 2 Uf 80 Ä. 

15. H. BLÜMNER, Die gewerbliche Thätigkeit der Völker des classischen Alterthums. (Nr. IX 
d. hist.-nat. ök. Sect.) 1869. 4 uT. 

16. H, ENGELHARDT, Flora der Braunkohlenformation im Königreich Sachsen. (Nr. VII 
d. math.-phys. Sect.) Mit 15 Tafeln. 1870. 12 Jf. 

17. H. ZEISSbI^G, Die polnische Geschichtschreibung des Mittelalters. (Nr. X d. hist.-nat. ök. 

Sect.) 1873. 12ur. 

18. A. WANGERIN, Reduction der Potentfalgleichung für gewisse Rotationskörper auf eine- 

fewöhnliche Differentialgleichung. (Nr. VIII d. math.-phys. Sect.) 1875. 1 uT 20 S^. 

. LESKIEN> Die Declination im Slayisch-Litau|schen und Germanischen. (Nr. XI d. bist.- 
nat. ök. Sect.) 1876. 5 Jf. 

20. R. HASSENCAMP, Ueber den Zusammenhang des lettoslavischen und germanischen Sprach- 
stammes. (Nr. XII d. hist.-nat. ök. Sect.) 1876. 3 J(, 

21. R. PÖHLMANN, Die Wirthschaftspolitik der Florentiner Renaissance und das Princip der 
Verkehrsfreiheit. (Nr. XIII d. hist.-nat. ök. Sect.) 1878. \JtiQSjf. 

22. A. BRÜCKNER, Die slavischen Ansiedelungen in der Altmark und im Magdeburgiscben. 
(Nr. XIV d. hist.-nat. ök. Sect.) 1879. 4 uT 20 i^. 

23. F. 0. WEISE, Die Griechischen Wörter im Latein. :Nr. XV d. hist.-nat. ök. Sect.) 1882. 18 uT. 

Leipzig. S. HlTZel. 



Untck ron Breitkopf & H&rtol in Leipzig. 



w 



VERSUCH EINER THEORIE 



DER 



FINANZ-REGALIEN 



VON 



WILHELM RÖSCHER, 

HITOLIED DEB KÖNiaL. SACHS. UESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. 



X>es IX. Bandes der Abhandlungen der philologisch -historischen Classe der Königl. 

S&chsischen Gesellschaft der Wissenschaften 



No n. 




LEIPZIG 



BEI S. HIRZEL. 



1884. 



ABHANDLUNGEN 

DER 

KÖNIGL. SACHS. GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN 

zu LEIPZIG. 



PHILOLOGISCH-HISTORISCHE CLASSE. 

ERSTER BAND. Mit einer Karte, hoch 4. 1850. broch. Preis 18 .#. 

A. WESTERMANN, Untersuchungen über die in die attischen Redner eingelegten Urkunden. 

2 Abhandlungen. 1850. 3 Jt. 

F. A. UKERT, Ul^er Dämonen, Heroen und Genien. 1850. 2 uT 40 ^. 
TH MOMMSEN, Über das rOmische MUnzwesen. 1850. 5 Ol. 
E. V. WIETERSHEIM, Der Feldzug des Germanicus an der Weser. 1850. a Jt. 

G. HARTENSTEIN, Darstellung der Rechtsphilosophie des Hugo Grotius. 1850. 2 uT. 
TH. MOMMSEN, Über den Chronographen vom Jahre 354 Mit einem Anhange über die 

Quellen der Chronik des Hieronymus. 1850. 4 ^ä, 

ZWEITER BAND. Mit 3 Tafeln, hoch 4. 1857. broch. Preis 22 uf. 

W. RÖSCHER, Zur Geschichte der englischen Volkswirthschaftslehre im sechzehnten und 

siebzehnten Jahrhundert. 1S51. 'S Jl. 

Nachträge. 1852. 80 

J. G. DROYSEN, Eberhard Windeck. 1853. 2 uT 40 

TH. MOMMSEN, Polemii Silvii laterculus. 1853. 1 uT 60 

Volusii Maeciani distributio partium. 1853. 60 ^ 

J. G. DROYSEN, Zwei Verzeichnisse, Kaiser Karls V. Lande, seine und seiner Grossen Ein- 
künfte und anderes betreffend. 1854. 2 .4r. 
TH. MOMMSEN. Die Stadtrechte der latinischen Gemeinden Salpensa und Malaca in der 
Provinz Baetica. 1855. 3 ^ä. 

Nachträge. 1855. 1 uT 60 ^. 

FRIEDRICH ZARNCKE, Die urkundlichen Quellen zur Geschichte der Universität Leipzig 

in den ersten 150 Jahren ihres Bestehens. 1857. 9 .^. 

DRITTER BAND. Mit 8 Tafeln, hoch 4. 1861. Preis 24 J. 

H. C. VON DER GABELENTZ, Die Melanesischen Sprachen nach ihrem grammatischen Bau 
und ihrer Verwandtschaft unter sich und mit den Malaüsch-Polynesischen Sprachen. 1^6m. 

8 .H. 
0. FLÜGEL, Die Classen der Hanefitischen Rechtsgelehrten. 1860. 2 ufiT 40 ^. 

JOH. GUST. DROYSEN. Das Stralendorffische Gutachten. 1860. 2 ^ 40 Sjf. 

H. C. VON DER GABELENTZ; Über das Paasivum. Eine sprachvergleichende Abhandlung. 
1860. 2 ur 80 ^. 

TH. MOMMSEN, Die Chronik des Cassiodorus Senator v. J. 519 n. Chr. 1861. 4 .ä, 

OTTO JAHN, Über Darstellungen griechischer Dichter auf Vasenbildem. Mit 8 Tafeln. 1861. 

6 Jt. 

VIERTER BAND. Mit 2 Tafeln, hoch 4. 1865. Preis 18 J. 

J. OVERBECK, Beiträge zur Erkenntniss und Kritik der Zeusreligion. 1861. 2 uir 80 .^ 

G. HARTENSTEIN, Locke's Lehre von der menschlichen Erkenntniss in Vergleichung mit 

Leibniz's Kritik derselben dargestellt. 1861. A J- 

WILHELM RÖSCHER, Die deutsche Nationalökonomik an der Gränzscheide des sechzehnten 

und siebzehnten Jahrhunderts. 1862. « 2 Ji. 

JOH. GUST. DROYSEN, Die Schlacht von Warschau 1656. Mit 1 Tafel. 1863. 4 uT 40 ^ 
AUG. SCHLEICHER, Die Unterscheidung von Nomen und Verbum in der lautlichen Form 

1865. 2 ,4t 40 Sjl. 

J. OVERBECK, Über die Lade des Kypselos. Mit 1 Tafel. 1865. 2 uT 80 ^. 

FÜNFTER BAND. Mit 6 Tafeln, hoch 4. 1870. Preis 18 J- 

K. NIPPERDEY, Die leges Annales der Römischen Republik. 1865. 2 ufiT 40 f • 

JOH. GUST. DROYSEN, Das Testament des grossen Kurfürsten. 1866. 2 uT 40 ^. 

GEORG CURTIUS, Zur Chronologie der Indogerman. Sprachforschung. 2. Auflage. 1873. 2 Ji- 

OTTO JAHN, Über Darstellungen des Handwerks und Handelsverkehrs auf antiken Wand- 
gemälden. 1868. 4 uT. 

ADOLF EBERT, Tertullian's Verhältniss zu Minucius Felix, nebst einem Anhang über Com- 
modian's Carmen apologeticum. 1868. 2 uff 40 ^. 

GEORG VOIGT, Die Denkwürdigkeiten (1207—1238; des Minoriten Jordanus von Giano. 
1870. 2 UT 80 ^. 

CONRAD BURSLA.N, Erophile. Vulgärgriechische Tragoedie von Georgios Chortatzes auB 
Kreta. Ein Beitrag zur Geschichte der neugriechischen und der italienischen Litteratar. 
1870. 2 uT 40 ^. 



(f. 






VERSUCH EINER THEORIE 



o^■a^ 



.o: 




DER 



FINANZ-REGALIEN 



VON 



RÖSCHER, 

mrOUED DEB KÖNIOL. SÄCHÜ. OESELLSCHAPr DER WISSENSCHAFTEN. 



I>es IX. Bandes der Abhaiidinngen der philologisch - historischeu Classe der Königl. 

Siehsischen Gesellschaft der Wissenschaften 



N» II. 



LEIPZIG 

BEI S. HIRZEL. 

1884. 



Vom Verfasser tibergeben den 3. Januar 1884. 
Der Abdruck vollendet den 20. Februar 1884. 



VERSUCH EINER THEORIE 



DER 



FINANZ-REGALIEN 



VON 



WILHELM RÖSCHER, 

MITGLIED DER KÖNIGL. SACHS. OESELLSCUAFT DER WISSENSCHAPrEN. 



AbhandL d. K. S. GesellHch. d. Wisaonsch. XXI. 



1. 

Das Wort Regalien ist ein ungemein vieldeutiges J) Die sog. 
Regalia majora, wesentliche Hoheitsreehle, sind gar keine Rechte des 
Staates, sondern nur Seiten der Staatsgewalt selbst. Als Regalia mi- 
nora, zubillige, nutzbare oder Finanz regalien sollte man, streng- 
genommen, bloss solche Rechte von eigentlich privatrechtlichem Cha- 
rakter verstehen, deren Erwerbung der freien Willkür der Personen 
entzogen und vom Staate allein in Anspruch genommen wird^). 
Domänen sind grundherrliche, Regalien alsdann staalsherrschaftliche 
Einkommensquellen: jene von der Art, dass jeder Privatmann 
Ähnliches haben kann, diese von der Art, dass kein Privatmann 
sie ohne besondere Erlaubniss nachahmen darf. Auch insofern 
stehen die Regalien zwischen DomUnen und Steuern in der Mitte. 
In der Praxis freilich hat man den Namen der Regalion viel weiter 



4] Sehr berühmt ist die Aufzählung der Regalien in Friedrich Barbarossa*» 
Constitiilio de regalibus, die H58 auf dem Roncalischen Hoflage beschlossen wurde 
(Pertz Leges II, 4 H ) ; dann auch in II. Feud. 56 übergegangen. Jedenfalls be- 
zog sich dies Weisthum nur auf Italien. Es stellt zusammen: armandiae; viae 
publicae f flumina navigabilia et ex quibus ßunt navigabilia; portus , ripatica, 
vectigalia , quae vulgo dicuntur telonia ; monela ; mulctarum poenarumque com- 
pendia; bona vacantia et ffuaCf ut ab indignis, legibus auferuntur, nisi (juae spe- 
cialiler quibtisdam conceduntur : bona contrahentium incestas nuptias , condemnato- 
rum et proscriptorum . . . ; angariarum , parangariarum et plaustrorum et navium 
praestationes et extraordinaria collatio ad felicissimam regalis numinis expeditionem ; 
potestas constituendorum magistratuum ad justitiam espediendam ; argentariae et pa- 
latia in civitatibus consuetis; piscationum reditus et salinarum et bona committen-- 
tium crimen majestatis; dimidium thesauri in loco Caesaris inventi, non data opera 
vel loco religioso : si data opera, tolum ad eum pertineat. Über die weitere Ent- 
wicklung in Deutschland s. Eichhorn, D. St. und R. Gesch. II. §. 362. IV, 
§. 548. 

2] V. Gerber, Grundzüge des deutschen Staatsrechts, §. 9. System des 
deutschen Privatrechts, §. 67. 

9* 



118 Wilhelm Röscher, [4 

ausgedehnt. Ihn leitet K. S. Zachariil daher, dass sie, auch wo sie 
gegen die Freiheit der Untertlianen verstiesscn, doch keiner ständi- 
schen etc. Bewilligung bedurften. (Viei-zig Bücher vom Staate VH, 1 25.) 
Jedenralls pflegt das Vorwiegen der Regalwirthschaft im Finanz- 
wesen der Zeit nach die IJebergangsslufe zu bilden zwischen dem 
mittelalterlichen Vorwiegen der DomUnenwirthscIian und dem Vor- 
wiegen des Steuerwesens bei jedem hochkullivirten Volke. Nicht 
mehr genug Domänen, aber noch nicht genug Steuern! Die chao- 
tische, in manchen Ländern fast unübersehliche Masse der Finanz- 
regalien') verdankt ihre scheinbare Systemlosigkeit vornehmlich der 
That^aclie, dass bei ihrer Begründung die principiell so versclüede- 
nen Reclite eines mittelalterlichen Grundherrn und eines neuern Staats- 
oberhauptes gleichsam in einander (liessen^). Doch kann das Auge des 
Historikers das Chaos ebenso einfach erklären, wie ordnen. Es lassen 
sich nämlich bei den wichtigsten neueren Völkern zwei Hälften ihrer 
Periode des Regalismus unterscheiden. Von diesen schliesst sich die 
erste ebenso an das sinkende Domänenthum an, wie die zweite das 
herannahende Vorherrschen der Steuern gleichsam einleitet. Was 
den politischen Charakter betrifl't, so ist die erste Hälfte ebenso feu- 
dalistisch, wie die zweite absolutistisch^)^). Übrigens hat sich in 
Deutschland die Regalienwirthschafl , ähnlich wie die absolute Mo- 
narchie, im Ganzen viel später und weniger vollständig ausgebildet, 

3) Regalia quae sint, vix döfiniri polest. (Rlock De aerario, p. 83.) Mat- 
thäus de Afflictis nimmt 4 25 verschiedene R. an, Chassaneus 208 , Petrus Anlo- 
nius de Petra sogar 413, Klock selbst 400. 

4) Wie viele Regalien aus einer Übertragung der grundherrlichen Ansprüche 
auf die Landesherren entstanden sind, s. Maurer, Gesch. der Frohnhöfe IFI, 4 92. 338. 
G. G. Biener, De natura et indole dominii in territoriis Germaniae I, § 40fr. lei- 
tete sie dcsshalb von einem vermeintlich ursprünglichen Privateigenthum der Landes- 
herren am Boden ihres ganzen Territoriums her. S. dagegen Posse, Über das 
Staatseigenthum in den deutschen Reichslanden (4 794), 4 0(r. 

5) Je länger sich in einer Gegend die gemeine Freiheit erhielt, wie z. B. 
in Friesland^ um so weniger konnte sich daneben der Regalismus entwickeln. Das 
entgegengesetzte Extrem finden wir da, wo nur aus einem Stammschlosse mit Fa- 
milienbesitzungen eine Ilerrschart hervorgegangen. (Pütter, Beitr. z. deutschen 
Staats- und Fürslenrecht F, 4 29. 4 72). 

6) Bei den meisten neueren Völkern bemerken wir nach einander Patriarcha- 
lismus, Feudalismus, Fiscalismus, Kapitalismus und Individualismus, [SchUffle: der 
alsdann für eine spatere Zeit noch Sorialismus erwartet ) 



^] Versuch einer Theorie der Finanz-Kegalien. 1 1 9 

als im westlichen Europa. Das Kaiserthum wurde schon früh zu 
schwach, um eine solche Entwicklung durchzusetzen. Für die meisten 
Landesherren aber hat dieselbe Mittelstellung zwischen grossen Reichs- 
uDlerthanen und Souveränen Staatsoberhäuptern, welche die Macht 
ihrer Landstände bis zum dreissigjSihrigen Kriege und länger leben- 
dig erhielt, nicht bloss der Verschleuderung ihres Domaniums vor- 
gei)eugt, sondern auch den vollen Regalismus verhütet.^) 

Erstes Kapitel. 
Altere Regalwirthschaft. 

2. 

Je mehr gerade auf dem Wege der Belehnung das Domanium 
zusammenschmolz, um so eifriger waren die kraftvollen Herrscher des 
spUtern Mittelalters bemühet, durch Ausbeutung der Lehnsgefälle 
den Schaden wieder einzubringen. 

Hierher gehören die Abgaben bei Gelegenheit der drei grossen 
i^hnscasus : Kriegsgefangenschaft des Lehnsherrn, Ritterschlag seines 
Sohnes, Aussteuer seiner Tochter. ^)^) In England beruhete dies 



7 ] Tbcoretisch war der erste bedeutende Vertreter des Regalismus in Deutsch- 
land G. Obrecht (1547 — 46t2], dessen Secreta poHtica zu Strassburg 1617 
herauskamen. Wie er sich überhaupt an die französische Literatur anlehnt, so 
namentlich in finanzieller Hinsicht. Vgl. Koscher in den Abhh. der K. sächs. 
Gesellsch. IV, (1865) 277 IF. und Gesch. der N. Ö. in Deutschland I, \n\ ff. 
Die Eigenthümlichkeit Obrechts wird besonders klar, wenn man ihn mit dem sehr 
gemässigten Regalismus seines Jüngern Zeitgenossen Besold vergleicht. (Röscher, 
Gesch. der N. ü. I, 20ij. Dagegen ist Glcichmann's Kur tzer Begriff von einer 
unbetrüglichen fürstlichen Machtkunst [I7i0] beinahe als ein Obrecht redivivus zu 
betrachten. In der Praxis entspricht dem besonders früh der Erzbischof von Salz- 
burg seit f587 (vgl. Ranke Päpste II, 4 33); einigermasscn auch Württemberg, wo 
das frühzeitige Ausscheiden des Adels aus dem Landesverbände die Regalisirung 
erleichterte, und es sogar seit dem 4 6. Jahrh. zu einem allgemeinen Schäferei- 
regale kam. 

I] In dem kreuzzugseifrigen Burgund auch, wenn der Lehnsherr nach Je- 
rusalem zog; bei geistlichen Fürsten, wenn sie zum Goncil reisten, oder bei ihrer 
Consecration. Ein deutscher Reichsgraf erhob, als er ein Bein gebrochen hatte, 
lange Zeit eine Beinbnichsteuer. (Püttcr, Histor. Entwicklung II, 276). Wie in 
Deutschland die Hintersassen beim Eintritt der Lchnscasus Bede zahlen mussten, 
s. Eichhorn, D. St. und R. Gesch. 11, §. 306. 

2} Die alte Fräuleiusteuer, wenn eine Prinzessin sich vermählte, haben die 



120 Wilhelm Röscher, [6 

»rationabile auxilium«, als das Reichskatasler in Verfall gerathen war, 
auf einer Selbsldedaralion der Vasallen über den Stand ihres 
Lehens. Namentlich hat das Lösegeld kriegsgefangener Herr- 
scher activ und passiv eine gewallige Bedeutung für die Finanzen 
des spätem Mittelalters.^) In England, wo fast aller Grundbesitz für 
Lehen galt, war jeder grössere Landeigenthümer^) als Vasall zu Kriegs- 
und Paradedienst verpflichtet, oder musste sich durch ein sculagiuui 
(escuage) davon loskaufen. Auch in Deutschland spielt die heresture 
anstatt des wirklichen Kriegsdienstes eine bedeutsame Rolle. ^) Solche 
Abgaben wurden um so wichtiger, je öfter es vorkam, dass Rit- 
terlehen in eine nichtritterliche Hand geriethcn. ^) Ebenfalls einträg- 
lich waren die Abgaben von den Turnieren, sowie vom Ritter- 



preussiscbcD Könige seit Friedrich Wilhelm I. nicht mehr gefordert, »weil die 
Unterthanen so schon genug steuern müssten. « (Preuss. Gesch. Friedrichs M. 
IV, 489). 

3) Richards I. Lösegeld betrug 150,000 cöln. Mark Silbers; das Ludwigs IX. 
800,000 Byzantiner. (Joinville : nach Leblanc = 3879000 Livres.) K. Enzio 
erbot sich, zu seiner Ranzion einen silbernen Ring zu geben, der ganz Bologna 
umfasste. (Petr. de Vineis Epist. III, 47). Ähnlich berühmt sind die Lösegelder 
für die Könige von Schottland und Frankreich, die Eduard IIL gefangen halte. 
Nach Leber Essai sur Tapprcciation etc., Append. wäre die Ranzion St. Ludwigs 
in unseren Tagen 33 Mill. Fr. werth gewesen, die K. Johanns tkl^li Mill., die 
Franz I. nach Pavia 8 4^2 Mill. Der Aufstand der s. g. Jacquerie grossentheils 
eine Folge der Lösegclder des bei Poitiers gefangenen französischen Adels, die 25, 
ja 50 Proc. des Güterwerthes betrugen und nun von den Bauern erpresst werden 
sollten. (Sismondi, Hist. des Fr. X, 486). Sehr charakteristisch, dass Bertrand 
du Gueselin sein Lösegeld selbst hoch ansetzte, in der sichern Hoffnung, alle fran- 
zösischen Damen und Ritter würden beisteuern. Selbst die Königin von England 
that dies. (St. Palaye Ritterwesen übers, von Klüber I. 34 0). 

4) Unter Heinrich FI. jeder Besitzer eines Landgutes, das für den Unterhalt 
eines Reisigen gross genug war. Der Klerus entzog sich gern zugleich der Dienst- 
pflicht und dem Ersatzgelde. [A. Thierry Hist. de la conqu^te, Li vre fX. pr.) 

5) Unter Konrad II. ein Drittel der einjährigen Einkünfte; nach Friedrich I., 
dem Österreichischen Landrecht , dem cölner Dienstrecht die Hälfte ; für gewisse 
Fälle im sächsischen Lebnrecht nur 10 Proc. (Homeyer, Sachsenspiegel II, 2, 381.) 
In seinem Kriege mit Frankreich miethete Heinrich II. H59 für das scutagium 
brabantische Söldner. (Wachsmulh, Sittengesch. III, S, 168j. 

6) Die nichtritterlichen Erwerber eines Lehngutes mussten dasselbe zu franc- 
ßef loskaufen. In Frankreich eine Taxe darüber von Philipp III. 1275; Philipp 
IV. setzte 1294 den dreifachen Jahresertrag fest; wenn gar kein Kriegsdienst ge- 
leistet wurde, sogar den vierfachen. (WarnkÖnig-Stein, Franz. St. und R. Gesch. 
I, 354 pg. 629 ff.). 



7] Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 121 

schlage, wozu jeder bedeutende Vasall genöthigl werden konnle. ') 
Beim Tode eines Vasallen pflegte der Nachfolger, weil die Lehen 
ursprünglich nicht erblich gewesen waren, den einjährigen Ertrag 
seines Gutes als relief abgeben zu müssen.^) 

Über minderjährige Kinder eines verstorbenen Vasallen halte 
der König die tutela frucluaria, so dass er den Cberschuss ihres 
Einkommens über ihren standesmässigen Unterhalt für sich nehmen, 
auch die weiblichen Mündel beliebig verheirathen konnte, was dann* 
wieder zu einer Menge von Erpressungen führte. Frankreich scheint 
dieses Recht der guardia (in Bretagne bail) nur in der Normandie 
und Bretagne gekannt zu haben; auch da wurde es seit 1375 
mit einem relevium abgelöst. (Warnkönig-Stein II, 268 ff.). In 
Deutschland (vgl. Auetor vetus de benef. I, 67) ist es selten ge- 
bandhabt worden (Waitz, D. Verf. Gesch. VI, 67). Dagegen wur- 
den in England auf die wardship förmlich Gehalte fundirt: so bezog 
der Protector Heinrichs VI. jährlich 4000 Mark von den Lan- 
casterschen Einkünften, 1700 aus dem königlichen Schatze, 2300 
von zwei minderjSihrigen Lords. Noch Elisabeth hat wohl Günst- 
linge durch Zuweisung reicher Mündel belohnt. (Hume Hist. of Eng- 
land, Ch. 44, App. 3). Erst 1648 musste die Krone definitiv dar- 
auf verzichten. In England hatte die Mündel, wenn sie die Heiralh ab- 
lehnte, so viel zu zahlen, wie der Freier bona fide zu zahlen bereit ge- 
wesen war. (Blackstone Comment. II, p. 70: vgl. 20 Henry III , c. 6.) 
Philipp der Gute zwang reiche Wittwen oder Erbtöchter zur Heirath 
mit seinen Dienern; wesshalb es wohl vorkam, dass Wittwen aus 
Furcht hiervor nach eigener Wahl heiratheten, bevor noch ihr erster 



7) Heinrich III. und Eduard I. führten es ein, dass jeder Vasall von SO 
oder mehr £ St. Einkommen zum Ritterschlag l^onnte angehalten werden. Elisa- 
beth machte davon einmal Gebrauch. Obschon die Stuarts die Gränze auf 40 i^ 
St. erhöht hatten, wurde wegen der Geldentwerthung dies Regal doch immer 
drückender. (Hallam Constitut. History of England II, Gh. 8.) 

8) Frankreich erhob das relevium in allen den Fällen, wo das Lehen nicht 
in gerader Linie vererbte; auch hier meist im Fruchtgenusse eines Jahres beste- 
hend. So bei Beaumanoir und in den Etablissements de St. Louis. In Deutsch- 
land gab noch Heinrich II. die Erblichkeit der Lehen nicht formell zu, überliess 
sie jedoch factisch in der Regel den Söhnen der früheren Vasallen, wofür aber 
Zf B. der Markgraf der Nordmark 200 Pfd. Silbers zahlen musste. (Giesebrecht, 
D. Kaiser Gesch. U, 65.) 



124 Wilhelm Röscher, ^<0 

sen Güter für Krongut erklärt wurden: also im Kleinen gleich- 
sam die Wiederholung des Actes, welcher im Grossen Trüber auf 
erobertem oder neubcsiedeltem Gebiete das Domanium geschaffen 
hatte. Dahin gehören die Ansprüche der Krone auf alles nicht ent- 
schieden, etwa durch Urbarung, ins Privateigenthum übergegangene 
LandJ) Spätere Juristen haben wohl gelehrt, dass nur die Ober- 
fläche des Landes Privateigenthum geworden sei, das s. g. Luft- und 
Landrevier (Luftsäule und Untergrund) dem Staate gehören ^j: 
woraus man nicht bloss ein Jagd- und Berg-, sondern auch ein Wind- 
mUhlenregal folgerte. Hauptsächlich wurden alle grösseren Flüsse als 
regal betrachtet: nicht allein hinsichtlich der Fischerei und Wasser- 
mühlen, sondern auch in ihrer Eigenschaft als Wasserstrassen, (Flös- 
sereiregal) . 

Wie man im Anfange der neuern Zeit über die Stromzölle 
dachte, zeigt am deutlichsten das französische Edict von 1616, wel- 
ches ihre Verdoppelung anbefahl, pour sotUaget' le peuple. ^) In Wahr- 
heit freilich ist ein Staat, der seine finanziellen Bedürfnisse durch 
erschwerte Benutzung seiner natürlichen Wasserstrassen deckt, einem 
Fuhrmann zu vergleichen, welcher die Last seinen Pferden an die 
Beine bindet. Weil diese Einnahme jedenfalls dem Verkehre mehr 
schadet, als sie dem Fiscus nützt ^), so ist sie volkswirlhschaftlicb 



I] In Polen geborte während der zweiten Hälfte des tS. Jahrb. alles Land^ 
das nicht im Privatbesitze war^ ebenso die Jagd und Fischerei dem Könige. Nur 
er durfte Mühlen, ja selbst Burgen und Städte anlegen, was erst im 13. Jahrh. 
mittelst besondern Consenses auch dem Adel erlaubt wurde. (RÖpell Gesch. von 
Polen 1, 320 (T.). In Schweden verlangte Gustav Wasa die sämmtlichen Almen- 
den, bisher Gemeindeland, für die Krone: alles unbebaute Land, alle Wälder, 
Flüsse mit Fischereien und Mühlenwerken, Seen etc. Lauter Ansprüche, die wohl 
schon früher einmal anklingen, (in dem angeblichen Gesetze von Helyandsholm, 
It82), aber doch nun erst recht deutlich und systematisch ausgeführt werden. 
Gustav meinte sogar, dass alle steuerbaren Höfe eigentlich auf Kronland errichtet 
wären und ihren Bauern wegen schlechter Wirthschaft etc. genommen werden 
könnten. (Geijer Schwed. Gesch. H, tOt tf. 248 (f.). Welche Handhabe für 
Grundsteuern und Wirthschaftspolizei ! 

2) Biener De natura et indole dominii, §. 20. 25. Fischer Kameral- und 
Polizeirecht II, 388 IT. 877. 

3) Forbonnais F. de Fr. I, 154. 

4) Der Zoll von Vienne, dem alle Waaren, die aus den Provinzen nördlich 
von Lyon nach den südlichen und umgekehrt gelangten, unterworfen waren, 
hemmte den Verkehr dermassen, dass ein Pächter der cinq grosses fermes 164 4 



H] Versuch einkr Theorie der Finanz- Kegalien. 125 

zweckmässig nur insofern, als sie von Ausländern erhoben wird. 
Namentlich haben Staaten, welche die Mündung eines Stromes be- 
herrschen, nicht selten versucht, dem ganzen obern Stromgebiete 
einen Zolltribut aufzulegen: wie überhaupt der Lauf eines Stromes 
um so wichtiger zu werden pflegt, je mehr er sich der Mündung 
nähert. 

Der grösste Krieg der Bologneser wurde 1270 — 73 geführt, 
um sich des venetianischen Zolles an der Pomündung zu erwehren 
(Sismondi Gesch. der ital. Republiken IV, 31). Wie sich schon Gu- 
stav Adolf des Zolles in Piilau bemächligt hatte, der 1629 an 500000 
Thir. eintrug (Geijer Schwed. Gesch. III, 152), so nahmen die Schwe- 
den 1632 auch die Zölle zu Wismar und Warnemünde in Besitz, 
schon 1631 die pommerschen Küstenzölle (Erdmannsdörfer Urkunden 
z. Gesch. des grossen Kurfürsten I, lOfl'. IV, 840 ff.) und beherrschten 
von 1648 bis 1719 die Elbe und Wesermündung. Auch Danemark 
hat eine Zeitlang durch den Sundzoll, sowie die Zölle von Elsfleth 
und Glückstadt eigentlich alle deutschen Nordküsten besteuert. Von 
einer andern Seite her beleuchtet es ähnliche Verhältnisse, wenn Jo- 
seph II. sich die Fortdauer der Scheidesperrung für eine Zahlung von 
9V2 Mill. Fl. aus Holland und Frankreich gefallen lässt. (K. Ad. Men- 
zel N. Deutsche Gesch. XII a, 223.) Lange Fortdauer des Brunshäuser 
Zolles, der nach der ElbschiSTahrtsacte den Deutschen als Seezoll, 
den Engländern als Stromzoll dargestellt wurde. (Edinb. Rev. 1842, 
January). Hollands Anspruch, auf der idealen Linie, wo der »freie« 
Rhein sich mit dem Meere verbindet, ganz beliebige Verkehrshinder- 
nisse errichten zu dürfen, der freilich dem Wortlaute des Pariser 
Friedens Gewalt anthut, (Art. 5: La navigation sur le Rhin^ du poinl 
oü il devient navigahle jusqu'ä la mer ei reciproquetnenl^ sera librc^ 
de teile sorte^ qu'elle ne puisse elre inlerdite ä personne,,, de la 
maniere la plm egale el la plm favorable au commerce de taute s 



eineQ bedeutend höhern Pachtschi Hing bot, falls dieser Stromzoll abgeschatft 
würde. (Forbonnais F. de Fr. I, 40 IT.) Der Zoll von Valence nebst der flsca- 
lischen Erweiterung der Douane von Lyon drückte die Fabriken von Lyon und 
Tours so sehr, dass sie nur ein Drittel der früheren Arbeiter beschäftigen und 
des frühem RohslofTes verbrauchen konnten. Daher die betheiligten Provinzen 
dringend eine Yertauschnng dieses Zolles mit anderen Zahlungen wünschten. (For- 
bonnais [, 4 63 0*. 4 67}. 



126 Wilhelm Roschkr, [IS 

les naiions)^ ist doch vvegeu der üneioigkeil der oberen Ul'er- 
slaaten erst nach der Spaltung des Rhein-Maas-Schelde-Mündungs- 
landes in zwei nebenbuhlerische Staaten aufgegeben worden. Sehr 
natürlich also, dass im Mittelalter die Stromzölle mit dem Wach- 
sen der Landeshoheit, welches den Begriff des Auslandes erwei- 
terte, zugenommen, neuerdings aber mit den Mediatisirungen und der 
Ausbildung von Nationalstaaten wieder abgenommen haben. 

Im Zollwesen des Mittelalters stehen reichsrechtlich zwei Grund- 
sätze fest: A. Dass nur die Krone berechtigt ist, Zölle zu erheben, 
zu verleihen, Befreiung davon zu verfügen etc. So in Karls M. Capi- 
tularien von 779, 781, 803, 805, 809. Noch 1157 von Friedrich 
Barbarossa kräftig in Erinnerung gebracht (Pertz, Mon. IV, 104), von 
Friedrich II. 1220 doch nur insofern geändert, als künftig die könig- 
liche Zollgesetzgebung an den Rath und Willen der Fürsten gebunden 
sein sollte. (Pertz, Mon. IV, 228). B. Dass Zölle nur als Entgelt für 
einen dem Zahler geleisteten Dienst erhoben werden sollten. Wenn 
z. B. ein Schiff per mediam aquam aut sub ponlem ieriL also ohne 
anzulanden oder eine Brücke aufziehen zu lassen, leloneum non de- 
tur (Cap. Ludov. Pii von 817). Ganz ähnlich in einem Capitular 
Karls des Kahlen. Diese beiden Grundsätze, wenn sie streng fest- 
gehalten wären, hätten eine bedeutende Ausbildung der Stromzölle 
verhüten müssen. Da indessen selbst Karl M. im Capitular von 805 
gegen Zölle einschreiten musste, wo Seile über den Fluss gespannt 
und den Reisenden gar keine Hülfe geleistet war; im Capitular von 
809 gegen Brücken über trockenes Land: so begreift man, wie in 
der Zeit des aristokratischen Wahlreiches nach und nach gerade die 
Stromzölle besonders zunahmen und durch Finanznoth der Krone, 
Erkaufung von Wahlstimmen, auch reine Usurpation mehr und mehr 
in die Hand der Landesherren, Städte, ja nicht selten blosser Privat- 
leule geriethen. Lange Zeit war diese Abgabe den Regierungen 
um so willkommener, als sie nicht bloss der Krone Gelegenheit bot, 
ohne eigene Unkosten Geschenke zu machen, sondern auch bei vor- 
herrschender Naturalwirthschaft nicht selten die einzige Quelle war, 
aus der sofort eine Geldeinnahme bezogen werden konnte. (Bod- 
mann Rheing. Alterth., 746.) Sehr charakteristisch sind die That- 
Sachen, dass 1579 ein Pfalzgraf die Erlaubniss einer Zollerhöhung 
mit der Drohung zu erpressen suchte, widrigenfalls sein Land einer 



431 VRRsrcH EiNKR Thkorik DER Finanz-Krgaurn. 127 

auswärtigen Macht abzutreten (Falke. Gesch. des deutschen Zoll- 
wesens, 172); und dass Kursachsen lange Zeit das einzige Dorf, das 
ihm an der Oder gehörle, zu einer Bezollung des Stromes benutzte, 
die zwar nach dem Hubertsburger Frieden aufliören sollte, aber doch 
erst mit Abtretung der Niederlausitz völlig aufgehört hat. Weser- 
zölle gab es gegen Schluss des 16. Jahrh. oberhalb Bremen auf 23 
Meilen Liinge 22; Elbzölle vom Einflüsse der Moldau bis Hamburg 47 
(Falke, 170. 221.), nach v. Keyssler Reisen, 1740, II, 1069 zwischen 
Pirna und Hamburg 32. Übrigens war auch in Frankreich, trotz der 
Refomiversuche Colberts (Lettres, Instructions et memoires de C. 6d. 
('Jement, II, 426 fg.), z. B. die Loire noch um die Mitte des 18. Jahrh. 
mit 28 Zöllen beschwert, so dass man die Waaren von Paris nach 
Nantes oft lieber zu Lande gehen Hess. (Forbonnais F. de Fr. I, 306.) 
Sehr gut kritisirt durch das ArrtH du Conseil vom 15. August 1779 
bei Parieu Tr. des ImpAts III, 443 fg.), obwohl erst die Revolution 
1790 und 92 die Aufliebung dieser Zölle durchsetzte. Diese mon- 
ströse Folge zu hoher Stromzölle, den schönsten Strom unbrauchbar 
zu machen, worauf schon J. J. Becher, Polit. Discurs (1668) 11, 
1 o38 der Zinkcschen Ausg. hindeutet, war auch den Alten nicht un- 
iM^kannt: s. vom Euphrat Strabo XVI, 748. 

Für Deutschland macht in dieser Hinsicht Epoche die Aufhebung 
der Oder-, Netze- und Warthezölle durch Friedrich M. (1750): sowie 
auch im 19. Jahrh. Preusscn mit dem guten Beispiele vorangegangen* 
ist, nicht bloss seinen eigenen Unterthanen die Stromzölle zu erlas- 
sen, sondern auch 1828 mit Anhalt die wechselseitige Erlassung der 
Elbzölle zu verabreden. Inzwischen hatte der Wiener Congress (Acte 
final Art. 108 — 118) und die deutsche Bundesacte (Art. 19) für die- 
jenigen Ströme, die mehrere Staaten durchziehen oder scheiden, er- 
IrUgliche Grundsätze festgestellt: die Handelsschiffahrt durchaus frei; 
die Schiffahrtspolizei für Alle gleich und dem Handel so günstig wie 
möglich; das Abgaben- und Polizeisystem für den ganzen Strom so- 
viel wie möglich dasselbe: die Stromzölle scharf getrennt von den 
Einfuhrzöllen der Uferstaaten, möglichst unabhängig von der verschie- 
denen Beschaffenheit der Waaren, damit genauere Untersuchung der 
Schiffsladungen vermieden werden kann, und nur durch gemeinsamen 
Beschluss der Uferstaaten zu erhöhen; die Erhebungsstellen, deren 
möglichst wenige sein sollen, nur durch gemeinsamen Beschluss zu 



1S8 WiLHRLM ROSCHBR, [U 

vermehren. In den hierauf basirten Stromschiffahrtsacten wurde 
nachmals ein Maximum des Zolles für die ganze Stromlänge verab- 
redet, welches zwischen den einzelnen Staaten je nach der Länge 
ihres Ufers gctheilt werden sollte.^) Endlich erreicht ist das wün- 
schenswerthe Ziel durch Art. 54 der deutschen Reichsverfassung, wo- 
nach auf allen natürlichen Wasserstrassen Abgaben nur für die Benutzung 
besonderer Anstalten zur Erleichterung des Verkehrs erhoben werden 
und deren Kostenbetrag nicht übersteigen dürfen. 

Derselbe Regalismus, wie auf die Ströme, hat sich auch auf 
einzelne leicht beherrschbare Theile des Meeres {mare clausum) aus- 
gedehnt^), und zwar ist die Zollerhebung dort wie hier nicht bloss 
auf den Gedanken des Staatseigenthums, sondern auch der Sorge für 
die nöthigen Wasserbauten, Leuchtthürme etc., mehr noch der Schutz- 
gewährung (§. 4), oder wenigstens der unterlassenen Beraubung') 
(Barbaresken !) gestützt worden. Der Sund zoll, aus der Zeit her- 



5) Elbschiflalirtsacte von 4824, Weserschi Hahrtsacte von 4823. Förden 
Rhein, wo schon der Lüneviller Friede von 4 804 , der Reichsdeputatioos-Haupt- 
schhiss von 4 803 und die Oetroieonvention von 4 804 vorbereitet haUen, (auf 
dem Rastadter Congresse haUe Frankreich sogar für alle Deutschen und Franzosen 
ganz freie Rheinfahrt gefordert und für die übrigen deutschen Ströme dasselbe 
empfohlen!)^ ist besonders wichtig der Vertrag vom 34. März 4 834. Es ist hier- 
durch an der Elbe die Zahl der Zotlstätten von 35 auf 4 4 vermindert worden, 
an der Weser von 24 auf 4 4. Am Rhein blieben von Breisach bis Gorkura 45; 
(vor 4 803 allein bis zur holländischen Griinze 32, mit einem jährlichen Ertrage 
von 2 Hill. Fl.). Die Weserzölle sollten pro Schiffspfund höchstens 315 Pfennig 
betragen: davon 59 für Preussen, 4 26 für Hannover, 44 für Hessen, 4 6 für Braun- 
schweig, 4 3 für Lippe, 60 für Bremen. Vgl. Eichhoff Pragmatisch-geschichtliche 
Darstellung der Verhandlungen und Beschlüsse des Congress-Comites für die Freiheit 
der Flüsse. (4819). Klüber Off. Recht des teutschen Bundes, §. 563 (T. und Acten 
des Wiener Gongresses, Bd. III. Wheaton Hist. des progr^s du droit des gens, 
p. 4 05 ff. G. Schirges Der Rheinstrom. (4 857). Die Eibzölle, Actenstücke und 
Nachweise. (Leipzig 4 860). 

6j So nahm Venedig das adriatische Meer in Anspruch, Genua das ligu- 
rische, die Türkei das ägeische und schwarze, Spanien und Portugal die von ihnen 
»entdeckten« Meere, Grossbritannien die vier narrow-seas. Vgl. H. Grotius Mare 
liberum (4 609) und J. Borough Imperium maris Brüannici (1686). 

7) Dänemark stützte den Glückstädter Zoll namentlich darauf, dass es den 
Elbstroni gegen fremde Mächte schützen wollte, wozu Hamburg etc. nicht »ba- 
stant« seien (Falke, Gesch. des deutschen Zollw., 225). Im Sunde hat wohl K. 
Christoph 4 447, um seiner Geldnoth abzuhelfen, eine Menge friedlicher Schiffe 
aufbringen und ihre Ladung verkaufen lassen (Geijer, Schwed. Gesch. I, 241). 



45] Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 129 

rührend, wo Dänemark beide Küsten besass, schon im 10. Jahr- 
hundert in Anspruch genommen, von der Hanse 1363 anerkannt 
(Sartorius, Urkundenbuch , 517. Dahlmann, Dünische Geschichte 
III, 135), wurde von Dünemark als seine Goldgrube (gegen Karl V.), 
seinen Weinberg (Suhm) , das schönste Kronjuwel (gegen Fried- 
rich Wilhelm III.) bezeichnet, und musste wirklich mit jedem Auf- 
blühen der Ostseelünder einträglicher werden. Zu Anfang des 18. 
Jahrhunderts passirten nur 3435 Schiffe den Sund, 1779 = 8272, 
4805 = 10950, 1821 = 11309, 1830 = 12946, 1844 = 17332, 
1853 == 21512. Natürlich wurde dieser Zoll von allen fremden 
Völkern um so mehr gehasst, zumal ihn Dänemark durch vertrags- 
widrige Erhöhungen und mancherlei Erhebungschicane noch ver- 
schlimmerte. Schon 1628 bezeichnete der Kaiser ihn gegen die 
Hansestädte als »einen schädlichen und schändlichen Tribut von ganz 
Germanien«. (Mailath, Österreich. Gesch. III, 152.) Das Räthsel, 
wie ein so kleiner Staat solchen Tribut aller Welt gegenüber so lange 
behaupten konnte, löset sich zum Theil durch die gegenseitige Eifer- 
sucht der anderen Mächte, für welche der Sund am Ende nur Neben- 
sache war, während ihn Dänemark immer als eine Lebensfrage be- 
trachtete, die man durch Verbindung mit der Privatkasse des Königs 
(Justi, Staatswirthschaft II, 561.), selbst in der oligarchischen Zeit 
ohne Einfluss der Stände (Geijer, Schwed. Gesch. III, 338 ff.), für 
die höchste Instanz niemals in Vergessenheit gerathen licss. Indess 
haben die Dänen sicher in ihrem wahren Interesse gehandelt, als sie 
1857 den Zoll, (der 1853 über 2556000 Rbthlr. eingebracht), gegen 
eine den fremden Staaten je nach Verhältniss ihrer Sundpassage auf- 
erlegte Kapitalzahlung von 30903000 Rbthlr. ablösen liossen. Vgl. 
H. Scherer, Der Sundzoll, seine Geschichte etc. (1845.) Die ältere 
Literatur bei v. Kamptz, N. Literatur des Völkerrechts, § 176.^)^) 

Zu diesem Regal der herrenlosen Güter zählen wir auch die 
Ansprüche des Staates auf die Erbschaft ausgestorbener Fa- 



8) Der in mancher Hinsicht verwandte Brunshäuser Zoll wurde 1864 mit 
einem Kapital von 2984134 Tblr. abgelöst, wovon auf Hannover selbst 4 23796 
Tbir. kamen. Er hatte 4 855—60 durchschnittlich 220000 Thir. rein gewährt. 
Vgl. die Hamburger Broschüre: Freiheit der ElbschifTahrt (4 880). Ablösung des 
Scbeldezoüs mit 4 74 44 640 Fi. am 4 6. Juli 4 863. 

9) Im Alterthum vergleicht sich hiermit der Bosporoszoll. Wie die Byzan- 



130 Wilhelm Rosoher. Jß 

milien: in jener Zeit der Fehden und Seuchen finanziell weit 
bedeutender, als heute, zumal auch das jus albinagii den König als 
Patron der Fremden zum Erben ihres Nachlasses machte J") Das 
Recht des Staates auf gefundene Sachen, zu denen kein Eigenthilmer 
nachvveishch war, in barbarischster Weise beim Strandrecht; auf 
Schütze: damals wiederum finanziell sehr bedeutend, weil die herr- 
schende Unsicherheit so häufig Schätze vergraben liess. (Vgl. mein 
System Bd. III, § 19. Bd. I, §. 220). Wo ein Land werthvolle Natnr- 
producte besitzt, die auf rein occupatorischem Wege zu gewinnen sind, 
da liegt die Regalisirung derselben um so näher, je mehr sonst zu 
fürchten wäre, dass die freie Concurrenz ihre vorzeitige Erschöpfung, 
vielleicht auch inzwischen durch Überfullung des Marktes ihre Entwer- 
thung bewirken möchte.") Von der frühem, nicht bloss finanziellen, son- 
dern auch wirthschafLspolizeilichen, ja politischen Bedeutung des Jagd- 
rega I s und seiner spätem Abstellung s. mein System Bd. II, §. 174 ; des 
Bergregals Bd. III, §. 1 80 ff. Die neueste Entwicklung des Privatgrund- 
eigenlhums und der Gewerbefreiheit haben diese Regalien mehr und 
mehr eingeschränkt, schliesslich ganz beseitigt. Ihr Ertrag für die 



tiner diesen aus Gcldnoth ansehnlich gesteigert hatten , schritten die bet heiligten 
Seemächte, namentlich Rhodos, zum Kriege dagegen. (Polyb. HI, 2. IV, 38 ff. 
Dio Chrysost. Orat. 31. Vgl. noch Herodian. III, i). 

4 0) Droit de desherence in Frankreich ; daneben noch droit de bätardisey Rocht 
auf den Nachtass solcher Bastarde, die ohne eheliche Nachkommen starben (Warn- 
konig-Stein I, 460 ff.) Das ältere deutsche Erbrecht schränkt die Intestaterbfolge 
auf einen viel engem Kreis von Blutsverwandten ein, als das heutige (Beseler, D. 
Privatrecht, §. i 50). Wie alle jene Rechte oft zwischen Krone und Landesherren strei- 
tig waren, so der Anspruch auf den Nachlass eines Bischofs und auf die bischöflichen 
Kinkünfle während einer Sedisvacanz zwischen Krone und Papst: vgl. Planck Gesch. 
der Christi, kirchl. Verf. IV, 2, 95 ff. v. Raumer Hohenst^ufen VI, 154 ff. 

H) Das droit d'aubaine stützt sich auf das Rech tsspriichw ort : der Fremde 
lebt als Freier und stirbt als Unfreier. Bei irgend höherer Ausbildung des inter- 
nationalen Verkehrs wird dies Recht offenbar unerträglich : daher schon Fried- 
rich H. es t220 aufhob. (Pertz Monum. Germ. IV, 244). In Frankreich seil 
dem 14. Jahrb. manche Klassen der Fremden befreiet: so die Studierenden, die 
caslilianischen Ktiufleutc. In Languedoc wurde 1475 das ganze Recht auf Wunsch 
der Stände aufgehoben. Überhaupt 1498 die Schweizer, 1518 die Schotten davon 
eximirt. Seit 17ß5 eine Menge von Staats vertragen zu wechselseitiger Aufhebung. 
(Warnkönig-Stein I, 460 fr. 031 j. Dagegen brachte die Confiscation des Fremden- 
nachlasses Mehemet Ali 1814 über 10 Mill. Piaster ein; er soll desswegen Pesten 
gern gesehen und Quarantänen versäumt haben. (Ritter Erdkunde XIII. 319). 



^^1 Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 131 

Staatskasse war auch vor ihrem gänzlichen Aufhören nur gering: 
zumal wenn man die Jagd in Staatswäldern ^3) und den Bergbau in 
den eigenen Gruben des Staates als Privaterwerb der Regierung aus- 
scheidet J^) Jedenfalls hat das im Mittelalter so wichtige Regal der 



4 2) Vgl. V. Schlözer, Anfangsgründe II, 4 50. Schon früher J. G. 
Fichte Naturrecht (Werke IH, 224 11.) Fulda's Theorie, wonach bloss das re- 
galisirt werden soll, was »nicht wohl an sich oder nicht ohne fortdauernde Auf- 
sicht und Mitwirkung des Staates Privateigenthum sein und als solches gehörig 
benutzt werden könnte« ( Finanz Wissenschaft , 8i), würde sich heute mehr auf 
Eisenbahnen etc., in früherer Zeit auf Bergwerke beziehen. — Hierher gehört das Re- 
gal des Bernsteins in Preussen (seit Kaiser Friedrich II. dem Orden verliehen und 
im 4i. Jahrh. wohl aus Brügge allein bis 3000 Mk. Silber einbringend: J. Voigt, 
PreuÄS. Gesch. VI, 629 ff.), dessen Ertrag 4 874 zu 62253 Thlr. veranschlagt wurde; 
das Regal der Perlenfischerei im sächsischen Vogtlande (seit 4 624), der Diaman- 
ten in Brasilien und Ostindien (K. Ritter Erdkunde VI, 356), der Rubine in Ba- 
dakschan, wo es schon M. Polo kennt (Ritter VII, 789), der Jaspise in Khotan 
(Vn, 380), der Türkise in Khorossan (VIII, 330)^ des balsamischen Erdöls in 
Perslen (VIII, 762), der Vögel, welche die schönsten Federbüsche liefern, in 
Kaschmir (III, 4 4 60), der Sandelholzwalder und Elephanlenjagd in Ostindien (V, 
84 8. 924), des Ginsengs in der Mandschurei (11, 95); das R. des Schnees in 
vielen warmen Ländern: Kirchenstaat (Niebuhr Revolutionsgesch. II, 374), Sici- 
lien (Brydone Letters, 8), Portugal (Link Reise III, 4 23)\ Mexico (Humboldt 
Neuspanien V, 2), Kalifat. (Stüwe 'Handelszüge der Araber, 4 64). Sehr zweck- 
mässig das Guanoregal in Peru, das 4 875|6 fast Y? ^^^ Staatseinnahme trug: 
= 93800000 Fr. (Leroy-Beaulieu Sc. des F. I, 23). Als man freilich in Sach- 
sen von 4 620 — 4 836 die Vorschrift hatte, dass alle Serpentinblöcke von einer 
gewissen Grösse unentgeltlich an den Staat geliefert werden sollten, bewirkte dies 
Regal, dass nun die Brecher fast alle grösseren Stücke zerschlugen! Ähnlicher 
Einfluss des frühern französischen Mastbaumregals: mein System Bd. II, §. 4 94. 
4 3) In Baden trug die Jagd dem Staate ein 4 830 = 4376 Fl. 4 834 = 
4 9297 Fl., seit 4 837 durchschnittlich 32000 Fl. Die Zunahme rührte her aus 
der immer mehr vorherrschenden Verpachtung. (Rau F.-W. II, §. 4 94). Das 
letzte k. sächsische Budget vor 4 848 schlug den Ertrag zu 8800 Thlr. an. In 
Russland wurde die Fischerei von Astrachan, früher regal , 4 763 der Kaufmann- 
.schaft gegen eine Abgabe von jedem Pud Caviar und Hausenblase überlassen, 4 802 
aber Jedermann freigegeben. (Storch Russland unter Alexander I., Hft. X, 24 ff.). 
4 4) In Preussen ertrugen 4 883/4 die Staals-Berg-, Salz- und Hütten- 
werke roh 96470000 Mk., rein 4 54 92000 : das letztere 2,8 Proc. vom Reinein- 
kommen des Staates überhaupt. Im K. Sachsen die Bergwerke 855060, die Koh- 
lenwerke des Staates 542500, zusammen 2,06 Proc. des reinen Staatseinkommens. 
In Bayern die Salz- und Bergwerke rein 794 000 (0,28 Proc), in Württemberg 
die Berg- und Hüttenwerke 450000 Mk. , (0,28 Proc), in Russland die Berg- 
und Hüttenwerke nach dem Voranschlage für 4 883 = 6487000 Rubel, das Berg- 
regal = 2589000 (4.29 Proc). Ob der Staat besser thut, seine Berg- und 

Abhandl. d. k. S. GosAllarh. d. WiKsenMcfa. XXI. 4 



132 Wilhelm Rdscher, M^ 

herrenlosen ^•') Güter in den neueren hochkultivirlen Staaten seine 
fiscal ischc Bedeutung fast gänzlich verloren. *®) 

4. 

Wie schon bei der zweiten Gruppe die rein fiscalischen Zwecke 
wesentlich controlirt und gefördert wurden durch wirthschaflspoli- 
zeiliche Gedanken, so beruhet eine dritte Gruppe von Regalien darauf, 
dass sich die Regierung für ihre eigentlich politische 
ThUtigkeit von denjenigen bezahlen lüsst, welche zu- 
nächst damit in Berührung kommen. Am Schlüsse des Mittel- 
alters um so natürlicher, als gerade jetzt die Ansprüche des Volkes 
an den Staat, mithin die Kostspieligkeit des Staatsdienstes immerfort 



Itiittenwerkc zu behalten, oder in Privatli'ünde zu ver'äusscrn , ist eine nach den 
Grundsätzen von Kapitel HI. relativ zu beantwortende Frage. (Sehr gründlich erörtert 
von Wagner F. W. I, §. <94rr.). Im Ganzen wird, je intensiver der Bergbau 
werden muss, der Privatbetrieb um so mehr angezeigt sein. Also der abneh- 
mende Naturreichthum der Gruben und die wachsende Concurrenz von Aussen 
durch Verbesserung der Transportmittel müssen den Staatsbetrieb immer mehr zur 
Ausnahme machen, während der erste Anbau z. B. sehr reicher Edelminen häu- 
fig vom Staate selbst unternommen ist. (Krösos in Lydien, K. Philipp I. in Thra- 
kien, das cäsarisch gestellte Haus der Barkiden in Spanien ; Uhnhch in den An- 
fangen des deutschen Edelbergbaues). In Salz- und Kohlengruben wird sich der 
Staatsbetrieb aus geognostischen Gründen am längsten behaupten. Ein Mittelweg 
könnte in der Verpachtung der Staatsbergwerke bestehen, wie z. B. die attischen 
Silbergruben vererbpachtet waren (ßÖckh Staatsh. der Ath. I, 420 ff.), die Berg- 
werke der römischen Provinzen, die Quecksilbergruben von Almaden verzeitpach- 
tet. In der Regel ist aber die schwierige Abschätzbarkeit der Bergwerke ein 
grosses Hindemiss der Verpachtung. — Über die besonderen (also neben den 
gewöhnlichen Einkommen-. Gewerbesteuern etc. bestehenden) Abgaben vom Pri- 
vatbergbau, die z. B. für 4 884 in Frankreich auf 2700000 Fr. veranschlagt sind, 
in Belgien 4 883 = 400000 Fr. betrugen, s. Arndt in Conrads Ja hrbb. N. F. II, 
4 75 ff. 630 tr. Wo sie, wie meistens, nur von den durch den Staat verliehenen, 
dem Vcrfügungsrechte der Grundeigenthümer entzogenen Mineralien erhoben wer- 
den, charakterisiren sie sich als Ausläufer des Bergregals. 

4 5) Im preussischcn Ordenslande R. der Bienenzucht, das im M. -Alter wegen 
der Seltenheit des Zuckers und wegen des starken Meth- und Wachsverbrauches 
sehr einträglich war. (J. Voigt VI, 644 If.). In Neapel früher R. der Gewinnung 
des Lakritzensaftes, (Schubert Handb. der Staatskunde IV, 63). 

4 6) Dem französischen Staate brachte die Einziehung der herrenlosen Güter 
4 859 gegen 700000 Fr. ein, dem belgischen 4 853|7 durchschnittlich 6424 9 Fr. 
iRau F.-W. I, §. 84). 



49^ Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 133 

wuchsen, und die privatrechtliche Auffassung des Staates selbst gerne 
die Steuern als Äquivalent bestimmter Vortheile erscheinen Hess. 

Hierher gehört schon der Antheil des Herrschers an der Kriegs- 
beute, d. h. also die fiscalische Nutzung der Kriegshoheit. Auch 
die lucrative Vermiethung von Truppen an fremde Mächte ISisst sich 
hierher zählen: wie z. B. 12608 Hessen und 4300 Braunschweiger 
zum Kriege Englands gegen die nordamerikanischen Kolonien ver- 
miethet wurden. (Menzel, N. deutsche Gesch. XUa, 125.) Freilich 
ein Geschäft, das Justi (System des Finanzwesens, 523) »ein nieder- 
trächtiges Gewerbe von Landverderbern« nennt, und das Friedrich M. 
mit einem Viehzoll belegen wollte! Eine Sihnliche Bedeutung haben 
früher in den schweizerischen Aristokratien die vielen Pensionen etc. 
auswärtiger Mächte für die Gestaltung der Reisläuferei gehabt: pro 
more gentis imptuientissitnae , wie der Abt von St. Gallen die Zahlungen 
an die V Orte seit 1701 charakterisirte. (Meyer-Knonau, Schweiz. 
Gesch. n, 1 61 .) Aus Frankreich empfing um die Mitte des 1 8. Jahrh. je- 
der katholische Canton 3000 £ Friedensgelder, noch mehr Jahrgelder, 
woneben der Botschafter noch 8 — 12000 •£ an einzelne Personen in 
jedem derselben vertheilen konnte. (Meyer-Knonau, H, 451.) 

Weiterhin der Verkauf von Privilegien,*) Titeln und Äm- 
tern. Jacob I. verkaufte den Titel Baron für 10000 £ St., Vis- 
count für 15000, Earl für 20000, Baronet für 1100. In Frankreich 
wurden viele Adelsbriefe nur desshalb erkauft, um dadurch Steuer- 
freiheit zu erlangen: also eine Art von Staatsanlehen, das Golbert 1664 
durch Rückkauf der Adelsbriefe tilgte. (Forbonnais F. de Fr. I, 396.) 
Die titelsüchtigen Creolen Mexicos, deren Kaufleute selbst in den ab- 
gelegensten Bergstädten Milizobersten etc. heissen wollten, brachten 
dem Vicekönige viel ein. (Humboldt, Neuspanien V, 38.) Nach der 
Reichshofrathsordnung von 1672 kostete der Titel Fürst 12000 Fl., 
Marchese 6000, Graf 4000, Freiherr 2000, Patricier 1000, Hoch- 
und Wohlgeboren 400, Wohlgeboren 200, Doctor 100, poeta laureatus 
50 Fl. Eine andere Reichskanzleitaxe für Slandeserhöhungen von 1784 



4) Sehr üblich schon im Lehnslaate. Richard I. erklärte vor seinem Kreuz- 
zuge, das grosse Staatssiegel sei verloren gegangen ; daher müsse Jedermann seine 
Privilegien etc. sich für Geld neu besiegeln lassen. In ritterlicher Weise musste 
auch für königliche Gnaden noch ein aurum reginae gezahlt werden. (Madox Hist. 
of the Exchequer, 2 40 fg.). 

40* 



134 Wilhelm Röscher, [SO 

s. Schlözers St. Anzeigen VI, 48SS. Die StandeserhOhungen nach Maria 
Theresias Niederkunft 1754 brachten 2SI9000 Fl. ein. Die ganze jähr- 
liche Einnahme aus solchen Quellen schätzte v. Ftirst auf 400000 Fl. 
Ein Graf Clary zahlte für die Excellenz 60000 Fl. Ein Geh. Ralh 
kostete 4000, ein Marschall 2000, ein General 1000 Fl. (Ranke, 
Histor. polit. Ztschr. II, 707.) Ein neueres österreichisches Taxsystem 
bei Tegoborski, Finanzen Ö.s II, 250: wonach z. B. der nicht dem 
Amte anklebende Titel eines Rathes 100 Fl. kosten soll, Regierungs- 
rathes 300, Hofrathes 600, Kamraerherrn 1000, Geh. Rathes 6000. 
In England, wo schon Richard I. vor seinem Kreuzzuge einzelne 
Amter verkauft hatte, wurde durch 5./6. Edw. VI., C. 16 jeder Amter- 
kauf mit wenig Ausnahmen streng verboten. — In Frankreich erregten 
die ersten Ämterverkaufe Franz I. in Languedoc (1519) allgemeinen 
Unwillen und Widerspruch der Stände. Gesetze von 1493 und 1498, 
jedes neue Parlamentsglied sollte eidlich versichern, für sein Ami 
weder etwas gezahlt, noch versprochen zu haben. Seit 1508 jedoch 
wiederholte Versuche der Krone, selbst Richterstellen zu verkaufen, 
wogegen aber Parlamente und Reichstag sich widersetzten. So 1519. 
(Sismondi, Hist. des Fr. XVI, 109. 143.) Um mehr Ämter verkaufen 
zu können, 1554 das Pariser Parlament zum semeslrier gemacht. 
(Sismondi XVII, 519.) Späterhin durften die Inhaber ihre Stelle sogar 
verkaufen, seit 1604 auch ihre Erben, sofern die s. g. Paulette ge- 
zahlt war (Forbonnais I, 84.): doch nur an einen persönlich für das 
Amt Befähigten. (Warnkönig-Stein I, 592 fg.) Auf dem Reichstage 
von 1614 ward gegen den Ämterkauf, der nach Sully's Rücktritt sehr 
zugenommen hatte, vornehmlich angeführt, dass eine Art von Domänen- 
veräusserung darin liege; dafür aber, dass die Reicheren meist auch 
eine bessere Erziehung haben, dass der hohe Preis ihrer Ämter sie 
mehr für die öfl'entliche Ruhe etc. interessirt, dass man Unterschleife 
etc. auch gegen die Kaufämter bestrafen könne. Klerus und Adel 
waren für Abschaffung des Systems, »um unentgeltlich begünstigt zu 
werden« (Sismondi XXII, 302); der dritte Stand für die Fortdauer. 
Richelieu, der bei seiner Reform des (Zivildienstes 3000 Finanzbeamle 
ihrer erblich gekauften Stellen fast ohne Entschädigung beraubte 
(Sismondi XXIH, 305. Forbonnais I, 222), meinte doch im Ganzen, 
dass nach Abschaffung dos Amterkaufes Gunst und Ränke entscheiden 
würden. Auch sei der Kaufpreis eine Art von Caution und schütze 



^1j Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 135 

gegen allzu grossen Andrang der niederen Klassen (Testament poli- 
tique 1, 198, 209.) Forbonnais hält die GegengrUnde für blosses 
Vorurlbeil, zumal bei Richlerstellen ; die Einnahme des Staates von 
dieser Quelle drücke das Volk gar nicht und vermindere die unpro- 
duclive Überfüllung der Beamtenlaufbahn. (F. de Fr. 1, 140 ff.) Doch 
bat Colbert die Zahl der Kauförnter von 45000 auf 25000 vermindert 
(Warnkönig'Stein I, 606.), und erst in der schlimmen Zeit Lud- 
wigs XIV. sind sie wieder sehr vermehrt worden: 1691 — 1709 über 
40000 neue creirt, namentlich um den Gewerbfleiss zu beaufsichtigen 
und Sportein dafür zu beziehen. (Chaptal Industr. Fr. II, 332.) — 
Das Papstthum hat den Ämterverkauf nicht bloss auf weltlichem Ge- 
biete, sondern auch auf geistlichem ausgebildet, womit ihm freilich 
die sächsischen und salischen Kaiser vorangegangen waren. (Für das 
Erzstift Mailand 1000 Pfd. Silber, Trier 1100 Mk. Silber, das Stift 
Lüttich 7000 Pfd.: Waitz, D. Verf. Gesch. VII, 407 ff.) In Luthers 
Zeit kostete das Mainzer Pallium in Rom 24 — 25000 Goldfl. und war 
diese Summe in einem Menschenleben siebenmal entrichtet worden. 
Die Augustiner mussten 30000 Fl. zahlen, als ihr General den Purpur 
empfing. (Luthers Werke ed. Walch, XV, 552. 371.) In Spanien zog der 
Papst bis zum Concordate von 1 753 mittelst der s. g. cedulas hancarias 
für die geistlichen Anstellungen fast 20 Proc. vom Einkommen der Pfrün- 
den. (Bourgoing, Tableau de TEspagne I, 329 ff.) Als Extrem können 
die Cardinalspromotionen Alexanders VI. gelten, die 10 bis 30000 Fl. 
eintrugen und mitunter sogar zur Vergiftung der Pfründeninhaber ge- 
reizt haben sollen. (Sismondi, Gesch. der ital. Republ. im M.-A. XIII, 
265.) — In Deutschland hat dies Regal verhältnrssmässig weniger An- 
klang gefunden. Aus der Marinekasse von 1686, in die alle preussi- 
schen Beamten die Hälfte ihrer erstjährigen Besoldung zahlen sollten, 
und in die seit Friedrich I. noch manche andere regalistische Gebühren 
für Titelverleihung, Judenschutz, Ehendispens in verbotenen Graden, 
Succumbenzgelder von Appellanten etc. einbezogen wurden (Riedel, 
Brandenb. preuss. Staatshaushalt, 44. 66), machte Friedrich Wilhelm 
I. 1 721 eine Recrutenkasse für sein Leibregiment, für welche sodann 
alle Bewerber um ein Amt ein Gebot thun mussten. Dies artete 
factisch zu einer Versteigerung aus, neben welcher die Examina 
wenig bedeuten wollten. (Preuss Gesch. Friedrichs M. II, 323.) Für 
die Stelle eines Regierungsrathes mit 200 Thlr. Gehalt wurden wohl 



136 Wilhelm Röscher, [2? 

1000 Thir. Recrutenjura bezahlt. (Oeuvres de Fr6d6ric IL, XXVII, 3, 
p. 63.) Friedrich M., welcher den Diensthandel für inramirend hiell 
(Oeuvres Poslh. VI, 56), verordnete schon 1740, dass alle Beamten 
mit wirklicher Vorbereitung hiervon befreit sein sollten, und verwan- 
delte in der Instruction für das General-Direclorium (1 748) das Ganze 
in eine massige Besoldungssteuer. Kurz vorher hatte ihm Cocceji 
geschrieben, dass sich »die Burgerhchen durch den Einkauf in ihre 
Chargen nicht mehr auf solide Wissenschaften gelegt.« (Preuss, I, 322.) 
Von bayerischen Amterkäufen unter Karl Theodor s. Perthes, Deutsch- 
land zur Zeit der französ. Herrschaft, 441 ; von württembergischen 
unter dem Juden Süss: Menzel, N. Deutsche Gesch. X, 221; von 
Österreichs Verkauf selbst höherer Offizierstellen (Oberst = 30000 FL, 
Hauptmann = 8000) zu Anfang des 18. Jahrb.: Foscarini, Hist. 
arcana, 113, der subalternen Offizierstellen 1804: Mailath, Ost. Gesch. 
V, 363. Der mecklenburgische Absolutist Karl Leopold verkaufte seit 
1742 namentlich Pfarren, selbst an Frauen, die sich dann mit einem 
Gandidaten vermählten. (BoU, Mecklenburg. Gesch. II, 425.) Vgl. 
überhaupt F. C. Moser, Über den Diensthandel deutscher Fürsten (1786), 
wo der Titelverkauf als eine harmlose Lächerlichkeit erscheint, der 
französische Amterverkauf wegen seiner Öffentlichkeit als minder be- 
denklich, um so schlimmer der jetzt in Deutschland so furchtbar 
grassirende geheime Diensthandel. Schon Leibniz hatte die simonia 
polilica gemissbilligt (Opp. ed. Dutens IV, 2, 580.) 

Der Amterverkauf war also namentlich im 16. und 17. Jahrb. auf- 
gekommen, als die gänzlich veralteten Lehnsämter durch die Anfänge 
des neuern Beamtenwesens ersetzt wurden. In Frankreich schätzte man 
den Gesammtwerth der verkauften Ämter 1614 auf 200 Mill. Livres, 
1664 auf beinahe 800 Mill.; und die Nationalversammlung berechnete 
bei Aufhebung des ganzen Instituts allein die gerichtlichen Stellen zu 



2) Forbonnais F. de Fr. I, iiOfl*. 329. v. Sybel Gesch. des Revolutions- 
zeiUlters I, 198. Im Edicte von 1665 wurde der Preis des ersten Präsidenten 
der Rechnungskaminer zu 400000 Livres tarilirt, die presidents ä mortier im Pa- 
riser Parlament zu 350000 [Daire Economistes financiers, p. 245). Fouquet hätte 
sein Amt als General procura lor des Parlaments fär 3^2 ^i^l- ^r. verkaufen kön- 
nen. (Voltaire Siecle de Louis XIV., Gh. 25]. Um 1576 rechnete man für je 
3000 £ Besoldung 20000 £ Kaufpreis, (v. Woltf Staats - Rentenschuld in Frank- 
reich I, 49). So vor Einführung der Yererblichkeit. Justi System des Finanzw. 
(1766), 528 unterscheidet zwei Arten des Anilerverkaufs : entweder so hoch, dass 



^3] Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 137 

800 Millionen. ^) Im Zeitalter des confessionellen, mehr noch des höfi- 
schen Absolutismus hatte solches Kaufsystem das Gute, die willkür- 
liche Absetzung der Beamten zu erschweren ; und zumal für Richter 
ist die Unabhängigkeit doch ein noch grösseres BedUrfniss, als die aus- 
gezeichnete Geschicklichkeit. Selbst die Verwaltung bekam dadurch 
einigen Antheil an der Sicherheit der Justiz. ^) Daher Montesquieu in 
»Monarchien« (zum Unterschiede von Despotien und Republiken) den 
Ämterkauf namentlich auch im Interesse der »Industrie« billigte. (E. des 
L. V, Gh. 19.)^) Wie nachmals freilich dieser Empfehlungsgrund auf- 
gehört hatte, blieben die grossen Schaltenseiten des Dienslhandels 
ohne überwiegende Lichtseite: dass nun die Ämter ein kastenUhn- 
liches Privilegium der Reichen, die FUhigkeitsprüfungen leicht illuso- 
risch werden und mit der Käuflichkeil der Amtsgewalt sich eine 
Bestechlichkeit der Amtsführung verbindet.'*) 



die Besoldung nur den Zins des Kaurschillings bildet, wo das Ami dann forterbt, 
oder auch der Nachfolger den Erben Ersatz leisten nuiss ; oder so, wie in Hamburg, 
wo das Amt nur lebenslänglich währt, aber auch der Kaufpreis nicht viel mehr 
betragen katin, als 3 — i Jahre des Gehaltes. 

3) Bei Tocqueville Ancien regime, Note 44 streitet ein Polizeidirector mit der 
Rentkammer, wem die Erhaltung des Slrassenpflaslers obliege; und das Gericht 
entscheidet, weil die Sache bei Kaufän^tern als rein civil erschien. 

4) Das britische System, bis zum Oberstlieutenant hinauf die meisten Offi- 
zierstellen der Infanterie, Cavallerie und Garde im Wege des Kaufes zu besetzen, 
[Kaufpreis 1 855 nach amtlicher Angabe z. B. für den Oberstlieulenant der drei 
Waffen 4300, 6175 und 7250 Pfd. St., für den Fähndrich 450, 840 und 1200 

m 

Pfd.], hatte keinen fiscalischen Zweck, sondern hing, wie so viele Eigenthümlich- 
keilen des britischen Heerwesens, mit der Besorgniss zusammen, dass eine sehr 
ausgebildete stehende Armee der Verfassung, d. h. einer nach Oben weise abge- 
stuften, nach Unten weise geÖlTneten Gentlemenherrschaft, gefährlich sein würde. 
Man suchte desshalb die Offizierslellen thatsächlich dem herrschenden Stande vor- 
zubehalten. Die gewöhnlichen Folgen des Kaufsystems, geringe technische Bildung 
der Offlziere, sowie deren kastenmässige Sonderung von den Unteroffizieren und 
Soldaten^ welches beides in der Regel erst nach längerer Übung im wirklich 
grossen Kriege abgeschliffen wurde, (Marlborough , Wellington!), sind auch hier 
nicht ausgeblieben ; jedoch bisher wegen der Insellage und Seeherrschaft Englands 
noch nicht gefährlich geworden. Vgl. Gneist Gesch. der engl. Communalverfas- 
suog II, 44 ff. 

5] Der römische Erfahrungssatz : necesse est , ut , qui emit y vendat (Seneca 
De benef. I, 9. Lamprid. Alex. 49) hat sich auch in den früheren schweizeri- 
schen Landvogteien bethätigt, die so vielfach an die römische Provinzial Verwaltung 
erinnern. Vgl. Röder-Tschamer Der C. Graubündten I, 58. 65. Franscini Der 



|.*{(S \Viiin:i.:\i Kosciiku. -^ 

Wir yedonken ferner der Ahuahen, welclie der ShuU uninitlel- 
bar flii" den Sehnt/ von l.el)en nnd Eiijenlhuni lorderle, nach Art 
vAiwv \ersiehernn.^s|)ianii(i. So (h'c; G elei t s rech t e zn Lande nnd 
/n Wasser, ans denen sieh (hneh zeilgeniiisse Liidbiinnni; die neneren 
(iiiinz/ollsvsUMne fieransi.a;hildel liahen;^' (h(^ Markl/ölle Inr Hand- 
hal)uni; des MarktiViedens, dieser llanplkeini der neneren Acciseein- 
riehlnntjen ; (he Jndenschnlzi;vlder für das Patronal dieses zn jener 
Zeil lieiniaddosen Volkes. " ) 

Hierher yeliorten seldic^ssheli (he zahllosen liinkiinfle von dei* 
(MMiehtsharkeit. So die (j e Ids l ra fe n nnd Ve i in ÖL:;en sc o n f i s- 



('., Tt'ssiii, ilill. IVipikofer Der (1. Tlmri^.iii, I5'>. >>Ieycr-KnoiKiu Scliwoi/.. tlt'sih. 
II, 27. ii.i. i'iO. 

♦>) Ullier <len siicli.siseheii nnd rriinkisclieii Kaisern halle das (Icleilsreclil, l>e- 
soiiders früh in L()thrini;en ausi^ebiklel, viel mehr Ahidiehkeil inil unseren slaal>- 
reehllielien Zolh'ii ; so dass z. li. die HelVeiiniij; davon, die Otlo II. ili'n Venelia- 
nern diirehs ij;anze Keieh \erlieh, als ein Vorlheil ijall. Perlz Leides II, '^{\] . 
\\^. W'ailz I). Verf. (ie.seh. VIII, .illill. Der Saehsens|)i('i;el II, 2H erkennt an, 
dass Niemand niilhij; habe, (ieleil zu nehmen, weim er sein (lul riskiren will. 
Dass der Ih.Tr, weleher sieh das (jeleil halle bezahlen lasstMi . im Tall nun doch 
eine Beraubuni< des Kaufmanns einijrlrelen wai', l{nlseiiadii;uiii; leislen mussle. ver- 
slehl sieh eii;enUieh von sell)sl. Vgl. Sachsens]). II, 27, Sehwabensp. Landreehl, 
11)4 (Lassb. , und noch den H.-A. von 11)1)9, §. ."ii, sowie die Non Maurer 
(ieseh. der Sliidlexerf. I, .'i7(i 11. anurlührlen Slellen. Ivs war eine arire .\usarlunu. 
wenn von Albreehl III. von Oslerreich, .hjeob von Haden [bei Aen. Svhius oder 
Philipp NOn Hessen Uommel Hess, (ieseh. III, H)7) l)r>ond('rs ^eiiihml wini, 
dass sie ihre (Jeleilsplliehl in diesem Sinne auli;<'fassl. Spiiler i>t das (jeleilsreehl 
dann zu einem Durehgangszolle gevvorilen : so unter Kurliirsl Au^usl von Sarhsen, 
welcher <len Kuhrleulen slrentre verhol, aiif einer andern als der herkömndichen 
Slrasse zu fahren ('.od. Augusl. II, 11 03 11.1. Oll mit i.W\\ zopligslen l-ormalilä- 
len ; Proben dason aus dem IS. Jahrh. bei Nicolai, Heise I, PJO und K. H. 
Lang llislor. Kniwicklung der ckMilschen SliMierserf., l'jO. 

7; In England sollen son "iO Henry III. bis 1 Kdw. l., also in 7 .lahnMi 

I '2()00(M) Pfd. Sl. nach jetzigem (leide von diMi Juden er|)ressl worden si-in. 
(Anderson O. of (^., a. 129(1;. Hieraus erkliirl sich das Kdictinn Itasillense von 

1392, dass ,lu<liMi , vv(»lche sich lauten liessen, zii\or ihr \iMinogen an ilen Staat 
abtreten sollten, )* damit der Teulel mChts mehr an ihnen hülle«. Vgl. dagegen das 
Laleraner C.oncil von 1 179 c. '>. \, V, (> und die V.-O. .lohaim^ XXII, son 1319. 

l'Alrav. comm. V, 2. 2. Nocli im IS. Jahrh. zahllen die Wiener Juden pro 
Kopf tjiglich I V\. Toleranzgeld , re|)artiiten dies jedoch unter einander nach dem 
Vermögen. Nicolai, H. Hl. 172 . Auch die schvNci/.erischen bandN(igle zogen 
aus der preeiiren Lage der Juden. <lie hüchstens periodi'^ch geduldet werden soll- 
ten, beträchtliche lünkünlti». Hronner", Der (1. .\argau I, »3 1. 



2^] Verscch einer Theorie der Finanz-Regalien. 139 

cationen, ein natürlicher Übergang aus dem Busssysteme des Mittel- 
alters in das neuere Strafsystero. Jede mächtige und dabei gesetzlich 
wenig beschränkte, also willkürliche Regierung neigt hierzu, weil auf 
diesem Wege zugleich ihre Habsucht und Herrschsucht befriedigt wer- 
den.^) Hätte Karl I. von England seinen Anspruch verwirklicht, 
durch Proclamation eigenmächtig Verordnungen zu erlassen und deren 
Übertreter sodann vermittelst seiner Sternkammer beliebig an Gelde 
zu strafen, so wäre das factisch einem ganz freien Besteuerungsrechte 
gleich gekommen. Vornehmlich ist es die Zeit der absoluten Monar- 
chie, überhaupt die Zeit zwischen Mittelalter und neuerer Geschichte, 
worin die Geldstrafen auch finanziell die grösste Bedeutung haben, 
zumal während heftiger Parteikämpfe. Für Dänemark hat am Schlüsse 
des Mittelalters das Recht, in einem gewissen Sprengel die Straf- 
gelder einzukassiren, das Hauptmoment gebildet, woran sich das Auf- 
kommen der Aristokratie und die völlige Unterdrückung der freien 
Bauern knüpfte. In Schweden belief sich unter K. Johann das Staats- 
einkommen aus den Geldstrafen beinah ebenso hoch, wie aus den 
Steuern. (Geijer, Schwed. Gesch. II, 207.) Von den deutschen 
Gelehrten während der ersten Hälfte des 17. Jahrh. nennt Klock die 
Steuern, quae ad coercenda scelera imperanlur^ omnium justissima^ 
ulilUsima et sanctissima. (Ue aerario II, 101, 23.) Und der im Ganzen 
dem Regalismus feindliche Latherus theilt doch alle Staatseinkünfte 
in zwei grosse Gruppen : solche, die per justiliae administrationem^ 
und solche, die absque justiliae administratione vermehrt werden. (De 
censu, p. 271fr.) In Böhmen ist zu Anfang des dreissigjährigen 
Krieges der grösste Theil des Nationaladels durch Güterconfiscationen 
(meist zu 40 Mill. Fl. geschätzt) ruinirt worden. Gegen Schluss des 
15. Jahrh. war es eine Hauptfiiianzquelle der Tyrannen in der Ro- 



8] Schon unter den Merovingern bedeutende Staatseiimahnic aus dieser 
OueHe. (Wailz II, 535 (L). Die »Friedlosigkeil« regelmässig mit Verniögeiiscon- 
fLscatton verbunden. (Waitz, Das alle Recht, iO{. Deutsche Verf. Gesch. 11, 5i0). 
Auch unter den Karolingern sowohl des Königs wie des Grafen Eini^ommen grossen- 
Ihcils auf Geldstrafen beruhend. [Eichhorn, D. St. und R.-G. I, §. 164. 167). 
Während aber hier die Busse des Königsbannes nicht über 60 Solidi ging, kom- 
men unter Otto M. Strafen von 2 bis 1000 Pfd. Silber oder 100 Pfd. Gold vor. 
Waitz, D. Verf.-G. VI, 462 fr.). Tyrannische Lehnsköoige , wie der englische 
Johann^ dictierten wohl ihren Gästen beliebige Geldstrafen pro (also dicto , pro 
siuUo responso etc. 



140 Wilhelm Roschbr, [S6 

magna, viele Verbote zu erlassen, dann über deren Verletzung die 
Augen zuzudrücken und nun plötzlich eine Menge aufgesunimler 
Strafen einzukassiren. (Machiavelli Discorsi III, 29.) Ein päpstlicher 
Kämmerer entschuldigte solches mit dem Spotte : Dem non vult mortem 
peccatoris^ sed ut vivat et solvat. (Sismondi XI, 354.) In England 
haben während der Bürgerkriege des 17. Jahrh. beide Theile unge- 
heuere Geldstrafen erpresst. Unter Karl I. wurden z. ß. von Solchen, 
die gegen ein Verbot Heiniichs VII. Äcker zu Weiden gemacht, über 
3000Ö ^ erhoben; Einer in 10000 ^ Strafe genommen, weil er im 
Paläste einen königlichen Diener geschlagen. (Hume, Hist. of England, 
Ch. 52.) Lord Strafford verhiess in Irland den Richtern 20 Proc. des 
erstjährig(;n Ertrages von allen eingezogenen Gütern, während Ge- 
schworne, die sich der Hülfsleistung weigerten, zu Geldbussen bis 
4000 £ gezwungen wurden, (v. Raumer, Gesch. Europas seit dem 
Ende des 15. Jahrh. V, 29. 53. 125. 150. 244. 320. 335.) Ein 
besonders arger Fall, wo ein hohe Personen beleidigender Privalbrief 
mit Absetzung, Ohrenverlust und 5000 £ Geldbusse, und auch der 
Empfänger wegen versäumter Denunciation mit 8000 £ Geldbusse 
geahndet wurde: v. Raumer IV, 350. Das lange Parlament verfuhr 
ähnlich: 1643 sollten Alle, welche den Royalisten irgend beigestanden 
hätten, 2 Jahre ihres Einkommens verlieren; 16.56 allen Nonjurors 
die Einziehung von Va ihres Vermögens angedrohet. Die Zeit von 
1640 — 59 würde nach früherem Massstabe gegen 10 Mill. £ an 
Steuern gekostet haben. Wirklich aber trieb das Parlament und die 
Republik ein: 1305000 an Geldbussen der Royalisten, 6044000 an 
Confiscationen, 1277000 durch Vergleich statt der Con6scalion, 
25380000 aus verkauften Domänen und Kirchengütern. (Lingard, 
Hist. of England XI, 347.) Zur Zeit des Königsmordes soll in Eng- 
land wenigstens die Hälfte aller Grundstücke und Renten von der 
Revolution mit Beschlag belegt sein. (Hume, Ch. 59.) — Aber auch 
demokratische Revolutionen, wenn sie zugleich einen socialistischen 
Charakter haben, sind derselben Ausartung fähig. *^) In der franzö- 



9) Von solclien Gräueln wohl zu unterscheiden ist die auch in gemässigten 
Demokratieen grosse Verbreitung massiger Geldstrafen^ die hier mit der Unmög- 
lichkeit einer geregelten Amtshierarchie zusammenhängt. Wo alle Beamten dem 
Souverän , hier also dem Volke , gleich nahe stehen , da müssen sie eben auch 
vom Souverän selbst beaufsichtigt werden; und das geschieht am wirksamsten 



97] Yerslch einer Theorie der Finanz-Kegalien. 141 

siscben Schreckenszeit »lieferte die Guillotine mehr Geld, als derAssigna- 
tenstock«. (Cambon.) So z. B. sollten die Altern jedes Ausreissers ver- 
haftet und ihr Vermögen confiscirt, auch die Beamten seiner Ueimathsge- 
ineinde mit Haft und 4000 Fr. Geldstrafe belegt werden, (v. Sybel III, 1 0.) 
Am 26. Januar 1794 beschloss der Convent, die Güter aller Verdächti- 
gen, damals gegen 200000 Personen, einzuziehen ! (v. Sybel II, 563.) 
Bei bochkultivirten und wirklich freien Völkern ist die Vermö- 
gensconfiscalion meist völhg abgeschafft: nicht bloss, weil diese 
Strafart so gefährlich zu ungerechten Verurtheilungcn *®) reizt; son- 
dern auch, weil dabei regelmässig ausser dem Verbrecher selbst 
noch dessen schuldlose Familie mitbestraft wird. Das Mittelalter, 
dessen aristokratischer Sinn Tugend wie Sünde für erblich hält, fin- 
det bei solcher Mitbestrafung der Verwandten nichts Anstössiges. 
Auch in diesem Stücke athmet die Gesetzgebung Friedrichs IL einen 
wesendich modernen Geist (Gonstitutt. R. Siciliarum II, 3. 6. 8 fg.) 
Neuerdings hat man die Vermögensconfiscation fast nur noch bei 
ausgetretenen Militärpflichtigen beibehalten, deren Person ja geflüchtet 
ist, und die in der Regel noch keine Kinder besitzen. Nur sollte 
man die neuere, etwa verfassungsmässige Abschaffung der Vermögens- 
confiscation nicht dadurch illusorisch machen, dass man nach poli- 



durcb die Argusaugeo der ÖflentlicheD Meinung, welche mittelst DcnunciaDteiigc- 
bühren wach erhalten werden; sowie auch, bei der ohnehin kurzen Dauer des 
Amtes, Geldstrafen, das natürlichste Mittel scheinen , den Beamten zu seiner Pflicht 
anzuhalten. Daher die grosse Menge von Geldstrafen in Nordamerika (M. Che- 
valier, Lettres sur TAmerique du Nord II, 4 36(1.); früher auch in der Schweiz. 
Malhy in Kau's Archiv IV, 151). Vielleicht ist derselbe Grund auch die Erklä- 
rung für die vielen Geldstrafen der Athener (BÖckh, Staatshaush. f, 49ilf.), 
während die zahlreichen VermÖgensconfiscationen mehr der spätesten , ausgearte- 
ten Demokratie angehören. Vgl. Meier, De bonis damnatorum. (1819). Ari- 
stoteles rath im wahren Interesse der Demokratie, den Erlös nicht unters Volk 
zu vertheilen, sondern lieber den Göttern zu weihen (PoHt. VI^ 3. Sehn.). 

10) »Erst confiscirt man um zu strafen, dann straft man um zu conßsciren«. 
(Koyer CoUard: Moniteur de 1816, p. 12). Nach Voltaire rien n*est plus hor- 
rible (ju'un droit , (jui donne ä un souverain la ientation continuelle de n'etre (ju'un 
voleur homicide. (Esprit des Nations, Gh. 159). Darum begreift es sich, wenn die 
Küssen nach dem Verfalle der Iwauischen Despotie im KrÖuungseide von 1606 
der Confiscation entsagen Hessen. Es war eine weise Vorschrift der späteren rö- 
mischen Kaiser, dass zwar schon die niederen Provinzialslattbalter Todesstrafen 
verhängen durften, aber hohe Geldbussen dem allerhöchsten Gerichte vorbehalten 
blieben (L. 4. 6 lust. Cod. I, 54). Gut erklärt von Gibbon, Gh. 17. 



1 42 Wilhelm Röscher, [^^ 

tischen Unruhen die reichen Mitglieder der besiegten Partei für die 
Kosten des Sieges solidarisch haften l^sst. Massige Geldstrafen ein- 
pfehlen sich namentlich da, wo ein Vergehen aus Habgier entsprun- 
gen ist.") 

Ein charakteiistisches Mittelglied zwischen den Regalien der 
Geldstrafen und des Amterverkaufes sind die französischen chambres 
ardentes: ausserordentliche Commissionen, um die Verbrechen der 
Finanzbeamten zu untersuchen und sehr willkürlich mit Geldstrafe 
zu belegen. Solche chambres ardentes^ (ein bewaffneter Bankerott 
nach Levasseur), sind zuerst 1581, zuletzt 1717 gehalten worden. ^2) 
Sully, der sie 1597 selbst empfahl (Forbonnais F. de Fr. I, 32), war 
doch eigentlich kein Freund davon, weil die grössten Sünder am 
leichtesten durchkämen und die Uofleute sich bereicherten. (Econo- 
mies royales, L. XIX. Forbonnais 1, 54.) Auch Richelieu, der 1624 
eine eh. a. für alle Unterschleife seit 1607 niedersetzte und damit 
10800000 jB. erpresste (Forbonnais I, 174 ff.), scheint doch gemeint 
zu haben, dass die hierbei übliche Willkür der Finanzbeamten eine 
Art Recht des Unterschleifes begründe. (Testament polit. I, 222, 
II, I43fl'.) Colbert wusste auf diesem Wege 1662/5 den s. g. Par- 
tisans über 70 Mill. ^ abzupressen. Man soll damals für mehr als 
384 Mill. falsche Ordonnanzen gefunden haben. (Forbonnais I, 308. 
384.) — Man hat dies Verfahren mit dem türkischen verglichen, die 
Paschas erst sich vollsaugen zu lassen und dann in den grossherr- 
lichen Schatz auszudrücken: ein System, das Montesquieu in Sultans- 
herrscbaften ganz natürhch findet (E. des L. V, Gh. 15.), das aber 



H) Filangieri Delle leggi politiche ed cconoiuiche III, 3i. £r rälli, solche 
Strafen immer in einer Vermögensquote des Schuldigen anzusetzen. Die Straf- 
justiz als Finanzqueile zu behandeln, tadelt schon U. Zasius Opp. I, 4 78 sehr 
entschieden. Später meinte Sonnenfels Grundsätze III, 109: den Geldstrafen 
liege der heimliche Wunsch zu Grunde , es möchten die Gesetze recht oft über- 
treten werden. 

4 2) Ähnliche Acte, in noch minder regelmässiger Form, sind jedoch sowohl 
früher als später vorgekommen. So in England die Gewaltthat Richards I. gegen 
den Schatzmeister seines Vaters (Thierry, II ist. de la conquöte L. XI, a. 14 89). 
Die 6 ersten Surintendants des ünances wurden zwischen 4 34 5 und 4 426 hinge- 
richtet, Jaques Coeur 4 453 mit hohen Geldbussen gestraft; einer sass 1455 — 66 
in der Bastille (Bresson Hist. financi^re de la Fr. I, 4 00 — 4 48). Neuerdings noch 
die Ermordung Foulons und Berthiers. 



^^1 Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 143 

CoDring selbst für Frankreich laudabile^ justum et salutare nennt. 
[De aerario boni principis^ C. 90.) *^) 

Wie eng alle diese Regalien mit der Unumschränktheit der vor- 
zugsweise s. g. absoluten Monarchie zusammenhängen, erhellt aus 
den zahlreichen Analogien, welche nicht bloss der morgenländische 
Sultanismus "), sondern auch die griechische Tyrannis ^"^j, das römische 
Cüsarenthum ^^*) und noch die eigenthümliche Finanzwirthschaft Napo- 
leons I. ^^ hierzu darbieten. 



4 3] Eine ähnliche Bedeutung hat der orientalische Brauch, dass hohe Be- 
amte den König zum Erben einsetzen. Zu Ker Porters Zeit hinterHess der erste 
persische Minister dem Schah 200000 Pfd. St. (Ritter Asien IX, 894] . 

4 4] Ober den furchtbar entwickelten Diensthandel der Türkei, wobei früher 
in Europa die Fanarioten, in Asien die Armenier als Mittler fungirten, s. Ranke 
Serbische Revolution, 3. Rilter Asien X, 755. Von der grossen Bedeutung der 
Geldstrafen (Arnos 11, 8. Spr. Salom. XVII, 26] und Staatsmonopole unter den 
späteren israehtischen Königen: Ewald, Gesch. v. Israel II. 2, 4 44. III, 75. 

4 5] Die finanziellen Kunstgriffe sowohl des Ilippias wie des Dionysios, die 
im IL Buche der Aristotelischen (?) Ökonomik erwähnt sind, (C. 5. 24) haben 
einen wesentlich regalistischen Charakter. 

4 6) Unter den Imperatoren gab es 2 9 Verbrechen , welche Vermögenscon- 
fiscation nach sich zogen, darunter das unendlich weite der laesa majestas. (Nau- 
det^ Des changements dans Tadministration .. sous Diocletien I, 4 95]. Die vie- 
len Selbstmorde jener Zeit hängen damit zusammen, dass ein majcstatis reus auf 
diesem Wege der Confiscation zuvorkam. Von einem erfolgreichen Aufstände, welcher 
durch reiche Provinzialen veranlasst war, um der Confiscation zu entgehen, s. He- 
rodian. VII, 4. Commodus Hess zahllose Senatoren etc. hinrichten, um ihr Ver- 
nmgen einzuziehen ; daneben Schuldige für Geld freigesprochen ; viele Reiche ge- 
zwungen, sich den Rang eines Consuls, Senators etc. zu kaufen. Auch ein Korn- 
monopol, das Pertinax aufhob (Lamprid. V. Comm. 6. Herod. I, 4 2). Eine Art 
von chambre ardcnte wird Öfters gehalten: so von Galba (Tacit. Hist. I, 20), 
von Pertinax (Capitolin. V. Pert. 8). 

4 7) Napoleon führte das droit d*aubaine und den AbschOvSs wieder ein. Die 
Strafe der Vermögensconfiscation hielt er so fest, dass er sie auch in seinem yicte 
additionel von 4 84 5 nicht aufgeben wollte. Bei Creirung des neuen Majorats- 
adels ward eine Siegelgebühr von 20 Proc. der einjährigen Einkünfte gefordert. 
Wie Napoleon Cautionen für aller Art Ämter, selbst Gewerbe, deren Betrag er be- 
liebig erhöhete, Zinsfuss herabsetzte', dem allen Diensthandel entsprachen , so ist 
sein Verfahren gegen den Lieferanten Ouvrard (Ouvrard, Memoires I, 64 If. Bou- 
rienne Memoires VII, 6); gegen Bourienne (Bourienne Mem. X, 2 4 3< Las Cases 
11, 34 4) etc. ganz ein Wiederauffrischen der alten Chambres ardentes. Eine Zeit 
lang war auch die Ausbeutung der Kriegshoheit einträglich. Die Kriegscontribu- 
tionen bildeten das s. g. domaine exiraordinairef das schon 4 803 der Staatskasse 
84 Mille Fr. vorgestreckt hatte. Die Zinsen meist zur Belohnung verdienter Krie- 



144 WiLHBLM RoSCilER, [30 

Zweites Kapitel. 

Gebühren. 

5. 

Aus den einzelnen Acten der politischen Staatsthätigkeit ein be- 
deutendes Einkommen zu beziehen, sie wohl gar hauptsächlich vom 
fmanziellen Standpunkte her zu betrachten, widerspricht dem Geiste 
der höheren Kulturstufen um so schroffer, je mehr das Bewusstseia 
im Volke herrschend geworden ist, den Staat als ein organisches 
Ganzes, eine wesentliche Seite des Volkslebens aufzufassen. Daraus 
folgt dann z. B., dass eine gute Rechtspflege nicht bloss denen, die 
Processe gewinnen, sondern Allen nützt, nicht am wenigsten auch 
denen, welche in Folge der allgemeinen Rechtssicherheit das Glück 
haben, niemals, weder als Kläger noch als Beklagte, mit der Justiz 
in unmittelbare Berührung zu kommen. ^) In demselben Verhältnisse 
nun, wie diese unzweifelhaft würdigere Ansicht vom Staate durch- 
dringt, sind die fiscalischen Nutzungen von §. 4 zu blossen Gebühren 
zusammengeschrumpft. Wir verstehen darunter Abgaben, die für 
einzelne obrigkeitliche Handlungen von denen, welche die Handlung 



ger verwandt. Daru, ein Meister der ContributionserpressuDg» berechnete Anfang 
1808 den Gesammtcrtrag des Krieges auf über 604 Miil. Aus Preussen allein wur- 
den vom \. Oct. 1806 bis 15. Oct. 1808 564 Mill. gezogen (Bignon Hist. de 
France VII, 399). Nach Deckung aller Kriegskosten war der Gewinn aus den 
occupirten Landern während dieser Zeit 435 Mill. (Dumas Precis des evenemenls 
militaires, Vol. XIX.). Das Budget von 1811 enthielt etwa 30 Mill. reccttes rx- 
terieureSf aber 600 Mill. Ausgaben für Land- und Seemacht: jenes etwa 3 Proc. 
der Einnahme^ dieses fast 63 Proc. der Ausgabe des Staates überhaupt. 

1) So Garnier, Traduciion d'Adam Smith V, 316. Hoff mann, Lehre 
V. d. Steuern, 430. Gegen Eisdell, Principles of national economy and laxa- 
lion (11, 1839), dass die Justizkosten ganz von denjenigen ersetzt werden sollen, 
die Processe verlieren, bemerkt F. B. W. Hermann (Münch. G. A. XI, 551): 
der Nutzen der Justiz , Streitigkeiten zu verhüten , komme nicht bloss dem gan- 
zen Volk zu Gute, sondern sei auch viel wichtiger, als der, vorhandene Streitig- 
keiten zu entscheiden , wobei man ja ohnehin gar nicht immer das Richtige trefle. 
Sehr übertrieben meint J. Benlham A protest against law-taxcs (1793), die Ge- 
richtssporleln seien a tax upon distress : sie drückten gerade Solche , die sich 
ohnedies in einer üblen Lage befänden, ihr Eigenthum durch einen Fremden 
rechtswidrig verkürzt sähen u. dgl. m. 



31] Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 145 

unmittelbar veranlasst haben, gezahlt werden. Und zwar beschrSinken 
wir den Begriff der Gebühren, der sonst zwischen reinem Privat- 
erwerbe des Staates und reiner Steuer in einer schwerlich genau 
zu begränzenden Mitte stehen würde, einerseits auf solche Handlungen, 
die mit wesentlichen Staatszwecken (Rechts- oder Machtzwecken) 
zusammenhängen; andererseits auf solche Zahlungen, welche die 
Selbstkosten des Staates mindestens nicht sehr übersteigen.^) Was z. B. 



%) ÄhDÜch bei Schall io Schönberg's Handbuch II, 79; früher schon sehr 
tüchtig in Pfeiffer Staatseinnahmen I, t9itt. Die zahlreichen verschiedenen De- 
fintlionen des Gebührenbegriffes dürfen nicht befremden: weil nicht bloss das 
Wort G. ein sehr allgemeines ist, sondern auch der Gegenstand selbst in scharfer 
praktischer Trennung von den Steuern selten vorkommt. Die älteren deutschen 
Nationalökonomen (die ausländischen haben von den Gebühren überhaupt wenig 
Notiz genommen] betrachten die G. entweder als »zufällige Einkünfte des Staates« 
(v. Sonnenfels, Grundsätze III, § 4 H fT. Fulda, Finanzwissensch., §. 132fr.), 
oder als eine »besondere Besteuerung« im Gegensatze der »allgemeinen« (Jakob, 
Staatstinanzwissenschaft, §. 178 ff.), eine »Specialsteuen< (v. Prittwitz, Theorie der 
Steuern und Zolle, 276), oder als eine Art von indirecten Steuern (Malchus, 
Finanzwiss. I, §. 31. 62 (T.), von Steuern auf Handlungen (de Parieu, Traitc 
des imp6ts, Livre VI): wobei namentlich der Umstand irreführte, dass man die 
Stempelung nicht für eine besondere Erhebungsform sehr vieler veischiedener Ab- 
gaben, sondern für eine besondere Steuerart ansah. So Hoffmann, Lehre von den 
Steuern, S. 4nff. — Rau, Finanz-W. I, §. 86. 227ff. definirl die G. sehr 
gut: namentlich auch insofern, als sie nur »Regierungshandlungen begleiten sollen, 
welche nicht weniger nothwendig wären, wenn auch keine besondere Vergütung 
für sie gefordert würde tf. Gleichwohl rechnete er die badische Kaufaccise, ja die 
Erbschafts teuer zu den G. ! Ein grosses Verdienst um diese Lehre hat sich 
Umpfenbach, F.-W. I, §. 2 3 (f. erworben, der die G. auf das »Gränzgebiet« 
einschränkt, »zwischen dem reinen Privatinteresse des Staatsangehörigen und seinem 
reinen Staatsinteresse, wo seine Interessen ununterscheidbar mit denen aller Übri- 
gen zusammenlaufen«. Er betont namentlich die »Kostenprovocation«, welche der 
Staat im Interesse der Einzelnen erleidet. Wenn er dann frcüich auch die Be- 
zahlung des Post-, Eisenbahndienstes etc. des Staates mit zu den Gebühren zählt, 
so muss er consequenter Weise zu der Forderung kommen, dass der Staat von allen 
diesen Anstalten nicht bloss keinen Gewinn ziehen, sondern nicht einmal die volle 
Kostendeckung verlangen darf: eine Folgerung, der ich finanziell durchaus entge- 
gentrete (System Bd. III, §§. 88 ff.). Stein, welcher die Ausscheidung der G. von 
den Verkehrssteuern und das rechte Verständniss der Stempel wesentlich gefördert 
hat, nennt die Gebühren, d. h. Abgaben an die Verwaltung, deren Leistungen 
zum Vortheil eines Einzelnen von diesem bezahlt werden mögen, bloss dann ge- 
rechtfertigt, wenn der Zahlende wirklich Vortheil von der Leistung hat. Ihre 
Höhe kann aber weder nach dem Werthe für den Zahler, noch nach den Kosten 
für den Staat bestimmt werden: beides unberechenbar! Da sie jedoch stets Lei- 



1i6 Wilhelm Röscher, [32 

der Staat von seinen Post-, Eisenbahn-, Telegraphendiensten bezieht, 
wird besser in der Lehre von den Staats-Gewerbe- und Handels- 
geschäften zu erörtern sein; während jeder bedeutende Reinertrag 
aus den Justiz- und Polizeihandlungen, die ja fast niemals ganz frei- 
willig von den Zahlenden begehrt werden, einen steuerartigen Cha- 
rakter hat. So werden namentlich viele Steuern, die von der Über- 
tragung gewisser Güter aus einem Eigenthume, überhaupt einem 
Vermögen in das andere zu erheben sind (Verkehrsteuern, Erb- 
steuern etc.) mit Gebühren verknüpft für die zum Zwecke der Rechts- 
sicherheit vorgeschriebenen amtlichen Handlungen.-*) Je weniger die 
Summe beider Abgaben zusammen nach der Grösse des übertragenen 
Werthes differirt, um so mehr überwiegt die Gebührenseite, und um- 
gekehrt: weil die Arbeit z. B. der Hypothekenbehörde bei der Eigen- 
thumsumschreibung eines grossen Landgutes, Eintragung einer grossen 
Pfandschuld etc. selten mehr Geschicklichkeit oder Anstrengung er- 
fordert, als wenn kleine Landgüter und Forderungen behandelt werden. 
Und es würde andererseits unerträglich sein, hohe Gebühren, welche 
die Selbstkosten des Staates beträchtlich übersteigen, von der Übertra- 
gung kleiner oder grosser Werthe gicichmässig zu fordern^). Wenn 

stungen für den Verkehr voraussetzen, so dürfen sie nicht so hoch sein, um von 
dem betreffenden Verkehrsacte abzuschrecken. (K.-W. 2t 6 ff.). Bei dieser Auf- 
fassung ist es allerdings inconsequent, wenn Stein die Einkünfte von der Post, 
den Eisenbahnen etc. des Staates als »Regalien« den Gebühren entgegensetzt. 
Ad. Wagner hebt in seiner, sonst tief eindringenden, Lehre von den G. na- 
mentlich hervor, dass sie specieller Entgelt eines von einer Zwangsgemeinwirth- 
schaft Einzelnen geleisteten Dienstes sind und von der Staatsgewalt nach Hohe 
und Modalität einseitig normirt werden. (F.-W^. 11, .'i). Im französischen Enre- 
gistrement haben die Gebühren- und Steuerseite ganz wohl unterschieden: La- 
ferriere. Droit public et administratif II, t9i. de Parieu Tr. des I. IH, HifT. 

3) Selir viele Gebühren sind auf ähnliche Art entstanden, wie das droit de 
poids et de cassc in Marseiile, wo die Kaufleute zur Entscheidung von Streitigkeilen 
eine Wage errichtet hatten , für deren Benutzung Ausländer doppelt so viel zah- 
len nuissten, als Bürger. Das hatte eine Bequemlichkeit für den Handel sein sol- 
len. Wie sich aber der Staat dieser Wage bemächtigte, wurde 4 669 die Abgabe 
um 100 Proc. erhöhet, bald auch für alle Packetc über 36 Pfd., selbst wenn sie 
des Wagens durchaus nicht bedurften, ein sehr lästig controlirter Wägezwang 
eingeführt. (Forbonnais F. de Fr. I, 359). So hat der Grundsatz der Plus- 
macherei, »Nimm, wo am leichtesten zu ünden«, bewirkt, dass viele Gebühren 
• eher auf den Namen üngobühren Anspruch hätten « ! (Ü m p f e n b a ch) . 

4) Wagner meint: da die richtige Maximalhöhe einer Gebühr immer etwas 



33] Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 147 

• 

dessbalb manche Gesetze^) und Schriftsteller^) als Maximalgränze 
der Gebuhren den Vorlheil bezeichnen, weicher dem Zahler aus der 
betreffenden Handlung des Staates erwachst: so heisst das nach un- 
serer De6nition , das Reich der Gebühren verlassen und auf dasje- 
nige der Steuern übertreten. 

Menschen, die, sei es durch eigene Schuld, oder zu eigenem 
Vorlheil, die Arbeit der Staatsbehörden viel stärker in Anspruch 
nehmen, als ihre Mitbürger, können es nicht unbillig finden, wenn 
ihnen dafür ein entsprechendes Abgabenpräcipuum auferlegt wird.^) 
So besonders, wenn etwa nur von den Reicheren zu erwarten steht, 
dass sie die betreffenden höheren Ansprüche an die Staatsthätigkeit 
machen werden; oder wenn aus anderen Gründen zu fürchten ist, 
dass bei völlig unentgeltlicher Dienstleistung diese Ansprüche in 
schädlichem Grade wachsen möchten. Kann z. B. eine unmässige 
Höhe der Gerichtssporteln factisch zu einer Rechtsverweigerung für 
alle Ärmeren ausschlagen, so würde volle Unentgeltlichkeit der Ju- 
stiz den sehr verbreiteten schlimmen Neigungen der Rechthaberei 
und Processucht bedenklich Vorschub leisten. Gerade die Ungerech- 
testen würden am meisten Processe führen, bei denen sie ja nichts 
eiDzubüssen hätten.^) Und selbst gutgläubige Processverlierer können 



voD subjectivem Ermessen abhängen wird, jedenfalls eine feste Zahlengränze fehlt, wo 
die Gebühr in die Steuer übergeht, so müsse man sich in Theorie und Praxis mit einer 
annäheningsweisen Feststellung der beiden heterogenen fiestandtheile der Abgabe 
begnügen. [F.-W. 11, 26). 

5) Wo das Gesetz für den Ansatz der Gebühr einen Spielraum lässt, ist in 
Bayern dieselbe von der Behörde »unter Berücksichtigung des Umfangs und der 
Schwierigkeit der Sache, der Bedeutung derselben für das bürgerliche Leben und der 
Leistungsfähigkeit des Pflichtigen« zu bestimmen. (Gesetz vom 18. Aug. 1879). 
In Württemberg : y> nach dem Grade der den Behörden verursachten Mühe ; nach 
der Bedeutung des Gegenstandes, bezw. dem Nutzen, welcher dem Betheiligten 
in Aussicht steht; nach den Vermögens- und Einkommensverhältnissen des Spor- 
telpflichtigen« (Sportelgesetz von 1881). 

6) Vgl. besonders v. Stein a. a. 0., 311. v. Hock nimmt den Vortheil des 
Pflichtigen oder den Kostenbetrag des Staates zum Massstabe. (Off. Abgaben, 16). 

7) Die Motive des württembergischen Sportelgesetzes von 1828 bezeichnen 
darum als Zweck der Sportein ndie Erleichterung der Masse der Steuerpflichtigen«. 
^Schall a. a. 0. 82). 

8) Über den holländischen Impost van ongefondeerde prozessen s. Boxhorn 
Disquisilt. politt., 394 ff. Im Kirchenstaate soll die Vorschrift der Gerichtsordnung 
von 1834 (Art. 1651), dass der Fiscus nie zu den Processkosten verurtheilt wer- 

Abhandl. d. k. S. OeseUsch. d. Witisensch. XXI. \ >{ 



148 Wilhelm Röscher, [34 

doch in der Regel nicht verlangen, dass der Staat die Unkosten ihres 
Rechtsirrtbums trage. Ahnliches gilt von Dispensen. Muss das häufige 
Vorkommen persönlicher Dispense von allgemeinen Geboten oder Verbo- 
ten immer als ein trauriges Zeichen entweder despotischer Zuvielgesetze 
oder anarchischer Zuvveniggesetze angesehen werden : so ist doch si- 
cher auch die beste Regierung bisweilen in der Lage, solche Ausnah- 
men gestatten zu müssen, wenn nicht der Zweck der Regel selbst ver- 
eitelt werden soll. Da führt denn gleichfalls die nölhige causae cognitio 
zu besonderer Beamtenarbeit im Interesse eines Einzelnen, und diese 
mag billiger Weise bezahlt werden, schon um von leichtsinnigem 
Queruliren abzuschrecken. 

Der Missbrauch der Dispensirgewalt zu Geldzwecken ist 
wohl am weitesten getrieben worden in England unter den Tudors 
und früheren Stuarts, sowie in der römischen Kirche der Länder, 
wo sie von dem heilsamen Einflüsse der Reformation ganz unbe- 
rührt geblieben. Elisabeth soll von Dispensen zu Gunsten kirchen- 
treuer Katholiken jährlich an 100000 Kronen bezogen haben (Vocke, 
Gesch. der Steuern, 32). Lange Liste von Verboten, die 1639 nur 
in der Absicht erlassen waren, für Geld davon zu dispensiren, bei 
Anderson 0. of C, a. 1639. — Die amtliche Lehre der römischen 
Kirche vom Ablass s. bei Hirscher, Die katholische Lehre vom 
Ablass (1829. 1855.). Der Ablasshandel ist vom Tridentiner Goncil 
(Sess. XV.) entschieden verworfen. Selbst Tetzel lehrte, dass die 
Ablässe nicht die Sünde tilgen, sondern nur die ihr folgenden zeil- 
lichen Strafen , und auch diese nur dann , wenn aufrichtig bereuet 
und gebeichtet worden ist. (Gröne, Tetzel und Luther, 1853, 
S. 81 ff.). Wie freilich die Praxis dem oft sehr wenig entsprochen 
hat, zeigt nicht bloss die bekannte, höchstens übertriebene Schilde- 
rung in Huttens Vadiscus, sondern auch der glänzende Ertrag, wel- 
chen Staat und Kirche verbündet im spanischen Amerika vom Bullen- 
verkaufe bezogen: 1) Bulle der Todten, um das Fegfeuer der 
Verstorbenen abzukürzen; 2) gemeine Bulle der Lebenden, wodurch 
man das Recht erlangte, für jede Sünde von jedem Priester absol- 
virt zu werden, das Fastengebot zu übertreten etc.; 3) Milchbullen, 



den konnte , dazu geführt haben , dass die Unterthanen bei sonnenklarem Recht 
doch gegen fiscalische Erpressung aus Furcht vor den Processkosien oft still 
schwiegen. (Ach. Gennarelli^ II govemo pontißcio e lo stato Romano: Prato 1860). 



^^. Verslch einer Theorie der Finanz-Regalien. 149 

wodurch Geistliche das Recht gewannen, in der Fastenzeit Milch 
Dod Eier zu verzehren; i) CompositionsbuUen, die für bestimmte 
Sunden Ablass gewährten, natürlich unter der Voraussetzung, dass 
die Sünde bereuet werde, nicht in Aussicht auf den Ablass gesche- 
hen, der Eigenthümer z. B. des gestohlenen Gutes nicht bekannt 
sei u. dgl. m. Alle diese B. galten erst vom Augenblicke der Be- 
zahlung an; ihr Preis richtete sich nach Rang und Vermögen des 
Käufers, und wer dabei Unterschleif beging, dem half der Ablass 
nichts. Vgl. Depons Voyage ä la Terreferme III, 34 ff. Bourgoing 
Tableau de l'Espagne II, 19 ff. Ähnlich in Portugal: Ebeling Portu- 
gal, 129 ff. Schäfer, Port. Gesch. V, 96 ff. 

Im Ganzen pflegen die Gebühren um so niedriger und zuletzt 
vom Grundsatze der reinen Staatsausgabe verdrängt zu werden, je 
mehr das öffentliche Interesse bei den betreffenden Staatshandlungen 
das Privatinteresse überwiegt. Und auch vorher schon sollte bei 
notorisch dürftigen Staatsangehörigen die Gebühr wegfallen, wenn 
durch Nichterfüllung ihres Privatinteresses ein beigemischtes Staats- 
interesse unbefriedigt bleiben würde. ^) 

6. 

Das System der Gebühren schliesst sich am besten dem 
Systeme der verschiedenen Staats thätigkeiten an, die mit Einzelnen 
in Berührung kommen^). Hiernach unterscheiden wir 



9} Umpfenbach 1, 67. Weil der Staat bei allen seinen Anstalten gemein- 
nützige Zwecke verfolgen muss, wird den Einzelnen, welche die Gebühr entrich- 
ten, niemals die ganze Kostendeckung aufzulegen sein. Vielmehr »verlangt die Ge- 
rechtigkeit die Tragung des Koslentheils durch die Gesammtheit, welchen die 
Gesammtheit ununterscheidbar veranlasst hatu. (I, 65.) Vgl. Bier sack, Über 
Besteuerung, 84. 

I) Stein, F. W. , 228 theilt die G. in die der Verwaltung des Äussern, 
des Heeres^ der Finanzen, der Justiz und des Innern , also entsprechend der ge- 
wöhnlichen Eintheilung der Fachministerien. Die Natürlichkeit dieses Gedankens 
hat viel Anmuthendes. Nur ist dagegen einzuwenden, dass in verschiedenen Staa- 
ten die einzelnen Ministerien- sehr verschieden gegen einander abgegriinzt sind. 
Bau (F.-W. I, §. 230 ff.) unterscheidet: in allen Zweigen der Staatsverwaltung 
vorkommende G. und in einzelnen Zweigen ausschliesslich vorkommende ; die letz- 
teren nach Rechtspflege, Schutzpolizei, Staatsvertheidigung, Volkswirthschaftspflege 
und Volksbildungssorge eingetheilt. 



150 Wilhelm Röscher, [36 

A. Allgemeine Gebühren, die für jede privatliche Bemü- 
hung einer Staatsbehörde gezahlt werden, ohne Rücksicht auf die 
besondere Natur der dabei in Frage kommenden Zwecke. Solche 
Gebuhren, meist in der Form des Stempelpapiers erhoben, knüpfen 
sich an die schriftlichen oder protocollirten Privateingaben bei der 
Behörde, sowie an die von dieser gegebenen Bescheide an. Sie wer- 
den gewöhnlich nach der Grösse des Schriftstückes oder Länge der 
zum Protocolliren verwandten Zeit bemessen, und sind verbältniss- 
massig leicht zu controliren. Sie müssen aber wegen ihrer Allge- 
meinheit sehr niedrig sein, um nicht unerträglich zu werden.^) Hier- 
her gehören auch die Beglaubigungen von Abschriften, Unterschriften 
etc., welche die Staatsbehörden ohne viel materielle Verschiedenheit 
wegen der allgemeinen publica fides des Staates vornehmen. 

B. Verwaltungsgebühren. Sie betreffen i) Angelegenhei- 
ten des persönlichen Lebens (Givilstandsgebühren) : wie z. B. 
die Eintragung der Geburten und Todesfälle in die amtlichen Regi- 
ster, die Mitwirkung der Behörde bei Schliessung und Auflösung der 
Ehe, bei Namensänderungen, Erwerb oder Verlust der Staats- oder 
Gemeindezugehörigkeit; die Ausstellung von Zeugnissen über alle 
diese Verhältnisse, sowie überhaupt von Legitimationspapieren. '^). 

3) In Preussen kostete [bis 1873) jede Eingabe an eine Staatsbehörde 5 Sgr., 
jeder Bescheid derselben 4 5 Sgr. Stempel, so lang sie übrigens sein mochten. 
Dadurch wurden die peinlichen Vorschriften, wie viele Zeilen auf den Stempel- 
bogen, wie viele Wörter auf die Zeile gehen sollen, unnöthig. In Baden Eingabe- 
stempel öO e^ pro Bogen, 10 «^' pro Bogen für jede Beilage, Protocollgebtihr 
pro Stunde (und weniger) 4 JH bei den Bezirksämtern, t jU bei den Mittel- und 
Oberbehörden. Die Nothwendigkeit , Armuthszeugnisse , Steuernach lUsse , Steuer- 
quittungen, den Verkehr der Behörden unter einander, sowie den rein privatrecht- 
lichen Verkehr derselben mit dem Publicum gebührenfrei zu lassen, ruft eine 
Menge von Ausnahmen hervor, die zum Theil Anlass zu vielen Gontroversen ge- 
ben. Übrigens haben gerade solche allgemeine Gebühren sehr häufig den An- 
knüpfungspunkt für Verkehrsteuern gebildet. 

3) Wenn nach dem deutschen Reichs-G. vom 6. Febr. 4 875 die weltlichen 
Civilstandsämter die Register und die darauf bezüglichen Verhandlungen kosten- 
und stempelfrei führen, [dagegen für Vorlegung der Register \ — K^liM, für Aus- 
züge daraus Y2 — % Jl), so geschah das wohl in der Absicht, den anfangs sehr 
unpopulären Zwang zur bürgerlichen Trauung etc. leichter durchzusetzen. Die 
Namensänderung kostet in Bayern 20 — 200 Jl, in Württemberg 5—50 J^ , Ba- 
den «0 — 20 ^. Pässe in Preussen 4,50^, Bayern \ — ^ Jl, Österreich 4 6 Kr. 
bis \ Fl. Wenn früher in Russland ein Pass nach dem Auslande 60 Rub. 



37] Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 151 

— 2) Volks wirthschaftliche Angelegenheiten. Hierher gehören 
die zahlreichen Fälle von PrUfungs- und Zeugnissgebuhren, wo selbst 
unter Herrschaft der Gevverbefreiheit einzelne, leicht Gefahr bringende 
Gewerbe nur von Solchen getrieben werden können, welche die erfor- 
derliche Geschicklichkeit oder sittliche Zuverlässigkeit dem Staate nach- 
gewiesen haben (Arzte, Lootsen, Seeschiffer — Schauspielunternehmer, 
Schenkwirthe , Pfandleiher, Hausirer etc.: s. mein System, Bd. Hl, 
§. \ 46.) Ferner die Concessionsgebühren, wo gewisse Anstalten, deren 
schlechte Einrichtung oder Errichtung auf einer unpassenden Stelle, 
wohl gar schon deren übergrosse Anzahl gemeinschädlich sein würde, 
einer Prüfung ihres Standortes, ihrer Statuten, wohl gar einer fortlau- 
fenden obrigkeitlichen Aufsicht unterworfen werden. Im Zeitalter des 
Concessionssystems, welches der Gevverbefreiheit voraufzugehen pflegt 
(Bd. III, §. 144), war diese Kategorie eine sehr umfangreiche.^) 
Hierher gehört die Beaufsichtigung der Fabriken (Bd. III, §. 149), 
der Privatforsten (Bd. H, §. 193) und Bergwerke (Bd. HI, §. 180. 
182) durch technische Staatsbeamte, um gegen Misshandlung der 
Arbeiter, Raubbau etc. zu sichern; die Revision der Apotheken, die 
obrigkeitliche Fleischschau etc.^); die Ausstellung von Jagdkarten 



kostete, I85f — 56 sogar $50 Rub. halbjährlich, so mochte dies zum Theil als 
Luxossteuer, zum Theil als Polizeimassregel zur Erschwerung des Ausreisens be- 
trachtet werden ; die vielen theueren Bauernp'ässe als Gegenmittel gegen die Wau- 
dersucht des russischen Volkes. In dem dritten Decennium unsers Jahrh. trugen 
die Fasse noch über 4 Mill. Rub. ein; 4 879 auf 2630000 veranschlagt. 

I'i Hier muss ganz besonders vor einer allzu grossen Hohe der Gebühr ge- 
warnt werden. Sobald dieselbe zu einer Gewerbesteuer wird, so ist das natür- 
lich eine sehr üble Steuer, welche auf die, vorher ja noch ungewisse, wirkliche 
Ergiebigkeit des Gewerbes keine Rücksicht nimmt und durch ihre Erhebung auf 
einmal und für immer das Kapital des Unternehmers gerade in dem Augenblicke 
schmälert, wo er dasselbe am nöthigsten braucht. Dies gilt auch gegen das fran- 
zösische Actiengesetz von 4 850, das jeder neuen Actiengcsellschaft eine Stempel- 
steuer von i oder Y2 I^roc. ihres Kapitals auferlegt, je nachdem sie auf mehr 
oder weniger als 10 Jahre berechnet ist. 

5) Pfeiffer, Staatseinnahmen I, 3H meint, dass man die Kosten einer 
Aufsicht, welche den Fabrikherrn, Apotheker etc. geradezu beschränken soll, 
allerdings im Interesse des Gemeinwohls, nicht dem Beschränkten selbst auflegen 
dürfe. Offenbar eine atomistische Auffassung, die ganz verkennt, wie ja der 
wahrhaft und nachhaltig gedeihliche Betrieb der Fabriken, Apotheken etc. nur in 
Harmonie mit dem Gemeinwohle gesichert werden kann. 



152 Wilhelm Röscher, 38 

(Bd. II, §. 174), durch deren höhern oder niedrigem Tarif der Staat 
sehr wirksam auf Schonung oder Verminderung des Wildstandes 
hinarbeiten kann. Ferner die Eichung der Masse (Bd. III, §. 98), 
die Prüfung der Schiffe, Dampfmaschinen etc. in Betreff ihrer Sicher- 
heit, die Punzirung der Edelmetallgeräthe®), vormals auch die amt- 
liche Schau und Stempelung vieler anderen, im -Kleinen hervorge- 
brachten und im Grossen abzusetzenden Waaren (Bd. III, §. 147). 
Auch die Gebühren für Benutzung der Landstrassen, Brücken, Häfen, 
etc.: wenn der Staat den Bau und die Erhaltung dieser Verkehrs- 
mittel als seine staatliche Pflicht betrachtet und desshalb in ihrer 
Verwaltung den Grundsatz des privatwirthschaftlichen Reinertrages 
schon aufgegeben, aber gleichwohl den der reinen Ausgabe noch 
nicht eingeführt hat ^ (Bd. III, §. 88. 93). — 3) Bildungsanstal- 
ten. Wenn der Staat diese für so nothwendig oder doch gemein- 
nützlich hält, dass er die Kosten jedenfalls auf seine Kasse nimmt, 
so müssen die Beiträge dazu, die etwa den wohlhabenderen Be- 
nutzern abgefordert werden, (Schulgeld, Inscriplionsgeld, bei Museen 
etc. Eintrittsgeld), als eine Art von Gebühr gelten. — 4) Ertheilung 
von Privilegien oder Dispensen. In der ersten Beziehung sind 
von besonderer Wichtigkeit die Patentgebühren (Bd. III, §. 167); in 
der letzten die Gebühren für Erlassung der Militärpflicht. Sind diese 
höher, als die Kosten der causae cognitio betragen, so können sie 
entweder zur Steuer (Wehrsteuer) werden , oder auch den Gebüh- 
rencharakter behalten, falls nämlich der Staat den Überschuss zur 
Anschaffung eines Militärstellverlreters anwendet. ^) 

C. Justizgebühren. Sie zerfallen nach den drei Hauptzweigen 



6) In Frankreich wird für die Prüfung und Garantie der Gold- und Silber- 
barren, ehe sie in den Handel kommen, 8,18 Fr. pro Kil. Gold und S,4 Fr. pro 
KU. Silber gezahlt, (de Parieu Tr. des Impots III, 425). 

7) Mit Recht betont Pfeiffer (I, 3n) den unterschied, dass auf den Staals- 
chausseen etc. die eigentliche Transportarbeit der Privatunternehmung überlassen 
ist, während auf den Staatseisenbahnen der Staat selber sie besorgt. Jene sind 
daher für den Fiscus nicht als gewerbliche Unternehmungen des Staates, sondern 
nur im Gebührenwege zu nutzen. 

8) In Sachsen musste man sich vor <866 durch Zahlung von 300 Thl. los- 
kaufen , wenn man, durchs Loos bestimmt , doch nicht selber dienen wollte. In 
Frankreich kostete unter Napoleon III. die Befreiung von der MililUrpflicht eine jährlich 
vom Kriegsminister festgestellte Summe, t860 = 1800 Fr.; in Spanien 6000 Realen. 



39] Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 153 

der Rechtspflege iu 1) Civilprocess gebühren, wozu auch die Gebüh- 
ren für das Verfahren im Concurse, bei den Zwangsvollstreckungen etc. 
gehören. Dass sie für die höhere Instanz höher tari6rt sind, ist dem 
Grundsatze der Kostenprovocation durchaus angemessen^). Dagegen 
sollte sich die Abstufung nach der Werthgrösse des Gegenstandes, die 
nur billig wäre, wenn die Kosten dem Processgewinner zur Last fielen, 
nicht progressiv, sondern degressiv in sehr engen Schranken halten, 
damit nicht die kleinen Streitigkeiten unerschwinglich hoch belastet 
werden.*®) — 2) Gebühren der nichtstreitigeu Rechtspflege: so für 



9; Das deutsche Gerichtskostengesetz von 4 878 steigert die Gebührensätze 
in der Berufungsinstanz um ein Viertel, in der Revisionsinstanz um die Hälfte. 
.<^. 49). Ältere französische Juristen hatten wohl die höheren Gebühren, welche 
der unterliegende Appellant zahlen musste, als eine Strafe für die vexatio curiae 
betrachtet. 

\ Oj In Athen legten beim Anfange des Privatprocesses beide Theile die rrpu- 
ravsla nieder, für Streitgegenstände von 100 bis 1000 Drachmen Werth = 3, 
von 4 000 bis 4 0000 Dr. Werth = 30 Dr.: welche dem Sieger vom Processverlie- 
rer wieder erstattet werden mussten. Wenn in öffentlichen Processen der Kläger 
nicht einmal Ys ^^^ Stimmen erhielt, so zahlte er 4 000 Dr. an den Staat. Von 
den römischen Succumbenzgeldern schon zur Zeit der XII Tafeln, (beim Werthe 
des Streitgegenstandes von 1000 As oder mehr = 500 As, bei geringeren Sa- 
chen = 50 As), s. Festus v. Sacramentum ; Varro De 1. 1. V, 4 40; Gajus IV, 
I4(T. 95. Der englische Tarif für kleinere Sachen fast erdrückend. Nach dem 
Berichte eines pari. Committee vop 4 847 betrugen die Sportein für Einklagung 
einer Summe von 4 00 £ im günstigsten Falle 7 £ 7^2 Sh. bis 4 — 4 6^/2; für 
eine erste Vormundsrechnung 4 4-47-4; für eine Wahnsinnserklärung, falls die 
Vermögensrente unter 4 20 £ ist, 65-40-2 bis 423-2-6. Lord firougham 
sagte 4 854 im Oberhause, dass die Processkosten vor den Grafschaftsgerichten, 
jährlich = 264 000 £, 4 772 Proc. der eingeklagten, 30 Proc. der wirklich er- 
langten Summe betrügen. (Vocke, Gesch. der Steuern, 209). Aber auch in 
Frankreich waren 4 873 die Kosten eines gerichtlichen Verkaufes bei Gegenständen 
von unter 500 Fr. Werth durchschnittlich 4 23,29 Proc. vom erzielten Preise; 
bei Gegenständen von 500—4000 Fr. = 50,76 Proc, von 4004—2000 Fr. = 
28,45, von 2004 — 5000 Fr. = 4 4,08, von 5004 — 4 0000 Fr. = 7,92, von 
über 40000 Fr. = 2,24 Proc. (Leroy-Beaulieu Sc des F. I, 54 4). Die gewöhn- 
liche Einklagung einer Schuld von 4 0000 Fr. kostete 4 Proc, dagegen von 4 000 
Fr. 4 Proc, von 4 00 Fr. 80 Proc, von 50 Fr. sogar 4 60 Proc. (Journ. off. 
10. Fevr., 4 874). Das deutsche Gerichtskosten-G., §. 8 setzt die »volle Gebühr« 
für Werthe bis zu 20 Mk. auf 4 Mk. an; für Werthe von 200—300 auf 4 4, 
von 900 — 4200 auf 32, von 2400 — 2700 auf 60, von 8200 — 40000 auf 90; 
weiterhin für je 2000 Mk. mehr auf 4 Mk. mehr. Doch wird auch in Deutsch- 
land sehr über zu grosse Höhe der Gerichtskosten geklagt ; ebenso über die für 



154 Wilhelm Röscher, [40 

die Regulirung eines Nachlasses, ^^) die Bestellung und Rechenschaft 
eines Vormundes, die Einträge in das Handels- oder Genossen- 
schaftsiegisler, das Autoreniegister zur Sicherung des s. g. geistigen 
Eigenthunis, ebenso in die Grund- und Hypothekenbücher. Ferner 
die Gebuhren von gewissen feierlichen Rechtsgeschäften, die zur 
öffentlichen Kenntniss gebracht werden müssen, um nach gehöriger 
Sachprüfung gegen Ansprüche Dritter geschützt zu sein: wie z. B. 
Adoptionen, Mortificirung von Schuldscheinen, Errichtung von Fami- 
lienfideicommissen ^2) etc. Je mehr sich der Formalismus des Rechts 
entwickelt, um so breiter pflegt das Gebiet dieser Gebühren zu wer- 
den. ") Es sind aber andererseits auch eben sie, woran sich Ver- 
kehrsteuern besonders häufig anschliessend). — 3) Gebühren der 
Strafrechtspflege: bei denen es gewiss nicht unbillig ist, wenn 
die z. B. durch ein Verbrechen veranlassten Untersuchungskosten, 
auch die Kosten, den Verbrecher im Untersuchungs - und Strafge- 



Nichtjuristen so schwere Berechenbarkeit der Sätze. Fall, wo beim Subhastations- 
erlöse von 145,50 Mk. die Sportein des Gerichtsvollziehers 94,58 betrugen: 
Dresdener H.-K. -Bericht 4 880, 7 ff. 

\ \ ) Wohl von Erbschaftsteuern zu unterscheiden ! Nach den preussischeu G. 
von 4 854 und 4 854 beträgt die Gebühr von Nachlassregulirungen bei Vermögen bis 
zu 4 00 Thlr. von jedem Thlr. i^/2 Sgr. (5 Proc.) , doch nicht unter 4 5 Sgr; 
vom Mehrbetrage bis 200 Thlr. 31/3 Proc, bis 4 000 Thlr. 4 V3 Proc, bis 5000 
Thlr. 2/3 Proc, weiterhin von je 500 Thlr. Mehrbetrag y^^ Proc Kommt eine 
gerichtliche Erbtheilung hinzu, so werden diese Sätze um die Hälfte erhöhet. 

4 2) Gebühr für Fideicommittirung eines Vermögens in Preussen 3 Proc. vom 
Werthe ohne Abzug der Schulden ; ebenso im K. Sachsen. In Bayern 2 Proc. 
und die Hälfte der ordentlichen Gerichtsgebühren. 

43) La loi sur Venregistrement est pour nous auires legistes la plus noble, 
ou pour mieux dire, la seule noble enire toutes les lois ßscales, Quand le fisc reut 
percevoir un droit d'enregistrement, il faut presque quHl se fasse docteur es lois, 
afin de penetrer dans l'infinie varieie des actes de la vie civile. [Troplong Ga- 
zette des Tribunaux 20. Juill. 4 839). A. Wagner schreibt es dem grossem 
Rechtsformalismus in Frankreich und Österreich zu, wenn solche G. dort ein- 
träglicher sind, als in England und Deutschland, während man nach der übrigen 
volkswirthschaftlichen Entwicklung dieser Länder das Gegentheil erwarten sollte 
(F.-W. n, 34). Ähnlich schon Besobrasoff Mem. de l'acäd. de St. Petersb. 
4867, p. 34 ff. 

4 4) Sind Privaturkunden bloss dann stempelpflichtig, wenn sie vor Gericht 
producirt werden, so bleibt der Gebührencharakter gewahrt. Müssen sie aber 
auch ohne irgendw^elche Bemühung einer Staatsbehörde gestempelt werden, so tritt 
der Steuercharakter ein. 



4r Verslch einer Theorie der Finanz-Regalien. 155 

f^Qgnisse zu erhalten, von dem Schuldigen vergütet werden. Frei- 
lich wird die Armuth der meisten Sträflinge diesen Anspruch grossen- 
theils illusorisch machen*^) *'^). 

7. 

Die Verwendung der Gebühren hat regelmässig hinter 
einander zwei Stufen durchgemacht. Auf der ersten, wo überhaupt 
eine mehr privatrechtliche Färbung herrscht, fliessen sie dem Beamten, 
welcher die bezahlte Staatshandlung verrichtet hat, als Theil seiner 
Besoldung zu. ^) Dies vereinfacht das ganze Kassen- und Rechnungs- 
wesen, scheint auch dem Verhaltnisse zwischen Verdienst und Lohn 
am genauesten zu entsprechen, am wirksamsten zur Thatigkeit an- 



4 5) Das deutsche Gerichtskosten-Gesetz fordert bei einer Freiheitsstrafe von 
i — 4 Tagen 5 Mk. Gebühren, bei 4 — 6 Wochen 30 Mk., bei I — 2 Jahren 4 00 
Mk., bei 3 — 40 Jahren 480 Mk.^ bei allen schwereren Strafen 300 Mk. (§. 62). 
V. Rotteck, Lehrbuch des Vernunftrechts etc. IV, 28 4 hält mit Recht eine Sonde- 
rung der vom Inquisiten verschuldeten und nichtverschuldeten Untersuchungskosten 
für nothwendig. 

4 6) In Preussen rechnete Hoflfmann, Lehre von den Steuern, 430 IF., dass 
4 838 die Justizverwaltung an Gebühren über 3 MiU. Thlr. bezog, (abgesehen 
vom Stempelpapier) , dass aber der Staat zu ihren Kosten ausserdem noch 
24 66000 Thlr. zuschoss. Um 4 868 soll die preussische Justiz 45V2 ^i^l- 'I'^lr. 
gekostet haben, wovon 4 2700000 durch eigene Einnahmen gedeckt wurden. 
(Preuss. Jahrbb. Febr. 4 868, 244). In Bayern war 4 877 der Etat des Justiz- 
ministeriums (ohne die Strafanstalten) 4 0,43 MiU. Mk. ; dagegen der Ertrag der 
Justiz 4 876 (ohne die Pfalz) 4,30 Mill. von der streitigen, 9^48 MilL von der 
nichtstreitigen Rechtspflege, wobei aber freilich viel auf wirkliche Verkehrsteuern 
kommt. In Württemberg Kosten der Justiz 3,44 Mill., Ertrag 4,084 Mill. (mit 
einigen Verwaltungsgebühren = 24439 4). In Baden Kosten der Justiz (ausser 
dem Ministerium) 3,35 Mill. Mk. ; Gerichtssporteln und Gebühren der Rechtspo- 
lizei 2256000. Vgl. den Bericht der Slempelgesetz-Commission des deutschen 
Bundesrathes von 4 877. Die absolute und relative Höhe des Gebührenertrages 
in verschiedenen Staaten mit einander zu vergleichen, ist darum bis jetzt nur 
höchst unvollkommen möglich, weil die G. fast überall, jedoch in sehr verschie- 
denem Grade, mit Verkehrsteuern verquickt sind. Was das Verhältniss der ein- 
zelnen G. -Kategorien unter einander betrifll, so ßelen im Dresdener Bezirke des 
K. Sachsen 4 875 auf bürgerliche Streitigkeiten 41,4 Proc, auf Concurse 4,2, 
auf Strafsachen 8,5, auf die freiwillige Gerichtsbarkeit 45,9 Proc. des Ertrages. 

4) Neben dem Fredum, welches dem Könige oder der Gemeinde, überhaupt 
dem Staate gezahlt wurde, (s. schon Tacit. Germ. 4 2), kommen Gebühren für 
die urtheilenden Schöffen vor (Bodmann, Rh. Alterth. , 634. 662), ja z. B. in 
der Lombardei Taxen derselben von 4 4 77. (Walter, Deutsche R.-G., §. 692). 



156 Wilhelm Röscher, [42 

zuspornen ^). Freilich aber liegt darin auch eine grosse Versuchung, 
die sportulirten Arbeiten unnützer, ja schädlicher Weise zu vermeh- 
ren, was der Achtung vor der Behördenthätigkeit grossen Abbruch 
thut. Eine klare Übersicht der wirthschaftlichen Verhältnisse seiner 
Beamten ist dem Staate fast unmöglich, wodurch sich dann z. B. die 
Beförderungen in der Amtshierarchie oft genölhigt sehen, im Dunkeln 
zu tappen. ^) Auch wird jede Reform des Sportelwesens durch solche 
Privatinteressen ungemein erschwert.^) Man hat desshalb in der 
Regel mit der Ausbildung der Centralisation und Budgetwirthschaft 
die Gebuhren mehr und mehr zur Staatskasse gezogen und den 
Beamten dafür einen festen Gehalt ausgeworfen. Zwischen diesen 
Gegensätzen lag nicht selten die Übergangsstufe, dass die von sämmt- 
liehen Mitgliedern einer Behörde verdienten Sportein in einen ge- 
meinsamen Separatfiscus der Behörde flössen, woraus die Einzelnen 
dann etwa nach ihrem Dienstaller, jedenfalls nicht nach ihren spe- 
ciellen Leistungen Zuschüsse erhielten. ^) ^) 



%) Noch Rebberg, Von der Stciatsverwallung deutscher Länder [4 807 , 
S. 160 hält eine Mischung von Gehalt und Sporteln für das beste Mittel, die Be- 
amten zur Thätigkeit anzuspornen. K. S. Zachariä findet die Sporteln nament- 
lich bei Untersuchungsrichtern nothwendig. (Vom Staate, VII, 252). 

3) Wie übel z. B. , wenn der auf Sporteln angewiesene Gerichtsvollzieher 
sich wirthschaftlich besser steht, als der Richter oder selbst Gerichtsdirector! 
Vgl. Schall a. a. 0., 88. 

4] In England hatte zu Bacons Zeit der Attorney-General etwa 6000 £ St. 
jährlich einzunehmen , wovon bloss 81 - 6 - 8 unmittelbar vom Staate kamen ; 
der Lordkanzlcr \0 — 4 5000 £ St., worunter gar keine feste Besoldung. Die be- 
rüchtigte Bestechungsgeschichte Bacons war ein Theil von der Übergangskrise aus 
der Besoldung der Richter in fees zu der Besoldung in salary. (Athenaeum 28. 
Jan. 1860). In Frankreich nahmen die unter Ludwig XII. aufkommenden epices, 
trotz des Verbotes von Heinrich II., (Bailly Hisl. financi^re de la France I, 208 tf.) 
dermassen zu, dass 1664 die etwa 45000 käuflichen Finanz- und Justizämter, die 
nur 8346000 £ Gehalt bezogen, doch zu 44 9 Mill. Kapitalwerth geschätzt wur- 
den. (Forbonnais F. de la Fr. I, 329). Von dänischen Richtern im 18. Jahrb., 
die nur 20 Thlr. feste Besoldung hatten, s. Schlosser, Gesch. des 18. Jahrh. Ilf, 
101. In Schweden gab es noch 1830 Richter mit 333 Thlr. Gehalt, aber 2700 
Thlr. Sporteleinnahme. (Forseil, Statistik von Schw., 243). Sehr charakteri- 
stisch ist die Thatsache, dass in Bayern, als man die Sporteln zur Staatskasse ge- 
zogen hatte, gleich beim nächsten Budget ihr Gesammtertrag um 300000 Fl. nied- 
riger veranschlagt wurde, obschon keine Tarifänderung stattgefunden hatte. 

5) Hoffmann (Lehre v. d. Steuern, 429) hält das hierdurch genährte 
Standesinteresse zwar für besser, als das frühere persönliche, meint aber doch, 



^3] Vebslch einer Theorie der Finanz-Regalien. 157 

Was die Erhebungsform der Gebühren betrifft,^) so können 
dieselben A. entweder unmittelbar von der gescbäftleitenden Be- 
hörde selbst eingezogen werden, oder B. mittelbar durch eine dem 
Pflichtigen vorgeschriebene Benutzung von gestempelten Papieren 
oder Marken. Das erste Verfahren, das im Ganzen auch das ältere 
ist,^) macht Umgehungen der Gebuhrenpflicht fast unmöglich, schützt 



es liege auch dann noch immer eine für die Rechtspflege bedenkliche Pflichten- 
collision vor. 

6} Der neuzeiüicbe Sinn Friedrichs II. führte es ein^ dass in Sicilien die Spor- 
lein nicht mehr unter die Richter vertheilt, sondern dem Hofe verrechnet wurden; 
was dann am fixen Gehalle derselben fehlte, ward vom Schatze zugeschossen, 
das et wenige Plus der Sportein dem Schatze abgeliefert. 'Raumer Hohenstaufen III, 
512:. In Brandenburg wurde mit Errichtung des Kammergerichtes (1516) der 
grosse Schritt gethan, dass der Kurfürst alle Strafgelder aliein bezog, während 
die Sportein freilich noch den Richtern verblieben. (Slenzel , Preuss. Gesch. I, 
i62)'. Dagegen war es 1746 in Cocceji's Reform ein Hauptpunkt, alle Sportein 
in eine gemeinsame Kasse zu ziehen. (Stenzel IV, 320). Colbert verhiess im 
August 1669, dahin wirken zu wollen, dass die Justiz bei höherer Besoldung der 
Richter unentgeltlich verwaltet werden sollte. Als die Reform von 1771 dies 
theilweise vollzog, (Sismondi Hist. des Fr. XXIX, 433. 462], bedurfte der Staat 
hierzu 34 Mill. Livres neuer Steuern (de Parieu Traite des Impots III, 253fr.). 
Der »aufgeklarte« Musterfürst Leopold von Toskana hob alle Beamtensporteln auf. 
Cronie, Staatsverwallung von Toscana I, 306). In der Schweiz w^urden nach 
dem Bauernkriege von 1654 fT. die Sportein wenigstens in den städtischen Repu- 
bliken ermässigt. (Meyer-Knonau, Schw. Gesch. II, 27). Doch sind sie z. B. in 
Bern erst seit 1831 dem Staate unmittelbar- verrechnet worden. (Rau*s Archiv 
IV, 149). Aber selbst in Russlaud verlauschte Iwan IV. 1556 die Gerichtsspor- 
teln^ wegen der vielen Erpressungen, die sich daran geknüpft hatten, mit Steuern. 
^Karamsin, Russ. Gesch. VII, 405). Man hat jedoch neuerdings gegen die Be- 
stechlichkeit der russischen Beamten wohl geralhen, ihnen dasjenige, was sie bis- 
her unrechtmässiger Weise durchschnittlich genommen hallen , als rechtmässige Ge- 
bühr, aber mit streng festgehaltenem Tarif, zuzusprechen. 

1] Grosses Verdienst um diese Lehre hat sich A. Wagner , F.-W. II, §. 320 IT. 
erworben: obwohl ich mit Schall a. a. 0. 88 übereinstimme, dass seine Herein- 
ziehung der gewerblichen Staatsleistungen der Klarheit nicht förderlich gewe- 
sen ist. 

8) Die Erhebung durch Stempelpapier scheint zuerst in Holland 1624 auf- 
gekommen zu sein, als impost van bezegelde brieven, nachdem die Generalstaaten 
Erfindung einer neuen Abgabe als Preisfrage ausgeschrieben hatten. Vgl. Boxhorn 
Disquisitt. polilt., p. 391fr., Varii traclatus politt. , p. 607. Der Stempel von 
Justinians Novelle 44 hat keinen finanziellen Charakter). Nachgeahmt zuerst, wie es 
scheint, in den spanischen Reichen; von da in Frankreich durch Fouquet 1654, 
worauf 1673 eine Erweiterung auf alle transactions erfolgte. (Forbonnais F. de 



158 Wilhelm Röscher, [4i 

auch das Publicum vor den etwanigen schlimnien Rechtsfolgen eines 
in der Wahl der Stempelmarke begangenen Irrthums : was namentlich 
bei verwickelten Geschäften, unklar abstufenden Tarifen etc. von 
Wichtigkeit sein kann. Freilich bürdet solche directe Erhebung den 
Behörden grosse Arbeitslast auf, da streng genommen jede einzelne 
Gebuhrenzahlung besonders gebucht werden mUsste. Beim Verkaufe 
der Stempelbogen oder Marken, der ja meist in grösseren Beträgen 
erfolgt, sich auch der Privatkaufleute als Vermittler bedienen kann, 
wird der grösste Theil dieser Arbeiten von den Pflichtigen selbst 
besorgt. Eine Art Selfgovernment,^) freilich auch mit den Unbe- 
quemlichkeiten des Selfgovernments , da hier eine genaue Controle 
nöthig ist, und eine iMenge von Specialvorschriften über Format und 
Ausfüllung der stempelpflichtigen Papiere, Kassirung der Marken etc., 
sowie von Strafdrohungen leicht der ganzen Anstalt eine vexatorische 
Farbe geben. Am schlimmsten, wenn die Versäumniss des richtigen 
Stempels wohl gar Ungültigkeit des ganzen Geschäftes nach sich 
zieht: ein Rigorismus, der volkswirthschaftlich gewiss mehr schadet, 
als fiscalisch nützt. ^^) Jedenfalls lässt sich die Stempelform nur da 
anbringen, wo sich die gebührenpflichtige Handlung in Urkunden 



Fr. I, 266. Sismondi, Bist, des Fr. XXIV, 544. XXV, 340. Ranke, Franz. 
Gesch. II, 157). In Dänemark 4660 [Spittler, Gesch. der Revolution in D., 76), 
Schleswig-Holstein schon 4 657 (Wailz, Schi. -Holst. Gesch. 11, 663 ff.), Preussen 
und Kursachsen 4 682, Österreich 4 686, England 4 694 (Tüb. Ztschr. 4 884, 340), 
Hannover 4 709; in Russland 4 699 (Vgl. Beckmann^ Beitr. z. Gesch. der Ertindd. 
II, 300ir.l. Je mehr das Finanzwesen zur Kasseneinheit strebte, um so mehr 
empfahl sich die Siempelform der Gebühren. 

9) Dass übrigens für dünn bevölkerte Länder gerade Stempelpapier etwas 
sehr Lästiges habe, ist von B. Franklin Febr. 4766 vor dem Unlerhause er- 
örtert worden. 

4 0) In Holland genossen früher Schuldforderungen, die mit dem Stempel 
des sog. 40-Pfennigs versehen waren, ein gewisses Vorzugsrecht: was dann ott 
von betrügerischen Bankerottirern gemissbraucht wurde. (Richesse de Hollande 
11, 355). Überhaupt würde, wenn die nichtgestempelten Urkunden für ungültig 
erklärt sind, dies oft von zwei Contrahenten , die ein Gesetz lungangen haben, 
dem schlechtem eine sehr demoralisirende Prämie gewähren. Daher Leroy- 
Beaulieu lieber für eine Geldbusse ist, falls eine stempelpflichtige, aber unge- 
stempelte Urkunde vor Gericht erscheint. (Sc. des F. I, 489). Dass in England 
solche Urkunden keine Rechtskraft haben, rühmt Vocke, Gesch. der St., S48 
als die naturgemässe Strenge eines freien Volkes, das sich den Staat nicht äusser- 
lich gegenüber denkt. Um so schlimmer freilich, dass man 4 Seh. Gebühr 



45] Yersich einer Theorie der Finanz-Regalien. 159 

gleichsam ßxirt: und sie wird hier um so mehr angezeigt sein, je 
einfacher, schablonenhafter diese Handlungen") sind; auch je nie- 
driger der Gebührensatz, weil nun die Controle minder scharr zu sein 
braucht. Ftlr alle verwickeiteren, mehr individualisirten Fülle von 
Gebühren kann das System der unmittelbaren Berechnung und Er- 
hebung sehr verbessert werden durch Pauschalirung: wie z. B. in 
Preussen seit 1 822 die Gerichte erst am Schlüsse des Processus über 
die wahrend desselben aufgelaufenen Sportein erkennen. *^) Im Ganzen 
scheint übrigens heutzutage die unmittelbare Einziehung der Gebühren 
mehr und mehr die Slempelforra zu verdrängen:*^) ein Fortschritt 



zahlen muss, wenn man sich beim Stempelamte erkundigt, welcher Stempel für 
eine gewisse Urkunde vorgeschrieben sei! (Vocke, 2 4 3). Früher konnte selbst 
das Stempelamt in dieser Hinsicht nicht mit Auctorität entscheiden, so dass man 
wohl erst vor Gericht, wenn es zu spät war, von der Ungültigkeit der irrthüm- 
lieh gestempelten Urkunde erfuhr. [MaccuUoch Taxation, 274fr.). Und in Chitty 
Treatise on the stamplaws (1841) waren 616 verschiedene Rubriken! Das heisst 
doch geradezu den Verkehr unsicher machen, während man sonst wohl als Ne~ 
benvortheil der Stempel eine grössere Sicherheit rühmt : dass z. B. die vorge- 
schriebene Schwere des Stempelpapiers gutes Urkundenmaterial sichert; die Ein- 
stampfung alles in einem Jahre nicht verbrauchten Stempelpapiers durch Zusani- 
menstimmung des Wasserzeichens und des Datums der Urkunde selbst manche 
Fälschungen erschwert etc. 

11) So hat bei der Post der einheitliche Portosatz die Briefmarken zum all- 
gemeinen Bedürfnisse gemacht, während dem frühern Zonentarife die unmittelbare 
Erhebung des Portos besser entsprach. (Wagner F. -W. II, \%i). Das Öster- 
reichische Gebührengesetz von 1850 beschränkt die Stempelform auf Urkunden- 
gebühren mit festem Betrage und auf die nach dem Werthe bemessenen Gebühren 
von Urkunden, sofern der Betrag nicht über 20 Fl. ist. (§. 4). Bei verwickelten 
und hohen Gebührensätzen wäre ja doch eine genaue behördliche Nachrechnung, 
ob die Pflichtigen den rechten Stempel gewählt haben, noth wendig. 

1 i) Eigene Stempelfiscale hatten dann nachträglich zu prüfen, ob die Spor- 
tein wirklich hoch genug angesetzt worden. Ein von HofTmann (a. a. 0., 435 tf.) 
sehr getadeltes Institut, wodurch, weil die Fiscale mit einer Tantieme des von 
ihnen bewirkten Plus bezahlt wurden, die Sporteltaxe durch immer schärfere Aus- 
legung thatsächlich immer höher stieg. Nach dem G. vom 10. Mai 1851 »hört 
der Gebrauch des Stempelpapiers bei den Gerichten auf. u 

13) So in Frankreich beim Enregistrement. In Württemberg war schon 
1828 der Stempel nur für einige Verkehrsteuern beibehalten. Bayern hat ihn 
für Gebühren durch das G. von 1879 abgeschafll. Das deutsche Gerichtskosten-G. 
von 1878 lässt eine Erhebung von Stempeln neben den Gebühren nicht statte 
linden. Urkunden, welche im Process errichtet werden, bleiben den sonstigen 
Vorschriften über Stempelerhebung nur insoweit unterworfen, als ihr Inhalt über 



160 Wilhelm Röscher, [46 

bergauf, der am besten geliDgl, wenn man zwar den Ansatz der 
Gebuhren der Behörde überträgt, welche die gebührenpflichtige Hand- 
lung vorzunehmen hat, die Einziehung aber von einer Finanzstelie 
besorgen lässt. ") *^) 



Drittes Kapitel. 
Handels- und Industriegeschäfte des Staates. 

8. 

Die wegen ihrer finanziellen Einträglichkeit^) vom Staate be- 
triebenen Handels- und Industriegeschäfte, mögen sie nun durch 
Staatsbeamte unmittelbar, also in Regie betrieben, oder an Privat- 
unternehmer verpachtet sein, lassen sich bei den meisten Völkern 
auf folgende Ursprünge zurückführen. Manche Zweige von Staats- 
handel wurden schon durch die Naturalwirthschaft der Domänen, 
sowie durch die Naturalerhebung der Steuern dem spätem Mittelalter 
nahe gelegt. Auch das droit de prise hat in Frankreich wie in Eng- 
land oft zum Verkaufe der im Übermasse requirirten Waaren geführt: 
vgl. Sismondi, Hist. des Frangais XIl, 225. 268. Bacon, Speech against 
purveyors: Works IV, 305 fg. Ein Grundherr, also auch das Doma- 
nium, wird leicht daran denken, die auf seinem Boden zu treibenden 
Gewerbe, sobald sie Gewinn versprechen, sich selbst oder seinen 
Leuten vorzubehalten. Wo der Satz: Nulle ierre sans seigneur ganz 



dea Gegenstand des Processes hinausgeht (§. t). Dass diese Tendenz eine regel- 
mässig heilsame ist, s. bei Schall a. a. 0., 90. 

14) Baden hatte schon seit 1834 die Gerichts- und Verwaltungsstellen mit 
dem Ansatz^ die Finanzbehörden mit der Erhebung der Gebühren beauftragt. 
Ähnlich in Österreich: Ges. vom 9. Febr. 1850, §. 42; während das französische 
Enregistrement von denselben Einnehmern sowohl den Ansatz, wie die Einziehung 
vornehmen lässt. 

15) Vgl. über diese ganze Lehre die Abhandlung von Besobrasoff, Im- 
pöts sur les actes in den Denkschriften der St. Petersburger Akademie 1866. 
1867. Und die reichhaltige Zusammenstellung der neueren Gebührengesetze bei 
Ad. Wagner F.-W. II, 32 ff. 

1 j Im Gegensatze der blossen Käufe des Staates und derjenigen Productio- 
nen, welche nur für seinen eigenen Gebrauch und Verbrauch dienen sollen. 



47] Versuch einbr Theorie der Finanz-Regalien. 161 

oder aDDdheruDgsweise durchgeführt ist, wo also die Landwirthschalt 
etc. nur auf Grund einer Art von Staatsconcession getrieben werden 
kann : da scheint es natürlich, dieselbe Abhängigkeit auf die Industrie- 
gewerbe zu übertragen. Bei vielen Gewerben machte sich dies um 
so leichter, als sie eben ganz neue Gewerbe waren, ihr Betrieb folg- 
lich eine Art herrenloses Gut und ihre Regalisirung für kein vorhan- 
denes Interesse verletzend schien.^) Hierzu kamen polizeiliche Rück- 
sichten, wie z. B. das Tabaksregal in vielen Staaten unmittelbar aus 
den Luxusverboten hervorgegangen ist.^) Bei anderen Gewerben war 
vormals das nöthige Zutrauen der fern wohnenden Käufer nur durch 
Aufsicht, Stempelung etc., überhaupt Intervention des Staates mit 
seiner publica fides zu erreichen. (Mein System Bd. III, §. 1 47.) Überall 
herrschte gegen Schluss des Mittelalters und im* Anfange der neuern 
Zeit die Ansicht, dass obrigkeitliche Taxen nöthig wären, um das Publi- 

• 

cum vor Übertheuerung zu schützen. (Bd. I, §. 114.) Dazu kam 
noch die ununterbrochene Schutzbedürfligkeit der Gewerbtreibenden in 
einer Zeit, wo die corporative Selbsthülfe des Mittelalters nicht mehr 
passte und gleichwohl die neuere Rechtssicherheit noch keineswegs 
durchgebildet war. Hiermit hängt z. B. das vormals so häufige Vor- 
kaufsrecht des Landesherrn an allen eingeführten Waaren zusammen.^) 
Es ist ein Hauptgedanke des s. g. Mercantilsystems, dass auch der 
Staat allerlei Gewerbe treiben soll, und seine Industrialbehörden zu- 
gleich polizeilich über den entsprechenden Privatbetrieb die Aufsicht 
fuhren. (Bd. III, §. 34.) 

9. 

Nun können solche Handels- und Industriegeschäfte des Staates, 
die alsdann, um wirksamer, zumal einträglicher zu werden, gerne 

2) Dieser Umstand hat noch im 16. und 17. Jahrb. grossen Einfluss gehabt 
bei der Entstehung des Post- und Lotterieregals, des Regals der Zettelbanken^ bei 
der Siaatsmonopolisirung so vieler Handelszweige mit neu entdeckten LUndem, 
dem italienischen Regale des Kornhandels im Grossen etc. 

3) In Bayern war der Tabak noch 1656 wegen Feuersgefahr untersagt, 1670 
das Verbot aufgehoben; 1675 der ganze ' Verkehr mit Rauch- und Schnupftabak^ 
sowie mit Pfeifen an Kaufleute verpachtet. (Zschocke, Bayerische Gesch. III, 376.) 

4) So in Island (Dahlmann, Dänische Gesch. II, 186), in Russland zu An- 
fang des 16. Jahrh. (Karamsin, Russ. Gesch. VII, 164.) Hierher gehört das 
jus cambii, recambii und excambii in England. (Rymer, Foedera XIII, 216.) 



162 Wilhelm Röscher, >S 

den Monopolcharakter annehmen, unter den vorhin erörterten Ver* 
hältnissen auch in einer Republik vorkommen.*) Ihre höchste Aus- 
bildung jedoch haben sie im Zeitalter der absoluten Monarchie 
erlangt. So wurde in Frankreich 1577 aller Handel für droit do- 
manial erklärt; daher sich die Kaufleute in Gilden vereinigen und 
für die Erlaubniss, noch ferner zu handeln, bedeutend zahlen sollten. 
Dieselbe Massregel 1 585 auf die Gewerbe ausgedehnt. In der Fronde- 
zeit drUngte das Pariser Parlament sehr eifrig auf Abschaffung aller 
dieser regalistischen Erpressungen. Dagegen setzte selbst Colbert das 
System von 1577/85 praktisch fort. So errichtete er z. B. 1673 ff. 
zu Paris für 500000 Livres 24 Stellen von Wildpret-, Federvieh- und 
Eierhändlern, die allein von ausserst^dtischen Lieferanten kaufen und 
dann 5 Proc. theuerer verkaufen sollten. (Forbonnais, Finances de 
France I, 447.) Man begreift dergleichen, wenn Ludwig XIV. sich 
für den absoluten Herrn alles Privateigenthums, der Geistlichen wie 
der Weltlichen, hielt (M6moires historiques de Louis XIV. II, 121), 
und in seiner Instruction für den Dauphin erklärte: les rois sont 
seigneurs absolus et ont naturellemenl la disposition pleine et libre de 
tou8 les biens^ qui sont possedes. Ähnlich Louvois politisches Testa- 
ment: tous vos sujets vous doivent leurs personnes^ leurs biens^ leur 
sang^ sans avoir droit de rien pretendre. En vous sacrifiant tout^ ils 
ne vous donnent rien^ puisque toiU est ä vous, — Gleichzeitig^) hielt sich 
Elisabeth von England befugt, jeden Handelszweig zum Staatsmonopol 
zu erklären. Oft wurden alle bisherigen Betreiber dadurch ruinirt; 
oft auch hatten sie nur durch eine Abgabe das Privilegium des Fort- 



\) Schon gegen Schluss des 4 4. Jahrh. besass z. B. in Schlesien fast jede 
Stadt einen Keller, worin das beliebte Schweidnitzcr Bier monopolisch ausgeschenkt 
wurde. Heftiger Streit, ob innerhalb der Bannmeile auch die Geistlichen Bier 
ausschenken dürften. (Stenzel, Preu^s. Gesch. I^ 4 59.) In Zürich war bis zur 
Revolution eine Haupteinnahme des Staates von den hohen Abgaben der Kaufleute, 
nicht selten bis zu 10 und mehr Promille ihres Vermögens jährlich, wofür sie 
dann ein Monopol des Grosshandels übten. (Meyer-Knonau , Schweiz. Gesch. II, 
457.) In Tessin deckten selbst im Zeitalter sonstiger Gewerbefreiheit die sehr 
unabhängigen Gemeinden ihren Bedarf am liebsten durch Verkauf von Back- und 
Schlachtmonopolen, oder auch durch die zu bezahlende Erlaubniss, dass die Ein- 
wohner gewisser Orte bis zu einer gewissen Stunde ausschliesslich Butter kaufen 
dürften etc. (Franscini C. Tessin 3H.) 

2) Seit 1575. Übrigens waren namentlich Eduard IV. und Heinrich VII. 
schon mit solchen Monopolien vorangegangen. 



^d] Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 163 

betriebes zu erkaufen. Viele solcher Monopolien wurden an Günst- 
lioge verschenkt und von diesen hernach an Fachleute verkaull. 
Unter dem Vorvvand der Controle durften Privatpersonen die ärgsten 
Eingriffe ins Innere der Häuser machen: so dass z. B. die Salpeter- 
monopolisten förmliche Tribute erpressten, falls man von ihren Stall- 
visitationen verschont bleiben wollte. Vgl. d'Ewes Journal of both houses 
(1682), 644 ff. Bis 1601 waren Monopole creirt für Korinthen, Salz, 
Eisen, Pulver, Karten, Kalbfelle, Segeltuch, Potasche, Weinessig, 
Thran, Steinkohlen, Stahl, Branntwein, Bürsten, Flaschen, Töpfe, 
Salpeter, Blei, Öl, Galmei, Papier, Spiegel, Stärke, Zinn, Schwefel, 
Tuch, Sardellen, Bier, Kanonen, Hörn, Leder, spanische Wolle, irisches 
Garn etc. Als diese Liste im Unterhause zur Sprache kam, äusserte 
ein Mitglied, das Brot werde gewiss auch bald hineinkommen. Der 
Salzpreis war durch die Monopolisirung von 1 6 Pence auf 1 4* — 1 5 Schill, 
pro Bushel gestiegen. Im Unterhause ward geäussert, das Ende von 
alle diesem werde beggary and bondage lo the mbjects sein. (d'Ewes, 
p. 619.)^) Hume vergleicht die Macht der Krone im damaligen Eng- 
land mit der eines türkischen Sultans: »der Souverän konnte Alles 
Ihun, ausser neue Steuern auflegen«. Factisch lief aber diese Mo- 
nopolgewalt ziemlich auf dasselbe hinaus, wie ein unbeschränktes 
Recht der indirecten Besteuerung, noch dazu in besonders lästigen 
Formen. 

Auch in Italien finden wir das Ende des Mittelalters und den 
Anfang der neuern Zeit voller Staatsmonopol ien, vielleicht am gross- 
artigsten in Toscana, wo das Herrscherhaus selbst auf Grund eines 
Bankiergeschäfles emporgekommen war.^) Schon Friedrich II. hatte 



3) Die Königin war so kliig^ auf demüthiges Bitten des Unterhauses die 
Abschaffung der gehässigsten Monopolien zu versprechen, was dann Jakob I. wirk- 
lich ausführte. Nur ein grosser Theil des auswärtigen Handels, z. B. mit Ost- 
indien, blieb der Monopolisirungsgewalt unterworfen. Um 162 4 erklärte das Par- 
lament aUe Monopolien, ausser bei neuen Erfindungen, für gesetzwidrig. Karl I. 
steUte jedoch in seiner unparlamentarischen Zeit viele wieder her, allerdings in 
der verbesserten Form, dass sie nicht einzelnen Günstlingen, sondern regulated 
companies übertragen wurden ; auch vorsichtshalber oft mit der Clausel, das Privi- 
legium sollte null sein, wenn das Recht oder Gemeinwohl dadurch verletzt würden. 
Vgi: Lingard, History of England IX, 418. 

4) In Toscana hob Leopold II. die Monopolien auf, so z. B. 4 779 das M. der 
Eisenfabrikation und des Eisenhandels. (Crome, Staatsverwaltung Toscanas I, 251.) 

Abkandl. d. K. S. Oesellsch. d. Wissenscb. XXI. 1i 



164 Wilhelm Röscher, [SO 

in Neapel Staatsmonopole für Salz, Eisen, Stahl, Pech, vergoldetes 
Ledar eingeführt. (Bianchini, Storia delle finanze del regno di Na- 
poli I, 245.) Noch vor der eigentlichen spanischen Herrschaft waren 
so alle gemeinen Lebensbedürfnisse, wie Öl, Weizen, Wein, Schweine 
etc. monopolisirt. (Commines, Mömoires VII, Ch. 13.) Ahnlich im 
Kirchenstaate unter Sixtus IV., der namentlich ein sehr drückendes 
Kornmonopol errichtete. (Commines XI, 2S3 fg.) Clemens VII. stei- 
gerte dadurch in Rom den Kornpreis auf das dreifache (Sismondi, 
Gesch. der italien. Freist. XV, 154); der spanische Vicekönig von Neapel 
1 540 ff. so sehr, dass man in gesegneten Jahren schlechteres Brot hatte, 
als zur Zeit des freien Handels die Armen während einer Theuerung. 
(Stellen bei Sismondi XVI, 191.) Auch in Mailand führte Leyva ein 
M. des Mahlens und Backens ein. (Besold, De aerario, 45.) Noch zu 
Purnets Zeit kaufte der Papst mittelst der Annona von den Landv^rthen 
um 5 Thir., was er den Bäckern um 12 Thir. verkaufte. Jenen blieb 
er überdies lange schuldig; diesen nahm er, wenn sie nicht alles 
Gekaufle absetzen konnten, den Rost nur wieder für 5 Thir. ab. 
(Itinerary, p. 15.) Von den Monopolien anderer italienischer Tyran- 
nen, z. B. in Ferrara, s. Burckhardt, Renaissance, 38. Überhaupt 
Machiavelli, Discorsi III, 29.^) 

Aus der neuem Geschichte ist besonders merkwürdig die s. g. 
Regie Friedrichs M., der sonst im Allgemeinen dem Regalismus wenig 



5) Von den spanischen Staatsmonopolen für Tabak, Salz, Blei, Scliiesspulver, 
Schwefel, Siegellack, Quecksilber, Karten, Wachs^ bis 4746 auch für Branntwein: 
Townsend, Joumey II, 23t fg. Bourgoing 11, SiT. Im spanischen Amerika: Hum- 
boldt, Neuspanien V, S IT. 38. In Russland schildert ein Gesandtschaftsboricht an 
Gustav Adolf als die Haupteinnahmsquellen des Czaren : das Münzregal, das Monopol 
der geistigen Getränke, der Badstuben, der Zobelfelle, die willkürliche BevStimroung 
des Kornpreises und dass aller Handel nur im Auftrage des Czaren getrieben wurde. 
(Geijer, Schwed. Gesch. III, 99.) Vgl. Kararosin IX, 284. Jeder besonders ge- 
winnreiche Handelszweig wurde vom Staate an sich gerissen^ den Privaten wohl 
der Verkauf ihrer Waaren dann erst erlaubt, wenn der Gzar die seinigen abgesetzt 
hatte. (Herrmann, Russ. Gesch. III, 724. 540.) Noch unter Peter M., der viele 
Monopolien abgeschafll hatte (Herrmann IV, 410), dauerte der Staatshandel in 
grosser Ausdehnung fort. (Brückner PossoschkofT III, t % ff.) Auch in Gustav Adolfs 
Finanzsysteme spielen die M. eine grosse Rolle: seit 4 64 4 für Kupfer, 4 628 für 
Salz, 4 634 für Korn, welche letzteren fareiden jedoch bald mit hohen Zöllen ver- 
tauscht wurden; 4 624 eine Generai-Handelscompagnie für den aussereuropäischen 
Verkehr privilegirt. (Geijer III, 55 ff.). 



^^^ Verslch einer Theorie der Finanz-Regalien. 165 

geneigt war/) doch aber in der finanziell hochgespannten Zeit nach 
dem siebenjährigen Kriege, wo alle Accisen auf Luxus- und Fremdwaaren 
so gewaltig vermehrt und erhöhet wurden, die Kaffee- und Tabaksaccise 
bald mit einem ebenso einträglichen wie drückenden Staatsmonopol ver- 
tauschte. Der Tabak 1 765 zum Monopol erklärt, und dieses anfänglich 
verpachtet. Aber schon 1 766 nahm der König es in Regie, und der 
Reinertrag war 1785/6 über 1286000 Thir. Der Kaffee zuerst mit 4 Gr. 
pro Pfd. besteuert, 1772 mit 6 Gr. 2 Pfg. Wegen des vielen Schmug- 
gels wurde 1781 der Staatshandel eingeführt: jede Provinz erhielt ein 
Haupt- und mehrere Nebendepots, die von Kaufleuten gegen Caution 
gebalten wurden. Diese verkauften Kaffeebohnen an die Privilegirten, 
die wenigstens 20 Pfd. jährlich nehmen und dazu einen Brennschein 
lösen mussten; gebrannten Kaffee in Büchsen zu 24 Loth an die 
Krümer, welche 5 Proc. Provision nehmen durften. Vgl. Preuss, 
Gesch. Friedrichs M. III, zu Anfang. Wie verhasst dies Regal war, 
bezeugt Hamann in Fr. H. Jacobi's Werken IV, 3, 1 45, und Bürger 
in seinem Raubgrafen. Dem Könige selbst erschien seine Regie als 
der rechte Mittelweg zwischen seinem frühern Steuervvesen und der 
französischen Steuerverpachtung. Aber schon 25. Jan. 1787 hob 
Friedrich Wilhelm IL die Tabaks- und Kaffeeregie auf.^) 

Auch andere Formen der unbeschränkten Monarchie, die mit 
dem vorzugsweise s. g. Absolutismus nur mehr oder minder Ähn- 
lichkeit haben, wie z. B. der morgenländische Sullanismus,^) der 



6) Vgl. Röscher, Gesch. der N. Ökonomik in Deutschland I, 389 fg. 

7) Welchen Anachronismus Friedrich M. durch seine Regie beging, zeigt 
sich nicht bloss, wenn man ihn mit seinem Vater vergleicht, (Röscher, Gesch. 
der N. O. in Deutschland f, 365), der doch nicht weniger staatsgewaUig und 
haushälterisch war, als der Sohn. Sondern fast noch deutlicher in der Zusammen- 
stellung seines Zeitgenossen Justi, des Dieners zweier absoluten Monarchen, mit 
dem ein Jahrhundert 'altem J. J. Becher, der im republikanischen Holland gelernt 
hatte. Der letztere schwärmt für ein grossartiges Commercienregal, welches durch 
eine Verbindung von Provianthaus, Werkhaus, Kaufhaus und Bank eigentlich die 
ganze VolLswirthschafl dirigirte. (n. a. 0. I, 283 fr.). Justi hingegen lehrt geradezu, 
dass SUatsgewerbe , wenn sie einmal im Gange sind , möglichst bald an Privat- 
unternehmer gegeben werden sollen, da sie z. B. auf auswärtigen Absatz schwerlich 
hoffen können. (Manufacturen und Fabriken, 4 757, I, 85 ff.). 

8) Vom türkischen Kaffeeregal s. Ausland 1856, No. 9. Mehemet Ali ver- 
band in Ägypten mit der Gonfiscation alles Bodens ein Monopol für Baumwolle, 
Mohn, Lein, Indigo und Zuckerrohr, zu deren Bau und Ablieferung die Fellahs 



166 Wilhelm Röscher. [^2 

abendländische Cüsarismus, welcher der ausgearteten Demokratie zu 
folgen pflegt,^) haben dieselbe Vorliebe für Staatsmonopolien. Was 
man im heutigen Verfassungsstaate mit Recht wider sie geltend macht: 
dass sie das Volk ausser Stand setzen, genau zu berechnen, wie viel 
der Staat ihm kostet; dass sie einen vom Parlamente fast unabhängigen 
Zweig der Staatseinnahme bilden ; dass sie ein Heer von Beamten in 
privater Abhängigkeit von der Regierung halten ^^) : alles dies wird von 
einer unbeschränkten Monarchie zu ihren Gunsten ausgelegt werden. 
Bis zu welchem Grade freilich die Freiheit des Volkes und die wahre 
Ordnung darunter leiden können, zeigt in erschreckender Klarheit der 
frühere Zustand eines Theils von Brasilien unter der Herrschaft des 
Diamantenre^als. Kolonien pflegen alle Richtungen, welche zur Zeit 
ihrer Gründung im Mutterlande herrschen, zur äussersten Consequenz 
zu entwickeln, weil dort wie auf einer tabula rasa die meisten Hemm- 
nisse der rücksichtslosen Geltendmachung fehlen. Das Diamantenregal 



gezwungen wurden; ebenso ein Monopol für die wichtigsten Einfuhren aus dem 
Sudan: Goldstaub, Elfenbein, Gummi, Straussenfedern etc. So hatte früher der 
König von Siam nicht bloss den Grosshandel mit den wichtigsten Landesproduclen 
allein, sondern auch ein Vorkaufsrecht für alle eingeführten Waaren. S. Pinlaysun, 
Mission lo Siam (182G) und Crawfurd, Embassy to the courts of Siam etc. (18S8\ 
Neuerdings hat man die Monopole mit Zöllen vertauscht. Übrigens liegt es in Län- 
dern, wo der Kaufmann sich bei jedem Schritte unsicher fühlt, in seinem eigenen 
Interesse, als Staatsbeamter aufzutreten. Israelitische Staatsmonopole unter Salo- 
uion: I. Kön. iO, 15. 29. Ewald, Gesch. von Israel III, 75. 

•9j Justinian führte zahlreiche Monopolien ein (Procop. Hist. Are. 26), na- 
mentlich eine Art von Annona. (22.) Noch während der Kreuzzüge dauerte dies 
für Korn, Wein und öl fort, wahrscheinlich bis zur Eroberung durch die Vene- 
tianer. (Albert. Aquens. bei Bongars I, 203.) Übrigens hatten die zahlreichen 
Staatsfabriken der früheren Imperatoren (wovon der Theodos. 'Codex und die No- 
titia dignitatum handeln), ausser dem fmanziellen Zwecke noch die Bestimmung, 
den eigenen Bedarf des Staates z. B. an Waffen sicher gut zu befriedigen und den 
Alleingebrauch gewisser Waaren, z. B. Purpurkleider, dem Hofe vorzubehalten. 
Die Webereien arbeiteten für den Hof, Geschenke des Hofes und das Heer. Die 
Arbeiter meist Frauen aus staatsleibeigenen Familien ; die WalTenarbeiter auf dem 
Arme gebrandmarkt. (Theod. Cod. X, 22, i.) Harte Strafen sowohl für Aus- 
reisser und deren Verführer, als für diejenigen , welche das Monopol gewisser 
Staatsfabriken verletzten. 

10) Die schlimme Kehrseite hiervon, dass ein Regierungswechsel dann für 
Viele eine source de fortune sein, also zu Revolutionsgedanken reizen würde (Leroy- 
Beaulieu, Sc. de F. I, 92 ff*.), fürchtete man im Zeitalter des gesunden Absolutismus 
noch nicht. 



S3] Versuch einer Theorie der Finanz- Regalien. 167 

(seit 1730) wurde zuerst nur mittelst einer Quote der Ausbeute, 
hernach mittelst einer Kopfsteuer für jeden waschenden Sklaven ge- 
nutzt. Seit 1741 Verpachtung, wobei aber der Pächter bald, anstatt 
der bedungenen 700 Sklaven, 10000 beschäftigt und solches durch 
ein systematisches Bestechungswesen verdeckt haben soll. Die Regie 
(seit 1772) von Pombal organisirt. Der Diamantenbezirk streng ab- 
gesperrt ; selbst der Gouverneur der benachbarten Provinz nicht ohne 
schriflliche Erlaubniss des Intendanten eingelassen. Jeder Austretende 
in Kleidern, ja im Körper visitirt, ebenso die Lastthiere ; man konnte 
sie wohl gar 24 Stunden lang festhalten, um die Excremente nach 
Diamanten zu durchsuchen. Der Intendant, zugleich höchster Richter 
und Polizeibeamter, durfte jeden Einwohner auf blossen Verdacht 
aus dem Bezirke verbannen ; waren Diamanten bei demselben gefun- 
den, sogar mit Vermögensconiiscation. Von seinem und der Junta 
diamantina Urtheil gab es keine andere Appellation, als an die Gnade 
des Königs. Jeder Beamte, selbst jeder Soldat konnte nach Diamanten 
eine Haussuchung vornehmen. Wer einen nichtregistrirten Sklaven 
hielt, kam 3, im Wiederholungsfalle 10 Jahre auf die Galeeren in Afrika; 
ebenso 10 J. fUr den Herren, dessen Sklav Diamanten besass oder 
nach D. grub. Auch in der Nachbarschaft konnte der Intendant 
Niederlassungen verhindern. Alles dies bestand im Wesentlichen noch 
1820 (Spix und Martins, Reise H, 430 fr.), und hat doch in 90 Jahren 
dem Staate nur etwa 10,35 Millionen Thlr. eingebracht! (v. Esch- 
wege.) Erst seit Aufhebung des Monopols ist die Stadt Diamantina 
blühend geworden. (Wappäus, Brasilien, S. 1879.). 

10. 

Weil im Handel und Gewerbdeiss die Productionsfactoren Ka- 
pital und Arbeit regelmässig über den Factor der aneignungst^higen 
Natur noch weit mehr vorwiegen, als in der Landwirthschafl, so 
muss auch die ökonomische Überlegenheit der Privatunler- 
nehmung über die Staatsbeamtenwirthschafl dort in der Regel eine 
viel grössere sein, als hier. Je mehr ein Geschäft sich der persön- 
lichen Verschiedenheit der Einzelnen, dem rasch wechselnden Be- 
dürfnisse des Augenblicks anzupassen hat, um so hemmender natür- 
lich die Instructionen, Controlemassregeln, Berufungen auf eine höhere 
Instanz, deren die wirthschaflliche Thatigkeit von Staatsbeamten ge- 



168 Wilhelm Roscheb, [^^ 

rade im wohlgeregelten Staate nicht entbehren kann. Hier gilt wirk- 
lich das Wort Ad. Smith's*): »Keine zwei Charaktere scheinen un- 
vereinbarer, als die von Trader und Sovereign. , , Die Diener des 
sorglosesten Privatmannes sind vielleicht mehr unter den Augen ihres 
Herrn, als die des sorgfältigsten Fürsten«. Namentlich fUr Specula- 
tionen, VorausberUcksichtigung latenter Bedürfnisse der Käufer, wird 
der gewissenhafte Staatsbeamte meist zu ängstlich sein, der nicht 
gewissenhafte, da seine Versuche ja auf Staatskosten gemacht wer- 
den, fast immer zu leichtsinnig. Darum können Staatsgewerbe so 
äusserst selten die vollentwickelte Privatconcurrenz ertragen*) und 



\) Ad. Smith, W. of N. IV, p. 154. 187 ed. Bas. 

2j Aus zahllosen Erfahrungsbelegen, die es hierfür gibt, nur einige wenige! 
Der grosse Kurfürst räumte von meinem Guineahandei selbst ein, dass ihm jeder, 
aus afrikanischem Goldstaube geschlagene Ducaten deren zwei an preussischen 
Waaren gekostet habe. (Stenzel, Preuss. Gesch. 11, 463.) Wie die neueren 
Ärarfabriken Österreichs fast alle mit Schaden arbeiteten, wenn man die Verzinsung: 
des Anlagekapitals mit berechnet, s. Rau-Hanssen, Archiv IX, 251(1. Die Linzer 
Staatsmanufactur gab die ordinären Tuche schon früh auf und ging statt dessen 
zu feinen Teppichen über, mit denen sie eine Art von Semiuarwirkung üben 
konnte. Seit 1 850 vcrliess sie auch dies Gebiet und wurde ganz zu einer Tabaks* 
fabrik, die ja monopolisch gesichert war. Das in den Staatsbergwerken steckende 
Kapital verzinste sich für Preussen lange Zeit nur mit 3 Proc, für Baden sogar 
nur mit 1 Proc. (Pfeiffer, Staatseinnahmen I, 169.) Oft wird bei Staatsgewerben 
das wirkliche Reinertragsverhältniss durch die historische Unklarheit des Anlage- 
kapitals oder auch durch die UnvoUständigkeit der Berechnung verdunkelt. So 
erhielten z. B. in Bayern die Staatsherg werke das Holz um 25 Proc. wohlfeiler 
und waren ausserdem vom Weggelde befreiet. (Kudhart, Zustand des Kgr. Bayern 
I^ 128.) Die preussischen Hüttenwerke des Staates hätten nach der Privatschrift: 
)^Über die Betriebsergebnisse der Staatshüttenwerke in den J. 1853 — 60« in dieser 
Zeit 2332143 Thlr. Verlust ergeben; und selbst die amtliche Gegenschrift unter 
demselben Titel rechnet nur einen jährlichen Gewinn von 240867 Thlr. heraus, 
d. h. 3.86 Proc. des wahrscheinlichen Kapitalbetrages. Der baare Überschuss 
war sogar nur 0.9 Proc. jährlich. Man hat desshalb in Preussen die allmälichc 
Veräusserung dieser Hüttenwerke eingeleitet, in Baden (wo der Ertrag der Staats- 
Eisenwerke 1855 unler 4 Proc. war), schon 1868 vollendet. Die gewerblichen 
Etablissements der preuss. Seehandlungsgesellschafl hatten 1869 nur 19775 Thlr. 
Reinertrag für einen Buchwerth von über 4 Mill. Thlr. (Rau-Wagner F. W. I, 457.1 
Ein Erfolg wie derjenige der bayerischen Eisengiesserei zu Wasseralfingen, die 
z. B. 1854 zu 873000 Fl. Kapital berechnet wurde und 1856 = 330000 Fl. 
Reinertrag hatte (Rau, Finanz wissensch., 5. Aufl., I, 214)^ wird auf ganz be- 
sonderen Gründen beruhen. Die k. sächsische Porcellanfabrik zu Meissen bat 
zwar unter günstigen Conjuncturen, wenu sie zugleich eine ausgezeichnete Leitung 



^^] Versuch einbr Theorie der Finanz-Regalien. 169 

haben sich insgemein bloss dadurch halten können, dass ihnen die 
gesetzgebende Gewalt ein Monopol bewilligte. Für die Yolkswirlh- 
Schaft im Ganzen freilich wird der Verlust hiermit nicht kleiner, 
sondern nur, durch Vertheilung auf Viele, weniger merklich ; er wird 
in der Regel sogar noch grösser, da nichts mehr zu Trägheit und 
Sorglosigkeit verführt, als die Gewissheit, keine Concurrenz fürchten zu 
müssen^) (Mein System Bd. I, §. 91). Es gibt verschiedene Grade von 
Monopolisirung: je nachdem bloss die Fabrikation, oder bloss der Ver- 
kauf, oder beides zusammen dem Staate vorbehalten ist^). Aber selbst 
der mildeste Grad enthält eine zwiefache Belästigung, sowohl der 
Producenten wie der Consumenten, während der freie Handel nach 
beiden Seiten wohlthätig zu vermitteln pflegt^). Einen grossartigen 



besass, ansehnliche Oberschüsse geliefert. So 1730 — 56, 1763 — 74; wiederum 
seit 1863, wo bis 1879 im Jahresdurchschnitt 4 94258 Mk. an die Staatskasse ab- 
geführt worden sind (4 88^/3 sogar 370000): freilich, wenn das Kapital an Ge- 
bäuden, Maschinen, Können, Vorräthen etc. 1868 zu 966800 Thlr. berechnet 
wurde, nur eine Verzinsung von kaum 6.7 Proc. (Allein 1874 — 79 allerdings 
über 9.3 Proc.) Aber z. B. 1831, als man zur Feststellung der Civilliste die 
Nutzungen des Domaniums etc. berechnete, wurde angenommen, dass die Porcellan> 
fabrik einen regelmässigen Zuschuss erforderte. (Wirklich 1829 — 32 zusammen 
56795 Thlr.) Erst seit dem Anschlüsse Sachsens an den Zollverein wurden die 
Verhältnisse besser. Vgl. BÖhmert, Gesch. und Statistik der Meissener Porcellan- 
manufactur: Sachs. Statist. Ztschr. 1880, 44 (f. — Für die Erfolge der k. preus- 
sischen Porcellanfabrik unter Friedrich M. ist es bezeichnend^ dass jeder Jude, 
welcher heirathen wollte, für 100 Thlr. Porcellan' kaufen und exportiren musste. 
(Mirabeau, De la monarchie Prussienne II, 108.) Die bayerische Porcellanfabrik 
zu Nymphenburg erforderte jährlichen Zuschuss 1819 — 26 von 8717 Fl., 1837 — 43 
von H782 Fl. 

3) Shakespeare*s Wort : As you all know, securUy is morlals chiefest enemy, 
stimmt ganz mit Huskisson überein, dass das Monopol immer Gleichgültigkeit gegen 
Verbesserungen erzeuge. 

4) In Frankreich hatte der Staat früher beim Salze nur das M. des Ver- 
kaufs, gegenwärtig bei den Zündhölzchen nur das M. der Fabrikation, beim Tabak 
(mit Ausnahme der Rohstoffproduction) beides. 

5) So war in Frankreich der Tabaksbau wegen des Regals auf 8 Departe- 
ments beschränkt, und selbst im Dept. Niederrhein bald von 6000 auf 1700 ha. 
zurückgegangen. (Chaptal, De Tindustrie Fr. I, 167 ff.) Als in Mexico 1764 das 
Tabaksregal eingeführt war, durfte Niemand ohne besondere Erlaubniss, die aber 
nur für wenige Q. Meilen bei Veracruz ertheilt wurde, Tabak pflanzen. Eigene 
Guardas de Tabaco reisten umher, um alle sonstigen Anbauer in Strafe zu nehmen 
und ihre Pflanzen auszuraufen. Die Gegend von Guadalaxara, die sonst viel T. 
gebaut hatte, verfiel kläglich. (Humboldt, N. Espagne IV, 10.) Was die Con- 



170 Wilhelm Röscher, [S6 

Aufschwung kann eine Production, auch wenn sie von der Natur 
des Landes noch so begünstigt wäre^), unter der Herrschaft eines 
solchen Regals nur da nehmen, wo ihr ein wirkliches Naturmonopol 
zur Seite steht'). 

Wollte man durch Verpachtung an Privatpersonen die Übel des 
Monopols mildern, so müsste man, weil hier eigentlich nur ein Recht 
verpachtet wird, fürchten, dass sich der Eifer des Pächters vorzugs- 
weise auf die grösstmögliche Anspannung dieses Rechts verlege, 
(volksvvirlhschaftlich unproductiv!): also Übertheuerung der Consu- 
menten, die selbst gegen einen vom Staate vorgeschriebenen Tarif 
sehr wohl durch Verschlechterung des Producls erfolgen kann. Ebenso 
wird der Piichter, der einen Handelszweig rechtlich allein besitzt, 
factisch leicht auch andere Handelszweige an sich reissen, und da- 
mit dem Publicum weit mehr entziehen, als wofür er dem Staate 
gezahlt hat. 



sumenten betrifft, so sollen wegen des Reismonopols der englischen Compagnie 
1767 in Bengalen t Mill. Menschen verhungert sein. (J. G. Büsch^ Welthandel s. a.) 
Als V. Beust in Savoyen das Salzmonopol sehr verbessert hatte, meinte der König, 
wie er das schöne Salz erblickte, das sei zwar für die Unterthanen sehr vortheii- 
haft, für ihn aber sehr unvortheilhaft. (Justi, Polit. und Fiuanzschr. II, 379.) 
In Bahia, wo der Fleisch- und Fischverkauf etc. an den Meistbietenden verpachtet 
war, oft bitterer Mangel an Nahrungsmitteln. (Spix- Martins, Reise II, 650.) 

6) Bei allem Ruhm der Drake etc. hat doch die englische Rbederei zwischen 
4 588 und 1602 um ein Drittel der Schiffe und Seeleute abgenommen: wie denn 
auch der Seehandel wegen der vielen Monopole zu mehr als 80 Proc. in London 
concentrirt und hier auf etwa 200 Bürger beschränkt war. -(Hume, History of 
England, Ch. 45.) Die grosse Rolle des Havanatabaks fängt erst nach Aufliebung 
des Regals au. [Humboldt, N. Espagne II, p. 49.) So ist in Altspanien die 
Bleiproduction seit Aufhebung des Regals binnen 3 J. um das Fünfzehnfache ge- 
wachsen. (Schubert, Staatskunde III, 68.] Über die schlimmen Folgen der anderen 
spanischen Monopole s. Townsend, Journey passim, besonders I, 274 ff. Als Pombal 
1756 den Weinhandel von Oporto einer Monopolgesellschaft übergeben hatte, ver- 
schlechterte sich die Güte der dortigen Weine im aufrälligsten Grade, namentlich 
hörte die Verschiedenheit der Sorten fast gänzlich auf, während der Preis auf das 
Drei- bis Vierfache stieg. [Henderson, History of wines, 210. Balbi, Essai sla- 
tistique sur le Portugal I, 157.) 

7) So rühmt Wallace, Malayischer Archipel I, 44 2 fl'. das Muscatregal der 
holländischen Insel Banda , die eine Art Naturmonopol eines Luxusgegenstandes 
besitzt. Hätte man dies vom Freihandel ausbeuten lassen, so würde es auf eine 
viel minder gemeinnützlichc Weise in die Hand einzelner Reichen oder Actionäre 
gerathen sein. 



^7] Versuch einer Theorie der Finanz-Regalisn. 171 

11. 

Wenn also bei reifen und blühenden Völkern, um ihren finan- 
ziellen Staatsbedarf zu decken, die Vermuthung durchaus für Be- 
steuerung der Privatindustrie und des Privathandels, aber gegen 
Staatsindustrie und Staatshandel streitet*)^), so gibt es doch wieder 
bedeutende Ausnahmen von dieser RegeP), die freilich in jedem 
einzelnen Falle erst durch den Nachweis begründet werden müssen, 
dass die wahrhaft freie Privatconcurrenz mit ihren überwiegend 
segensreichen Folgen (System Bd. I, §. 97) hier entweder nicht möglich, 
oder aus besonderen, sehr triftigen Ursachen nicht wünschenswerth sei. 

A. Ist ein Handels- oder Gewerbzweig für das Volk unzwei- 
felhaft nützlich, wohl gar uoth wendig; sind aber die Privat- 
kräfte, auch die zur Corporation oder Actiengesellschaft organisir- 
ten, ebenso unzweifelhaft noch nicht reif dafür: so bleibt natürlich 
nur der Staatsbetrieb für solchen Zweck übrig. Hierher gehören 



1) Sehr merkwürdig ist der Nachweis des Ministers v. Heynitz an Friedrich 
Wilhelm HI. 4798, dass die Fridericianische Regie 1780/81, verglichen mit der 
aur dieselben Waaren gelegten Accisc von 1765/6 212 874 Thir. weniger einge- 
bracht hat, und dabei die Verwaltungskosten von 5.9 Proc. auf 13.2 gestiegen 
sind. (Riedel, Brand, preuss. Staatsh., 159.) 

2) Während sich die tiscalische Jurisprudenz des 17. Jahrh. grossentheils 
um die Regalien drehete, hat L. v. Stein für unsere Zeit ganz Recht mit den Sätzen: 
dass der Staat jetzt Regalien festhält, nicht weil er ein Recht darauf hat, sondern 
weil sie nothwendig sind ; dass sie eine Einkommensquelle nur bilden dürfen, 
wenn dies mit den Bedürfnissen der Gesammtheit vereinbarlich ; dass sie eben 
darum in der Finanzlehre eine untergeordnete, in der Yerwaltungslehre eine wichtige 
Rolle spielen. (Finanzwissenschaft, 2. Aufl. 190fg.j Von Monopolien für Staatsgewerbe 
hält Stein nur in dem Falle viel, wo sie eine Steuerform sind. Denn sonst : wenn 
das Gewerbe auch ohne Monopol einträglich ist, dann braucht man das M. nicht ; 
oder wenn das Gewerbe ohne M. nicht einträglich ist, dann schadet das M. der 
Volks wirthschaft. (a. a. 0., 507.) 

3) Vgl. V. Cancrin, Weltreichthum, 1680". M. Chevalier, Cours d' Eco- 
nomic politique 11, Leyon 21 charakterisirt die Gewerbe, die ausnahmsweise vom 
Staate betrieben werden mögen, so: cellesy qui importent ä la masse des citoyens, 
({ui affectent d'une maniere permanente l'ensemble des transactions de tonte nature, 
et auxquelles en meme temps l'unite d' administration est particulierement avantageuse ; 
Celles, qui ont besoin d'un personnel d'elite, tres longuement prepare; Celles, qui 
pfmr la meilleure qualite des produits reclament des avances de capitaux extreme- 
ment considerables, auxquelles les Fortunes privees ne suffiraient pas en des pays, 
oü la richesse est tres divisee; encore celleSj qui doivent se presenter au public en- 
lironnes d'un haut degre de confiance, que des citoyens isoles inspireraient difficilement. 



172 Wilhelm Rosgher, [58 

naineDtlich alle die Gewerbe, die für das Heerwesen Doth wendig 
sind. Kein wahrhaft souveräner Staat wird sich in Betreff seiner 
Waffen auf eine ausländische Industrie verlassen wollen. Aber auch 
die Anfänge des Kornhandels im Grossen, sowie des fernen Welt- 
handels können solche Kapitalien erfordern und solche Gefahr laufen, 
dass die einstweilen noch sehr schwachen Privatkräfte sich nicht 
daran wagen. Hier mag der Staat erzieherisch vorangehen*). 
Mitunter bedarf auch er in solchem Falle zu seiner Ermuthigung 
eines anftinglichen Monopoles*^): nur hat er sich dann aufs Äussersle 
zu hüten, dass er nicht aus despotischer Vielgeschäfligkeit oder kurz- 
sichtiger Plusmacheroi das allmäliche Heranwachsen der Privatindu- 
strie hemme. Kann diese letztere das bisherige Staatsgewerbe wirk- 
lich ersetzen, so ist das nicht bloss ein günstiges Symptom, sondern 
es wird dann auch regelmässig von ihr das Volk^bedUrfniss rascher, 
wohlfeiler, besser befriedigt*'). Vielleicht wird bei kriegerischen Be- 
dürfnissartikeln ein Rest von Staatsindustrie immer nothwendig blei- 
ben, weil hier so oft eine Geheimhaltung verbesserter Waffen etc. 



4) Wie der Dienst des Konihandcls, gleichsam der Proviantmeister des Volkes 
zu sein, fast in jedem Mittelalter durch die Kirche mit ihren Zehntscheuern und 
das Domanium, etwas später durch die obrigkeitlichen Magazine der Städte besorgt 
^vird, ehe der gerade bei dieser Waare so schwierige Privathandel sich ausbildet, 
s. mein System Bd. II, §. 155. Der erste unmittelbare Handel Westeuropas nach dem 
südlichen Afrika und Asien ist von der portugiesischen Regierung betrieben worden, 
zu einer Zeit^ als noch nicht einmal solche Actiengesellschaften möglich waren, wie 
sie nachmals den holländischen und englischen Verkehr nach denselben Ländern ein- 
geleitet haben; auch diese letzteren wegen Unmöglichkeit des Privathandels im 
engern Sinne. (Bd. III, §. 3t.) 

5) So dass z. ß. die Privatpersonen, welche zu Jngdzwecken Flinten oder 
Schiesspulver kaufen wollen, die Staatsfabrik ansprechen müssen: was deren Pro- 
ductionskosten für den Heeresbedarf wenigstens etwas \erringert. 

6) Mit gutem Grunde warnt Leroy-Beaulie u den Staat davor, seine 
ohnehin so grosse Thätigkeit nicht noch mehr zu compliciren. £r soll nicht bloss 
diejenigen Gewerbe den Privaten lassen, für welche diese sont plus aptes que lui, 
sondern alle, pour lesquelles ü n'est pas de toute evidence, qu'il a une competence 
exceptionelle, (Sc. des F. I, 92 ff.) Ähnlich meint v. Gerber (D. Privatrecht, 
§. 67), dass die s. g. Regalien bald ganz aus dem Privatrechte verschwunden 
sein werden, indem der Staat seine Interessen weit angemessener durch Conces- 
sionsgesetzgcbung, Besteuerung etc. befriedigt. Was ich über die entgegengesetzte 
Ansicht urtheile, die immer mehr Privatgewerbe durch die »Zwangsgemeinwtrth- 
schaft« absorbirt sehen möchte, s. in meinem Systeme Bd. I, §. 84. (16. Aufl.). 



^^1 Versuch einbb Theorie der Finanz-Regalien. 173 

wüoschenswerth ist"). -^ Es gibt aber auch erzieherisch gemeiote 
Staatsgewerbe, die selbst auf der höchsten Wirthschaftsstufe mit Segen 
fortdauern können: Seminarien, um die edelsten BlUthen eines Ge- 
vverbzweiges zu fördern, diejenige Schicht gleichsam, die einstweilen 
für den Geschmack und darum auch für die Kauflust der Massen zu 
hoch steht, wo jedoch bei richtiger Leitung das eigentliche (erst 
geistige, dann auch leibliche) Wachsthum des ganzen Gewerbes vor 
sich geht. Im Zeitalter der Hausmanufactur hatten solche Seminarien 
eine sehr breite Nützlichkeit. (Bd. III, §. 147.) Aber noch heute kön- 
nen sie für die zunächst an Kunst oder Wissenschaft angrenzenden 
Gewerbzweige von Bedeutung sein^). Dass sich der Staat solcher 
Anstalten auch für seine unmittelbaren Zwecke bedienen kann (Ehren- 
geschenke an fremde Höfe etc., Druck von Geheimschriften, Papier- 
geld etc.), versteht sich von selbst. Nur das würde ich missbilli- 
gen, >venn er auch ordinäre Bedürfnissgegenstände seiner Beamten, 
Soldaten etc. der reifgewordenen Privatindustrie nicht gönnen wollte, 
»um den daran zu machenden Gewinn sich selbst vorzubehalten«. 
Dies Princip, in vollster Consequenz entwickelt, müsste zum Commu- 
nismus fuhren! 

B. Die intensiveren Transportunternehmungen (Bd. III, 
§. 77), die gerade auf den höchsten VVirthschaftsstufen eine so grosse, 
immer noch zunehmende Wichligkeil erlangen, sind meistens von der 
Art, dass hier die freie Concurrenz, überhaupt die Concurrenz mit 
ihren Spornen und Zügeln entweder gar nicht, oder nur in geringem 
Masse anzubringen ist. Beim Betriebe der Eisenbahnen z. B. würde 



7) Man hat wohl für eine staatliche Production der Wairen die Thatsache 
geltend gemacht, dass England im Krimfeldzuge gewisse Granaten mit 73 £ St. 
pro Tonne bezahlen musste, die es hernach für 15 £ selbst anfertigen Hess. 
(Quart. R., No. 205.) Ebenso die Unhaltbarkeit der Kanonenboote, welche gegen 
Schluss des Krieges von der Privatindustrie gebaut wurden. Es war damals eben 
eine ganz unerwartete, einmalige Nachfrage gewesen ! Ihre Dampfmaschinen bezieht 
die englische Kriegsflotte schon längst ohne allen Nachtheil aus Privatfabriken. Das 
Quart. Rev., Od. t860, p. 567 fg. hofft, dass in Zukunft die Staatsarsenale, ab- 
gesehen von neuen Versuchen, bloss noch das Ausrüsten und Repariren der heu- 
tigen Schiffe besorgen werden. 

8) So die Gobelinsfabrik in Paris, (ein Werk Colbertsj, die Porcellanfabrik 
in Sevres; manche Staatsdruckereien, welche die privatwirthschaftlich nicht ren- 
tirenden, aber wissenschaftlich wichtigen Lettern z. B. orientalischer Sprachen zur 
Verfügung stellen. 



174 Wilhelm Röscher, [60 

die »freie Goncurrenz auf der Schiene eben nur eine Freiheit sein, 
Andere zu zermalmen oder von ihnen zermalmt zu werden«. (Nebe- 
nius.) Und auch der Bau von zwei concurrirendcn Bahnen zwischen 
denselben Endpunkten wäre oft nur eine volkswirthschafllich un- 
fruchtbare Verdoppelung der Bau- und Betriebskosten, wobei die Be- 
nutzenden privatwirthschaftlich eine Zeitlang durch Schleuderpreise 
gewinnen möchten, bis eine Fusion der Nebenbuhler doch wieder 
ein thatsüchliches Monopol hergestellt hat. Da hier die Strasse, auch 
ohne productiven Gebrauch, einer starken natürlichen Abnutzung 
unterliegt; da bei regelmässigem Betriebe Fahrzeug und Motor immer 
ebenso weit zurück-, wie vorwärts gehen müssen: kommt es bei 
allen sehr intensiven Transportmitteln vornehmlich darauf an, die 
»todte Zeit und Kraft«, sowie das »todte Gewicht« möglichst einzu- 
schränken: also auf Verringerung der Generalkosten durch Massen- 
haftigkeit und Unterbrechungslosigkeit des Transportes. Hieraus er- 
klärt sich der starke Trieb, welchen die Eisenbahnen, Briefposten etc. 
zur thatsächlichen Monopolisirung haben. Was man gewöhnlich als 
Vorzüge der Privatunternehmung rühmt, das gilt bei den Transport- 
gewerben nur von solchen, die klein genug sind, um von einem Ein- 
zelnen wirklich verwaltet zu werden. Nun sind aber neuerdings eben 
die wichtigsten Transportgewerbe mit Erfolg nur in einem Umfange zu 
betreiben, der so wie so ein zahlreiches Beamtenpersonal nöthig macht; 
und es kann demnach als Unternehmer nur entweder an den Staat (die 
Provinz, Gemeinde etc.), oder an sehr reiche Privatpersonen, zumal 
Actienvereine, gedacht werden. Bei der Wahl hierzwischen ist aber 
eine regelmässige Überlegenheit der Privatbeamten über die öflentlichen 
in Betreff des Eifers, der Freiheit und Verantwortlichkeit gewiss nicht 
vorauszusetzen. Auch die Gemeinnützlichkeit, welche dem Privatbe- 
triebe durch Staatsaufsicht und Besteuerung auferlegt werden kann, ist 
viel weniger unmittelbar, als beim öffentlichen. Andererseits wird der 
öffentliche Betrieb naturgemäss weniger auf Ersparnisse bedacht sein; 
es werden auch Missbräuche, technischer, ökonomischer, ganz be- 
sonders politischer Art, wenn sie eingerissen sind, beim Staatsbetriebe 
wegen seiner Souveränetät viel schwerer abgestellt werden^). Je 



9) Wie leicht kann z. B. eioer Privat-Eisenbahn die Überarbeitung oder 
UoterlÖhnuDg ihrer Subalternen vom Staate verboten werden ; ebenso die rechts- 



^^] Versuch einek Theorie der Finanz-Regalien. 175 

mehr ein Transportgeschäft, um seine Aufgabe recht zu erfüllen, einer 
für weite Räume und lange Zeiten möglichst unwandelbar gehenden 
Maschine ähneln muss, mit gleichniüssiger Behandlung und Tarifirung 
aller einzelnen Objecte: um so weniger bedenklich ist die Staats- 
uolernehmung desselben. Daher man sie jetzt bei der Briefpost 
überall für nothwendig hält, auch in den Ländern, wo der Anfang 
des Postwesens durch privilegirte Privaten gemacht worden war. 
(Bd. III, §. 84.) Bei den Eisenbahnen hingegen ist weder aus der 
Theorie noch aus der Erfahrung ein allgemeiner Grund zu entneh- 
men, wesshalb der Staatsbetrieb technisch, wirthschaftlich etc. dem 
Privatbetriebe nachstehen oder überlegen sein müsste. (Bd. III, §. 85). 
Der einzige sichere Unterschied besteht darin, dass jener der Staats- 
gewalt, speciell der jeweiligen Regierung ein ganz neues, unberechen- 
bar grosses, vom Landtage wegen der complicirten Schwierigkeit der 
Tarife kaum controlirbares Gebiet politischen Einflusses (lirnet: was 
in Ländern einer zu geringen Regierungsmacht sehr wohlthätig, in 
anderen ebenso gefährlich sein kann. (Bd. III, §. 86.) Merkwürdig 
übrigens, wie die meisten Theoretiker, die für ein Eisenbahnregal 
schwärmen, dabei im Hintergrunde an eine Ermässigung der Tarife 
auf die Selbstkosten denken : womit also die finanzielle Bedeutung 
dieses Regals völlig abgestreift wäre. (Bd. III, §. 88.)««) 



widrige Massregelung derselben zu politischen Wahlzwecken ! Eine Regierung, die 
sich dergleichen zu Schulden kommen lässl, würde man, wenn sie zugleich die 
Majorität auf dem Landtage beherrscht, kaum zur Verantwortung ziehen können. 

4 0) Ähnlich verhält es sich mit den Pferdebahn-, Gas- und Wasserleitungs- 
geschäften in grossen Städten, auch den Docks in Handelsstädten : lauter Unterneh- 
mungen, wo die Vorzüge des einheitlichen Grossbetriebes an Güte und Woblfeil- 
heit der Leistungen ebenso einleuchten wie schwer wiegen; die zum Theil sogar 
eine freie Goncurrenz nicht einmal gestatten. Da man derartige Monopole am 
natürlichsten der Gemeinde überlässt, so würde zugleich der etwanige Miss- 
brauch leicht durch eine unparteiliche Aufsicht von Seiten des Staates verhindert 
werden. In England begünstigt die Tramway-Acte von 4 870 die Municipalisirung die- 
ses fietriebes, der seiner Natur nach monopolisch ist, sehr viel Polizei erfordert und 
mit wenig Kapital reichen Gewinn verheisst. Ähnliches gilt von den Gaswerken^ 
obschon 4 870 den 4 228 englischen Gas-Gompagnien mit 24 Mill. £ Kapital und 59 
Öffentlichen Gaswerken im Privatbesitz nur 75 municipale gegenüber standen. Die 
Gas-Acten von 4 847 und 4 860 haben das Publicum gegen die Monopolisten eigent- 
lich nur durch die bedenkliche Vorschrift zu schützen versucht, dass keine Divi- 
dende mehr als 4 Proc. betragen darf. Wassergesellschaiten gab es damals etwa 
4 30 mit 4 4 Mill. £ Kapital; daneben 4 04 municipale. Jenen hat der Staat den 



176 Wilhelm Roschbr, [62 

12. 

C. In manchen Gewerbe- und Handelszweigen würde eine ganz 
freie Privatconcurrenz gemeingefährlich sein. Von eini- 
gen ist sogar überhaupt nicht zu wünschen, dass sie über die engste 
Gränze des Unvermeidlichen hinauswachsen. Beides Rücksichten, die 
an sich schon zur Regalisirung führen können, woneben dann aber 
der Ertrag des Monopols für die Staatskasse gleichsam als Zuschlags- 
prämie wirken mag. So rechtfertigt sich das Regal der Glücksspiele 
als Versuch des Staates, ein gefährliches, aber wohl unausrottbares 
Übel im Volksleben doch einigermassen zu beschränken, minder ge- 
fährlich und für den Staatshaushalt nutzbar zu machen. Das fran- 
zösische Schiesspulverregal will, ausser dem unter A. besprochenen 
Grunde, einen Stoff, der in leichtsinniger, wohl gar verbrecherischer 
Hand so verderblich ist, wenigstens einiger Überwachung durch den 
Staat unterwerfen. Beim Dynamit empfiehlt sich derselbe Gedanke 
um so mehr, als eine von fieier Concurrenz herrührende Wohlfeil- 
heit dieses Sprengstoffes doch selbst für den normalen Gebrauch nur 
wenig Nutzen bringen würde ^). — Das wichtigste, zu dieser Gruppe 
gehörende Regal betrifft die Münzprägung. (Bd. III, §. 48.) Um 
ihren Zweck als allgemeines Tausch Werkzeug und Werthmass etc. zu 
erfüllen, müssen die Münzen Jedermann das Vertrauen einflössen, 
dass ihr Schrot und Korn aufs Genaueste dem Münzgesetz entsprechen. 
Wäre die Prägung der freien Privatconcurrenz überlassen, so würden 
selbst im günstigsten Falle unzählige Streitigkeiten über die Annahme 
von Münzen, lästige Mühen und Sorgen des Nachwägens und Pro- 
birens die Folge sein. Es ist aber eine der bestconstatirten That- 



Zwang auferlegt, alle Bewohner ihres Bezirkes zu festem Preise nach Bedarf zu 
versehen. (Quart. R. CXXXI, 477 IT.) Für derartige Gemeindemonopole eignen 
sich besonders solche Unternehmungen, die noth wendige Producte liefern, eine vor- 
zugsweise günstige Stelle erfordern, keine Concurrenz von anderer Gegend her zu 
fürchten haben, in besonders hohem Grade Zuverlässigkeit nach einheitlichem Plane 
bedürfen, und deren Production sehr vergrössert werden kann ohne entsprechende 
Mehrkosten. (I. c. p. 462.) 

4) H. Chevalier möchte auch die besonders gesundheitsgerährlichen Indu- 
striezweige, so lange sie dies sind, dem Staate vorbehallen. (Cours II, p. 429.) 
Im höchsten Grade gehört in diesen Abschnitt das Opiumregal im britischen Osl- 
Indien (vgl. schon R. Ritter, Asien, VI, 782 If.), das z. B. 4 855/56 über 4871000 
Pfd. St. einbrachte. 



ß3] Versuch einer Theorie der Finamz-Regalibn. 177 

Sachen der Wirthschaflsgeschichte, dass beim Aufhören des Münz- 
regals bald eine Verschlechterung der Münzen einreisst, die nicht 
bloss den Verkehr schrecklich beschwert, sondern auch die Volks- 
sitilichkeit um so mehr gefährdet, als ja die Münzen die Unterlage 
fast aller Creditgeschäfte bilden. Wollte der Staat durch strenge 
Überwachung der Privatmünzen dies verhindern, so würde er wahr- 
scheinlich dieselben Kosten aufzuwenden haben, die jetzt aus seiner 
eigenen Prägung erwachsen. Auch ist bei der Eigenthümlichkeit der 
Prdgarbeiten, namentlich der feinen, dazu erforderlichen IVIaschinerie 
wenig Aussicht, dass die freie Concurrenz eine viel grössere Wohl- 
feilheit bewirken sollte. Übrigens hat das Münzregal in den meisten 
Ländern seinen fiscalischen Charakter ganz oder doch zum grössten 
Theile verloren, in England schon seit mehr als zwei Jahrhunderten. 
(Bd. III, §. 47.) Über die Bedeutung eines Papiergeldregals s. Bd. III, 
§. 68. 70. 

D. Endlich gibt es Gewerbe, deren Product sich zu fiscalischer 
Vertheuerung, also zur Auflage einer indirecten Steuer, in ganz be- 
sonderem Grade eignet; wo es aber kaum möglich scheint, in der 
Lebensgeschichte gleichsam des Productes, von der Gewinnung des 
Rohstoffes an bis zum Verkaufe an die Consumenten, ein Stadium 
hervorzuheben, an welches sich der Steuerapparat ohne die grössten 
Bedenken anknüpfen Hesse. Hier mag die Staatsmonopolisirung unter 
Umständen als eine Steuerform bezeichnet werden, bei welcher die 
§.10 erwähnten Übel so zu sagen den Hauptbeslandtheil der Er- 
hebungskosten ausmachen. Sind diese, verglichen mit dem Ertrage, 
nicht gar zu gross, so lässt sich der Monopolform manches nach- 
rühmen: Bequemlichkeit der Erhebung, sowohl für die Pflichtigen, 
denen die Zahlung erst dicht vor dem Genüsse abgefordert wird, 
und eine fast beliebig genaue Werthtarißrung gewährt werden kann, 
wie für den Staat; Sicherheit des Ertrages ; grosse Ausdehnungsfähig- 
keit; dabei auch Freiheit von gewissen Schattenseiten der Concur- 
renz (Fälschungen, Reclamen etc.). Es passen aber für eine solche 
Monopolisirung wohl nur Waaren, deren Production sehr einfach, mehr 
mechanisch als geistig und vorzugsweise auf Kapital beruhend ist ^) ^). 



2) V. Stein, FinaDZwissenschaft, 510. 

3) Das russische Branntweinregal, das erst nach 185S mit einer Accise ver- 



178 Wilhelm Röscher, [6* 

Die Staatsgewerbe dieser vierten Art haben, wie alte übrigen, 
sobald sie bedeutend geworden sind, das Üble, dass sie zwar in 
glücklicher Zeit die Regierung starken, nach Innen zu freilich mehr 
durch vergrösserte Zahl ihrer Creaturen, als durch vergrösserte Festig- 
keit ihrer Stützen; dass sie aber z. B. nach einer kriegerischen Nie- 
derlage den Begriff der Beute gegenüber einem siegenden Feinde in 
gefährlichster Weise ausdehnen. 

13. 

Seinen vornehmsten Rechtfertigungs- , auch Entstehungsgrund 
hat das Lotterieregal in den grossen wirthschafllichen und sitt- 
lichen Gefahren des Glücksspiels, zu dem gleichwohl eine weit ver- 
breitete, wie es scheint unausrottbare, jedenfalls tief gewurzelte 
Neigung die Menschen treibt ^). Je mehr bei Völkern, wie Einzelnen 
der phantastische Leichtsinn und die mit ihm verbundene Trägheit 
über die vernünftig beharrliche Strebsamkeit vorherrschen, um so 
mächtiger pflegt diese Neigung zu sein : daher es vornehmlich die Halb- 
rohen und die von der Hauptschattenseite hoher Kultur, dem trau- 
rigen Gegensatze der Plutokratie und des Pauperismus, Bedrängten 



tauscht wurde, rechtfertigte sich früher sowohl aus dem Grunde D wie C. Nie- 
mand wird leugnen, dass der Branntwein im Allgemeinen ein sehr passender Gegen- 
stand der fiesteuerung ist. Bei der dünnen Bevölkerung aber im grössten Theile 
von Russland wäre eine hohe Accise schwerlich gegen Defraude zu schützen ge- 
wesen. Und dass seit Aufhebung des Regals die Trunksucht in Russland furcht- 
bare Fortschritte gemacht habe, scheint leider unzweifelhaft. Vgl. v. Haxthausen, 
Studien 11^ 54 2 AT. Vorher gab es auf S6 Mill. Menschen nur etwa 4 0000 Brannt- 
weinschenken, was Cancrin (Ökonomie der menschl. Gesellsch., 255) eine wahre 
WohUhat des Monopols nennt. Jetzt hat sich die Zahl der Schenken furchtbar ver- 
mehrt, da selbst das Verbot, dass sich die Grundbesitzer für die Concessionirung 
einer solchen bezahlen lassen, häufig umgangen wird. (Eckardt, Russlands ländliche 
Zustände, 4 870, S. 5i. 23 411.) Seit 4 870 scheint übrigens der Consum wenigstens 
des versteuerten Branntweins wieder abgenommen zu haben. (A. Leroy-Beaulieu, Das 
Reich der Zaren, übers, von Pezold, I, S. 376.) 

4) Wie das römische Recht, so hatte auch das frühere Mittelalter die Glücks- 
spiele verboten. Mit Thomas von Aquioo beginnt jedoch eine mildere Ansicht; 
daher z. B. Sixtus V. zu Gunsten eines Spitals Lotterien gegen eine Geldabgabe er- 
laubte. (F. Endemann, Beitr. z. Gesch. der Lotterien, 4 882, S. 4 3. ti.) Im 4 6. 
Jahrb. schildern viele Kanonisten den contractus sortium, der z. B. gebraucht 
wurde, um Ladenhüter doch an den Mann zu bringen. (35 fg.) 



^^] Verslch einek Theorie der Finanz-Regalien. 179 

sind, welche der Spielsucht huldigen 2). Vom Hasardspiel unterschei- 
den sich die Lotterien dadurch, dass bei ihnen die Grösse der Gewinne 
und Verluste nicht aus der Spielthätigkeit selbst hervorgeht, sondern von 
vom herein bestimmt isL Bei der altern Art derselben, den Lotterien 
im engern Sinne ■^), besteht der Gewinn des Staates in den Procenten, 



t) Nirgends herrscht eine grössere Spielwiith, ats in Java, bei Vornehmen 
wie Geringen. Man wettet selbst auf Kämpfe zwischen Heuschrecken, die mittelst 
eines Grashahnes gereizt werden. (Vgl. St. Raßles, History of Java, 11, I8<8.) 
Von der Spielwuth der Germanen s. Tacit. Germ. 24; der vornehmen Leute im 
neuem Polen: G. Forster, Schriften VH, 304. Ein klassisches Land hierfür ist 
China (mein System, Bd. I, §. 4 74), wo arme Spieler wohl einen Zahn oder Finger 
einsetzen. Hildebrand sah, dass ein solcher, der verloren hatte, sich mit Ölgetränkter 
Baumwolle ein Loch in den Arm brennen liess. (R. um die Erde II, 4 93.) Oft, wenn 
in einer chinesischen Spielhölle ein Unglücklicher zum Selbstmorde schreitet, lassen 
sich die übrigen Spieler dadurch kaum stören ! Dies hängt damit zusammen, dass 
hier auf der Leiter der bürgerlichen Gesellschaft die mittleren Sprossen so wenig 
entwickelt sind : wie man ja auch bei uns oft sieht, dass Einzelne, die wegen 
allzu grosser Concurrenz keine vernünftige Aussicht zu haben meinen, in ihrer 
Verzagtheit auf Lotterieloose hoffen. Über die grosse Bedeutung der Lotterien in 
Italien s. Bronn, Reisen (t832; II, 145. Die tyrannische Oligarchie Venedigs 
duldete geflissentlich Hasardspiele aller Art; lange Zeit ward auf dem Marcusplatze 
Bank gehalten. [Daru, Hist. de Venise V, 534.) So streng übrigens die päpst- 
liche Censur war, so duldete sie doch Volkskalender, welche zum Lottospiel ver- 
lockten, Mittel angaben, wie man fast sicher dabei gewinnen könne etc. (Nach 
A. Slahr's Reisebriefen in der Bremer Zeitg. , 1846.) Auch die in Österreich 
früher so beliebten Traumbücher grösstentheils auf Lotlospieler berechnet. In 
Frankreich unterschied Gh. Diipin (Deput. K. 22. März 1858^ t\ spielsüchtige 
und 65 besonnene Departements. Die Lotterieeinsätze betrugen 1826 durchschnitt- 
lich hier 81000, dort 2200000 Fr. Die spielsüchtigen waren zugleich die handels- 
und gewerbereichsten, wo die meisten grossen Städte liegen (Paris, Lyon, Marseille, 
Bordeaux, Lille, Strassburg), aber auch die meisten unehelichen Geburten, Findel- 
kinder, Hausdiebstähle und schweren Verbrechen vorkamen. Im österreichischen 
Lotto wurden 1861 pro Kopf der Bevölkerung eingesetzt 18.5 Kr.; auf Nieder- 
österreich allein kamen jedoch 1 Fl. 47.5 Kr. (Rau, F. W. I, 343.). 

3) Der Ausdruck: holländische oder Klassenlotterie ist unpassend, obschon 
man früher allgemein glaubte, dass selbst das Wort loteria holländischen Ursprun- 
ges sei. Nur die Eintheilung in Klassen, wodurch man die Zahlung der Einsätze 
bequemer und die Aufregung des Spiels länger dauernd machte, die aber doch 
nichts dieser Lotterieart Wesentliches ist. scheint in Holland aufgekommen zu sein. 
Die älteste deutsche Klassenlotterie in Hamburg seit 1610. (Endemann a. a. 0., 
49 fg.) Vielmehr ist die älteste bekannte Geldlotterie (damals jedoch lotto genannt) 
1530 vom Florentiner Staate unternommen worden. (Varchi, Storia Fiorent. XI, 
366.) Die 1521 zu Osnabrück errichtete städtische L. war eine Waarenlotterie. 
(Klock, De aerario II, C. 118.) Der französische Staat versuchte 1539 eine Geld- 

Abbandl. d. k. S. Oeaellsch. d. Wissenscli. XXI. 43 



180 Wilhelm Roschek, [66 

welche die Spieler von ihren Gewinnsten, deren Gesamml betrag dem 
Gesammtbetrage der Einsätze gleich zu sein pflegt, abgeben müssen; bei 
der Jüngern^) Zahlenlotterie (Lotto) darin, dass die Wetten auf das 
Herauskommen gewisser Nummercombiuationen unter der Wahrschein- 
lichkeit bezahlt werden.'*) — Ein volkswirthschafllicher Nutzen der 
Lotterien wird sicher nur von Wenigen angenommen.^) Unschädlich 



lolterie. (Delamarre, Tr. de la Police III, 4, Ck. 7.) Als Ludwig XIY. 4 660 
eine solche wieder errichtet hatte, wurden 1661 und öfter alle Privatlotterien ver- 
boten. Englische Klassenlotterie seit 1694. 

4) Das Lotto scheint von Staatswegen zuerst in Genua 1620 eingeführt zu 
sein, nachdem es schon lange vorher üblich gewesen war, bei den Wahlen zum 
grossen Rathe, wo aus 90 Namen je 5 erloost wurden, auf das Herauskommen 
gewiSvSer Candidaten zu wetten. So hatte 1562 Pius IV. die sponsiones in eligendis 
ecclesiarum praelatis verboten. (Endemann a. a. 0., 73 fg.) Ausserhalb Italiens 
sind die Lottos nicht vor der Mitte des 18. Jahrh. nachgeahmt worden: 4 75i io 
Wien, 1763 in Berlin. Bis 4 771 in Deutschland zusammen 29, vom Staate ent- 
weder selbst betrieben, oder verpachtet. Eine Wochenschrift: »Lottologie oder 
kritische Beiträge zur Lotterielehrc«, 1770 und 71, hat im I. Bande sogar zwei 
Auflagen erlebt. 

5) Bei der französischen Lotterie betrugen 1792 — 4 8t8 die Gewinnste durch- 
schnittlich 72.27 Proc, die Yerwaltungskosten [darunter fast Ya ^ür die Einnehmer] 
8,8 2, der Reinertnig für den Staat 18,91 Proc. Das Maximum der ausbezahlten 
Gewinne 1814 = 90, das Minimum 1820 = 64,56 Proc. Der Reinertrag 1816 
—28 durchschnittlich 14,25 Mill. Fr. In Preussen behält der Staat 4 3^^» ^^oc. 
der Einsätze und im Etat für 1881/82 war der Keinertrag zu 4023400 Mk. an- 
gesetzt; in Hannover bei Gewinnen unter 4 000 Thlr. 4 Proc, bei höheren 12 Proc. 
Bei den jetzt üblichen Ausstellungslolterien scheinen 50 Proc. Verlust der Spieler 
gewöhnlich zu sein. (Endemann, 79.) Im Lotto ist z. B. die Wahrscheinlichkeit 
einer lerne = 4 : 11748, die einer Quaterne = 4 : 541038. Jene ward aber 
in Bayern nur mit dem 5400 fachen, in Osterreich mit dem 4800 fachen bezahlt; 
diese mit dem 60000 — 64500 fachen. Freilich kam es z. B. in Bayern 1852/53 
vor, dass alle Einsätze = 10592580 Fl. betrugen, alle Gewinnste = 10547549 Fl.; 
wesshalb der Staat einschliesslich der Verwaltungskosten Schaden hatte. (Bau, 
F. W. I, 342.) Auch das Berliner Lotto hat einmal in 7 Quartalen 92000 Thlr. 
Verlust gehabt. (Endemann, 75.) 

6) Die Ansicht, dass eine Lotterie zu Ersparnissen führe, insofern die kleinen 
Einsätze vom Einkommen bestritten, die grossen Gewinnste aber zum Vermögens- 
stamme geschlagen würden (Bernouilli, Schweiz. Archiv III, 4 4 2.): steht im 
Widerspruch mit der alten Erfahrung: Wie gewonnen, so zerronnen! Als in 
Frankreich die Lotterie aufgehoben war, empfing die Pariser Sparkasse während 
des näclisten Januars nachher 525000 Fr. mehr Einlagen, als im letzten Januar 
vorher (M. Mohl, Gewerbewissensch. Reise, 35.) Im Brüsseler Leibhause nahm 
4 829 nach Abschaffung des Lottos während der nächsten 5 Monate die Zahl der 



67^ Verslch einer Theorie der Finanz-Regalien. 181 

ist die Lotterie für solche Spieler, die Zeit genug haben, sich diese 
Unterhaltung zu gönnen, und Geld genug, sie zu bezahlen. Leider 
spielt aber die grosse Mehrzahl nicht um der Unterhaltung willen, 
sondern aus einer, überdies noch sich selbst täuschenden, Gewinn- 
absieht:') Personen folglich, welche entschieden besser thüten, nicht 
Diitzuspielen. ^) Solchen schadet die Lotterie mehr noch mittelbar 
und geistig, als unmittelbar und pecuniUr: indem sie nur zu leicht 
an die Stelle des Fleisses und der Sparsamkeit eine trügerische Hoff- 
nung, eine den Sinn benebelnde Zahlenmystik setzt, überhaupt zur 
Spielwuth verführt. Der Spielteufel knechtet seine Opfer mit ganz 
besonders verstrickenden Banden!-*) Kls ist darum begreiflich, wenn 
sich in neuerer Zeit die »aufgeklärte öffentliche Meinung« so oft für 
Abschaffung der Staatslotterien ausgesprochen hat^"), und England 



versetzten Pfander um 7837 ab, die Zahl der wieder eingelösten um 3609 zu, 
verglichen mit der entsprechenden Zeit des Jahres vorher. (Foreign Quart. Rev., 
No. XX.IX.) Wenn L. v. Stein Lotterien, wo nur um den Zins der Einsätze gespielt 
wird, ttls Sporn zu Ersparnissen rühmt (Finanz wissensch., 214), so kann das nur 
für das kleine Gebiet der Staatslotterieanleihen Geltung haben. 

7) Spielen Manche, um »sicherer« zu gehen, lieber ^4 Loose, als ein ganzes : 
so wird dadurch eben nur ihr Verlust wahrscheinlicher. Wer alle Loose nähme, 
der würde zwar alle Gewinne beziehen, aber von seinem wieder empfangenen 
Einsätze ganz sicher die Abgabe an den Slaal, sowie die Verwaltungskosten ab- 
gezogen sehen. 

8) Im C. Waadt wurden früher von :2007 Loosen 164 an Reiche, 909 an 
Personen mittlem Vermögens^ aber 934 an »Arme, Falliten und Unterstützte« abge- 
setzt. (N. Verhandl. der Schweizer gemeinnütz. Gesellsch. (1829) V, 363.) 

9) In einem englischen Dorfe, wie 1819 im Unterhause erwähnt wurde, 
bestand ein Wohlthätigkeitsciub für Alte und Sieche. Plötzlich gewann ein Bauer 
3000 £ in der Lotterie; und alsbald flog jener Wohlthätigkeitsciub auf, ein Lot- 
terieclub entstand, viele Personen versetzten ihre Möbeln, ja ihr Bettzeug, um nur 
spielen zu können. (Macculloch , Taxation, 313.) »Hexengold, das der Hölle 
zollt 1« (Schiller.) 

10) Nachdem in Frankreich der Kauzler Poyel, der freilich auch alles Ver- 
mögen der Unterthanen dem Könige zusprach, 1539 die Lotterie als Nachahmung 
von vielen »berühmten« Städten, und um den Unterthanen einen würdigern Zeit- 
vertreib zu geben, empfohlen hatte (Sismondi, Hist. des Fr. XVII^ 63 fg.), meinte 
Bornitz von den Lotterien : nee suadeOf nee dissuadeo. (De aerario, 1612, II, 4.) 
Latherus, De censu (1618) III, 15 und M. Faust, Consilia pro aerario (1641), 
ß. 201 missbilligen sie als Finanzquelle. Busch nennt sie eine Finanzmissgeburt, 
von der man am Ende des 18. Jahrh. in keinem europäischen Staate mehr wissen 
werde. Auch Beckmann, Beitr. z. Gesch. der Erßndungen (1805) V, 309ff. 
tadelt diese »schnöde Einnahmen aufs Entschiedenste. Stahl, Siebzehn parlament. 

18* 



182 Wilhelm Röscher, [68 

(1826), Hossen-Darmsladt (1832), Frankreich (1836), Bayern (1861) 
praktisch (h'esem Rufe gePolgt sind. — Freihch übersieht man bei 
solchem Extrem zwei wichtige Punkte, einen polizeihchen und einen 
finanziellen. So lange sich die Menschen selbst nicht gründlich bes- 
sern, wird die noch fortdauernde Spielsucht nach Wejjjfall der StaatvS- 
lotterien andere Befriedigungsniittel suchen : ausländische , private 
Lotterien, geheime Glücksspiele, bei denen es vielleicht unehrlich zu- 
geht, und die zugleich mit einander wetteifern, durch immer neue 
Formen die Spiellust immer stärker zu reizen.^*) Ebenso hat der 
Gedanke viel Ansprechendes, eine nicht lobenswerthe, obschon auch 
nicht verbrecherische Neigung der Menschen wenigstens zu einiger 
Gemeinnützlichkeit durch Besteuerung anzuhalten. '^) ^•*) Jedenfalls sind 



Reden, 1862^ S. 37 tT. erinnert emphatisch daran, wie in derselben Paiilskirche 
zwei so verschiedenartige Versammlungen, die Nationalversammlung von 1848 und 
der evangelische Kirchentag von 1854 (Referent Kapti) , einstimmig die Abschaffung 
der Spielhöllen etc. gefordert haben. 

H) Tn Neapel wurde 1687 das Lotto aus sittlichen Gründen aufgehoben, 
jedoch 1713 wieder hergestellt, weil das Volk inzwischen immer in ausländischen 
Anstalten gespielt hatte. Aus demselben Grunde sah man sich 1734 veranlasst, 
ebenso viele Ziehungen, wie in Rom, einzurichten. Galanti, N. Descrizione II, 
C. 16.) Papst Benedict XIII. haUe das Lottospiel noch mit dem Banne belegt; 
sein Nachfolger aber 1730 selbst ein Lotto errichtet, als seine Unterthanen durch 
die schwersten Strafdrohungen mit Brieferbrechen elc. nicht abgehalten werden 
konnten, in fremden Anstalten zu spielen. (Justi, Polit. und Finanzschriften IM, 
262.) So hat auch Frankreich die 1793 abgeschaffte L. 1797 wieder hergestejlt. 
In England «ollen seit Aufliebung der Lotterie die Wetten bei Pferderennen etc. 
sehr zugenommen haben. Wie in Nordamerika bei Hahnenk'ampfen wohl 14000 
Doli, verwettet werden, s. He.sse-Wartegg, Missisippifahrten, 247. 

12) Schon viele Kanonisten hatten das Spielen zu wohlthUtigem Zwecke für 
etwas gut Christliches erklärt. (Endemann, 64.) Die Lotterien des 16. Jahrb. 
verfolgten oftmals solche Zwecke: so die englische L. 1569 für die Marine, 1612 
für die amerikanischen Kolonien. Die holländischen L. seit 1549 für Waisen- 
häuser, Gerontokomien etc. Leibniz empfahl L., um gelehrte Gesellschaften darauf 
zu fundiren. (Opp. ed. Dut«ns V, 533. Guhrauer II, 197.) Noch J. Moser für 
wohlthätige Zwecke, für die es keine regelmässigen Deckungsmiltel gibt. (Palr. 
Phant. I, 27.) Der österreichische Lottopächter rausste 1777 5 Mädchen aus- 
steuern, deren Name zugleich mit den Nummern gezogen war; 1778 statt dessen 
eine Abgabe von 12000 FI. zu mildem Zwecke liefern. (Mailath, Osterreich. 
Gesch. V, 82.) Wenn es wahr wäre, dass 1757 das einem Italiener für 187000 FL 
verpachtete Lotteriemonopol eigentlich auf Privatrechnung des Kaisers Franz ge- 
gangen (Nicolai, Reise III, 273), so wäre das freilich zu dem Obigen der schroffste 
Gegensatz. 



69] Yersucb einbi Theorie der Finanz-Regalien. 183 

die verschiedenen Arien des Glückspiels in sehr verschiedenem Grade 
bedenklich. Je kleiner die Einsätze, je mehr das Spiel durch Grösse 
der Gewinne. Häufigkeit der Ziehungen etc. den Spieler geistig be* 
schäfligt, je mehr der Unternehmer dabei profitirt: um so schädlicher 
eine Lotterie. Also das Lotto am schädlichsten. ") 

Ähnlich zu beurthcilen, wie die Lotterien, sind die staatlich er- 
laubten, wohl gar verpachteten Spicihäuser, die neuerdings be- 
sonders in Hauptstädten und Badeörtern eine grosse Bedeutung er- 
langt haben. Nur waren hier die Schattenseiten zwar local beschränkter, 
wie denn manche Staaten sowohl ihren Beamten, als auch der nie- 
dern Klasse ihrer Unterthanen den Besuch ihrer Spicihäuser verboten 

13) J. Moser, Patr. Ph. I, il erinnert an die Bordelle, die ja auch, ist 
die Unzucht einmai unausroUhar, wenigstens ihre Verbindung mit Diebstahl und 
anderen Verbrechen hindern, zur Einschräniwung der Syphilis dienen und hcsleueil 
werden können. Freilich hinkt das Gleichniss insofern, als die Hurerei immer 
siindlidi i>t, das Glücksspiel doch nur unter ge>vissen Voraussetzungen. Un 
M. Alter konnte man übrigens hier und da wirklich auch von einem Hurenregal 
sprechen; wie denn z. B. die ön'entlichen Dirnen wohl Hübscherinnen [von »ho- 
lischv; courlisanes, cortesanas, cortifjiane heissen, unter dem Hofmarschall stehen etc. 
Vgl. Maurer, Gesch. der Krohnhöfe H, :J43.) 

II; Vgl. Pctiti di Koreto, Del giuoco del Lotto. i185').i Das bayerische 
Lotto hatte früher 36 Ziehungen jährlich! 

lü'i In Frankfurt a. M. bestand von 1379 — t43'i eine Spielbank für Würfel- 
spiel, von der Stadt verpachtet und l»csonders auf die Messen, aber auch wohl 
einmal auf den Koichslag berechnet. Ihr Krtrag scheint gegen 3 Proc. des durch- 
schnittlichen Stadteinkommens gewesen zu sein. (Kriegk F's. Bürgerzwiste etc., 
S. 344 IL). 

16) Vor Aufhebung der Pariser Spielliäuser gab es daselbst in 7 Anstalten 
9 Tische für Roulette, 6 für Trente et un und t für Creps; und es fand sich, 
dass \on den ^04 monatlichen yVbrechnungen dieser Tische 1837 nur t7 dem 
Unternehmer Schaden brachten. Er gewann in diesem Jahre 9288581 Fr. und 
verlor 809486. Ist es für den SUiat wohl anst;indig, eine so blinde Leidenschaft 
seiner Unterthanen oder Gäste auszubeuten? Auch hier die meisten Verluste der 
Spieler bei den niedrigsten Einsätzen : bei einem Tische, wo nur um Gold gespielt 
werden durfte, 7 Monate Gewinn^ 5 M. Verlust der Bank. Der Staat erhielt für 
seine Licenz 5^2 Mill. Fr., dazu noch über 1341000 Fr. für die Stadt Paris, so 
dass die Unternehmer 26 i 8 48 Fr. Profil über ihre Betriebskosten und Cautions- 
zinsen hatten. (Macculloch, Taxation, 315.) Unter Napoleon I. war der Ertrag 
der Spielpacht, = 3400000 Fr. , für die geheime Polizei verwandt worden. 
tThibaudeau VlII, 36i.) In Baden-Baden zahlte die Spielbank 1858/9 127400 Fl. 
Pachtzins, der alsdann für Gebäude, Anlagen, Freibäder an Ort und Stelle, zum 
Theil auch zur Unterstützung anderer BadeÖrler verwandt wurde. (Hau, F.-W. I, 348.) 



184 Wilhelm Röscher, [70 

haben; sonst aber noch schlimmer, als selbst beim Lotto. Es ist 
daher als ein segensreicher Fortschritt zu betrachten, tiass in Deutsch- 
land seit 31. December 1872 keine öffentlichen Spielbanken mehr 
bestehen dürfen. 

14. 

Der Tabak ist so unzweifelhaft ein Luxusartikel, dessen Ver- 
theuerung zu Gunsten der Staatseinnahme kein eigentliches Bedürfniss 
schmSilert, und doch zugleich von so ausgedehnter, wachsthumsfähiger 
Consumtion, dass der heute so übliche Ausdruck von seiner grossen 
»Steuerkraft«, wenn auch an sich unpassend mythologisch, doch ganz 
erklärlich ist.*) Gleichwohl stösst jede bisher angewandte Form, 
ihn einer hohen Steuer zu unterwerfen, auf die grössten Schwierig- 
keiten."^) 

A. Erhebt man die Steuer als Flächensteuer bei den Roh- 
producenten, etwa so, dass sie die mit Tabak zu bestellenden Grund- 
stucke anmelden und dann einen, je nach der Bodengüte abgestuf- 
ten Zuschlag zur Grundsteuer bezahlen: so ist zwar die Controle 
wegen der OHenkundigkeit leicht, aber wegen der grossen Verschie- 
denheit der Ernten nach Menge, Güte und Preis, eine irgend hohe 
Besteuerung unmöglich. ^) 

\) »Kein GeoussmiUel voo gleicher Entbehrlichkeit ist so stark begehrt. Sein 
Consuni deutet auf besonders steuerkräflige Einkommenstheile. Die Steuer gewahrt 
grossen und ziemlich sichern Ertrag«. (Schäffle, Grundsätze der Steuerpolitik, 
432.) In Frankreich wurde 1860 der ordinäre Rauchtabak von 7 auf 9, 1872 
auf H,5 Fr. erhübet, andere Sorten dem entsprechend; und jedesmal war der 
Rückschlag im Verbrauch ein ganz vorübergehender. Seil 1872 hat der Gesammt- 
ertrag um über 60 Mill. Fr. zugenommen. Le roy-ßea ulieu empfiehlt eine 
hohe Belastung des T. namentlich auch damit, weil derselbe keiner andern In- 
dustrie dient und dem Consumenten gar nichts nütze, vielen Anderen sogar lästig 
sei. (Sc. des F. I, 673 ff.). 

2) Schon Malchus, Finanzwissen-schafl und Finanzverwaltung I, 339. 345 
meint, dass die Monopolisirung der Fabrikation und des Debits mit Ausschluss der 
Freiheit des Tabaksbaues der einzige Weg sei , aus der Besteuerung der T. con- 
sumtion ein bedeutendes Einkommen zu ziehen. Auch Rau, kein Freund des 
Monopols, stinnnt dem wesentlich bei: Finanzwissensch. II, 4 40. 

3) Preussen vertauschte die seit t8l9 bestehende Gewichti>teuer 1828 wegen 
der vielen Klagen über die Controle mit einer Flächenst. in 4 Klassen : 6, 5, 4 
oder 3 Thir. pro Morgen. Die Zahlung erfolgte, wenn die Hälfte der vorjährigen 



~^j Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 185 

B. Wenn man dagegen die Rohproducenten nach dem Gewicht 
ihrer Erate besteuert, (natürlich, ebenso wie in den Fällen A. und C, mit 
entsprechender Zollbelastung des vom Auslande kommenden Tabaks), 
etwa im trocknen oder formentirten fabrikreifen Zustande, so kann 
die Steuer zwar hoch sein. ^) Zur Controle muss aber den Tabaks- 
bauera vielfach ein peinlicher Zwang auferlegt werden.*^) Die so sehr 
verschiedene Güte des Rohstoffes bleibt von der Gewichtsteuer 
unbeachtet: was eine harte Mehrbelastung der drmeren Consumenten 
bedeutet. ®) Ebenso ist die Nothwendigkeit eines langen Steuervor- 
schusses hier zwar der Zeit nach etwas kürzer, als bei der Flachen- 
steuer, kann auch statt des Pflanzers auf den Fabrikanten übertragen 
werden '); sie ist aber wegen des höhern, möglicherweise sehr hohen 
Betrages der Steuer hier noch weit lüstiger, kann sogar das iMit- 



Ernte verkauft war, oder spätestens bis Ende Juli. Bei Misswachs natürlich Nach- 
IU«ise. Der Ertrag war 1856 — 58 durchschnittlich nur t2it44 Thir. Die Pflanzer 
mit weniger als 6 Q. Ruthen Tabaksfeld (nach einer amtlichen Denkschrift etwa 
12000 0) blieben steuerfrei. Dieses preussische System wurde mit der Ausdehnung 
des Zollvereins auch von Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Oldenburg, Luxem- 
burg angenommen und 1867 auf die annectirten Provinzen ausgedehnt; ist dann 
auch in dem Ges. vom 26. Mai 1868 für den ganzen Zollverein im Wesentlichen 
beibehalten. 

4) Die badische Accise erhob 1812 — 1818 vom Ctr. beim Verkaufe nur 
24 Kr. und 6 Kr. Wagegeld. Dagegen das deutsche Reich von je 100 Kilogr. 
20 Mk. (1880), 30 Mk. (I88lj, von 1882 an 45 Mk. 

5j Das deutsche Gesetz vom 16. Juli 1879 zwingt die Tabaksbauer zur Pflan- 
zung in geraden Linien und gleichen Abständen ; das Köpfen und Ausgeizen muss vor 
Erhebung der Blätlerzahl durch die Feldcontrole beendigt sein, alle vor der Ernte 
stattfindenden Abfälle vernichtet werden. Den Bauern ist die Mischung der Tabaks- 
kultur mit anderen Pflanzen (§. 22), den Fabrikanlen die Benutzung von Surro- 
gaten untersagt (§. 27.) Die Trockenböden werden von der Steuerbehörde über- 
wacht (§. 10.) Was bei der wirklichen Verwiegung des Rohstoffes an der von 
der vorläufigen Feldcontrole festgestellten Blätterzahl und Gewichtmenge fehlt, 
muss gleichwohl versteuert werden, falls nicht der Abgang vorschriftsmässig ge- 
rechtfertigt ist (§. 6. 9.) 

6) Wenn der inländische Tabak einschliesslich der Stängel zwischen 7 und 
90 Mk. pro Ctr. kostet ;llirths Annalen 1879, 457), so würde eine Steuer von 
28 Mk. für den schlechtesten Tabak 400 Proc. betragen, für den besten nur 31 Proc. 
Der ausländische Rohtabak schwankt sogar zwischen 1 1 und 368 Mk. nach der 
Reichs-Enquete. 

7) In Frankreich 1797 den Fabrikanten eine Steuer von 40 Cent, pro 
Kilogr. der eingekauften Blätter aufgelegt. 



186 Wilhelm Roschbr, [72 

werben der minder kapitalreichen Fabrikanten fast unmöglich machen.^) 
Übrigens enthalt jede sehr hohe Besteuerung des Rohstofles bei sonst 
freiem Verkehr einen starken Reiz zu Fälschungen. 

C. Die Besteuerung des fertigen Fabrikats würde bei den Klein- 
händlern wegen der unendlichen Zersplitterung des Geschäftes kaum 
durchzuführen sein®), auch wohl eine Controlirung der Fabriken vor- 
aussetzen, die kaum geringer wäre, als wenn die Steuer bei den 
Fabrikanten selbst erhoben wird. Diese letzlere Form der Fabri- 
kat Steuer, in Russland *^) und Nordamerika dadurch erhoben, dass 
alle Tabaksfabrikate nur in gestempelten Hüllen, die nicht ohne Zer- 
störung der Stempelmarken zu öfl'nen sind, die Fabrik verlassen dürfen, 
hat manche Vorzüge. Die Qualität der Waare kann etwas mehr be- 
rücksichtigt werden, als beim Systeme B., da sich wenigstens Cigarren, 
Cigarretlen, Schnupf-, Rauch- und Kautabak leicht unterscheiden las- 
sen. ") Die Zahlung der Steuer liegt dem Consum näher. Dagegen 
unterwirft sie, wenn Dofrauden wirksam verhindert werden sollen, 
die Fabrikanten, die beim Systeme B., ebenso wie die Händler, ziem- 
lich ungefesselt waren, einer im höchsten Maasse drückenden Con- 
trole, ohne gleichwohl die Rohproducenten davon zu befreien. Das 



8) Beim Schnupftabak kano der Verarbeitungsprocess Jahrelang dauern. 
Übrigens würde eine massige Gewichlsleuer zur Controle der auf die RohstotTlager 
der Fabrikanten gebrachten Vorräthc ein sehr gutes Uülfsmittol zur Sicherung der 
Fabrikatsteuer sein. 

9) Eine bedeutende Menge namentlich von (jgarren kann ja auch mit Um- 
gehung des Krämers \on den hausindustriellen Arbeitern selbst verkauft >\*erden. 

lOJ Schon Napoleon hatte dies System in dem Deerete vom 16. Juni 1808 
(Art. H fg.) versucht. Nach seinem russischen Nachahmer, Graf Cancrin (Öko- 
nomie der menschl. Gesellschaft, tbt) »führt sich das Mittel der Banderolle, auch 
bei Karlen gebräuchlich^ gut durch«. Da indess zur Bequemlichkeit der Steuer- 
behörde jene gestempelten Hüllen nur in grossen Quantitäten verkauft werden, so 
ist der Grossbelrieb ungemein begünstigt. Die Händler dürfen nur aus den paten- 
tirten Fabriken beziehen und nur in ganzen Packelen oder Kisten ohne Verletzung 
der Banderolle verkaufen. 

H) Sowohl Russland, wie die V. Staaten haben sich gcnöthigt gesehen, die 
versuchte Qualitätstaritirung wieder fallen zu lassen. Wennllirth (Annalen 1871, 
752 tr.) eine Werthsteuer der Tabaksfabrikale empfiehlt, so wird dabei u. A. eine 
Verpflichtung aller inländischen Rohproducenten und Importeurs vorausgesetzt, die 
Übereinstimmung der Factura -Werthdeclarationen mit den wirklichen Ankaufs-, 
resp. Einkaufspreisen an Eidesstatt zu bescheinigen! 



73] Versuch ei!«ek Theorie der Finanz-Regalien. 187 

nordaDierikanische System'^), auch nach der Rerorm von 1868, mit 
seinen zahllosen harten Strafen, seiner beständigen, durch Angeberei 
verstärkten Inquisition, wäre dem Schreckenssystem eines Belagerungs- 
zustandes zu vergleichen, wenn nicht die von ihm Betroflenen ihren 
Beruf, der sie beinahe zu kurz gehaltenen, unsicher besoldeten Staats- 
beamten macht, freiwillig erwählt hätten und beibehielten. So demo- 
kratisch die Tabaksteuer dort eingerichtet ist, so beschränkt sie die 
persönliche Freiheit kaum weniger, als die Monopol Verfassung der 
absolutesten Monarchie dies thun würde. '^) 



12) Ganz anders in Württemberg 1812 — 28, wo nach Aufhebung des Tabaks- 
regals den Fabrikanten und Händlern eine Steuer von zusammen nur 40000 Fl. 
auferlegt, und diese nach Fassionen über ihren Absatz, späterhin nach einet Klas- 
seneinschäizung ihres mutbmasslichen Absatzes umgelegt wurd%. (Raii, F. W. 
II, §. 440.) 

1 .^] Alle Tabakshändler und Fabrikanten müssen eine jährlich zu erneuernde 
Licenz in Stempelmarken losen, die hernach kassirt im GeschäfUslocale sichtbar 
sind. Wer ohne Licenz sein Geschäft anfängt oder fortsetzt, verwirkt Geldstrafe 
bis 500 Doli, oder Gefängniss bis zu einem Jahre. Die Namen der Licentiirten, 
ebenso vrie der registrirten Cigarrenarbeiter sind bei der Steuerbehörde ausgehängt. 
Wer einen nichtregistrirten Cigarrenmacher beschäftigt, zahlt pro Tag 5 Doli. Strafe. 
Die Tabakspflanzer dürfen nur an licentiirtc Personen verkaufen. Jeder Fabrikant 
muss eine genaue Beschreibung seiner Fabrik einreichen^ deren Genauigkeit u. A. 
dadurch controlirt wird, dass für die Anmeldung der Maschinen elc. ein Certihcat 
der Steuerbehörde jederzeit im Fabrikiocale ausgehängt sein muss. Jede Fabrik 
muss bei 100 — 300 D. Strafe durch ein Schild äusserlich bezeichnet sein. 
Der Fabrikant hat jährlich ein neues Inventar seiner Vorräthe aller Art einzu- 
reichen, in der vorgeschriebenen Form täglich über alle Käufe, Verkäufe, Ver- 
sendungen Buch zu führen und monatlich einen Auszug daraus einzuliefern : bei 
Strafe von 500 — 5000 D. Geld und 10 Monaten bis 3 Jahr GePängniss. Eine 
Caulion von 2000 — iOOOO D. ist von jeder Fabrik zu bestellen: wer vorher Tabak 
fabricirt, wird mit 1000 — 5000 D. und 1 — 5 Jahren Gefängniss bestraft. Selbst 
die bausindustriellen Cigarrenarbeiter sind zu 500 D. Gaution verpflichtet. Wer 
Tabak in anderer als der gesetzlichen Verpackung feilbietet, hat 100 — 5000 D. und 
6 Monate bis 2 Jahre Gefängniss verwirkt. Wer die Adhibiruug der Etikette 
unterlässt oder die Etikette unbefugt abnimmt, zahlt 50 D. für jedes Päckchen. 
Jeder Tabakspflanzer, Rohtabakshändler oder Verkäufer anderer zur Tabaksfabri- 
kation dienlichen Materialien muss bei schwerer Strafe der Steuerbehörde auf Ver- 
langen anzeigen, an wen und zu welchem Betrage er verkauft hat. Auch die 
Käufer der Fabrikate werden zur Controle herangezogen : wenn sie von einem 
Fabrikanten kaufen, der seine Steuer nicht bezahlt hat, so wird die gekaufte 
Waare confiscirt und sie selbst in 100 D. Strafe genommen. Das vom Steuer- 
beamten zu führende Kataster, das nicht bloss die Inventare^ sondern auch die 
monatlichen Buchauszüge aller Fabrikanten enthält, muss Jedermann zur Einsicht 



188 Wilhelm Röscher, [74 

D- Das englische Verfahren, den Tabak nur mit einem Ein- 
fuhr z o 1 1 e zu belegen, hängt zusammen einerseits mit der frühem 
Kolonialpolitik ^^), andererseits mit der bloss maritimen, also leicht zu 
bewachenden Gränzlinie Englands. xMan kann eben darum die Steuer 
sehr ausgiebig machen, auch die Qualität der Waare berücksichtigen, 
wenn die Einfuhr auf wenige, mit ausgezeichneten Kennern besetzte 
Zollstätten eingeschränkt wird. Dagegen hat dies System den grossen 
Nachtheil, dass jeder inländische Tabaksbau verboten sein muss. *^ 

Ein Tabaksregal besteht gegenwärtig in Frankreich, Öster- 
reich, Spanien, Portugal, Italien und Rumänien. ^^) In Preussen ist 



offen liegen. Dabei werden fast alle Erklärungen über steuerliche Verhältnisse 
beschworen. Man sieht, wie hier die Grundsätze der Selbstdeclaration, der Selbst- 
besteuerung (durch Stempelmarken) und der Controle durch Oflentlichkeit mit einer 
sehr geringen Beamtenzahl doch ein äusserst wirksames System bilden. Vgl. Fel- 
ser in Hirth*s Annalen, 4 878, 300 IT. 

\ 4j Sollten die tabakbauenden Kolonieen ihre Gewerbe- und Handelsbedürf- 
nisse ausschliesslich vom Mutterlande beziehen , so schien es billig, ihnen für ihre 
Rohproducte einen entsprechenden Yortheii zu gewähren. 

1 5) Nachdem noch Jacob I. allen Tabaksgenuss verboten hatte, führte Karl I. 
ein Regal des Tubakhandels ein. [Rymer Foedera XIX, 554. Anderson, Ori- 
gin of commerce, a. 4 634.) Der inländische Anbau (auch für Irland) 1652 und 
1660 untersagt. Während des Krieges mit Nordamerika wurde 1779 das Verbot 
für Irland suspendirt, 4 782 aber auch auf SchoUland ausgedehnt und 4 831 in 
Irland wiederhergestellt. Übrigens ist im Y. Kgr. der Tabaksschmuggel sehr be- 
deutend, obwohl in einem 7meillgen Gränzbezirk keine Tabaksfabrik geduldet wird. 
Nach Macculloch soll in England über ^4 , in Irland sogar bis ^4 ^^^ Tabaksver- 
brauches eingeschmuggelt worden sein. Auch über Fälschungen sehr geklagt: von 
857 Sorten, die 1871/73 untersucht wurden, fand man 479 durch Zusätze von 
Sand, Eisenoxyd, Schwefel etc. verfälscht. (Bericht der deutschen T.-Enquöte- 
Commisslon Y, Drucks. 2, S. 8.) 

16) Frankreich hatte seit 1629 einen Einfuhrzoll von 30 Sous pro Pfund, 
seit 1674 das Regal, das verschiedenen Compagnien nach einander, später den 
Generalpächtern, verpachtet wurde. (Forbonnais F. de Fr. I, 213. 537; vgl. 
Bulletin de statistique et de legislation comparee, Fevr. 1877.) Kurz vor der 
Revolution war der Reinertrag 30 Mill. Livres. Statt des Monopols 1794 wieder 
ein Einfuhrzoll, 1797 daneben eine Fabrikabgabe, die aber trotz der von Napoleon 
verschärften Controle nur gegen 4 8 Mill. Fr. einbrachten. Daher vom 1. Juli 
4811 an wieder Regal. Der Minister bestimmt jährlich den Bedarf an inländivschem 
Tabak, wie viel davon auf jedes Departement und Arrondissement kommen soll, die 
Baufläche und die Einlösungspreise. Eine erste Inventur erhebt die Zahl der 
Pflanzen, eine zweite die der brauchbaren Blätter. Bis 1 . August muss aller Tabak 
entweder an die Behörde abgeliefert, oder ausgeführt, oder zum Zwecke der Aus- 



7^] Yebsuch einer Theorie der Finanz-Regauen. 189 

es wiederholentlich versucht, doch jedesmal, und zwar unter grossem 
Beifall der öfTentlichen Meinung, wieder aufgegeben worden. ") In 
keinem der obigen Regallllnder hat man die grossen Schattenseiten 
der Monopolisirung vermeiden können. Eine blühende, wahrhaft ex- 
portfähige Industrie konnte sich mit dem Monopole nicht vertragen. ^^) 



fuhr amtlich gesperrt sein. (v. Hock, Finanz Verwaltung Frankreichs, 340 (T.) — In 
Österreich datirt das Regal von 4 670. Erst dem Land-Jägermeister übergeben, 
welcher das kais. Jagdgeräth davon erhalten musste. Später verpachtet, bis der 
Staat 1784 Fabrikation und Verkauf in Regie nahm. Seit 1834 sind die Geschäfte 
vertheilt zwischen einer T. Fabrikdirection, die bloss das Technische besorgt, und 
den Provinzial-FinanzbehÖrden, welchen der Vertrieb, Schulz gegen Schmuggler 
etc. zusteht. Seit 1851 ist auch Ungarn dem Monopole unterworfen. Der Tabak, 
der nur in die Regierungsmagazine geliefert oder ausgeführt werden muss, wird 
in 25 Staatsfabriken verarbeitet, dann aus 69 Niederlagen an 506 Hauptverleger, 
weiterhin gegen 70000 Klcinverschlcisser (in Frankreich nach v. Hock über 33300 
mit tO — 4 2 Proc. Gewinn) abgegeben, denen ein bestimmter Preis vorgeschrieben 
ist. Der Gewinn jener beträgt 1 Y2 Proc, dieser 2 — 10 Proc, je nachdem die 
Sorte mehr oder minder gangbar. Viele Pensionäre, Wittwen etc. mit solchen 
Stellen versorgt. Vgl. v. Plenker, Das osterr. Tabaksmonopol (1857). Portugal 
führte das Tabaksregal 1674 ein (Schäfer, Portug. Gesch. V, 92 If.), Spanien 1730 
[Bourgoing, Tableau H, 9 fr.). Das italienische (seit 1865) hat in Venedig schon 
seit 1657, bald nachher im Kirchenstaate Vorläufer gehabt. Rumänisches Regal 
seit 1865. 

17) In Preussen hatte schon Friedrich Wilhelm I. 1719 das Tabaksregal ein- 
geführt, nachdem vorher die Accise vom Tabak bedeutend erhöhet worden war. 
Doch wurde 1724 das verpachtete Regal wieder abgeschafft, (v. Reden, Finanz- 
statistik II, 74.) Als Friedrich Wilhelm II. das von ihm selbst aufgehobene Frie- 
dericianische Regal 21. Mai 1797 wiederherstellte, war der Vorwand, dass man 
der ärmern Klasse w^ohlfeilern Tabak liefern und dafür die Reicheren »gehörig« be- 
lasten wollte. (Riedel, Brand, preuss. Staatsh., 199.) Gleich nach seinem Tode 
hob der Nachfolger das Regal wieder auf. Bergius, Finanz Wissenschaft, 209 meint: 
«kein preussischcr Finanzminister wird im Stande sein, das Monopol wieder ein- 
zuführen, auch wenn er ein so schlechter Finanzmann wäre, dass er dies über- 
haupt wollen könnte«. 

1 8) Die französische Vorschrift, dass Ye ^^^ Regiefabrikate aus inländischem 
Rohstoff gemacht werden sollten (nach dem Decrete von 1810 sogar ^Yis), war 
um so unpraktischer, als gerade eine Regie wirklich nicht umhin kann, den bessern 
und wohlfeilem ausländischen Tabak in grösserer Masse zu verwenden. So ist 
denn 1835 die nichtssagende Vorschrift an die Stelle getreten, dass höchstens 
V5 durch den inländischen Tabaksbau gedeckt werden sollen. Man rechnet übri- 
gens in Frankreich nur 8 Gtr. trockner Blätter pro ha, höchstens 21 Ctr., während 
in Belgien durchschnittlich 36, in den Haupt-Tabakdistricten Flanderns sogar 40 — 44 
Ctr. auf die ha kommen. (Rau I, 298.) Der französische Bau zum Export er- 



190 Wilhelm Röscher, [76 

Der Genuss des Tabaks ist der Bevölkerung spärlicher, wahrschein- 
lich auch schlechter zugemessen, als bei voller Freiheit der Fall sein 
würde J^) Uen Schmuggel hat eine sehr drückende Controle doch nicht 
erdrückt.*^") Aber die iMöglichkeit, den Monopolgewinn nach der 
Güte der verschiedenen Sorten, also in der Regel nach der Zahlungs- 
fähigkeit der Käufer, billig abzustufen, ist unstreitig vorhanden.^*] 
Und die finanziellen Erträge des Monopols sind dermassen glänzend, 
dass man das Streben z. B. der deutschen ReichsregiiTung nach einem 
Tabaksregal nicht unbegreiflich finden wird. Deutschland bezog 1878 



zeugte 4 868 nur 12i7i Gtr., also weniger, als manche badische Einzelgenieiode. 
Dagegen liess Frankreich 1864 fast ^/^ Mill. Kiiogr als Ausschiisswaare verbrennen, 
im Dept. Niederrhein allein 275705. (Creizenach, Die französische T. Regie, 
1868, 76.) Die oft hervorgehobene Thatsache, dass Ungarn eben nach Einführung 
des Regals seinen Tabaksbau von 20225 ha und 30i2i0 Clr. (1851) auf 60758 ha 
und 1154860 Ctr. (1875) gesteigert habe, spricht durchaus nicht zu Gunsten des 
Monopols, erklärt sich vielmehr schon daraus, dass Ungarn, von Natur sehr zum 
Tabaksbau geeignet, von der Österreichischen Regie, mit Ausschluss der meisten 
übrigen Provinzen, zum Hauptlieferanten des Rohstoffes gemacht wurde. Vgl. 
Preuss. Slaatsanzeiger 1868, No. Hl. 

19) Der Tabaksverbrauch pro Kopf der Bevölkerung war in Frankreich ^1872) 
etwas über I V2 Pfd-, in Österreich (1871/5) 2,98, Grossbritannien (1870/6) 1,35, 
Nordamerika (1875/6 3,25, Deutschland (1871—77: 3,75 Pfd. Dabei ist sowohl 
die Güte, wie namentlich der Sortenreichthum in Deutschland gewiss grösser, als 
in den Regalländern. 

20) Wenn in Frankreich z. B. 1872 auf den Kopf der GesanmitbevÖlkerung 
781 Gr. Tabak verbraucht wurden, hatten drei llauptsitze des T. baues, die 
Dptmts. Lot, Lot und Garonne, Dordogne, nur 334, 506 und 326 : was doch ziem- 
lich sicher auf einen bedeutenden Unterschleif in diesen letzteren schliessen lässt. 

21) Wirklich benutzt wird diese Möglichkeit übrigens selbst in Frankreich 
nur sehr ungenügend. Um den Schmuggel vom Auslande her wirksamer zu be- 
kämpfen, wird in den Gränzgegenden, Zonenweise abgestuft, der Tabak wohlfeiler 
verkauft, als im Binnenlande: ordinärer Cantinen-Tabak pro Kiiogr. in Zone I. zu 
2 Fr. 60 Ct., Zone II. zu 4,40, Zone IH. zu 7,20, im Innern zu 11,50. Also 
^ji der Bevölkerung sehr massig besteuert, damit ^j'j sehr hoch besteuert werden 
können ! Trotzdem werden in den französischen Gränzdeptmts. durchschnittlich 
3000 Ctr. fremden Tabaks mit Beschlag belegt, und wahrscheinlich 10 mal so 
viel glücklich eingeschmuggelt. (Kühne a. a. 0., 68.) Nach J. Krükl, Das T.- 
Monopol in Österreich und Frankreich 1878) betrug 1873 der mittlere Gewinn 
der französischen Re^ie 430 Proc. der Selbstkosten; aber für Scaferlati 597, für 
Rollen und Carrotten 505, für Schnupftabak 858 Proc. In Frankreich wie in 
Österreich macht der Gewinn von den sehr feinen Cigarren nur einen winzigen 
Theil des ganzen aus. (Kühne, Der Zollverein und das T. monopol, 1857, S. 53.) 



77] Vebsuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 19 t 

aus seinen Tabakssteuern 0,34 Mk. pro Kopf der Bevölkerung, Russ- 
land 0,47, Nordamerika 4,36, Grossbritannien 4,86, und die Regal- 
staaten Österreich 3,41, Ungarn 1,58, Italien 2,53, Frankreich 5,68, 
Portugal 2,71.22) 

Mir vvilrde in Ländern, wo das Tabaksregal Wurzeln geschlagen 
hat, seine Aufhebung, etwa aus doctrinörer Begeisterung für die Ver- 
kebrsfreiheit, als ein arger FehlgrilT erscheinen. Die Schwierigkeiten 
freilich, gegenüber einer grossen, blühenden Privatindustrie, wie in 
Deutschland, das Staatsmonopol erst einzuführen, sind von der Art, 
dass z. B. die gewiss nicht für das Bestehende parteilich zusammen- 
gesetzte EnquÄte-Commission sie für unübersteiglich erklärt hal.^^) 
Eine ungenügende Entschädigung der Expropriirten^^) wäre ein Stück 
socialer Revolution: um so schlimmer, weil es durch keinerlei finan- 
zielle Nothwendigkeit entschuldigt würde und vorzugsweise die klei- 



tt] Schäflle, Steuerpolitik, 433 halt 4 Mk. pro Kopf durcli ein deutsches 
Tabaksregal nach Ablauf einer Übergangszeit für sehr wohl erreichbar. In Frankreich 
hat sich die Bruttoeinnahme von 53,872 Miil. Fr. (1845) auf 255,707 Mill. (1869) 
erhoben^ während die Kosten nur von 21,7i9 auf r)8,496 Mill. wuchsen. Auch 
in Österreich hat sich 4 85t bis 1870 der Reinertrag verdreifacht. 

23) Diese Coramission bestand aus 2 Vertretern des Reichskanzlers, 5 Be- 
amten der grösseren Bundesstaaten, einem Mitgliede für die Hansestädte und 
3 Sachverständigen für Bau, Fabrikation und Handel des Tabaks. Ihr Beschluss wurde 
mit 8 gegen 3 Stimmen (der beiden Vertreter des Reichskanzlers und des würltem- 
bergischen) gefasst. 

24; Während der württembergische Monopolfreund v. Moser 687 Mill. Mk. 
Entschädigung billig fand, wobei die Nebengewerbe der Tabaksindustrie, ebenso 
die Zollausschlüsse noch gar nicht berücksichtigt waren, nimmt die »Begründung« 
des Gesetzentwurfes vom 27. «April 1882 nur höchstens 256874424 Mk. in Aus- 
sicht. Auch im Einzelnen viel Bedenkliches. So ist der Rechtsweg bei Feststel- 
lung des Schadensersatzes völlig ausgeschlossen. Die Fabrikanten, die nicht wenig- 
stens 4 Jahre lang ihr Geschäft unausgesetzt betrieben haben, erhalten für den 
Verlust ihrer bisherigen Erwerbsthätigkeit gar keine Entschädigung. [§. 66.) Ebenso 
diejenigen Fabrikdirectoren^ Inspectoren, Arbeiter etc., welche »die Annahme eines 
ihrer bisherigen Lebensstellung angemessenen Postens im Dienste der Monopol Ver- 
waltung ohne ausreichenden Grund ablehnen«. (§. 67.) Soll es z. B. ein aus- 
reichender Grund sein, wenn der bisherige Cigarrenarbeiter zugleich Feldbau trieb 
und nun seinen Wohnort ni/:ht wechseln mag? Die »Personal Vergütung«, weiche 
für die nichlwiederangestellten Arbeiter bis zum Fünffachen des jährlichen Ver- 
dienstes beabsichtigt war (§. 67), hätte für Ungebildete, Unwirthschaftliche gewiss 
eine gerährliche Versuchung gebildet. 



192 Wilhelm Röscher, [78 

Deo Bauern und Hausinclusliiellen verletzte. ^^) Eine wirklich ge- 
nügende Entschädigung würde aber den fiscalischen Gewinn der 
ganzen Massregel wenigstens für eine längere Zeit sehr zweifelhaft 
machen. ^^) Sie ist auch für eine grosse Zahl der Beschädigten kaum 
durchführbar, wegen der Unmöglichkeit einer genauen Berechnung 
ihres Verlustes. So z. B. für manche Nebengewerbe ^'); für die Kauf- 
leute, die bloss nebenher etwas Tabak absetzen^); ganz besonders 
für die Hansestädte, die fast ohne Zweifel von ihrer Stellung als Welt- 
märkte des Tabakshandcls sehr viel verlieren würden. Überhaupt ist 
es eines der schwersten Bedenken wider die ganze Massregel, dass 
sie die verschiedenen Bundesstaaten, und auch im Einzelnen die ver- 
schiedenen Theile derselben im höchsten Grade ungleich treffen würde. 



25) In Frankreich kommen auf eine ha Tabaksland nur 3, in Deutschland 
9 Pflanzer : wie denn allerdings gerade der Tabaksbau wegen der grossen Arbeits- 
menge, die er fordert, besonders für die kleinen Landwirthe passt. Hinsichtlich 
der Fabrikation ist wohl zu beachten, dass namentlich die Cigarren zu den wenigen 
Producten gehören, welche die sonst überall im Rückgange befindliche Hausmanu- 
factur nicht bloss vertragen, sondern sogar dem Grossbetriebe vorziehen. Wie 
mancher^ von anderen Gebieten verdrängte , Hausindustrielle hat sich neuerdings 
in diesen Hafen gerettet! Auch das gibt zu denken, dass Actiengesellschaften 
bisher in der Tabaksindustric wenig gediehen sind. Während in Deutschland die 
Zahl der männlichen Tabaksarbeiter viel grösser ist, als der weiblichen (4861 = 
32702 M., 2U36 W.j, hat die österreichische Tabaksindustrie 3098 M., 22151 W., 
6-')8 Kinder; die französische 4 384 M., 4 3779 W. Also auch in diesem Punkte 
würde die Regalisirung ein mit Recht beklagtes sociales tlbel des neuem Gewerb- 
fleisses wesenUich verschlimmern ! 

26) Sehr billig scheint der Vorschlag der Elberfelder Zeitg. 4. Mai 4 882, 
wonach die Regie alle bisherigen Arbeiter behalten soll. Wenn dies zunächst eine 
Überproduction bewirken werde (aber doch nur unter Voraussetzung stark erhöhter 
Fabrikatpreise}, so könne man solche leicht und unmerklich heilen durch unter- 
lassene Annahme neuer Arbeiter, bis ein Theil der bisherigen weggestorben sei. 
Ähnlich Schäffle, Steuerpolitik, 444. 

27] Allein die Kistchenfabrikation auf dem Bremer Freihafengebiete producirte 
4 877 für 4 928878 Mk., wovon nur 4 54402 Mk. ins Ausland gingen. 

28) Auf dem deutschen Handelstage wurde am 4 0. Decbr. 4 884 berechnet, 
dass die Tabaksindustrie gegen 360000 im Kleinverkauf Nebenbeschäftigte zum 
Theil erhalte. So haben gegen das Tabaksmonopol zahlreiche kaufmännische Ver- 
eine beim Reichstage petitionirt, weil bei der Entschädigung nur an die Händler 
und technischen Gehülfeo (was heisst otechnisch«?), aber gar nicht an die kauf- 
männischen gedacht sei. Noch dazu in einer Zeit so verbreiteter Stellenlosigkeit, 
dass z. B. 4 884 bei den Vereinen zu Bremen, Frankfurt a. M. und Mannheim 5730 
Suchende nur 14 20 Stellen ßnden konnten. 



7dj Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 193 

Vertheilt man den Reinertrag des Monopols unter die Biindes.staaten 
Dach ihrer Einwohnerzahl, so würden Baden und K. Sachsen sehr 
verlieren^), Württemberg hingegen mehr gewinnen, als seine Unter- 
tbanen verloren hatten. Nun gibt es aber für den innern Frieden 
eines Bundesstaates kaum eine grössere Gefahr, als wenn sich bei 
vielen Mitgliedern die Überzeugung verbreitet, dass sie zu Gunsten 
anderer wirthschafllich Ubervorlheilt werden sollen. ^)^^) 



29) Von den (4 881) 27277 ha Tabaksland im deutschen Reiche besiUt 
Baden 8 477, also gegen 30 Proc. (Preussen 6900, Bayern 6400], während seine 
Bevölkerung nur 3,4 Proc. der deutschen beträgt. Das Kgr. Sachsen hat zwar 
wenig Tabaksbau, aber sehr \iele Tabaksfabrikation: es kommen auf diesen Staat 
6,1 Proc. der deutschen Bevölkerung, aber H^l Proc. von den mit Tabaksfabri- 
kation Beschäftigten. Nach einer Denkschrift der Mannheimer Handelskammer sind 
auf je 1 0000 Personen mit Tabaksverarbeitung beschäftigt im ganzen Reiche 260, 
in Baden 895, Altenburg 880, Bremen 854, Hessen 808, Braunschweig 529, 
K.Sachsen 447, Preussen 232, Elsass 222, Württemberg 4 05. Württemberg hat 
nur einen Gesammtumsatz von Tabak von H, Baden von 59 Mill. Mk. Noch 
aafTalliger würde ein ähnlicher Gegensatz unter den Gemeinden sein, denen doch 
vom Zustandekommen des Tabaksregals eine Erleichterung ihrer Gemeindelasten in 
Aussicht gestellt war. Nach den Vorschriften, die man zur Controle des Tabaks- 
baues beabsichtigte, würden z. B. in Baden 6 Bezirke mit 36 Ortschaften und 
394 Pflanzern, ausserdem noch 102 andere Gemeinden wegen nicht genügender 
Anbaufläche ihren Tabaksbau gänzlich verloren haben. In vielen badischen Ge- 
meinden muss das gesammte Tabaksgewerbe jetzt 10 — 20 Proc. der Communal- 
steuern aufbringen : wogegen der Monopol-Gesetzentwurf die künftigen Reichsfabriken 
ausdrücklich von allen St;iats- und Gemeindesteuern ausnimmt (§. 27). 

30} Schaffte, der schon 1868 das Tabaksregal für Deutschland empfohlen 
hatte (D. Vierteljahrsschr. No. 122, II, 340 ff.), verlangt bei der Ablösung der 
Privatindustrie die strengste Gerechtigkeit der Entschädigung. Er gibt aber den 
jetzigen Fabrikanten etc. daneben ernstlich zu bedenken, dass ohne Monopol eine 
starke Erhöhung der Steuer, etwa der Fabrikatsteuer wahrscheinlich ist, und dass 
auch diese den Erfolg haben würde, einen grossen Theil von ihnen zu Grunde 
zu richten: solches natürlich ohne Entschädigung, während bei der Einführung 
des Regals die volle Entschädigung wenigstens möglich wäre. (Steuerpolitik, 441 fg.) 

34) An das Tabaksregal erinnert das Staatsmonopol der Coca in Bolivien 
(Wappäus, M. und S. -Amerika, 698]; auch das Staatsmonopol der Matebäume 
in Paraguay, wodurch Fälschungen verhütet und die Bäume selbst vor der Aus- 
rottung (wie bei den Cinchonawäldern Peru's, Bolivia's und Ecuador' s) geschützt 
werden. (Wappäus, H64. H68.) In Ostindien Opiumregal, das sogar, wenn 
die freiwilligen Mohnpflanzer nicht genug in die Regierungsmagazine liefern, mit 
einem Rechte des Zwanges zum Mohnbau verbunden war und 1855/56 4871227 
£ St. eintrug. (Wappäus, Asien, 535fg.) Um 1880/1 =8451294. 



194 Wilhelm Röscher, ^80 

15. 

Für die Rei^alitiit des Salzes können die obigen Rechtfertigungs- 
gründe des Tabaksregales nur in sehr geringem Masse gelten. Das 
Salz r egal war früher bei den Regierungen, die es gerne mit dem 
Bergregal (System, Bd. III, §. 180) in Verbindung setzten, beliebt 
namentlich aus folgenden Gründen.*) 



{) Die römischen Salinen zu Ostia dem König Ancus Martius zugeschrieben. 
(Liv. I, 33.) Die staatliche Monopolisirung des Salzes 506 v. Chr. scheint zunächst 
eine Erniedrigung des Preises als blandimentum plebi erstrebt zu haben. (Liv. 
11, 9.) Die Censur des Livius Salinator steigerte 206 v. Chr. den Salzpreis in 
unpopulärster Weise. (Liv. XXIX, 37.) Nachmals war der Ankauf nur den 
Pächtern der Staatssalinen gestattet und die Ausfuhr aus einer Provinz in die 
andere verboten. (Becker, Rom. Alterth. III, I, S. 123. 205) In Deutschland 
haben zwar noch während des 16. Jahrh. einzelne Landesherren Privatsalinen ge- 
pachtet (Mittermayer, D. Privatrecht II, §. 3 t 2); aber der Gedanke, dass die Stein- 
salzwerke regal seien, der bereits unter den Hohenstaufen auftaucht (Böhmer, 
Regesta Friderid II, No. 171. 212. 325. 593), in der goldenen Bulle (IX, 1) für 
die Kurfürsten durchdringt, hat sich nachmals auch der Salzquellen dermassen 
bemächtigt, dass v. Gerber, System des Deutschen Privalrechts, §. 98 ihn als ge- 
meinrechtlich anerkennt. Vgl. das preuss. Allg. Landrecht II, 16, §. 71, nachdem 
in Brandenburg 1652 gegen heftigen Widerspruch der Stände das Regal eingeführt 
worden war (Stenzel, Preuss. Gesch. II, 80); ferner Römer, Staatsrecht von Sach- 
sen II, 683; V. Kreiltmayr, Bayersches Staatsrecht, 372 fr. Württemberg hat das 
Regal erst 1807 bekommen. Vor 1866 bestand in Osterreich, sowie mit Aus- 
nahme Hannovers und Oldenburgs in sämmtlichen Zollvereinsstaaten das Salzregal. 
Entweder gehörten alle Salinen dem Staate (Österreich, Bayern, Baden, Rurhessen, 
Hessen- Darm Stadt); oder es durften die Privatsalinen bloss dem Staate verkaufen 
(Preussen); oder endlich ein von Natur salzarmes Land erhielt seinen Bedarf nur 
durch Regierungseinfuhr (Kgr. Sachsen, Luxemburg, Nassau): wo dann in allen 
drei Fällen die private Einfuhr untersagt war. Der Verkaufpreis des Salzes ent- 
weder für alle Theile des Staates gleich (Preussen), oder je nach Entfernung der 
Salinen, Gefahr des Schmuggels etc. verschieden. (Österreich, Bayern.) Wo man 
sich zum Kleinverkauf der Privathändler bediente, war diesen regelmässig eine 
Taxe vorgeschrieben. — In Krankreich wird die gabelte du sei zuerst gesetzlich 
erwähnt 1318, doch als früher schon bekannte und nur vorübergehende Kriegs- 
last. Sie wurde aber kurz vor Mitte des 14. Jahrh. für den grössten Theil des 
Staates in Form eines (seit 1548 verpachteten) Staatsmonopols bleibend. Die von 
Franz I. versuchte Gleichstellung der Gabelle und des Salzpreises für alle Pro- 
vinzen verursachte in den Küstenlandschaften (die nach Bodin, De republ. VI, 2, 
eine bedeutende Salzausfuhr hatten), schwere Aufstände; so 1548 in Guyenne. 
(Sismondiy Hist. des Franyais XVII, 350 fr. 131fr.) Bis zur Revolution unterschied 
man: 1) pays des grandes gabelles, wo der Ctr. Salz bis 62 Livres kostete und 



^^j Versuch einer Theorie der Finanz-Regauen. 195 

A. Es hat wegen der ünentbehrlichkeit des Salzes^) einen ebenso 
reichen, wie sichern Ertrag.^) Freilich gewinnt eben damit jede 
Salzauflage einen kopfslcuerähnlichen Charakter: d. h. sie würde nur 
in einem Steuersysteme zu rechtfertigen sein, welches die unterste 
Klasse der überhaupt noch Steuerfähigen nicht schon in anderer 
Weise verhol tnissmässig belastet. — B. Wegen seiner, verhältniss- 
mässig leichten Gewinnung, mit wenig Maschinerie, auch wenig 
Arbeit, ohne Qualitätsverschiedenheit des reinen Kochsalzes, sind bei 
diesem, überwiegend natürlichen Producte die Hervorbringungskosten 
verhältnissmüssig gering, so dass hier technisch und wirthschaftlich 



jeder Einwohner 9^/q Pfd. im jährlichen Durchschnitt kaufte, (der grösste Tiieil 
von Nordfrankreich); t) pays des petites gabelles mit 33^2 ^ P^*^ ^^i** ""^ einem 
jähriicben Verbrauche von HV4 PW. pro Kopf, (der grösste Theil von Südfrank- 
reich]; 3) provinces des salines, wo man aus nahen kön. Salinen kaufte: 14 Pfd. 
pro Kopf und tO/2 ^ pro Ctr., (Elsass, Lothringen, Franche Comte] ; 4) provinces 
redimeesy die sich unter Heinrich II. losgekauft hatten und nun den Gtr. mit 6 — 
it £ bezahlten, (Limousin, Perigord, Guyenne, Poitou, Foix, ein Theil von Au- 
vergne etc.); 5) provinces franches, wo die Gabelle nie bestanden hatte, mit t — 
9£ pro Gtr., (Bretagne, Artois, Flandern, Bearn); 6j pays de quart bouiUonj wo 
man von dem selbst gewonnenen Seesalze nur ^/^ unentgeltlich an den Staat 
lieferte: Preis 16 £ pro Gtr., (niedere Normandie). Im Ganzen nannte man seit 
Richelieu das Salzregal das Indien des Königs. Vgl. Stein -WamkÖnig, Franz. 
Staats- und Rechtsgesch. I, 469. 62011. — Auch in Russland bestand n05 — 28, 
1731 — 1863 ein Salzregal. Vom Salzregal in China s. Timkowski Reise II, 41; bei 
den Sikhs A. Burnes Reise I, 57. In Ostindien, wo der Salzvorbrauch sehr stark 
ist, kauft die Regierung das Seesalz monopolisch von den Bereitern und verkauft 
es dann mit 300 Proc. Gewinn an die Kleinhändler. (Wappäus, Asien, 535.) 

2) Corporihus nihil utilius sale et sole, (Plin. H. N. XXXI, 45.) Salz in 
gewissem Sinne noch unentbehrlicher, als Brot, das man ja durch Kartoffeln er- 
setzen kann. Für pflanzenessende Menschen ist mehr Salz nothwendig, als bei 
Fleischnahrung, welche an sich mehr Chlornatrium enthält. (Molcscholt, Physio- 
logie der Nahrungsmittel; 4 51.) Daher Salzauflagen bei armen Völkern besonders 
ergiebig sein können, aber auch besonders schädlich sein müssen. Hübsche Ver- 
suche^ aus denen hervorgeht, dass Salz, weil es die Speisen verdaulicher macht, 
an Nahrungsmitteln sparen lässt: Demesnay im Journal des Econ. 1849, p. 7. 
Offenbar gerade für die Ärmeren von besonderer Wichtigkeit, die ja auch verhält- 
nissmässig am meisten gesalzenes Fleisch, gesalzene Butter etc. verzehren. In Bern 
hat man früher beobachtet, dass in schlechten Jahren, zumal wenn die Heuernte 
missriethy der Salzverbrauch weitaus am grössten war. (Mathy in Rau's Archiv 
IV, 75.) 

3) In Frankreich vor der Revolution gegen 54 Mill. Livres. in Preussen 1867 
rein 6727824 Thlr., in Österreich 4879 = 13944308 Fl. 

Abhandl. d. K. S. Ueüelioch. d. Wissensch. XXI. /|4 



196 Wilhelm Röscher, [S2 

der Staatsbetrieb dem Privatbetriebe weniger nacbstebt, als in den 
meisten anderen Productionszweigen. — C. Auch der Schutz des 
Monopols gegen Umgehungen ist beim Salze besonders leicht, weil 
dessen Pioduction nur an gewissen, von der Natur selbst bestimmten 
Orten möglich ist^), und da insgemein sehr grosse, also schwer zu 
verbergende Anstalten erfordert. Eine früher bei den Regierungen 
sehr beliebte, mit der Unentbehrlichkeit der Waare eng zusammen- 
hängende Form des Monopolschutzes war die Salzconscription : indem 
jedes Haus genöthigt wurde, nach der Kopfzahl seiner Mitglieder 
eine gewisse Menge Salz von den Staatsniederlagen zu kaufen, ge- 
wöhnlich mit dem Verbote des Wiederverkaufes.^)^) 

Freilich sprechen alle diese Gründe ebenso wohl zu Gunsten 
einer Salzsteuer, wie eines Salzregals, und heben die allgemeine Ver- 
muthung (§. 1 0} nicht auf, dass eine freie, nur besteuerte Privatcon- 



4] In Russland lagen bisher die Haiiptorte der Salzgewinnung, n«inilich die 
salzigen Binnenseen, in peripherischen; wenig bevölkerten Provinzen. Die Ge- 
winnung des Seesalzes in warmen Kliniaten ist allerdings schwerer zu beaufsich- 
tigen. Das deutsche Reich hatte 4 880 nur 79 Productionsstätten, die aber fast 
668 Mlll. Kgr. Salz lieferten. 

5) Diese Gonscription, von der Sully sagt: je n'ai jamais rien trouve de 
si bizarremenl tyrannique (Economies royalcs II, p. 465 der Quart- Ausg.), ist in den 
französischen pays des grandes gabelies so alt, wie das Salzregal selbst. Vgl. 
Portescue, De legibus Angliae, c. 35. In Preussen führte sie Friedrich Wilhelm I. 
ein (4 719). Seit 4 725 erhielt jedes Haus ein Buch, worin sein Bedarf verzeich- 
net war: i Mel/en jährlich für jede Person über 9 Jahre, 2 M. für jede Kuh 
oder 4 Schafe. Jede nicht abgeholte Metze mit i Groschen Geld oder ent- 
sprechender Leibesstrafe gebüsst. (Stenzel, Preuss. Gesch. 111, 394. Borowski, 
Preuss. Gameral- und Finanzwesen 11^ 34 4(1.) Während die Einfuhr des fremden 
Salzes 4 723 mit dem Galgen bedrohet wurde, sollte das General-Direclorium alle 
Maschinen spielen lassen, damit namentlich Polen sein Salz von Preussen bezöge. 
Die Gonscription 4 846 aufgehoben. Man hat sie nachher nur in Gegenden bei- 
behalten (4 2 Pfd. jährlich pro Kopf), wo man sonst den Schmuggel zu sehr hätte 
fürchten müssen, z. B. in Exclaven. Aufliebung der sächsischen Gonscription 4 840. 

6) Die schweren Klagen über das französische Salzwesen, dass die Verwal- 
tungskosten tO — 25 Proc. des Rohertrages verschlangen, dass jährlich gegen 3500 
Menschen wegen Salzdefraude verhaftet und bestraft wurden etc. (Necker, Ad- 
ministration des finances II, 8; A. Young, Travels in France etc., 598), waren 
nicht unmittelbare Folgen des Regals, sondern hingen zusammen mit der grossen 
Verschiedenheit und gegenseitigen Absperrung der Provinzen. Wer auch nur ein 
Minot einschmuggelte, konnte von dem Gewinn eine Woche lang behaglicher leben, 
als vom Tagelohu. (Forbonnais F. de Fr. 1, 59.) 



S3] Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 197 

currenz, bei gleicher EiDträglichkeit für die Staatskasse, der Volks- 
wirthschafb nützlicher sein werde. Eine grosse Production verbunden 
mit einem niedrigen Preise des Salzes muss gegenwärtig nicht bloss 
im Interesse der unmittelbaren Volksemährung angestrebt werden, 
sondern auch im Interesse der Seefischerei'), der intensivem Land- 
wirthschaft (Viehsalz^), DUngersaiz^)), und einer Menge von tech- 
nischen Gewerben*^): lauter Verwendungsarten des Salzes, welche 



7] Obgleich die englischen Seefischereien eigentlich steuerfreies Salz haben 
solllen» was zu gewaltigen Steuerdefrauden (bis zu ^j-^ der gesammten Steuer) ge- 
mtssbraucht wurde, ist die Erlangung des nötbigen Salzes für sie doch von der 
Steuer so erschwert gewesen, dass erst nach Abschaflung der ganzen Salzsteuer 
die Fischerei sehr aufblühen konnte. (Macculloch, Taxation, 256fr.) 

8) Vom Nutzen des Viehsalzes handeln schon Plin., H. N. XXXI, II; Colu- 
meila, R. R. VI, 4, 23. Nach Liebig, Chemische Briefe, No. 27 nährt es nicht 
anmittelbar, macht aber z. B. das Mastvieh gesunder, zum Stoffwechsel geeigneter 
etc. In Preussen war lange für jede Provinz der Salzverbrauch pro Kopf um so 
grösser, je* mehr die Land wirthschaft daselbst überwog. (lIofTmann, Lehre von 
den Steuern, 259.) Nach v. Weckherlin, Landw. Thierproduction II, 157 sind 
12 Pfd. jährlich für eine Kuh genügend; viele pPälzer Wirthe geben jedoch V2) 
ja \ Pfd. wöchentlich. (Rau, F. W. I, 265.) Noch immer ist wegen des hohen 
Salzpreises der wirkliche Salzverbrauch für Menschen und Vieh zusammen in den 
meisten Ländern viel geringer, als der wünschenswerthe. Nach A. Schmidt ^ Das 
Salz: eine volkswirthsch. und finanzielle Studie (4 874), S. 36 ff. sollte er betragen 

pro Kopf der Bevölkerung, beträgt aber wirklich nur 



in Preussen 


30 J 3 


Pfd. 


jährlich, 


17,72 


- Bayern 


35, H 


— 


- 


23,76 


- Württemberg 


30,59 


- 


- 


26,87 


- Sachsen 


23,36 


- 


- 


40,70 


- Russland 


33,01 


- 


— 


46,48 


- Frankreich 


28,50 


— 


- 


46 


- Österreich 


36,69 


- 


- 


44,56 



Dagegen mögen die starken Salzdosen, welche das engliche Vieh erhält, (täglich 
14 Loth für ein Pferd oder einen Ochsen, 8 für eine Milchkuh, 5 für ein Kalb 
von mehr als einem Jahre, 4 für ein Schaf oder Schwein : Kerst, Das Salzmono- 
pol, 53), mit der völligen Steuerfreiheit des englischen Salzes zusammenhängen. 

9) Die Wichtigkeit der Salzdüngung wurde namentlich früher (z. B. von Sin- 
clair) oft überschätzt; jedenfalls können für diesen Zweck viele Abrälle gebraucht 
werden: Pfannenstein^ die Asche der abgelegten Dornen aus den Gradirwerken etc. 

4 0) Im deutschen Zollverein wurde 4 870 vertragsmässig abgabenfreies Salz 
an folgende Gewerbzweige abgelassen: Soda- und Natronsulphatfabriken, chemische 
F., Seifenf., Glashütten und Glasf., Lederf., Gerber und Häutehändler, Farbef. 
und Färber, Steinzeugf.^ Ofenf. und Töpfer, Viehsalzlecksteinf., Feilenf., Eisen- 
hütten, Kürschner, Papierf.^ Eisen- und Slahlf., Düngerf., Conditoreien, Kunst- 



198 WlLHEÜII ROSCHEB, 1^^ 

vormals eine sehr viel geringere Wichligkeil besassen, jelzl aber in 
forlwährendem Wachsthum begriffen sind. Dass nun die Yerlauschung 
des Regals mil einer massigen ^^) Sleuer die Produclion und Con- 
suniliou des Salzes beträchllich heben mUsse, isl im Allgemeinen 
wohl nichl zu bezweifeln. ^^) Der Übelsland freilich bleibl auch bei 
der mässigslen Steuer auf Speisesalz, dass man, um sie nichl um- 
gehen zu lassen, das Vieh- und Fabriksalz nur im »denalurirlen« Zu- 



wollenf.y Darmsaitenf.i SchifTbauer, Ölf., Tuchf., Aniidonf., Zinkhütten, Hand- 
schuhf., Darmhändler, Maschioenf., Seiler, Gelbgiesser, Cementf., SchnelJbieicben. 
Dazu müssten aber eigentlich noch kommen: Tabaksf., F. künstlicher Mineral- 
wässer, sowie die Gewerbe, die Eiskeller nöthig haben. (A. Schmidt, a.a.O., 26 Tg.) 

H) Die englische Salzsteuer von 1694 — 4 823, die zuletzt gegen 1500000 
£ St. jährlich eintrug, war seit 1805 über 30 mal so hoch, wie der sonstige 
Preis des Salzes! In Frankreich, wo 1790 das Salzregal mit seinen Haussuchungen 
und körperlichen Strafen, 1794 auch die Salzsteuer abgeschatn worden war, 
führte Napoleon 1806 wieder eine Steuer von 10 Ct. pro Kilogr. ein (mit Steuer^ 
freiheit für die Seefischerei und nachmals auch die Sodafabrikation), die hernach 
auf 20, 1813 auf 40, von den Bourbons 1814 auf 30, 1848 wieder auf 10 Ct. 
festgesetzt wurde. Also immer noch gegen 500 Proc. des natürlichen Preises^ da 
Seesalz an Ort und Stelle nur etwa 2 Fr. pro metr. Ctr. Gestehungskosten erfor- 
dert. Aber auch so ist der Zustand doch gegen die Regalzeit wesentlich besser 
geworden. Die Production des Seesalzes wird von der Steuerbehörde nur über- 
wacht; die des Landsalzes bedarf ausserdem noch einer Concession, die insgemein 
bloss dann ertheilt wird, wenn der Goncessionar mindestens ^2 ^i^'* Kilogr. jähr- 
lich hervorbringt. Jedes Salzwerk ist mit einem Zaune zu umgeben, der Tag und 
Nacht bewacht wird; die Steuer wird gleich beim ersten Verkaufe gezahlt. Dann 
ist der weitere Salzhandel frei, abgesehen von einigen Transportcontrolen in der 
Nähe des Gewinnungsorles. 

12) L. V. Stein durchaus für Salzsteuern, nicht für Salzmonopole. (Finanz- 
wissensch., 531.) Als Deutschland 1867 das Regal mit einer Steuer vertauscht 
hatte, betrugen die Erhebungskosten der letztern 1872 nur 0,58 Proc, während 
das preussische Regal 1850 — 62 ohne die Kosten des Ankaufes durchschnittlich 
4,27 Proc. des Bruttoertrages gekostet. (A. Schmidt, a. a. 0., 94.) Über die 
grosse Belästigung des inncm Verkehrs, die früher im Zollvereine durch die Re- 
galität des Salzes nothwendig war, s. Tübinger Zeitschr. 1861, 1711?. Auch in 
Österreich, wo man 1829 das Regal insofern milderte, als der Gross- und Klein- 
handel von den Beamten auf die Privatindustrie übertragen wurde, ist das Salz 
entschieden wohlfeiler geworden. In Wien z. B. schlagen die Verkäufer nur etwa 
4Y2 Proc. auf den Staatspreis, und so wohlfeil könnte der Staat selbst schwerlich 
dienen, (v. Tegoborski II, 21 5 ff.) In Russland brachte das Regal 1850 — 60 
durchschnittlich nur 7900000 Rub. ein, die 1863 begonnene Salzaccise 1867 — 72 
MYj Mill. (A. Schmidt a. a. 0., 84.) 



^S] Versuch einer Theorie der Finanz-Regauen. 199 

Stande ^^) steuerfrei machen kann: gewiss eine an sich gehässige Mass- 
regel, eine edle Naturgabe aus SteuergrUnden absichtlich, ja mit 
Kosten zu verschlechtern! Daher eine Nachahmung der in Eng- 
land (1825), Norwegen (1844) und Portugal (1846) eingeführten Steuer- 
freiheit des Salzes auch anderswo gewiss zu wünschen ist.") 



13) Die Denaturirung des Viehsalzes erfolgt nanienllich durch Eisenoxyd 
oder Röthel und Wermuthkrautpulver ; die des Fabriksalzes durch Glaubersalz, 
Kieserit, Asche oder gemahlene Holzkohlen. 

H) In Frankreich hat weder 1862 der Vorschlag von Fould, noch 18*71 
trotz der grossen damaligen Finanznoth der wiederholte Vorschlag, die Salzsteuer 
auf 20 Ct. pro Kgr. zu erhöhen, durchgesetzt werden können : ein merkwürdiger 
Beleg, wie wenig dem neuern Zeitgeiste Salzauflagen beliebt sind. 



SECHSTER BAND. Mit 3 Tafeln, hoch 4. 1874. Preis 21 Jl, 

MORITZ VOIGT, Über den Bedeutungswechsel gewisser die Zurechnung und den öconomischen 
Erfolic einer That bezeichnender technischer lateinischer Ausdrucke. 1ST2. 4 .M 

GEORG VOIGT, Die Geschichtschreibung über den Zug Karls V. gegen Tunis. 1ST2. 2 Jl, 
ADOLF PHILIPPI, Über die rOmischen Triumphalreliet'e und ihre Stellung in der Kunst- 
geschichte. Mit 3 Tafeln. 1872. 3 u^ 60 ^. 
LUDWIG LANGE, Der homerische Gebrauch der Partikel c/. I. Einleitung und cc mit dem 
Optativ. 1872. 4 Jt, 

Der homerische Gebrauch der Partikel e/. II. gi %bv an) mit dem Optativ und 

e< ohne Verbnm finitum. 1S73. 2 Jt, 

GEORG VOIGT, Die Geschichtschreibung über den Schmalkaldischen Krieg. 1874. 6 Jt. 

SIEBENTER BAND. Hoch 4. 1879. Preis 43 M. 

H. C. VON DER GABELENTZ, Die Melanesischen Sprachen nach ihrem grammatischen Bau 
und ihrer Verwandtschaft unter sich und mit den Malaiisch -Pelynesisch^n Sprachen. 
Zweite Abhandlung. 1873. 8 Jt, 

LUDWIG LANGE, Die Epheten und der Areopag vor Selon. 1874. - 2 M, 

J. P. VON FALKENSTEIN, Zur Charakteristik KOnig Johann's von Sachsen in seinem Ver- 
hältniss zu Wissenschaft und Kunst. 1874. 1 Ur 60 ^. 

MORITZ VOIGT, Über das Aelius- und Sabinus-System, wie Über einige verwandte Rechts- 
systeme- 1875. 4 Ji. 

FRIEDRICH ZARNCKE. Der Graltempel. Vorstudie zu einer Ausgabe d. jU^em Titurel. 8 jH. 

MORITZ VOIGT, Über die Leges regiae. I. Bestand und Inhalt der Leges Regiae. 1876. 4 Jt. 

Über die Leges regiae. II. Quellen und Authentie der Leges Regiae. 1877. 8 Jt. 

FRIEDRICH ZARNCKE, Der Priester Johannes. Erste Abhandlung. 1879. 8 Jt, 

ACHTER BAND. Hoch 4. 1883. Preis 35 jT. 

FRIEDRICH ZARNCKE, Der Priester Johannes. Zweite Abhandlung. 1876. S Jt, 

ANTON SPRINGER, Die Psalter-Illustrationen im frühen Mittelalter. Mit 10 Tafeln in 
Lichtdruck. 1880. 8 Jt, 

MORITZ VOIGT. Über das Vadimonium. 1881. '6Jtl^3ji. 

G. VON DER GABELENTZ und A. 6. MEYER. Beiträge zurKenntniss der melanesischen, 

mikronesischen und papuanischen Sprachen. 18S2. 6 Jt. 

THEODOR SCHREIBER. Die Athena Parthenos des Pfaidias und ihre Nachbildungen. Mit 

4 Tafeln in Lichtdruck. 1883. 6 Uf. 

MAXHEINZE, Der Eudämonismus in der Griechischen Philosophie. Erste Abhandlung. 1883. kJt. 

NEUNTER BAND. 

OTTO RIBBECK, Kolax. Eine ethologische Studie. 1883. 4 Jt, 

WILHELM RÖSCHER, Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 3 Jt 6o ^. 

Leipzig, Februar 1884. 8. Hirzel. 



SITZUNGSBERICHTE 

DER KÖMGL. SÄCHSISCHEN GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. 

KLEINERE ABHANDLUNGEN. 

BERICHTE über die Verhandlungen der K. Sachs. Gesellschaft der Wissenschaften zu 
Leipzig. Erster Band. Aus den Jahren 1846 u. 1847. Mit Kupfern, gr. 8. 12 Hefte. 

Zweiter Band. Aus dem Jahre 1848. Mit Kupfern, gr. 8. 6 Hefte. 

Vom Jahre 1849 an sind die Berichte der beiden Classen getrennt erschienen. 

Mathematisch-physische Classe. 1849 .3) 1850 (3) 1851 (2) 1852 (2; 1853 (3) 

1854 (3' 1855 (2) 1856 (2) 1857 (3i 1858 (3) 1859 (4; 1860 (3; 1861 (2; 1862 
(11 1863 (2) 1864 (1) 1865 (1) 1866 (5, 1867 (4) 1868 ^3) 1869 (4) 1870 (5) 
1871 (7) 1872 (4 mit Beiheft) 1873 (7) 1874 ;5 1875 ;4) 1876 i2) 1877 (2^ 1878 (1) 
1879 (1) 1880 (1) 1881 (1) 1882 (1) 1883 fl). 

Philologisch-historische Classe. 1849(5) 1850(4) 1851(5, 1852(4) 1853(5) 1854(6) 

1855 (4-i 1856(4) 1857(2) 1858(2) 1859(4) 1860(4) 1861 (4) 1862(1) 1863(3) 1864 

(3) 1865(1) 1866(4) 1867(2) 1868(3) 1869(3) 1870(3) 1871(1) 1872(1) i873 (1) 

1874 (2) 1875 (2) 1876 (1) 1877 (2) 1878 (3) 1879 (2) 1880 (2) 1881 (2) 1882 (1) 

1883 12). 

Jedes Heft der Berichte ist einzeln zu dem Preise von 1 Mark zu haben. 



SCHRIFTEN 

DER FlRSTLICH-JABLONOWSKrSCHEN GESELLSCHAFT ZU LEIPZIG. 



ABHANDLUNGEN'beiBegründungder K. Sachs. Gesellschaft derWissen- 
Schäften am Tage der 200 jährigen Geburtsfeier Leibnizens herausgegeben von der 
FUrstl. Jablonowski'schen Gesellschaft. Mit dem Bildnisse von Leibniz in Medaillon 
u. zahlreichen Holzschn.u.Kupfertaf. 61 Bogen in hoch 4^ 1846. broch, Preis 15 J(. 

PREISSCHRIFTEN gekrönt und herausgegeben von der Fürstlich Jablo- 
nowski'schen Gesellschaft. 

1. H. ORASSMANNi Oeometr. Analvse geknüpft an d. von Leibniz erfundene geometr. Charakte- 
ristik. Mit einererläatemd.Abhandl.v.^.F. Jlh;2riW. (Nr.I d.math.-phys.Section. hoch 40.1847. 2Jf. 

2. H. B. GEINITZ. Das Quadergebirge oder d. Ereideformation in Sachsen, mit BerUcks. der glau- 
konitreichen Schichten. Mit 1 color. Tafel. (Nr. II d. math.-phys. Sect.) hoch 40. 1850. 1 Ur60^. 

3. J. ZECH, Astronomische Untersuchungen über die Monafinstemisse des Almagest. (Nr. III 
d. math.-phys. Sect.) hoch 40. 1851. 1 Jf. 

4. J.ZECH, Astron. Untersuchungen Üb. die wichtigeren Finsternisse, welche v. d. Schriftstellern 
des class. Alterthums erwähnt werden. (No. IV d. math.-phys. Sect.) hoch 40. 1S53. 2 .U. 

5. H. B. GEINITZ, Darstellung der Flora des Hainichen-Ebersdorfer und des Fiöhaer Kohleo- 
bassins. (Nr. V d. math.-phys. Sect.) hoch 4«. Mit 14 Kupfertafeln in gr. Folio. 1S54. 24 .ä, 

6. TH. HIRSCH, Danzigs Handels- und Gewerbsgeschichte unter der Herrschaft des deutschen 
Ordens. (Nr. I der historisch-nationalökonomischen Section.^ hoch 40. 1858. 8 .4i. 

7. H. WISKEMANN, Die antike Landwirthschaft und das von Thünensche Gesetz, aus den alten 
Schriftstellern dargelegt. (Nr. II d. hist.-nat ük. Sect.) 1859. 2 .H 40 ^. 

8. K. WERNER, Urkundliche Geschichte der Iglauer Tuchmacher-Zunft. [Nr. III d. hist.-nat. 
(5k. gect.} 1861. 3 .AT. 

9. V. BÖHMERT, Beiträge zur Gesch. d. Zunftwesens. (Nr. IV d. hist.-nat. ök. Sect. 1852. i.M. 
10. H. WISKEMANN, Darstellung der in Deutschland zur Zeit der Reformation herrschenden 

nationalökonomischen Ansichten. (Nr. V d. hist.-nat. ök. Sect.) 1862. 4.if. 

U.E. L. ETIENNE LASPEYRES, Geschichte der volkswirthschaftl. Anschauungen der Nieder- 
länder und ihrer Litteratur zur Zeit der Republik. (Nr. VI d. hist.-nat. ük. Sect. 1S63. 8 .M. 

12. J. FIKENSCHER, Untersuchung der metamorphischen Gesteine der Lunzenauer Schieferhalb- 
insel. (Nr. VI d. math.-phys. Sect ) 1867. 2 Jt. 

13. JOH. FALKE, Die Geschichte des Kurfürsten August von Sachsen in volkswirthschaftlicher 
Beziehung. (Nr. VII d. hist.-nat. ök. Sect.) 1868. S.M. 

14. B. BÜCHSENSCHÜTZ, Die Hauptstätten des Gewerbfleisses im classischen Alterthume. 
(Nr. Vni d. hist.-nat. ök. Sect.) 1869. 2 uir 80 ^. 

15. H. BLÜMNER, Die gewerbliche Thätigkeit der Völker des classischen Alterthums. (Nr. IX 
d. hist.-nat. ök. Sect.) 1869. 4 Jt. 

16. H. ENGELHARDT, Flora der Braunkohlenformation im Königreich Sachsen. (Nr. Vll 
d. math.-phys. Sect; Mit 15 Tafeln. 1870. 12.^. 

17. H. ZEISSBERG, Die polnische Geschichtschreibung des Mittelalters. (Nr. X d. hist.-nat. ök. 

Sect.) 1873. I2uir. 

18. A. WANGERIN, Reduction der Potentialgleichung für gewisse Rotationskörper auf eine 

fewöhnliche Differentialgleichung. (Nr.^Iu d. math.-phys. Sect.) 1875. 1 .ä 20 ^. 

. LESKIEN, Die Declination im SlavisclNLitauischen und Germanischen. Nr. XI d. hist.- 
nat. ök Sect.) 1876. 5 Ji, 

20. R. HASSENCAMP, Ueber den MsamfiÜ^uliang des lettoslavischen und germanischen Sprach- 
stammes. (Nr. Xn d. hist.-nat. ök. Sect). 1876. 3 .ä. 

21. R. POHLMANN, Die Wirthschaftspolitik der Florentiner Renaissance und das Princip der 
Verkehrsfreiheit. (Nr. XIII d. hist.-nat. ök. Sect. 1878. 4 ur 20 ^. 

22. A. BRÜCKNER, Die slavischen Ansiedelungen in der Altmark und im Magdeburgischen. 
:Nr. XIV d. hist.-nat. ök. Sect. 1879. 4 UT 20 .^. 

23. F. 0. WEISE, Die Griechischen Wörter im Latein. ;Nr. XV d. hist.-nat. ök. Sect.; 18S2. 18 .M. 

Leipzig. g. Hirzel. 



Dnck TOD Breitkopf k Hirtel in Leipzig. 



7 u» 



DER GESCHNITZTE 



HOLZSAEG DES HATBASTEÜ 



IM 



AEGYPTOLOGISCHEN APPARAT 
DER UNIVERSITÄT ZU LEIPZIG 



VON 



GEORG EBERS, 



•-''•'-~ül;l;i.^;-, 



MITGLIED D£B KÖNiaL. SACHS. GESELLSCHAFT DEB WISSENSCHAFTEN. / •. 



/-' 



Des IX. Bandes der Abhandlnngen der philologisch- hiatorischen Classe der KOnigl. 

Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 

N« ra. 



MIT ZWEI LITHOGRAPHIRTEN UND DREI LICHTDRUCK-TAFELN. 



LEIPZIG 

BEI S. HIBZEL. 

1884. 



ABHANDLUNGEN 

DER 

KÖNIGL. SACHS. GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN 

zu LEIPZIG. 



PHILOLOGISCH-HISTORISCHE CLASSE. 

ERSTER BAND. Mit einer Karte, hoch 4. 1850. broch. Preis 18 Jl. 

A. WESTERMANN, Untersuchungen über die in die attischen Redner eingelegten Urkunden. 

2 Abhandlungen. 1850. 3 .#. 

F. A. UKERT, Über Dämonen, Heroen und Genien. 1850. 2 M 40 ^, 
TH. MOMMSEN, Über das römische Münzwesen. 1850. 5 J, 
E. V. WIETERSHEIM, Der Feldzug des Germanicus an der Weser. 1650. 3 .4f. 

G. HARTENSTEIN, Darstellung der Rechtsphilosophie des Hugo Grotius. 1850. 2 ./. 
TH. MOMMSEN, Über den Chronographen vom Jahre 354. Mit einem Anhange über die 

Quellen der Chronik des Hieronymus. 1850. ^ \ Jt. 

ZWEITER BAND. Mit 3 Tafeln, hoch 4. 1857. broch. Preis 22 uT. 

W. RÖSCHER, Zur Geschichte der englischen Volkswirthschaftslehre im sechzehnten und 

siebzehnten Jahrhundert. 1S5]. 3 X 

Nachträge. 1852. 80 

J. G. DROYSEN, Eberhard Windeck. 1853. 2 .ä 40 

TH. MOMMSEN, Polemii Silvii laterculus. 1853. 1 Jl 60 

Volusii Maeciani distributio partium. 1853. 60 

J. G. DROYSEN, Zwei Verzeichnisse, Kaiser Karls V. Lande, seine und seiner Grossen Ein- 
künfte und anderes betreffend. 1854. 2 M. 

TH. MOMMSEN. Die Stadtrechte der latinischen Gemeinden Salpensa und Malaca in der 
Provinz Baetica. 1855. 3 .H. 

Nachträge. 1855. \ Ji^ ^. 

FRIEDRICH ZARNCKE, Die urkundlichen Quellen zur Geschichte der Universität Leipzig 

in den ersten 150 Jahren ihres Bestehens. 1857. 9 .U. 

DRITTER BAND. Mit 8 Tafeln, hoch 4. 1861. Preis 24 J, 

H. 0. VON DER GABELENTZ, Die Melanesischen Sprachen nach ihrem grammatischen Bau 
und ihrer Verwandtschaft unter sich und mit den Malaiisch-Polynesischen Sprachen. 1^6<i. 

8 .4, 
0. FLÜGEL, Die Classen der Hanefitischen Rechtsgelehrten. 1860. 1 Jl ^SS ^. 

JOH. GUST. DROYSEN, Das Stralendorffische Gutachten. 1860. 2 .U 40 ^. 

H. C. VON DER GABELENTZ, Über das Passivum. Eine sprachvergleichende Abhandlung. 
1860. 1 Jl%<s 3f. 

TH. MOMMSEN, Die Chronik des Cassiodorus Senator v. J. 519 n. Chr. 1861. 4 ,ä. 

OTTO JAHN, Über Darstellungen griechischer Dichter auf Vasenbildem. Mit S Tafeln. lS6i. 

6 .ir. 

VIERTER BAND. Mit 2 Tafeln, hoch 4. 1865. " Preis 18 J^ 

J. OVERBECK, Beiträge zur Erkenntniss und Kritik der Zeusreligion. 1861. 2 ,H 8o .^ 

G. HARTENSTEIN, Locke's Lehre von der menschlichen Erkenntniss In Vergleichung mit 

Leibniz's Kritik derselben dargestellt. 1861. 4 .U. 

WILHELM RÖSCHER, Die deutsche Nationalökonomik an der Gränzscheide des sechzehnten 

und siebzehnten Jahrhunderts. 1862. 2 .U. 

JOH. GUST. DROYSEN, Die Schlacht von Warschau 1656. Mit 1 Tafel. 1863. 4 jr 40 .^. 
AUG. SCHLEICHER, Die Unterscheidung von Nomen und Verbum in der lautlichen Form 

1865. 2 ,ä 40 ^. 

J. OVERBECK, Über die Lade des Kypselos. Mit 1 Tafel. 1865. 2 uT 80 ^. 

FÜNFTER BAND. Mit 6 Tafeln, hoch 4. 1870. Preis 18 J 

K. NIPPERDEY, Die leges Annales der Römischen Republik. 1865. 2 uT 40 .:^- 

JOH. GUST. DROYSEN, Das Testament des grossen Kurfürsten. 1866. 2 Ur 40 :^. 

GEORG CURTIUS, Zur Chronologie der Indogerman. Sprachforschung. 2. Auflage. 1873. 2 jr. 

OTTO JAHN, Über Darstellungen des Handwerks und Handelsverkehrs auf antiken Wand- 
gemälden. 1868. 4 uT. 

ADOLF EBERT, Tertullian's Verhältniss zu Minucius Felix, nebst einem Anhang über Com- 
modian's Carmen apologeticum. 1868. 2 Jf ^0 J^. 

GEORG VOIGT, Die Denkwürdigkeiten (1207—1238) des Minoriten Jordanus von Giano. 
1870. 2 .^ 80 d^. 

CONRAD BURSIAN, Erophile. Vulgärgriechische Tragoedie von Georgios Chortatzes aus 
Kreta. Ein Beitrag zur Geschichte der neugriechischen und der italienischen Litteratar. 
1670. 2 Jf 40 ^, 



DER GESCHNITZTE 



HOLZSARG DES HATBASTEÜ 



IM 



AECiYFrOLOGISCHEN APPARAT 
DER UNIVERSITÄT ZU LEIPZIG 



VON 



GEORG EBERS, 

MITOLIBD DES KÖNIQL. SACHS. OBSELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. 



Des IX. Bandes der Abhandlungen der philologisch -historischen Classe der KSnigl 

Sftchsischen Gesellschaft der Wissenschaften 

N« in. 



MIT ZWEI LITHOGRAPHIRTEN UNO DREI LICHTDRUCK-TAFELN. 



LEIPZIG 

BEI S. HIRZEL. 

1884. 



Vom Verfasser ttbergeben den 20. Januar 1S84 
Der Abdruck vollendet den 22. April 1884. 



■ .^^^^..^s.^^^i.^' *-\^ ^-^y^y 









DER GESCHNITZTE 



HOLZSARG DES HATBASTRU 



IM AEGYFrOLOGISCHEN APPARAT 



DER UNIVERSITÄT ZU LEIPZIG 



VON 



GEORG EBERS 

MITGLIED DER KÖNIUL. SACHS. GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. 



Abbaadl. d. k. S. Oesellscb. d. WlRsenscb. XXI. 1 5 



IjDter den vielen aus dem aegyptischen Alterthum bis auf uns 
gekommenen Sarkophagen nimmt der im aegyptologischen Apparat 
der Universität zu Leipzig conservirte durch den Reichthum der In- 
schriften, welche ihn bedecken, die besondere Sorgfalt, mit der die 
einzelnen schriftbildenden Zeichen hergestellt sind, die höchst seltene 
Art und Weise der Aussculptirung seiner Oberfläche und das Material, 
aus dem er besteht, eine hervorragende Stellung ein. Wir besitzen 
in diesem Sarkophag ein in seiner Weise einzig dastehendes Denk- 
mal, und seine Publication, welche unter allen Umständen wünschens- 
werth erscheint, darf schon darum nicht unterbleiben, weil ja die 
Facbgenossen in Leipzig, das kein aegyptisches Museum besitzt, solchen 
Schatz zu finden keineswegs erwarten können. Unser aegyptologi- 
scher Apparat ist nur eine Sammlung von Abgüssen und Cartonnagen, 
an die sich eine kleine Bibliothek von Publikationswerken und Wörter- 
büchern anschliesst, und er braucht für die Lehrzwecke, denen er 
gewidmet ist, nichts anderes zu sein ; an Originalen, auf welche wir 
in den Vorlesungen verweisen können, besitzen wir nur vier, aber 
unter diesen sind zwei so beschaffen, dass sie sich mit den kost- 
barsten Schätzen der allergrössten Museen messen können. Der grosse 
medicinische Papyrus Ebers ist den Fachgenossen längst in meiner 
Publikation zur Hand, mit dem Leipziger Sarkophag denken wir sie 
an dieser Stelle bekannt zu machen.^) 



4] Unsere beiden anderen Originale sind eine kleine Stele von der Gattung 
der »Horus auf den Krokodilen« genannten Denkmäler, mit der ich die Collegen 
bereits in unserer Fachzeitschrift 4 880, S. 54 bekannt gemacht habe, und eine 
Anzahl von Mumienbinden mit den theils vollständig, theils unvollständig wieder- 
gegebenen Kapiteln 4, 2, 3, 4, 5, 6, H, 74, 74, 75, 76, 77, 78, 4 04, 4 05, 
406, 4 49 des Todtenbuches in zierlicher Schrift. 

15» 



204 Georg Ebers, [4 



Fundort und Erwerbung. 

Leider hat sich über den Fundort unseres Sarkophages nichts er- 
mitteln lassen. Aus den Akten, welche mir durch den kgl. sächs. 
Cultusminister Dr. von Gerber in ausserordentlich zuvorkommender 
und liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt worden sind, gehl 
nur hervor, dass unser Denkmal den Weg über Triest genommen 
hat. Professor Dr. M. G. Seyffarth, mein Vorgänger auf dem Lehr- 
stuhle für aegyplische Sprache und Alterthumskunde an unserer 
Hochschule, hatte im Jahre 1S41 durch den Ordinarius der juristi- 
schen Facultät Prof. Dr. Günther Kenntniss von der Existenz unseres 
Denkmales erhalten und bei dem kgl. CuUusministerium zu Dresden 
ein Gesuch eingereicht, dasselbe für die Leipziger Universität erwerben 
zu dürfen. Da die vorgesetzte Behörde seinem Wunsche bereit- 
willig entgegenkam, beauriragle er den Licentiaten M. Goldhorn, 
Gustos bei der Universitätsbibliothek, welcher im April des folgenden 
Jahres über Triest nach Italien reiste, den Sarkophag in Augenschein 
zu nehmen nnd ihm eine Reihe von Fragen , welche sich auf den- 
selben bezogen, zu beantworten. Aus dem mir vorliegenden Briefe 
des genannten Gelehrten gehl nun hervor, dass sich derselbe seinem 
Auftrage mit Eifer unterzog und den Werlh des Sarkophages richtig 
erkannte. Leider findet sich in seinem Schreiben keine Notiz 
über denjenigen, welcher unser Denkmal nach Europa gebracht 
hat oder gar über die Fundstätte desselben. Er erzählt nur, dass 
er zu Triest durch den Kaufmann Herrn Martins in einen Speicher 
geführt worden sei, wo der Sarkophag aufbewahrt wurde. Dieser 
war auseinander genommen, und den Deckel, welcher unter Waaren- 
ballen versleckt lag, bekam Herr Goldhorn gar nicht zu sehen. In- 
dessen erfuhr er, dass das Denkmal von dem früheren preussischen 
Consul in Alexandrien (1840, v. Wagener) zum Geschenk für seinen 
König bestimmt gewesen sei. Vielleicht ist dieses Vorhaben in Folge 
des Regierungswechsels in Preussen 1840 unausgeführt geblieben. 

Ermuthigt durch den günstigen Bericht Goldhorns erneute Prof 
Seyffarth sein Gesuch um Ankauf des Sarkophags, und derselbe wurde 
denn auch von dem kgl. sächs. CuUusministerium für den beispiellos 
billigen Preis von »nicht ganz 1000 Francs« erworben. 



^] Der geschnitzte Holzsarg des ][Iatdastru. 205 

Nach dem Eintreffen des Denkmals in Leipzig schreibt Seyffartb 
an das königl. Cullusminislerium zu Dresden: 

»Das Ganze besteht aus 24 Pfosten, 10 längeren von 3 Ellen 
16 Zoll Länge, 7—13 Zoll Breite, 3—4 Zoll Dicke, und 14 kür- 
zeren Stücken von gleicher Breite und Dicke. Sie alle waren ur- 
sprünglich durch Zapfen unfl vegetabilischen Leim auf das Sorg- 
fältigste mit einander verbunden und bildeten 2 getrennte Theile, 
die vordere und hintere Hälfte des Sarkophages, welche nach Bei- 
setzung desselben in den Katakomben durch besondere Stifte an den 
Seiten zusammengehalten wurden. Die Länge der Zeit hat jedoch 
die verbindenden Zapfen und den Leim zerstört, und es ist daher 
unumgänglich nothwendig, um den Sarkophag für den öffentlichen 
Gebrauch aufstellen zu können, die jetzt getrennten Stücke in ihre 
ursprüngliche Verbindung zurückzubringen.« 

Dies ist denn auch geschehen, und ich habe den Sarkophag 
richtig und genau zusammengesetzt als ein schönes, unbeschädigtes 
Ganzes in Leipzig vorgefunden. Nur die mit schwarzer Farbe auf- 
gemalten Texte im Innern des Sarkophagkastens scheinen bei dieser 
Operation gelitten zu haben, denn sie waren schon bei meiner ersten 
Untersuchung unseres Denkmals fast ganz verschwunden. 

Beschreibung des Sarkophags. 

Unser Sarkophag trägt die Gestalt der menschlichen Mumie und 
besteht aus zwei Theilen : dem Sargkaslen und dem Deckel. Er ist 
nicht wie die meisten anderen Holzsärge aus Sykomoren-, sondern 
aus Cedernholz verfertigt. Dies geht mit Sicherheit aus der mikro- 
skopischen Untersuchung hervor, welche Prof. Dr. Kunze für Seyf- 
fartb vorgenommen hat; der eigenthUmliche Geruch, welchen das 
Holz trotz seines hohen Alters bewahrt hat und die Farbe desselben 
gestatten aber auch dem Laien zu bestimmen, von welchem Baume 
die Bretter genommen sind, aus denen er besteht. Seine Grösse ist 
bedeutend und übertrifft die der meisten anderen Holzsarkophage. 
Die in ihm aufbewahrte Mumie muss stark umwickelt und mit der 
gewöhnlichen Cartonnagenhülle umgeben in dem weilen Raum des 
Holzsarges beigesetzt worden sein. Dieser hat eine Höhe von 
2,12 m. und ist an der breitesten Stelle 0,75 m. breit. Dort er- 



206 Georg Ebeiis, [6 

reicht sein Umfang volle 2,25 m. Am Kopfende des Deckels sieht 
man das Antlitz des Verstorbenen in typischer Darstellungsweise. 
Der Bart ist unvollendet geblieben und als leicht zugespitztes, flüchtig 
geglättetes Holzstück in das Kinn gefügt worden. Eine gestreifte 
Kalantika umhüllt das breite Haupt. Sie ist hinter den abstehenden 
Ohren zurück gestrichen und Tdllt in Reifen Falten in zwei Flügeln 
auf die Brust herab. Seyffarth hat »auf dem Scheitel« die Figur 
einer Nephthys gesehen. Wir können dieselbe nicht mehr wieder- 
ünden, bemerken aber auf der Kalantika etwas über der iMitte der 
Stirn eine Figur, welche man allerdings für das bekannte TT halten 
kann. Das Halsband, welches tief hinunter hängt, besteht aus drei 
Reihen von höchst sorgfältig aussculptirten vegetabilischen Ornamental- 
figuren und einer Franze von dicht aneinandergefügten Tropfen. Am 
rechten und linken Ende dieses Colliers sieht man je einen Sperber- 
kopf mit der Sonnenscheibe auf dem Scheitel. Beide stehen an 
Stelle der Verschlussstücke, welche sich an wirklichen Halsbändern 
finden. Unter dem Collier sucht man vergebens nach den auf an- 
deren ähnlichen Mumiensarkophagen in erhabener Arbeit hervor- 
tretenden Händen; es stehen hier vielmehr drei Figuren, von denen 
die mittelste ein wahres Meisterstück der Holzschnitzkunst genannt 
werden darf. Sie stellt die mütterliche Göttin Nut dar, in knieender 
Stellung und mit ausgespannten Flügeln. Über den Schwingen hat 
sie die Arme weit ausgestreckt, und in jeder Hand trägt sie das Attribut 
der Wahrheit, die Straussenfeder. Das nach rechts schauende anmuthige 
Gesicht ist mit besonderer Liebe behandelt, und die Zeichnung des 
rechten Beines, auf dem sie ruht, ist eben so frei als fein. (Taf. I.) 
Die thronenden Göttergestalten bei den Flügelspitzen der Nut tragen 
Scepter 1 und -r- in den Händen. Sie sind von vorn herein weniger 
sorgfältig ausgeführt, jetzt aber leider ziemlich stark beschädigt. 
Die Inschriften über ihnen sind unlesbar. An Stelle dieser ent- 
schieden männlichen Figuren findet man auf anderen Sarkophagen 
aus ungefähr derselben Zeit Isis und Nephthys. 

Die untere Hälfte des Deckels wird von zwei Mal sechs hori- 
zontalen Inschriftsstreifen eingenommen. Sechs derselben stehen zur 
Rechten, sechs zur Linken einer verticalen Hieroglyphenzeile, welche 
in der Richtung vom Kopf zum Fuss die Deckelaufschriften in zwei 
Theile zerlegt. Allen Horizontalstreifen mit Ausnahme der untersten 



7] Der geschnitzte Holzsarg des Qatbastru. 207 

rechts und links gehen Göttergestalten voran: den vier (zwei und 
zwei) obersten je zwei, den sechs (drei und drei) folgenden je eine. 
Auf dem FussstUcke (den mit Mumienbinden zusammen gewickelten 
Füssen), sieht man die geflügelte Göttin der Wahrheit Maä, welche in 
den Händen und auf dem Scheitel je eine Straussenfeder führt. 
An den Schulterstücken des Deckels sind je vier verticale Hierogly- 
phenzeilen angebracht, und so findet sich denn auf demselben kein 
Zoll, welcher nicht mit Hieroglyphen oder anderen Sculpturen l>e- 
deckt wäre. 

Das gleiche gilt von dem Sargkasten, auf dessen Aussenseite 
sich eine verticale Hieroglyphenzeile an die andere drängt. Seine 
untere Seite, oder besser sein Rücken, denn der Sarkophag war 
darauf eingerichtet in der Grabkammer wie eine Statue aufgestellt 
zu werden, ist durchaus flach, während der Deckel namentlich in 
der Brustgegend sich hoch und rund auswölbt. Die Kalantika an der 
Kopfstelle der hinteren Seite des Kastens ist gefältelt, aber spannt 
sich wie aufgeleimt über das flache Brett. Auch der untere Theil 
unseres Denkmals ist über und über mit Inschriften bedeckt. Nach 
Seyffarths Berechnung nehmen die Texte, welche auf dem ganzen 
Sarkophag vorkommen (Deckel und Kasten) volle 30 Quadrate 
fuss ein. 

Ganz besonderen Werth gewinnt unser Denkmal durch die Art 
und Weise, in der die Bilder und Hieroglyphen hergestellt sind, 
welche es schmücken. Die sind sämmtlich in erhabener Arbeit aus 
dem Holze geschnitten, und zwar mit solcher Sorgfalt, dass man an 
den menschlichen Figuren die einzelnen Locken im Haar und die 
Fingernägel, an den Vögeln die Federn, an den Schlangen die 
Schuppen, an den Kinnladen ^^^ die Zähne erkennen kann. Bei 
dem Zeichen w^ lassen sich die einzelnen Finger an der Hand 

unterscheiden. Q ist ein Väschen, welches an einem Stricke hängt, 

und an diesem ist es vergönnt die Seilerarbeit zu erkennen. ^ 

ist merkwürdig gebildet , z. B. in ^ i , denn der Mann in 

dieser Hieroglyphe hält hier kein Beil in der Hand, sondern zieht 
sich mit beiden Händen an dem eigenen Haarschopf hinunter. Aus 
dem gesammten aegyptischen Alterthum ist kein Holzsarkophag mit 
so sorgfältig in Basrelief gearbeiteten Figuren erhalten geblieben, 



208 Georg Ebers, [S 

und wenn man die im Museum zu «Bulaq conservirten Bretter aus 
Saqqara, einige Brettspielkäsien und andere kleine Stucke ausnimmt, 
gibt es keine Holzskulptur aus dem alten Aegypten, welche sich mit 
der unseren an Schönheit messen kann. 

Man weiss, dass zwischen dem Tode eines begüterten Aegypters 
und seinem Begräbniss siebenzig Tage vergehen durften. In diesem 
Zeitraum musste die Balsamirung und alles was zur Ausstattung der 
Leiche gehörte, fertig gestellt werden. Man scheint streng an diesem 
Termin festgehalten zu haben, denn manche mit Sorgfalt hergestellte 
Sarkophage (so der von H. v. Bergmann tre£Flich behandelte des 
Panebem Isis zu Wien) sind vor ihrer völligen Vollendung beigesetzt 
worden. Dies gilt auch von unserem Grabdenkmal, auf dem sich 
ganze unfertige Gruppen nachweisen lassen, und zwar an Stellen 
wo man sie, weil sie gerade dort besonders ins Auge fallen mussten, 
am wenigsten erwarten sollte. Dies gilt z. B. von dem unteren 
Theile der grossen Vertikalzeile , welche den plastischen Schmuck 
des Deckels in zwei Theile zerlegt, sowie von den Göttergestalten. 
Das Holz, in welches die Namen der darzustellenden Gottheiten ge- 
schnitten werden sollten, war ausgespart worden, aber man kam in 
mehreren Fällen nicht dazu sie einzuschneiden, obgleich dies bei 
den ihnen gegenüberstehenden Figuren geschehen war. — Die Hast, 
mit welcher das Werk vollendet werden musste, hat wol auch den 
Hierogrammaten, welcher die zu benutzenden Texte aufgesetzt hatte, 
verhindert sie nach ihrer Übertragung auf das Holz noch ein Mal 
durchzusehen und zu corrigiren. Nur so erklären sich die zahl- 
reichen Schreibfehler, welche diese so ungewöhnlich fein und sorg- 
lich geschnitzten Texte entstellen. Manche derselben sind derartig, 
dass man, wenn sie auf einem Monumente von weniger unantastbar 
sicherer Echtheit stehen wurden, sich versucht fühlen könnte, dies 
für gefälscht zu halten. Zieht man die Art und Zahl der groben 
Schreibfehler in Erwägung, so kann man nicht zweifeln, dass der 
Künstler, welcher unsere Texte in das Holz schnitt, entweder der 
Hierogiyphenschrift unkundig war oder ohne auf den Sinn dessen 
was er schrieb zu achten, seine Vorlage auf den Sarkophag über- 
tragen hat. Diese scheint nicht in hieratischer, sondern in flüchtiger 
hieroglyphischer Schrift verfasst gewesen zu sein. Das lässt sich 
an der häufigen Verwechselung der Zeichen -^zzip^ und ^^c::» erkennen, 



9] Der geschnitzte Holzsarg des Qatdastrc. 209 

welche in der hieratischen Schrift ganz verschieden, in der hiero- 
glyphischen aber recht leicht mit einander zu verwechseln sind. 
Eigentliche Beschädigungen hat unser Sarkophag nur an der rechten 
Seite des Fussstückes und den sich an den Rucken schliessenden 
Seitenbrettern erfahren. Übrigens lassen sich die verhältnissmassig 
wenigen abgeriebenen Zeichen in den meisten Fällen ergänzen. 



Die Persönlichkeit und Heimat des in unserem Sarkophag 

bestatteten Aegypters. 

Bevor wir auf die Inschriften des Sarkophages eingehen, aus 
denen schon in diesem Abschnitt manche Gruppe anzuführen sein 
wird, muss bemerkt werden, dass wir »rechts« und »links«, hier wie 
auf den Tafeln, nicht in unserem, sondern im aegyptischen Sinne 
gebrauchen, d. h. wir denken uns in die Osirisgestalt, von der wir 
zu reden haben, hinein. Rechts ist für uns nicht die unserer Rechten 
gegenüberstehende Hälfte der Mumie, sondern diejenige Seite der- 
selben, an der sich ihr rechter Arm und ihr rechtes Auge befinden. 

Der Name des Menschenkindes, für welches unser Sarkophag her- 
gestellt worden ist, erscheint auf demselben häufig, und zwar 31 Mal; 
aber obgleich seine Lesung sicher steht, bleibt es zunächst frag- 
lich ob er einem männlichen oder weiblichen Wesen angehört hat. 
Dergleichen kommt sonst glUcklichweise nur selten vor; hier ist es die 
Sorglosigkeit und Unwissenheit des Schreibers oder Bildhauers, oder 
vielleicht auch beider, welche den Leser in eine so missliche Lage 
versetzen. 

Unser »Osiris« war bei Lebzeiten 8 ^ "^ gerufen worden 

und dies muss wie die Variante \ \] "^ ^ cvj '^hrt, öa^bastru^) gelesen 
werden. Seine Eltern werden mehrmals, am vollständigsten auf dem 

Seitenstück I. Z. 1 genannt. Es heisstdort: 1?^^^8 "^"^"^^^^C^ ^> 
Der königl. Anverwandte Hatbastru, Sohn des werth ge- 



/VS^AAA 





%] Wenn . . . cpuioy ist, Ilatbastcru zu lesen. 



210 Georg Ebers, [40 

schätzten bei dem grossen Gotte Peöef (sehen?) ^) Kind der Herrin 
des Hauses, der vverth geschälzten bei den Göttern Tasä^^epr. 

Gewöhnlich wird bei Anführung der Eltern die Mutter zuerst 
genannt; aber Tasä^epr muss eine Frau sein. Darauf deutet viel- 
leicht das '^^^L mit dem ihr Name beginnt, dafür tritt der diesen 
begleitende Titel Herrin des Hauses ein, das wird entschieden durch 
das femin. (r^ dmext^ welches sich auf sie bezieht und den 

im Demotischen vorkommenden Namen Saj^epri*) im griechischen 
Antigraphon Saj^TnrjpK;, welcher ausschliesslich Frauen zukommt und 
unserem §ä%epr vollkommen entspricht. Da nun l^a^bastru stets 

^^ d. i. Sohn seiner Eltern genannt wird, sollte man denken, dass 

die Frage nach seinem oder ihrem Geschlecht entschieden sei. Dies 
ist aber nicht der Fall, denn erstens wird der Name Ha^bastru mehr- 
mals mit dem weiblichen Klassenzeichen determinirt und zweitens 

wird der einzige Titel des Verstorbenen ein Mal 1^ und zwei 

Mal i geschrieben ; diese beide Formen weisen aber auf eine 

Frau. Bedenkt man ferner, dass unser Osiris, für den ein so kost- 
barer Sarkophag hergestellt worden ist, doch eine recht vornehme 
Persönlichkeit gewesen sein muss, so hat es allerdings etwas auf- 
fallendes, dass wenn wir es mit einem Manne zu thun haben, bei 
der einunddreissigmaligen Wiederholung des Namens Qafbastru auch 
nicht ein einziger anderer Titel als der eines königlichen Anver- 
wandten vorkommt. Würde der Osiris ein Weib gewesen sein, 
so verstünde sich dieser Umstand von selbst. Dennoch halten 
wir l^albastru für einem Mann, denn der Verstorbene wird 



3) Das Yh scheint als Determinativzeichcn zu der Gruppe oder D 

zu gehören. Das ist vielleicht der männhche Artikel , welcher dem ^^^ 
(jedenfalls Artikel) in dem Namen der Mutter Tasäj^epr entspricht. Zeitschrift 

^ ^ z=z ^ auf einem Sarge im Berliner Museum. 

4) '^WYyK^jSkmm ^«-3» Brugsch, Samml. demot.-griech. Eigennamen. 



^4] Der geschnitzte Holzsarg des Hatbastru. 211 

ohne Ausnahme ^^, se d. i. Sohn und kein einziges Mal ^^ 

set, d. i. Tochter genannt. Gewöhnlich wird der Name gar nicht 
determinirt, aber wo dies geschieht tritt eben so häufig das Klassen- 
zeichen 3 wie das weibliche J) ein. Um der Confusion die Krone 

aufzusetzen, steht hinter dem Namen unseres Hatbastru, der doch 
keine androgene Persönlichkeit gewesen sein kann, die Frau mit der 
Blume, weiche sonst immer nur Feminina determinirt, aber diese Frau 
ist mit dem Barte versehen, welcher nur Männern zukommt. Sucht 
man bei den Eltern Rath, so findet man, dass der Name des Vaters 
hier mit dem gewöhnlichen Klassenzeichen TUr männliche Persönlich- 
keiten J|, dort mit dem wunderlichen C^, welches uns hinter Hat- 
bastru begegnet ist, determinirt wird, während man bei der Mutter 
ein iyj also wiederum eine bärtige Figur, welche hier aber statt der 
Blume das Zeichen -r- auf dem Knie trägt, findet. Aus den De- 
terminativzeichen, durch welche sonst in ähnlichen Fällen jeder 
Zweifel beseitigt wird, lässt sich hier also garnichts entnehmen. 

Auch das _ i und i ^^^ darf nicht mit Bestimmtheit für 

© ^T I T I w 

einen Frauentitel angesehen werden, denn die Sorglosigkeit unseres 
Schreibers ist gross, und wir haben 1^^^^ auch anderwärts bei 
Männern gefunden. So heisst es auf einer Apisstele im Louvre, 
welche nur um weniges früher als unser Sarkophag hergestellt worden 

zu sein scheint, ^^»u^ . . . l*^^(j ^'ö'^ Sein Sohn . . . der kgl. 
Anverwandte äab. Auf einer Inschrift aus der IV. Dyn.^) wird ein 
1'*^^^^^^ ^v suten rej^t ämöen erwähnt, und dieser ämden ist 

jedenfalls ein Mann gewesen. Von der anderen Seite werden 
Frauen ziemlich oft 1 ^ Q suten re^ (ohne ^) genannt. Schon im 
alten Reiche heisst eine f^^ Nubtetp ^i ^ hemt-f suten 
reyi^ sein Weib, der königl. Anverwandte etc.®) Gelegentlich wird 



5) Lepsiiis, Denkm. II, 3. Grab und Statue im Berl. Museum. 

6) Lepsius. Denkm. 11, 4 4. 



212 Geobg Ebers, [42 

dem Manne und dem Weibe in ganz gleicher Weise der Titel 
sulen re-^ beigesellt.') 



\ 



o 

So kommt denn auch durch diesen scheinbar weiblichen Titel 
unsere Frage nicht zur Entscheidung. Die pronominalen SufQxe, 
welche in derartigen Fragen manchmal den Ausschlag geben, lehren 
hier nichts, weil verstorbene Männer und Frauen in gleicher Weise 
Osiris wurden und Qatbastru wie jeder verklärte Aegypter darum 
auch Osiris genannt wird; Osiris aber ist männlichen Geschlechtes, 
und wo man ihn anredet oder wo von ihm gesprochen wird bedient 
man sich des Pronomens in der 2. oder 3. Pers. Mascul. 

Da der Name Ha^bastru sonst nirgends vorkommt,^) so bleibt 

uns nichts übrig als uns an das ^^ se filius zu halten, welches 

doch kaum so consequent gebraucht worden sein würde, wenn 
Qatbaslru die Tochter und nicht der Sohn seiner Eltern gewesen 
wäre und uns auf einen äusserlichen Umstand zu stützen, welcher 
die ganze Frage zu entscheiden scheint. Unser Sarg stellt eine 
bärtige und darum männliche Person dar, denn Frauensärge mit 
einem Barte sind weder mir, noch Dr. Stern, noch anderen Collegen, 
bei denen ich Nachfrage hielt, begegnet. 

Leider fehlt, wie wir wissen, jede Nachricht über den Fundort 
unseres Denkmals; indessen scheint Qatbastru in Unteraegypten, und 
zwar in Memphis gelebt zu haben. Darauf deutet schon das in 

seinem Namen vorkommende unteraegyptische n^ Bast, und dies 

wird zur Gewissheit durch den Anfang der Mittelzeile auf dem Deckel, 

wo es heisst lA^ '''''*^ jll 1 1 "^^^^0 i ^'^^ königliche Opfer- 
gabe dem Osiris, dem grossen Gotte, dem Herren der weissen Mauer. 
Da diese »weisse Mauer« (änbu het't) zu Memphis gehörte und keiner 
anderen Gottheit als dem Osiris dieser LokaHtät im Namen des Hai- 
bastru ein Opfer votirt wird, muss unser Verstorbener in der alten 
Menesstadt gelebt haben, oder doch wenigstens in derselben zu 
Grabe gegangen sein. 



7) Lepsius, Denkni. 11, 59. 

8) Weder in Liebleins nützlichem NamenswÖrtorbuchc , noch in meinen 
eigenen CoUectaneen. 



^'^1 Der geschnitzte Holzsarg des Hatbastru. 213 



Die Zeit der Herstellung des Sarges. 

Seyffarth, der erste Aegyptolog, welcher unser Denkmal (1842) zu 
sehen bekam, glaubte auf demselben einen Königsnamen und eine ge- 
naue (Konstellation, welche eine Bestimmung der Sterbezeit des U^tbastru 
auf astronomischem Wege zuliess, entdeckt zu haben, aber leider findet 
sich auf dem Sarkophag weder der eine, noch die andere. Die 
Entzifferungsversuche des gelehrten und in gutem Glauben an die 
Richtigkeit seiner Methode arbeitenden Gelehrten werden den jüngeren 
Fachgenossen, welche dem Entwickelungsgange unserer Wissenschaft 
nicht gefolgt sind, komisch und im höchsten Grade verkehrt vor- 
kommen, ja sie werden den Seyffarth'schen Übersetzungen gar nicht 
mehr zu folgen im Stande sein und sie als Ungeheuerlichkeiten be- 
trachten, mit denen man nicht mehr zu rechnen hat. Wollten sie 
sich indessen die Mühe geben, Seyffarths System kennen zu lernen, 
so würden sie wahrnehmen, dass der genannte Gelehrte es bei all 
seinen Übersetzungsversuchen ganz consequent angewendet hat, und 
sie würden sich dann mit uns voller Erstaunen fragen, wie es ge- 
lingen konnte mit Hülfe einer ganz verkehrten Entzifferungsmethode 
Versionen zu liefern, welche nur in vereinzelten Worten dem 
wahren Inhalt des Grundtextes entsprechen, und dennoch nicht ganz 
und gar unsinnig klingen. Champollion hatte diejenigen Hieroglyphen, 
welche wir längst als Siibenzeichen kennen, als alphabetische Buch- 
staben betrachtet, zu denen ein zweiter und manchmal auch ein 
dritter Laut zu ergänzen sei, Lepsius war es, welcher das Wort 
Silbenzeichen zuerst aussprach, Seyffarth aber stellte die Silbenzeichen 
an die Spitze seines Systems. Dabei ging er viel zu weit, und als 
er sah, dass die Champollion'sche Schule die Silbenzeichen, welche 
er als seine Entdeckung in Anspruch nahm, benutzte ohne ihn zu 
nennen, wurde er gereizt und fuhr sich, wenn der Ausdruck erlaubt 
ist, in die Silbenzeichen fest. Zeichen in Menge, denen ein ganz 
anderer Werth zukommt, wurden von ihm als solche betrachtet und 
erklärt. So gelangte er zu höchst verkehrten Lesungen, und die be- 
fremdlichen Wörter, welche bei diesem Verfahren herauskamen, er- 
klärte er dann mit beispielloser Kühnheit aus dem Koptischen oder 
den semitischen Sprachen. Im Ganzen lässt sich sagen, dass wol 



\ 



214 Georg Ebers, [4^ 

selten ein ernster und fleissiger Gelehrter an eine von vorn herein 
verlorene und verkehrte Sache so grossen Eifer und so erstaunUchcn 
Scharfsinn vergeudet hat wie Seyffarth. 

Den Namen unseres Hatbastru liest er Hetnitocri, das Jt? 

änbu het'-t, welches wir kennen, umschreibt er Tp thch. Er erklärt 

es aus dem koptischen T^.ne ocücy Thebe provincia, nomus und hält 
also diese Gruppe, welche sicher einen Theil von Memphis bezeichnet, 
für den Namen des hundertthorigen Theben. In der Miltelzeile auf 
dem Deckel steht die häufig und mit vielen Varianten wiederkehrende 

Phrase (5 I^ U '^z::* -C-i . '^^c:::« ^ ^. ^^z:^ i:= "^^ ^ ^^^ir:^ ^^ Liba- 

tion Deinem Genius, Odem Deiner Nase, RHucherung Deinen Gliedern 
von allem Herrlichen aus dem Himmel (was der Himmel erzeugt) etc. 

bedeutet hier also das Ausgezeichnete, Herrliche und weiter 

nichts; Seyffarth aber will in dieser einfachen Gruppe, obgleich sie 
keineswegs mit der Cartouche, welche alle Königsnamen auszeichnet, 
umgeben ist, den Namen des »zweiten Königs der XIX. Dyn.« er- 
kennen, welchen er Rpc — Raphakes liest. Mit diesen Proben der 
Seyffarth'schen EntzifTerungskunst mag es genug sein. Es gibt nichts 
aus ihr zu lernen, aber man sollte sie auch nicht hervorsuclien, um 
über sie zu lachen, denn sie ist das Resultat eines zwar verkehrten 
aber doch ernsten und ehrlichen Strebens. 

Es steht trotz Seyffarth kein Königsname auf dem Sarkophag, 
und so müssen wir denn nach anderen Hülfsmitteln suchen, um der 
Zeit seiner Entstehung annäherungsweise auf den Grund zu kommen. 
Nun gibt es kein funerUres Monument, auf dem Figuren und Texte 
in erhabener Arbeit aus dem Holz geschnitten sind ausser unserem 
Sarg und den berühmten Brettern in den Museen von Bulaq und 
Turin. Die ersteren stammen aus der Pyramidenzeit, und da nun auch 
eine Anzahl von archaischen und grammatischen Formen in den Texleo 
auf unserem Sarge vorkommt, so könnte man daran denken, seine 
Herstellung in die erste Hälfte des alten Reiches zu verlegen, zumal 
wir jetzt wissen, dass schon in weit früheren Tagen als man bis 
vor Kurzem gedacht hat, der Verstorbene ein Osiris genannt worden 
ist. Dagegen erhebt jedoch das ^^ maä^er (mit vielen Varianten) 
Einspruch, denn dieses tritt zwar in späterer Zeit regelmässig hinter 



4SI Der geschnitzte Holzsaug des Hatbastrii. 215 

den Namen der Dahingegangenen, kommt aber unseres Wissens nie 
und nirgends vor der elften Dynastie vor. Dies ^^ begleitet nun 
den Namen des Qatbastru wenn auch nicht immer, so doch unter 
dreissig Fskllen zehn Mal, und aus diesem Umstände gewinnen wir 
einen Terminus a quo, welcher uns mit Bestimmtheit zu behaupten 
gestattet, dass unser Sarkophag frühestens aus der Zeit der XI. Dy- 
nastie stammt. Fassen wir sodann die Göttergestalten ins Auge, 
welche auf dem Deckel des Sarges angebracht sind und von denen 
wir später zu reden haben, so finden wir, dass sie zwar schon in den 
ältesten Texten des Todtenbuches erwähnt werden, aber in dieser Zahl 
und Form nicht früher als auf den Holzsärgen der XIX. Dyn. vorkommen,^) 
und so darf denn der Kreis enger gezogen und festgestellt werden, 
dass unser Sarg frühestens unter der erwähnten Herrscherreihe ver- 
fertigt worden sein kann. Doch in dieser Epoche und in den ihr fol- 
genden Jahrzehnten liebte man es noch nicht auf archaische Formen 
zurückzugehen; solche kamen vielmehr erst später, und zwar unter 
den Fürsten der 26. Dynastie in Aufnahme. Man ging in dieser 
Zeit auch gern auf die Kunstformen des alten Reiches zurück 
und befleissigte sich in der Sculptur derselben liebevollen auch ins 
kleine gehenden Sorgfalt, welche uns an unserem Denkmal erfreut. 
Die Hieroglyphenschrift gewann damals, wo ein Zug »von gesuchter 
Classicität und eines eleganten Purismus« ^^) durch die ganze aegyp- 
tische Kunst ging und der Luxus, weicher in alle Gebiete des Lebens 
eingedrungen war, sich auch auf die Todtenbestattung erstreckte, 
jenen ansprechenden und ohne Kleinlichkeit zierlichen Stil, welcher 
Lepsius veranlasste die schriHbildenden Zeichen dieser Zeit den 
mustergültigen Hieroglyphentypen zu Grunde zu legen, welche für 
die Berliner Academie durch ihn hergestellt und von den Aegypto- 
logen aller Länder in Gebrauch genommen worden sind. Fassen 
wir nun die Bilderschrift, welche den Sarkophag bedeckt, ins Auge, 
so finden wir, dass die Form der einzelnen Zeichen und der Stil 
der gesammten Texte sich nicht weit von der Eigenart der Schrift 
auf den Monumenten aus der XXVI. Dvnaslie entfernt. Bei der Be- 



9) V. Bergmann. Der Sarkophag des Panehem Isis. S. 8. Vgl. dazu Lepsius 
DenkiD. III, 279, e. Sharpe, Inscr. II, 27. 

4 0) Lepsius, älteste Texte des Todtenbuches S. H. 



216 \ Georg Ebers, [46 

trachtung der Lichtgeister werden wir finden, dass diese aaf einem 
Sarkophag ^^) aus der genannten Herrscherreihe ühnh'ch benannt und 
aufgezahlt werden wie auf unserem Sarge. Keine Liste der ^^u' 
kommt der unseren so gleich wie die auf diesem Schrein des Psam- 
9ek neb pehti (26. Dyn.). 

So lässt sich denn vermuthen, dass unser Monument wenn auch 
nicht in dieser Epoche, so doch in einer derselben benachbarten 
entstanden ist. Prüfen wir nun den Werth der einzelnen schrifl- 
bildenden Zeichen, so kommen wir zu der Überzeugung, dass unser Sarg 
noch jünger ist als die 26. Dynastie und dass wir ihn frühestens in 
den Anfang der Ptolemäerherrschaft setzen müssen. In dieser Zeil 
war der Schriftstil der Saitischen Epoche noch nicht vergessen, und 
wo wir in derselben nicht der eigenartigen, schnörkelhaften und 
aenigmatischen Schreibweise begegnen, finden wir Texte, welche 
viele Besonderheiten der 26. Dynastie Iheilen. Dies gilt auch von 
dem unseren, und doch ist derselbe nichl frei von jenen Wunder- 
lichkeilen, die erst unter den macedonischen Herrschern in die Hie- 
roglyphcnschrifl eingedrungen sind. Wenn wir den Artikel beim Vo- 

cativ statt A^ — D,'^) wenn wir (j v^) *^) statt mit dem Auge rail 
der Pupillle o i , wenn wir v:y J aufgehen statt mit v^ nut ^^, die 

«tt n AA/V\/VA 

ganze Gruppe also %v^ U ^ ") schreiben sehen und statt ^^A 

— H^ statt '^:ir:^ — <:^^^) (THpov) hinter dem Nomen finden, 
so sind wir zu behauplen berechtigt, dass wir es mit einem Denk- 
mal aus der Lagidenzeit zu thun haben, fev^ kommt mit dem Werthe 

u gewiss nicht vor den Ptolemäern vor. **') Unter einem der ersten 
dieser Könige wird unser Sarkophag doch wol verfertigt worden sein, 



H) Lepsius, Denkm. IH, 279. 

4 2) Seitenstück G, rechts Z. 4. 

13) Vorderstück B, links, Abschn. 2, Z. 9. 

4 4) Schulterstück E, rechts Z. 2. 

4 5) Seitenstück G, rechts Z. 3. 

4 6) In Edfu und Dendera vertritt ^n^ die Buchstaben m, $ und r. Dü- 

michen, Zeitschr. 4 879, S. 4 26, A. Osiris (ünnefr) wird hierund sonst ^^^^ 
^^V^ geschrieben, d. i. ti + « + r, also usr oder tisir. 



^7] Der gksciinitzte Holzsarg des Qatbastrij. 217 

derjenigen der 26. Dynastie in der That sehr nahe, und fehlt auf 
ihm noch jene Seibstapologie , die sich an die ersten Zeilen des 
127. Kap. des Todtenbuches schliesst und der man auf den schönsten 
Sürgen aus der Lagidenzeit begegnet. ") Mit dieser schwer anfecht- 
baren Bestimmung lassen sieh auch die Namen des Qa^bastru und 
seiner Eltern wohl vereinigen. Die der letzteren scheinen, wie ge- 
sagt, analog denen des Pasemtek*^) und der Tasemtek mit dem Ar- 
tikel gebildet zu sein. Qatbastru ist zwar ein Hapaxlegomenon, 
doch spricht schon die Form dieses Namens für sein geringes Alter. 
Wie weit er von den einfachen Namen des alten Reiches abweicht, 
braucht kaum hervorgehoben zu werden. Es ist auch bekannt, dass 

die Gruppe W"^ oder W^ hast, (Stadt oder eponyme Göttin), 

welche in ihm vorkommt, erst seit der XXII. Dynastie hSiufiger bei 
der Bildung von Eigennamen verwandt wird. Zwar kennen wir 
eine Familie aus dem alten Reiche ^-^) welche der Göttin Bast als 
Priester gedient zu haben scheint, und unter der einige Mitglieder 

rj^ S^ ö ^ oder Yf^^i. ^ etc. heissen, zwar kommt auf 

einer wiener Stele aus etwas spaterer Zeit eine rj ^^ vor, zwar 

hat es am Ende des alten Reiches den Namen ^^. _-,^?(^^^ 

und ^^W ^^) gegeben, im Anfang des neuen Reiches kommt aber 

ein mit n^ n^ oder n^ Bast zusammengesetzter Name höchst 
selten vor. Aus dem Ende der 18. Dynastie kennen wir nur eine 
Familie, ^) in der die Frauen als -^ « ^ qemät n Bast oder Sän- 
gerinnen der Bast (auch des Amon) thätig waren, und unter der 
ein männliches Mitglied ^^ n ^ hiess. Bis zum Regierungsantritt 

der XXII. Dynastie kommen dann mit Bast zusammengesetzte Namen 
nur ganz vereinzelt vor, von da an bis zum Ende der XXVI. Dynastie 



n) Sarg des Panehemisis (Wien) des Unnefer und Hör em heb (Bulaq). 

4 8) Kanopen im Dresdener Museum. Zeitschr. für aegypt. Spr. und Alter- 

thumsk. 1881. 

19) Berliner Stele 41. Bei Lieblein dirt. des noms hi^rogl. N. 141. 

90) Sbarpe. Inscr. VI. ser. 61. 

81) Louvre. T. 154. 

t%) London. Tablet 154. Lieblein. D. d. n. h. 868. 

Abkuidl. d. K. S. Q«8ell«cli. d. Wistensch. ZU. 16 



218 Georg Ebers, [4H 

werden sie ungemein hüufig , und sie treten auch in der Perser- und 
Ptolemiierzeil in zahlreichen Beispielen auf. Wir erwähnen aus dieser 

Epoche eine 'a n. w ^ oder '=^^^^'=^'^''^ nT- Derjenige mit Basl 
zusanimengcsetztc Name, welcher auch unter den Ptolemäern am 

beliebtesten war, ist ^^^•'') Auch "^^^r^^^"') mit 

verschiedenen Varianten 2^) ist nicht selten. Im Louvre finden sich 

die Namen <rr>w'^ und W^^^^). Der eine gehört in die 

XXII. der andere in die XXVI. Dynastie. In diese und spatere 
Zeiten weisen noch die folgenden Namen, zu denen sich noch manche 
Ergänzung finden liesse: 



Der schon oben erwühnte Name der Mutter des l|a(,bastru ist 
uns nur im Demotischen begegnet. Er heisst dort Sä^epri und sein 
griechisches Antigraphon lautet Sa^ingpic. Auch dieser Umstand 
zwingt uns die Entstehung des Sarges in verhällnissmassig späte Zeit 
zu verlegen. Unsere Ansicht geht also dahin, dass derselbe am Anfang 
der Ptolemäerzeit, und zwar zu Memphis, hergestellt worden ist. 



Die Oöttergestalten. 

Die zum Schutze des Verstorbenen auf dem Sarg angebrachten 
Göttergestalten sind nicht eben zahlreich. An anderen Sarkophagen 
und besonders an denen aus späterer Zeit kommen sie in sehr viel 
grösserer Menge vor. Merkwtirdig ist das Fehlen der vier preisen- 

den Affen, xj ääni' äft, welche im Todtenbuche so- 

wohl auf der Vignette als im Text des 126. Kapitels, das auch 



23) Krall, Studien zur Gesch. d. a. Aegypten. Wien 1884. S. 50. 

24) Bulaq Stele 4 43. 

i5) Liverpool. Sarg. Liebl. 1. 1. 1069. Münchener AnUguarium Stele 30. 
(IIL 4, 4.) Liebl. ). 1. 4050. 

26. Auf 4 Apisstele und Stein 274. 



^^j Der geschnitzte Holzsarg des Uatbastri'. 219 

auf unserem Sarge angebracht ist, vorkomineD. Es fehlen hier 
ferner (sie sind überhaupt auf Uolzsürgen selten) die Nachtstunden, 
welche so häufig in die Steinsarkophage gemeisselt wurden und die 
(man denke an die &nii-tuat Texte) nicht von endlicher Dauer 
waren und als Schauplätze dessen, was in ihnen vorging, angesehen 
worden sind. Die Sarkophage vertraten den Westberg und die 
Unterwelt, und wenn wir das was in ihr war und vorging, nament- 
lieh auf Steinsärgen häufig abgebildet finden, so erklärt sich das 
leicht, weil der selig gesprochene Verstorbene nicht nur eingeht in 
die Herrlichkeit des Rä (der Sonne), welcher als werkthäliger Schöpfer 

aller Dinge aufgefasst wird (von rä thun), sondern weil er auch 

all seine Attribute empfängt und vollständig mit ihm assimilirt wird. 
Als Rä hat nun der Dahingegangene, wie die Sonne nach ihrem 
Tageslaufe, die Unterwelt zu durchwandern, um aui anderen Morgen 
am östlichen Horizonte als neues die Erde erleuchtendes und seg- 
nendes Tagesgestirn wieder aufzugehen. In die 12 Stunden der 
Nacht füllt der Lauf der Sonnenbarke durch die Todtenregion; darum 
werden diese als Frauengeslalten mit dem funfstrahligen Stern * auf 
dem Haupte (manchmal auch in Begleitung der Stunden des Tages) 
besonders gern auf den Steinsarkophagen dargestellt, Sie fehlen nie in 
dem »Buche von dem was in der Unterwelt ist«, aber dies findet sich, 
wie schon angedeutet wurde, gewöhnlich nur auf Sleinsarkophagen mit 
viereckigem Durchschnitt, weil es mehr Platz erfordert als ein Schrein 
in Gestalt der menschlichen Mumie hergibt. Unser Verstorbener ist 
aber nicht nur Rä, sondern, und zwar in erster Reihe, O^iris, mit 
dessen Namen er auch benannt wird. »Damit ist« — wir bedienen 
uns der knappen und durchaus zutreffenden Erklärung v. Berg- 
manns — »damit ist die nächtliche, abgestorbene und in Todes- 
starrheit befangene Sonne gemeint, die aber, mit unzerstörbarer vi- 
taler Potenz begabt, aus dem Todtenschlafe erwachend, am Morgen 
zu neuem Leben am östlichen Horizonte emporsteigt.« Im letzten 
Stadium der Apotheose wird aus dem Osiris Rä. 

Auf dem Sarg« unseres Ua(bastru gibt es keine eigentlichen 
astronomischen Darstellungen zu sehen, wenn auch der Göttercyklus, 
welcher uns auf seinem Deckel begegnet, wenigstens ursprünglich 
einen siderischen Charakter gehallt zu haben scheint. 

46* 



222 



Georg Ebers. 



[22 



Licht 



I. Sarkophag des Hat- 
bastru. 

(4 Lichlgeisler.) 



II. Todlenb. XVH, 38 



7. Lichlgeisler.) 











'T 



8. 



AAAAAA 




9. 



*»! 



10. 



var. 



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I ^^2^ 
O O 



III. [.eydener Ihcban. Pap. des 
Suti Qenna aus der XVIII. Dvn. I 



Ji aX II^sö y\ II a 



tJ^VVö^l 



^E^ 



M%.§7ir 



32) Auf dem grossen Sarkophag im museo civico zu Bologna ein mal auch 



23] 



Der geschnitzte HoLZMBG des tl^TBÜSTRU. 



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geister. 



IV. Todtenb. XCIX, «8 



(8 Lichtgeister.) 



— 1„ ^ 



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V. Deckel des Sarges 

des FeldbauptiDanoes 

Psanitek neb pehli aus 

der XXVI. Dyn. 



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VI. Sarg des Panclieni- 

isis zu Wien. 

(8 Lichtgeister.) 

Ptolemäerzeit. 






II 






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II 



33) Ebenso Dümichen. Tempelinschriften I, 15 



224 Gbom Ebers, [24 

Man musste von vorn herein einen Gott, welcher mit der Bai- 
samirung, der Todtenbestattung und der Unterwelt so eng zusammen- 
hängt wie Anubis auf unserem Sarkophag zu finden erwarten. Er 
ist ja auch der Psychopompos der Aegypter. Unter die i\x darf 
man ihn nicht rechnen, obgleich der letzte Name in der alten Liste 

Todtenb. XVÜ, 38 ^. —a^ tJor /ent an ma im gleichen Kapilel 
derselben Schrift Z. 61 dem Anubis gleich gesetzt wird. Es heisst 
dort u wlo^kcD*^^ Anubis aber ist Uor j^ent an ma d.h. 
Horus , welcher sich im Inneren dessen befindet, der ohne Sehkraft 
ist. Der des Gesichtes Beraubte ist der Verstorbene, und wenn von 
diesem ausgesagt wird, dass sich Horus in ihm wirksam erweise, 
so bedeutet dies, dass die vitale Kraft in den Leichnam zurückgekehrt 
sei. Qor ^ent an ma, welcher dem Anubis gleich sein soll, lässt 
sich also kurz als die den Leichnam neu belebende Potenz bezeichnen. 
Anubis folgt den y(u wie der Hirt der Heerde und bereitet ihnen 

die Sitze (Todtenb. 17, 34 ^ h ^^jj "^ ^^> Im Theb. 

Pap. des Suti Qenna zu Leyden heisst es an der gleichen Stelle 
des XVU. Cap. (Leemans'sche Publikation Taf. X, 119) von den 

Es hat sie betraut Anubis mit dem Schutze des balsamirten Leich- 
nams. • Der Seele des Verstorbenen öffnet Anubis die Wege als 

l| jTf \/ .,, Anup äp uat','*) nachdem er für ihre Balsamirung 

Sorge getragen. Über diese Seite seiner göttlichen Thätigkeit wird 
in den sogenannten Balsamirungsritualen, welche von Maspero^) 




34) Todtenb. 4 8, t2 u. a. v. a. 0. Die Lesart uat festgestellt von Le Page 
Renouf. Proceedings. Soc. of. bibl. arch. 1888. S. 61. S. Lepsius älteste Texte. 

T. VI, 9. Sharpe, Inscr. I, 78. 11, 86. Die entscheidende Variante ist ^ ^^ 
S. dazu Todtenb. U7, 22. Ich bin gekommen wie Rä -<s>- ^ ^"^ ^^ 

^ ü n ^ '*^** ^^^^ zurückgelegt den Weg gleichwie ihn mir bereitet 

hat Anubis. In den ami-tuat Texten sitzt der äp-uat auch als wegweisender Pilot 
an der Spitze der Rarke. 

36) Maspero. Memoire sur quelques Papyrus du Louvre. Paris 4 876. Le 
rituei de Tembaumement. D'apr^s le Pap. 5168 du Louvre et le pap. 3 de 
Roulaq. 



A/VVW\ 



S^] Der geschnitzte Holzsarg des Qatbastrc. 225 

herausgegeben und behandelt worden sind, nähere Auskunft gegeben. 
Jedermann kennt die zahlreichen Vignetten , welche Anubi^ zeigen, 
wie er neben der Bahre seine Hände schützend oder segnend gegen 
den Verstorbenen niederlässt. Ist die Mumie «vollendet«, so sorgt 
Anubis Tür die Unterkunft derselben, denn es heisst Yodtenb. 1 52, 2 

der Osiris ... Er erbaut ihm seine Wohnung auf Erden. Er legt ihren 
Grundstein in Heliopolis und er friedet sie ein in j^erau. — Wie 
.Anubis den Leichnam balsamirt, so sorgt er für die Wiederherstellung 
und Kräftigung des auferstandenen Leibes, und er begleitet den- 
selben schützend und helfend bis in die Halle des Gerichtes. Dort 
nin^mt er Theil an der Wägung des Herzens des Verstorbenen,^) 
indem er Hand an diejenige Schale der Wage legt, auf welcher das 
Gewicht, das Bild der Göttin der Wahrheit, sieht. In seinen Mund 
wird die Verkündigung des Resultates der Wägung gelegt, und wenn 
die Rechtfertigung der Seele erfolgt ist, bleibt er ihr Begleiter und 
Hüter bis zu ihrer Apotheose. Ja die Nacht, in welcher die Ver- 

klarung erfolgt heissl ") ^ J T "V S {t ^3 i=^ ^i ^^ ! f 

® r|^ . .. diese Nacht, in welcher Anubis seine Hände legt auf 

die Dinge, welche hinter dem Osiris liegen. 

Diejenigen Formen, unter denen Anubis auf unserem Sarkophag 
vorkommt, finden sich beide im Todtenbuche wieder, die eine 

(1 ^\\\ Anubis in der göttlichen Halle ganz offen ^) und ebenso 

wie auf dem Schrein des Qatbastru, die andere im Turiner Exemplar 
versteckter, aber doch leicht kenntlich und durch Varianten in an- 
deren Papyrus sicher zu identificiren. »Anubis in der göttlichen 
Halle« ist derjenige, welcher sich im Saale des Gerichtes bei der 
Wägung thätig erweist. Dies geht mit Gewissheit aus dem in der 



36) Todlenb. CXXV. Vign. d. 

37) Todtenb. XVIII, 36. 

38) Todtenb. HJ, 13. (| J) [^ 3, Femer mit unwesent- 
lichen Varianten iit, 25. 154, c. 



^26 Georg Ebers, [26 

Wägungsscene über der Schale mit der Göttin der Wahrheit stehen- 
den Texte hervor, wo es zu Häupten der Anubis heisst:**) Mj 

il^-7'l]'=-f^'<-4l2k Jl ■ • ■ (*"""'■" i" "»■■ 
göttlichen Halle spricht: »Das Herz hält das Gleichgewicht durch 

seine Stellung, der Wage ist genug gethan durch den Osiris. . . « 

Neben diesem Verkündiger des Ausfalles der Wägung in der 
göttlichen Halle steht der (I ® oder Anubis oben auf 

seinem Berge. 

Diese Form des Gottes ist unendlich häufig, und doch kommt 
sie im Turiner Exemplar des Todtenbuches nirgends ausgeschrieben 
vor. Indessen ist auch diesen Texten unser Gott wohlbekannt und 

wenn wir Todtenb. 145, 79 lesen: Q Q V^ Eini *»*» 

f[||] mI I ur^ so haben wir in diesem Satze die beiden Anubis- 

formen unseres Sarkophags vor uns und dürfen übersetzen: 
Ich wandle im Hause des (Anubis) der oben auf seinem Berge ^*') 
und sehe den (Anubis) in der göttlichen Halle. In dem sehr ver- 
derbten Texte Todtenb. 151, b wird unter dem Bilde des Anubis, 
welcher zwischen zwei aufgerichteten Mumiengeslalten liegt, stall 
des Anubis ein Osiris lep tu-f genannt. Dies darf uns nicht wundern, 
da der Verstorbene zwar gewöhnlich ein Abbild des Osiris, oft aber 

auch des Anubis heisst. Todtenb. 17, 7 kommt ein ri'"^ \ ^ 

Osiris, Herr des Westberges vor, und eben dieser Weslberg, d. h. 
das libysche Gebirge, welches die Nekropolen nach Abend hin ab- 
grenzt, muss selbstverständlich die Residenz des Gottes der Todten- 
region sein. 



39) Todtenb. CXXV. vign. d. 

40) Erman. Ztschr. 4 883, S. 96 fassl mit Recht das ® in diesem Titel als Nisbe 

p.^.. und weist zutreffend darauf hin, dass in alten Formeln und Titeln die Nisbe 

defectiv geschrieben wird. Er hält a. a. 0. ^&«!i<]piir]f im grossen pariser Zauber- 
papyrus C, 4 4 Tür die koptische Form unseres tep tu-f und sucht den lautlichen 
Vorgang in Folge dessen diese Wandlung erfolgt sein würde geschickt durch Ana- 
logien zu erklären. Jedenfalls wird gerade Anubis noch im 6. und 6. Jahrb. n. 
Chr. in griechisch-aegyptischen Zauberschriften angerufen. 



^T Der geschnitzte Holzsarg des (Iatbastri. 221 

Auf dem Deckel des Sarkophages des *^ h^ M ^v 
^=3:7 ^^^»)^ weichen wir schon oben erwähnten, finden wir hinler 



den zu 1 erweiterten 8 Lichtgeistern gerade wie auf unserem Sarge 
die beiden Anubisforroen. Neben ihnen steht der Stab mit deiu 

Pantherfell etc. iL welcher so oft zu Füssen des Osiris der Unter- 
welt zu sehen ist. Der Anubis in der göttlichen Halle heisst hier 
(1 4|- vy , Anubis oben auf seinem Berge und wird wie auf unserem 

Sarkophage (I und dazu noch ^^"^ h^^ der Herr der 

Nekropole genannt. Beim Tempelkult von Dendera trugen 8 Pasto- 
phoren den Schrein der Hathor, welcher Statuetten der 8 Licht- 
geister enthalten zu haben scheint. Dieselben werden in der In- 
schrift zur Rechten und Linken des Schreines (Mariette, Dcnderah 

IV, Taf. 9, Nr. XXXVIII) also genannt, (jg ämse», yc^ Tua- 
met-f , /i I he(|, CZDI -^ är ren-f t'esef, w Jl p qelihsenf , 00^ y 
Maa~tef-f, 1^00%")^ X®** '^^^1"'^ X^*^^ ^" "^^• 



Die Inschriften auf dem DeckeL 

Sie zerfallen in einen Mittelstreifen von je 6 Zeilen zur Linken 
und Rechten desselben. Auf den dieser Arbeit beigegebenen Tafeln 
haben wir sie in lithographischer Reproduction gegeben. Wohin 
jede gehört, lüsst sich leicht aus dem Tableau erkennen, welches 
die auf die Ebene übertragene Oberfläche des Sarges zeigt. Wir 
geben den Text genau wieder und haben geflissentlich von Cor- 
recturen, auch da wo '^::=7 für ^i:::*, '^z::* für ^^^37 steht, abgesehen. 

Taf. l Mittelstück A. 

Ein königliches Weihgeschenk für den Osiris, den 

44) Lepsius, Denkm. III, 279, e. 

41) Aus diesem Beispiel ergibt sich die Lesung ^er für «oho. Dieselbe 

kommt ja auch sonst oft vor, darf aber keineswegs für die Lesung ) = yer 

herangezogen werden. Nach unserer und Le Page Renoufs Darlegung muss es bei 

^/> = yp, bleiben. 



228 Georg Ebrrs, [^^ 

grossen Gott, den Herrn der weissen Mauer") für den 
werlhgeschätzten bei Osiris den königlichen Anver- 
wandten Ha(bastru. Libation werde dargebracht Deinem 
Genius (Ul), Odem sei Deiner Nase, Räucherung Deinen 
Gliedern von allem Vorzüglichen was aus dem Himmel 
stammt und allem was aufsprosst auf Erden. Es sollen 
Dich erfrischen Wasser, jederlei Opfergebäck und alle 
Dinge, welche erscheinen vor dem Opfertische des 
Obersten und grossen Herrn der weissen Mauer??**) Du 
darfst hinein- und herausgehen, nicht bist du ausge- 
schlossen aus den Thoren derer, welche auferstanden 
sind für die Ewigkeit.**) 

Vorderstück C, rechts 1 und 2 und Vorderstück B, 
links 1 und 2. 

Die beiden Hälften des Vorderstückes dürfen nicht einzeln von 
Zeile 1 bis hinunter zu Zeile 6 behandelt werden, sondern so, dass 
man der ersten Zeile rechts die erste Zeile links, dieser die zweite 
Zeile rechts, dieser wiederum die zweite links folgen lässt und so 
fort. Dies geht aus den ersten Zeilen auf beiden Seiten hervor, 
denn sie sind den Horuskindern, den vier ersten Lichtgeistern ge- 
widmet, welche nicht getrennt werden konnten, und wie gewöhnlich 

so auch hier mit (1^^ ^ J) ämsei^ beginnen. 

Ein diesen vier Genien oder den 10 Lichtgeistern gemein- 
sam geltender Text ist hier nicht vorhanden, obwol es einen 
solchen gibt, wie wir aus dem Sarkophag des Panehem Isis ersehen, ^**) 
wo er lautet: 



43) Das auch den Griechen wohlbekannte Fori von Memphis Xeuxov reT;(o;. 
Nach dem Scholiasten zu Thucydides I, 104, weil es von Bruchsleinen (dem 
schimmernden Kalk des Mokatlam) und nicht von Ziegeln erbaut war. Es wird 
sonst noch erwähnt Herodot HI, 91 und Diodor XI, 74, 77. 

44) Die unausgeführten Rechlecke miissten doch wo! also gelesen werden 

45) jl A^ welche sich in die Hohe heben ewiglich. 

46) V. Bergmann. Der Sarkophag des Panehemisis. S. 7. 



^d] Dbr geschnitzte Holzsarg des Qatbastrl. 229 




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Heil, Heil Euch Sühnen, diesen Kindern des Horns, diesen 
8 Liehtgeistern, den Vollkommenen. Zu seinem Dienste sind sie 
von Ra daselbst an seine Seite gesetzt worden, weil da hasset Seth 
seinen (nicht ihi*en) Anblick. Übet aus Eueren Schutz über Eueren 
Vater Osiris N. N. Vollbringet das Wachen über ihn Tag und 
Nacht, denn er ist einer von Euch. 

Den vier Horussöhnen oder Todtengenien liegt es ob, den Ver- 
storbenen zu beschützen und zu bewachen. Auf der Vignette zum 
CXXV. Kapitel des Todtenbuches, wo sie in der Gerichtshalle über 
dem Opfertische dem Oberrichter Osiris gegenüberstehen, scheinen 
sie als Ai) walte zu fungiren. Unter den Erklärungen zum XVH. Ka- 
pitel des Todtenbuches, welche leider den klaren Grundtext weit 
öfter verdüstern als aufhellen, befindet sich eine, die sich auf sie 
bezieht und immerhin geeignet scheint einiges Licht auf ihre mytho- 
logische Bedeutung zu werfen. Der Grundtext Todtenbuch XVH, 
32, sagt: 

Heil Euch, ihr Herren, der lohnenden und strafen- 
den Gerechtigkeit -/ißü^ 'hr königlichen Häupter, die ihr 

schützend hinter dem Osiris stehet, ihr die ihr abtrennt 
(sät) vom Bösen, ihr, die ihr derjenigen folget, welche 
gnädig gewährt ihren Schutz (hetep-s x^"^)) gebet auch 
mir, dass ich zu Euch komme. Löset in nichts auf alles 
Schlimme, das an mir haftet (äri-&), gleichwie ihr es thut 
jenen sieben Lichtgeistern, welche zur Gefolgschaft (Die- 
nerschaft) gehören ihres Herrn, welcher das Recht zu- 
ertheilt, und denen Anubis ihrea Platz angewiesen hat an 
jenem Tage des »Komm Du zu uns!« 



230 Gborg Kbers, ',30 



Nun beginnt die Erklärui^g mit einem "^ i Q() 1 v 

Was ist das? 



N 



Es sind diese göttlichen Herren der lohnenden und 
strafenden Gerechtigkeit Tej^uti und Asl.es, die Herren 

des Todtenreiches (fr^ ^\ die königlichen Häupter aber,*") 

welche schützend hinter dem Osiris stehen, sind Amseö, 
Häpi, Tuamet-f und Qebhsenu-f, und diese sind es auch, 

welche sich hinter dem Stierschenkelcestirn c^v * 

des nördlichen Himmels befinden. 

Aus dieser Erklärung geht hervor, dass man die vier Genien 
wol zunächst als siderische Gottheiten und dann als Schinnherren 
der Verstorbenen gedacht hat. In Folge der ersteren Auffassung 
haben sie auch kalendarische Funktionen und treten als eponyme 
Gottheiten der Monatstage auf. Sie stehen unter diesen dem 4 — 8, 
dem 10. und 15. als Kalendergottheiten vor. Als Schutzherrn des 
Verstorbenen geben sie demselben die Grundbestandtheile seines 



Wesens zurück, denn auf dem Sarkophag des rl'S Petu usiri 

mit dem uns Naville zuerst bekannt gemacht hat,*^) sagt Amsed: 
»Ich übergebe Dir Deinen U*«,**-^) (das ist die von dem mate- 
riellen Körper abstrahirte Erscheinungsform, der Genius und geistige 
Doppelgänger). IJäpi spricht: »Ich übergebe Dir Dein Herz« 
(d. i. Geist und Gemüth). Tuamet-f spricht: Ich übergebe Dir 

Deine Seele A^ ba (d. i. das Lebensprincip, durch welches sich 

das Lebende vom Nichllebenden unterscheidet). Qebhsenu-f spricht: 
Ich gebe Dir Deinen sahu« (d. i. der durch die Balsamirung 
für eine ewige Dauer zubereitete Leib).^) 



47) Die vier Todlengenien werden auch an andern Stellen \ Ä A Vwi 

i] j genannt. 

48) Zeitschr. 1877, S. 30. 

Q /WWNA I I 

49) A aaJvaa 

50) Auf der Granitstatue der Hör ul'a zu Miramar heisst es _>w^ 

7^ ^\ ü -' ^ ^^^"^ '^** *^*" ®*" ^^^^ durch das was 



_ __ _ A^AA/W 
AAAAAA 





31] Der geschnitzte Holzsarg des IJatbastru. 231 

Naville hat a. a. 0. auch darauf hingewiesen, dass wir in 
unseren vier Genien die Gottheiten der vier Himmels- und Wind- 
richtungen, ja der vier Winde selbst zu erkennen haben. Zu den 
bekannten Krönungfesten, welche im Ramesseum (Lcps. Denkm. HI, 
163) und zu Medinet Habu dargestellt werden, gehört eine Ceremonie, 
welche daraus besteht, dass man vier Vögel als Boten in alle vier 
Himmelsrichtungen fliegen lüsst. Jeder von ihnen wird nach einem 
von unseren Genien genannt. Beide Monumente haben für den Süden 

Amsed und für den Norden Qäpi, welcher zu Medin. Habu 

geschrieben wird. Qebtsenu-f und Tuamet-f stehen im Ramesseum 
dem Westen und Osten, zu Med. Habu umgekehrt dem Osten und 
Westen vor. Genauigkeit ist bei solchen Dingen überhaupt nicht zu 
erwarten, aber Amsed und Häpi sind ohne jede Ausnahme Vor- 
steher der Windrichtungen des Südens und Nordens, und in weitaus 
den meisten Fällen, welche wir notirt haben, ist, wie im Ra- 
messeum, Tuamet-f der Gott des Ostens und Ostwindes, Qebbsenuf 
der des Westens und Westwindes. Der Text von Med. Habu 
schliesst sich an die weniger gebräuchliche, aber doch auch sonst 
vorkommende Auflassung. Auch zu Dendera steht Tuamet-f dem 
Ost-, Qebhsenu-f dem Westwinde vor.'»*) Naville hat ferner darauf 



ihm geschehen ist, ein Verklärter, vollkommen durch die Ausstattung, welche sich 
an ihm befindet. Diese Ausstattung ist die Balsamirung, die Umwickelung mit 
Binden und ist auch die dem Leichnam beigegebenen schützenden Amulete und 

Texte. Das Lexikon lehrt, dass sahu auf die Wurzel jlS ('Vj ^^A» ^ \ 
zurückzuführen ist, welche sich im koptischen ccyg^, coioTg, cooy^ congerere, 
congregare, acervare erhalten hat. Es bedeutet mit etwas reichlich versehen, 
reichlich beschenken. Im Pap. Ebers 65, «6 wird es von Salben gebraucht, die 
reichlich aufgetragen werden sollen. An solchem sahu oder reichlich ausgestatteten 
Mumienleibe haftete die körperliche Form, durch welche sich der verstorbene 
Mensch von anderen Menschen unterschieden hatte, und in den funerären Texten 
wird darum unter Sahu nicht nur die Mumie, sondern auch die von dem Körper 
abgelöst gedachte Unterscheidungsform desselben verslanden. In dieser Auffassung 
ist der Sahu dem U, nahe verwandt imd man darf ihn wohl Schemen übersetzen. 
Der Ka wird abstrahirl von dem Bilde, der Statue des Verstorbenen, der Sahu 
von seiner Mumie. 

54) In einer Darstellung der vier Winde in einem der Fensler von Dendera. 
Dümichen Resultate Taf. 46. 



232 Gkobg Ebbbs, [3« 

liingewiesen, dass Amseft und Häpi mit der Doppelstadt ^^ GO o 
pe und (ep (d. i. Buto), die beiden anderen sog. Kanopen mit der 




I iJ^ Kapitel von der Kenntniss der Geister von j^en oder nej^en, 



Stadt yien oder nej^en in Zusammenhang gebracht werden. 

Die *^^J)» oder Geister dieser beiden Orte, d. h. die in ihnen 

verehrten mythologischen Persönlichkeiten waren von so grosser Be- 
deutung, dass die Seelen der Verstorbenen sie in der Unterwelt 
kennen mussten. Die Überschrift des 112. Kapitels des Todtenb. 

lautet: <==><^^^i ^^ c?| ' D'® • ^^'" anderes Kapitel von der Kennt- 
niss der Geister von Buto, die des 113. Kapitels: i j 

I 

d. i. die Eileithyiastadt. Aus Kap. 112 geht nun hervor, dass 
Horus zum Gölte von Buto eingesetzt worden ist nachdem das 
Horusauge den Seth, welcher es in Gestalt eines Schweines angefallen, 
verbrannt hatte. ^) In demselben Kapitel heisst es, dass die vier 
ersten Lichtgeister Amsed, Häpi etc. den Horus zum Vater und 

die Isis zur Mutter haben. ^ ^ iTi ° ^ '^^ fTi " J O I 
ihr Vater aber ist Horus, ihre Mutter Isis. Demnach gehören nicht 
alle vier zu den Seelen von Buto; vielmehr nennt der Verstorbene, 
nachdem er zur Kenntniss dieser Seelen gelangt ist Todtenb. 112, 8 
nur Horus, Amsed und Häpi. Die beiden anderen "P^aniet-f und 
Qeb^senu-f gehören — wiederum mit Horus — wie das 113. Kap. 

lehrt, zu den Göttern von *^ o. Dies war dem Horus durch Rä 

verliehen worden, nachdem es Sebek gelungen war, seine Arme, 
welche er im Kampfe gegen Seth eingebusst hatte, mit seinem Netze 
aus dem Wasser zu fischen. Wie Amsed und Häpi zu Buto, so 
sind Tuamet-f und Qebl]isenu-f zu /en oder Ne^en, d. h. in der 
Sudstadt xad' i^oxV' ^^^ Eileithyiastadt der Griechen und dem et- 
Kab von heute die Wächter und Begleiter ihres Vaters Horus. So 
kommt es denn auch , dass in der Vignette zu Kap. 1 1 2 der Ver- 
storbene den Horus und seine Söhne Amsed und Häpi die Geister 
von Pe, in der Vignette zu Kap. 113 den Horus und seine Söhne Tua- 



5S] Wie Buda-Pesi oder Elberfeld-Barmen. 
53) Todteob. HS, 6. 



')')] DkB GESr.HNITZTK HoLZSARG DES ^ATBASTBU. 233 

inet-f und Qeb^senu-f, die Geister von y(en oder Nej^en, anbetet. 
— Eigentlich sollte man für y(en oder Ne^en Amseö, vielleicht mit 
Tuamet-f, für Buto Häpi, vielleicht mit yehfesenu-f erwarten, denn 
yen oder x^^nnen ist steLs die Su<istadt, Buto immer die Nordstadt, 
und so sagt denn auch i\ev (Joli Menl.ii zu Ksne dem Könige:"^) 

A^'^-^I^v Tr^-^As/ T a '^'^ ^^^^ ^^^ ^'*^ weisse Krone (von 
Oberaegypten) in Ne/en und die rothe Krone (von Unteraegypten) 
in Pe. Die Göttin von Nej^en 1 J J)^ Nej^eb-l ist stets die des 

Südens, die I^, var. ^T\I1Q^ "'-l o^cr ut'-it ist immer die des 

Nordens. So würde man denn auch zu Nej^en neben dem Horus 
dieser Stadt den Ämse8, welcher überall der Windrichtung des Südens 
vorsteht, und neben dem Horus von Pe und Tep, Häpi, den nörd- 
lichen ohne seinen südlichen Genossen Amse&, welcher ihn hier 
dennoch begleitet, zu erwarten haben. Die Naville'sche Wahrnehmung, 
dass also ^ Pe für sich allein, wenn es ^^^ -/en oder Ne/en gegen- 
übergestellt werde, den Norden und Süden zugleich darstellen könne, 
ist unanfechtbar, aber eine Erklärung für dieselbe haben wir nicht 
zu finden vermocht. Statuen derselben kennen wir nicht, wol aber 
werden häufig kleine Wachsfiguren in der Höhe von 7 — 10 cm. 
»die vier Osirissöhne« bei den Mumien gefunden. 

Besonders häufig begegnen uns die vier ersten Lichtgeister als 
Vasen, deren Deckel die Form desjenigen Thierkopfes tragen, welchen 
man jedem einzelnen von ihnen zuschrieb, und deren Inneres diejenigen 
Innentheile des Veistorbenen barg, welche jeder von ihnen besonders 
zu beschützen hatte. In jedem Museum finden sich dergleichen Vasen 
oder Urnen, und sie werden schon früh allgemein mit dem Namen 
»Kanopen« bezeichnet, obgleich derselbe nicht aegyptisch zu sein 
scheint. Jedenfalls hangt er mit dem der Stadt KavcoTuo^ oder doch 
wohl richtiger Kdvcoßo^, zusammen, aber auch dieser scheint griechisch 
zu sein. Nach einer bekannten Stelle des Aristides, ^'') würde der 
betretl'ende Name allerdings aus dem Aegyptischen kommen. Der ge- 
nannte Schriftsteller will mit Hecht nicht an die Sage glauben, dass 



54) Brugsch. Dictionnaire geographique. I, S. 354. 

55) Aristides. Or. Aegypt., opp. T. II. p. 359 seq. ed. Jebb. 

AbkftBdl. d. K. 8. GeBelluch. d. Wissensch. XII. i^ 



234 Georg Kbeus, [34 

Kaiiol)os nach dorn Steuennanne des Meneiaos, welcher hier begraben 
liegen sollte, benannt worden sei, denn ein aegyptischer Priester hatte 
ihm mitgetheilt, die Stadt habe schon viele Jahrhunderte vor Menelaos 
ihren Namen getragen und dieser bedeute ^^puaouv l8a<fo<;. Champollion**) 
sprach die nahe liegende Ansicht aus, der Priester, welcher den 

Aristides belehrte, könne nur das koptische f^gi AJIOTß, das man 

vielleicht einfach K^gJtorß ausgesprochen habe, gemeint haben, und 
dies bedeutet ja in der That ^puaoov iharfo<i oder güldene Aue. 

Aber diese Erklärung scheint aus dem Kopfe des erwähnten 
Priesters selbst gestammt zu haben, denn kein Denkmal gibt einem 
Orte, welcher für Kanobos gehalten werden darf, einen Namen, 
welcher auf die Bedeutung »güldene Aue« zurückgeführt werden 
könnte. Dem x(iv(oiro<; im griechischen Theile des Dekretes von 

Kanobos entspricht die Gruppe n^^^j (demot. Pakutä) welche 

Brugsch, da er das anlautende p wol mit Recht für den mascul. 
Artikel hält, und es von der Wurzel trennt, Pi-Qaud liest. ^') So 
würden denn die aus dem Todtenbuch (125, 17) bekannten Namen 

S ^ ^ o kauu ^ %^ %^v i=E l^auu oder auch das ß ^ ^ 



/^A/V>A *«1 

AAAAAAX^ (cautut des Pap. Harris oder das j\ ^ (^ o kauti aus den 

Kämpfen des Horus zu Edfu"*) dem iS-^^"^ und Kdvwicoc der 
Bilingue von Tanis (Dekret von Kanobos) entsprechen. Neben den 
erwähnten Gruppen kommt nun für Kanobos allerdings noch S*^^^^ 

vor. Dies ist i^a nu pe zu lesen und entspricht also dem griechi- 
schen Kdvcuiroc ganz und gar; aber Brugsch^) sieht auch hier das 
Rechte, wenn er es für die hieroglyphische Transcription eines grie- 
chischen Namens hält. Das ? ^ ' lehrt uns also nur, wie der hel- 



56] F. Cbampollion L'£gypte sous les Pharaons IL S. 259. 

57) Ist diese Auflassung richtig, so kann Dümichens Vermutbung (Geschiebte 

S. 74) dass 7^ /O gleich Kanopus sei nicht auf Annahme rechnen. Denn 

in dem äa pek würde das p nothwendig als zur Wurzel gehörig zu betrachten 
sein. Brugsch, dict. geogr. S. H65. 

58) Naville, Mylh. d'Horus. PI. XXI, Z. 7. 

59) Bruj<scl» a. a. 0. S. 720. 849. 



35] Der geschnitzt» Holzsarq des Qatbastru. 235 

leniscbe Naiue kdvoyitoc oder Kdvcdßo; in später aegyplischer Schrift- 
weise aussah ; aber eben diese Schreibung enthalt einen Protest gegen 
die durch Aristides bekannt gewordene Etymologie, da sie weder auf 

K^.gi terra, pulvis, noch auf novfi aurum auch nur von fern an- 
spielt. Welcher Umstand oder welche Namensahnlichkeit die Griechen 
veranlasst hat, das Grab des Steuermannes Kanobos gerade nach 
Kanobos zu verlegen ist schwer zu sagen; jedenfalls ist später — 
und zwar durch sie — der Name des Piloten auch unter den 
Aegyptem für denjenigen der Stadt acceptirt worden. Es hat in 
derselben bis in später Zeit ein Serapistempel von grosser Bedeutung 
gestanden. Der Geograph Gl. Ptolemäus soll die Pylonen desselben 
als Sternwarten benutzt haben, ^) und es ist ja bekannt, dass 
Hadrian unter den Nachbildungen anderer berühmter Lokalitäten, 
welche ihm auf seinen Reisen besonders imponirt hatten, in seiner 
Villa zu Tibur auch ein »Canopus« genanntes Bauwerk herstellen liess. 
Es scheint als habe das Heiligthum von Kanobos später Veranlassung 
gegeben auch andere Serapistempel Kanobos zu nennen. — Da der 
Serapiscult mit der Unterwelt und dem Leben im Jenseits eng zu- 
sammenhing, müssen bei demselben unsere vier Lichlgeister noth- 
wendig eine Rolle gespielt haben, und die Krüge, durch welche man 
dieselben zur Anschauung brachte, scheinen den Griechen besonders 
ins Auge gefallen zu sein. Später wählte die Stadt sogar einen 
Krug oder wohl auch die Amse&-Kanope mit dem Menschenkopfe 
als Munzzeichen. Eine der Münzen unserer Stadt zeigt bei dem Kruge 
die Umschrift K ANQBITQN. •^j — Die Griechen haben auch eine 
Erklärung für die Verehrung von Urnen , welche einen Menschenkopf 
trugen, gefunden. Rufinus®^) der so viel Wunderliches zu erzählen 
weiss, dass wir ihn nicht nur für einen naiven Nacherzähler un- 
glaublicher Dinge, sondern gelegentlich auch für einen phantasie- 
reichen Fabulanten halten müssen, theilt sie mit. 

Die Chaldäer sollen mit ihrem Gölte, dem Feuer, herumgezogen 



-60) Olympiodor rässt ihn seine Beobachtungen machen iv toTc Xe^ofiivoi^ 
irrepoT; tou xavcußou. Coramenlar zum Phaedon des Plato. Die Griechen (Slrabo) 
nennen die Propylonen der aegypt. Tempel auch sonst Turepoi. 

64} Vaillant. Hist. Ptolem. p. 205. 

62) Hisior. Eccles. II, 26. S. aucii Suidus s. v. xavcoico^. 



236 Georg Ebers, {^^ 

sein (iiul clin GoUer aller anderea Länder zu einem Kampfe mil ihm 
herausgefordert haben. Der Sieger sollte von allen anderen als Golt 
Anerkennung finden. Dieser Herausforderung stellte sieh ein listiger 
Priester von Kanobos. Er nahm einen dei* porösen Thonkrüge, 
welche noch heute in Aegypten so gut verfertigt werden, ver- 
stopfte die Poren, welche man als künstlich erweitert denken 
muss, mit Wachs, malte ihn bunt an, füllte ihn mit Wasser und 
set/ie ihm einen Kopf auf. welcher einem Bilde des Steuermannes 
des Menelaos angehört haben sollte. — Diesen Krug gab er für 
seinen Gott aus und stellte ihn als die Chaldller kamen, über das 
Feuer derselben. Natürlich schmolz das Wachs, das Wasser rann 
aus den Löchern in die Flammen und verlöschte sie. Kanopus hatte 
durch die List des Priesters den Gott der Ghaldäer besiegt. Seit- 
dem, sagt Rufinus, werde das Bild des »Ganopus« mit kleinen Füssen, 
zusammengeschrumpftem Halse und aufgedunsenem Bauche, welcher, 
wie auch der Rücken, die Rundung eines Kruges habe, gebildet. 
Diese gut ersonnene Geschichte sammt dem Zusätze, dass auf den 
Krug das Haupt des Steuermannes des Menelaos gesetzt worden sei, 
kann aus früher griechisch-aegyptischer Zeit stammen. Bei der fol- 
genden Beschreibung des Gottes Kanopus scheint Rufinus die krug- 
förmigen Lichtgeistergestallen mit den PygmUenfiguren des Ptal;i Sokari 
zu verwechseln. 

Wenn wir Krüge mit Menschen- oder Thierköpfen Kanopea 
oder die vier exsten Lichtgeister Kanopengötter nennen, so thun wir 
es also nicht auf Grund aegyptischer Bezeichnungen, sondern indem 
wir der nun einmal angenommenen Benennungsweise der Griechen 
folgen. Die Kanopenkrüge mit Deckeln in Gestalt eines Menschen, 
Aflen, Schakals und Sperberkopfes stellen die vier ersten Lichtgeister 
dar. Das gehl aus den Texten, welche sich an der Vorderseite 
der einzelnen Krüge zu finden pflegen, sicher hervor. Die folgende 
Tabelle soll das über die Kanopengötter Bekannte übersichtlich zu- 
sammenfassen. 



37] 



Der geschnitzte Holzsaug des Qatbastrü. 



237 



Die vier Horussöhne. Die vier ersten Lichtgeister. 



4. 



^rw 



anivSed 



MenschenkÖpßg. 

U ka 

Magen uod grosse 

Eingeweide, t 

Isis. 

Südwind. 

Süden. 

Ol 
O 

^auch O pe 

OD 

und tep). 

L'ässl wachsen das 
Haus und gibt der 
Bildsäule Bestand. 



Geist von 



pe. 



t. 



A 



qy ^M 



Airenköpfig. 

O ab 

Kleine Eingeweide.? 

Nepbthys. 

Nordwind. 

Norden. 

Geist von pe. 

(auch O). 

Überliefert die Köpfe 
der Widersacher, 
betet an die Schön- 
heit der Osiris, ^^) 
streckt aus seine 
Arme nach Osiris. 



3. 

* ^^ tnamet-f 

Schakalköpfig. 

<5^ ba 
Lunge und Herz.? 

Neith. 
Ost- od. Westwind. 
Osten oder Westen. 



4. 



senu-f 
SperberköpHg. 



Geist von 



oder )(enen 



Xen 



Hält zusammen Kno- 
chen und Fleisch. 



Leber und Galle, f 

Selq. 
West- od. Ostwind. 
Westen oder Osten. 

Geist von ven 

oder x^nen. 



Verheissl den Triumph 

und die Verklärung des 

Leibes. 



Alle vier werden ||^4 v^Jji23j d. i. grosse königliche 
Hauptgötter genannt. 

Söhne des Horus (oder noch häutiger des Osiris) und der Isis. 
Vier Diener des Horus. Anwälte bei'm Todtengericht. 
Vier Vögel, welche als Herolde ausfliegen. 
Gestirne bei'm Stierschenkel des nördlichen Himmels. 
Vier Elemente. Eponyme Gottheiten von .Monatslagen. 



63) Es treten hierzu noch manchmal '/skl oder t'el Leib und j^aibt Schatten. 
Gewöhnlich ist die VierzahK welche der der Kanopen und Elemente entspricht. 

64) Der AtfenkÖpHge steht der Anbetung vor. Den Affen, wir erinnern an 
das IS6. Kapitel des Todtenbuches und die Vignette dazu, wird oft die Rolle des 
Anbetens übertragen. Die hier aufgezählten Funktionen wechsein. Wir geben 
sie narh unserem Sarge. 



238 Geobg Ebbhs, [38 

Den Längenmassen auf Ellen vorstehend. 

Priester, welche den Schrein der Hathor tragen. 

Als krugförmige Kanopengötter um den Sarg gestellt. 

Von Rä eingesetzt zum Schutze der Osii'is, d. h. des Ver- 
storbenen. 

In iMumiengestalt mit Menschen, Affen, Schakal und Sperber- 
kopf oder auch nur als menschenköpfige Mumiengestalten^) 
auf den Sarkophagen von Stein und Holz. 

Gemalt (sitzend oder stehend) an den vier Ecken der Grab- 
kammer.®®) Wachsfiguren bei Mumien. 

Im Todtenb. Kap. 27 werden sie angerufen, um den Verstor- 
benen davor zu bewahren, dass ihm sein Herz genommen wird. 
Die Vignette zeigt den Osiris N. N. mit seinem Herzen in der Hand 
vor den vier Kanopengöttern. Ihre Bilder werden angerufen 1 48, 
35 und 36. ihr Vater ist Horus, ihre Mutter Isis H2, 6. Sie werden 
genannt 99, 18. 141, 9. 142 Z. 2 — 4 unten. 

Vorderstück C, rechts. Abth. 1. An der Spitze der 14 
Textzeilen dieses Abschnittes stehen die mumienfOrmigen Gestalien 
des Amsed und Tuarnet-f, jede mit dem Scepter in der Hand. Die 
Namen sind in die für sie vorbereiteten Schilder nicht eingeschnitten 
worden. 

1. Es spricht Amsed: Ich bin Dein Sohn 2. o Osiris 
0a(bastru, Sohn des Pe = 3. Oef (sehen?). Ich bin zu 
Dir gekommen und stehe zu Deinem Schutze bereit. 

4. Ich gebe Gedeihen Deinem Hause Tag fUr Tag bleibend 

5. in Deiner Wohnung, Bestand habend in Deinem 
Sanctuarium und es erfrische 6. sich ewiglich Osiris Qat- 
bastru. 

7. Er spricht Tuamet-f. Ich bin Dein Sohn 8. o Osi- 
ris Hatbastru, triumph irender.^^) 9. Ich bin gekommen 



65) Z. 6. auf dem grossen Sarkophag des Museo civico zu Bologna. Heraus- 
gegeben von G. Szedlo. Bologna. 1876. Taf. I, 1, 8, 9, 10, wo sie so folgen: 
Amsed, Tuamet-f, Häpi, Qebhsetiuf. Taf. III, stehen sie in der gewöhnlichen 

Folge. Ebendaselbst Nr. 7 wird Amsed (1 ^v^ l| ü ni A™se&i geschrieben. 

66) Deveria. Im Pierret'schen Texte zum Papyr. Nebqet p. 6. 

67j Maä ](er. Ich folge hier der Brugsch* und v. Bergmana'scben Obei^ 



3^] Der 6&SCHN1TZTB Holzsam des Hatbastru. S39 

uod stehe zu Deinem Schutze bereit. 10. Ich vereinige 
für Dieb Deine Knochen 11. und ziehe zusammen für Dieb 
Deine Muskeln und Glieder.««) 12. Nicht lass' ich Dir (neh- 
men)®*) Dein Antlitz und Dein Herz 13. ewiglich. Osiris 
14. Hatbastru, triumphirender. 

Vorderstück B, links Abth. 1. An der Spitze des Abschnittes 
Häpi und Qebbsenu-f in Mumiengestalt mit dem Scepter j in den 
Hunden. 

1. Es spricht Qäpi. Ha(bastru 2. Kind der Tasa/epr, 
leb bin gekommen 3. um Dir Schutz zu gewähren. Ich 
reiche 4. (Dir) dar die Köpfe Deines Widersachers, den icjh 
gebunden 5. habe.(?) Ich bete an Deine Schönheit. 6. Ich 
strecke aus Deine Arme 7. nach dem Horizonte des 
Himmels. 

8. Es spricht Qebbsenu-f. Osiris (laibastra. 9. Sohn 
des PeOef (sen?) Ich bin Dein Sohn, den Du liebst. 10. Ich 
bin gekommen um Dir Schutz zu gewähren. Wenn der 
Schutz verliehen worden ist 11. so lass Deinen Mund^^) 
nicht still stehen, denn Du sprichst das Rechte, 12. und 
es wird Dir verliehen was recht ist zu Deinem Schutze. 
Es wird 13. von ihnen Verklärung verliehen Deinem Leibe 
ewiglich. 

AU diese Texte sind niemals zum Kanon geworden, denn in 
anderen Stücken fallen den Kanopengöttern oder Todtengenien ganz 
andere Funktionen zu. Während z. B. in dem guten alten thebai- 
schen Texte des Pariser Papyrus Nebqe( Qebbsenu-f die Knochen 



Setzung dieser Gruppe, da die Grundbedeutung derselben, an der ich sonst fest^ 
halte, in der That etwas Kriegerisches gewonnen bat. Eine besondere Abhandlung 
über das maäj^er bereite ich für eine andere Stelle vor. 



68) Todtenb. US, *• (1 ° "^^^^^ 



II» 



69) Hier wol ^^u— a zu ei^änzen. Ich erinnere an Todtenbuch 28, 
Überechr. ^ ^ >=ir^^^ (g o W ? ^ '^"'" "' ' 



A/W«^A 




0l^- 



70) epoR könnte auch ein reflexiver Dativ zu f sein. 



240 Georg Ebers, [40 

imd Glieder vereint, f^llt diese Aufgabe auf unserem Sarkophag dem 
Tuamel-f zu u. s. f. 

VorderslUck C, rechts Abth. 2. An der Spitze des Abschnittes 
zwei bUrti}4;e Göttergestalten, welche in der Linken das Scepter, in 

der Rechten das ■¥• halten. Die Überschrift ist nicht in die für sie 

ausgesparten Flächen eingeschrieben worden , aber der Text lehrt 

dass sie den ^^ jr^ ^^J> oder Qeb,") welcher hier zu den Lichl- 

geistern gerechnet wird, und den | zi beq» den wir aus unserer 

Liste S. 222, Nr. 7 kennen, darstellen. 

Z. 1. Es ^pricht Seb. 2. O üsiris Hatbastru, Sohn der 
Hausfrau 3. Tasaj^epr. Ich ölfne Dir Deine 4. beiden 
Augen, damit Du nicht blind seiest. Ich breite Dir aus- 
einander 5. Deine beidiMi Beine, welche umwickelt waren. ^-'j 
Ich gebe 6. Dir Dein Herz, (das Herz) Deiner Mutter, '^y 
das Herz für 7. Deinen Leib, dass er lebe ewiglich. 

8. Ks spricht Heq. O Osiris ^latbaslru. '*) 9. Ich komme 
und bin in Mitten Deiner 10. Barke, und ich zähle Dich 
unter die Götter. H. Wenn Du auferstanden bisl, sehen 
Deine Augen den grossen Gott 12. und die Reinheit dessen, 
welcher verbunden (versehen) ist mit seinen Strahlen,'*) 



7t) Audi auf dem grossen Sarkophag des museo civico zu Bologna ed. Czedio 
Taf. III, Nr. \i folgt den vier KanopengÖUern und dem Anubis der GoU Seb, 

welcher dort ^^ 11 1^^ I I I ^^^' der Fürst der Götter , genannt wird und 
dem dieselben Kunklioneri zukommen wie auf unserem Sarge. 

<^^^ Qimm A^/vyAA ^<2>- Q I f\ 1 c ^"^^ A^NA^WS 

72) Todlenb. 26, 3 und 4 " \& af ^^ 



elc. 



73) Todtenb. 30, 4. 

74) Hier nur _a__W <:::> geschrieben; ohne i i i. 






sein. 



5j / 1^^^ nl'pfii S\ ' ? hinter [lo scheint für ©verschrieben zu 
/n kommt öfter, z. B. in Edfu und Dendera bei der eponymischen 

Benennung des 26. Monatstages \or. Das Ji am Ende scheint auf einen Gigen- 

oder Beinamen zu deuten; doch kann sich unsere Gruppe auch als Epitheton 
ornans auf neter aä beziehen. 



411 DkR geschnitzte HOLZSARG DKS 0ATBASTRU Sil 

Auch im Todlenbuch 126, 4 ist es Seb, welcher den blind i;«- 
wordenen Augen des Verstorbenen die SehkrafI und seinen nm- 
wickellen Gliedern die Beweglichkeit zurückgibt. 

Vorderslück B, links, Ablh. 2. 

Dem Texte voran gehen die beiden Lichtgeisler /ß J Jn 

/er baq-f und ^ Nur -^"| Jnj. Beide sind 

iiienschenkopfig imd tragen in der rechten Hand das Scepter und in 
der linken das •¥•• 

I. Ks spricht yer baq-f: 2 Osiris Ha(bastru Sohn 
des Pettef (sen).''*) 3. Ich komme vom Himmel auf Befehl 
des Rä 4. wie ein Sohn des heimischen Gottes alle Tage. 
Ich bereite Dir Sehnt« vor 5. allen. Ich (beschenke?) mit 
Leben Deinen Namen ' und 6. Erhaltung ist beschieden 
Deiner Gestalt ewiglich."^) 

7. Es spricht Arneft'esf: Hatbastru. 8. Ich bin ge- 
kommen, um Dir Schutz ,zu gewähren. Ich vernichte 
9. alles üble, das sich an 10. Deinen Gliedern befindet. Ich 
erweise mich thälig auf Befehl |1. des grossen Gottes, des 
Herrn der Ewigkeit, um 12. aufzurichlen Dein Herz für 
immer. Osiris 13. Hatbastru, triumphirender. 

Vorderstück C, rechts, Abth. 3. 

An der Spitze des Textes sieht der menscheuköpfige Lichtgeist 

Arniäua mit dem Scepter in der linken und dem •¥• in der rechten 
Hand. 

1. Es spricht Armäua. 2. Osiris Hatbastru'^) 3. trium- 
phirender. Ich komme zu Dir auf 4. göttlichen Befehl, und 



76' Das D am Anfang des Namens ^__^ S^. if^t nicht ausgeführt worden, 
aber wol nur aus Versehen. 

77) Z. 5 muss doch wol verbessert werden. Statt ^^ schlage ich vor 
Dem Gedanken Z. 6 entspricht Todlenb. 89, 7. — A— x [j / Nl;^ 

Nicht wird er zunichte an der Gestalt ewiglich. 




8) Hier ist der Name 8 ff ^ V i r^ ^^ ausgeschrieben. 



242 Georg Ebbrs. [42 

da bin ich und handle 5. als Dein leiblicher Sohn.'®) Und 
wenn Du dort aufstehst als 6. ein Lebender zu jeder Zeit 
7. und unter den Gewaltigen Tag für Tag, so ist es Dir ge- 
stattet, 8. dass Du anlegst Deinen Schmuck unter den 
H^uptgOttern 9. und wenn Du dann dastehst in 10. Rein- 
heit, gross durch die Balsamirung, 11. gibt es Libation und 
Räucherung für Deinen Genius 12. alle Tage ewiglich. 
Osiris Hatbastru.^«) 

Yorderstttck B, links, Abth. 3. 

Dem Text voran geht der Lichtgeist — ^ "^ Matef (var. 



o o 



j| ma tef-f). Er hält in der Rechten das Scepter, in der 
Linken das -j-. 

1. Es spricht Matef: Osiris 2. Ha(bastru, triumphi- 
render. Ich begrUsse 3. Dich. Ich bin da 4. um Dich zu 
beschützen, Du, der Du lebest neu 5. und verjüngt wie 
Rä 6. alle Tage, der Du eingereiht®*) bist unter 7. die Götter 
der weissen Mauer. Du trittst ein 8. als Sperber, 9. Du 
gehst aus als Phönix,®^) 10. und Du durchwandelst^) das 
Immerdar als 11. Ne^ebka Schlange. 12. Osiris Hat- 
bastru, 13. triumphirender, Sohn des PeOef (sehen?), des 
triumphirenden. 

Dieser Abschnitt schliesst sich eng an gewisse Texte des Todten- 
buches, ja er gibt einige unter den sogenannten Verwandlungskapileln 

(vom 76. an) in nuce wieder, besonders das 77. und 78. i 



79] Der Lichtgeist ist als Soho des Osiris (oder Horus) auch der des Ver- 
storbenen (Osiris) . 

80) Hier 8 S^^^-Hatbastru. 

84) uu doch wol nur wie auch sonst für ^ ^ etc. 

82) Hier J ^«^ bn. Die reine Wurzel, deren Vocalisation fraglich Ut. 

83) Das IJ i kann hier wol auch »zuzählenv bedeuten, ccrccr numerare, 

computare, coUigere, Brugsch WÖrterb. S. H40. Dann: Den sich zuzahlt der 
Herr des Immerdar als etc. 





^3] Der geschnitzte Holz8abg des (Iatbastru. HS 

w (^ y iA/vv^ J Jl ^^ p55^ Kapitel vom ÄaDehiueQ die Gestalt eines 

goldenen Sperbers, »nd(78)^^^^|| 4i^1<^f| 

Kapitel vom Annehmen die Gestalt eines kräftigen Sperbers. Ebenso 
wird das 83. Kap. berücksichtigt: '^ ^^^^ ^ (» fj 1^ ^ 
Kapitel vom sich verwandeln in den Bennuvogel (Phönix). Kap. 
122, 5 heisst es, ahnlich wie in unserem Texte: ^=^ — ^"^-"^^^ J^ 
<=. 1^ J ß> 7t* ^^ 8^^^ hinein als Sperber und tritl 

heraus als Phönix.^) Im 87. Kap. wird von der Verwandlung in 
eine Schlange gesprochen, aber nicht, wie auf unserem Sarkophag 

in die Nebebka-, sondern in die ^:^loo Sataschlange. In diesem 

Kap. Z. 2 heisst es, ahnhch wie in unserem Abschnitte Z. 5 und 6 : 

f^J'^^Sl^^fj^^^i^' Ich werde ge- 
boren, ich erneuere und verjünge mich alle Tage. Übrigens wird 
auch im Todtenbuche der Verstorbene der Nehebkaschlange gleich 
gesetzt und diese wieder dem Gatten der Nut, d. i. Seb, denn Kap. 
149, 42 sagt der Dahingegangene (Osiris) von sich selbst aus: 




Net^ebkaschlange. Diese gehört an die Spitze der guten, heil- 
bringenden Schlangen, welche, indem sie sich immer selbst erneuern 
als nicht alternd und ewig lebend betrachtet werden. ^^) Der Herr 



84) Ober die lunare Bedeutung des Phönix hat Brugsch jüngst interessante 
Aufschlüsse gegeben. Thesaurus inscriptionum aegyptiacarum. Abth. II. S. 327. 
Als Neumond im Mondmonat des Frühlingsanfangs stellt der Benno (Phönix) die 
AXiferstehung des Osiris dar. Die entscheidende Stelle ist dem Tempel von Den- 

dera entnommen (Mariette Dend. IV. 77) und lautet: f[] | \ 

H J_ ^=^ 1 ^ ^^, (j (1 ö Er (Osiris Lunus) erwacht aus dem 

Schlafe. Er schwingt sich empor als Bennu (Phönix). Er nimmt ein seine 
Stelle am Himmel als wiedererneuter Mond. — Über die solare Bedeutung des 
Benno A. Wiedemann. Zeitschr. 1878. S. 89. 

86) Plutarch. Is. und Osiris ed. Parthey, 74. 'Aoirffia Ss (og i'^r^pw xal 
^p€i>ftivY]v xivTjoeotv ävopYavoic \ux suiceTeta; xal OYpdryjToc aoTpq» irpoo8{xaoav' 




244 Georg Ebbrs, [4i 

des laimerdar ROK, d. h. der Zeil ohoe Ende, welches dem ^^ 

d. i. dein metaphysischen Begriff der Ewigkeit gegenübersteht, gesellt 
sich den Verstorbenen als N(»hebkaschlange, d. h. als seinesgleichen 

zu. Darnni heisst es auch Todtenb. 17, 61 8 ^^^^ ^®l 

y[|7wV 8 J'-'iJül Unzerstörbar ist er auf immer gleich der Nehehka- 

schlange. Nach ToiUenbuch 149, 3 tragt sie die Krone des Tum, 
des Tranfänglichen. In Herakleopolis wurde sie in einem eigenen 
Tempel verehrt. 

Den Lichtgeistern folgen nun die beiden andern Anubisgestalten. 
von denen wir oben geredet haben. 

Vorderstück C, Abth. 4, rechts schreitet Anubis in seiner gött- 
lichen Halle, schakalköpßg mit dem Scepter in der linken und dem 

■T- in der rechten Hand dem Texte voran. 

1. Es spricht Anubis in der göttlichen Halle. 2. 
Osiris Hatbastru 3. triuniphirender. Ich bin zu Dir ge- 
kommen und stehe 4. zu Deinem Schutze bereit. Ich 
mache gesund Dein 5. Fleisch Ich bringe für Dich in Ordnung 
Deine Glieder 6. und ich füge für Dich zusammen Deine 
Knochen. 7. Ich recke für Dich aus Deine Gefasse (Nerven 
und Adern) und ich strecke 8. für Dich aus Deine Muskeln. 
Ich verleihe Dir 9. dass Du bist wie ein Gott 10. welcher 



Die Schlange aber, welche nicht allem soll, und ohne Glieder leichthin- 
gleitend sicli bewegt, vergleichen sie dem Slerne. Dies isl richtig, denn wie Sob, 
der Gatte der Niit, dem die Nohebkaschlange gleichgesetzt wird, heisst auch dor 
Stern ic — seb. Nach llorapollo ed. Leemans. I, \ und t bedeutet die Schlanii;e 
welche den Schwanz mit dem übrigen Körper bedeckt, die schrankenlose, ewige 
Zeit a{d>va. Seb ist den Griechen Kronos und wird von Lepsius^ Chronol. I, 
V. 94 für die Sternenzeit gehalten. Gewohnlich ist er der Erdgott. Die Materie 

ist den Aegyptern ewig, und so wird auch in X^ das Bild der Schlange und 

Erde benutzt, um den Begriff der Ewigkeit zur Anschauung zu bringen. Das 
grosso Todtenfest in Theben ist nach unserer , ein ewiges Leben symbolisirenden 
Schlange benannt worden. Ihr Name bedeutet »Anschirren des Stieres«, doch 
wohl mit Bezug auf die erneute Thäligkeit der Natur, welche gleichsam durch 
den ersten Schnitt des Pfluges in den Acker inaugurirt wird. Vielleicht ist das 
Nehebkafest nicht nach ihr. sondern sie nach ihm benannt worden. 



45] Dkb geschnitzte Holzsarg des ^aibastri;. !245 

ewiglich lobt und besianiligo Dauer bosil/l lt. im llanso 
des Herren der weissen Krone. 

VordersUick ß, links, Ablh. i. Anubis, der sich oben aut 

seinem Berj^e befindel (n j schakalköptig mit dem Scepler 

in der rechten und dem ■¥• in der linken Hand geht dem Texte 

voran. 

1. Es spricht Anubis, der sich oben auf seinem Berge 
befindet: O Osiris 2. Ha^bastru triumphirender. 3. Ich bin 
gekommen und bin 4. zu Deinem Schulze bereit. Ich pflege 
gesund*^') 5. Dein Fleisch und leite 6. Deine Muskeln. Ist die 
Aufrichtung erfolgt (wenn Du in Ordnung gebracht bist), 
7. so erblickst Du die Glieder eines Gottes 8. und Du be- 
gibst Dich zu der reinen Stätte, 9. an der Du gerne ver- 
weilst. 10. Wenn Du das Gestell betreten hast Deines 
11. heimischen Gottes, so 12. jubelt jeder Gott, welcher 
bei Dir ist.^') 

Osiris wird als derjenige bezeichnet, welcher auf der Spitze 
der Stufenleiter oder des Gestelles steht. Todtenb. 22, 2 heisst Osiris 

der Herr von Kesel ^^^^_^ ^ V ^ ^^ ® ' o ^ «^ ^^"^ derjenige, 
welcher sich oben auf der Stufenleiter behndet. Diese Stufenleiter 
bezieht sich vielleicht auf die gesammte Ordnung der Dinge. Zu 
iMedinet-Habu bringen (beim Fest der Stufenleiter (x^t)) die Stiegen 
derselben die Mondphasen zur Anschauung. Sonst stellt die Treppe 
auch nur das Piedeslal und die Trage dar, auf welcher das Bild 
der Gottheit stand. Bei Processionen wurden diese Bilder entweder 



f 



86) I i sulej^ Pap. Ebers 44, tt Pflegen, gesund pflegen, gewöhnlich 

setu^ geschrieben. Man IcÖnnte auch an kneten und festkneten denken. 



(ö0 

die CHUsativrorm von (J^ Yi^' ^^^ ^^^ knetenden^ Männern im Grabe des 6i 

steht. Brugsch, Wörlerb. S. 4 67. 

87) Bei der fortwährenden Verwechselung von v ^ und ^ — ^ darf auch hier 

das ^^ — ' für ^^ — * gehalten werden. Sonst müsste hier »in der Barke des Herrn« 
übersetzt werden. Aber dies »Herru ohne Determinirung würde ungewöhn- 
lich sein. 



246 Geohg Ebebs, [46 

auf einem standartenartigen Gestell oder auf einem tragbaren Tische 
umhergefuhrt. Darum heisst es Todtenb. 128, 7 — 8 von dem Ver- 
storbenen, der über seine Feinde gesiegt und vor dem Neungötter- 
kreise triumphirt hat: PO 1] (j J^ ^ ^ ^ { J^Q^3^^ 
y] m Osiris, Du hast empfangen Dein Scepter; Dein Stan- 

dartengestell und Deine Stufenleiter sind unter Dir. — Das heisst: 
Nachdem Du das Attribut der göttlichen Würde gewonnen hast, 
stehst Du wie ein Götterbild auf dem Standartengestell und der 
Stufenleiter. Osiris Ha^bastru wird, nachdem er triumphirt und 
die Befähigung erlangt hat jede beliebige Gestalt anzunehmen 
auf den Platz seines heimischen Gottes gestellt,^) und die 
anderen Himmhschen, welche ihn dort erblicken, jubeln ihm zu. Der 
Gott hat gewissermassen sein Examen bestanden. Dies verlief im 
Orient von den ältesten Tagen an bis heute anders wie bei uns. 
Der Schuler oder Rechtskandidat wird unter die Lehrer oder Richter 
aufgenommen, sobald er es gewagt hat den Platz eines Lehrenden 
oder Richters einzunehmen und seine erste selbständige Leistung 
durch Zuruf gebilligt worden ist.®^) Mit der Acclamation der Götter 
bei'm Anblick des triumphirenden Verstorbenen wird diesem zugleich 
die Aufnahme unter sie als einem der Ihren bewilligt. 

Vordersttlck C, rechts, Abth. 5 und Vorderstuck ß, links, Abth. 5 
stehen die Göttinnen ^*^^^ Jj Net (Neith) und P^^^^rH einander 

gegenüber. Der Name, welcher bei'm Vorderslück C, rechts 5 über 
der dem Texte vorangehenden Göttin steht — sie hält das Scepter 

in der Linken und das -^ in der Rechten — könnte auch für den 

der Maä gehalten werden, doch gehören auf diesen Texten, wie 



88] In der merkwürdigen Selbstapologie des Verstorbenen , wie sie auf den 
Buiaqer SSrgen des Panehemisis und Horemheb vorkomml sagt, der Verstorbene: 

f '^^^^ / ^ ^ jQ ^v x=^ 1 * ^ / =fFffP ^ Es geschieht Dir Gutes ia 



Deiner Stadt und Du hörst göttliche Lobpreisungen in Deinem Nomos. y. Bergmann 
a. a. 0. S. 32. £s wird also dem Verstorbenen begegnet wie dem beimischen 
Gotte. 

89) So steigen heute noch in der Universitätsmoschee el-Azhar zu Kairo die 
Lernenden zu den Lehrenden auf. 



47] Dbr geschnitzte Holzsabg des Hatbastru. 247 

auch auf den Kanopen, nicht Maä und Selq sondern Neilh und Selq 
regelmässig zusammen, und wir haben es hier also mit der Neith 
zu thun, zumal diese Göttin auch hier die ihr zukommende mütter- 
liche Stellung einnimmt. 

Der Text Vorderstuck C, rechts, Abth. 5 lautet also: 
1. Es spricht Neith: Osiris 2. Ha(,bastru. Sei ge- 
grUsst im 3. Gemach Deiner Mutter. Möge Licht spenden 
4. 8u im Innern 5. Deines Sarges. Ich bin fUr Deinen 
Schutz thätig 6. so wie Rä, indem ich Schirm verleihe 
7. gleich dem grossen Gotte. Es eröffnet Dir 8. äp-ua-t 
(Anubis der Wegeröffner) die Wege der Reinheit. 9. Voll- 
getrunken (a® ieyi^) ist Dein Ohr und Dein Vordertheil mit 
Rauchwerk 10. und Dein Hintertheil mit Reinigungssalz. 
Es bieten sich (Deinen) Blicken 11. dar die Götter auf 
ihrem Wege ewiglich. 

Vorderseite B, links, Abth. 5. Selq mit dem Scepter in der 
Rechten und dem -¥- in der Linken. 

1. Es spricht Selq. Osiris 2. Ha(bastru. Ich stehe 
zu Deinem 3. Schutze bereit. Ich gebe Odem 4. Deiner 
Nase und den Hauch des (Lebens), welcher hervor 5. geht 
von Tum. Ich 6. mache weit Deine Kehle, und wenn 7. die 
Verklärung vollbracht ist und die Vereinigung mit 8. dem 
Leben, siehst Du die 9. Schönheit der Sonnenscheibe und 
wie sich aufrichten 10. die Uräusschlangen, die lebenden 
11. und Du machst Deine Rundfahrt an der Himmelshöhe 
alle Tage ewiglich. 

Der Göttin Selq liegt es ob die erstarrte Kehle des Verstor- 
benen weit zu machen. Zu welchem Zwecke lehrt ein kleiner die 

Göttin ^HP^ begleitender Text auf dem Sarkophags des Pane^iem- 

isis,«>) in dem es heisst ^^n!^"^ ^^'Ü t'Ö Ich öflne 
(sereq) Deine Kehle, um zu sprechen (ut) über Dich (in Bezug auf 
Dich — zu Deinen Gunsten). Bei der hohen Bedeutung, welche 
die Rede und das rechte Wort far den Verstorbenen in der Unter- 



90) Y. Bergmann a. a. 0. S. 4 9, § 3S 



!2i8 Gkokg Ebers^ i^ 

well hat, inussle (^inor Golllieit die llerslollung des Spraehorgans 
anvertraut werden. 

Vorderstuck C, rechts und B, links, Abschn. 6 finden si<'h 
Schhisssälze, an deren Spitze das Bild einer Gottheit fehlt. Der 
Verstorbene ist nun selbst Osiris und endlich auch Ka wird als 
solcher redend eingeführt. 

Vorderstück C, rechts, Abth. 6. 

1. Es spricht der Osiris Haj 2. bastru, Sohn des Peöef 
(sehen?) , Kind 3. der Hausfrau Tasäj^epr, der triumphirenden. 
4. ü Du Fresser seines Armes auf 5. seinem Wege. Ich bin 
Kä und trete hervor 6. aus dem Horizont gegen meinen 
Feind, für den es keine 7. Kettung gibt vor mir. Ich 
strecke aus 8. als Herr des Uräusdiadems die Hand 9. ich 
brauche frei meine Beine 10. und frei beweglich ist mein 
Arm. Ich lasse 11. den Feind der Wahrheit zu Boden 
stürzen unter 12. mich ewig und immer. 

Die undeutlichsten Stellen dieses Abschnittes lassen sich nach 
dem Todtenbuche wiederherstellen. Zeile 4 muss es, und so haben 
wir denn auch den schwer lesbaren Text ergänzt, nach Todtenbucb 



11, 1 heissen ^^^^ ^ £ <L> (^^^^^)^^k-J ^^^• 
Überhaupt entspricht dieser Abschnitt im Ganzen dem 11. Kap. des 



Todtenbuches. "') Statt unseres --^ '^ > — ^^^ ? 

heisst es besser und verständlicher Todtenb. 11, 2 



^ ^v ^^^^^^^ <ci> ^ /) ich strecke aus meine Hand als Herr des 

Uräusdiadems. Das will sagen: Ich kann meine Hand mit könig- 
licher Macht ausstrecken sobald ich mit dem liräusdiadem gekrönt 
und dadurch eine göltliehe Persönlichkeit geworden bin. »Der 

Fresser seines Armes auf seinem Wege« ist der Gott c^p 3 x^ra. 

Dieser pflegt in aufgerichteter Stellung und ithyphall gebildet zu 
werden. Er trägt eine hohe Doppelfeder auf dem Kopfe und ein 



^ {- j ® pjk I x^ cq fl\ ^ ^ 

I <— > <^ — ^ >e«^ ^^ I Kapitel Vom Hervortreten eesen 



9t) 
seine Teinde aus der Unterwelt. 



^9] Dbr gbsghnitztb Holzsarg dbs Qatbastbi]. 249 

Schild auf der Brust. Sein Körper ist mumienrörnng umwickelt und 
zwar so, dass der rechte Arm, über dem die Gcissel schwebt, frei 
bewegh'cb, sich wie der eines Säemannes erhebt, der linke aber von 
den Binden fest eingeschnürt ist. Diese ithyphalle Gottheit wird 
übrigens auch mit dem Monde in Verbindung gebracht und stellt 
die ewige Werdekraft dar, welche den Tod überlebt und der Natur 
wie der menschlichen Seele, welche dem Tode erlesen zu sein 
scheinen, zu neuem Leben verhilft.^) In dieser Auffassung wird 
^em wie Amon, für den er überhaupt häufig eintritt, der Gemahl seiner 
Mutter genannt. D. h. er ist derjenige, welcher den beseelten Stoff, 
aus dem er selbst hervorgegangen ist, zu immerwährenden Neubildungen 
zwingt. Die nicht fortzuleugnende Starrheit des Todes, welche er 
in neue Beweglichkeit umwandelt, wird durch den in Binden ein- 
geschnürten einen Arm symbolisirt. Auch des Verstorbenen Hand 
war regungslos, aber in Folge der Neugeburt und Apotheose wird 



die umwickelte Gestalt f ^^^.--^^X'^kSkkÜi 
machtig gegen ihre Binden unter den Verklärten. Dann heisst es 
Todtenbuch 46, 2 weiter: und gegeben ist es mir nun, dass ich 
ausstrecke meine Hand. ^) Todtenb. 17, 12 wird /em geradezu 
Horus, der Rächer seines Vaters Osiris, genannt, d. h. derjenige, 
welcher den scheinbar Verstorbenen seinen Feinden zum Trotz zu 
neuem Leben verhilft. Am mondlosen Tage ist Osiris-Lunus ver- 
storben und in Starrheit verfallen. Bei'm Treppenfeste zu Medinet 
Habu ist es x^^^ welcher auch ihm zur Auferstehung verhilft. 

Vorderstück B, links. Entsprechend dem Texte Vorderstück C, 
rechts enthält auch dieser nur Worte des Osiris gewordenen Ha(- 

bastru. 

1. Es spricht Osiris Qatbastru. 2. Kind der (Haus)- 
herrin Tasa^eprau. Es ist mir 3. in Ordnung gebracht 
worden mein Hinterkopf im Himmel 4. und auf Erden^^) 



98) Todtenb. 4 49, 3. ^ FM ö ^^ ^^ ^T ^^ ? Xe™ haut 
neu auf den Genius (oder das Abbildj des Osiris und seine Seele. 

•4) 



Abhmadl. d. k. 8. 0«i«llick. d. WisieiMch. XXI. i 8 



250 Georg Ebers, .^0 

durch Rä, am Tage, ao welchem 5. festgestellt wird die 
Stutze für denjenigen, welcher schwach ist 6. auf den 
Beinen und (an dem) man abschneidet 7. den Bart. Ks 
ward erhoben 8. die Stütze (Standarte) durch Tehuti und 
die Neunzahl 9. der Götter.. Kr ist reich 10. indem man 
ihm Opfergaben zuertheilt, 11. nicht**^) begegnet Wider- 
stand auf 12. Erden dem Osiris Hatbastru. 

• . 

Dieser Abschnitt entspricht dem 50. Kap. des Todtenb. Slall 

ist mir hier zum ersten Male begegnet. Vielleicht darf sie mit 

^ ^"j^ "^ zusammen gebracht werden, was Brugsch 

Haar übersetzt. Haar muss hier freilich, wie schon das Determina- 
tivum "l]^ lehrt, gemeint sein, aber kaum das Haupt- sondern das 

Barthaar. Unser IqJ^^'k^'üö. ^^^ ^^^^ ^^** '^^ ^^^^ ^^'^' ™'^ 
1 1 X, ? sat der Schwanz verwandt; den Bart als »Schwanz des 
Mundes« zu denken, lag nahe. In der Pianj^i Stele Z. 5 heisst es: 

Schliessung gegen Herakleopolis, und er hat es gemacht zum Bart 
an seinem Munde. Diese »Redensart« bedeutet anschaulich genug: 
Er hat es völlig abhängig von seinem Gutdünken gemacht. Brugsch, 

welcher I o für Schwanz hiilt, übersetzt: »Ihr Schwanz ist in 



ihrem Rachen«. Wenn Osiris zu Dendera *et-*> "^ji^ genannt wird, 

so heisst das nicht der »Haartragende«, sondern derjenige, welcher 
einen Bart trügt, der Bartige, und die Osirisgestalten werden ja stets 

bärtig gebildet. Im Koptischen hat sich für CIT nur die Bedeutung 
»Schwanz« erhalten. Im Todtenbuche entspricht unserem «qI^"^^^ 

die Gruppe '^ "^ i und diese kann kaum etwas anderes be- 



95) Hier ist sicher *JU. einzufügen, da es an der entsprechenden Stelle des 



Todtenbuches 50, 3 heisst: »JU. w /www 

/VV/WVN I I I 



'"^^1 Dkr gbs4:hnitztb Holzsabu des I;}atba8Tru. 251 

deulen als das (Haar), welches sich am Antlitz beündet. Ks ist 
hier also nicht, wie Pierret will, vom Abschneiden der Kopie, sondern 
vom Scheeren des Bartes die Rede. Nach der Apotheose soll wol 
dem Osiris statt des unreinen irdischen ein göttlicher Bart wachsen. 
Ks war überhaupt etwas Eigenes um die aegyptischen Bdrte. Wo 
Pharaonen oder Götter mit solchen gebildet werden, haben sie ein 
befremdliches Ansehen. Sie können so nie und nimmer natürlich 
gewachsen, sondern müssen an das Kinn gesetzt worden sein. 
Schnurrbarte kommen nur in fi;anz früher Zeit vor. So auf den 
berühmten geschnitzten Brettern aus Saqqara, welche zu Bulaq con- 
servirt werden. Der natürlich gewachsene Bart war eines der 
wesentlichsten Merkmale, durch welches die aegyptischen Künstler 
die Semiten von ihren Landsleuten unterschieden. Wer rein sein 
wollte, hatte für die Scheerung des Bartes zu sorgen. Aus dem 
weiteren Verlaufe des Textes des 50. Kapitels ersehen wir nur 
noch, — und dies ist schon • in der Anmerkung angedeutet 

worden — dass in die sinnentstellende Lücke Zeile 1 1 über m 
ein ,-fu. einzufügen ist. 

Schulterstück E, rechts. 

i. Es spricht der Osiris, der königliche Anverwandte 
Ha(bastru. 2. Sei gegrüsst! Wenn Du aufgehst^*^) als Rä, so 
bist Du eine herrliche Gestalt. 3. Wenn Du hervortrittst 
am Horizont, erleuchtest Du die Welt mit Deinem Glänze. 
Ich bin zu Dir gesellt und schaue 4. Deine Schönheit. 
Gib Du, dass ich versehen werde mit Leben®') im Jenseits 
und neige Du Dich zu mir mit Deinem schönen Angesicht. 

Derjenige, welchen der Verstorbene anredet, ist Rä. 



96) ^^ U üben. Diese seltsame Schreibung der bekannten Gruppe 
hat uns schon bei der Bestimmung der Herstellungsxeit unseres Sarkophages Dienste 
geleistet. ^^ für ^ ist uns ausser in der Ptolemäerzeit nur noch in Texten 
von durchgängig anigmatischer Natur in den Königsgräbern begegnet. 

97) Y muss doch wol ■¥• gelesen werden. Sowohl der Sinn 
als auch die Complemente sprechen dafür. 

18* 



252 Georg Ebers, l5^ 

Schulterstück D, links. 

i. Es spricht Osiris Hatbastru. Sei gegrüsst. 2. Der 
da untergeht im Lande des Lebens, Tum, Vater der Götter; 
wenn Du Dich vereinst 3. mit Deiner Mutter im Lande des 
Lebens, gieb Du mir den 4. süssen Hauch des Lebens und 
dass ich schaue Deine Schönheit, ich Ha(bastru. 

Die Seitenstucke links und rechts gehören so zusammen, dass auf 
das Seilenstuck F das Rückenstück H und diesem das Seitenstück G 
folgt. Diese Texte enthalten das 127. und 126. Kap. des Todten- 
buches; das letztere in absonderlicher Ordnung und stellenweise 
recht corrumpirt. 

Mit dem 127. Kap. beginnt auch die grosse Selbstapologie, 
welche in der PtolemSterzeit als »Muster und Meisterstück« gegolten 
zu haben scheint.^) Sie kommt auf den Sarkophagen des Hör eni 
beb zu Bulaq und dem des Pane^emisis zu Wien vor, welche beide 
unter den Lagiden hergestellt worden sind.^) Leider enthalt diese 
Composilion von den 12 Zeilen des 127. Kap. nur 6, aber diese 
leisten bei der Herstellung und Übersetzung unseres Textes gute 
Dienste. Die interessante Selbslapologie 6ndet sich nicht auf dem 
Leipziger Sarkophage. 

Seitenstück F, links. 127. Kap. des Todtenbuches. »«>) 
1. Es spricht ^der königliche Anverwandte Ha(bastru, 
Sohn des würdig Befundenen bei dem grossen Gotte Pedef 
(sehen?), Kind der Herrin des Hauses, welche würdig be- 
funden ist bei den Göttern, TaSä/epi* der triumphirenden: 



98) V. Bergmann. Sarkophag des Panehemisis. S. 25. 

99) V. Bergmann. Sitzungsberichte d. k. k. Akad. der Wissenschaften zu 
Wien t876. Bd. 82. S. 74. Später mit Vergleichung des Bulaqer Hor em heb- 
Sarkophages noch ein Mal weit vorzüglicher publicirt und übersetzt in dem oben 
angeführten Werke. 

100) Die Überschrift dieses Kapitels fehlt auf dem Sarkophage. Sie lautet: 



■^T*-^MnM^^ii^4-i2^ 



oo; 

Das Buch vom Lobpreisen der Götter der beiden Qerti. 

Zu sprechen von der Person (für welche der Papyrus bestimmt ist) wenn sie zu 
ihnen gelangt ist, um diesen Gott in der (Jnteiwell zu sehen. 



\^ ^C 



^3] Drr geschnitzte Holzsarg des Qatbasthu. 253 

Seid gegrüsst Ihr Gölter der beiden Sphären, welche in der 
Unterwelt sind.***) Seid gegrüsst Ihr Wächter derThore, 2. der 

Unterwelt, die Ihr beschützt (Todtenb. >§^ ^ V*^ diesen 

Gott und heraufbringet die Botschaft vor Osiris. Gebet'**') 
Euere Lobpreisungen und vernichtet die Feinde des Pe&ef 
(sehen?). '^) Verbreitet Licht und zerstreuet'^) die Finster- 
niss, dass Ihr schauet die Herrlichkeit 3. Eueres Fürsten.'^) 
Ihr lebet, so wie er lebt, Ihr rufet an denjenigen, welcher in 
seiner Sonnenscheibe weilt. Führet auch mich auf Eueren 
Weg,'*^ damit meine Seele eingehe in Euer geheimniss- 



göul. Wächter, grosse Fürsten, die heraufbringen die Meldung. 

t03) Statt sollte in unserem Texte ü ß stehen. Das Todtenb. hat 

A AMww , Panehemisis ebenso: A Q sepet tn Haltet Euch gerüstet (zu 

preisen) . 

104) Hier steht merkwürdiger und interessanter Weise der Name des Pedef 
(sen?), d. h. des Vaters der Verstorbenen, welcher vor diesem Eins mit Rä ge- 
worden ist für Rä. Das Todtenb. hat an Stelle von s^^ CjT — 

Paneheniisis Uy d. h. des Rä. 

105) Todtenb.: ll^ ^ ](er sekten. Es muss also in unserem Texte 

Statt X — I heissen. Panehemisis hat: Erleuchtet die Wege, und dann 

zerstreuet, sers ist igoiA diripere, auferre. Brugsch weist auch 



auf igoAc praeda. 



4 06) Das Todtenbuch hat ^"^W^^a/«^, PanehenÜMs ' c/ lli/) Ik 

KD \ 1 Ji ^^^ Herrlichkeiten des Osiris, dieses Eueres Fürsten, gleich einem 
Könige. 



4 07) Todtenbuch aww . Darnach das a'^^n^aa unseres Textes in ,^^ 

ZQ verwandeln. 






2^56 Georg Ebers, [56 

gleichst, welchen Osiris lobpreist, geleite den Osiris Qat- 
bastru. Erschiiesset*^) die Thore (der Unterwelt)*^') öffnet^*) 
seinen Qert (seine Sphäre)*^) für ihn, lasset sein Wort das 
rechte sein gegen seine Feinde. Da reicht man dar die 
Speise der Unterweltsbewohner und macht schön zurecht 
4. ihm seinen heiligen Kopfschmuck, welcher zukommt 
dem Gotte, der in der Wohnung der Verborgenheit weilt. 
Siehe eine Nilschwelle von der rechten Art ist die Seele^*^ 
eines Verklärten. Wohlthätig und gewaltig ist sie an 
ihren Hsinden. Es sagen die beiden Rebeb:^^*) Sehr gross**^) 



uod 1^ » V 1^ V ^^1^®^ aodere Texte und auch das Turiner Todtenbuch 



das hier zu erwartende x 




O 

4 26) Die erste Pers. Phir. scheint hier irrthümlich zu stehen und muss in 
die zweite verwandelt werden. Das Turiner Todtenbuch , das von Rouge edirte 

hieratische etc. haben statt vielmehr m^^ 

III III 

4)7] Nach anderen Papyrus ergänzt. Das Turiner Todtenbuch hat N^^^^^ 



I * 

I A 



1S8) Nach allen mir zu Gebote stehenden Handschriften muss statt des sinn- 
losen ^ \a/ — ^^H gelesen werden. 



(l [] <:S> _ steht hier <=> Y . Wir schliessen uns an Navilles 




<29) Statt des üblichen <=:=> ^ <=^ ^1 

geistreiche Erklnruiig dieser Gruppe an. La Litanie du soleil. Leipzig 4 875. S. 15 
und 16. Von den 75 Formen des Rä hat jede ihren qert, in den sie eintreten 
und verweilen, und den sie verlassen kann. Qert ist Hohle und Hülle zugleich 
für die Geister, und man darf es wol mit den Zonen oder Sphären der Alexandriner 
vergleichen. IM. s. a. Ebers. Das Alte in Kairo etc. S. 23. Die Kopfstütze ist ein 
ebenso passendes Determinativum für diese Ruhe- und Rückzugsstätte der Geister 
und Götter wie ci~ZD und O- 




4 30) Statt 1^^ steht wieder irrthümlich ^^• 

4 31) Unser Text hat ^"^^^ i I "^ ^ ^ ' ^^ Todtenbuch <=> 8 f % \\ 
Die Lesung rehehui ist hier wol die richtige; die bärtigen Determinativ- 



zeichen sprechen dafür. £d. lMe>er hat in seinem Seth- Typhon erwiesen, dass 
wenn die Rehehui auch gewöhnlich die feindlichen Brüder Horiis und Seth sind, 
reheh doch auch im allgemeinen einen Zwilling bedeutet. Auch Isis und Nephthy 



^^] Der geschnitzte Holzsabg des Qatbastbu. 257 

ist der Osiris Ha(baslru. Sie sind entzückt 5. über ihn. 
Sie lobpreisen^^^) ihn mit ihren beiden Händen. Sie reichen 
ihm das Ihre (was ihnen zu geben zukommt oder auch 
ihren Schutz).'^*) Nun lebt er, und es tritt der Osiris Hai- 
bastru dort feierlich hervor*^) als lebende Seele des Rä 
(am Himmel). So wie es dort ftlr ihn vorgeschrieben ist,'^) 
verwandelt er seine Gestalt. Er triumphirt unter den 
Hauptgöttern. Er schreitet fort aus dem Lande der Tiefe 
so wie die Seele des Rä.*^) — Der Osiris 6. Hatbastru der 
triumphirende, der sehr fromme/^) er spricht. Offen steht 
mir das Thor'^) des Himmels, der Erde, der Tiefe, und 
befriedigt ist darob die Seele des Osiris. Wenn ich ihr 
Haus durchschreite, lobpreisen^^^) sie bei meinem Anblick. 
Ja, wo ich hingehe,*^*] (bei meinem Eintritt) erschallt mein 



werden <=>8 Q hT cq K^n^nnt. Dümicben, geogr. Inscbr. I, 98, 8. Von 
den Mertischlangen heisst es Todtenb. 37, i U | '^'^'^^^ <ii> K K cVfc^XX^ 

^HL Q. Seid gegrüsst Ibr Zwillinge (mit ^) Ibr beiden Mertiscbiangen 

Scbwestem. 

132) Urui aä kann kaum zu rehehti geboren, denn an das rehehui des 
Todtenbucbes schliesst sieb ein" Urtu aätu Usiri. 



zu 
I 1 I 



133) Stall ^ stebt ^. 

134) Vielleicbt aucb V zu ergänzen und D M '^^'^ ^ V ^der «MHo M 
lesen, denn es beisst im Todtenb. ^^ Y ^ '"''^'^ Sie verleiben ibm ibren Scbutz. 

135] Todtenbucb / ifc^ nr I ^ Hervortretend als 

lebende Seele des Rä am Himmel. 

136) Todtenbucb (1 %S^^%^^"^^^ W (5 u' ' * So wie es ihm vor- 
geschrieben ist macbt er seine Umwandlungen. 

137) Todtenbucb f J VZ*'k AiS'^* A.2^ ^T^ll 

138) ^"Ci^ Ä^ ^^ Todtenbucb: Osiris auf aiix etc. *^ >ti^ 



139) (n) Todtenbucb ^^^ 
UO) D für ^ 




141) U? Der Sinn wird durch das Todtenbucb aufgeklärt. Dort beisst 



258 Georg Ebers, [58 

Lob, und wo ich hinausgehe (herrscht) Liebe zu mir. Ich 
bewege mich vorwärts."^) Nicht ist irgend etwas Böses 
(Seilenstück G, rechts) an mir, dem Osiris Hatbastru dem 
triumphirenden. 

Üen Schlusssatz, welcher auf unserem Sarge bis zur (Jnleser- 
lichkeit verwischt ist, glauben wir nach dem Todtenbuche*^^) so er- 
gänzen zu müssen: Q^'^^^^^W^' ^^® beiden letzten Figuren 
W ^ ^vi'i^ und der Name des Verstorbenen sind nicht mehr auf 

den Rücken des Sargkastens gegangen und darum auf das Seiten- 
stück rechts gesetzt worden. Um ihre Zusammengehörigkeit mit dem 
Texte des 127. Kapitels des Todtenbuches, welchen sie zum Ab- 
schluss bringen, anzudeuten, lässt man sie nach der gleichen Richtung 
schauen wie die Zeichen des Stückes, zu dem sie gehören. Die 

dann folgenden Hieroglyphen des mit ;^"5?77\ beginnenden 
neuen 126. Kapitels sehen nach rechts, d. h. in die entgegengesetzte 
Richtung. Dadurch wird der Text 

Seitenstück G, rechts 
zu dem was wir retrograd nennen , d. h. die Zeilen laufen um- 
gekehrt fort, als man nach der Stellung der Hieroglyphen in ihnen 
erwarten sollte. 

Dieser Abschnitt enthält ziemhch den ganzen Inhalt des 126. 
Kapitels des Todtenbuches, indessen sind auf dem Mumienkasten die 
einzelnen Sätze desselben anders geordnet als auf dem Papyrus, auch 
fehlt merkwürdiger Weise in unserem Texte jede Beziehung auf die 
vier heiligen Kynokephalos- Affen, denen gerade dieses Kapitel im 
Todtenbuche gewidmet ist. Hier zeigt die Vignette, weiche sich 
auch in älteren guten thebaischen Texten an das 1 25. Kapitel schliefst, 



es: "^" — ^ 



3nPI)i3^^^r^®'' meinem Eingang 
erschallt mein Lob und bei meinem Ausgang herrscht Liebe zu mir. 



142) Hier beginnt der Text unleserlich zu werden, doch glaub' ich^ dass 
entsprechend dem 0üy^ des Todtenbuches zusammengehört. 



U3) Dieser hat ^,Y,"=^l5!^- 



59] Der geschnitzte Holzsabg des Patbastru. 259 

den Feiierpfuhl, an dessen vier Ecken die vier Affen hocken. Sie 
werden als zwei sich antipodisch gegenübersitzende Paare dargestellt. 
Bei jedem von diesen schaut ein Affe den andern an. Zwischen 
den vier Thieren steigen je zwei Flammen auf. Vor dem ganzen 
Bilde steht der Verstorbene und erhebt anbetend die Arme. So 
ungewöhnlich es nun wäre, wenn diese Vignette auf unserem Sarge 
Platz gefunden hätte, so befremdlich muss es erscheinen, dass 
hier der sonst nirgends fehlende Anfang unseres Kapitels völlig 

unberücksichtigt bleibt. Derselbe lautet: ^ ^K^ ^ i 

(JD^i »O diese vier Huadskopfatfen !« Statt dessen hat unser Text, 

und zwar auf der vierten Zeile, nur (|g7\ | | |'^*) O 'hr drei 

Götter. Die so Angerufenen werden dann gerade so charakterisirt 
wie die Affen im Todtenbuche; doch reicht diese Charakterisirung 
nur von b^mesu die Ihr sitzet, bis äpt Ihr, die Ihr Schiedsrichter 
seid. Das schon hier zu erwartende maär hnä user kommt schon 
Zeile 3 in ganz anderer Verbindung vor. Man möchte glauben, die 
Vorlage des Holzschnitzers sei auf Streifen geschrieben gewesen, 
welche er verwechselt habe. Der Anfang würde gegeben sein, 
ebenso das diesen fortsetzende Stück, aber bei der weiteren An- 
knüpfung stösst man auf Hindernisse. 

Unser Text lautet also: 

Seitenstück G, rechts. 1. Ich**'') trete ein und gehe heraus 
aus Roset. Geh voran**^) und komm! Wir beseitigen Alles was 
schlecht ist an Dir, und löschen aus alles Böse, das Dich ver- 
letzt hat'^^) auf Erden, **^) denn wir zerstören'^') alles Böse, 



144) Das D als Artikel beim Vocativ, (staU /^5\) weist auch auf die späte 
EDlstehuDgszeit unseres Sarges. 

145) Der Text beginnt Todtenbuch 1S6, 4 unten. 

— •* — X 
«46 ] Todtenbuch 4 26, 5 

t47) Todtenbuch U6, 6 '""^^^ 
U8) 



U9) Todtenbuch iU, 6 H^ 



I I I 



260 Georg Ebeii8, [<^0 

welches Dir anklebt, o Triumphirender. *^) Ihr"*) die Ihr 
ohne Trug seid und denen die Sünde ein Gräuel ist, 2. ver- 
nichtet denn auch das Böse, welches sich an mir befindet 
und löschet aus die Unreinheit. Ihr, an denen keinerlei 
Makel haftet, gewähret was auch immer (mir Noth thut)'*'^ 
im Grabe, ^^) dass ich eintrete in Roset und dass ich 
durch die geheimnissvollen *'^) Thore des Westlandes 
schreite.*"^) 3. Wohlan so gebet^**) mir nun Opfer- 




4 50) fehlt in der parallelen Stelle des Todtenbuches. 

154) Hier springt unser Text auf Todtenbuch 126, 2 unten über. Die An- 
gerufenen sind im Todtenbuch die vier Hundskopfaffen, in unserem Texte 3? 
Gölter an der Spitze der Sonnenbarke. 

4 52) Todtenbuch 126, 3 f J ^^^ ^ /= h^t ^ • ^^* f J 

vA in unserem Texte ist gewiss nur diejenige Gruppe, in welcher Goodwin 

scharfsinnig wie immer das koptische ofHp und ^^ktvp quot, quantus wieder- 
erkannt hat. Seine Übersetzung (Zeitschr. 1868, S. 90) »all whatsoever, quot — 
quot sunt stimmt auch hier vortrefnich. Wir wissen , dass es am Ende des 
Satzes so viel wie et cetera und am Schlüsse von Aufzählungen auch »und der- 
gleichen« oder »so viel ihrer sind« bedeutet. Im Todtenbuche wird es i1, 3 

1 ]l^^ geschrieben (neben ^-^ I 42, H). Der von Roug^ edirte hiera- 

tische stimmt hier mit dem Turiner Texte zusammen. 

453) Brugsch, Wörterb. übersetzt (1 ^s. b Loch, Höhlung, auch Grab. 

Es muss eine grosse unterirdische Halle gemeint sein , welche in der Nähe des 
Einganges in die Unterwelt gelegen war. Dafür spricht Papyr. Bulaq III, i, 4 6, 

wo von den erquickenden Nordwinden in der (I / X vS ämhut, welche 

bei den Thoren der ^^KS. ^ liegen, gesprochen wird. Brugsch, dict. geogr. 
p. 37. Auf den Serapeumstelen ist die Rede von allen Göttern, Göttinnen, die in 
(1 ^v y ü weilen. Eine Inschrift des Oasentempels von Charge sagt : Es 

öffnet sich Dir die «im^u nach Süden zu. T ]| a^ aww [1 a^ 9 ^ I ^ 

Brugsch, dict. g^ogr. S. 38. 

4 54) Todtenbuch 4 26, 4 '"**^ § ''kj^ "^^ 

4 56) j^ 

^— "^ ^ A A ^ ^w>v 






6f] Der geschnitzte Holzsarq des Qatbasti^u. 261 

kuchen,'^^) Krüge (BierkrUge) und Backwerk^^) gleichwie 
diesen Verklärten (den übrigen Verklärten). 

Von hier an beginnt sich unser Text mit Todtenbuch 126, 2 
zu decken; doch gehört zu diesem untrennbar die letzte Gruppe 

von 126, 1 n^^*' ^'^ '^^ ^"^ unserem Sarkophag nachlässiger 
Weise fortgefallen, und. man hat darum unbedingt zwischen "^^ 

und >^Q^5q^ — ^^^* zu ergänzen. Nachdem diese Emen- 

dation erfolgt ist, können wir also zu übersetzen fortfahren: 

Sie, die da Schiedsrichter sind zwischen den Elenden 
und Mächtigen, mögen sie zur Ruhe bringen die Götter, 
welche Flammenrachen haben, ^^^) sobald (x^^O ihnen dar- 
gebracht^^) sind alle^^^) Blumengaben und Wasserspenden, 
sowie die Opfergaben an Rindern und Gänsen der Ver- 
klärten, 4. welche leben von Wahrheit und welche sich 
speisen mit Wahrheit.**^) 

Nun folgt der Anfang des 126. Kapitels (126, 1) in der oben 

angegebenen Variation. Statt der 4 ^ i Hundskopfaffen 

werden 3 Götter angerufen. Es heisst auf unserem Mumienkasten: 
ihr 3 Götter, welche sitzen vorn auf der Barke des Rä 



4 57) Todtenbuch 126, 4 x ^. Das Determinativ des Wasserbehälters 

in unserem Texte muss in C^D verwandelt werden. Der Schreiber scheint an 
^ /vwvw .^^^ lens, den Namen des tt, (Zusatz-) Nomos von Unteraegypten ge- 



dacht oder ihn vielmehr in der Feder gehabt zu haben. sind ge- 

wohnlich Bierkrüge. A. d. Stele Ramses I im Louvre R Q vier 

A o w 1 1 

Krüge Bier. 

158) Todtenbuch 4 26, 4 hat nur: 9 

469) Statt rDrDfl*^^^^%" ^** Todtenbuch 126, 2 "1 1 T ^= f]] [lI 



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262 Geobg Ebers. Der geschnitzte Holzsabg des j^atbastru. fi^ 

und hinaurgelangen lasset die Wahrheit zum Herrn des 
Alls, mag mir mein Urtheil werden?^**^) 

Die kleinen Texte am Fussstück sind sehr stark beschädigt und 
von geringer Bedeutung. 

Es gibt wenige schöner geschriebene Texte als der unsere; aber 
leider ist er im höchsten Grade verderbt. Dieser Umstand hat uns 
verhindert ihn einer genauen Analyse zu unterziehen. Obgleich er 
auch wenig bedeutsames Neues enthält, hat er uns doch Veran- 
lassung geboten, manche bemerkenswerthe, eines näheren Eingehens 
würdige und noch nicht völlig sicher gestellte Einzelheit in's Auge 
zu fassen und den Versuch zu wagen sie aufzuklären. Darin 
pflichten uns alle Aegyptologen bei, dass wir nie genug Texte haben 
können , und so darf denn diese Publication schon als solche auf 
eine freundliche Aufnahme von Seiten der Fachgenossen rechnen. 



163) Diese Übersetzung ist gezwungen. Ich glaube eher, dass die erste 
Zeile mit ^ ll \^ v* Qß ^"^ ^^^ ^' ^^''^f^hren sollte, und dass sich der Ab- 
schreiber — eine Verniuthung, welche schon oben ausgesprochen worden ist — 
in der Vorlage vergriffen hat. 



DER LEIPZIGER GESCHNITZTE HOLZSARG DES HATBASTRU, 




VOKDEKANSICIIT DKS DF.CKKI.S. 



5. Cri. d WUt. iSSf. 



DER LEIPZIGER GESCHNITZTE HOLZSARG 
DES HATBASTRU. 




OBERER THEIL DES DECKELS. 






DER LEIPZIGER GESCHNITZTE HOLZSARG 
DES HATBASTRU. 




OBERER THEIL DES DECKELS, 



Aii. d. K, 5. C«. J. H7ii. iSS4- 






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AM. d. K. S. Ott. d. Witt. 18S4. 



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'ittelstück A. 



Vorderstück B, 

links. 



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SECHSTER BAND. Mit 3 Tafeln, hoch 4. 1874. Preis 21 uT. 

MORITZ VOIGT, Über den Bedeutungswechsel gewisser die Zurechnung und den öconomischen 
Erfolg einer That bezeichnender technischer lateinischer Ausdrücke. 1872. 4 .if. 

GEORG VOIGT, Die Geschichtschreibung über den Zug Karls V. gegen Tunis. 1872. 2 ,H, 

ADOLF PHILIPPI, Über die römischen Triumphalreliefe und ihre Stellung in der Kunst- 
geschichte. Mit 3 Tafeln. 1S72. 3 Jif 60 ^. 

LUDWIG LANGE, Der homerische Gebrauch der Partikel ee. I. Einleitung und et mit dem 
Optativ. 1872. 4 Ji. 

Der homerische Gebrauch der Partikel €i. II. u mty (an) mit dem Optativ und 

e« ohne Verbum finitum. 1873. 2 Ji, 

GEORG VOIGT, Die Geschichtschreibung über den Schmalkaldischen Krieg. 1874. 6 M. 

SIEBENTER BAND. Hoch 4. 1879. Preis 43 .M. 

H. 0. VON DER GABELENTZ, Die Melanesischen Sprachen nach ihrem grammatischen Bau 
und ihrer Verwandtschaft unter sich und mit aen Malaiisch - Polynesischen Sprachen. 
Zweite Abhandlung. 1873. 8 .4^. 

LUDWIG LANGE, Die Epheten und der Areopag vor Solon. 1874. 2 M, 

J. P. VON FALKENSTEIN, Zur Charakteristik König Johanns von Sachsen in seinem Ver- 
hältniss zu Wissenschaft und Kunst. 1874. \ M m ^, 

MORITZ VOIGT, Über das Aelius- und Sabinus-System, wie über einige verwandte Rechts- 
systeme. 1875. 4 M. 

FRIEDRICH ZARNCKE, Der Graltempel. Vorstudie zu einer Ausgabe d. jungem Titurel. 8 .U. 

MORITZ V.9IGT, Über die Leges regiae. I. Bestand und Inhalt der Leges Regiae. 187Ö. 4 M, 
Über die Leges regiae. II. Quellen und Authentie der Leges Regiae. 1877. 8 .M. 

FRIEDRICH ZARNCKE, Der Priester Johannes. Erste Abhandlung. 1879. S UT. 

ACHTER BAND. Hoch 4. 1SS3. Preis 35 uT. 

FRIEDRICH ZARNCKE, Der Priester Johannes. Zweite Abhandlung. 1876. 8 Ji. 

ANTON SPRINGER, Die Psalter-Illustrationen im frühen Mittelalter. Mit 10 Tafeln in 

Lichtdruck. 1S80. 8 jU. 

MORITZ VOIGT. Über das Vadimonium. 1881. 3 ^ 20 ^. 

G. VON DER GABELENTZ und A. B. MEYER. Beiträge zur Kenntniss der melanesischen, 

mikrouesischen und papuanischen Sprachen. 1882. 6 jä. 

THEODOR SCHREIBER. Die Athena Parthenos des Pbidias und ihre Nachbildungen. Mit 

4 Tafeln in Lichtdruck. 1883. 6 jä. 

MAX HEINZE, Der Eudämonismus in der Griechischen Philosophie. Erste Abhandlung. 1883. \M. 

NEUNTER BAND. 

OTTO RIBBECK. Kolax. Eine ethologische Studie. 1883. 4 M. 

WILHELM RÖSCHER. Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien. 3 jU 60 ^. 

GEORG EBERS, Der geschnitzte Holzsarg des Hatbastru im ägyptolo^n sehen Apparat der 

Universität zu Li-ipzig. Mit 2 lithographirten und 3 Lichtdruck-Tafeln. 1884. G Ji. 

Leipzig, April 1S84. s S. Hirzel. 



SITZLNGSBERICHTE 

DER KÖNIGL. SÄCHSISCHEN GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. 

KLEINERE ABHANDLUNGEN. 

I^ERICHTE über die Verhandlungen der K. Sachs. Gesellschaft der Wissenschaften zu 
Leipzig. Erster Band. Aus den Jahren 1S46 u. 1847. Mit Kupfern, gr. 8. 12 Hefte. 

Zweiter Band. Aus dem Jahre 1848. Mit Kupfern, gr. 8. 6 Hefte. 

Vom Jahre 1849 an sind die Berichte der beiden Classen getrennt erschienen. 

Mathematisch-physische Classe. 1849 ;3) 1850 (3) 1851 (2) 1852 (2) 1853 (3) 

1854 (3) 1855 2) 1856 (2i 1857 (3) 1858 (3) 1859 (4) 1860 f3i 1861 ;2) 1862 
(1) 1863 (2) 1864 (1) 1865 (1) 1866 (5) 1867 (4) 1868 (3) 1869 (4) 1870 (5) 
1871 (7) 1872 (4 mit Beiheft) 1873 (7) 1874 {5) 1875 :4) 1876 2i 1877 (2) 1878 '}) 
1879 l; 1880 (1) 1881 (1) 1882 (1) 1883 fl). 

Philologisch-historische Classe. 1849(5) 1850(4) 1851(5) 1852(4) 1853(5) 1854(6) 

1855(4) 1856(4) 1857(2) 1858(2) 1859(4) 1860(4) 1861 (4) 1862(1) 1863(3) 1864 
(3) 1865.;1) 1866(4) 1867(2) 1868:3) 1869(3) 1870(3) 1871(1) 1872(1) 1873(1) 
1874 r2) 1875 (2) 1876 (li 1877 (21 1878 (3) 1879 (2) 1880 (2) 1881 (2) 1882 (1) 
1883 2i. 

Jedes Heft der Berichte ist einzeln zn dem Preise von 1 Mark zu haben. 



SCHRIFTEN 

DER FÜRSTLICH-JABLONOWSKrSCHEN GESELLSCHAFT ZU LEIPZIG, 



ABHANDLUNGEN bei Begründung der K. Sachs. Gesellschaft derWissen- 
Schäften am Tage der 200jährigen Geburtsfeier Leibnizens herausgegeben von der 
FUrstl. Jablonowski'schen Gesellschaft. Mit dem Bildnisse von Leibniz in Medaillon 
u. zahlreichen Holzschn. u.Eupfertaf. 61 Bogen in hoch 4^. 1846. broch. Preis 15 Jl, 

PREISSCHRIFTEN gekrönt und herausgegeben von der Fürstlich Jablo- 
nowski'schen Gesellschaft. 

1. H. 6RASSMAKN, Geometr. Analyse geknüpft an d. von Leibniz erfundene geometr. Charakte- 
ristik. Mit einer erläuternd. Abhanal.v.ii. F. 3fef^W. (Nr.I d.math.-phy8.Section.)hoch40.1847.2uir. 

2. H. B. 6EINITZ. Das Quadergebirge oder d. Ereideformation in Sachsen, mit Berücks. der glau- 
konitreichen Schichten. Mit I color. Tafel. (Nr. II d. math.-phys. Sect.) hoch 40. 1850. 1 uff 60 ^. 

3. J. ZECH, Astronomische Untersuchungen über die Monafinstemisse des Almagest. (Nr. III 
d. math.-phys. Sect.) hoch 40. 1851. 1 UT. 

4. J. ZECH, Astron. Untersachungen üb. die wichtigeren Finsternisse, welche v. d. Schriftstellern 
des daes. Alterthums erwähnt werden. ;No. IV d. math.-phys. Sect.) hoch 40. 1853. 2 Jl. 

5. H. B. GEINITZ, Darstellung der Flora des Hainichen-Ebersdorfer und des Flöhaer Kohlen- 
bassins. (Nr. V d. math.-phys. Sect.) hoch 40. Mit 14 Kupfertafeln in gr. Folio. 1S54. 24 uT. 

6. TH. HIRSCH, Danaigs Handels- und Gewerbsgeschichte unter der Herrschaft des deutschen 
Ordens. (Nr. I der historisch-nationalökonomischen Section.) hoch 4o. 1858. 8 .#. 

7. H. WISKEMANN, Die antike Landwirthschaft und das von Thünensche Gesetz, aus den alten 
Schriftstellern dargelegt. (Nr. II d. hist.-nat. ök. Sect.) 1859. 2 Jl 40 Sjf, 

8. K. WEBNER, Urkundliche Geschichte der Iglauer Tuchmacher-Zunft. (Nr. m d. hist.-nat. 
ök. Sect.) 1861. 3 UT. 

9. y. BÖHMERT, Beiträge zur Gesch. d. Zunftwesens. (Nr. IV d. hist.-nat. ök. Sect.) 1862. 4ur. 

10. H. WISKEMANN t Darstellung der in Deutschland zur Zeit der Reformation herrschenden 
nationalökonomischen Ansichten. (Nr. V d. hist.-nat. ök. Sect.) 1862. 4 Uf. 

11. E. L. ETIENNE LASPETRES. Geschichte der volkswirthschaftl. Anschauungen der Nieder- 
länder und ihrer Litteratur zur Zeit der Republik. (Nr. VI d. hist.-nat. ök. Sect; 1863. 8 Jl. 

12. J. FIKENSCHERi Untersuchung der metamorphischen Gesteine der Lunzenauer Schieferhalb- 
insel. (Nr. VI d. math.-phys. Sect) 1867. 2 uT. 

13. JOH. FALKE, Die Gescbichte des Kurfürsten August von Sachsen in volkawirthschaftlicher 
Beziehung. (Nr. VII d. hist.-nat. ök. Sect.) 1868. 8 UT. 

14. B. BÜCESeNSCHOTZ , Die Hauptstätten des Gewerbfleisses im classischen Alterthume. 

(Nr. VJII d. hist.-nat. ök. Sect.) 1869. 2 Ur 80 Ä. 

15. H. BLÜMNER, Die gewerbUche Thätigkeit der Völker des classischen Alterthums. (Nr. \3i 
d. hist.-nat. ök. Sect.) 1869. 4 UT. 

16. H. ENGELHARDT, Flora der Brannkohlenfonnation im Königreich Sachsen. (Nr. VII 
d. math.-phys. Sect.) Mit 15 Tafeln. 1870. 12 uT. 

17. H. ZEISSBERG, Die polnische Geschichtschreibung des Mittelalters. (Nr. X d. hist.-nat. ök. 

Sect.) 1873. 12 Ur. 

18. A. WANGERIN, Reduetion der Potentialgleichung für gewisse Rotationskörper auf eine 

fewöhnliche Differentialgleichung. (Nr. Vin d. math.-phys. Sect) 1875. 1 ur 20 ^. 

. LESKIEN, Die Declination im Slavisch-Litanischen und Germanischen. (Nr. XI d. hist.- 
nat. ök. Sect.) 1876. 5 Jl. 

20. R. HASSENCAMP, Ueber den Zusammenhang des lettoslavischen und germanischen Sprach- 
stamio^es. (Nr. Xu d. hist.-nat. ök. Sect.) 1876. 3 Jl. 

21. R. PÖHLMANN, Die Wirthschaftspolitik der Florentiner Renaissance und das Princip der 
Verkehrafreiheit. (Nr. XIII d. hist.-nat. ök. Sect.) 1878. 4 UT 20 ^. 

22. A. BRÜCKNERi Die slavischen Ansiedelungen in der Altmark und im Magdeburgischen. 
(Nr. XIV d. hist.-nat. ök. Sect.) 1879. 4 ur 20 ^. 

23. F. 0. WEISE, Die Griechischen Wörter im Latein. (Nr. XV d. hist.-nat. ök. Sect.) 1882. 18 Jl. 

Leipzig, S. Hirzel. 



Druck TOD Breitkopf k HArtel in Leipsig. 




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DER 



ABLAUT DEK WUEZELSILBEN 



IM LITAUISCHEN 



VON 



AUGUST LESKIEN, 

MITGLIED DEB KÖNIOL. SlCHS. OSSELLSCHAFT OEB WISSENSCHAFTEN. 



Des IX. Bandes der Abhandlnngen der philologisch- historischen Classe der Königl. 

Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 



N« IV. 

(•(BODLiLIBR 



LEIPZIG 

BEI S. HIRZEL. 

1884. 



* / 



ABHANDLUNGEN 

DER 

KÖOTGL. SACHS. GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN 

zu LEIPZIG. 



PHILOLOGISCH-HISTORISCHE CLASSE. 

ERSTER BAND. Mit einer Kartö. hoch 4. 1850. broch. Preis IS Jt. 

A. WESTERMANN, Untersuchungen über die in die attischen Redner eingelegten Urkunden. 

2 Abhandlungen. 1850. 3 UT. 

F. A. UEERT, int^er Dämonen, Heroen und Genien. 1850. 2 UT 40 ^. 
TH. MOMMSEN, Über das rOmische Münzwesen. 1850. 5 UT. 
E. V. WIETEBSHEIM, Der Feldzug des Germanicus an der Weser. 1850. 3 Ji. 

G. HARTENSTEIN, Darstellung der Rechtsphilosophie des Huffo Grotius. 1850. 2 UT. 
TH. MOMMSEN, Über den Chronographen vom Jahre 354. Mit einem Anhange über die 

Quellen der Chronik des Hieronymus. 1850. 4 Ji, 

ZWEITER BAND. Mit 3 Tafeln, hoch 4. 1857. broch. Preis 22 Jt. 

W. RÖSCHER, Zur Greschichte der englischen Volkswirthschaftslehre im sechzehnten und 

siebzehnten Jahrhundert. 1851. 3 Uf. 

Nachträge. 1852. 80 

J. G. DROYSEN, Eberhard Windeck. 1853. 2 Uf 40 

TH. MOMMSEN, Polemii Silva laterculus. 1853. 1 Uf 60 

Volusii Maeciani distributio partium. 1853. 60 

J. G. DROYSEN, Zwei Verzeichnisse, Kaiser Karls V. Lande, seine und seiner Grossen Ein- 
künfte und anderes betreffend. 1854. 2 Jl. 
TH. MOMMSEN, Die Stadtrechte der latinischen Gemeinden Salpensa und Malaca in der 
Provinz Baetica. 1855. 3 Ji, 

Nachträge. 1855. 1 Ur 60 ^. 

FRIEDRICH ZARNCKE, Die urkundlichen Quellen zur Geschichte der Universität Leipzig 

in den ersten 150 Jahren ihres Bestehens. 1857. 9 Ji, 

DRITTER BAND. Mit 8 Tafeln, hoch 4. 1861. Preis 24 Jl. 

H. C. VON DER GABELENTZ, Die Melanesischen Sprachen nach ihrem grammatischen Bau 
und ihrer Verwandtschaft unter sich und mit den Malaiisch-Polynesischen Sprachen. 1860. 

8ur. 
O. FLÜGEL, Die Classen der Hanefitischen Rechtsgelehrten. 1860. 2 Ur 40 ^. 

JOH. GUST. DROYSEN, Das Stralendorfßsche Gutachten. 1860. 2 Ur 40 ^. 

H. C. VON DER GABELENTZ, Über das Passivum. Eine sprachvergleichende Abhandlung. 
1860. 2 Ji m ä, 

TH. MOMMSEN, Die Chronik des Cassiodorus Senator v. J. 519 n. Chr. 1861. 4 Ji, 

OTTO JAHN, Über Darstellungen griechischer Dichter auf Vasenbildem. Mit 8 Tafeln. 1861. 

6 Ji. 

VIERTER BAND. Mit 2 Tafeln, hoch 4. 1865. Preis 18 uT. 

J. OVERBECK, Beiträge zur Erkenntniss und Kritik der Zeusreligion. 1861. 2 ur 80 ^. 
G. HARTENSTEIN, Locke's [Lehre von der menschlichen Erkenntniss in Vergleichung mit 

Leibniz's Kritik derselben dargestellt. 1861. 4 uT. 

WILHELM RÖSCHER, Die deutsche NationalOkonomik an der Gränzscheide des sechzehnten 

und siebzehnten Jahrhunderts. 1862. 2 Ji. 

JOH. GUST. DROYSEN, Die Schlacht von Warschau 1656. Mit 1 Tafel. 1863. 4 uT 40 9. 
AUG. SCHLEICHER, Die Unterscheidung von Nomen und Verbum in der lautlichen Form. 

1865. .^ - 2 ^ 40 Ä. 

J. OVERBECK, Über die Lade des Kypselos. Mit 1 Tafel. 1865. 2 uT 80 <9'. 

FÜNFTER BAND. Mit 6 Tafeln, hoch 4. 1870. Preis 18 Jt- 

K. NIPPERDEY, Die leges Annales der Römischen Republik. 1865. 2 uT 40 .^. 

JOH. GUST. DROYSEN, Das Testament des grossen Kurfürsten. 1866. 2 uT 40 .»r. 

GEORG CURTIUS, Zur Chronologie der Indogerman. Sprachforschung. 2. Auflage. 1873. 2 Ji, 

OTTO JAHN, Über Darstellungen des Handwerks und Handelsverkehrs auf antiken Wand- 
gemälden. 1868. 4 Ji. 

ADOLF EBERT, Tertullian's Verhältniss zu Minucius Felix, nebst einem Anhang über Com- 
modian's Carmen apologeticum. 1868. 2 •# 40 ^. 

GEORG VOIGT, Die Denkwürdigkeiten (]207->1238} des Minoriten Jordanus von Giano. 
1870 2 «Jf 80 j^ 

CONRAD BURSIAN, Erophile. Vulgärgriechische Tragoedie von Georgios Chortatzes aus 
Kreta. Ein Beitrag zur Geschichte der neugriechischen und der italienischen Litteratur. 
1870. 2 ur 40 ^. 




DER 



ABLAUT DER WURZELSILBEN 



IM LITAUISCHEN 



VON 



AUGUST LESKIEN, 

MITUr.IED D£B KOHWI.. SkCUS. 0£SBLLSCHAFT DEB WI88BI1SCHAFTEN. 



Des IX. Bandes der Abhandinngen der philologisch -historischen Classe der Königl. 

Sftchsischen Gesellschaft der Wissenschaften 



N« IV. 



LEIPZIG - 

BEI S. HIRZEL. 
1884. 



Vom Verfasser flbergeben den 18. Februar 1884. 
Der Abdruck vollendet den 10. Juni 1884. 



DER 



ABLAUT DER WURZELSILBEN 



IM LITAUISCHEN 



VON 



AUGUST LESKIEN 

MITGLIED DER KÖNIQL. SACHS. GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN. 



Abhandl. d. K. S. Gesellscb. d. WisHonRch. XXI. 4 g 



Vorbemerkung. 

Die folgende Darstellung der litauischen Ablautsreihen hat nicht 
den Zweck, eine der vorhandenen Theorien über indogermanischen 
Vocalismus zu stützen oder zu bekämpfen, sondern war ursprünglich 
nur bestimmt, mir als Hülfsmittel bei der Behandlung des slavischen 
Vocalismus zu dienen. Die Sammlung, der anfänglich das Nessel- 
mann'sche Wörterbuch zu Grunde lag, hat sich dann durch allmäh- 
liches Nachtragen sonst gefundenen Materials und Aufnahme des 
Lettischen so erweitert, dass sie, vollständiger als die bisherigen 
Zusammenstellungen , den vergleichenden Grammatikern überhaupt 
nützlich sein dürfte. Aus diesem Grunde veröffentliche ich sie. 

Die Schrift zerfällt in zwei Abtheilungen, deren erste die Bei- 
spiele der einzelnen Vocalreihen enthält. Hier ist die Ordnung der 
zu einer Ablautsreihe gehörenden Wortfamilien die gewöhnliche al- 
phabetische, nach dem Anlaut der Wurzelsilbe (wo das Lettische 
vom Litauischen abweicht, ist das betreflFende Wort unter den ent- 
sprechenden litauischen Anlaut gestellt, also df unter g, z unter k 
u. s. w.). Die Reihenfolge der Vocale innerhalb einer Wortfamilie ist 
die in der Überschrift der betreffenden Reihe angegebene. Innerhalb 
der einzelnen bei einer bestimmten Wortfamilie vorkommenden Vocal- 
stufen sind die Worte, getrennt durch ;, so geordnet, dass das pri- 
märe Verbum voransteht, diesem die primären Nomina folgen, und 
zuletzt, durch «^ getrennt, die abgeleiteten Verba. Bei dem primären 
Verbum ist Präsens, Präteritum, Infinitiv angegeben. Unter die No- 
minalableitungen sind die Bildungen, deren Vocalstufe sich durch 
eine feste grammatische Regel von selbst ergiebt, also die Participien, 
die lebendigen Nomina actionis und Nomina agentis (auf -ima', -uma-j 
-schana-^ -eja- u. s. w.) nicht aufgenommen, Nomina act. und ag. 
jedoch in dem Falle aufgeführt, wenn ihr Vocal von dem des In- 
finitivs abweicht. Ferner konnten unter den abgeleiteten Verba die 

49* 



266 August Leskibn, [4 

litauischen Causativa auf 'din-ti mit der bestimmten Bedeutung »das 
und das thun lassen« ausgeschlossen werden, weil ihr Vocal sich 
nach dem Vocal des Infinitivs der zu Grunde liegenden nicht causa- 
tiven Verba richtet. In nicht geringer Zahl sind secundäre Nomina 
aufgenommen, theils natürlich, weil das primüre Grundwort fehll, 
thcils weil im Litauischen Suffixe, die ursprünglich primär sind, zu 
secundären Ableitungen verwendet werden, namentlich das Adjectiva 
bildende -w-, und es wünschenswerth schien, solche Fälle aus der 
Sammlung heraus beurtheilen zu können. Wenn secundäre Nomina 
auf ebenfalls angeführte, ihnen zu Grunde liegende primUre folgen, 
sind sie von diesen durch Komma getrennt. Von den abgeleiteten 
Verben ist selbstverständlich ein Theil leicht als denominativ zu er- 
kennen, ich habe sie trotzdem in der Regel nicht den Nomina an- 
gefügt, weil eben bei einem anderen Theil das betreffende Nomen 
gar nicht mehr existirt oder nicht mit Sicherheit zu bestimmen ist, 
und eine Trennung der abgeleiteten Verba nach diesem zuPälligen 
Moment nicht zweckmässig war. 

Es enthält das Verzeichniss also nur diejenigen litauischen und 
lettischen Worte, die mit anderen derselben Wurzel in einem Ab- 
lautsverhältnisse stehen, dagegen nicht diejenigen, deren Stellung in 
einer bestimmten Vocalreihe sich nur etymologisch durch Vergleichuug 
der anderen indogermanischen Sprachen bestimmen lässt; doch habe 
ich am Ende jeder Vocalreihe die primären Verba, die einen Vocal 
dieser Reihe ohne sonstigen Ablaut enthalten, als Anhang hinzu- 
gefügt. 

Der zweite Theil enthält als Hauptabschnitt, bei dem ich mög- 
lichste Vollständigkeit erstrebt habe, die Vertheilung der Vocalstufen 
auf das primäre Verbum und zwar nach Bedeutungskategorien, wie 
es für das Litauische charakteristisch ist; ferner Fälle, vyo die 
Verbindung einer bestimmten Vocalstufe mit einem bestimmten No- 
minalsuffix noch durchgängig erkennbar ist; endlich den Versuch, 
die Abhängigkeit der abgeleiteten Verba von Nominibus zu zeigen 
und damit nachzuweisen, dass zwischen der Stufe des Wurzelvocals 
und diesen Verbalbildungen kein selbständiges Verhältniss besteht. 
Es versteht sich, dass eine erschöpfende Behandlung der beiden 
letztgenannten Abschnitte nur mit Hülfe der verwandten Sprachen 
vorgenommen werden kann, auf die ich hier verzichte. 



^1 Der Ablaut d£r Wurzelsilben im Litaiischen. 267 

Der litauische Wortschatz ist weit davon entfernt, vollständig 
bekannt zu sein. Schon aus diesem Grunde kann auch meine Samm- 
lung nicht vollständig sein. Dazu kommt, dass ich auch die vor- 
handenen litauischen Drucke nur in beschränktem Masse ausbeuten 
konnte: viele ältere oder im russischen Litauen gedruckte Bücher 
sind nicht zu erlangen, manches eignet sich wegen seiner unvoll- 
kommenen und unsicheren Orthographie gerade für den vorliegenden 
Zweck nicht. Was ich ausser Nesselmann's Wörterbuch, Schleicher's 
auf das Litauische bezüglichen Werken und Kurschat's Grammatik 
hauptsächlich benutzt habe, sei hier mit der Gitirweise angegeben: 

Bezzenberger, Beiträge zur Geschichte der litauischen Sprache, 

Göttingen 1877 (B). 
Bezzenberger, Litauische Forschungen, Göttingen 1888 (BF). 
Geitler, Litauische Studien, Prag 1875 (G). 
Juäkevic, Lietüviszkos däjnos, 3 Bde., Kasan 1880 — 82 (J). 
Juskevic, Svotbln^ r'^da, Kasan 1880 (JSv). 
Iwiiiski, Genawajte, Wiina 1863 (IG). 

Kurschat, Deutsch-littauisches Wörterbuch, Halle 1870 (KDL). 
Kurschat, Littauisch-deulsches Wörterbuch, Halle 1883 (KLD). 
Leskien-Brugman, Litauische Volkslieder und MJirchen, Slrass- 

burg 1882 (LB). 
Mittheilungen der litauischen literarischen Gesellschaft, Heidelberg 

1880—83 (MLG). 
Wolonczewski, Prade ir iszsiplietimas kataliku tikieima, Wilna 

1864 (WP). 
Wolonczewski, ^emajcziu Wiskupiste (nur zum Theil; WW). 
Szyrwid; Punktai sakimu, (Neudruck) Wilna 1845 (SzP). 
Szyrwid, Dictionarium trium linguarum, Wilna 1713 (Sz). 

N bezeichnet, dass mir ein Wort nur aus Nesselmann's Wörter- 
buch bekannt ist, etwaige Zusätze zu N dessen Quelle (s. N.'s Wörter- 
buch S. VI). Wenn Kurschat die von ihm aus Nesselmann aufge- 
nommenen Worte accentuirt hat, ist der Accent auch bei mir so 
angegeben. Der Vorsatz pr bedeutet preussisch. Ein Fragezeichen 
vor einem Worte bedeutet, dass mir die Zugehörigkeit zu der be- 
treffenden Gruppe zweifelhaft ist, dasselbe nachstehend, dass die 
Existenz oder Richtigkeit des Wortes unsicher ist. 

Für das Lettische musste ich mich auf Bielenstein's »Lettische 
Sprache« und auf Ulraann's Lettisch-deutsches Wörterbuch beschrän- 
ken; wo ein Citat nöthig schien, ist ersteres durch Bi, letzteres 
durch ULD bezeichnet. Die lettischen Beispiele wollen natürlich nicht 



268 August Leskien, [6 

besagen, dass die aus dem Litauischen angeführten Worte dort nicht 
vorhanden wären; wo die gleichen Worte in beiden Sprachen existi- 
ren, genügte eben die Anführung des litauischen. Die Bezeichnung 
der lettischen Tonqualitäten war für aieinen Zweck überflüssig, ich 
habe daher die Vocallänge durch *" bezeichnet, und für ö u, für e i die 
Zeichen w, e angewandt. Ausserdem schreibe ich der Bequemlich- 
keit des Druckes wegen die erweichten Consonanten mit ', nicht mit 
Querstrich. Die lettischen Worte sind durch vorgesetztes le hervor- 
gehoben. 

Beim Litauischen wäre es freilich wünschenswerth gewesen, dass 
die Tonqualitäten nach Kurschat's Weise geschieden wären, allein die 
Sache ist nicht durchzuführen, da man, falls das Wort bei Kurschat 
fehlt oder man es selbst nicht gehört hat, zwar sehr oft die Hoch- 
tonsilbe kennen, aber die Tonqualität nicht bestimmen kann. Ich 
habe daher Schleicher's Accentuationsweise beibehalten. 



A. Alphabetisches Verzeichniss der Beispiele. 

Allgemeine Bemerkungen. Im Folgenden sind als Ab- 
lautsreihen des Litauischen aufgestellt : 

I. i y (= I) e ei {ej) ej ai (o/) 
IL u ü u au ov 

III. a) i y {=1 i) e e a (= ü) 
h) e e a (= ä) 

IV. e a ö {= ä) 
\. a (= c). 

Davon gehören III a und III b eng zusammen und hätten zu 
einer Reihe vereinigt werden können; die Scheidung ist aus dem 
äusseren Grunde geschehen, um die Fälle der Stufe i zusammen 
übersehen zu können. Es versteht sich, dass sehr leicht eine Ver- 
mehrung der Reihe III a aus III b eintreten kann, wenn man zu Bei- 
spielen der letzteren noch die i-Stufe flndet. Die Reihe IV beruht 
vielleicht z. Th. nur auf dem Zufall, dass gerade Formen mit e oder i 
in der Wurzelsilbe nicht überliefert oder mir nicht bekannt geworden 



7] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 269 

sind; da aber ein Theil der Fälle auf einem indogermanischen Ab> 

laut B 0, der nur diese Stufen umfasste, beruhen kann, musste diese 

Reihe zunächst als besondere ausgeschieden werden. Die Reihe V 

verringert sich vielleicht auch noch durch Auffindung von Formen mit 

e, zunächst war sie ebenfalls festzuhalten, weil sie sicher z. Th. auf 

uraltem Ablaut a ä beruht. Betrachtet man das Zahlenverhältniss 

der Beispiele aller Reihen, so zeigt sich, wie stark in der Sprache 

die Ablaute der ersten drei herrschen, wie unbedeutend die Übrigen 

sind : 

I. 131 Beispiele 

II. 130 

III. 288 (a. 227, b. 61) 

IV. 10 

V. 22, 

also 549 Beispiele der ersten drei Reihen gegen 32 der beiden 
letzten. 

Wie sich diese litauischen Yocalreihen in die als indogermanisch 
angenommenen oder anzunehmenden einfügen, überlasse ich den ver- 
gleichenden Grammatikern zu bestimmen. Es ist z. B. möglich oder 
wahrscheinlich, dass ein äugti (wachsen) einer anderen ursprünglichen 
Reihe angehört als z. B. raügü (säuern), im Litauischen ist kein 
Unterschied, und was im Litauischen gleichartig erscheint, ist hier in 
eine Reihe zusammengestellt. 

Bemerkenswerth sind die Consonantenverhältnisse der Wurzel- 
silbe bei den verschiedenen Reihen, wobei ich indess wegen der 
geringen Anzahl, die keine festen Verhältnisse erkennen lässl, von 
IV und V absehe. Auf die 131 Beispiele von 1 kommen nur vier 
Fälle, von denen man mit Sicherheit sagen kann, dass die Wurzel 
auf r oder l auslaute, nämlich dyr- glupen, nyr- dass., mä- lieben, 
smilr- naschen (Fälle wie kaire\ linke Hand, lassen sich nicht mit- 
zählen, weil das r einem Suffix angehören kann) ; Auslaut m oder n 
kommt gar nicht vor, so dass die stehende Form der Wurzelsilbe 
Auslaut auf einfachen stummen Consonanten oder auf Vocal (f) ist. 
Unter den 130 Beispielen von 11 finden sich 7 auf r^ l, m: biur-^ 
glum-^ gul-^ kiur-^ tnur-, pul-^ smul-. Sonst ist der Wurzelauslaut 
einfacher stummer Consonant oder Vocal (fl). Man wird wohl sicher 
annehmen können, dass sowohl in I wie 11 die Beispiele mit wurzel- 



270 August Leskien, [B 

auslautendem liquiden oder nasalen Consonanten ursprünglich nicht 
hierher gehören. Von dem sonstigen Vorkommen des u vor Liquida 
oder Nasal oder Verbindungen mit solchen wird unten die Rede 
sein. — Von den 227 Beispielen der Reihe lila haben 214 r, /, 
m, n dem Vocal folgend oder vorangehend, nur 13 den Vocal von 
stummen Consonanten umgeben [bizdzus^ le dfisl^ kibli^ kvipti^ s^kis, 
ledktj \e schk'ibit, lo siiba, nu-szisz^Sj liszkaü prät. , tvisketi^ vipli, 
le wifinäi). Von den 214 zeigen 24 r, /, w, n vor dem Vocal (le dri- 
binäl^ dribti, driksti^ glibijs^ grisli^ le klibl^ krisli^ midm {mediis), mi- 
kenli {mekenti) , plyszli^ rikli^ le rilel, su-rizgps^ le skribinät, slipti, splisli, 
spriges^ szlikli, sznibzdeli^ trikli^ Iripseti {trijpli)^ Iriszti, iriszeii^ ilibti). 
Bei der Reihe III b sollte man als regelrechte Form der Wurzelsilbe 
den Auslaut auf stumme Consonanz erwarten, doch darf man hier 
auf bestimmte feste Formen nicht rechnen, da der Zufall, dass bei 
einer auf r, /, w, n oder r u. s. w. + Consonant auslautenden Wurzel 
gerade keine i-Stufe vorliegt, eine grössere Anzahl Wurzeln dieser 
Form, z. B. deriü^ derkiü^ semiü u. s. w., in dieselbe Reihe mit tekü, 
metüj segü u. s. w. gebracht hat. 

Eine der schwierigsten Fragen des litauischen Vocalismus, die 
nach der Natur des m, wird durch die erwähnten Reihen nicht er- 
ledigt, kaum berührt. Zwar kommt in II das ü vor, aber nur die 
wenigen Fälle, in denen es sich mit u oder au begegnet. Mit dem 
Hineinziehen dieser ü in die t^-at/-Reihe ist über die ursprüngliche 
Form und Geltung dieses Vocals nichts präjudicirt, sondern nur das 
Factum angegeben, dass er zuweilen im Ablaut mit u und au steht. 
Die viel zahlreicheren anderen Fälle, in denen eine Berührung mit 
u^au sicher abzuweisen oder nicht nachzuweisen ist, kommen in 
den unten folgenden Verzeichnissen überhaupt nicht vor, weil sich 
kein regelmässiges oder auch nur öfter wiederkehrendes Ablautsver- 
hältniss zwischen ihrem ü und anderen Vocalen auffinden lässt. Ich 
habe daher das u als Anhang der Vocalreihen kurz behandelt. 

Ferner fehlen in den Verzeichnissen die Beispiele von u vor 
r, /, m, n -f- Consonant, und von u vor einfachem r, /, m, n sind 
am Ende der Reihe II nur die primären Verba dieser Wurzelform 
aufgenommen. Auf die Behandlung dieses ti, sowie auf Vollstän- 
digkeit der Beispiele habe ich verzichtet, weil eine Regel und ein 
bestimmtes Verhältniss zu anderen Vocalnuanccn nicht zu finden war. 



9; Der Ablaut der W^lrzelsilben im Litauischen. 21i 

I. i y e ei (ej) ej ai (aj). 

i. le biJHS (prt. zu bllty-s): bijaü-s hijoli-s sich fürchten, pr biä- 
iwei. — f. le bislu-s prs. zu blies sich fürchten - le bldlt in Furcht 
setzen; le bislßle-s sich fürchten. — €• le bedet schrecken, \e bedeklis 
Popanz, Hasenfuss. — tti. le baida Schreckniss; le baile Furcht, bain 
Ins Sz furchtsam, vgl. le bailsch^ bailUjs dss.; bäime Furcht, baimm N 
furchtsam; bimä Schrecken Sz, baisüs abscheulich, baisius baiaelis 
Abscheu haben, baislu baisau baisti NSz grausam werden (denom. von 
baisä) ; bajiis fürchterlich - pr po-baiint strafen ; baidaü baidijli scheu- 
chen; le baidinäi einschüchtern; frai/in^t scheuchen ; baisinli {z\x baisä) 
grauen machen. 

i. le bigls Bi I. 268 scheu. — CiL le baigi n. pl. »in Furcht 
setzende Zeichen am Himmel, Nordlicht«; \e baiglis Schreckbild; 
baigsztis N Fliegenwedel; baigszlüs N scheu; baigiis dss. N - bat- 
ginti N scheuchen. 

ei. le beidfu beidfu beigl endigen; le beiga Ende, Neige. — 
(li. baigiü baigiaü baigti enden; pabaigä Ende, Aufhören; pabaigliwes 
Ernteschmaus. 

i. blykszih blyszkaü bhjkszli erbleichen; isz-bhjszkelis Bleichge- 
sieht. — €• isz-blieszkfs (= sonstigem isz-bbjszk^s bleich) WP 206. 
300. — (li, blaikszlaü-8 blaihzUjli-s N sich aufklären (vom Himmel). 
Zusammenstellung zweifelhaft; der gewöhnl. Ausdruck für letzteres 
ist: blaivaii-s blaiv^U-s. 

ۥ br'eziu br'eziau br'ezli kratzen; brezis m. und brvztjs das Kratzen, 
Riss. — CiL braizaü braiztjU iter. kratzen BF 101; J 150, 16. 

i. (vielleicht auch i in le didels ungeduldiger Mensch, didekl 
unruhig sein) le didll hüpfen machen. — €• le doi tanzen - le de- 
delel iter. (eig. herumtanzen) müssig gehen. — ei, le deiju (Präs. u. 
Prat. zu dei). — ai. dainä Volkslied (nach Fick VW II. 584 eig. 
Tanzlied). 

i. d^gsiu dijgau dijgli keimen (eig. hervorstechen, mit der Spitze 
herauskommen); le digs Keim, lit. dijgas Dorn IG 73; dyge N Stich- 
ling, pl. dyges Stachelbeeren; dtjgis m. das Keimen; dijglis Stachel 
BF 107, auch dyglf/s^ le dlglis Keim, dygle Stichling; dyguhjs Stich; 
dtjgsnis m. Stich; dygiis stachlicht - le didfel didfinäl keimen machen; 
dijklereti NM Seitenstechen bekommen. — e, deyia d?ge d'igti stechen 



272 August Leskibn, l^O 

(imp. z. B. vom Seitenstechen), pa^degii keimen lassen MLG 1. 230; 
dSgas Keim , le degs Zwirn [degt auch »einfädeln«) ; le degUs Keim, 
lit. deglis BF 107 Name einer Krankheit; ]e degsls Keim. — deiginis 
J 1118. 13, 1168. 4, deiginas WP 169 Lanze. — ai. pa-däigos 
»FederansUtze junger Vögel«, Spielen (nach N auch padaigai); daigis 
m. das Keimen ; daiklas Stelle, Ort, Sache (nach Fick II. 738 »punctum«) 
^ daigaü daigpi iter. stechen; daiginti keimen machen. 

i. dyru dyreli N gaffen, lauern; dfjrau dtj/roü dss.; dfirinli 
schleichend lauern; di/rineli iter. dss. — tti. api^-daira Sz Vorsicht, 
apydairus Sz vorsichtig (unter osiroznosc) , das einfache daU^us in 
»Naujos Giesmes etc.« (Memel 1876) 3 v. 1 - dairaiirs dairtjU-s nm- 
hergaffen. 

e, d'evas GoiL — ei, deive Gespenst; deiväUis Bezeichnung des 
Perkun; deivilas B Götze; deivtjste Gottheit B (bei dem auch andere 
Ableitungen mit ei) - at-si-deivöii Abschied nehmen, z.B. J 1172. 7. 

i» drikä »ein Faden oder eine Partie Fäden, welche beim Weben 
nicht eingezogen vom hinteren Webebaum . . . herabhangen« KLD <^ 
drikstereti intr. mit einem Ruck reissen. — t, dnjhsiü drykaü dnjkti sich 
lang herabziehen (von Halmen etc.); drtjkes N Krummstroh; isz-dii)' 
kelis lang aufgeschossener Mensch ~ dnjktereli punkt. sich hangend 
herablassen. — €• drekiü dr^iaü drekli (Halme) streuen; isz-drSkas 
im blossen Hemde. — (li* draikas N lang gestreckt; pa-dräikos KLD 
verstreutes Stroh; draikalas gestreute Halme; draikus zSihe MLG I. 
387 -- draikaii draikyti iter. streuen; draikinli streuen. 

i. drpas Streifen (in Zeug). — €• drczas Eidechse. Zweifel- 
hafte Zusammenst. 

C. le ei gehen (Präs. emu, et u. a. F.) ; le ela Reihe. — d. inf. 
ciii (Präs. et), le präs. cimu u. a. F. ; -eiga Gang, z. B. i-eiga Eingang; 
eidine N Gang, vgl. eidininkas Passgänger; eiklm behende, schnell, 
z. B. J 300. 18; eile Reihe; eimena u. eimenas N Bach; eisme' N 
Gang, Steig; eisena Gang; pn-eiih f. N Vorstadt; (Schleicher Leseb. 
hat ein eiüninkas Gänger, viell. Verwechselung mit eidinink<is) ; kar- 
ciwis (Kriegsgänger) Krieger, kel-eivis (Weggänger) Wanderer. — 
ej, ejaü (prät. zu eili), — Cli» le ailis u. a. Reihe; le aideneks Pass- 
gänger (auch eideneh; überhaupt scheint hier ai im Anlaut ei zu 
vertreten). 

i, prät. gijaü (zu gißt)', le dfiju. — f,. präs. gyjü, le dfistu^ inf. 



11] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 2173 

(jpi heilen intr. -» gffdau gjjdyti caus. heilen; gfjdinli dss. — €• ?le dfel 
hervorblühen, hervorragen Bi II. 394; le dfedet caus. heilen; \g dfe- 
dinät dss. — ei* ? le dfäju präs. präl. (zu dfei) . — di» gajm leicht 
heilend. 

t. le ^ibstu (jibu ^ibt ohnmächtig, schwindlig werden; le ^ibl<i\ 
le ^iblis; le ^ibelis Ohnmacht; le ^ibuns dss. — ei* le (jeibi (= ^t6<); 
le (/6t6f4^ f. pl.; le ()eibtdis\ le geif)üm (Bedeutung wie unter i). — 
di. le (/at6a (und ^ßf6a) Faslerin, Thörin. 

f. pra-g^slu^ g^dau^ gysti anheben zu singen. — €• gMti gedöti 
singen ; le dfesma Gesang, gesme Gesang. — (Vi* gaidas N, gaidä N 
Sänger, -in; gaidijs Hahn; ?le gailis Hahn. 

f. le dßdrums Klarheit, vgl. le gidrs klar, heiter. — €• ?le dfema 
Dämmerung, Abend-, Morgenröthe; gMras heiter (vom Wetter); gedrä 
heiteres Welter. — Cli» gaidrüs heiter; gaüas Lichtschein am Himmel, 
le gaiss Luft, Wetter; le gaischs = ^gaisja-s (viell. Vertreter für ^gai- 
ms) klar; le gaisma Licht; gamas Lichtschein am Himmel «^ gaidrinti 
heiter machen (zu gaidrm), 

t. pr sen-gydi empfange, s&ti-gidaul empfangen (eig. abwarten); 
le dfidrh Durst. — ei. geidzü geidzaü geisii begehren, pr geide 3. pl. 
präs. warten; geida Verlangen BF 112; geiduhjs Lüsternheit - gfet- 
däuii sich sehnen. — di. le gaida Erwartung, le pagaida und pa- 
gaids Zins, üzgaida nach K lüsterner Mensch, nach N auch Gelüsten 
(neben uzgaidas N), gaidüs N erwünscht, ?dazu gaidau^ gaidel mein 
Lieber ~ le gaidU warten, harren auf. 

i» le ^idu prät. ^ift merken, muthmassen ^ le ^idäl iler. — 
6. le gedu (präs. zu ^//i). 

f. g^vas lebendig; le dfiwe Leben, Wirthschafl - gyvetili wohnen. 
— di» gaivüs N munter ^ gaivmti erquicken (zu gaivüs), 

i, giius MLG L 388 scharf, widerlich. — l. gyitu gyzaü gfiiti 
herb, sauer werden - gijzlereli plötzlich s. w. — e. gSzia geze gdzli 
impers. kratzt (im Halse) , geziu pers. grollen ; pa-gezä Rache. — 
di» gaizm herb. 

%• gnijbiu gnijibiau gnfibli kneifen; gmjbis KniflF; jnyfe/w NSz Knei- 
fer, Nussknacker. — di» gnaibis m. Kniff; gnaibüs NM, KLD leicht 
kneif bar, zänkisch -^ gnaibaü gnaibyli iter. (zu gmjbti). 

i. \e gribu gribel wollen, verlangen; le j/nfca Wille ; gribsznis m. 
Griff - gribiereti gribszlereli schnellen Griff thun. — e. gribiu grebiau 



274 AuGisT Leskibn, [12 

grSbü greifen. — eL (jveihiu (jreibiau greibli greifen, z. B. WP 166, 
185, suyreib^s MLG I. 369. — CiL ap-graihomxs inslr. pl. handgreif- 
lich, oherflachlich MLG I. 62, vgl. apgraihm WP27i; graibm N zum 
Greifen geneigt; graibszlaa Kratzhainen, Kescher KDL '-* graibaü graibtjti; 
graibsiaü graibslyli; grdibszczoli Iterativa (zu grebli). 

e. grSziu yreziau grezli einritzen (in der Runde) , abzirkeln, 
le grefchu grefu grefl schneiJen, in beiden Spr. auch »mit den Zähnen 
knirschen«; greze Schnarrwachtel; grezinp runder Schnitt; grezle 
Schnarrwachtel. — wL le graijes f. pl. Leibschneiden; graiszlas B 
Säge; graittos G Einfassung des Bodens am Eimer {grezli bedeutet 
»einen solchen Boden abzirkeln«) - le graißt iler. schneiden; graizyti 
{rankäs) ringen (die Hände) J 513. 21 (gehört wohl zu grfziü s. d.). 

i, iszkus N deutlich, offenbar; iszczas N dss. — Cli, äiszkm 
deutlich. 

i. izti entzweigehen, 3. prät. izo z. B. WP 36, 174, vgl. mmü 
par-ita (G s. v. parizimas) der Mond ist im letzten Viertel; le w&j-ife 
ÜLD Windriss im Holze (vgl. ife) ; izines N Schlauben - izinti aus- 
schlauben. — l. le ife Spalte im Eise ULD, lit. yze yzia Grundeis. 
— ai» le aifa Spalte im Eise, vgl. par-aiza (= per-) G. Aboahme- 
zeit des Mondes, isz-aizos Schlauben «^ aizaü aizyli ausschlauben ; 
aizinli dss. 

i. prät. su-jiszkau inch. zu suchen beginnen. — €• jSszkau 
jeszkoti suchen. 

e. kSmas Bauerhof, Dorf. — dl. kaimas dial. Dorf, vgl. apij- 
kaime N Dorf bezirk, kmmf/nas Nachbar; ^kaimene Heerde. 

ei. le k'eiris link. — di. kaire linke Hand, kairjjs Linkhand. 

i. ut-kisli G {linus) »die Flachsstengel auf die ardai legen«; 
atkisas G »die Arbeit, durch welche das ausgedroschene Getreide 
von neuem in die Trockenkammer gelegt wird. — (iL le kaisll 
streuen (?bei ULD als livisch bezeichnet). 

i. kiszü kiszaü kiszli trans. stecken. — i« k^szau kyszoti intr. 
wo stecken - kf'fsztereli (mit // KLD) dem. (zu kiszli). — dl. kai- 
szlis m. Riegel ~ kaiszaü kaiszpi iter. (zu kiszli), 

i. kilas anderer, -kinlu -kilau -kisli N anders werden. — 6. ^pa- 
si'kijzdarnis n. pl. m. abwechselnd WP 123, kann nach dortiger Ortho- 
graphie e gelesen werden. — 01. keiczu keiczaü keisli wechseln. — 
di. kailaü kailyli iter. zum vor. 



^3] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 275 

t. le klU Bi I. 373 irren, sich zerstreuen. — €• ? Bei Sz ein 
Präs. kliemi (unter ploi^ somnio^ nugm^), — ei* le kleija HeruniT 
treiber, le kleijüns dss. - le kleijüt herumtreiben {ei dial. für ai?, 
s. d.). — di. le klajsch (= ^klajas) geräumig, eben; le klaija Ebene; 
klajiis N irreführend, vgl. klajünas J 62. 6 Herumstreicher - klajoli^ 
le klaijät herumirren (vgl. klyd-). 

%. khjstu klydau khjsti irre gehen (le klifl auch »sich zerstreuen«) ; 
pa-kl^delis Irrgänger; pa-Mydm N verirrt - klyde'ii; klydineti iter.; 
le klldinäi zerstreuen. — €• le klefchu kledu kleft ausstreuen ; le kle- 
dH iter. (zu kliß) Bi I. 323, caus. verthun (zerstreuen) ULD. — 
01. — kleisii WP 103. 271 wegwerfen, verschwenden. — dt. pa- 
klaidä NM Irrthum, Sz ineptiae u. a.; klaidüs irre führend; le klaists 
Herumtreiber - klaidaü klaidyti iter. (zu kUjsti)^ le klaidil caus. zer- 
streuen ; kläidzoti iter. (zu klpli) ; klaidinli irre führen ; le klaistlte-s 
sich herumtreiben. 

t. m-Uigu (3 sg. prt.) anteU aufschreien J 323. 1 ; le klidßnät 
ULD schreien wie ein Habicht. — 6. le kledfu kledfu klegt schreien. 
— Cli, le klaigät it. zum vor. 

i. klipytfiti »mit schiefen Füssen halblahm gehen« KLD. — 
t» klypslü klypaü klijpli mit krummen Füssen gehen; su-khjpelis 
Schiefbein. — ei- kleipiü kleipiati kleipii schief treten (Schuhe). — 
ni. isz-klaipiu MLG I, 17 verschränken, vgl. klaipiks »der mit den 
Füssen schaufelt« ebend. - klaipaü klaipijli iter. (zu kleipti). 

i. Idiszas schiefbeinig, kliszis, kliszys, klhzius subst. — ei. klei- 
sziüti KLD mit krummen Beinen eilig laufen. 

€• le knchju knebu knebt kneifen. — Cli* le iter. knaiplL 

i. knisü knisaü knisli wühlen. — t. knysp (mit l K) Rüssel. — 
Cli* knaisaü knaisijü iter. 

i. le krija {krlja) Baumrinde, lit. krijä »der am Rande eines 
Siebes auf den Boden gelegte Bastring« KLD, krijos N Knaul von 
Bast oder Rinde. — t. Ikrytis f. i-st. und krpis m. Kescher zum 
Fischen, le krits m. (vgl. graibsztas zu grebiu^ dss.) - le krijäl schin- 
den. — €• le krenu kret schmänden. — ei. le präs. kreiju (zu 
krel)\ le kreims Sahne - le kreijüt schmänden. — ej. le prät. kreju 
(zu krel). — dt. le kraistit iter. (zu kret), — Vgl. lit. greju grejaü 
grPli dss. was le kr(% iter. dazu graistaü graistpi^ dem. graislineti; 



276 August Leskibn, [<* 

sur-grMi ergreifen, erraffen J 278.8; zu le kreitns vgl. lit. greimas 
KLD [] schleimiger Niederschlag im Wasser. 

im krivis schief gewachsener Mensch; krivtde Krummslab. — 
ei. kreivas schief. — tti. le krails gebogen; ap^-kraives {puszeles) 
Anyk. Szil. v. 1 2 bei G erklärt durch »etwas gekrümmt« ; Sz schreibt 
kraivas (z. B. unter krzywy) krumm, schief. 

i (f?). isZ'krikas^ adv. isz-krikai B zerstreut. — ei. kreikiü 
kreikiaü kreikli streuen (Stroh). — dl. kraikas Streu; kraika dss. - 
kraikaü kraikpi iter. 

i. krypstü krypaü knjpti sich drehen; i-krypai N. adv. mit halber 
Wendung, schräg (dass. bedeutet i-skripai) - krijplereü dem. — 
ei. kreipiü kreipiaü kreipli drehen, wenden. — (li. kraipaü kraip^ii 
iter. zum vor.; kraipineli dss. 

e. kveczü kveczaü kvesli einladen; kveslp Hochzeitsbitter; kv'eslis N 
Einlader. — (li. pr quoils (= ^kvaitas) Wille - pr quoiteli (= HvaileA 
ihr wollt. 

i. prät. lijaü (zu Itjlt) ; j-Zya KLD [ ] Regenwetter — i. präs. 
lyjü bjti regnen, le präs. lislu; le lija feiner Kegen; lytm Regen - 
l^dau l^dyli (Talg) schmelzen (vgl. slav. lojb Talg); bjdinti dss.; lynöti, 
le linäl [llAät) fein regnen. — e. leju Wjau l'eli giessen; nüAejos N 
Abgüsse; leim Regen LB 338, le letus\ leluve Tiegel. — el. le pras. 
leiju (zu lel) ; le aif-leija Zuthat zur Speise. — ej. le prät. kjn 
(zu lel). — Cli. laislüvas N Giesskanne - läistau läislyli iter. (zu leli) 
laistaü laisiijli KLD bewerfen (z. B. eine Wand mit Kalk), le laüteklis 
Giesskanne; laistineii iter. J 1245. 6; läistefeli dem. (zu Icli); laidau 
laidyii caus. (zu leli) bei Sz (unter (/o;V) : laidau kantes melke. 

i. ? le lidinäie-8 schweben, von Bi L 360 als iter. zu Imfl 
genommen. — t. lydzü lydeli geleiten ; al-lyda {be atlydos^ geschr. 
atlidas^ ohn Unterlass) WP 56; saule-lydis Sonnenunlergang JSv 21 ; 
nu^lyde Unterdach am Giebel BF 147; to4iJdzau8 sofort, in einem 
Zuge. — ei. leidzu leidau leisti lassen; ? le leida Zins, Pacht; 
mule-leidis Sonnenuntergang; al-leidüs KLD versöhnlich (s. unten aüai- 
diis)^ ap-leidusSz nachlässig. — (li. le laifchu laidu laift lassen; le laidan 
n. pl. f. lange Striche, al-laidä Erlass, nu-laida Sz Abhang, atlaidiis 
versöhnlich, nüAaidüs abschüssig; paAäidas lose {palaidi plaukai herab- 
hangende, aufgelöste Haare); f laidas Bürge; laisvas frei Sz, lavsve 
Freiheit z. B. J 214, 3; palaidü Sz nefarius, aplaidu NSz Abtrünniger 



45] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litalischen. 277 

(vgl. palaida N Sz Hurerei) «^ laidau läidyti »mehrfach flössen oder 
fliessen lassen« iler. (zu leidzu, vgl. leidikas Flösser); laidinti laufen 
lassen (Pferde etc.); läidoti bestatten; läidzoU iter. entlassen. 

e. le Igdfu Udfu legt weigern, leugnen. — Clt. le laigät iter. 

%• prät. likaü likti zurücklassen, pr. po4inka er bleibt (wilre 
ein lit. *linku likli intr. zurückbleiben, die 3. sg. präs. lit. pa-linht^ 
zu /^fV, z. B. IG 37. 47 u. s.); 4ika (bei den Zahlen von 
H — 19). — f. dt-lykis KLD Arbeitspause; l^kius Rest, /j/ftirtfi ab- 
nehmen (Rest machen). — €• prüs. lekü [zu likli); /^ftü« NM unpaar, 
le leks überzählig, äl-lekus Rest, le al-Uks dss. und le at-lika dss. — 
CXi. pä'laikas Rest (vgl. palaikis Nichtsnutz, schlechte Sache); laikas 
bestimmte Frist, le laiks Frist, Zeit (Fick II. 652.) '^ laikaü laikpi 
halten. 

ۥ Mas gross z. B. J 1 022. 1 , le lels dss., le leU Schienbein ; 
1 lemü Leibeswuchs, Taille, Körper (im Gegens. zu den Gliedern), 
Stamm ohne Aste ; leknas G schlank. — ei. leilas N dünn schlank ; 
leinas J 351. 9 schlank (s. unten lainas). — läibas schlank, dünn; 
lainas N schlank. 

6. lepiü lepiaü iSpli befehlen. — Clt* pr palaips Gebot -- pr 
laipina 3. sg. befahl. 

i. 3. sg. /tp«< »er brennt« Mik.; le lipitf ein Licht anzünden 
(Bezz. Beitr. III, 58) — €• lepsnä Flamme. 

im limpü lipaü lipti kleben bleiben, lipü lipatl lipti steigen 
(le lipu^ d. i. Himpu, lipu lipt in beiden Bedeutungen);, pa4ipomis 
adv. i. pl. stufenweise, prSlipa Anbau, Erker; lijy^ne Übersteigstelle; 
lipnüs N klebrig, le lipns freundlich; lipsznm dss., nach N auch 
»freundlich«; lipszlus MLG I. 228 freundlich -- lipaü lippi caus. (zu 
limpii) kleben; lipdau lipdyti dss. J 1134. 25; lipinli dss.; lipdinti 
caus. zu lipti steigen lassen; lipine'li iter. (zu lipü)^ caus. iter. (zu 
limpü), le lipinät trans. ankleben. — t. \e pe-llpi m. pl. ULD u. a. 
»was angeklebt ist«; dvi-ljlipis (z. B. r'Sszutas) aus zweien zusammen- 
gewachsen ^ hjpslau l'^pstyli M berühren; hjpstintis KLD sich anschmei- 
cheln. — €• Wptas Steg; lepsznus N [=> lipsznm). — tt*. le laipa 
Steg; le pe-laipe Anback am Brode; le laipns freundlich, davon 
laipfügs laipniba; laiplas Gerüst G, nach BF 132 auch »Steg übers 
Wasser«. ~ läipioli iter. zu lipü; laipinti caus. steigen lassen (zu lipif) 
\VP 135, JSv 74. 



278 August Leskien, [16 

%• Iptu lijsau bjsli mager werden. — €• Wsas mager, le lestu 
lern lest (auch lit. bei N) denom. dazu (mager werden). 

l. hjln [hjczii) lyleti anrühren. — e. lesti J 420. 4, 1. sg. le- 
czu Sz, 3. sg. jni'lecza B antasten, vgl. An. Szil. v. 29, reizen, 
necken N ~ leline'li [bärzdq) zupfen J 141. 2. — tti* le laitU strei- 
chen (hin und her mit der Hand). 

i, isZ'lizm f., isz^lizei m.pl.N Zwischenraum zwischen den Zähnen, 
den Zehen; lizius (Lecker) Zeigefinger. — t. isz-lyiei N (= isz-litei).. 
— €• leziü leziaü lezti lecken; isz-letis KLD (Bed. = isz-lizei), — 
ai. le laifcha Leckermaul ; hliud4aizis Schüssel lecker - laitaü lait^ti 
iter. (zu IHli). 

i, le miju prät. (zu mit); le mite Wechsel - le milut iter. tau- 
schen. — i. le präs. miju mit tauschen. — e- ?le mena Wertstreit 
(vgl. aber mens anmassender Mensch); le meti n. pl. ; le md'tus pl. 
Tausch, Wechsel, le melut tauschen. — ui. mainas Tausch, le (neben 
mains m.) auch f. maina^ le maifia dss., lit. atmaina Sz (unter odmiana) 
Tausch. ~ mainaü main^ti tauschen, lett. mainit iter. (zu mit). 

e. le mety präs. memil^ bepföhlen; mHas Pfahl J. 67. 3, le mets^ 
le metüt bepfählen. — Cli. le maide Stange; le maiti Zaunstecken - 
le maidit bepfählen. 

i. migü migaü migli Sz drücken (z. B. jmmigu unter nacieram). — 
€• le medfu megt stark drücken IILD. — CiL maigas Sz Haufen (unter 
mierzwa slramen coacervatum) ; pr pele-maigis Rötheiweihe (nach Fick 
U. 756 »Mausklemmer}; le maigl'i Zaunspricker ; ?le maiksts^ maikste 
lange Stange -^ maigau maigyti N häufen. 

i. -mingü migaü migti inch. einschlafen; ät-^igas Nachschlaf MLG 
L 65; le miga Lager eines Thieres; migis m. N dss.; j-migis m. der 
erste Schlaf; mignim verschlafener Mensch - migdaü migd^ti caus. 
einschläfern; miginli^ migdinti dss.; le midßndl dss. — €• präs. megii 
(zum inch. migti^ le ebenso aif-megu schlafe ein), präs. m^gü migöti 
schlafen; mSgas Schlaf; megälius (N auch megalasf) Vielschläfer. — 
Cti. pr maigun a. s. Schlaf; maigünas Schlaf bank. 

i. su^si-milstü milaü milti sich erbarmen. — t. myliii myleti 
lieben; mylm lieb. — e. melas lieb. — e^L meile Liebe, meilm 
liebreich. 

i» misztü miszaü miszti sich mischen, durch einander gerathen; 
su-miszai durch einander; pry-miszis Sz Beimischung {przymieszame] ; 



47] Dbr Ablaut der Wlrzblsilbbn im Litauischen. 279 

miszinis Mischling, Gemengsei; miszriü JSv 67 durch einander, 
gq-miszriüi dss. ; le tnistra Mischmasch ^ le misSl mischen, irre 
machen. — wL maiszalas Gemengsei; maiszlas Aufruhr; maiszla NSz 
dss. ^ maiszaü maisz^i caus. mischen. 

i. minlü mitaü misti sich nSIhren; mitas Lebensunterhalt, vgl. 
tenp^mii^s durchgewinterles Thier; milul'^s dss. -- le fnilinäl unterhal- 
ten, Aufenthalt geben {misi le wohnen). — di. maistas Nahrung - 
pr po-maitäi nähren; mailinü caus. nähren. 

/. le at-mitu (= ^mintu) milu misl losthauen, sich erwärmen. — 
€• le at-milät erweichen. 

i. mizia mite cunnus; mizius penis. — t» prÖt. mijzau mijzli^ 
le mifchu mifu mlft harnen; myzalai Urin; \e mlßis penis bestiarum; 
myzeklis penis; le mlfenes Ameisenart. — €• le mefnu eine Präs.-F. 
(zu miß); le m^fnät iter. — tti, su^8i-mäii<>ti iter. JSv 73. — B p. 41 
weist die Schreibungen minzqs (part. präs. a.) und minzalai nach; K 
schreibt ebenfalls mizii und so in allen Fallen, wo Schi, y; die letti- 
schen Formen mit l können sämmtlich in enthalten. Das Präsens 
lautet meiu (so Schi.), das wäre dann m^tu (K. m^'iu); le mef- kann 
ebenfalls = menf- sein. Wenn demnach von einer Wurzelform mingh! 
auszugehen ist, so kann das Präsens ursprünglich auch nur tn, nicht 
en haben ; das Präsens meniu zu minzau u. s. w. muss eine Anlehnung 
an das Yerhältniss renkü rinkaü sein. — Ganz davon zu trennen ist 
wohl meziu me'ziau mezli misten, mezlai Mist (K. schreibt e, vgl. 
aber le mefchu möfu msß^ mßsls), 

i. le mifu prät. (zu meß) Bi L 344; ?le mifa Rinde, fmifni ab- 
rinden; le mißnät caus. zu meß. — e. mefu [meßu) meßi m^ß 
stumpf werden (von den Zähnen). 

i. le nißu nidu niß hassen - le iter. nidst. — €li. le e-naids 
Hass. 

i» ninkü nikaü nikti auffahren {ap-nikti anfallen), le ap-nikt Über- 
drüssig werden (die eigentliche Bedeutung der W. [vgl. slav. niknqii] 
»sich wohin heben oder senken«) ; le nikns heftig, böse {suns Hund, 
der Menschen anfällt). — i. nykstü nykaü n^kti verschwinden, ver- 
gehen; le m/fu/is Kränkelnder; nyksztp Daumen ~ le n/ztm/< caus. (zu 
nikt), — ei^ [di'f), pr neikaut wandeln. — dl. le naiks^ adv. naiki 
schnell, heftig; aukszl^naika adv. rücklings ; aukszUJ-naikla KLI) dss. ~ 
naikaü naikpi caus. (zu n^kli) ; naikinli dss. 

Abliandl. d. k. S. OeselUch. d. Wisoenacb. XXI. 20 



SSO August Leseien, [^B 

i. n^ru {kaip szunelis^ sc. pilUas v^rs) J 330. 1; 157. 1 etwa 
»glupen«. — di* nairomis (sc. ziureli) N schielen; nairiu naireti N 
schielen; wairow-s nairt/li-s glupen, z. B. WP 82, 126. 

i. nu-niz^s prt. prät. a. eines ungebräuchl. niliü nhaü nizti 
krätzig werden, pa-nizlü anfangen zu jucken; nur-nizelis Krätziger; 
nizius dss. — €. neia (nfö/) nezeti, le nef nefa tieft jucken; le n^f 
neßl iter. jucken; n^zai Krätze, le nefs; le n^ßs dss.; le nSsls dss. — 
di» le naifs; le naifa Krätze. 

i. pa-pijusi kärve »eine Kuh, welche beim Melken die Milch 
nicht mehr zurückhält« (eig. »angeschwollen, strotzend«) pt. prät. a.; 
"fpitas paülas rundes Ei NBd. — %• p^dau p^dyti »eine Kuh zum 
Milchen reizen« (eig. caus. »strotzen machen«). — €. pSnas Milch; 
fp'Sva Wiese. 

i» piklas böse ; pr piktUs Teufel. — f. pykslü pykaü p^kii böse, 
zornig werden; päpykis papykjs Zorn ^ pykeli böse sein J 667. 6; 
pjkinli caus. böse machen; p^ktereli dem. (zu p^kli), — ei. peikiü 
peikiaü peikli fluchen; papeika Sz Tadel. — dt. paikas dumm (nach 
Fick II. 606) '-' pr popaikä 3. sg. prs., pr popaikemai 1. pl. prs. be- 
trügen. 

i« ?le pUl sich leicht ausschlauben ULD; ?le pidis Stäubchen. — 
€• p€8lä Stampfe; peslas Sz (unter wiereimak), dss., le pesls; pesta, 
peslomis, pMü {szökti) gebäumt (springen). — di. paisa Haufen 
Gerste zum Abpuchen MLG I. 230 ; le paise Flachsbreche ; le paisekUs 
Holz zum Flachsschlagen (zu paisit) ~ paisaü paisfjti Gerste abpueheln ; 
le paisU Flachsbrechen; le paistit einstampfen. 

e. pisza N Russ; pSszas N Russfleck. — di» paiszas Russfleck, 
pl. Russ «^ paiszinti berussen. 

6« pliekszoti WP 19 wanken, schwanken. — di» plaikszoli G 
flattern. 

l» pl^nas eben, baumlos {pl. laükas freies Feld) ; plpie Ebene. — 
ei. pleine Ebene. 

t. le ridlt; le rldinät hetzen. — e. le rel bellen, beissen. — 
ei. le reiju präs. (zu rel). — ej. le reju prät. (zu rel). — dt. le rai- 
du hetzen. 

t. le sü-riba Verdruss. — e. le rebju rebu rebl verdiiessen ; • 
le reba Verdriesslichkeit, Ekel; rebus fett (eig. ekel, widerlich). — 
di. le sü-raibs Verdruss; le raiba Ekel. 



4^1 Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 281 

i» le prät. ridu riß ordnen Bi bei ULD ordnen; le ridi m. pl.; 
le ridas f. pl. Geratb, Kram. — €• le redu prös. (zu riß). — 
ui. ?le raids bereit, fertig. 

i. le riks; le rtTra {ap-rik% ap-tika) Brodschnitle. — €• r^iü 
rekiaü rSkli schneiden (Brod) ; al^r^ai N Abschnittsei ; rehe Brod- 
schnitte; le al-räifie (s. u. airaikne). — Cli* apijraika Abschnitt Sz 
(unter oftratt^e/c) ; ?le al-raiknis, le alraikTie VVittwer, Wittwe (wenn 
so richtig und nicht alraiinis) -- raikaü rnikijli iter. (zu ri^i). 

%• fr^kas Geräth, Werkzeug, Geschirr. — e^L reikia reiketi 
{reikii) es ist nöthig; reikalas Bedürfniss; reikmene dss. 

i. le ristu {rlstu = ^rimlu) risu rist sich anfügen Bi I. 374, 
lit. liszü riszaü riszli binden (le rimi risu risl)^ pr «en-rf.s*te verbunden; 
riszlis NSz (r?) Verbindlichkeit; risziiivas N Band - riszineli dem. iter. 
binden. — i. ryszp Band; ryszulp Bündel. — €• Bi I. 344 als dial. 
Präsensf. le reschu (zu rist binden) angeführt (vielleicht zu reschu retti 
resi gehörig, doch vgl. das folg.). — ei. pr per-reist verbinden. — 
a/im rdiszas lahm (nach Fick II. 644), dazu räiszlu räiszau räiszli lahm 
werden (scheinbar primttr), räisziu räiszeli lahmen; raiszias N Kopf- 
binde, gewöhnl. raiszUs ^ raiszaü raiszpi; raisztaü raiszUjli; räiszczoli 
Iterativa (zu riszli). 

i. riszki-s riszkite-s »wisse dich, w. euch« (im nördlichen Litauen 
gebräuchlich für das sonst gebrauchte zinöU-s; ich habe nur i ge- 
hört, K schreibt y), bei N auch te-si-riszla^ ebenso te-si-riszla-s (= te- 
si-zin) MLG I. 70. — ßi» reiszkiu r^zkiau reikszli offenbaren. — 
a/i. raiszkus N offenbar - raiszkau raiszkyli N iter. (zu reiszkiu) ; bei 
Sz (s. V. skarga) ap-raiszau raiszyli anklagen, auch bei Bd (ob 
hierher ?) . 

i. ritü ritaü risti rollen trans.; ritinis Rolle; ristiivas Walze; 
rilus N rollbar -* riie'li rollen lassen J 667. 6, auch intr. , le rilel 
rollen inlr. ; rititUi rollen trans. , le rilinfU iter. ; rilineli dem. iter. 
trans. — €. riczii reczaü rMi rollen, wickeln (J 488. 8; 584. 5 u. o. 
aufbrechen, von Blumen), le reschu relu resi abfalÜBn, sich abtrennen; 
r&u rele'li rollen intr., le re/w, retei hervorbrechen, aufgehen (le re- 
Ißju relH caus. rollen machen) ; älnritas Aufschlag am Ärmel, N auch 
alrrela-^ reshjs N Krauskopf (Substantivirung des pt. pass. reslas ge- 
wunden) ; restüvas, le restava Webebaura. — CiL älr-raiias Aufschlag 
am Ärmel, N auch atraila alraite, Sz alaraile limbus; 'iraisle NBd 

80» 



S8S AcGusT Lbskien, [80 

Kreis, ? vgl. triöba^ j raista bvdavöU KLD in geschlossenem Quarrt 
bauen ~ railaü raitpi; raiczöti iter. (zu risti). 

1. «yd BrUckenbalken. — 6. te-pa-sije (Ji — den Orden — ant 
sava krutini) WW II. 76 anbinden, ist wohl e zu lesen, ij ver- 
tritt bei W bisweilen e; le senu sei binden ; le selava Tuch ums Bein 
(statt Strumpfes). — ei. älseilig »das vom Schwengel an die Achse 
gehende Eisen« BF 97. — ej. le seju prät. (zu set). — ai. at-sajä 
GSz Stränge des Pferdes, »das eiserne Ding, mit welchem der skets 
an der Achse des Wagens befestigt wird«; äl^saile »Yerbindungs- 
stange zwischen Bracke und Achse« BF 97; le saiklis Garbenband 
von Stroh; le pa-sainis Schnur, aif-sainis Bündel; saitas Strick BF 
167, saitai Sz vincula; le saiie Band; le saiwa Weberschiff, Netz- 
nadel '^ le saütil iter. (zu sei). 

t. sijöti sieben; ät-sijos Abgesiebtes. — €• slSlas Sieb. 

e. sekiu sekiau sSkti langen (mit der Hand), schwören; le seks 
eine Art Getreidemass ; sSksnis m. Klafter. — €i. seikiü seiketi messen 
(mit Hohlmass); seiküs Sz (unter miemy) massvoll. — Cli^ saikas 
Hohlmass -^ saikaü saihjli N iter. (zu seiketi); saikinU schwören 
lassen; saikszczoti KLD [ ] iter. öfter langen. 

*. le schklhs schief. — C le schkebju schk'ebu schKeht schief 
neigen, kippen. 

%. le schkidrs dünnflüssig. — 'L le schktsiu schk'ldu schkisl zer- 
gehen, iit. skystu skydau skysü N dünn werden, pask^sU sich zer- 
streuen : ganyklos ap-ski^dusios MLG I. 72 zerstreute Heerden [pa-skida 
WP 33 u. sonst, ap-skisü G ist mit y zu lesen); skjsias dünnflüssig, 
le schk'ists klar, rein, davon schkistit reinigen ~ le schk'idindt caus. 
(zu schk'lst), — 6. skSdzu skedzau skSsti verdünnen, trennen, scheiden; 
le schkHu schkedBl in Theile zergehen ; skeda Sz (unter trzaska) Span ; 
skSdmenys pl. Scheidung, skSmenys pl. Webergänge; skedrä Span; 
le schk'esna »die feinen Fäden, in die der Flachs sich vertheileo 
lässt«. — ai. le skaida Span, al-skaida G Abtheilung; skaidülios 
KLD [ ] Fasern (von Flachs u. a.); skaiduUs N Faser; skaidrus N hell, 
le skaidrs; skaistas und skaistüs hell, le skaists schmuck -- skaidyii 
trennen iter. BF 168, le skaidü verdünnen. 

t» le prät. schk'itu schk'ist meinen, impers. scheinen. — €• le prtts. 
schk'elu (zu schkisi). — di. le skaits Zahl; skailüus^ le skaiüs skaiüis 
Zahl «^ skaitaü shaitjjti zählen, lesen. 



21] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 283 

i. skliatü sklindaü sklisti auseinanderfliessen , ap-sklindfs über- 
schwemmt BF 171, sklidu (3. sg. prät.) kraujuzi'lis J 1094. 8, wie 
von einem Präs. "^sklindu^ die Präsensform wird die Veranlassung zu 
dem durchgehenden Nasal geworden sein; le sklida Schleife; skli- 
dinas voll bis zum Überfli^ssen -- le sklidei gleiten ; skliduriuU schwim- 
men, fliessen J 972. 5. — l. skbjdm glatt BF 171. — ei. skleidzU 
sklddiaü skleisli ausbreiten (bei N daneben sklaidzu sklaidzau sklaisli; . 

— Cli, le sklaids glatt; uzr-sklaida N Riegel, davon wohl uz^sklaisti 
(scheinbar primitiv) präs. sklaidiu N ein Denom.; \e stUaidis Herum- 
treiber; sklaidus N zerstreut, nü-sldaidüs N abschüssig «^ sklaidaü sklai" 
dpi iter. (zu skleisti) ; sklaidzoü iter. zu dems. LB 335. — Vgl. pr 
schklaits schlails (1. sklails) sondern, sklailint scheiden. — Berührt 
sich mit slid-^ wie mit sklindr-^ skland-. 

i» skrijos der von Bast gefertigte Rand oder die Einfassung 
eines Siebes. — i. le skrldelöt umherlaufen ; le skrtdinül laufen lassen. 

— €• skrejü skrejati skrSli im Bogen fliegen, auch trans. im Kreise 
bewegen, zirkeln, le präs. skrenu skr€t laufen, fliegen; le skresch 
(gen. iskreja) hitzig (z. B. ßrgs); le skremes Abgänge, Abgenutztes; 
le skremelis; le skrefneiis runde Scheibe; le skretns flügge «^ le skredinät 
laufen lassen. — ei. le skreiju Präsensf. (zu skrei) ; le skrejsch (gen. 
skreija) hitzig. — ej, le skräju prät. (zu skret), vgl. le skräjöjs Läufer, 
le skr^jens Lauf, le skräjums Lauf. — €li» le skr aj seh (gen. skraija 
undicht (vom Walde); le skraids Herumtreiber; szü skraidzüju spar- 
neliu BF 171 (der nom. ist skmidiis flüchtig, nicht skraidzas, wie 
dort angegeben) <^ skrajöü J 28. 4, 1018. 4; skraidaü skraid^ti; 
skraidzöti; skraidineii iter. (zu skret); le skraidelst iter. dem. viel 
herumlaufen; le skraidinäi caus. laufen lassen. — Die Formen mit d 
sind von den zu skrid- (s. d.) gehörigen nicht sicher zu scheiden. 

i. skrindü J 138. 5, Sz (unter laiam) skridaü skrisli fliegen, 
kreisen ; skridule' Gerbeisen ; skridinp {kelio) Kniescheibe ; skridine N 
dss. — %• skr^dauti im Kreise gehen J 276. 3; skrydavöli LB 343 ; skry- 
dine'ti kreisen (von Vögeln) ebend. — €• skredzu skredzau skr'i^ti fliegen 
NBd; skredzoti Sz fliegen (unter latänie): — Cli» skraidaü skraidpi N 
im Kreise herumtreiben. — Betreffs der Form mit d s. auch skri--. 

i. äp-skritas rund Sz (unter okrqgly)^ J 1214. 1 {siralelis = Kpy- 
rjiaH CHpoTa vater- und mutterlose Waise) ; ap-skritüs rund ; skrihd^s 
Kreis, Kniescheibe, le skriUdis Rad. — %• skr^tis f. Radfelge. — 



284 August Leskien, [22 

e. skreczü skreczaü skresii N drehen; skreslüvas Zirkel. — d. ?»fcm- 
sle Mantel, Talar, ? ap-si-skreistü skreistaü skreuii N den Mantel um- 
nehmen. — Vgl. skri" und skfidr-, 

i. le slidas f. pl. SchHttschuhe, schräges Gerüst zum Hinauf- 
ziehen; slidm rutschig, glatt, le slids glatt, schräge; le slidu sUdel 
gleiten; le slidens glatt, rutschig -- le slidinäl caus. gleiten machen. — 
l. slptu sl^dau sljsti gleiten ; le slidu slidät {-= slidet) - slydineli iter. 

— €• fdednas N (= sl'ednast) massig geneigt, nicht steil; le siede 
Geleise (nach Brückner, Fremdwörter, = slav. sled^). — di. le slaids 
abschlLssig. 

%. le smidil^ le smidinät lachen machen ; le smlkät dem. lächeln. 

— e. le smel lachen; le smekls Gelächter - le smedinäi lachen 
machen. — ei* le präs. stneiju (zu smel). — ej» le prät. sm^u 
(zu smet); smäj^js Spötter. — di. le smaida Lächeln - le smaidtl 
iter. (zu smel). 

i. pa-smingü smigaü smigti BF 173 auf einer Spitze hängen 
bleiben. — ßi. smeigiü smeigiaü smeigli etwas einstecken, fesLstecken. 

— ai, smaigas Pfahl, Stange (zum Anbinden von Pflanzen); smaig'' 
slis^ smaigsle N dss. ~ smaigslaü smaigstpi iter. (zu smeigli) ; smaigaü 
smaigijti dss. — Vgl. smegti, 

i. smilus MLG L 391 naschhaft; smilius Näscher, Zeigefinger.'^ 
smilauli; smilineli iter. naschen; pa-smilinli G verlocken (lecker 
machen). — Clim smailüs spitz, naschhaft, smailas N dss., smaüdtUi 
iter. naschen, smailinti spitzen. — Vgl. übrigens smcdslumai, smal- 
slamijfiai KDL Leckerbissen. 

€• le snedfu snedfu snegl reichen. — CiL le snaigs schlank. ^ 
le snaigslU iter. (zu snegl). 

%• sninga snigo snigti schneien, le präs. snigst (die Präsensformen 
mit n, st urspr. inchoativ). — €• snSga präs. (zu snigti) \ snlSgas 
Schnee. — Cii. snaigala Schneeflocke; snaigüle dss. -- snaigo snaig^ti 
iter. (zu sntga). 

i. spiginti heftig frieren. — eL speigas starke Kälte MLG 1. 67. 

i. le spldßnät quälen bis zum Kreischen (= caus. kreischen 
machen); le splgslöt pfeifen. — €• le spedfu spedfu spegl pfeifen 
(vgl. indess lit. spengia gällt in die Ohren, da le e =i en sein kann). 

€. le spefchu spedu speft drücken; le spede Mangel (Bedrängniss). 
• — (li. le spaids Druck, Presse -^ le spaidlt (itei*. zu speft). 



23] Deb Ablaut dbb Wiibzelsilben im Litauischen. 285 

i* spinlit sjntmi spisti inch. ausschwärmen (von Bienen) ap-spiniii 
JSv umringen; "! spiinä Dorn der Schnalle; ^ spituhjs Stern auf 
der Stirn eines Thieres. — €• speczü speczaü spesli schwärmen; 
le speis Bienenschwarm; spitis dss. B; sptcziis dss. — ei. speiczü 
speiczaü speisti umringen. 

i. stingii sligaü stigti inch. (eigentl. eben anlangen) an einem 
Orte ruhig werden, verweilen, le prät. stigu stigl einsinken (doch 
vgl. strigi) ; le stiga Pfad. — f. st^gau shjgoU dur. verharren. — 
€. le slegu präs. (zu sligt^ doch s. u. slrigi). — d. le steidfurs 
steidfä-s sleigte-s eilen, sleigii-s JSv 5 u. ö. sich bemühen, beeilen, 
i-steigti W(ofl) stiften, erbauen, errichten (fact. zu stigti); steig adv. 
J 341. 49 eilends; sieigomis i. pl. adv. B (wenn nicht ai zu lesen, 
vgl. slaigä) eilends ~ le steidßnäl beschleunigen. — ui» staigä adv. 
plötzlich; le staigulis unstät ümherwandernder; le staigns mo- 
rastig, le staignis Morast (doch vgl. unter strig-) -» staigau-s staigyti-s N 
iter. eilen; le staigät wandeln; le staigalät dem. hin u. her gehen; 
bei Mielcke auch ein primäres staigiü-s staigii-s eilen (ist wohl ei 
zu lesen). 

i. stimpii stipaü stipti steif werden; su-stipelis steif Gewordener 
(vor Kälte); slipinis »Stollen, Stutze an einer Schleife zum Auflegen 
oder Stützen des Obergestellscs stipintjs^ stipinas N Radspeiche; slipriis 
kräftig - slipinti steif machen. — l. ven-stijpis was nur einen Spross, 
Zweig hat KLD. — €. stepiü slepiaü stSpti recken [pa-si-sttpfs ge- 
reckt), le stepju stepu st^l strecken (= steif machen). — Cli» stai- 
paü siaipijti^ le staipll iter. (zu sil^ti)^ le staipeklis Recken der Glieder. 

i. slringu strigau sirigti BF 178, KDL hängen bleiben, le prät. 
slrigu strigi einsinken (in Morast; vgl. «%-) ; fstriktä Faser. — 
e. stregu stregti BF 178 [e dort = e) anstecken, le str^gu präs. (zu 
slrigt); strSgalas BF 177 {e = c) Köder. — ai. le straignis Morast. 
— Bei KLD ein stregiu stregti erstarren. 

i. stripinis stripinijs Wurfknittel, Leitersprosse. — %• slrypiü 
strypiaü stnjpti heftig treten, trampeln, trippeln. — e. strSpsfiis m. 
Leitersprosse. — di. pasträipomis i. pl. f. stufenweise; straipsnis m, 
Leitersprosse -- le straipalät dem. taumeln. 

e. svedzu svedzau svSsti schleudern, z. B. WP 156, svedzu imj 
weidu schlage ins Gesicht Sz (unter bij§ kogo)^ le swefchu swedu swef't 
werfen. — di. le nü-swaidlgs; le nu-swaidens abschüssig ~ svaidau 



286 August Leskien, [24 

svaidyti iler. (zu sv'isti)^ z. B. WP 42. 47, le swaidii; ie swaidelet 
iler. dem. 

1. Ie swiftu swidu swifl schwitzen -- le swld^l caus. schwitzen 
machen. — e. le swedri m. pl. Schweiss - Ie swedinäl schweissen. — 
ei* le sweidet (wohl nur dial. für s%vld€i). 

i. svidü svideti glänzen; svidüs NM glänzend ~ mdinti caus. 
glänzend machen. — t. le gaisma swlde der Tag brach an (nach 
ULD 5u;f/2u «i£;t£(u swift). — €• 1 sv'esias Butter. — O/l» Ie swaidU 
salben. 

ei* szeitna Gesinde, z. B. J 210. 3, 924. 17, szeimpia dss. — 
ai* le saime dss., saimneks Wirth. 

t. szyplä Spötter; le schipnis dss., schipnul hohnlachen -- szy- 
pauli N Zähne zeigen, verhöhnen ; szypsaü szypsöti grinsen ; sz^ptereli 
dem. — e* szepiu'8 szepiaü-s szSpti-s Gesicht verziehen, Zähne 
zeigen. — Cli* szaipaip-s szaipißi-s iter. (zu szepti), 

i* szlijps pt. prt. a. sich geneigt habend, schief, 3. sg. prät. 
pa-8zlije (zu szlifti) WP 164; szliiis f. Garbenhocke, szlite N dss., 
szlite B Leiter, vgl. ?le slila »ein aus liegenden Hölzern gemachler 
Zaun« ; szlivis schief beinig. — i. pa-szlpi KDL (präs. szlyju) straucheln ; 
?le skliJBch (gen. sklijä) abschüssig. — e. szlejü sziejaü szleti anlehnen, 
le präs. slenu sleL — ei. le präs. sleiju (zu siel) ; le sleijs^ sleija 
Strich, Streifen; ?le skleijens abschüssig; at-szleimas Yorhof LB 373 
(s. u. ai)] szleivis schief beinig LB 140. — ej» le prät. slßju (zu slet). 
— di* szläjes Schlitten; al-szlaimas Sz [podworze)^ KLD Bd Vorhof; 
le dains purws einschüssig (worin man einsinkt) ; al-szlainis Erker M, 
»in Samogitien ein geringer Anbau an ein Gebäude« KLO; szlaitas Ab- 
hang; szlaUis m. dss.; szlajüs KLD [] schräg, DL von Pferden, die beim 
Ziehen seitwärts gehen oder springen •« szlaistaü szlaist^li iter. (zu szlSli). 

i, szmizu szmizau szmizti N verkümmern, sur-szmizfs verkümmert, 
klein; szmizimjs B {fchmifzinjs) Geschmeiss, Ungeziefer, — *• "Hzmyhr 
8ztu szmykszau szmykszU N (dss. was smizli). — 6« 1 szmezineti N 
[e nach KLD) umherkriechen ; ? szmekszaü szmekszöü »in unbestimmten 
Umrissen dastehen, etwa von einer geisterhaften Erscheinung im 
Halbdunkel« KLD (doch vgl. szm^kszla egle M die Tanne ragt hoch 
empor). — fszmaizm N kalt, rauh (vom Winde, = verkümmernd?, 
wenn überhaupt das Wort richtig; dieselbe Bedeutung hat szaizüs). 

i. szvintü szvilaü szvisti hell werden, aufleuchten; szvilü szviteti 



25] Dbr Ablaut dbr Wurzelsilbsn im Litalischbn. 287 

hell sein; pa-szvitai Schmucksachen; szvit'Varis Messing, Flitter; 
proszviczeis hjja regnet mit Sonnenblicken «^ sxvÜrineti MLG I. 70 
schimmern. — f. szvytuti J 624. 2, szvytru'li blinken, auch trans. 
blinken lassen (schwingen) J 518. 5; sztnjsiereü dem. aufblinken. — 
€• szveczü szveczaü szvJSsti leuchten; szvesä (= ^szvet-sa) Licht, szvesüs 
hell. — ei. szveiczü szveiczaü szveisti putzen; paszveitalai Putz. — 
(li. szvaisä Glanz, Helle, szvaisüs hell; paszvaisre Nachdämmerung; 
ap-szvaita Sz Reinheit; ap-szvaista KLD [ ] Reinheit «^ szvaitaü szvai- 
t^ti hell machen KLD , schwingen Sz (vgl. szvytuti) ; szvaitinti hell 
machen; szvaistaü szvaistpi iter. {zn szv^ti; nach N auch zu szveisti), 

i. tinkü tikaü tikti intr. passen, taugen, le ttk (== tinka) lika 
tikl belieben ; tikiü tike'ti ({ kq) vertrauen, glauben ; le partiks, partika 
das zum Lebensunterhalt Nöthige {partikt auskommen) ; pre-tikis f. NSz 
Zufall; le tikk tauglich, vgl. lit. pri-likltts geziemend, passend MLG 
I. 391; ne-tikäis Taugenichts; tikslas Belieben WP 64; tikras recht; 
sU'tiktif Sz Zusammentreffen (unter potkanie) ; tiklai tikl nur (gerade) «^ 
tikau likyti NSz zielen; tikinti NSz gerathen lassen. — f. pa-si-t^k^s 
pt. prt. a. JSv 8 sich versehen mit, pat'jkti i 1095. 3 versehen 
(mit Sterbesacrament), vgl. ginklu pri-si-tijkusis pl. pt. prt. a. WP 75. 
— €• le präs. i^u in der Bedeutung »geschehen« {nüt^u nü-tikt) ; 
gei'ai nu-si-tlSkfs KLD gut gelaunt (s. nu-si-teik^s dss.). — eL teikiü 
teikiaü teikti fügen; pa-teikä Mttssiggang, por-teiküs müssig; le teizu 
teizu leikl sagen (vgl. slav. praviti »sagen«, eig. »recht machen«); 
le teika, le teiksma Erzählung (vgl. jedoch teigiu teigiau tügti KLD [], 
WP 274, MLG I. 61 [als memelisch] erzählen). — ai. i-taikas was 
zu Gefallen geschieht; pa-taikä Müsse; sdn-taike Eintracht JSv 18; 
,taiküs gut eingepasst -- taikaü taikpi iter. zusammenpassen; täikinti 
zusammenfügen. 

i. isZ'tisas gestreckt. — €• tesiü tesiaü tSsli grade richten, 
strecken, ap-tSsti bedecken, z. B. J 384. 15; pra-tesas N Mastbaum; 
tesä Wahrheit; stdl-tese Tischtuch; tesüs gerade (vgl. tSs adv. gegen- 
über; tesiög^ lesiom geradeaus) '-> isz-teseti J 746. 5 sich bessern? — 
ei» teisiü teisiaü teisti abmachen, abfertigen NSz; al-teisa NSz Ent- 
scheidung; teisüs recht, gerecht. — di. pa-laisä Zubereitung; ap- 
taisalas Sz Vorhang (vgl. apiMi) ; le iaisns gerecht «^ taisaü tais^li 
herrichten, bereiten; taisineti iter. dem. dazu. 

i» tride Durchfall, tridzus wer oft D. hat. — i. pra-tr^stu Irydau 



288 August Leskien, [26 

InjsU inf. Durchfall bekommen; iryda Durchfall J 374. 5. — €• trSdzu 
trSdiau tr'Mi Durchfall haben; /r^'da N Durchfall; trMalas dUDoes Ex- 
crement, tredälim der viel Durchfall hat. — Ott. traidinti Durchfall 
erregen. 

i. triszku triszkeli spritzen N (vielleicht y zu lesen, N hat bei dieser 
W. überhaupt nur i; auch Irikszti B »quellen« wird y zu lesen sein). 

— %. Injksztu Irpzkau irtjkszii spritzen intr.; trykszle Spritze KDL. — 
ۥ Ireszkiti IrSszkiau tr'ikszti quetschen, pressen; treszke NSz Presse; 
Irekszius NSz gepresst; lr€ksztüve Presse. — Cli. alüs träiszkm starkes 
Bier KLD [ ] (welches herausspritzt) - Iräiszkau träiszkyii iter. (zu 
IrlSkszti) ; träiszkinli dss. 

€• le Irepju trepu Irept beschmieren. — d'L le Iraipil iter., 
iraipeklis Fleck. 

i. prät. vijaü (zu vijli) ; le ivija ein von Strauch geflochtener 
Zaun, pl. wijas Ranken; pa-vijijs N Strecke Wegs; vijünas convolvulus 
arv. — %. inf. vijti winden; nachjagen, le präs. tvlju {wiju^ wH ; 
le wijas pl. Ranken (richtiger wohl wijas); \e wile Saum; kaklä-vynys, 
kaklä-vyne KLD [ ] Halsband ; vylis f. Gerte, le wlle Ranke ; le wilüls 
Weide; le wilens Flechtwerk; vylörcs KDL Ackerwinde (convolv. arv.); 
vyltwai Garnwinde ; le wists Bündel - vyniöti iter. (zu vpi) ; vi/slau 
vyslyli wickeln (ein Kind, vgl. le wists) \ vyluruU JSv 9 iter. (zu 
vtjli). — €• vejü präs. (zu vpi); velä Drath (vgl. veliöli wickeln LB 
347); dazu lälvejai (= kärtas Mal; e schreibt KLD) eig. >* Wieder- 
kehr«. — €li» vajöli iter. (zu vpi) ; vainikas Kranz. 

€• le webjü'S webü-s webte-s Gesicht vejziehen. — (li* le wai- 
bile-s iter. 

i. pr widdai er sah; pa-vidalas Erscheinung, Gestalt; pamdtdis 
Ebenbild. — i. isz-vplu vijdau vf/sli gewahrwerden; pa-vfjdziu pavy- 
de'li beneiden; pa-vijdas Neid, pa-vydiis neidisch, pa-^vydüklis^eAiXev; 
vyzdijs Pupille, pa-vyzdp^ pchvyzdis Muster; pr aki-tvysti öffentlich (l?). 

— e. le wedu we% le wedetf sehen; pa-vedm ähnlich WP 49, 83. 
u. s. — ei. veizdzu veizde'ii sehen; veidas Antlitz, ap-veidf$s schön 
(von Gesicht) ; äp-veizdas i 325. 5 Vorsehung, üz-veizdas Aufseher, 
i'Veizdus NBd ansehnlich; veizdala N Brille. — O/i. vaidas N Er- 
scheinung; vaizdai KLD [ ] Braulschau; apfj-vaizda Vorsehung, ap- 
vaizdus Sz vorsichtig; vaiskm Sz durchsichtig (unter nieprzejrzysty) . — 



27] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 289 

Dazu pr waisl wissen 1. pl. waidimai^ pr waisnan a. sg. Kenntniss, 
pr pawaisennis Gewissen; pr pc^waiditU unterweisen. 

i« vikrüs munter, rührig; Ine-viku NQu überaus, überdiemassen. 

— %. 'Vykstü, -vykaü^ -v^kti sich wohin begeben, anlangen, eintreffen 
{i-p^kti)^ le wikstu wiku wikt gedeihen; v^kis ni. N Leben, Lebendig- 
keit. — €• v^ä Kraft. — e^L veikiü veikiaü veikli etwas machen, 
anfangen, le weizu weizu weikl ausrichten {nu-w, = lit. nu^-veikli be- 
zwingen), weikte-s gedeihen, gelingen; veikc^s NSz geschwind; le weikls 
munter, frisch, gut gerathen; vetkalas Geschäft; pa-veikslas Beispiel; 
le weikme Gedeihen; le weikne dss. ; veiküs flink, willig, veikei veik 
bald. «^ le weizinäl gelingen machen. — di. fvaikaü vaikpi Schi, 
scheuchen, nach KLD in Samog. umherjagen, sthvaihjti N nachjagen, 
haschen; '?vaikas Knabe; 'iväikszczoti; f vaikszlineti iter. umhergehen, 
wandeln. 

i» i^isti sich vermehren WW L 112 {j-vkusi daugfjbe) , j-viso 
3. sg. prt. WP 75, so mit i auch BF 199, KLD [ ] schreibt vystii 
(vgl. vinstu G) visaü visli; vislüs N fruchtbar. — €• le weschü-s 
ivesle-s sich mehren, gedeihen. — €i» veisiü veisiaü veisli fortpflanzen ; 
veisle Brut, veislüs N fruchtbar. — €li, vaisä Sz (unter plodnos(^ 
Fruchtbarkeit, davon denom. (trotz primärer Form) pa-vaislü vaisaü 
vaüti N empfangen, vaisus fruchtbar Sz (unter phdny)\ le waisla Brut; 
vai^us Frucht «^ vaisau vaistjli fortpflanzen, fruchtbar machen it. (zu 
veisti)y z. B. Neues Test. (Berlin, Trowitzsch 1866) Matth. 1. 2 pav. 
erzeugen; vaisinti dss. 

i» ven-viszijs^ adv. ven-viszei »einsam, ohne Anhang, unbeweibt 
etc. lebend« KLD [ ]. — f . f wjfszes oder ant vijszu eil zu Gast gehen 
MLG L 71. — €• le weschu w^m wesl ULD einladen?; vesziü veszeti 
zu Gast sein; v^ziu kelias^ gewöhnt. vSsz-kelis Landstrasse {gosciniec 
poln.), le wesis Gast; vesznü Gastin. — Cli. vaisza JSv 20 Be- 
wirthung; vaisze G Gastmahl '^ vaiszinli als Gast aufnehmen, be- 
wirthen. 

t. vptu v^lau wjsli welken ^ le wUSt welken lassen; vijlinü dss. 

— €• le weist welken lassen. — dt. pih^aitinli welken machen, 
z. B. J 348. 7, 613. 13. 

i. le wlfchül wollen. — €• uz-si-^Sziu vcziau vSili sich über- 
winden zu etwas, vermögen. — Zweifelh. Zusammenst. 

i. le ftbu (== ^ßrnbu; neben pbu) ßbu ßbt flimmern; iibü ii- 



290 August Lbskien, l^^ 

bell glänzen, schimmern, le ßbüt blitzen; pa-zibai Flitterwerk JSv 
14, vgl. zibiäe^ iibüczei pl. Flitter im Haarband; le fibins fibenis ßbsnis 
Blitz; zibunjs Lichtspan, vgl. ziburind N flackern «^ zibirUi leuchten, 
anzünden (Licht), z. B. J 435. 4; le ßbinäl leuchten lassen, blitzen. 

— t. zfjbtereti dem. leuchten MLG L 76 (bei KDL unter »durch- 
blinken« zSbtef^eü und zibtereli), — €. zebiü zebiaü zä)ti leuchten 
lassen, anzünden; zebas B Blitz. — di. zaibas Blitz. 

i* pra-iptu ixjdau zijsti aufblühen; zijdu {itjdiu) zydeti blühen. — 
€• zediu zediau zSsti NSz formen, bilden ; le fedu [fefchu] fedH blühen ; 
iSdas Blüthe, Ring. — ei. pr zeidis (Vocab. seydis)^ d. i. zeidas^ Wand 
(slav. zid^ zu zidati). 

et* ieidiü ieidiaü zeisti verwunden; paieida Sz (unter obraza) 
Beleidigung, Wunde, IG 120. — ttt. zaizdä Wunde, {-zaizdus N 
schädlich. 

f. zyme Merkmal, Zeichen; pa-ztjrmjs Merkmal. — di. zaimyti-s 
sich verstellen, entstellen MLG L 76; zaimöti-s albern ebend. 

i. zvingü {zvigu) zvigaü zvigii aufquieken «^ zvigdaü zvigdyli caus. 

— i. zvygiü zvygiaü zvtjgti KLD [ ] quieken. — e» zvegiü zvegiaü 
zvSgti quieken. 

Als Anhang zu der obigen Sammlung folgen hier die primären 
Verba, die keine Ableitungen mit Ablaut neben sich haben oder nur 
den Wechsel von i und l aufweisen (Beispiele für die Kürze sind 
daher nicht weiter noth wendig, für die Länge sind sie gegeben); 
ferner die primären mit e, ei, ai ohne Ablaut. Zum Theil Tassen die 
verwandten Sprachen das i als der hier behandelten Reihe angehörig 
erkennen; wo es nicht der Fall ist, beruht die Hereinziehung der 
betreffenden Verba auf der Beobachtung, dass i vor einfacher Con- 
sonanz (mit Ausnahme von r, /, m, n) fast immer dieser Reihe, i vor 
mehrfacher Consonanz oder vor r, /, m, n fast immer der Reihe i, e 
u. s. w. (s. d.) zuzuschreiben ist. Onomatopoeia wie dpü^ cz^pti^ 
pypti^ kvifkti u. s. w. sind nicht aufgenommen. 

i t. 

bligstu blizgau bligsü aufleuchten; blizgü blizge'ti iMmmevn; blizgai 
und blizgei Flitter; blizgis dss. — blyzguü flimmern (vgl. Fick IL 623, 
ausser mit slav. blhs{k)n({ti blish mit germ. W.). 



29] Der Ablaut dbr Wurzelsilben im Litauischen. 291 

dhu diiü G prügeln, nu-dize 3. sg. prt. (teij) j% nudize jogiei 
kaulai buva matomis) WP 56; MLG 1. 224 steht diezli^ nurdiezii in 
ders. Bedeutung. — Vielleicht ist die Bedeutung ursprünglich »ein- 
tränken« (daher: prügeln; vgl. pilti giessen in der Bedeutung »prü- 
geln«), dann könnte hierher däias Tunke gehören. 

driztu drizau drizti matt, schlaff werden; drizinti matt machen 
MLG L 65. 

HW^ 9V^^ gyii erlangen. 

su-kidfs pt. prt. a. zerlumpt, zersaust, KLD nach Muthmassung 
kindü kidaü kisU. 

klinkü klikaü klikti aufschreien; klykiü klykiaü kl^kli schreien; 
klyka N Schrei; kbjksmas Geschrei -- klij/kauli iter. schreien. 

le knltu (== knintu) kniiu knist keimen (G hat ein kninti in f. 
Zweige bekommen, sprossen, wohl missverständlich nach einem Präs. 
knintu) . 

al'lfzti^ 3. sg. prt. liio WP 114, G die Lust verlieren, sich ab- 
wenden. 

pinffü pigaü pigti wohlfeil werden, vielleicht denom. zu pigns 
wohlfeil. 

le plijü-8 plijü-8 plile-s sich aufdrängen. 

ryjü rijaü r^ti schlucken; le iter. rJstU. 

rinkü rikaü rikti beim Sprechen anstossen, sich versprechen, 
sich verzählen; rikus Sz fallax {omylny), 

isz^si-r^kszti sich fädeln, sich in Fäden auflösen, 3. sg. pr. r^k- 
8zla KDL (unter »fädeln«). 

{riiü-s) rizaU'S rizti-s gesonnen sein, sich unterfangen WP 12, 
83, vgl. bei G ryzoti-s ant ko etwas vorhaben, unternehmen (Quan- 
tität zweifelhaft; wenn l zu lesen, könnte dies = in sein und das 
Wort mit renz-^ recken, zu verbinden sein). 

le slkstu 81ZU 8ikl rauschen, zischen (von kochendem Wasser). 

s^sti prät. 8y8aü ein Kind abhalten; systaü syst^H dss. 

le 8ÜU situ sist schlagen. 

8kfd{ä) 3. sg. präs. ertönt MLG 72. 

slygslu slygau slygti schlummern N, wohl inch. zu verstehen. 

spikiu spikU ermahnen N. 

sziku szikaü szikti cacare. 

szimpü Hzipaü szipti stumpf werden. 



292 ArciST Leskien, [30 

.szlildi pilil. szlikaü orralhcn BF 185, WP 215. 
tiilh tizau ir'zü schlüpfrig werden; iizus schlüpfrig. 
/'/.sv/zV vis(ji''!i schlottern — 7. vjisjjdli schwanken, 
le wizinal schwankem: le vikstu uilU geschn^eidig werden, sich 
l)ieg(Mi; le inline Hanke; le wthsl.s g(\schmeidig. 
I(^ 7/'//// irifrl 11 in iniern. 
zuifsit) zjipdif ziiptl \ sich (Miiolen nach einer Krankheit. 






le hirfchu kurf'u knrfl dichl anfkeiinen. 

mrzii süss(Mi init Honig (^Ic. MLG I. 220, l)ci \ prs. mezu^ prt. 
wrzaif. 

prsziu prszian j^rsti schreiben .1 209. 1, G29. 2, 637. 5 mrs 
nrfialini apipvsztl ni iszjutsdlioli ; jau karifzi uzprsze i kmrivrlius p'fii\ 
(is: prsziu (jronioicir , sla\. phsali \\. s. w. 

skrczif skrrzau .sk'rsli ausl)r(M*len z. B. von Bihunen, die Aste). 

ei. 

krikiu knkiau krikti fluchen. 

krriszkiii kmszkiau kreikszli duichwühlen MLG I. 227. 
pleikiif pleikiau plvikil Fische ausnehmen, »am Bauche» aufspalten 
und dann hreillegen«: vgl. G pripleikti hinzufügen. 
\(\ reibst reiha reibt impers. schwindeln. 
skeirzif skeiczaii skeisti Schi. Leseh. andern. 
szleikiit szleikiaii szleikti W(4zen. 

ai. 

(jaisztif (laiszaü gaiszti v(^rsLiumen, verschwinden, zu Grunde gehen. 

knipstu kaipau kaipti abzehren, kiiinkeln; vgl. le k'eipstu k'eipu 
k'eipt das Lel)ert kaum durchl)ringen ULI), dort auch ein Ixaipi sich 
stützen, sich anhalten; vü;I. Forlunalov in Bezz. Beitr. IIL 56. 

kaistii kaitdü kaisti Iumss werden; kaiezu kaiczan kaisti heiss 
machen; vgl. kaitn) Glut, pra-kaitits Schweiss, le kaisis erhitzt u. a. 

kaiszti glatten BF 119, reiben, schaben G; kaisziu kniszti MLG 
i. iii) Irc^iben, rennen. 

kluirii klaireti KL!) wackeln, lose sein. 



3^1 Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 293 

saiczu {saitu) saiczau saisli N Zeichen deuten ; saitas N Zeichen- 
deuterei. 

svaigstü svaigaü svaigli Schwindel bekommen; svaigulffs Schwin- 
del; svaikle N dss. - ap-svaiginli bctiluben. 

le ivaidu waidu waift sich wo aufhalten, befmden. 

iäidzu zdidzau zäisti spielen; zäislas Spiel. 

znainü znaireli schielen, viell. denom. zu znairüs schielend (auch 
sznaireli,, sznairas^ sztiairus geschrieben). 

zvairiü ivaireli schielen, viell. denom. zu zvairüs schielend. 



II. u u ü au ov. 

1€. prät. bliuvaü (zu bliüti); bluvimas Auf brüllen. — li. prüs. 
bliüvü bliüti aufbrüllen inch.; bliüvü m. Gebrüll «^ bliüvaiUi iter. (zu 
bliäuti), — dti» präs. bliäuju bliäuti brüllen; le btauka Schreihals; 
le bl'aure Schreihals - le bfaustU iter. (zu bl'aul). — OV* prät. blio- 
viau (zu bliäiUi)^ le bl'äwu; blovimas n. act. ; blovikas nom. ag. (zu 
bliäiUi); le bl'äwa Schreihals; le bl'äwejs dss. 

dti» briäuju'8 briäuti-s sich andrängen, act. zwangen; le brauls 
ULD geil; briauna stumpfe Kante (peilio br. Messerrücken), le brauna 
abgestreifter Schlangenbalg u. a. — OV. bridviau-s prät. (zu briäuli); 
bravimas n. act. 

U. brukü brukaü brukti einzwängen; le brüku (== brwnku) bruku 
bi-ukl abbröckeln, vgl. pcrvas nubrünka memel. MLG I. 67 die Farbe 
geht ab; le bruzeklis Sensenstreichholz <^ le bruzinät abreiben, Sense 
streichen. — t#. brükis m. Strich; le brüze Strieme, Schramme; brür- 
Uis m. Knittel; briikszmis m.; brüksznis m. Strich und brüksznis 
f. i-st. dss. — du. braukin braukiaü braükli wischen, streichen, 
le fahren; i-braukai Füll wände; nu-braukos (Abschabsei) Flachs- 
abgänge; braukis Sz ictus [dos); le brauklis hölzernes Messer zum 
Flachsreinigen; le braukts dss.; bravkiüvas^ bn^avkluve Streich Werk- 
zeug (beim Flachs) -- braukaü brauk^li iter. (zu braükli), le brauzH 
streichen; le braukät iter. fahren. 

U. bubäfUi dumpf dröhnen (vom Donner); bübyii; bübinti dröh- 
nend schlagen; le bubinäl wiehern. — fl. bfiblp N Rohrdommel 
(ö KLD) - bübauli dumpf brüllen; bübüti i 290. 1 dss. — dU. haubiü 



294 August Lbskibn, [32 

baubiaü baübti brlilleD; haubhjs Rohrdommel «^ baübtereii dem. iter. 
(zu baübti), 

U. bundü budau büsti erwachen, le präs. büstu = %un8tu; 
bundü budeii wachen; budrus wachsam -- le budil caus. wecken; 
büdinii wecken; le budinät dss. — Ä. büdtjne KLD Nachtwache. — 
CtU. baudzü baudzaü bamti züchtigen; bauda Strafe KLD [ ], DL 
Scheltwort; le bauslis (= *baud-slja-) Gebot (zur Bedeutung vgl. got. 
biudan) ; baustne' KLD [ ] Strafe ; baüdzava Frohndienst «^ pa-si-baip- 
dyti B sich erheben, aufbrechen, vgl. pa-si-^audeti NBd sich gegen- 
seitig aufmuntern, sich zusammenrotten; m^si-baudu^ pt. prt. a. G 
»sich in irgend einer Sache verabreden« (wenn für batuizusi^ zu bau- 
dyii, sonst zu baüsli); ?le baudlt versuchen, prüfen, kosten, heim- 
suchen Bi I. 249; pr et-batuiints auferweckt. 

Ü. bügstu bügau bügti intr. erschrecken; bügsztus N scheu. — 
CtUm baugiis furchtsam ; baugsztüs scheu -- bauginti caus. erschrecken ; 
baugsztaü baugsztpi scheu machen. 

!€• biurstü (?) biuraü biürli hässlich, garstig werden. — Ü. biüru'J 
präs. (zu biürti); pr bürai scheu. — dU, biauriis hässlich - biauriu-s 
biauretis Abscheu haben; biaürirUi besudeln. 

tl* su-czüstu czüdau czüsti in Niesen ausbrechen. — dU. czäu- 
diu czäudiau czäusli [czäudeti) niesen; czäud-iole KLD Niesswurz; 
czauduliis Niesen. 

U. czüpli {üz kq) greifen nach MLG L 369; ap^-czupa adv. i. sg. 
tastend, vgl. apy-czupo N loc. sg. dss.; czupnus greifbar MLG L 391; 
czupinomis i. pl. Sz palpando -- czupine'li iter. betasten; czüptereti (bei 
Schi, czüpteriti) dem. schnell greifen. — il. czu'piu czupiau czupU 
betasten, fassen (li KDL, o KLD; czü'pti J 417. 16 u. s.). — WU. fczdu- 
piu czdupiau czdupti {bürnq) eng schliessen (den Mund) ; ? czaupaü-s 
czaupT^U-8 iter. zum vor. 

U* czuzenli schleifen (beim Gehen); czuzinüli dem. iter.; czu- 
iiuii BF 105 schlürfend gehen; czuz^ne Rutschbahn. — !%• czütiü 
czüiiaü czffiti rutschen auf dem Eise; K auch o). 

tl» ? le dnidet in der Bed. »zittern«. — l7. ? le drüksts (mit ein- 
geschobenend &?) Verwarnung ULD. — ttU» draudzü draudzaü draüsti 
drohen; le draudi m. pl. Drohungen, nudraudus N tadelnswerth ; 
le drausma Drohung, draustne Zucht, drausmüs N strafbar -- le draudH 
drohen, vgl. le draudeklis Drohmittel. 



33] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 295 

U (ß?). sur-drugii prät. drugo B sich gesellen. — dU. draügas 
Genosse. — ? Dazu le drugt ULD sich mindern, zusammensinken 
(= sich zusammenziehen?). 

U» le drüpu {= ^drumpu) drupu drupl bröckeln intr.; le drupi 
m. pl.; le drupas f. pl. Trümmer; le drupeklis Werkzeug zum Bröckeln; 
le drupene Brocken; le drupata Brocken - le drupinäl Irans, zerbröckeln. 

— (tu* le draupit caus. bröckeln. (Litauisch hat das gleichbedeu- 
tende Wort anlautend t: irupü trupe'H intr. zerfallen; trupinei Brocken; 
trupulys Brocken; Irupüs bröcklig - trüpinti trans. bröckeln.) 

1€. le prät. fchuwu (zu fchüt). — Ü» dzüstu dzüvau dzüti dorren, 
trocken werden; dzüvä KLDBd Dürre; su-dzüvelis dürrer Mensch; dzüslä 
der Verdorrende KLD [ ] ; dzüma N Schwindsucht ; diiütis f. Sz dss. 
(unter sucholy choroba). — dU» dzäuju dzäuti trans. trocknen; 
le fchatUrs Trockenstange - le fchawßl (so mit a Bi L 410) trans. 
trocknen; le fchatidäl trocknen trans.; diausipi J 260. 7 u. s., BF 110. 
iter. (zu diäuli). — OV. prät. dzöviau (zu diäuti)^ le fchäwu; dzövir- 
mas nom. act. ; dzovd Darre, Dürre -^ le fchäwH [ä ULD) trans. trock- 
nen, räuchern; dzovinii trans. trocknen. 

U, dumbü (le dubu) dubaü dübti hohl werden, einsinken; le dubli 
m. pl. Koth, Morast; dubüs hohl; dubunjs N Loch im Boden (KLD [ ] 
schreibt dübur^s^ daneben dumburifs) ^ dübinti hohl machen. — 
"Um dubiu dubiau dübti aushöhlen; le dvbs hohl, tief; dube^ le dübe 
Höhle; le dübuls^ le dubule Vertiefung; ?le dümis Höhlung, Abgrund ~ 
le dübel aushöhlen. — HU. daubä Schlucht; daubur^s dss., N auch 
daubura. 

U» dzungü dzugaü dzügti froh werden; dzugidis Sz (unter weso- 
lek) Spassmacher; dzugus Sz garrulus {rzekoUiwy) - dzüginti erfreuen. 

— i€» dzügstü Schi (Präsensf. zu dzügti). — dU. dzaugiu-s diau- 
giaü'8 dzaügtins sich freuen; dzaügsmas Freude. 

U» dukstis B reichlich amplus - duksinti B vermehren. — 
Uti. daüg adv. viel (subst.); daügis m. Vielheit '^ (iati^n^i vermehren; 
däuksinti dss. 

U. le düku (= ^dunku) duku dukt matt werden; le duzu duzH 
it. brausen -- le duzinäl caus. brausen machen. — Ü. dükstü dükaü 
dükti toll werden; le düzu {dükstu) dükt brausen, tosen; dükä M 
Rasender; dükis m. Raserei, pädükis m. Tollwuth; pa^dükelis Ver- 
rückter '^ dükinti rasend machen; dükineti iter. dem. umherrasen. — 

Abhandl. d. K. S. OefieUsch. d. Wissensch. XXI. 24 



296 August Lbskien, [34 

OM. tai eil i padaukm das geht entzwei, zu Ende; padaukles N dss. 
was padaukai. 

U» dmlü dusaü düsti aufkeuchen, le dusu dum dust; dimü du- 
sHii (s. a. ü) hüsteln KLD []; düsas, al-dmas J 551. 7 Seufzer; 
le dusa Ruhe, Schlummer; dmulp Engbrüstigkeit, le dusulis Husten; 
le dmmas f. pl. Zorn - le du^et (keuchen) ruhen, rasten; le dusinäl 
ruhen lassen; düsinii dampfig machen. — Ü. düsiü düseli keuchen; 
ätdüsis m. Seufzer - düsauti seufzen. — CHIb daüsos Luft, z. B. J 127. 
9; dausinti N Luft machen. — Vgl. dvesiü dvesli. 

U, le dufu {düfu = ^dunfu ULD) dufu dufl entzweigehen ; duzis 
m. N Bruch (ö?) ; le dufma ULD Verwirrung; perduzimas NSz Knochen- 
bruch («?).— Ü. duzis m. u. f. Bruch (KLD m, DL o). — atl. dau- 
Hü dauiiaü daüzii heftig stossen; pa-dauzä NSz Vagabund, vgl. ]e pa- 
daufs^ padaufe Lärmmacher, Herumtreiber, und karvele padauzfdele 
i 387. 1 , padauzu NSz Vagabund -- dauiaü dauzpi iter. (zu daüzti). 

U. gludus MLG L 388 sich dicht anschmiegend ; le gluds^ le glu- 
dens glatt; gltulzöms oder gludzeis begti mit angezogenen Ohren laufen 
(vom Pferde; KLD das erstere mit ö, das zweite ohne Quantitöts- 
bezeichnung) •« le gludinät glätten; glüstereli dem. leicht anlehnen 
KLD. — Ü. glüst änt pei'es lehnt sich auf die Schulter »in Samog.« 
KLD ; glüdau glüdoti angeschmiegt liegen. • — CtU. glaudzü glaudzaü 
glaüsli anschmiegen ; le glaudi m. pl. ; le glaudas f. pl. Liebkosungen, 
vgl. glaudas NBdQu Kurzweil, le glauda Glätte; pri-sir-glaüste MLD L 65 
Zufluchtsort; glaudüs anschmiegend '^ glaudpi-s BF 113 schmeicheln 
(iter. sich anschmiegen); le glaudit; le glaudät glätten, glaudoti B 
heucheln; pri-si-glaüslyti iter. MLG L 66 sich anschmiegen, Zuflucht 
suchen, le glaustU streicheln iter. 

tlm le glumslu glumu gluml schleimig, glatt werden; le glums 
schleimig, glatt, lit. glümas hornlos (vom Vieh). — dti. gliaümas 
»schleimiger Abgang vom Schleifstein«, gliaumüs NBd »glüpfrig« (vom 
Essen) ; le glauma eine Schlangenart, le glaumas f. pl. Trespen im Lein. 

Ü. gniüzte' Faustvoll, Faust; gniüiulas G (ö?) dss. — Cl/U, gniäu- 
ziu gniäuziau gniduzli Hand zusammenschliessen, damit drücken, N 
hat ein mäno szirdis gniäuzi mein Herz ist beklommen ; gniauzte Faust - 
gniäuziau gniäuzyti iter. (zu gniäuzti). 

U. griuvaü prät. (zu griüti) ; gruvimas nom. act. ; griuvüs N bau- 
fällig (wahrsch. ö, so KLD, wenn nicht aus Sz und prt. präs. = 



•^•^1 Der Ablaut deb Wurzelsilben im Litauischen. 297 

griüvqs), — Ü, prrSIs. griüvü (le gfüstu^ lit. bei Sz griüstu) griüti ein- 
stürzen intr.; le gfüwa eingefallene Erde (auch gfuwal), — dU. griäuju 
griäuli umstürzen, donnern; le gtawa (ä?) Schlucht. — OV» prät. 
gröviau^ le gMwu (zu griäuli) ; griövitnas nom. act. ; griovä Schlucht. 

fl. man szirdis pa-grüdo 3. sg. prt. mir wurde das Herz weich 
KDL s. V. »weich«; grüdzu grüdau grüsli stampfen, (Eisen) härten, 
nach N auch »ermahnen, warnen«; grudas Korn; le grüdenes GvRupen 
u. a. ; le grüslis Sonnenstäubchen; grüsiüvas Stampfe - grüdau grü- 
dyli; grüdinli (Eisen) härten. — CtU» le graufchu graudu graufl pol- 
tern, donnern LLD; graudens Gewitterschlag, vgl. graudulis Sz Donner 
(unter ogrotn)^ ebenda grausmas dss., davon grausmus {ogromny^ srogi) 
Sz; le grauds Korn; le gramchVi pl. (zu grauslis) Schutt; grausme N 
Warnung; grausvingas SzP 6 schrecklich, drohend (parallel mit- 6ai- 
8us); graudüs spröde, brüchig, rührend, wehmüthig - le graufdH 
(Eisen) härten; pr en-graudlman a. sg. nom. act. Erbarmen; gratuiinli 
härten, spröde machen, in der Bibel »ermahnen« (wofür gewöhnlich 
graudenti)^ su-gramiinti betrübt machen J 615. 3, IG 107. 

!€• gruzdü gruzdeli schwelen; gruzdis M Aschenbrödel ^ gruz^ 
denti schwelen. — dll. gräuzdu grauzdeti N dss., bei KLD auch 
griauzdü, 

U* gruzineii iter. dem. nagen. — dtl» gräuziu gräuziau gräuzti 
nagen. ? Dazu sur-gruzinti SzP 9, 20 vernichten ; le grufchi pl. (von 
grufis) Schutt, Graus; gruzötas N uneben, holperig; gräuzas Kies; 
le graufchl'i m. pl. (von grauflis) Graus, Schutt. 

tC. le guwu prät. (zu gül); guvüs gewandt, gescheit JSv 73; 
? lit. guinü gujaü güiti nachjagen (so Schi; guijü guijaü K). — 
Ü. le präs. güstu günu güju {güjuf s. Bi I. 355), inf. gut haschen, 
fangen -^ le güstU iter. — CtU. gäunu gavaü gäuli erlangen, bekom- 
men [ap-gäuti betrügen); 1 gaujä Haufe, Rudel; ap-gaule JSv 76 
Betrug, üz-gaulis m. M Beute, pagaulus adj. Sz {pochopiy); gauklas 
NSz Erwerb - gäudau gäudyli iter. (zu gäuli) fangen; ap-si-gäu^ 
dinti J 613. 6 sich betrügen lassen; ap-gaudineti betrügen IG 122. 
— ÜV. le gäwu prät. (zu gaut), — ?Dazu le gausa Genügen, Ge- 
deihen, gausiis reichlich ~ le gausil reichlich machen; pa-gaüsinU 
JSv 18 vermehren; le gau>sinäl Gedeihen geben. 

tl» le gubstu gubu gubt sich krümmen, sich beugen; le guba 
Heuhaufen, zusammengestellter Haufen von Garben, lit. gtd)a G Schober, 



298 August Leskien, [36 

le gtibät Heu in Haufen legen, lit. guboli G Getreide aufhäufen. — 
€IU, su-gaubti G »Getreide einführen, einsammeln«, im lern, soll es 
bedeuten: von oben her ganz zudecken, vgl. uz-si-gaübtm verhüllt 
J 305. 1, galveles uzgaubstytos i 220. 2 (iter. dazu), svöcza gaublüviu 
JSv 47. — Die gewöhnliche Form des Wortes für »einhüllen« ist 
göbiu göbiau göbti. 

Ü* güduriuli klagen, jammern MLG I. 359. — 'Ä. gudzu gudzau 
gusii beklagen, -s klagen, sich beklagen. — dtl, gaudzü gaudzaü 
gaüsti jammern, heulen, summen, klingen (Glocken G), le gaufchu 
gaudu gauft klagen ; le gauda Klage, Geheul, gaudüs N, le gausch = 
^gaufchs = ^gatidjas (Vertretung von gaudüs) klüglich ; gatulone Pferde- 
bremse «^ le gaudät iter. (zu gauft). 

U. guliü guliaü gülti sich legen; guliü guleti liegen; pre-gulä 
Beischläferin; prS-guls Beischläfer; le gul'a Lager; sugulda Sz {sklad- 
nosc concinnitas), üzgulda Sz Grundlage; le gnlla Bett, lit. gulla Lager 
Sz (unter loznica) '-» guldaü gtdd^li legen. — Ä. le gul'a Lager, Nest; 
gulis m. Lagerstätte. — Bei Sz gvalis Lager eines Thieres (s. v. 
lozysko) . 

Ü* gusis m. Ruck, Mal, güseis i. pl. hin und wieder, manchmal. 
— €111» ? le gama Genügen, Gedeihen, le gausigs verschlagsam, vgl. 
?le gauss^ adv. gausi langsam (= anhaltend?); gausüs reichHch. — 
Die Worte von gausä an s. auch unter gur-. 

Ü. le jütis pl. Scheideweg, Gelenkstellen, wo zwei Knochen 
sich berühren Bi (nach Fick H. 639). — dU. jäuju jäut aquidam 
fervidam super infundere N aus Schnitzen, le jduju jäut Teig machen, 
einrühren; le jaws apjaws ULD Mengsei von Viehfutter; javai Ge- 
treide (nach Fick IL 639). — OV. prät. jöviau (zu jäuli)^ le jäwu; 
le jäwums nom. act. Mischung; edalu jove'ja nom. ag. f. JSv 6; j6- 
valas Schweinefutter. 

U» jundü judaü jüsti anfangen sich zu regen ; judü judeli sich 
regen; pa-juda BF 149 Anregung; jüdra N Wirbelwind; judüs NSz 
zanksüchtig - jüdinti rütteln ; juduti sich bewegen (vom Meere) J 725. 
12. — du» le jatda Kraft, Vermögen - le jaudät vermögen ; sur-jau- 
dinti i 855. 8; jaudrinti N in Bewegung setzen. — Bei IG 114 
ne-si'juodindams sich nicht regend. 

U, su'jükli sich vermischen, su-jükud pägada Mischwetter MLD 
I. 71, BF 119, le jüku {= junku) juku jukt verwirrt werden; \e jtAu 



37] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 299 

Verwirrung, Mischmasch ; le juzeklis was Verwirrung stiftet -*» le juzinäl 
Verwirrung stiften. — dtl. le jauzu jauzu jauht mengen, mischen, 
lit. jatdUi mischen (so ist G's jaugti zu lesen). 

tl» jünkstu jünkau jünkli gewohnt werden ~ le juzinäl gewöhnen. 
— tttl» lejauks lieblich, anmuthig; javküs zahm *« \q jauz^t gewöh- 
nen; jaukinti gewöhnen (Thiere, zähmen). 

U. juntü jtäaü jüsti durchs Gefühl gewahr werden; jutüs Sz 
(unter czuyny) empfindlich ; jutrüs empfindlich. — CIM. jauczü jauczaü 
jaüsti fühlen, le jauschu jautu jaust nach Bi fühlen lassen; pa-jaulä 
Sz Gefühl (sensus), prejauta BF 158 Gewissen; le jausma Gerücht, 
Ahnung; le jauirs munter; jaulrus WP 128, MLG I. 388 wachsam; 
jauiüs empfindsam ^ le jaulät fragen. 

tl. prUt. kliuvaü (zu kliüti) ; kliuvimas nom. act. — Ü. präs. 
kliüvu (le kVüsiu) kliüti hängen bleiben; le kl'üms; le kl'üma Hinderniss; 
kliütis f. u. kliüte N Hinderniss -- kliüdaü kliüdpi caus. (zu kliüti)^ 
le ktüdit iter. (zu klüi) ; kliüdinti caus. ; le ktüsllte-s iter. hängen blei- 
ben. — ÖW€. le Maujur-s klaule-s sich anlehnen, lit. pa-si-klauju, 
--kläuti vertrauen auf; kliaudä Fehler, Gebrechen, vgl. kliaudiu kliau- 
dzau tdiausti N hindern, aufhalten; kliautis f. G Vertrauen; kliaute Sz 
(unter wada) Hinderniss, Gebrechen - kliaudau kliaudyti N iter. hin- 
dern; le kfaustile-s hängen bleiben. — OV. prät. ktöviau^ le Mäwu 
(zu kliäuti). 

U. le Uu^is hölzerner Nagel, Krücke u. a. — (lU. le klau^is 
u. a. Holzklotz, grosses Stück, Grossmaul, Raisonneur ~ le klaudßt 
anklopfen, klappern, raisonniren; le klaudfinät anklopfen; lit. klaugeti 
G schwatzen. 

Um klumpii klupaü klüpti stolpern, in die Knie fallen ; par-klupis 
N Anstoss; klupüs leicht stolpernd *« klupdaü klupdyli caus. stolpern 
machen; klupitUi dss.; le klupinät caus. und iter. (zu klupt); klupi- 
neu iter. dem. (zu klüpti), — fl. le klüpu adv. strauchelnd; klüpo- 
mis adv. i. pl. f. kniend - kltipau klüpoli knien. — dU. klaupiu-s 
klaupiaü-s klaüpti-s fact. refl. knien. 

U. pa-klustü klusaü klüsti gehorchen ; le kluss still ; pr po-klusmai 
nom. pl. gehorsam; klusm MLG I. 226 scharfes Gehör habend, pa- 
klu8U8 Sz gehorsam (u. posluszny) ; paklusnüs gehorsam. — UU. klau- 
siu kläusiau kläusti fragen; le klauschi n. pl. (zu klausis = ^klausjas) 
»der Gehorch« ULD; klausä Sz Gehorsam (unter nieposluszenstwo) -- 



300 Ai'GL'ST Leseien, [38 

klausaü klausijti hören; klausine ti iter. fragen; le klausinäl iter. 
forschen. 

U» le krtiva Haufe, lit. kruvä; le kruts steil. — li. kriivä Haufe, 
so K; le krüle Hümpel auf Wiesen; paknite N Uferrand (ö KLD). 
— Ctli» kräuju kräuli (le kfaul) häufen, laden; le kfawa Haufe, 
le krawäl zusammenraflfen ; le kraujs m., krauja f. Haufe; le kravlis Ab- 
sturz, steiles Ufer, Bergwand; le kfaume grosse Menge; le krauna 
ULD Schwärm; le kraula Ufer (ULD hat auch kraujs ^ gen. krauja 
steil, kraujums Steilheit, doch vgl. kraujsch^ steiles Ufer, u. lit. kriäu- 
8ZU8 kräaszus steiler Abhang, s. kruszr) ^ kraustau kräustyli iter. (zu 
kräuli); krauslineli iter. dem. (zu deras.) J 312. 8, JSv 80. — 
OV. prät. kröviau^ le kräwu (zu kräuli) ; krövimas nom. act. ; krovikas 
nom. ag. ; le ktäwejs nom. ag. ; krovä Haufen. 

U. krüvinas blutig, krüvinti blutig machen. — CtU. kraüjas Blut. 

U» krükis m. Schi. Leseb. Rüssel; kruke N Gegrunze, Schweine- 
rüssel. — t€. kriükiu kriükiau krifikü grunzen J 349. 1 . — (tU. kraun 
kiü kraukiaü kraükli krächzen ; le krauka Husten des Viehes ; le kraukls 
Rabe; lit. kraukl^s N Krähe; le kraukschis Knorpel; kraukszle Uneben- 
heit, Frosthölsterlein auf Strassen etc., die beim Fahren krachen. — 
Zusammenst. z. Th. zweifelhaft. 

U» krupiu-s krupiaur-s krupti-s N erschrecken (eigentl. sich zu- 
sammenziehen, zusammenfahren), nu-krüp^.s BF 129 schorfig, le kHkpu 
{= *kfumpu) krupu kfupt verschrumpfen (bei ULD unerweichtes r); 
le krups Kröte, Zwerg; krupus Sz furchtsam {bojäzliwy) - le krupet 
zusammenschrumpfen. — U. le krüpis Zwerg; krüplereti dem. plötz- 
lich zusammenfahren; krüpszczoti iter. — ClUm kraupiü kraupiaü 
kratipli aufschrecken trans., sur-si-kraüpti zusammenschauern; le kfaupa 
Grind, Warze; le kraupes Runzeln; le kraupis Ausschlag, Kröte; kraur 
püs schreckhaft, man kraüpu es graust mir - le kraupBl trocken wer- 
den (vom Ausschlag); kraupsipi-s iter. N sich ängstigen. 

tl* kruszü kruszaü krüszli [kriüszU K) stampfen, zerstossen; 
kruszä Hagel, bei N auch Eisscholle. — Um pa-kriüszis m. KLD 
steiler Abhang. — dU. kraüszius^ pakraüszius Abhang {kriaüszius K), 
bei Sz {skafa wysokä) krauszas >-* le krausei stampfen; kriauszyli iter. 
(zu krüszli) MLG I. 85. 

tl. kügis m. grosser Hammer, grosser Heuhaufen (vgl. u. kauge) ; 
küjis Hammer. — CtU. käuju käuti schlagen, schmieden, z. B. J 790. 



39] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 301 

17, kämpfen, le kauju kawu hiut^ zum le prät. kawu vgl. gelzinius 
pänczm änl koju kävu J 1162. 3; le kawa Schicht, Haufe, le e-kawa 
Klammer; le kaudfe Schober, lit. kauge G Heuhaufen, vgl. kaugunjs 
u. kaugure »ein mit Sandgras bewachsener kleiner steiler Hügel« KLD; 
le kauslis Raufbold; kavine G Mörser «^ kdustau kämtyli iter. be- 
schlagen (Pferde), le kamlU verkeilen, beschlagen; pakäusdinti J 534. 1 
beschlagen lassen. — OV. prdt. köviau (le käwul Bi I. 363, so 
wechselnd auch käwejs kaw^js Schläger, käwens kawens Schlägerei) ; 
le kätvi n. pl. m. Nordlicht (nach dem Volksglauben kämpfende Män- 
ner); kovä Kampf, kovöti kämpfen. 

!€• kuviü-s kuveti-s {u oder üf) sich schämen, sich scheuen Sz 
(unter wslyd und wstydliwy) ; ? le kütrs träge. — UU, le kauns Scham - 
? le kawöl aufhalten, zögern. 

U. sU'kukiu kukiau kukü aufheulen N ; kutde N Geheul (zweifelh. 
ob u oder ü) . — CtU. kaukiü kaukiaü kaükti heulen ; le kauka 
Sturmwind, le kaukui heulen (vom Winde) ; le kauza Geheul; kaiiksmas 
Geheul '^ le kauzinäl zum Heulen bringen. 

!€• kükis m. Misthaken (nach Fick U. 538 zu dieser Gruppe) ; 
kukiiijis Mehlkloss; le kukurs Buckel; kukarna N Frosthölsterein auf 
Wiesen. — Ü, le kükums Höcker, Buckel, vgl. le kük'is u. a. Zwerg, 
le kükscha vor Alter Gebückte. — dU. kaükas Beule, Geschwür; 
kaükos KDL Drüsen; Ikäukole Schädel; kaukarä Hügel. 

U» le küpu (= ^kumpu) kupu kupl sich ballen, gerinnen ; kupiu 
kupiau kupii KLD [] auf einen Haufen legen, aufräumen, ordnen; 
le kupls dicht ; kuplus dss. MLG I. 389 ; le kupenis Schneehaufen ; 
küpinas gehäuft (beim Masse); le kuprs Höcker; lit. kuprä dss.; ku- 
petd Heuhaufen; küpstas Erdhöcker '^ küpyju küpyti KLD häufen 
(ein Mass) ; küpinti KLD [ ] häufen (beim Masse) ; le kupinät gerinnen 
machen. — U. knprinti; küprine'ti KLD mit gekrümmtem Rücken 
gehen. — '&• kupiu kupiau kupti häufeln (Getreide), reinigen, fegen, 
lett. kupl zusammenbringen, reinigen; le kups Haufe; le kupa dss., 
lit. apküpa Sz (KLD [ ] mit o) Reinheit, apkupus (ibid. o) reinlich. — 
(tu* kaupiü kaupiaü kaüpti häufeln; kaüpas Haufe; uzkaupa N Über- 
gewicht, Draufgabe ^ kauputi häufen (Mass; zu kaüpas). 

U. kiürstu kiuraü kiitrü löcherig werden, prakiür^s durchlöchert; 
pra-kiUTÜs {prakiuri zeme) locker -^ kiiirinti durchlöchern. — 
au. kiäuras durchlöchert «^ kiäurinti durchlöchern. 



302 August Leskien, [40 

U. le küstu (= ^humtu) kusu kust schmelzen intr., thauen, comp, 
ermüden, lit. iüjaus mkmzo ü skruzdys visas mestas WP 44 (kam in 
Bewegung, fing an sich zu regen wie Ameisen) ; kuszü kuszeii sich 
regen; le ai-kusa Thauwetter; le kush klein, zart, vgl. kuszlüs KLD 
schwächlich, kümmerlich (von Pflanzen); le kusiunis »lebendige Wesen«, 
auch »Ungeziefer« ~ küszinti rühren, in Bewegung bringen; kmzineti 
iter. dem. dss. ; le kusinät müde machen; \e kustei rühren, bewegen; 
le kuslinäl dss. — Ü. le küsuls Sprudel <^ le küsäl küset küstU 
wallen, überwallen, uf-küsäl aufthauen. — dU. le at-kausa Thau- 
wetter ~ le kaus^t trans. schmelzen, ermüden; pr enr-katmnt an- 
rühren. 

U. kiutis f. N ein Loch, das sich die Schweine im Schlamme 
wühlen, darin zu liegen (w ?) ; ? le kütrs faul (s. oben u. kuviu-s) - 
kiütau kiütoli »mit angeschmiegtem Kopf still daliegen«; nti-kiülina 
ätgal i karld^nm MLG I. 364 (dort übersetzt »ging zurück ins Ge- 
büsch«). — au. kiaustü kiaulaü kiaüsli verkümmern (im Wachsthum), 
ap-kiaüt§s verkümmert, auch von einem trägen, ungehorsamen Jungen; 
ajh-kiaülelis ein Verkümmerter, Träger. 

au. liäuju liäuti aufhören, pr au-laut sterben; pa^iatiba Sz 
(unter mtawanie) Aufhören; lavönas Leiche. — OV. prät. liöviau 
(zu liduli)^ le täwu; liövimas nom. act. Aufhören; pa-liovä dss. 

Ü. liüstü liüdaü liüsti traurig werden; liüdzü liüdi'ti traurig 
sein; liüdnas traurig. — all. pr lauslineüi 2. pl. imp. demttthigen 
(wäre lit. inf. Hiaustinli) ; pr lauslingins a. pl. demüthig (Ableitung von 
einem St. ^liamta- Betrübniss). 

l€. lükiu lüketi ein wenig warten, vgl. pr kaitnorluke suchte 
heim (?/?); le nu-lüks Ziel, Absicht; palüke N Warten; palukanm 
Zinsen (Wartegeld); lükestis f. Harren - lükteliu dem. LB 338 zau- 
dern; le lükut schauen, nach etwas ausschauen; lükurti, lükurioU 
dem. harren. — au. läukiu läukiau läukli warten; pr lauklt suchen. 

U. lupü (le lüpu = Humpu) lupaü lüpti abhäuten, schälen, le 
auch berauben; nä-/uj9a N Abgeschältes, Abfall, bei Sz (unter lupina) 
steht nuoluopa (= tmlupa)'^; lupinai u. lupinos N Obstschalen; lupmis 
f. und lupsznis f. geschälte Tannenrinde -- lüpinti schälen; le lupinai 
dss. iter.; lupineti iter. dem. — au. le lai$pU iter. (zu lupt)^ lit. 
laupyli G rauben. 

Ü. lüztu lüzau lülti intr, zerbrechen; lüiüli intr. brechen J 1217. 



^^] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 303 

5; lüm m. Bruch; le lüfchrii (pl. von lüfnis) Bruchstelle im Walde; 
lüitits N zerbrechlich, aus Sz (unter hmisty), scheint = lüztqs prt. 
präs. zu luztu *« lüitereti dem. ein wenig einknicken. — Cltl» läuziu 
läuziau läuzti trans. brechen; läuzas Ast; le laufa Bruchstelle im 
Walde, nü-lauza Bruchstück; lauzis m. Bruch (z. B. Steinbruch); 
le laufchni (pl. zu laufnis) Bruchstelle im Walde; lauztüvas Brech- 
instrument, Flachsbreche; lauzüs Sz zerbrechlich ~ läuzau läuiyti iter. 
(zu läuzti). 

U, pr au-mü-snan a. sg. Abwaschung. — dU. mäuju mäuli 
streifen, le maut auch »schwimmen«; le pa-mawe Umwurfltuch der 
Frauen; le e-mauti pl. Zaum {maut zSumen); rank-mauste NSz Arm- 
binde der kath. Geistlichen *-* mdudau mäudyti baden; le maudfU 
schwemmen; mämtau mämtyti i 790. 11; mäusczoti J 810. 6 iter» 
(zu mäuti). — OV. prdt. möviau (zu mäuti)^ le mfiwu; mövimas nom. 
act. ; tnavikas nom. ag.; üz-mova was man aufstreift (z. B. Muff). — 
? Dazu ein le muiju-s müjvrs müte-s hinderlich sein, unter den Füssen 
sein ULD. 

nu. le mauju und tnaunu^ maut brüllen (von Kühen; onomatop.). 
— ü/V* prät. mäwu. 

U. le müku (= ^munhu) muku mukt sich abstreifen, in einen 
Sumpf einsinken, fliehen, lit. mükti G entwischen, müka ätgal i me- 
steli (3. sg. prt.) eilen MLG I. 386; le nümuka abgestreifter Balg, 
le at-mukas f. pl. {dfijas ar atmukäm lose gesponnenes Garn) ; le mukls 
einschüssig, sumpfig. — Ü» le nü-müki m. pl. abgestreifter Balg. — 
UU» maukiü maukiati matikti streifen, MLG I. 383 saufen; le nü-mauks; 
le nümauka abgestreifter Balg; le mauka meretrix; maukna G Baum- 
rinde, vgl. le maukm m. pl., le mauknes f. pl. Tannenrinde zum Decken; 
le emaukti m. pl. Zaum. 

!€• mürstu muraü mürti durchweicht werden (vom Boden), 
i-mür^ durchweicht (z. B. vom Wege) •*' le murit besudeln; mtA'dau 
mürdyti einweichen, eintauchen WP 188 (f-). — UU. le maura 
Gras ums Haus herum, Rasen ; lit. maurai Entenflott -» ? iszmauroti G 
aufscharren mit den Hörnern (vom Ochsen), vgl. maurioti G herum- 
schweifen, vgl. uzmauröju (3. sg. prt.) säva piktas dainas I 855. 8. — 
Zweifelh. Zusammenstellung. 

Utl. le fiauju, riaut^ iter. Aaud^t miauen (onomatop.). — CtV» le 
prät. näwu. 



304 Ai'GcsT Leskiex, [^^ 

lim pa-nustu^ nudaUy uüsti 'mit gen. gelüsleo, sich sehoeo nach, 
vgl. änt ku panüdu 3. sg. prt.^ lävu szirdele J 682. 3. — (iii. naudä 
Nutzen, Hab und Gut; zur Bedeutung vgl. naüdyli begehi*en, nauduii-s 
sich aneignen. 

fl. niuksoti im Dämmerlicht, im Dunkeln daliegen, gire niukso G, 
auksztas isz ülos kalnas niuksojo WP 1 20 ü ? ; niükiü niükiaü niükii 
[tiüklij, auch nükstü nükaü nükli KLD rauschen, dumpfes Getöse machen. 
— au* ap'si^iäukiu niäukiau niäukti^ le apnaukie-s sich bewölken, 
lit. pt. prt. a. ap'si-^iäuk^ besudelt, unordentlich. 

U» plujoti J 113. 2 schwimmen (ü?;; \e pludi und pltidini m. pl. 
Schwimmhölzer an Netzen «^ le pludet obenauf schwimmen; le plu- 
dittäl überfliessen machen; le pludul sich ergiessen. — fi, plüstu 
plüdau plüsti ins Schwimmen gerathen; plüdzu plüdzau plüsti N 
schwatzen; le plüdi m. pl. Überschwemmung, Flut; plüdis f. Schwimm- 
holz am Netze; plüdia N Schwätzer; plütis m. N offene Stelle im 
Eise; le plüskus f. pl. Schleuse; änt plüstu (Floss?) pastäczus i üpj 
pastümti JSv 75 «^ le plüdit ergiessen ; le plüdinäl überfliessen machen ; 
pludurti auf dem Wasser treiben. — dll» pläuju pläuti spülen; 
le plaufchu plaudu plauft nass machen, auch »kund machen, unter 
den Leuten verbreiten«, lit. plaudiu plaudzau plausti NSz waschen; 
pa-plava WP 238 Spülwasser (?) ; upe-plaudis m. Sz Abspülen durch 
die Strömung (unter podbieranie) ; pliaunä (so KLD) Schwätzer; 
?Ie plauskas f. pl. Schinn auf dem Kopfe; plaüsmas Floss; plaülis m. 
Schnupfen, pl. plaüczei Lunge (nach Fick IL 612); plaustas Floss zum 
Übersetzen MLG L 19 «^ plaujöti iter. (zu pläuti) Schi. Leseb.; plau^ 
stau plaustyti iter. (zu dems.) J 870. 7. — OV. ploviau prftt. (zu 
pläuti) ; plövimas nom. act. ; phvÜjas ; phvikas nom. ag. ; isz-plovos N 
Spülwasser. 

U. plunkü pltdiaü plükti verschiessen , die Farbe verlieren, 
le plüku (= plunku) pluku plukt verbrüht werden, abgehen, ver- 
schiessen, uiplunku M befliessen, vgl. J 716. 5 paplüku (3. sg. prt.) 
lentiiies die Bretter — der Brücke — schwammen weg (zu lesen 
ist wohl pa-plüku) -- plukjjti BF 157; plukdaü phJidpi schwemmen; 
le pluzinät iter. (zu plükt) , caus. zu plukt ULD. — Ä. ? le plüzu 
plüzu plükt zupfen; le plükät iter. (ö = un'f, vgl. plünksna Feder, 
nach Fick IL 612 hierher gehörig) . — (lU. plaukiü plaukiaü plaükti 
schwimmen; plaukat Haar (nach Fick 11. 612), davon pläukstu plätdcau 



43] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 305 

pldukli Haare bekommen, schössen, pläukiu pläukiu pläukti dss. ; 
ie plauks Wischtuch; ie plaukas f. pl. Flocken, Fasern; pre-plauka Sz 
Hafen {port) ; plaüksmas Floss ; ? Ie plaukts Sims, Scheibe unter dem 
Wagenkorb, auf der die Achse ruht; ? ie plaukstes Schinn auf dem 
Kopfe -- plaukaü plauk^ti iter. (zu plaükti). 

U* Ie pl'upstu pVupu ptupt sprudeln. — -tl. ? pliopiü pliopiaü 
pliöpti plätschern, schwatzen; pliopä Plappermaul. — ClU» pliaupiü 
pliaupiaü pliaüpU plätschern, schwatzen. 

Ü. plüszai KLD s. v. Faser; pliüszis f. und pliüsze Schilf, Schnill- 
gras; Ie plüsni m. pl. flatternde weisse Birkenrinde ^ iszpluszöti i 
757. 3, papluszöti J 330. 1 (ü?) sich zerfasern, pliüszfdi-s sich ab- 
fasern KDL. — ? Dazu plüksztu plüszkau pliikszti zusammenfallen, 
dünn werden. — Clll. plauszai Bast. 

!€• prusna Maul, die dicken Lippen am Maul (des Rindes). — 
au» prausiü p^ausiaü praüsti waschen (Gesicht), Grundbegr. »spritzen«. 

Ü. piuvis m. Schnitt, szen-piüvis Heumäher J 23. 3; piüve N 
Schnitt, Ernte; piüklas^ N auch piükle Säge; piümü BF 155 Ernte, 
piümene Sz (unter iniwo) dss.; piütis f., auch piute (Schnitt) Ernte. 

— UU. piäuju piäuti schneiden (Ie plant); ie ptawa Wiese, Heu- 
schlag; Ie pl'auja Ernte; a/i-piaufc/a^ N Abschnittsei ; piäutuvas Siche\ '-' 
piämtau piäustyti iter.; piäustineti iter. dem. {zu piäuti), — OV» prät. 
piaviau, Ie pl'äwu (zu piduli^ Ie pl'aut); piövimm nom. act. ; Ie plä- 
wums das Gemähte; piovüjas^ Ie pl'äwejs; piovikas nom. ag.; piövd 
(Schnitt) Ernte J 976. 4, vgl. Ie pl'äwa Erntezeit. 

U. prät. puvaü (zu puti) ; puvimas nom. act. ; supüvelis Nichts- 
nutz; Ie papuwa, Ie papuwe Brachacker. — Ü. präs. püvü püti 
(Ie prs. püstu) faulen; Ie papüde Brachacker, vgl. lit. püdymas dss.; 
pülei Eiter; Ie püfnis m., auch püfnes f. pl. Moder <^ Ie püdet caus.; 
püdau püdyti caus. faulen machen. — dU» f piaulai faules, im 
Finstern leuchtendes Holz, J 1278. 1 ; vgl. indess \e prauk moderndes 
Holz (für *ptatikl). 

U. Ie puns »Auswuchs am Baume, Höcker«; Ie punis Beule; 
Ie puna und pune Knollen; Ie punte Beule, Auswuchs am Baume. 

— {tu. Ie pauns und pauna Schädel; Ie paurs und paure Schädel, 
Hinterhaupt, Gipfel. — Zweifelh. Zusammenst. 

U. püUi fallen, Ie prät. pulu; pulti^ NSz Fall, pra-puüis f. Ver- 
derben - piddau piddyti fallen lassen; piddineli dem. iter. {zupidti). 



306 August Leskien, [44 

— il. präs. pülu^ prät. puliau (zu pülti); al-pulelis Abtrünniger; 
pulis m. Fall, pre-pulüs zufällig, zu prSpulis m. Sz Zufall; at-pülinys 
Abtrünniger. 

U» le pups Weiberbrust. — Ü. le püpüli m. pl. Weidenkätzchen. 

— UU. le paupt schwellen, verrecken. — Vgl. pämpti, pümpuras u. a. 

U» pukszle Sz (unter guz) Beule. — (Iti. papamzkas (ebenda) dss. 

ti» puszkü puszketi knallen (von gährenden Dingen) «^ puszkwti 

caus. — U* pa-si-püszkau^ püszkyti Schi. Lsb. im Wasser plätschern. 

— ttU» päuszkiu pätiszketi knallen -- päuszkinti caus. 

tl» puczü präs. blase, wehe; puntü putaü pmti schwellen (sich 
aufblasen); putä Blase, pl. Schaum; ban^-^uf^« Wellenbläser (Meeres- 
gott) ; le puteklis Staub ; isz-pulelis Aufgedunsener ; putlüs NM sich 
blähend; pütmenos K Geschwulst; pütmenys m. pl. dss.; le putenis 
Stühm (Schneetreiben); pumis f. J 1056. 3 zusammengewehter 
Schneehaufen, vgl. davon pmnj^nas dss.; 1 puträ Grütze -- le putu 
putH stSuben, stühmen iter. (zu püst) ; le putinät dss. ; püsto puslyii 
stühmen iter. KLD. — Ü. prät. püczaü püsti blasen, le präs. püschu; 
por-si-putelis aufgeblasener Mensch ; le n&^üta Seufzer ; le püte Blase, 
Blatter; le püsis Windstoss; le püslis Blase; püsle' (ü K) Blase, z. B. 
Harnblase; le püsmaj püsme, püsmü Athemzug. — au. "f paülas 
Ei, Hode (doch vgl. le putns Vogel); pamat^s sutrintu^ papatUus 
(Schwielen?) anl ju ranku nü sunkio darbo WP 63. 

U. rujä Brunstzeit des Wildes. — "A. le rujas laiks Hegezeit 
des Wildes. — UU. le raunas laiks Brunstzeit der Katzen. 

Cltl. räuju räuti ausreissen; le rauklis Raufeisen; rävalas Sz 
(unter plewidlo) Gäten; le raustawa und rautawa Raufe; isz-ravus Sz 
Unkraut -' raveti jäten; le raustit iter. reissen. — OV» prät. raviaUy 
le räwu (zu räuti); rovimas nom. act.; le rätvSjs nom. ag. ; le räwens 
nom. act. 

1#. riidas rothbraun; radü rudeli rosten Schi. Lsb., vgl. J 42. 2 
käme tävu pentinelei szvesi surudeju; rudu Herbst; le rmta, rüste 
braune Farbe; riisvas rothbraun - le rudit braunroth machen. — 
fl. rüdis f. Rost, rüdyjü rüdijti rosten; rüdym^ rüdijne Sumpf »mit 

« 

röthlichem, eisenhaltigem Wasser« K ; le rüsa Rost, le rüsH rosten - 
le rüdit Eisen härten, glühend machen. — (lU. raüdas roth BF 163; 
raudä rothe Farbe, raudönas roth; "^ raumu (= raudr-men-f) Muskel- 
fleisch ; raüsvas roth G, MLG I. 390. 



45] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 307 

U* verkia rudul mergele i 361. 6 (w?), vgl. szirdis merg^tes 
surudu 3. sg. prt. 616. 4 (wahrscheinl. ö). — Um ap-si-rüstu KLD Bd 
werde böse, prät. surüdau J 364. 3 traurig werden ; ntdis N armselig 
(w ?), f^ulis N armer Schelm (ö ?); nistas und rüstüs mürrisch, grimmig 
'-'Tudinti betrüben J 1502. 7 (ö?), vgl. le rüdinät dss. (zum Weinen 
bringen) und suiiidinti visu szirdw rühren BF 166. — Uli* raudä 
Wehklage -- ratidöli wehklagen, 3. sg. raüda J 1216. 30, le raudu 
raudäL 

U* rügslu rügau nigti sauer werden, gähren ; rügiu rügiau rügti 
aufstossen, rülpsen KLD ; le at-rügas f. pl. Aufstossen ; isz-rügos Mol- 
ken; rüg^s N sauertöpfischer Mensch; su-rügdis dss.; rükszwjs dss.-^ 
Tüksznm N mürrisch; le rükts bitter, herb, pr ructan dadan saure 
Milch; rüksztas sauer; rüksztis m. (nach N auch f.) Säure - rügtereti 
dem. (zu rügti). — Uli, le at-raugü-s raudfü-s raugies aufstossen; 
räugas Sauerteig; le at-raugas f. pl. Aufstossen -- räugeti aufstossen; 
le ravdfH säuern; le at-raugätes iter. [zw -raugies) \ rauginti säuern. 

U» runkti rukaü rükii faltig, runzlig werden (le mit t) ; sur-riikelis 
Eingeschrumpfter (vor Alter); rukalotas N mürrisch (Abi. von einem 
rukala-); rukszle Falte MLG IL 75; sur-rukszmuti knittern KDL - le 
Hizinät einschrumpfen machen. — dU» raukiü raukiaü raukti runzeln, 
in Falten ziehen; ratikas Runzel; ratdca N dss.; raükszlas Runzel; 
raukszle dss.; rauksztas N runzlig ~ raukaü raukpi iter. (zu raukti). 

U» rüpas rauh, holperig; rupe N Muschel, pl. rup^s eine Pferde- 
krankheit N ; ruple N rauhe Borke ; le rupuls grobes Holzstück, Tölpel ; 
rupus grob MLG L 232, akmenelis rupus Sz rauh, le rupjsch dss.; 
rupuze Kröte. — Clti» raupas Pocke Sz (unter odra) ; le raupi m. pl. 
abgeschnittene Samenstengel des Flachses ; le raupa Gänsehaut (Schau- 
der); le raupjsch rauh anzufühlen; raupte Blatter; raupsai Aussatz; 
raupeze Sz Kröte (unter zaba wielka). — Zu derselben Wurzel rup 
(brechen) nach Fick IL 645 auch: Ü* rup' man rüpeti kümmert mich, 
inch. parüpo (prät.) z. B. J 467. 3, BF 166; le rüpas f. pl. Sorgen; 
rupestis f. Sorge; rupus Sz [rupus unter pilny) besorgt - rüpinti be- 
sorgen. — 7 1^. ap-röpiu röpiau röpli etwas beschicken, fertig 
kriegen. 

U. riisinti schüren (doch vgl. rusiti glimmen G, rusles Bratrost 
G); le ruschinat wühlen, Feuer schüren. — Ü. pelen-rüsis^ f. -e, 
pelen-rüsä Aschenbrödel ; le rüsa KartofiFelraiete ; rüsijs^ N auch rüsas^ 



308 August Leskien, t^^ 

Grube für den winlerlichen Kartoffel vorralh. — dtl. rawnü rausiaü 
raüsU wühlen; rausis m. N Höhle, kürm-ramis m. Maulwurfshaufen ^ 
le rauset; rausaü raustjü iter. (zu raüsti); le raustelet dem. zupfen. 

U» rmzm N geschäftig, rUhrig - rasziu rmzeli; ruszauti N ge- 
schäftig sein; rüszinti berühren. — "Ü* ruszü JSv 6 besorgen (prös. 
Sz unter sprawuj^: rusziu^ geschr. ruosiu)^ ap-sir-rüszli {ap'i) sich zu 
thun machen MLG I. 376, dss. G sich tummeln, vgl. JSv 6 kad [gaspa- 
dine] rusztu sävu rusztq aplink üki; ruszm Sz (unter sprawny) ge- 
schäftig, rührig, le rusch (= ^rusjas^ Vertretung von "^rüsm) dss. - 
ruszavo-s 3. prt. schaffen, arbeiten MLG L 377; le rüsUe-s geschäftig 
sein. — au. ^räuszau räuszyti M (wenn nicht Fehler für rausaü) 
wühlen. 

(tu. le skauju skaui umarmen. — €tv» le prät. skäwu (zu 
skaui) - le skäwet iter. 

au. le präs. schkauju und schk'aunu, schkaut niesen, vgl. schk'ewas 
f. pl. das Niesen; le schkaudas f. pl. dss. - le schKaudH niesen. — 
€iV. prät. le schk'mvu. 

Vi. praskundü skudaü sküsti anfangen zu schmerzen, zu er- 
müden; skündzu skündzau sküsti klagen, sich beklagen; le skundu 
skundet missgönnen, murren, wohl denom. zu skundä Anklage, pra- 
skunda NQu Schmerz, nu-skünda i 539. 7 Mitleid; skudurelis G Ge- 
schwür; skudrus Sz scharf (unter oslry) IG 84, vgl. skudrm kirvis, 
peilis = scharf MLG L 233, bei G auch »flmk, geschickt« «^ sküdinti 
weh thun machen J 643. 18 (mit ü)\ le skundit missgönnen, murren. 

— atl. skaüst skaudeti schmerzen; le skaufchu skaudu skauft neiden; 
le skaudet dss. (vgl. indess le skau^is Neider, lit. skauge Neid G, 
skaugus neidisch G) ; skauduhjs Geschwür; skaüsmas J 961. 7 Schmerz; 
le skaudrs scharf; le skatidre scharfe Kante; skaudus schmerzlich. 

U. skutü (le sküiu = *skuntu) skutaü sküsti schaben, scheeren; 
skütas J 651. 9 kleines Stück; skutä Staub, skntos Abschabsei; skutnä 
N Kahlkopf, nach KLD auch »abgeschabte Stelle«; skuste N dss. '^ 
skutind'li dem. iter. (zu sküsti), — "Ü. le skutite-s sich schubben. — 
au. le schk'aute scharfe Kante, lit. skiäute Hahnenkamm, Flick; 
le schk'auteris scharfe Kante, lit. skiautere skiauture Hahnenkamm. 

Ü. slügstu slügau slügti sich setzen, abnehmen (von Geschwulst). 

— au. pa-slauginti Jemand bei der Arbeit vertreten BF 174, vgl. 
pa-slaug^ti J 1487. 8 {äsz säva matuszeles daugiaüs neslaugtjsiu 



^7] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 309 

1487. 9; jau mänfs neslaug^si 1483. 5; prijimkit mariel^. man uz 
slaugdlfy also ein Nom. slauga-), paslauga B IH, 59 von Forlunatov 
als »Hilfe, Hilfeleistung« gefasst. — Zusammenst. zweifelh., jeden- 
falls zu slav. sluga. 

U» smunkü smukaü smükti hinabgleiten; sti^srnükelis zusammen- 
gesunkener Mensch; 'i smükles Schilfgras. — €ltl. smaukiü smaukimi 
stnaükti aufstreichen, streifen; par-smaukas {= per-) G wahrschein- 
lich »Streifen«. 

U. le smulis Sabbeier, le smul'a dss. ~ le smutät^ smulinäl 
sabbeln, sudeln. — dU. le smaulis und smaule Fresse ~ le smaulet 
sabbeln. 

U» snudä und müdis KLD Schläfer, Träumer. — ft. snüstu 
müdau sniiMi einschlafen (einnicken). — dtl» smudiu snäudzau 
mäusli schlummern; le snauda Schlummer; le snaufcha verschlafener 
Mensch; snaudälius^ le snaudal'a schläfriger Mensch ; snauduljjs Schlum- 
mer -- le snaudet iter. ; le maudelH dem. (zu snauft). 

(tu* le sprauju-8 spraute-s ULD emporkommen, empordringen 
(z. B. von Saat) ; spriaünas^ spriaunüs stattlich, keck. — UV» le prät. 
spräwü'S (zu spraule-s), 

U. spriüdulas KDL s. v. Knebel (bei K alle Formen mit er- 
weichtem r, richtiger wahrscheinlich ohne Erweichung). — U» sprüstu 
sprüdau sprüsti intr. herausdringen aus einer Klemme, herausfahren, 
le sprüslu sprüdu sprüst eingeklemmt werden; le sprOds Knebel; 
le sprüslis dss.; sprustis IG 149 f. i-St. Gedränge (wahrsch. ö). — 
UU» spräudzu sprdudzau spräusti zwängen, le spraufl; le spraude 
Zäpfchen; le sprausta Gestell zum Einstecken des Pergels; spraustis 
m. N Sperruthe des Leinewebers - spräudau spräudyli, le spratidU 
iter. (zu spräusti). 

II. le sprüku (= "^sprunku) spritku sprukl entspringen, entwischen, 
lit. spruka 3. sg. prt. WP 60 entschlüpfte, iszr-sprük^s entschlüpft MLG 
I. 366; le spruksts ein Leichtfüssiger. — dU» le sprauzu-s spraukte-s 
entwischen. — Vgl. sprügstu sprügau sprügt N entspringen, entwischen; 
le sprauga Zaunlücke, lichte Stelle; ?Ie spraudfu spraudfu spraugt^ 
iter. spraugät grob mahlen, schroten. 

au. spiäuju spiäuti speien (le spl'aut) ; spiäudalas Speichel ; 
spiäudelis Spuker; le spl'audeklis Spuke «^ spiäudau spiäudyti iter. 



310 August Leskien, [^^ 

speien. — OV. spiöviau^ le spl'äwu prät. (zu spiätUi^ ie ^taut) ; sfio- 
vimas nom. act. ; spiovejas; spiavikas nom. ag. 

U. Ü*' por-spudeti B sich quälen, sich abmühen ; spudinti WP 54 
eilen, sich davon machen [spudina isz mesta)^ so auch bei G »ent- 
wischen, davonschleichen^, vgl. MLG I. 379 iszr-gpuditw isz übersetzt 
mit »kam aus ...«. — €l/U» späudzu späudzau späusti drücken; spaudä 
N Presse, prS-spauda Bedrückung; spamtüvas und spaustüve Presse *« 
8päudau spdudyti iter. (zu späusli). 

U. pa-srüv^s pt. prt. a. blutunterlaufen, pasrüvo 3. sg. prt. {aszaras 
zmoniun dar didesnei pasruwa) fliessen IG 1 49; srudzu Sz (unter rozkrum- 
wic)^ prt. srudzau srmti N blutig machen, le strufchu struft ULD eitern; 
sruja (w?) G Strömung; srutä Jauche, le strulas f. pl. Eiter, Jauche. — 
t€» le strükla und sirülde Wasserader, Wasserstrahl, vgl. N strukle 
Abflussröhre, Wasserstrahl, hjja striüklemis KLD regnet in Strömen, 
strükleis MLG L 71. dss. — dU» sraviü sraveli sickern, leise fliessen 
(wohl denom.) ; sravä N Fluss (z. B. menstrua), prä-srava Blanke (nicht 
gefrorene Stelle) im Eise, bei N prä-sravas; sraujas Sz (unter byslry), 
slraujas N reissend, strauje upe BF 1 77, le straujsch (=: straujas) ; le 
slrauls reissend; le siraule Stromenge; le straume Strom; sraunüs 
[upelis) fliessend, strömend ; le slrauls Regenbach, lit. srautas G Strom - 
srävinti bluten machen. — OV» srove Strom, le sträwa und sträwe -- 
le sträwU strömen. 

tu sriubä Suppe. — "Ü* srübiü srübiaü srubti schlürfen. — 
(tu. snaubiu sriaubiau sriaubli Sz dss. (unter polykam). 

U. stügauti NSz heulen [ü nach KLD). — dtl» staugiü staugiaü 
staügti heulen (von Wölfen). 

U» subine Hintere. — Ü» süböti^ sübuti schaukeln, mit dem 
Körper wackeln. — dU. ? le schaubit zum Wackeln bringen (setzt 
ein siub- voraus). 

tl» sugiu sugiau sugli heulen, winseln NQu. — Ü» le südfu 
südfei klagen. — 0W€. saugiu saugiau saugti N tönen, schallen; N 
daneben saukii dss., vgl. dazu nu-saukü MLG L 230 beim Gesänge 
dehnen, saukfäi MLG L 233 dss., aber auch »heulen« {kaip vilks), 

U. sukü sukaü sukli drehen; le süku (= "^sunku) suku sukt 
(eigentl. »sich drehen, winden«) entwischen, schwinden; ap-sukai 
adv. N gedreht; ap-suka Sz Wirbel (cardo), apsuküs Sz drehbar (unter 
nieobrotny)^ smuka N Winkelzüge; 1 päsukos Buttermilch; ap-siikalas M 



49] Der Ablaut der Wurzelsilben im LiTAtiscHEN. 311 

ThUrangel; le sukrn drall; sukrüs beweglich, flink; siikata Dreh- 
krankheit; sukütis Kreisel; suklnve Drehscheibe -- sukau sukyti N in 
die Runde eggen (iler. zu mkli); sukine'li iter. dem. (zu sükti; vgl. 
bei NSz sukinis Kreisel). — Ü» eik sükais pack dich KDL (unter 
»packen«); sükurys {ü K) Wirbel, Wirbelwind. — t%» pri-sukti be- 
wegen zu, zwingen, z. B. WP 37 ne maz zmoniu prisüke itiketi i 
Kri8t^ u. ö. — €IU» ? pa-si-sauklinti »höher sich machen zu sitzen« NBd. 

U. 8U8U susaü susti räudig werden, le susu msu suM trocken 
werden; nti-süselis Räudiger, Grindiger. — ttl/. saüsas trocken, denom. 
saustü sausaü saiisti trocken werden, den. sausiu sam^'li^ le sausPt 
dss. ; sausa N Dürre; saüsis m. Räude; le satmiis vertrockneter Baum ~ 
saüsinti trocken machen. 

U. siuntü siulaü siüsti toll werden, le schülu (= ^siuntu)^ schutu 
sehnst böse werden; püs-siulis halbverrückt; pa-siiäelis Rasender; 
sitistas N Wüthrich; siüsla Toben -^ le schutinät böse machen. — 
UU. siauczü siauczaü siäusii wUthen, toben, ?le schauschu schautu 
scliamt stäupen «^ siauleli dur. toben. 

"Ü. szluju szluti wischen, fegen ; szluta Besen - szlustau szlu stylt 
iter. — Uli» prät. szlaviaü; szlavimas nom. act. ; szlavejas nom. ag. ; 
sq-szlavos Kehricht - szlavineti iter. dem. (zu szluti), 

U. le schVüku (= *sliunku) schl'tiku schrakt glitschen; szliukszlu 
KLD [ ] gleiten (auf dem Eise) ; szluksztijne {szliuk,) Rutschbahn auf 
dem Eise - szluksztineti N iter. — Tl. le schl'üzu schl'üzu schPükt 
spinnen (gleiten machen) - le schl'ükät itei*. (zu scMukt) ; le schlüzinät 
gleiten machen. — l3t. ? le schtuka Weg, den das Vieh im Getreide 
tritt, Spur im thauigen Grase. — dll. le slauzu slauzu slaukt melken ; 
le nuslauka woran man etwas abwischt, le paslauka Abschaum; 
le stanze Milcheimer; le slanknlis Wischtuch; le slankts Geschirr mit 
Öffnung im Boden; le slauktnwa Milcheimer -^ le slanzit wischen. 

U» szlnzai N Steinschleife , szliiizas (mit i K) Lab, nach N eine 
Fischart ohne Schuppen; szlinzi Schwert am Kahn, pl. Schlittschuhe 
(KLD schreibt den pl. szlinzes) - le slnfchat und schtnfchät schlurren, 
glitschen. — Ä. szlüziü szluziaü szhYzti schleifen (z. B. ein langes 
Kleid auf dem Boden) . — dU. szliaüzti, prt. 3. sg. szliaüze schleichen 
J 1 66. 7, szlianzli kriechen Sz (das slauzin bei KLD aus Sz ist eine 
Verlesung für gelegentlich bei Sz vorkommendes slauzin^ d. i. 
szlianiin) . 

Abbandl. d. K. 8. Gesellseh. d. WiRsensch. XXI. 22 



312 August Lbskibn, [SO 

11. 1e schiiukurs Rotznase ^ le schnukstet schnuckern, schluchzen ; 
szniukszluti schnauben (vom Pferde) J 1174. 20. — U. le schnüzu 
schtiüzu schnükt schnauben; le acA/fü/ca Nasenschleim. — dU. le schAauzu 
schriauzu schtiaukt schnauben, vgl. lit. szniaükti (Taback) schnupfen 
J 248. 1, szniaükqs pt. prs. a. J 858. H ; le scMauze Prise; le schnau-' 
kalas f. pl. Nasenschleim -- le schnaukät iter. (zu schnatikt). 

Tl. szüvis m. Schuss. — dU» szäuju szäuti schiessen, le schaut 
=. ^sziauli^ nu-szavaü 1. sg. prt. J 1257. 4; paszavä (und paszuvä N), 
»ein Beifaden beim Weben, der durch den Kamm nicht gehoben 
wird«; le schaudrs hastig, hitzig; szaulp Schutze J 834. 5 ~ szäudau 
szäudyli iter. (zu szäuti)^ le schaudit^ vgl. le schaudeklis Weberspuhle, 
lit. szaud^kle Weberschiffchen. — OV. prt. szöviau^ le schäum^ (zu 
8zäuli)\ szövimas nom. act. ; le schäwums; le schawens dss.; nu-szovis 
m. KLD [ ] Stromschnelle. 

U. szunkü szukaü szukli aufschreien. — Ü» szükauti iter. schreien; 
szüktereti dem. iter. — dtl. szaukiü szaukiaü szaükü schreien, rufen; 
szaük^mas Geschrei; szauktis N schreiig ~ le saukal iter. (zu sankt); 
szaukineti dem. iter. (zu szaükü). 

U (ö?). pa-szune B Kraft, Stärke. — dtl. szaünas und szau- 
nüs derb, tüchtig. 

!€• szuntü szulaü szüsti intr. gebrUht werden, schmoren, le sütu 
(= *8untu) sutu sml heiss werden, bähen; le sula Bähung; le suU 
m. pl. dss.; atsuczei NBd Flachstrespen; le sulnis m. schwüles Wetter; 
\e smla schlechter Absud; nu-szülelis Abgebrühter (Schimpfwort); 
le sutra Dunst -- le sutet trans. bähen, brühen; szütinti trans. schmo- 
ren; le sutinäl trans. bähen, brühen. — U. le süstH iter. (zu susl). 
— du. idanl surink^ saujq zolin isz to szeno sav valgi iszvirtnmes^ 
bet parneszu^^ retai patys tq szauiq (etwa: Brühe) le-sreb^ WP 61 ; 
le saute und santrs »ein Frühlingsgericht aus Nesseln u. s.w.« '^ le sautH 
trans. bähen, brühen. 

U. trunkü trukaü trükii sich verziehen, zögern, le sa-trükn 
[:= trunkü) truku trukt zusammenfahren, erschrecken; patrukis m. NSz 
Zögerung; trükszmas Zug, Menge (von Thieren z. B.) ; le truksnitis 
Bündel; uz-trunkus N säumig (wohl prt. präs. = trunkqs) - trukdaü 
trukdpi; trükinti; Irükdinti causativa (zu trükti); trukiniuti zögern 
J 41. 12. — fl. triikstu triikau trukti intr. reissen, le auch: ge- 
brechen, fehlen; irükis m. Zug, Riss; nu-trt^elis KLD [] Galgen- 



^1] Der Ablaut der WuRZELsaBEN im Litauischen. 313 

strick; galva-trükszczeis i. pl. m. über Hals und Kopf - trüknöii 
zucken; le trüzinät mangeln lassen, mit if- erschrecken trans.; trük- 
szczoH zucken; trtiktereti^ vgl. trükteliu LB 346, zucken. — d'U» Iräukiu 
träukiau träukti ziehen; per-traukas N Wegegeld; per-trauka NSz Zer- 
streuung; irauktüve NSz Winde «^ Iräukau träukyti iter. (zu träukli) ; 
\e trauzH Irans, aufschrecken; \e trauzi7iät erschüttern; träukineli iter. 
dem. (zu träukti). 

11. ti'upü trupeti intr. zerbröckeln; «i/-/r{i/)o^ Sz Schult; trnpimjs; 
Iruputtjfs Brocken; tnipiis bröcklig ~ trüpiuti; le trupinfU trans. bröckeln. 

— €IU. iraupus MLG I. 391 spröde. — Vgl. trapüs^ le trepans und 
trapaim morsch, le trepöt und trapet verwittern. 

ti. le tnisu trtist struppig werden; le trusls zerbrechlich. — 
fi. triüsai die langen Schwanzfedern des Hahnes ; ? trüsiü [triüsiu] 
trüsiau Irüsti sich bemühen, geschäftig sein; tnisas {triüsas) Be- 
mühung; trüsuti; trü»ineti iter. (zu trüsti), — (IH, le trauschs 
(= ^irausjas) zerbrechlich; le tramls dss. 

fi. le tüws^ tüls^ tüms nahe. — (IH. ? le taujät fragen, forschen 
nach; le taust! t tasten; pr tawischan (1. taviska-) a. sg. Nächster, 
Nachbar. 

1#. tunkü tukau tukti^ le tüku [■=• ^tunku) tuku tukt fett werden; 
le tukls feist; lit. tukliis mästbar; tukrüs dss. -- tükinti fett machen. 

— fi. le tükstu tüku tükl schwellen; le tüks Geschwulst - le tüzPt 
schwellen machen. — Utl. le lauks fett; taukai Fett - taükinti feiten. 

tl. le tupju tupu tupt hocken; tupiü tupeti hocken, kauern, 
le tupet; uzr-tup^s der dritte Mann einer Frau - tupdaü tupdifti hocken 
lassen J 170. 4; tupinti; le tupinät dss. — l7. tüpiu tüpiaü tiipti 
sich kauern; le tüplis Gesäss ^ tüptereti dem. (zu tüpti); tupczoti dss. 

— nu» sth-taupyti aufeinanderlegen, z. B. lüpasj die Lippen zu- 
sammenkneifen, überh. zusammenhalten, sparen, le taupit aufhalten, 
schonen, sparen; bei G auch ein taupti schonen, pflegen. 

Ü. üdis m. einmaliges Gewebe, das Weben eines bestimmten 
Stuckes. — tt1€. äudzu äudzau austi weben ; le audi m. pl. Gewebe, 
ai-audai Einschlag; ai-audos N dss.; äudeklas Gewebe. 

"it. Irud-^tgijs September. — Ü. pa-ngo 3.sg. prt., WP 38 wuchs 
auf, pa-ugfH prt. prät. a. ib. 86 erwachsen (ö ?) ; uz-ngiu NSz er- 
ziehe (ö?); üg^js und ügis m. Wuchs, Jahres wuchs, ui-flgis m. NSz 
Erziehung; üglia m. W^uchs, Schössling -- pa-ügeti KLD, pa-si-uge'ti 



314 August Leskibn, [^i 

i 466. 2 heranwachsen; uginü B aufziehen (t/?); ügtereli dem. 
wachsen. — li. ugis N Schössling, "f szil-ugis Haidekraut; üglis N 
Schössling. — du» ätigu äugau äugti wachsen; le augs Gewächs, 
lit. per-dugas schmerzhaftes Hautgewächs; augä N Wachsthum, isz- 
auga N Auswuchs in der Haut, le ai-augas f. pl. Wiederwuchs aus 
der Wurzel; le alaudfe dss. ; auglas N Gedeihen; le auglis Frucht, 
Gewächs; äugalius Wachsthum, äugalüti schnell wachsen; augmu 
Jahreswuchs; 1 äukszlas hoch, vgl. pr auktimiska- Obrigkeit; äugyve 
Mutter; pr augtis geizig (nach Fick U, 706) ~ le audßt aufziehen; 
auginti; le audfinät dss. 

11. ? unksna Sz Schatten, vgl. uksne dss. B. — Ü» ühsia üko 
ükli N sich beziehen (vom Himmel) ; likas caligo N. Test. Trow. AA. 
13. 11; uz-vksmis m. wettergeschutzter Ort, uz-tiksine dss. IG 66; 
iikana bewölkter Himmel; ükanas bezogen, bewölkt «^ fikslau-s likstyli-s 
sich beziehen (vom Himmel). — Uli» le auka Sturmwind. 

"il. zlungü {zliungü K) zlugaü ilügti^ präs. auch zlugslü triefen, 
von Wasser durchzogen sein; zlüktas Bückwäsche; zlükiis BF 203 
das Waschen - zlüginti 1 870. 4 anfeuchten, durchs Wasser ziehen. 
— fl. zliüges KLD [ ] »feinblättriges Wasserkraut, Miere«. — 
€IU. zlaüktys f. pl. Traber. 

tl. prät. zuvaü; zuvimas nom. act. Umkommen; pra-iuvä Sz (6?) 
Untergang, vgl. pra-zuvas BF 158 (w?) Verlust. — le füdu (= ^fundu) 
fudu fuß verschwinden, verloren gehen ; zmog-indp Mörder - iudaü 
zudpi umbringen; le fudinät verloren gehen lassen — Ü. präs. iüvü 
züli umkommen; le fudUe-s sich härmen. — dU» st^zaveli WP 228 
verderben, krank machen; zavinli tödten; le fandet verderben, 
verlieren. 

U» zuvis f. Fisch; pr zukans a. pl. Fische; tukl^s KLD [] Fischer, 
znkläuli ib. Fischerei treiben ; bei N nach Sz zustu zuvau zuti fischen 
(lies: ö). — Uli» pa-ziäune Flosse. — Vgl. zvejä Fischfang; zvej^s 
Fischer. 

U. ziuklereü M mucken, mucksen. — dU. iiäukczuli ziäuk- 
szczfäi Aufstossen haben. — Vgl. zeklereü Aufstossen haben (bei KDL 
unter »schluchzen« auch zeklereti)^ zeksiü zekse'li iter., zekczoti iter. K; 
mir ist die Aussprache iiklere'ti bekannt, das von ziuktereti kaum zu 
unterscheiden ist; vgl. ferner ieyfdijs K Schlucken, zagsyii schnucken, 
iagulis MLG 238; bei Sz (unter szczkam) ziaksiu iiakseti. 



^3] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 315 

Es folgen die primären Verba mit ti, au ohne Ablaut, mit Aus- 
schluss wieder der deutlich onomatopoietischen. Die Verba mit 
innerem ü sind hier ausgeschlossen. Innerhalb der Verba mit u 
sind diejenigen weggelassen, welche auf Liquida oder Nasal -\- Con- 
sonant aaslauten, da bei ihnen keinerlei Vocal Wechsel vorkommen 
kann; bei den mit stummem Consonanten oder einfacher Liquida, 
einfachem Nasal auslautenden kann ü eintreten, für welches Beispiele 
angegeben werden. 

u ü. 

Ü. blvkstu blükau bltikti N schlaff, welk werden, von den Mus- 
keln; isz-blük^s N erschlafft; blnksztu blüszkau blükszli N dss. 

U (!€?)• blusu blmau blusli NSz verzagen, traurig werden. 

U. be-bruzdant ger. WP 48, bruzde 3. sg. prl. ib. 41 sich auf- 
halten, seine Thätigkeit irgendwo haben. 

U» bruzgü bruzgeti rascheln, vgl. bruzgai Gestrüpp, Schi. Lsb. 
schreibt die Ableitung bruzgijnas (Strecke Gestrüpps); darbeliu bruz- 
giüju (nom. sg. wohl bruzgm) J 300. 15; dvi verpe bruzgenu^ treczdji 
linelius szukävo J 77. 9 (vgl. bruzgülis KLD Knebel u. a., bruzguUuli 
KLD »knebeln, klöppeln, würfeln«). 

U. buvaü prät. ; buvimas nom. act. ; bnlas Haus (nach Fick II. 
618) - buvineti dem. sich eine Weile aufhalten. — Tl. inf. büti sein; 
büvis m. Aufenthaltsort; bükla, bükle Statt, Wohnstatt, u. anderes, 
dessen Quantität nicht sicher steht. 

U» bukslü oder bunkü bukaü bitkti stumpf werden ; bukns stumpf. 

U. buriü bürti allerlei Wahrsagerei oder Zeichendeuterei trei- 
ben; bürtas Loos; burta Zauberei WP 228, vgl. le burta Verzeich- 
niss, burtas-küks Kerbstock; le btirvis Zauberer. — 1?. buriau prät. 
(zu bürti) ; bürimas nom. act. 

!€• dumiü dümti decken, zusammentragen. — Ü. dümiau prUt. 
(zum vor.) ; dümimas nom. act. 

U. isz-dumtumbit 2. pl. opt. bei B (Übersetzung von Luthers 
»paustet« Hieb 6. 26), von ihm mit slav. d^mq^ dqti zusammenge- 
stellt, dann wftre u aus a entstanden. Bei der Masse von Schreib- 
fehlern der betreffenden Quelle (Bretkun) ist ein solches vereinzeltes 
Wort unsicher. 

Ü^ düzgu düzgeUi (= dunzg-"!) dumpf dröhnen. 



316 AoGüST Leskien, [54 

li. diiriü dürti stecheo; dürstau dürstyii Her. — U* prät. dt- 
riau^ le düru; dürimas; le dürums; le dürens nom. act.; le dürejs 
Stecher; düris m. Stich. 

fl^ le glünu glünH lauem. 

U. grumbü grubaü grübti holperig werden ; grublai ÜQebeQheiten 
(z. B. im Wege) ; grtibüs holperig; le grumbu grumbu grumbt Runzeln 
bekommen; le gnimba Runzel; le grumbul'i Unebenheiten. 

t€. grumiu-8 grümti-s ringen. — fl» grümim^s prät. ; grümimas 
nom. act.; grümikas nom, ag. 

U» gundü gudaü güsti klug werden; gadriis, le gudrs schlau. 

tl. le gumstu gumu gumt ȟberfallen, sich langsam auf einen 
senken« ULD. 

U. le gurstu guru gurt ermatten ; le gurdens ermüdet, matt, vgl. 
man szirdis gürsta mir bricht das Herz, bei N sich legen (vom 
Winde), bei N auch ein gurti bröckeln, gurus N bröckelig, su^gurinti 
Sz zerbröckeln traus.; bei M ein aüsys gürsta die Ohren gellen. 

U» su-si-güzti^ prt. prät. a. -güifs sich zusammenkauern ; güszta 
Lager (eines Hundes, Huhnes) u. a. Abi. ; dazu wohl guzineti Blinde- 
kuh spielen (il?); G hat ein guzti beschützen (syn. mit glöbli); Schi. 
Don. i^si-giisztfs sich eingehüllt habend, nach K ist das fem. "güszltm; 
vielleicht ist auch gmzcztm möglich, das käme dann von einem iter. 
güsztyti, — Vgl. bei Sz {boj^. si^) O-si-gußu (ebenso unter przel^k- 
nqc ^f), lies i, 

U* le jumju jurnu jumt Dach decken. — ft. le jümu Form 
des Prät. 

fl» ne iinaü keliu^ klükiu päkeliu (Bedeutung?) JSv 17, iszr-kliik^s 
{plaficzu biski) ib. 73 ; ? dazu auch kur pakluk {tüde ir müsze »e- 
kaltns katalikus WP 53), nach G »hie und da«. 

1#. fl» le ktiupt und kAüpt zusammengekrümmt liegen, vgl. lit. 
kniüpsau kniüpsoti gebückt dasitzen; knüpszczas auf dem Gesicht lie- 
gend; le knüpu adv. gebückt; vgl. auch le knubt {sa-) biegen, knu- 
binat (knoten), lit. km^u NBd gebückt sein. 

U* kruniü krune'ti hüsteln. 

fl» at-krmti, prt. krüsaü BF 129 aufleben (vom Erfrornen), 
sich erholen, präs. wohl krüstü, 

U. kruln kruieti sich regen; krutüs N rührig. — Ä. krüluliu^ 
kriUulioju iter. dem. 



55] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 317 

U. le kukstu kuku kukt die Flügel hängen lassen; ?vgl. pa-si- 
kiuksedama tai verke mergele J 1128. 12. 

tl. kuliü külti dreschen; le ktih Tenne u. a. Ableit. — €€• kü- 
Hau prät. ; külimas; le külums nom. act. ; le küls ein nach dem 
Dreschen zusammengestossener Getreidehaufen; küle Dreschzeit. 

tl» kuriü kürti bauen, heizen (Feuer anmachen; der eigentl. 
Begr. scheint »schichten« zu sein) ; le kurstu kuru kurt intr. heizen. 
— Ü» prät. küriau; kürimas nom. acl.; le küren« malkas Holzhaufen 
zum einmal. Heizen; kürejas; kürikas Heizer «^ kürenü iter. heizen. 

Ü* le ap-küpstu küpu küpt beräuchert werden; le küpu küpet 
rauchen; vgl. lit. küputi keuchen u. s. unter kvep-, 

tl. kustü und kunlü kutaü küsti sich aufrütteln, sich erholen; 
ktiiu kuteü N aufrütteln, le kut{a) kutei kitzeln; le kutinät kitzeln 
trans. ; kutä Quaste, Franze; kutrus N hurtig; kutenti franzen, fa- 
sern u. s. w. 

ti(i)m küisziu küiszau küiszti KLD sachte und mühsam laufen. 

U» kiuzü kiuzaü kiüzti KLD [ ] wimmeln, kribbeln. 

M. sur-lüjo 3. sg. prt. bellte auf, KLD giebt den inf. als lüili 
an (ob der je vorkommt?). 

tl. ? lugnas N geschmeidig, biegsam, palügnas N gefällig, schmeich- 
lerisch, palugnm dss. (J 1190. 4 das fem. geschrieben palügni). — 
U» le lüdfu lüdfu lügt bitten, lit. Ixigoti bitten G (Quantität zweifelh.). 

U» muszü musziaü tnüszti schlagen. — t€» müszis m. Schlacht. 

U» su-niür^s prt. prät. a. finster, sauertöpfisch aussehend KLD; 
pa-niürelis Gluper. — ft* niüriü niüreli glupen KLD [ ]. — Ablei- 
tungen wie niuromis iiureli u. a. mit zweifelh. Quantität. 

Um pliuszkiü pliuszketi schwatzen, plappern (onomat.) ; pliüszis 
Schwätzer. 

tl. le puret^ purinäl schütteln, rütteln; bei J 774. 15 kaseles sur- 
püru (3. sg. prt.) die Haare sind aufgelockert, wirr (wohl ü zu 
lesen, vgl. dort); ? le purns und purna Schnauze, Rüssel; "! purvas 
Koth -* purtau pürlyti rütteln iter. — U. pa-pür^s pt. prt. a. aufge- 
rüttelt, lose liegend, isz-pürps KLD innen faul, hohl (von Bäumen), 
le if-püris struppig (wohl part. prät. a.) ULD »^ pürinti auflockern. 

Ü. le füzu füzu fükl brausen, brüllen. 

tl. rumiü rümti N stampfen, rümti-s G sich balgen. — Um rur 
miau prät. — Accente u. Quantität nach Yermuthung angesetzt. 



318 August Leskien, [56 

ti. rÜKjiu rüzyeü murren; rüzgus N mürrisch. 

!€• pa-skumbü skubati skübti eilig thun, fertig werden mit; da- 
von z. B. skubüs N eilig; ski^rüs dss.; skübinli beeilen u. a. 

tl. le nu-skumstu skumu skumt traurig werden ; le skumjas f. pl. 
Kümmernisse. 

U (U^y muzti^ 3. sg. snuz rauschen G. 

Um le spurstu spuru spurt intr. ausfasern; le spurs Faser. 

fl. stügslu slügau stügti steif, in die Höhe stehen KLD; Schi. 
Lsb. hat ein inch. por-slügü stugaü stügti steif werden (ob die Quan- 
titäten sicher?). 

U» slumiü stümti stossen, schieben. — fi. stümiau prät.; slür- 
mimas nom. act. ; slümikas nom. ag. -- pa-stümeti KDL (unter 
»drängen«) dem. 

Um siuvaü prät.; le präs. schuju, prät. schuwu; siuvimas nom. 
act. Nähen; siuvejas; siuvikas nom. ag.; siuvinp Nähzeug '-' siuvineti 
dem. iter. — Ü* präs. siüvü inf. siüti, le schünu schüt; sitUas Fa- 
den; siüle Naht '^ le schüdit nähen lassen, lit. siüdyti J 27. 15. 

U* supü supaü süpli trans. schaukeln. — Ü. süp^ne; süp^kle 
Schaukel '-> süpinli schaukeln; le schüpal^ schüpüt wiegen (setzt ein 
siup- voraus). 

M. le schukstu schuku schukt schartig werden (wäre = sziuk-) ; 
szükos Kamm; szüke^ le schuke Scharte, Scherbe; 1 sziükszmis feine 
Späne, Geröll u. dgl. ; szitikszti duna Brot von ungereinigtem Ge- 
treide. — le schukt soll auch »erschrecken, beben, klappern« bedeu- 
ten (s. ULD), daselbst auch ein schauküns Schauder. — ?Dazu lit. 
szäuksztas Löffel (= Scherbe?). 

U. szupü szüpli KLD [ ] faulen (von Holz), su-szüp^ pt. prl. a. 
verfault. 

U. pa-sziürü sziüraü sziürli KLD [ ] schauern intr. (von der 
Haut); gleichbedeutend sziürpti; ersteres aus dem Deutschen? 

U. truniü trtine'ti faulen, modern (K schreibt triuneti)^ le trunel^ 
wohl denoDi. von einem St. Iruna-^ vgl. le trüdi m. pl. Moder, trüdet 
modern. 

!€• pra-lürstu luraü türti MLG in Besitz kommen, reich werden 
(bei KLD [ ] lurslü lurstaü türsti als denom. von lürtas Habe) ; turiü 
tureti haben. 

II. üziü üziaü tizli sausen, rauschen. 



57] Der Ablaut der Worzelsilben im Litauischen. 319 

Ü* pra-ziürslu ziüraü iiürli zu sehen anfangen, sehend werden ; 
ziüriü ziüre'ti sehen. 

au. 

aunü aviaü aüti Schuhwerk anziehen, vgl. von Ableitungen: 
aukle Fussbinde; aülas Stiefelschaft; avalai G Schuhe; aütas Fuss- 
läppen; aviü aveli Schuhe anhaben. 

amzla aüszo aüszti anbrechen (vom Tage) ; le ama Tages- 
anbruch; atiszrä Morgenröthe. 

äuszlu äuszau äuszti kühl werden; le avksU kalt. 

czauszkiü czauszkiaü czaükszti rieseln. 

gauju gaujau gautil NBd heulen (von Wölfen). — Sehr zweifel- 
haftes Wort. 

le ^aubju ^aubu ^aubt ergötzen, doch auch gaugte-s sich er- 
götzen ? 

kiäusziu kiämziau kiämzli nach KLD Scherzwort für »schnell 
gehen «. 

maumiu mugio Sz. 

mausziu mamziau mauszli N brünstig sein (von der Kuh), vgl. 
BF 140 käp maüszes (== kaip mauszis) man^ mamze (= maüsze) »er 
rannte, indem er ohne aufzusehen vor sich hin ging, mich über den 
Haufen«, uz-marnzH ibid. »auf etwas treten, laufen«, mamzis »bedeutet 
vermuthlich brünstiges, stössiges Thier« ibid. 

le paufchu paudu pauft^ iter. paiidel ruchbar machen, unter die 
Leute bringen. 

saubiü sattblau saübii toben, rasen (= wild herumlaufen) ; pa- 
saubä wer viel herumtobt, vgl. pasiaubtdele {karvele) J 736. 1 (KLD 
hat sowohl saubiü wie siaubiü) ; saubbjs dss. 

siaudzu »iaudiau siausli summen (von Bienen J 157. 2), rauschen 
(von Fichten J 434. 3). 

säugmi und säugu (meist saugöju) saugöti hüten, bewahren, le 
saudfu saudfei schonen. 

stauczü siauczaü siatisli einhüllen, umgeben; siaustüve JSv IS 
{szükü s.) - siaustijU iter. ibid. — WP 274 übersetzt den Namen 
der christlichen Secte Circumcelliones durch pasiutelei (gemeint ist 
wohl pasiütelis Rasender, Tobender). 

sU'si'Sklausti (W. t) G sich zusammendrängen, amis sklausli G »die 



320 AuGi]8T Leskien, [58 

• 

Ohren zusammenziehen«; sklaUstas G Gewölbe. — ? vgl. slauiiiu slausii 
NSz drücken, drängen. 

skraudu skrausli NSz rauh werden ; skraudus NSz rauh, brüchig. 

smäugiu smdtigiau smäugti würgen, nach N auch »ohrfeigen«, vgl. 
le schmaugu schmaugu schmaugt einen Schlag (auf den Mund) geben. 

— Für den Begriff »würgen« hat das Lettische fmaudfu fmaiigt; 
fchmaudfu fchmaugt; fchnaudfu fchtiaugt. 

ap-sraupiu »umfassen, poln. ogarnywam« G. 

sziäusziu-s sziäusziau-s fiziäuszti-s sich sträuben (von Haaren u. s. w.); 
le schausmas, le schauschalas f. pl. Schauder. 

täuszkiu laiiszketi anklopfen (onomatop.?, toti/»zf ist die Interjec- 
tion, welche den Schall des festen Anklopfens bezeichnet). 

in. a) i 1 e e a o (ä). 

i. bilstu JSv 1 7 bilti B zu reden anfangen ; le büfchu bildu büß 
reden (in compos., eig. inchoativ); le atbilda Antwort «^ le bildet, 
präs. bildu iter. reden ; le bildinäl caus. anreden ; pr biUtwei reden (im 
Katech. immer 11, also i). — t. bylä Rede, Process, davon ne-bylp, 
f. -e Stummer, prSszbylis widersprecherisch, bylm JSv 14 redefertig 
~ bylineti iter. processiren; byloti reden. — tt« balsas Stimme. 

i* bildu bilde U poltern intr.; bildesis m. Geklopfe NBd '^ bil- 
dinti caus. klopfen. — B. beldzu beldtau belsti klopfen; beldu beldeli 
N klopfen. — d* baldas N Stössel, baldm stössig, holperig (vom 
Wege) - bäldau bäldyti iter. (zu bekti). 

i. bimbe 3. sg. prt. J 1090. 6 summen; bimbilas bimbalas Ross- 
käfor. — a. bambii bambeii brummen, vgl. le bambäl, bambil hohles 
Geräusch machen; le bambals bambuls Käfer. 

i. bingstü bingaü bvigti muthwillig werden (eigentl. wohl »sich 
heben«); bingits muthig (von Pferden). — €• bengiü bengiaü bengU 
beenden (eigentl. heben) ; por-bengtiwes Schmaus am Ende einer Arbeit. 

— €€• bangä Welle; le bügs und büga dichte Menge, vgl. lit. pra-bangä 
Uebermass (und Sz [u. rozrzutnosc profusio divitiarum] prabinkte; 
prabingejas prodigus) ; pä-bangas u. pabangä Beendigung; bangüs letelis 
J 1204. 4 (übermässiger? Regen), bangtis aliis widerlich (»der sich 
wieder hebt beim Trinken«) ; banglas KLD ungestüm ; bängtos jüriu 
ebend. Ungewitter. 



Ö9] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 321 

i. prat. biraü birti (zu präs. byrü) sich verstreuen, ausfallen, le 
präs. birstu; pa-birp was sich streut; le pa-bires f. pl. ausgefallener 
Same; le birda feiner Schnee, Staubregen; ?le birfe »Strich Landes 
zwischen zwei Furchen, dessen Breite der Säer mit einem Wurfe 
besäet« Bil. 298 -* le birdu birdit caus. ausstreuen; le birdelet dem. 
it. in feinen Theilchen ausfallen ; le birinät und birdinäl caus. streuen. 

— l. präs. byrü (zu birti) - byreju byreti dem. trans. ein wenig 
streuen, auch intr. (J 596. 19 bireti geschrieben, dort intr.). — 
e. beriü berti streuen; berhive N Wurfschaufel. — €• prät. biriau^ 
le frßrw, (zu berti) ; berimas nom. act. ; berikas nom. ag. ; le beriba 
Schüttung; beralas umgeworfeltes Getreide. — U* at-barai und ät- 
baros beim Worfeln verstreutes Korn; bäras in einem Zuge gemähtes 
Stuck Feld (vgl. le baris Schwade); le uf-bars Uebermass -» barstaü 
barstpi iter. (zu berti). 

i. birbiü birbiaü birbti summen ; birbikas Summer ; birb^ne Summ-, 
Schnarrinstrument «^ birbinti caus., daher auch »blasen« (ein derartiges 
Instrument). — (€• barbözim Summer. 

i. le birfe Saatfurche. — €• le berfchu berfu berft scheuern, 
reiben. — Zweifelh. Zusammenst., vgl. unter birti. 

i. le birfe Birkengehänge, Laubgehänge; birzlis KLD M Birken- 
zweig; birztva J 497. 3 Birkenwald? — €. berzas Birke. 

i. bizdzus N und K = bezdälius Stänker, nach Schi. Lsb. ein 
Dicker, schwerfällig Gehender, wozu bizdöne^ Räthselwort für Schwein, 
das fem. — €• bezdü bezdeti pedere; bezdas {bezas) crepitus ventris; 
bezdalas [bezalas) dss. 

i» blista blindo bljsti dunkel werden; pr^^-blinde Abenddämmerung. 

— €• blendiu-8 blendzaü-8 bl^sti-s NM sich verfinstern. — CT, blanr- 
daü blandijti, sc. akis die Augen niederschlagen (eigenll. »verdunkeln«), 
blandfjti-s sich schämen, vgl. dangüs isz-si-bländ^s der Himmel hat 
sich aufgeheitert BF 100 (gehört nicht, wie dort angegeben, zu einem 
inf. blqsti, sondern zu blandpi^ vgl. ebend. das pt. prt. f. isz-si- 
bländzim) . 

t« le blifchu^ blidu und blifu^ blift ULD (Bi hat nur e) aufdinsen, 
i =. tn, le bllfigs ein sich noch Entwickelndes, Zunehmendes (z. B. 
Kind), lit. pri-blista, blindo^ blisti KLD [] »im poln. Litauen in Ge- 
brauch«: fester werden - "fbl^zau bl^ioli KLD still, woran geschmiegt 
daliegen (dann blizau zu schreiben). — €• le blefchu^ bledu und blefu^ 



322 August Leskien, 1.60 

bleß aufdinsen , dick werden , e = en. — (l* le blüfe Gedränge, 
u = an\ hlandm nach KLD »bündig« (von der Suppe), nicht wäs- 
serig, nach N das Gegentheil: dünn, wässerig. — Ausser der Reihe 
le hlaifit quetschen, schmettern, schlagen. — Zweifelhaft wegen des 
Wechsels von f [z] und d. 

i. prät. bndaü bristi (zu bredü) waten - le caus. bridinät waten 
lassen. — l. brifdis m. das Waten - brijdau br^doti dur. intr. im 
Wasser stehen. — €• präs. bredü (zu bristi) , daneben brendu i 
638. 9 (Sz brindu = brendu)^ vgl. le bredu = ^brendu - bredzoli 
Sz iter. — U* bradd das Waten, die Pfütze; le braslis m. Furt; 
brastä Furt <^ bradaü bradpi; le bradät iter. (zu bristi); le brafchät 
iter.; bradinli caus. waten machen. — Ausser der Reihe lit. iter. 
braidaü braidijli; bräidzoii (vgl. le brafchät = *^bradzoti), 

i. br\sla brindau bristi aufquellen ~ brindau brindyli quellen 
machen. — €• br^Mu brendau bristi kernig werden, reifen, le breflu 
bredu brefli quellen, reifen; pr brende-kermnen schwanger; brendulys 
Kern - brendinti reifen lassen caus. — C^. ?le brnds Dachfirst; 
brända N das Kern-, Kornansetzen; le bräfchs {= Hrandjas^ das 
brandus vertreten kann) stark, völlig, vgl. brandj a. sg. J 1018. 6; 
brändalas NSz Kern ; le brusls (= ^brand-sla-s) stark, dick ; brandm N 
körnig, gefüllt, Sz (unter nieplenny) '^ pr nom. act. po-brandistian a. 
sg. Beschwerung, doch vgl. pr pobrendints beschwert (s. lit. bren- 
dinti) . 

t. bringstu bringau bringti theuer werden. — tt. brangüs theuer, 
denom. davon brangstu brangau brangti theuer werden N -* branginti 
theuer machen. 

i. brinkstn brinkau brinkti quellen, schwellen - brinkinti caus. — 
U» brankä das Schwellen (z. B. ins Wasser gelegter Körner) ; ? le 
adv. brankti fest anliegend, gedrang; "?bränksztas Bruch im Felde. 

i» brinksztereti Schnippchen schnellen, vgl. den Ausruf brinkszt^ 
der das Schnippchenschlagen bezeichnet. — U» bränksztereti einen 
kurzen schlagenden Ton hervorbringen, vgl. den Ausruf bränkszt dafür, 
dass. bräkszt und bräksztereti, 

i» czirszka Kreischer; czirszkltjs Wespe - czirszkinti kreischen 
machen. — €• czerszkiü czerszkiaü czerkszli klirren u. a. (doch auch 
czirszkiü); czerszkü czerszketi dss. 

i. le dile saugendes Kalb ~ le dilit säugen. — €• Ic det deju 



61] Der Ablalt der Wirzelsilben im Litauischen. 323 

nach ULD auch »saugen« (an der Brust) ; le dds Sohn ; dele' Bkit- 
egel, le dele; pirmdele' kärve Kuh, die z. e. M. geboren hat, pirmdelp 
Erstgeburt (von Thieren) ; le dejals Muttermilch. 

i. prät. düaü dilti sich abnutzen, le prSis. diklu; pus-dilis (s. 
nlylis); le diluns Auszehrung «^ dilinti; düdinti; dildyti J 841. 21 
caus. ; le dilindt caus. ; le dilül abschleifen trans. iter. — t» präs. 
dylü (zu dilti ) ; püs-dylis [menfi] Mond im letzten Viertel. — €• le 
pras. delu (zu dilt) \ delna flache Hand (nach Fick II. 581); delczä 
abnehmender Mond «^ le deldet caus. abnutzen. 

i. nu-dilb-stü dilbaü dilbti inch. die Augen niederschlagen; dilba 
Gluper; dilbinas dss. '^ dilbinti glupend umhergehen; dilbineti 
dem. iter. dss.; dilbm dilbse'ti glupen; dilbsaü dilbsöti dss. — 
e* delbiü delbiaü delbti [akis] die Augen niederschlagen, »vielleicht 
nur in dem Part, nwdelb^s akis^ die Augen niedergeschlagen, in Ge- 
brauch« K. 

i. le dilba; le dilbis m. Röhrknochen, Schienbein. — €• le 
delbs [delms) Ellenbogen; delba KLD Forkenstiel, vgl. \e delbis zwei- 
zinkige Gabel. — U. le dalbs, le dalba Fischerstange u. a. (Zur An- 
knüpfung an das Vorherstehende vgl. Fick 11. 583). 

i. dilgslu dilgati dilgli von Nesseln verbrannt werden; dilge N 
Nessel (gewöhnl. dem. dilgele)^ davon dilg^ne Nessel; dilgus stechend, 
brennend MLG I. 387 -' dilgau dilgyli caus. mit Nesseln brennen; 
dilginti dss. — U» dalgis m. Sichel (vgl. Fick II. 582), bei Sz auch 
dalge. 

im le dimstu dimu dimt dröhnen; le dima Dröhnung -- le dimd^t 
iter. — 6. Präsensf. le demu (zu dimt), 

e. dingstü dingaü dingti wo hingerathen (eigentl. wo verdeckt 
werden , wo sich verbergen) ; ? dazu dimstis f. N Hof, Gut, 
nach N am Haf gebräuchhch, wenn für dingstis^ wie nach N ebenda 
dimsta man für dingsta man (mich dünkt). — e. dengiü dengiaü 
dengli decken; dengä N Decke; uzdengalas Sz {atiidingalas ; unter 
zaslona) Decke; dengte N dss.; uidengtüve N Schild - dengine' ti iter. 
dem. decken. — «• ap-dangä Kleidung; dängalas Decke; dängtis m. 
Deckel; uzdangte Sz {vu pokq/wka) Decke; dangtuve N Deckel; dangüs 
Himmel «^ dangaü dangyli ; dangstaü dangst^ti iterativa (zu dengtt) ; 
danginti'S sich wohin begeben (caus. zu dingti) MLG I. 62, BF 106. 

i. dirti schinden VVP 100, nu-dirtas prt. prät. p. WP 75, Präs. 



324 Adgdst Leskien, 6i 

und Prät. zweifelhaft, KLD hat nach Kelch ein dyru dyraü dirii 
Rasen abstechen; "fdirvä Acker (d. h. bestellbares Ackerland). — 
i, le dträt (eig. iter.) schinden. — (l, le nü-dara Stange mit be- 
kapplen Aesten, le nü-daras f. pl. Abfälle (von Bast u. a.). 

%• dirhu dirbau dirbli arbeiten - dirbineti iter. dem. — U» dar- 
bas Arbeit, darbüs arbeitsam. 

i, dirgsiu dirgau dirgti in Unordnung gerathen (vom Gewehr: 
losgehen), sur-dirgti zornig werden J 876. 16, su-dirgo N ist schlechtes 
Wetter geworden - dirginti caus. in Unordnung bringen, püszkq pa- 
dirginti Flinte abdrücken; dirgau dirgyli in Unordnung bringen. — 
e. dii^gia d^ge dergti ist schlechtes Wetter; dergesis KLD Unfläther 

- le derdfetS'S Ekel empfinden; pr derge sie hassen. — (l. darga 
N schlechtes Wetter, dargus NSz garstig; padärgas kunstliche Ma- 
schine KLD, nach N allerlei künstliches unnützes Machwerk, doch 
auch: Geräth; därgana schlechtes Wetter. 

%• dirziü diriaü diriti zähe, hart werden ; ap-dirielis verhärteter 
Mensch; dirias Riemen. — U. fdärzas Garten, le darfs auch »Hof, 
Einzäunung«. 

i. le dribimt (neben drebinäl) caus. zum Zittern bringen, vgl. 
pr dirbimnan a. sg. Zittern. — €• drebü drebeli zittern; le drebeldis 
Schreckbild; drebulijs Schauer; drebule Espe; drebüs N zitterig - 
drebinti zittern machen. — U. drabüs zitterig KLD s. v. drebus. 

i. drimbü dribaü dribli langsam, dickflüssig herabtropfen; sti" 
dribelis (Scheltwort) Zusammengesunkener; pa-dribä N Augeniriefen. 

— t. dr^bau dr^boti dur. dick herabhangen, anhangen. — €• präs. 
drebiü (zu drebii) mit Dickflüssigem werfen; 'hlrebüzh (neben dra- 
büzis) Kleidungsstück. — €• prät. drebiaü drebii (zu präs. drehiu ; 
drebimus nom. act.; drebikas nom. ag. ; ?le drSbe Zeug, Gewand. — 
a. drabnüs N leicht anhangend, feist; 'Mrapanä^ gewöhnl. plur. drä- 
panos Weisszeug = *drab- pana(^}); ?dra6f/zi> Kleidungsstück (neben 
drebüzis) '-drabstaü drabslpi iter. (zu drebti), — O. 1 drohe Leinwand, vgl. 
Fick IL 381, drobüle Laken; ?le drana (für "^dräb-nal) Zeug, Wäsche. 

t. dr\8iü drjsaü dristi dreist werden, wagen; le drlkslet wagen 
(eig. iterat. ; t der Bildungszusatz, k eingeschoben). — €» Präs.- 
form dr^sii (zu dristi). — d. drqsä Dreistigkeit, davon drqms dreist, 
le drmchs = ^dransjas^ Vertretung von dransits; drqsius NSz dss. 
«^ drqsinti caus. dreist machen. 



63] Der Ablalt der Wurzelsilben im Litauischen. 325 

i. prät. 8U-driskaü (gebraucht, prtic. mi-drisk^s) driksti intr. zer- 
reissen; ap-driskelis Zerlumpter; isz-driskei pl. N Weichen (der 
Thiere); le driska ein Zerreisser; - drikslereti^ driksterti dem. ruck- 
weise reissen intr.; le driskät trans. zerreissen. — i. su^drykslü 
präs. (zu driskaü; so Schi. Gl. Don.). — 6. dreskiü präs. (zu dreksti) 
trans. reissen. — 6. prUt. dreskiaü dreksti (zu präs. dreskiü) reissen 
Irans.; dreskimas nom. act. ; dreskikas nom. ag. ; dreskejas nom. ag. 
— a. le draska Lump -- draskaü draskpi iter. (zu dreksti) ; le draskät 
dss. zerreissen. — Ausser der Reihe le draiska ein Zerreisser, le . 
draiskät (= draskät), 

i. gilüs tief; gilme Schi. Lsb. als zem. Tiefe. — t. gfyfe N 
Tiefe, le dfile Abgrund. — €• gelme Tiefe; le dfelwe Strudel. 

i. gilsta gilo gilti anfangen zu stechen (von Schmerzen), plötzlich 
schmerzen impers., bei NM ein gilu gilau gilti stechen (z. B. von 
Bienen); giltine Todesgöttin. — i. gylä KLD heftiger Schmerz; gybjs 
Stachel -* gylioti iter. stechen. — 6. präs. geliü gelli stechen; le dfelde 
Auflauf der Haut von Brennnesselstich; gelu (St. gelerir-) N Stachel; 
gelonis f. stechender Schmerz, Stachel ; gelmenis (Vertreter eines älteren 
^gelmü) N heftige Kälte; le dfelwa (neben dfelba) Auflauf der Haut 
von Brennnesseln - le dfeldel iter. stechen. — ^. geliau prät. (zu gelti)^ 
le dfdu; gelimas nom. act.; gelä KLD heftiger Schmerz. — Ct. 'Igälas 
Ende (= punctum?). 

%• gübstü gilbaü gilbti sich erholen, genesen -- le at-^ilbinät caus. 
aufleben lassen. — e. gelbu gelbeti helfen. — a# pa-gäWa Hülfe. 

i» prät. gimiaü gimti geboren werden, pr nom. act. gimsenin 
a. s. Geburt; pr per-gimam a. pl. Creaturen; po-gimis m. Natur J 128. 
7; pr preigimnis bhe pergimnis (gen. sg. im Text) Art und Natur; 
gimine Geschlecht (Verwandtschaft); le dßmta Geburt, Geschlecht; 
gimtis f. Geschlecht (sexus), pry-gimtis angeborene Art; gimtind' Ge- 
burtsort (zum adj. *gifntinis) ; gimtuve' Geburtsort -' gimdaü gimdpi 
caus. gebären, vgl. pirma-gimde primipara Sz (unter pieninastka) . — 
i. g^mis m. Geburt, Gesicht. — €• präs. gemü (zu gimti) ^ im pr. 
Kat. III mehrere Formen des primären Verbums mit e, z. B. gemton 
inf. »gebären«, gemmons prt. prät. a. geboren, act. in genimans ast hat 
geboren — die Richtigkeit dieses e wie die trans. Bedeutung sind 
nicht sicher; gema NBdQu Frühgeburt; le dfemde uterus - le d/eiwdÄ 
gebären - le dfenidinät caus. erzeugen. — U. gämas B Art, Geschlecht, 



326 AcGcsT Leskien, [64 

äp-gamas prS-gamas Muttermal; gamta G Natur (?) - gaminti caus. 
erzeugen. 

i. [genü) giniaü ginti treiben, hüten (Vieh); ginü {g^niau) ginti 
wehren, schützen; ginejas Viehtreiber; ginikas dss. ; ginklas Waffe, 
ap-ginkle Sz Schutzwehr, n[e)apgifüdus Sz (unter nieobwarawany) un- 
vertheidigt, unbewehrt; ap-gintis f. i-st. IG 158 Vertheidigung ; gincza 
Streit; ginluve N Festung ^ gindinti caus. (zu genü) treiben lassen; 
le dfidinäl iter. (zu dßl = ginti treiben). — t. g^niau prät. (zu giniij; 
gynimas nom. act. ; presz-gynis^ f. -e Widerspenstiger, vgl. presz-gyniuti^ 
-gyniäuü sich widersetzen. — 6. genü präs. (zu ginti treiben); genem 
Trift MLG I. 72 ; genestys dss. - le dfenät iter. (zu dfit = ginti trei- 
ben). — U» le gans Hirt, le ^ani ro.pl. Weide; isz-ganus N heilbringend; 
gäniava das Hüten ^ 4/anati ganpi iter. (Thiere) hüten, weiden. — 

0. nakli-gone Nachthut; nakti-gonis m. i-st. Nachtschwärmer KDL. — 
Ausserhalb der Reihe: gainiöti iter. (zu genü ginti) J 127. 3, le gainäi 
abwehren; le gainil treiben, verfolgen; geini^ »ein Ast nebst einem 
Stück Holz, behauen wie ein Brettchen zum Zurückschlagen des 
Kreisels {ripä)i(^ vgl. su-ginti »den Kreisel zurückschlagen« MLG 

1. 225. 

%• le ^inßu ^indu ^int zu Grunde gehen Bi I. 374. — €• gendü 
gedaü gesti entzweigehen, verderben inlr., pa-si-gesti sich sehnen 
nach; gedü gedeli trauern (um einen Verstorbenen). — €• geda 
Scham, Schande (pr gldan Scham, negidings schamlos, hat wahr- 
scheinlich l z=z e); gadzü-s gedeti-s sich schämen (eine 3. sg. prL 
su-si-gd'do 1 166. 6, von einem prös. ge'stu); gidus N Schamhaftigkeit ~ 
gedinli beschämen. — U. pagadas N Verderben - gadinti caus. ver- 
derben. — Zusammenstellung zweifelhaft. 

i* girä, le dßra Trunk, Getränk; giria Trank KLD [ ], pä-girios 
Nachrausch; girklas Sz Getränk (unter napoj); girtas betrunken (altes 
pt. prt. pass. zu gerti); girtüs berauschend; girtis f. u. girte N Sauf- 
gelage; ap-girtis m. KLDBd kleiner Rausch; ^irtt^t;^' Schenke «^ ^rt/'/t 
und giräuti N zechen (iter.), letzteres bei Sz (unter napijam sif); girdau 
girdyti caus. tränken; girdinti; le dßrdinät dss.; girsnuti (igirmöti)^ 
girksznöti 1 1046. 3 dem. iter. fortgesetzt ein wenig trinken. — 
t* le dftras, dftres f. pl. Gelage. — C. geriü gerti trinken; gerkle 
Kehle; ui-gertüves f. pl. Verlobungsschmaus; gerovelis dem. Trinker 
J 849. 3. — d. genau prät. (zu gerti); gürimas nom. act.; gdrikas 



^3] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauiscrei^. 3S7 

nom. ag. ; g^'ria Trunk, Trinken J 669. 1, bei KLD [ j als fem. i-st. 
aus NSz; geralas Getrönk BF 112. 

/• giriu girli loben; pr girsnan a. sg. nom. act.; pr po-girien 
a. sg. Lob. — %• prät. g^riau (zu girti) ; g^rimas nom. act. ; gyr^'jas 
nom. ag. ; gyrä Schi. Lsb. Ruhm, Prahlhans; ffijrius Ruhm. — €• geras 
(nach Fick IL 549) gut. — ^. g^^be Güte; gereü-s Wohlbehagen 
empfinden, sich gefallen. — €l. garbe\ garbä Sz Ehre, s. u. gerbti 

im girslü girdaü girsli zu hören bekommen, vernehmen; girdzü 
girdeti hören; girdp Hörer - girdena girdenti es geht das Gerücht; 
girdinü-8 N sich hören lassen, sich verbreiten (vom Gerücht). — 
6. gerdas giardas = gerdas B Geschrei, Botschaft, gerd-neszis Herold B 
- pr po-gerdaut sagen; gerdenii Sz (unter glosz^) Gerücht verbreiten, 
vielL fehlerhaft, denn z. B. unter gruchn^lo steht girdena (doch mehr- 
mals gierd- unter roujlasza), — «• gärsas (= ^gard-sas) Schall, garms 
schallend, gärsinti schallen machen; garsmas Ruf von etwas (= ^gard- 
mas) WP 221. 

i» girgzdzu girgzde'ti knarren ; ? le dfirksts, dßrkste Gicht, Späth, 
auch Hüftgelenk; ? le dßrksnis Leistengegend (ULD indess auch 
zirksnis, zirksle Biegung am Unterleibe, Weichen, dazu lit. kirksznis f. 
»das Gelenk zwischen dem Dickbein und Bauch«) -- girgidinti caus. ; 
girgzduti caus. J 908. 1. — ^. ? le dferkste = dßrkste. — d. le 
gargfda grauer, sandiger Boden. — Daneben gurgidi'ü in derselben 
Bedeutung. 

i* le prät. dßsu dßst (zu präs. dfSstu) erlöschen intr., kühl 
werden; gistu Sz exstinguor {unier gasn^i); ne-gisunei SzP 5 unlösch- 
bar (?); le dßsinät trans. löschen. — 6. gestü gesaii gesti intr. er- 
löschen; le dfeschu dfest trans. löschen, bei Sz (unter gaszff) gesiu 
(geschrieben giesiu^ wo i die Erweichung des g bezeichnet); gesme 
kleiaes eben noch glimmendes Feuer; le dfesma {dfßsma) der kühle 
Hauch am Morgen; le dfesirs kühl «^ gesati ges^H caus. löschen; ge- 
Sinti dss, — €• le dfösu prat. (zu dfest; auch präs. dfßschu^ in f. df^st 
werden angegeben) Bi I. 368. — Das le präs. dfestu kann als ausser- 
halb der Reihe liegend {e =^ Diphth.) gefasst, aber auch als ^dfenstu = 
^genstu erklärt werden. 

t. le gltwe grüner Schleim auf dem Wasser, Schleim; le gllßu 
glldu gliß Schlei tbig werden. — €• KDL unter »breiartig« hat ein 
gleja-s i dantis (klebt an die Zähne, sc. breiiges Brod) ; le glms zäh 

Ablundl. d. k. S. Gesellscli. d. Wissenscb. XXI. 23 



328 August Lbskien, [S^ 

(sich ziehend wie Schleim), schlaff u.a.; gle'mes ztther Schleim (rich- 
tiger gUmesTj^ vgl. glemis G. 

i. glibp N triefäugig. — 6* glembü gkbaü glebti N, 6 weich 
werden, zerfliessen. 

i. grimslü grimzdaü grimsti sinken, le gririMtu grimu grimi '^ 
le grimdinät caus. versenket). — €• gremzu gremzau gremsti NQu 
senken {z dial. für zd) ; le gretndet; le gremdinät caus. versenken. — 
(€• gramzdüs tief sinkend -- gramzdaü gramzdyti; gramzdinti ver- 
senken. 

i. grindzü grindiaü gristi dielen; le grlds f= ^grindas) Fuss- 
boden, Diele, pa-grindai Bohlenlage auf Brücken u. s. w.; grinda IG 
178, le grlda Diele; grindis f. Dielenbrett; gristas N Diele. — 
€• ? le gresti (= ^grenstai) m. pl. Oberlage, Zimmerdecke. — d. le 
grudi (= *grandai) m. pl. Holz zum Einfassen, lit. grändai BF Latten 
auf den Deckbalken des Stalles; pagranda Sz (u. poklad) Diele; le grur- 
des f. pl. Holz zum Einfassen; grandis N aus M, nach N f. Radreifen, 
Armband. 

i, gr\stü grisaü griMi überdrüssig werden. — €• gresiu gresiau 
gresli entwöhnen (so lese ich G's griesti^ at-griesti^ nu^griesli^ wo i 
wohl nur das weiche r bezeichnet). — Ä. grasä Ekel, gra^üs ekel- 
haft '^ grasaü'S grasj^ti-s sich ekeln; grasinti Jemandem etwas verekeln. 

%• gr\ztü gr\zaü griUi zurückkehren ; grizo rälas der grosse BSir ; 
grizulas Reitbahn, grosser Bar; griiule KLD [] Deichsel; le grifeklis 
eine Art Riegel; grizte Büschel (Flachs); su-griitis f. i-st. IG 157 
Rückkehr ^ grizoii KLD schwanken; gr{ztereti dem. sich ein wenig 
verdrehen, verrenken. — €• grpziü grfziaü gr^ili drehen, bohren, 
le grefchu grgfu gr^fi; le grgfa^ gr^f-gdwa Wendehals (= ^grenf-) ; 
le grefchi m. pl. (= ^grenfja-) Mondphasen; grfztde' N Deichsel; 
le grefnis Drillbohrer. — U* at-grqzas N Wiederholung, Strophe; 
sur-grqza Sz (unter odwrol) Rückzug; le gru^ch (= ^granf-jas) drall, 
stark gedreht; le grüfchi m. pl.; le grufchas f. pl. Lenkseil (= * granf- 
ja-) ; grqzulas NSz Deichsel ; grqztas Bohrer - grqzaü grqzijii (le grufii) 
iter. (zu gr^iti); grqsztau grqsztyü N dss.; grqzinti umkehren machen. 
— Ausser der Reihe le graißl in der Bedeutung »hin und her wen- 
den« iter. (zu gr^ß) ; ? le greifs schief. 

i. gvildU^ g^ld^s KLD [ ] Ausschlauber ; gvildau gvildyti aus- 
schlauben; vgl. gvilbinti schlaubig machen J 1018. 3, 4. — €• pa-- 



67] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 38d 

gvelbli WP 155 entwenden, aber 173 pd-gveldi^ d. i. pa-gveldf pt. 
prt. a. plur. m. — d. gvaldus leicht aushttlsbar ML6 I. 388 '^ gval- 
daü gvaldyti ausschlauben J 683. 6, gvalbyti G dss. 

i. ilslü ilsaü ilsti mUde werden ; iUiu-s üseti-s ruhen ; ät^lsis f. 
Ruhe «^ ilsinti N müde machen. — e. ?)e elschu elsu eist keuchen, 
vgl. eküti und almti WP 183, 162 keuchen, atbmen. — d. alsä 
Müdigkeit, alsm müde, isz-alsuli -- alsau alsyti N ermüden caus.; 
alsinti dss. 

i, imü imti nehmen; isz^mga KLD [] Ausgedinge, Altentheil; 
imejas Nehmer - imdineli Sz iter. — €• le präs. jemu^ inf. jemL — 
€• emiau prät. (zu imti) ; emimas nom. act. ; emikas nom. ag. ; le 
prät. jemu. 

i. ingsta ingo ingti abgehen (von Haaren des Felles u. a.) MLG 
I. 68; ingis Faullenzer; ?dazu le Igslu idfu igt innerlich Schmerz 
haben, verdriesslich sein, torpere; le idßnät verdriesslich machen, 
necken. — €• nu-engti BF abschinden (Stück Haul), skürq iszengti 
beim Gerben abstreifen, zvjlines nuengti abschuppen MLG I. 68, iszengti 
kaili WP 159, 160, bei KLD engiu engiau ingti »etwas mühsam und 
schwerfällig thun, ärkl\ nuengti ein Pferd abquälen, abtreiben, vgl. 
le engH ULD turbiren. — Cl» 1 angä Öffnung; äfiksztis f. i-st. Hülse 
(z. B. von Bohnen). 

i. nu-inksla inko inkti verschiessen (von der Farbe); le ikls 
(lies lÄfe?) und ils (= ^inklasf) stockfinster. — €• jenkü jekaü jekti 
erblinden; ap-jekelis Verblendeter. — a. äklas blind. 

i. iriü irti rudern; irklas Ruder. — *. j^riati pröt. (zu irti); 
pimas nom. act.; \e iräjs nom. ag.; iszryra^ iszyri N Anfahrt für 
Kähne (wenn eigentl. )>Uferausschnittc< bedeutend, zum folgenden). - — 
a. pr artwes Schiffreise. 

i» prät. iraü irti sich auftrennen, le präs. irstu (auch lit. bei NSz); 
sur-irelis gewissermassen »einer, der entzweigeht«, d. h. Unentschlos- 
sener, Verwirrter; pä-iras locker; ankszt-irai^ änkszt-iros Maden 
(eigentl. Huisen-trenner, -bohrer, äfiksztis Hülse) ; le irdens locker -- 
le irdü; le irdinät trennen, lockern. — t» yru präs. zu irti. — €• le 
erfchu [erstu) erdu erst ULD trennen; irdvas weit, geräumig, le erds 
locker, bequem; erdvä KLD [] Geräumigkeit; ertas geräumig WP 211. 
— €• j^kä pra-j^rkä Schlitz. — Ol. ärdai Stangengerüst zum Flach»* 
trocknen; le ardaws ULD = irdens locker; ardus zerstörend MLG 

18 • 



330 August Leskien, [68 

I. 386; 1 arhlai [arkilai) Stangengerüst in der Brechstube (=::: äriai^i\ 
le ? ap-ariUg iibei der Scheune ausgebreitete Heuhaufen zum schliess- 
liehen Übertrockpen« ULD «^ ardaü ardjjfti trennen. — A« ara^ Lufl» 
te ärs das Draussen (nach Fick 11.518 hierher gehörend). 

i. kimbu kibaü kibti hangen bleiben, i-kibti über Jemand her- 
fallen, angreifen, z. B. WP 98, 108; kibfi kibeli sich regen (zum 
BedeutungsUbergang vgl. u. k^burtt)^ vgl. kibzdü kibzde'ti wimmeln; 
kib^s G Klette; kib-irksztis f. Funken; kibehlas KLD [] (N kybeklas) 
Fischerhaken, kibekle N Art Haken, kib^klas KLD künstlicher, in 
einander greifender Mechanismus; kibiras Eimer «^ kibinti caus. (zu 
kibd'li) eigentl. zappeln machen, necken, zupfen; le kibinät reizen. — 
t. k^bau kijboli dur. hangen; kjburti^ kijburioti hangend zappeln, 
überh. zappeln. — €• kebeklis m. Haken; keblikas dss.; keblüs N 
holperig (vom Wege), vgl. keblineti hin- und herhüpfen; kebenekas 
Haken; kebesza N Misthaken. — |5. fke'pszlereü »einmal leicht zu- 
hauen oder zuschlagen, etwa mit dem Schnabel« u. s. w. KLD. — 
€i» kabü kabd'ti hangen; le kaba Sparrbalken mit Wurzelende u. a. 
Gebogenes, üi-kaba Vorhang, ap-kabä Umhang; kabe Haken; le kablis 
HSikchen, Heftel, kablp Misthaken u. a., auch »Necker«; kabus sich 
leicht anhängend; kablus dss. MLG L 388 ~ kabinli caus. hängen; 
le kabinäl dss.; kabineü iter. dem. (zu kabinli); Ikapsznöii picken 
KDL s. V. bicken. 

i. kilslu kilaü kiUi sich heben; kilm6 Abkunft, Geschlecht WP 
160, isz-kihne dss. z. B. JSv 61; kilna» N erhaben; pra-kilnüs statt- 
lich ; kiltis f. i-st. Geschlecht, le zilts (i-st.) dss. ; le zilta dss. ; at-kilüs 
offen -* kiWti dem. trans. heben J 599. 6 (s. kylüU); küuU iter. 
trans. heben, z. B. J 274. 3; le zilät iter. heben; le zildil; le züdinOl 
zu etwas bewegen; le zilinäl iter. heben; kilnöti iter. beben; kilmoti 
dss. — l. Präsensf. kylü (zu killi) ; m-hylä N Anhöhe ~ kyleti dem. 
ein wenig heben; kyloü LB 336 iter. heben. — 6« keliü kellt heben; 
Ikelias Weg; nom. ag. kelejas Hebender; Ikilmas Baumstumpf; kel- 
tuv6' Stock am Dreschflegel, le zeltawa kleine Fahre ^ le zelät iter. 
(zu Zell =: kSUi), — ^, prät. ke'Uau (zu kelU), le züu; ke'limas 
HDtn. act.; le nom. act. zUem zu Tragendes, Garbenreihe u. a.; le 
QOtn; ag. zelajs;^ zekjs Überfahrer (Fährmann). — Ct, le kata Hebel; 
kßlms' Bevf;; kalvä Hügel. 



69] Der Ablaut der Wurzelsilmcn im Litauischen. 331 

L kilpa Steigbügel, Schlinge, kilpine und kilpinis m. Armbrust. 

— a. kalpa Querholz am Schlitten, das die Kufen verbindet. 

t* kimstü kimaü kimti heiser werden; kitnus heiser; kimfilis 
Heiserkeit «^ kiminii heiser, dumpf machen (die Stimme). — Ct. ka^ 
mine Feldbiene, kamäne KLD [] Art Erdbiene (nach Fiök IL 320 
hierher gehörig), le kamines Hummeln, pr kämm Hummel. 

i. prät. himszaü kimszti [{zu prtts. kemszü) stopfen; kimsza Dach- 
luke; kimszis f. i-st. N Stöpsel; kimsztis f. i-st. N dss. ^ kimsztereti dem. 

— e. kemszü prSs. (zu kimszli), — €l» f-kamszai Füllsel KDL; kam- 
sza Stopfung, Damm, nach MLG L 69 auch »unnützer Ballast«; kamszr- 
Ip Stopfer, Vielfrass; kamsztis m. Stöpsel «^ kamszaü kamsz^li iter« 
(zu kimszli). 

im kinka Kniekehle der Thiere, Hesse; pakinkä Anspann -^ kinkaü 
kink^ii anspannen. — e. kenkle Kniekehle. 

i. iem-kinlis adj. den Winter über aushaltend (z. B. öbulas). -^ 
e. kenczii kenczaü (le zelu =: "^ketUau) kfsti (und kente'li) aushalten, 
leiden. — €i. pa-kanta Geduld, nap^kanta Gehässigkeit [rCapkenczü 
ich hasse) , napykantm verhasst Sz (unter nienawislny) ; kanczd Schmerz, 
Qual; kantriis geduldig; ne-kantus unruhig BF 145. 

* — i. i-kirUG sich ekeln; pa-kj^r 3. sg. präs. überdrüssig wer- 
den JSv 42; kire'ti J 855. 10 böse werden, ap-kireli WP 72 über- 
drüssig werden, i-kyri'ti MG L 70 zum Ekel werden (bei N ein 
kyru kyrti; kyru kyreti in der Bedeutung von kerSti); j-kirus WP 25 
feindselig, f-%n« MLG L 70 widei-wärtig. — €• keriü kere'ti Jem. 
verzaubern, Böses anthun. — €R. ? karas^ le kafsch = *karjas Krieg. 

i. ? le k'irna Plackerei, Händel (vgl. indess das vorstehende 
\^rlt u. s. w.) •- le k'irinät iter. (zu k'ert). — 6. le k'ehi k'ert 
fassen, greifen. — ^. prät. le k^ru (zu Kerl); le k'erens Griff; le k'e- 
rlba Ergreifung; le kerßjs Dieb (Greifer). — d» le karinät iter. 
necken, reizen (vgl. aif-kaHi, käru^ karl anrühren, antasten). — 
Zweifelhafte Zusammenstellung. 

i» le zirta (= ^kirta) Locke (?zu zirst = kirsU^ vgl. zirgte-s 
sieh kräuseln). — €• le zera (= "^kera) Haupthaar; le zerba (= *kerba) 
Locke. 

i» Kt. kirmele' Wurm, kirmis N dss.; kirminas grosser Wurm, 
le zirmiAsch Milbe. — €• le zerms^ zerme Wurm. 

i. prät. kirpaü kirpli scheeren ; por-kirpos Abschnittsei ; le kirpis 



332 Adgcst Lbskibn, [70 

Holzwurm ; le zirpe Sichel ; kirptüves Scharschurfest -- kirptereli dem. 
iter. ein wenig scheeren. — €• kerpü präs. (zu kirpti) ; ? kerpe Moos 
auf Dächern, Steinen, le zerps, zerpa Hümpel, Grasbüschel u. s. w. — 
a. kdrpa Warze, ät^arpos Abschnittsei; atr-katpai dss.; le kaipis 
Warze «^ karpaü karp^ti iter. (zu kerpü) ^ le karpü dss. scharren. 

i. prät. kirtaü kirsti hauen; air-kirta N Schlacke; kiript m. und 
kirtf^s Hieb; kirsczä (in kirsczomis eiti auf den Hieb gehen, sich 
schlagen); kirstüvas N Lanzette -- kirstereü dem. iter. (zu kirsti). — 
6. präs. kertü (zu kirsli). — U. kartä Schicht; kärtas Mal; "! kariiis 
bitter (= schneidend, Fick II. 322), davon denom. karstü karlaü 
karsti bitter werden. 

im prdt. kirszau kirszti N zornig werden, pakirszli B entbrennen ~ 
kirszitUi zum Zorne reizen. — €• präs. kersziu N (zu kirszliy kann 
richtig sein, eher erwartet man kerszu oder kirszlu) ; kerszingas zornig; 
kerszlas Zorn; kerszüs NSz zornvoll -^^ kerszyli zUmen. — CS. le fcar«/fi 
/Mir^u A^r«< erhitzt werden; karsztas^ le fcar^to heiss; karsztis m. Hitze ~ 
karszinli N erzürnen; le ftar«^< erhitzen. 

t. le ap-klibstu Hibu klibl lahm werden; klibü klibeti wacklig 
sein; le klibs lahm; klibis Messer mit wackliger Klinge -^ klibinti 
wacklig machen. — €• klebü klebe ti wackeln, klappern (Zähne). — 
a. klabü Uabeti klappern; le klabik'is Thürklopfer; le klabeklis Klopf- 
brett; le klabala Klapper «^ klabinü N caus. klopfen; le klabinäl an- 
klopfen, klappern. 

i. klitnpslü klimpaü klimpli einsinken (in Schlamm etc.). — 
d. klampä N Sumpfstelle, klamppie Morast, klampus sumpfig •« klam- 
poti iter. mit Einsinken über einen Sumpf gehen. 

i. knibü knibaü knibii zupfen, klauben «^ le kniböt und knibinät 
iter. klauben. — l» kwjburioti KLD »mit irgend einer Hand- oder 
Fingerarbeit beschäftigt sein« (auch kniburioti). — e. kneberUi klau- 
ben; knebine ti iter. dss. — €• knebiü knebiaü kne'bti KLD leise knei- 
fen. — CL. knabü knabeti N schälen (Kartoffeln u. dgl.) ; knahüs NM 
langfingerig, diebisch, geschickt -- knubine'li N = knebini'li; le knab- 
stit ULD picken. — A. le knäbju knäbu knäbt picken, zupfen «^ le knabät 
iter. — Vgl. dazu le knebju knebu knebt zwicken (K's kne'bti viel- 
leicht auch knSbti zu schreiben: e und e gehen bei K beständig 
durcheinander); le knaibit iter. 

*• kribzdü kribide'li wimmeln. — €• krebzdü krebideti rascheln. 



"^^l Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 333 

t« prtkl. krimtaü krimsti nagen; le knmsli m. pl.; le knmslas 
f. pl. Abgenagtes, Überbleibsel; Xekrimslis Knorpel; X^krimstalas und 
krimsieles f. pl. Knorpel; krimsius Sz bissig, gefrässig. — e. prüs. 
kremlü (zu krimsti); kremsle Knorpel. — Ä. kramsle KLD [ ] Knorpel; 
kramtüs Sz {krumtus; unter uszczypliwy) bissig, zänkisch; kramslus 
Sz (dort krumslus) bissig (übrigens sind vielleicht knimlxis wie krufn- 
sitis part. präs.) «^ kramtaü kramtpi iter. (zu krimsti) ; /e kramstlt dss. ; 
kramsnöti dem. iter. 

i» kripsztere'ti kurz und leise rascheln. — C^. krapsztas N Kratz- 
hamen «^ krapszlaü krapsztpi umherstochern, scharren; krapsztinüli 
iter.; krapini'ti stolpernd umhertappen. 

i. krintü kritaü kristi fallen (von Blättern, Tropfen u. a.) ; kritis 
f. i.-st. Fall; le kritals Lagerholz; le krital'a umgestürzter Baum; 
krislas Brocken, le krisls Stäubchen. — t« le krilarat dem. iter. oft 
ein wenig fallen. — €• präs. kreczü schütteln; kretü kretÜti sich hin 
und her bewegen, sich schütteln, wackeln z. B. J 866. 8; le kre-- 
tulis Art Sieb. — ^. prät. kreczaü kre'sU schütteln, schütten; kretimas 
nom. act.; kretikas nom. ag.; krelöjis dss.; f krets und krete Hahnen- 
kamm, Mähne ; kritinp gedüngtes Ackerstück. — CK« i-kratas^ inkratas 
Betteinschüttung; pa-krdczos zu Boden fallender Heusamen KDL; 
kralüs hart trabend «^ kralaü kraipi iter. (zu kre'sti) ; le kratinät iter. 
schütteln. — Ausser der Reihe le kraität taumeln. 

i« kvimpü kvipaü kvipti anfangen zu riechen. — €. präs. kvepiü 
(za kvSpti) ; kvepiü kvepe'ti duften ; kveputi keuchen J 628. 5 (KLD 
kveputi). — dm prät. kvepiaü kve'pti (zu präs. kvepiü)^ bei KLD 
kv6piü (Schi, kvepiü) kvepiaü kvepti^ vgl. le kw^slu kwöpu kwept 
qualmen; kvepä KLD kurzer Athem, davon kveputi keuchen, kvepus 
KLD [] engbrüstig; le kw^pes f. pl. Qualm; kvepalai wohlriechende 
Dinge '^ le kwSp^t; le kwäpinät räuchern; kvepszczöti keuchen. — 
a» kväpas Hauch, Duft, kvapus wohlriechend MLG L 389; kvapnus 
dss. ebend. •« kvapstaü-s kvapsipi-s iter. fortgesetzt athmen. — Vgl. 
dazu le küpstu küpu küpt beräuchert werden ; küpöt rauchen ; küpinäl 
Rauch machen; küpains rauchig; lit. küputi schwer athmen. 

i. le Vimstu Vimu timl ULD unter schwerer Last zusammen- 
sinken, knicken (eigentl. brechen?), pr limtwei brechen trans. — 
€• lemiü lemU Jemandem etwas als Schicksal bestimmen; pr lemlai 
3. sg. opt. präs. — ^« lemiau prät. (zu lemti), — CK. le lams und 



334 Augost Lbskien, [79 

lama (== luma in der Bedeut.' '^ lämdau lamdyti zähmen, zureiten, 
zur Arbeit anhalten (Pick II, 681); laminti dss., zur Bedeut. vgl. 
KLD aplamdyti, aplamtnti geschmeidig machen; lamstaü lamst^ti ver- 
wunschen iter. (zu lemti]. — Ä« lanm Ziel (za lemti)^ Schicksal 
{isz sävo lömos, kür?- devs bus lemfs MLG I, 65), le lüma Mal; ie 
läma {läms) niedrige Stelle, Einsenkung des Ackers, lit. hrnd dss: 
N, vgl. J. 1174. 16. — Die Zusammenstellung zweifelhaft. 

i. prät. lindaü listi (zu präs. lendü) kriechen; lindu [lindtü) 
lindüti N kriechen; lindyni Versteck «^ Imdau lindoU wo stecken; 
lindine ti dem. iter. (zu listi). — e. prÄs. lendü (zu listi). — 
a. landa Flugloch (der Bienen), ländyne Winkel; le lufcha (= Handic) 
Schleicher, vgl. lit. ländius Kriecher; landonis f. Wurm (Finger- 
krankheit); le lusts (= Hanslas) Versteck, Taubenschlag; Itisla (KLD 
lastä^ pl. läslos ^ bei J Iqnstos) Nest zum BrUlen fUr Gänse ~ ländioti 
iter. (zu /f^/i), le lüdät\ landinti caus. kriechen machen; le läfchinätj 
lüfchnät iter. hin- und herkriechen. 

i. linguti, lingöli iter. hin und her, auf und ab bewegen, 
schaukeln; lingeti J 591. 2 schwanken; lingau {lingoju) lingoli N 
schweben, wackeln (mit dem Kopfe); linktereli dem. it. ein wenig 
mit dem Kopfe nicken (wohl zu lenkiü) ; linginele i 793. 4 Schaukel 
(dem. eines lingine); le ligsle Schwungstange der Wiege; "f palingnas 
N demüthig. — Ä. langau [langoju) langoti N schweben, sich wiegen, 
le l'ügäte-s wanken; le ludfUe-s sich schaukeln, recken; "llangas 
Fenster. 

i. linkslü linkaü linkti sich biegen, sich neigen; linkiü linke'U 
JSv 9, MLG I, 377, Schi. Lsb. wünschen (sich neigen zu), bei KLD 
als dem. sich ein wenig neigen (zur Bed. vgl. kam prilinkfis büU 
lern, geneigt sein; änt kö linkes zu etwas geneigt); -linkai^ -link 
-wärts, ap-linkui herum, ap-linka Sz Umgegend, aplinkomis sukU Sz 
umdrehen (unter obracam), vSnlinkas einfach; le liks {= Hinkas) 
krumm; linkis m., le lizis Biegung; linkus N biegsam; ^linksmas 
fröhlich «^ linktereli it. dem. ein wenig mit dem Kopfe nicken; 
linkszczoli dem. intr. einknicken; linksaü linksöti gebückt stehen. *— 
e. lenkiü lenkiaü lenkti trans. biegen ; lenki Vertiefung, kleines Thal ; 
perlenkis m. Antheil an etwas; lenkmene BF 135 Knie-, Ellenbogen- 
gelenk; le lekns und /elsna Niederung, feuchte Wiese; le /^Am« niedrig 
gelegen (von Feldern) ; lenktyn begti in die Wette laufen. — a. länkas 



73] Der Ablaut der Wurzelsilben m Litauischen. 335 

Reifen, le luki m. pl. Handbaspel; le luks^ l&kam^ Uikains biegsam; 
hmkus biegsam; {-lanka Einbiegung, kmkä Thal, ap^-^lanka adv. inst. 
s., ap^-lanh^mi^ adv. i. pl. auf Umwegen, apylanka Sz convexilas; 
länksmas Biegung; Imkslas Sz dss.; länkiis m. Haspel -^ lanköti; 
lankioti iter. (zu lenkli); lankaü lanköti besuchen, le InzÜ iter. (zu 
l^kt = lenkti) ; lankstau lankstpi iter. (zu lenkti) . 

i» midüs Meth. — €• medus Honig. 

i. mikenii KLD [ ], als südlit., meckern, stottern. — €• mekenli 
meckern, stottern; mekl^s Stotterer; mehnp dss. — CK. maknp 
Stotterer. 

i, milinfjs Stock der Handmühle; le milna dss.; miltai Mehl. 

— e. melmu Nierenstein (nach Fick II, 630); pr meltan Mehl. — 
Um maliü maliaü mälti mahlen; malünas Muhle; malnos N Hirse 
(nach Fick 1. c). — Ct. mölis m. Lehm, le mäls = *inäla8 (nach 
Fick I. c). 

i« mildus Sz fromm, mildybe Sz Frömmigkeit. — ^ €• meldiü 
meldiaü mehli bitten, refl. beten. — CL. maldä Bitte -^ maldaü malr- 
dpi iter. (zu melsti). 

i. milszü (Jaü präded milszti das Gewitter fängt an sich- zu- 
sammenzuziehen) BF 142, le milst milsa milsl es wird dunkel, ein 
piäs. müstu ich rede verwirrt Bi I. 368; le mils ULD Phantasie, 
Alp (kann = ^milsas sein, aber auch = *milas^ Casusformen sind bei 
U nicht angegeben) . — €• le meUschu melsu meist verwirrt reden ; 
? vgl. le melns schwarz. (Bi I. 378 auch ein prät. melu schwarz 
werden) ; lit. melas Lüge. — €• lit. melys pl. f. i-st. blaue Farbe, 
me'lyna^ blau. — a. le maldit in die Irre gehen ; le maldinät in die 
Irre fuhren. — Zusammenstellung z. Th. zweifelhaft. 

i. prät. le milfu milft schwellen; le milfe grosser Haufe; le 
fnilfens^ lit. miltinas Riese. — 6. präs. le melfu (zu milft). 

i. prät. milzau milzli (zu melzti) melken; milituve Melkgef^ss. 

— Sm mäzu präs. (zu miltti); oszka-melze Ziegenmelker (Vogel). — 
€t. pamalii kärvd leichtmelkige Kuh, m. wäre malzm •« mältau mal- 
zyti iter. (zu milzti) ; mdlzinti dss., ap-m. bändigen. 

i. prät. miniaü minti (zu präs. menü) gedenken; [menü) minÜti 
gedenken, erwähnen; le mina [nu wiAa ne miiias naw von ihm isl 
keine Erinnerung, keine Spur); pa-minklas Andenken; le mikla = 
^minkla Räthsel; at-^mintis f. i-st. Gedächtniss. — %• myniä, nur in 



336 AuGDST Lbskieh, [74 

der Redensart: nei tn^nio neturiu ich habe es nicht einmal in Ge- 
danken. — e. menü präs. (zu miniiy mineti) ; menas NSz Yerstandniss ; 
atr4nenÜ8 (auch at-manus nach KLD) leicht erinnernd. — O» iszmanoi 
J 693. 10 Verstand, vgl. f-ntantw verständig; le at-maria Besinnung; 
isir^nane i 844. 11, 1162. 9 Verstand; mqsUs f. i-st. Erwägung 
(zum Nasalvocal vgl. Sz's mmtis = mansiü^ s. v. mysl), mqstaü 
mqsl^U überlegen, bei J 1205. 1 und oft »die Todtenklage halten«, 
mqsti'jas Todtenbeklager, mqstele (dem.) Todtenklage ^ manaü fM- 
n^ti verstehen. — €tm nü-mona {isz numanos kq danjü nach dem unge- 
fähren Mass, aufs Gerathewohl etwas machen) ; isz-monis J. 1211. 12 
Verstand; prärmani Erfindung {pror-man^ü erfinden), sq-mane guter 
Verstand, sq-manus begabt. 

i. minü minti treten, minti-s N ringen ; pa-minos Abgänge beim 
Flachsbrechen, le pa-mina Tritt (z. B. am Wagen); le äd-minis 
Gerber (eig. Hauttreter); mitUü f. i-st. N Ringkampf; mtn/tii^ai Flachs- 
breche «^ tnindioti iter. — t« tn^mau prät. (zu minti) ; m^tnas 
nom. act. ; mynia N Haufen, Gedränge (bei Sz, der die Quantitäten 
nicht scheidet : minia ; ebenso IG 1 50) ; le tninis und mlne Stelle, 
wo Lehm getreten wird ^ mpUoU^ le mlnät iter. (zu minti) ; le midU 
dss. — €• Nach Fick's (II, 636) Vermuthung hierher menenlwey 
(führen) im 2. Gebot des 1. preuss. Katech. 

im minidas Teig ; le mikla dss. ; le mlkns weich (vom Wetter) ; 
le mikne weiches Wetter {i = in) ; minksztas weich •«» minkau minkyü 
kneten. — C^. manksztaü mankszl^ti erweichen; mänksztinti MLG I. 71 
dss., manksztinU KDL. 

i. mirsztu miriaü mirti sterben; numirelis der Todte; bad-mir^s 
Hungerleider; nunmindis Sz Epilepsie; mirtis f. i-st. Tod, bad-mirte 
N Hungersnoth, vgl. bad-mirszczöti Hungersnoth leiden; mirtind das 
Sterben; mirsztus Sz sterblich (unter niemiertelny^ wenn nicht pt. 
präs. = mirsztqs), vgl. le mirsltba Sterblichkeit «^ mirineli iter. dem. 
fortgesetzt langsam hinsterben. — t. mpis m. das Sterben MLG I. 
229. — €• merdiu merditi im Sterben liegen; le merdit trans. ab- 
mergeln. — e. le m^ris m. Pest. — : CL. märas Pest (gegen Brückner 
doch wohl echt litauisch, bei J bedeutet es oft nur »Tod«, z. B. 
1150. 23); nurmaru Sz Epilepsie; martuwe Sz Pest (u. powietrze) •« 
marinli eig. »sterben lassen«, beim Sterben Jem. zugegen sein, auch 
otOdten« (nu-martft/t) . 



75] Dbr Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 337 

i. le mirgstu mirgu mirgl flimmera, blinken; mirgu mirgeti flim- 
mern; le mirgas f. pl. plötzliches Hervorblinken ^ le mird/indi schim- 
mern lassen. — a. märgas bunt, davon denom. margstü margaü märgti 
bunt werden, märgüti bunt schimmern, märginli bunt machen; le 
marga Schimmer ~ märgaliüli bunt schimmern; märgstyti-s {mislys 
präded — die Gedanken fangen an sich zu verwirren) BF 139. 

im mirkstü mirkaü mirkti eingeweicht werden; mirka N Flachs- 
röste <« mirkaü mirkpi einweichen; mirkinü Ass.; mirksaü mirksöH 
eingeweicht sein. — e. merkiü merkiaü merkti einweichen ; le merza 
Feuchtigkeit; ie merze Tunke ^ le merzet iter. tunken. — d. marka 
Flachsröste; le marks und marka dss. ~ markaü marh^ti iter. (zu 
merkti). 

i. pus-mirkis {püsmirkis äkys halbgeschlossene Augen); mirkl^s 
Blinzler, le mir^M Blick, vgl. mirklioti blinzeln, mirklineli iter. dem.; 
mirksnis m. Blick, davon mirksnioli blinzeln «^ mirksiu mirkse'ti blin- 
zeln; mirksaü mirksoti mit offenen Augen dasitzen; mirkczoHy mirk- 
szczoti blinzeln ; mirktereti iter. dem. schnell Blicke thun. — 6« merkiu 
merkiau merkti die Augen seh Hessen. — Cl. üzmarka einer, der etwas 
aablinzelt '^ markstaü marksl'jti iter, (zu merkU). 

t. mirsztü mirszaü mirszti vergessen »^ mirsze'U dur. nicht im 
Gedächtniss haben. — €• merszu (merszeju) merszeti N ausser Acht 
lassen (viell. für richtigeres mirsze'ti). — CK» märszas das Vergessen; 
nzr-marsza N Vergesslichkeit, uiö-marsza und üirmarsza vergesslicher 
Mensch, marszüs^ uz-mar«zu« vergesslich; le aif-marscha {=. *mars-ja) 
Vergessenheit ^ marszinti vergessen machen. 

i« prdt. niraü nirti^ prt. prät. a. iszr-nir^ aus dem Gelenk ge- 
kommen (präs. zweifelhaft, KLD ngiit^ nirü'?)\ vgl. le mr(, nirtis ULD 
tauchen intr. ; le nira Taucherente «^ le nirdäl untertauchen trans. — 
6« neriü nirti untertauchen, einfädeln. — ^. prät. neriau (zu nerti) ; 
ne'rimas nom. act.; nerikas nom. ag. — Cl. näras Taucherente; 
iälczo isznara abgeworfener Balg der Schlange; naromis (i. pl. zu 
einem narä) plaükti unter Wasser schwimmen ; nar^s Knöchel, Gelenk, 
Kettenglied, sq-naris m. Glied; nartas N Ecke; narva N Zelle der 
Bienenkönigin, vgl. üinarve KLD [ ] Versleck *« naraü nar^i ein- 
renken ; narifUi dss. ; närdau närdyti iter. (zu nerti) untertauchen ; 
närstau narstyti dss. — ä. le närs und näre Klammer, närät ver- 
klammern. 



338 August Lbskibn, [76 

i. nimtü nirszaü ntrszti ei*griolmen (so KLU), daneben tiirslü 
nirtaü nirsU starrsinnig werden, f^irtfs ergrimmt (die Wurzel ist nirt; 
nirszlü ist vielleicht aus nirstii entstanden, vgl. mirsztu^ daraus ein 
fnrszr- (ÜT die weitere Flexion abgezogen) ; ap^irtelis Stairkopf, a/mtr- 
gzilis dss., f^irszilis Jähzorniger; nirstus N (vielleicht prt. präs. = 
nirstqs) zornig *• nirtirUi KLD [ ] in Zorn bringen. — €• nerczü-s ner^ 
czau-s nersti-s Sz (unter hawi^ ^) einer Sache obliegen (eigentl. : sich 
auf etwas versteifen) ; isznerteti G seinen Eigensinn ausdauem lassen ; 
pr er-nertimai wir erzürnen; pr nerUen a. sg., nerties g. sg. Zorn. — 
n. närsas (=: ^nart-sa-s) Zorn, narms grimmig J 1082. 12; narsztas 
Zorn BF 146 '<« i^narlinti Sz ferocem reddere (unter bestwif); nar- 
sinti; narszinti N dss. 

i/, pilkas grau, davon den. pilkstu pilkau pilkU grau werden. — 
€• peliü peleti schimmeln; peW Maus. — (Im pälszas fahl, davon 
den. pdhztu pälszau päkzti fahl werden; paivas falb. 

i. le pimpis penis ; le pimpala dss. ; le pimpälis eine zu Zauberei 
verwendete Wachskugel, vgl. le pimpalains knotig. — €• le pempt {neben 
pampt und pumpt) aufschwellen; le pempis Schmeerbauch ; le pempe 
Stummelschwanz. — dm pampstü pampaü pdmpti aufdinsen; le püpe 
(= ^pampe) Httmpel, Polster ^ pampyli prügeln (caus. zu pampti) 
WP 98 prügeln; pampsaü pampsöti aufgeschwollen daliegen. 

i. pinü pinH flechten; pinikas nom. ag.; pine'jas dss.; käs-pinas 
Haarband, pinai Strauchwerk zum Flechten; vyi^pinp, v^i-pinis Bast- 
schuhflechter; le pine Falz; le pinka Zotte; pinklas Geflecht JSv 23, 
pinklüs verwickelt, künstlich ^ piniöti iter. verflechten. — t. prät. 
ppUau (zu pinti); pjnimas nom. act. ; pynejüie (demin.) J 813. 6 
Flechterin; pyne' Flechte — €• ^penUs f. i-st. Rücken der Axt, der 
Sense, nach N auch Ferse, le pete Rücken des Beils (nach Fick II. 
600). — €1» päfUis m. Fessel; f pdntas^ pdnta Hahnenbalken; ?lej9fi/e 
Pfropfreis, pütUe (dem.) Knöchel am Fusse. 

i. pirHs f. i-st. Badstube. — €• periü peiii baden, eigentl. mit 
dem Badequast schlagen. — ^« pi'riau prdt. (zum vor.); perimas 
nom. act.; perikas nom. ag. 

6t le prät. pirdu pirst pedere; pirdd Furzer; le pirfcha und 
pirfche dss.; pirdis m. Furz; pirditis Furzer. — €• le präs. perdu 
(zu pirst) ; perdzu pirdzau p4rsti pedere. 

i. prät. pirkaü pirkti kaufen; nu-pirkis m. Abkauf; pirldas Sz 



77] Der Abladt der Wurcelsilben im Litauischen. 339 

. Waare -** pirkineti Her. dem.; le pirkalät dss. — €• präs. perkü {zu 
pirkti). — a. parkstpi iten (zu pirkfi) MLG I. 385. 

i. pirksznys f. pl. i*st. Asche mit glühenden Funken; le pirkstes 
f. pl. glühende Asche, Funken in der Asche. — e» le perslas f. pl. 
Eisnadeln in der Luft ~ le perait bereifen. — CK« le pärslas f. pl. 
Flocken von Schnee oder Asche. — Zweifelh. Zusammenst. 

i» prät. pirszaü pirszli freien (für Jemand) ; pirszlp Freiwerber, 
pirszlioü {pirszliuli) N iter. (zu pirszU). — S» präs. perszü, 

i. isz^lind^ prt. prät. a. G .dünn, fadenscheinig, möglicher 
Weise zu einem ^plin-A^ii iter. sich ausbreiten, oder zu einem 
*pli$tu ^plindau *pl\sti breit werden. — e. Bei M unter pkUüs eine 
3. sg. iszsplenda wird breiter, das isz^lenda gelesen werden mag. — 
a* leplandil ausbreiten. — Ä. planas^ \e plans dünn, fein. — Zweifel- 
hafte Zusammenstellung. 

%• plpztu phjszau pl^szii reissen intr. ; su-pljszelis Zerlumpter; 
plys2/j8 Riss, Spalte; plysze dss. — <§• plesziu ple'sziau ple'szti reissen 
trans. ; pra-pleszä Bruch ; pleszm N räuberisch (aus Sz unter lupietny, 
wird aber prt. präs. n= plifsziqs sein) ; pleszinp frisch angerissener 
Acker - ple'szau ple'szyü iter. (zu pli'szli), * — Ä. ?le plusit iter. 
reissen, zerren; fplösztas plökszlas Handvoll, Wisch, Bündel. — 
Ausser der Reihe pleUzu pleiszeti reissen, platzen (von der -Haut); 
le plaisa^ plaisums Riss; le plaisit Risse bekommen; plaiszinti KLD 
borgten machen, BF 155. 

i» le sa-^rikt gerinnen ULD; le sa-rika Gallerte. — 6» sa-rez^ 
gerinnen. 

im rimsttt rimoA rimti (eigentl. sich stützen) ruhig werden, rimlas 
G fest (pt. prÄt. pass.) ; ne^ir-rima N unruhiger Mensch; rimastis f. i-st. 
Ruhe; rimus ruhig MLG L 390. — f. r^mau r^moü aufgestützt 
sitzen, stehen. — €• remiü remli stützen ~ le remdH caus. (zu rimt) 
ruhig machen ; le remdinäl dss. — ^. prät. re'miau (zu remli) ; r<^- 
mimas nom. act.; remikas nom. ag. — Cl. r Arnos N Ruhe, ramüs 
ruhig; rämtis m. Stütze; rämstis m. dss. ^ ramaü ram^H J 524. 2 
caus. (zu rimti) besänftigen ; raminti beruhigen ; rämdau rämdyti caus. 
(zu rimti) dss.; ramslaü ramslpi iter. (zu remli). — Ä» romüs sanft- 
müthig, le räms dss. 

i, rinda Krippe (eigentl. Röhre, Rinne, vgl. stogo rinda Dachr.), 
le rinda Reihe, Zeile. — €• nu-si-rendant prt. präs., nti^rendusi prU 



340 AvGvsT Lbsueü, [7S 

prät. a., nu^endejtm dss. uDtergehen S'on der Sonne B eig. Bed.: 
rinnen? . — tt, rändas Striemen, Narbe; le randa das Laichen; 
le randa »Vertiefung in Wiese und Wald, wo das Wasser ab- 
fliesst« ULD. 

i» ringa wer vor Frost u. s. w. krumm dasitzt KLD •« ringuü 
krümmen; rmksaü rinksöti gekrümmt sitzen, stehen. — €• rengiu-s 
rengiaip-s rengtis (eig. sich krümmen) sich anstrengen, sich anschicken, 
act. rengti rüsten. — €L ranga Einrichtung J 587. 12, St 9, gu-ranga 
Sz (unter krfgt) die kreisförmig zusammengelegten Schiffistaue; pa- 
rangiis geschmeidig, f^angus N rührig, rüstig zur Arbeit; rangshis N 
eilig, bei KLD das adv. ränkszczei, das adj. ränkszczas DL lunter 
»hastig«), ranksztus LD *« rangaü rang^ti iter. krümmen. 

i. rinkü rikaü rikii aufschreien. — L njkauU schreien, jubeln. 

— ^m rikiü rekiaü rekti schreien ; reka Schreihals ; reksmas Geschrei ; 
rikm^s Schreier -- rekatUi iter. (zu rekli); rekinti caus. (zu rekli). 

i. prät. finkaü rinkii sammeln; parinka Sz {pobierki) Nachlese; 
suriinkis m. NSz Sammlung; varpa-rinkte N Aehrenlese, 9U-rinkle Sz 
Sammlung ~ rinkineti iter. J 312. 7. — €• präs. renku (zu rinkU). 

— dm ranka Hand, paranka Nachlese; ranke N Collecte, Lese; ran- 
kius Collecte *« ränkioii iter. (zu rmkli) ; rankinefii J 76. 19 dss. 

i. rintys und rintis Kerbe. — €• renczü renczaü rpsti kerben; 
rentas N Kerbe; renlinjs hölzerne Einfassung, Ringwände u. a. — 
a. räntas N Kerbholz; iszr^anta Kerbe BF 118; rqmtas J 780. 7, 
ranstas G, räslas (d. i. rqstas) K abgesägtes oder abgehauenes Ende 
eines Baumstammes «^ ranlaü rantpi iter. (zu rfstt). 

i. le rüu riUi dünn werden. — e» ritas dünn, undicht, selten, 
davon rentü {reslü) relaü resli »dünn werden« wohl denominaliv. 

im fizgfs verwirrt BF 165 (von einem intransitiven inch. rigsti 
sich verstricken, bei Schi. Gr. § 113 ryzgü rizgaü rigsü). — €• rezgu 
rezgiaü regsti stricken; rezgis m. N Geflechte, Korb. — d. razgaü 
razgpti iter. (zu regsti); razgiöü dss. — Ausser der Reihe raizgaü 
raizg^ü und raizgioti iter., vgl. raizgis und reizge B Korb, m-raizga 
Sz (unter matanina) Verstrickung. 

im pr. Kat. I. II. sindats syndens prt. präs. sitzend (in III. sidons^ 
sidans^ wo i viell. Vertreter von g), vgl. slav. sfdq. — €• se'du sSdau 
si'sti (auch -s) sich setzen; si'diu s^di'ü sitzen. — d. pr sadina er 
setzt. — ä« sodas Baumgarten (Pflanzung, slav.?); sostas Sessel; 



79] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 341 

pasöstd Wagensitz; at-sodä N Absatz am Gebäude ~ sodinii sitzen 
machen, pflanzen. 

i. le stku (= *8inku) siku sikt versiegen, fallen (vom Wasser). 

— f. le slks klein. — 6« senkü sekaü sekli sich senken, fallen (vom 
Wasser); sSkis m. N seichte Stelle, Sandbank; le sekla Sandbank, lit. 
bei N seklis und sekU, seklüs seicht. 

!• sfjkis m. Hieb, Mal. — € (c?). f-sekli B eingraben, einschnei- 
den, isz-sekti B sculpere (zu lesen sekli^j vgl. slav. sfkq). 

im le sa-siru sirt mit Sand überdecken, sa-sirtg-s mit etwas be- 
deckt werden. — *. le siru prät. (zu sirt). — €• le sefu sert Ge- 
treide in die Rije stecken. — e. le prät. seru (zu sert). — Ä. le 
sart^ Scheiterhaufen, Holzhaufen zum Verbrennen. — Zweifelhafte 
Zusammenstellung. 

i. prat. sirgaü sirgti krank sein, le präs. sirgstu; le sirguns 
Krankheit, kränklicher Mensch «^ sirgine'ti iter. dem. kränkeln. — 
€m präs. sergu^ le sergu (zu «fV^^i) ; le serga Krankheit. - — CS« sarga- 
Ungas kränklich, von einem St. sargala-^ vgl. särgalioti kränkeln -- 
särginti als Kranken behandeln, pflegen, sarginti krank machen. 

i. sirpslü sirpaü sirpti reifen - sirpinti caus. reifen lassen. — 
a. sarpinti caus., z. B J 232. 2; 697. 3. 

i* le nö-«irzw pt. prät. a. (= *^rÄf«) »vom Bier, wenn der 
Schaum oben die Gährung anzeigt« ULD. — €• szerksznas M schim- 
melig, vgl. k&i änt iirgelio szerksznu plankeliu J 437. 9; szerksznas 
Sz Reif; le serksnis Schneekruste. — Zweifelh. Zusammenst. 

i. le schkibü (= *skibytt) hauen, schneiden, ästein. — 
€l» skabü skabSti hauen, ästein ; le skabrs splittrig, scharf; le skabargs 
Splitter; skabüs N scharf -- skcAaü skabfjiti iter. pflücken ; skabinti dss., 
le skabinät Aeste abhauen. — Cl« nursköbti BF 174 abpflücken, 
nu-skobe 3. sg. prt. WP H3. 

i. prät. skilaü skiUi sich spalten; Xeschkilaj schk'ile Scheit; le schkilis 
Spaltmesser; pfisiäti-skilis zweispaltig; skiltis f. i-st. abgeschnittene 
Scheibe; le schk'ilsts dünn; skilslis f. N Klauenspalte der Thiere; 
skUüs N spaltbar. — %• skylü präs. (zu skillt) ; le schk'llis Spaltmesser ; 
skyle Loch. — €• skeliü skSlti spalten ; skSldu skSldeti sich spalten, 
bersten iter., le schkÜdH trans. — i. prät. sküliau (zu skAü)\ ski'- 
limas nom. act.; le schk'äle abgehauenes Stück ^ le schkälit spalten. 

— a. le skals und skala Lichtspan, lit. skalä; at-skala JSv 79 er- 



342 August Lbskien, [80 

klärt durch zopöstas {yfoneilh); skalüs spaliig, le skatsch (=r ^skaljas, 
Vertretung von skalüs) ^ skäldau skäldyti iter. (zu skeliü) ; skalineii 
dem. iter. (zu skeliü). 

t» skiliü skilU Feuer anschlagen, le präs. schkitu; skiüuvai 
Feuerzeug. — f« skj^Uau prdt. (zu skilti). — CK« le skatsch 
(=z *skaljas) helitönend ; Fick II, 680 verbindet skilti mit deutschem 
»schallen<s daher die Zusammenstellung oben ; das bei Fick angeführte 
skalyti »anschlagen« (vom Hunde) ist slavisch. Vielleicht gehören die 
Worte eher zu skelU spalten. 

i« prdt. skilau skilti in Schulden gerathen. — i* skylü präs. — 
€• skelü bei N präs. zu skilti, wohl missverständlich für skelUi; 
skeliu skeli'li schuldig sein; pr part. präs. skellärUs schuldig. — 
CK« pr skallisnan a. sg. Pflicht (Schuldigkeit), nom. act. eines iter. 
"^skalyti. — Ä. skolä Schuld. 

i. pra-skilbti MLG I. 62 bekannt werden (präs. wohl skilbslu, 
prät. skübau). — €• skelbiu skelbiau skelhti Gerücht verbreiten. — 
Ct. paskälba GerUcht. 

i» skimblere'li JSv 89 erklärt mit i-mesti einwerfen, eig. wohl 
»klingen lassen« iter. dem. — (l. skämbu skämbeti klingen ; skäm- 
balas Schelle; skambüs N tönend ~ skämbifUi caus. klingen machen. 

i» le schk'indet klingen. — CK. le skatia Klang; le Aansch 
(= ^skanjas) hell tönend; le skanu skanet klingen ~ le skandet; le 
skandinäl tönen lassen. 

i. skiriü skirti scheiden ; al-skirai adv. abgesondert KLD [ ] ; 
]e schk'ifa Unterschied; le schkirba Ritze; skirejas Schiedsmann; le 
scbk'irüns Abschnitzel; le schk'irme Gedeihen {schkirte-s gelingen) «^ 
ßkirstau skirslyti iter. (zu skirti), — %• prät. skpiau (zu skirti); sk^ 
rimas nom. act.; skyri'jas^ le schUlr?.js nom. ag«; sh^rius Unterschied. 
— U» skarä abgerissener Fetzen, Lumpen, le skara krause Wolle, 
Zotte, Büschel, davon denom. skarü skaraü skärU zerlumpt werden, 
nu-skär^s pt. prL a. zerlumpt, skarineti zerlumpt einhergehen; ?Ie 
skarba Splitter. 

i» ap-skirbfs G {pSnas) pt. prt. a. stinkend geworden, ange- 
gangen. — e# ?le schk'erbs herb, bitler-sauer. — CK. ?le skarbs 
scharf, streng, rauh. 

i. su-skirdusios köjos aufgesprungene Füsse KDL (s. v. auf- 
springen). — e. skerdiü skerdiaü skersti (Schwein) schlachten, eig. 



^1] Der Ablaut der Wi3rzelsilbc;n im Litauischen. 343 

spalten, le schk'erfchu^ schk'erdu schk'erft spalten, aufschneiden, Iheilen, 
verschwenden; skerdzu skerdeti Risse bekommen, aufspringen (Haut). 
— Um skardyli iter. G schroten, le skardit zertbeilen, zerstampfen, 
J H31. 8 u. ö. vom Pferde »stampfen« (die Erde: zemüzfi skard^- 
damas); skardp Abhang, Steile, Ufer, dem. skardelis J 28. 6 u. ö., 
WP 82, vgl. den Dorfnamen Skardupenai; skardus IG 117 steil. 

i^ le schk'irpta Scharte. — €• le schk'crpele Holzsplitter; le 
schk'erpis das Pflugmesser zum Rasenpflnge ; schk'erpßl Rasen mit dem 
Rasenpfluge schneiden. 

i. sklindas N Riegel. — €• sklendzü sklendzaü sklfsU schleudern 
intr., z. B. vom Schlitten, auch »schweben« (vom Vogel). — Ct. le 
sklanda »die schräge glatte Schleuderstelle auf dem Winterwege« ULD, 
päsklanda N Ort, wo der Schlitten schleudert, pasklandüs schief- 
liegend, Schleudern verursachend, uz-sklanda B Riegel, ygl.pa-sklandinti 
B verschliessen ; le sklandis abschüssig; sklqstis m. Riegel «^ sklandaü 
sklandpi iter. (zu sklendzü), — Die Bedeutungen und ähnliche Bil- 
dungen auch bei sklid-^ s. d. 

i. le skribene krummes Eisen, Hohlmesser; le skribinät nagen. — 
€• ? skrebii skrebeti rascheln ; ? änt-skrebai Krampe (bei N ein zem. 
skribele dss.). — d. "f skrabeti rascheln J 252. 5; le skrabstuf 
{skrabufj skrabu skrabt schaben; le skrabinät benagen; le skrabslU 
iter. schaben; ät-skrabai Abfall von Zeug u. s. w. BF 97. 

i» skvirbinti prickeln, bohren. — €• skverbiü skverbiaü skverbü 
bohrend stechen. — d» skvarbaü skvarb^ti iter zum vor. 

i» prät. slinkaü slinkli schleichen; le sllkstu sliku sllkt sich neigen, 
sich senken, untersinken (gleiten) ; sUtüia Schleicher, Faulenzer ; «/in- 
kas J 181. 21 dss., le slinks faul, le slinkul faulenzen, vgl. slwkine'ii 
BF 172 dss.; slinkis m. BF 172 Erdschnecke; le sllküns was im 
Wasser untergeht; le sliksnis Morast - slinkcti N iter. dem. ein wenig 
rutschen ; slinktereli dss. — e. präs. slenkü (zu slinkti) ; ? slenkstis m. 
Schwelle, bei Sz auch slenkmis (geschr. slynksnis^ unter prog)^ vgl. 
jedoch ein le sU'dfu siegt stutzen ULD, Bi I. 365. — a. slankä und 
stänke Schnepfe; slankd Schleicher, Faulenzer; slanke N Triebsand; 
slänkius Schleicher; slänkius KLD steiles Flussufer, richtiger zemiu 
slänkius Erdfall an steilen Ufern KDL ^ slänkioti iter. (zu slenkü), — 
Vgl. slünkius bei Don. Name eines faulen, liederlichen Bauern, le 
slunkis Lümmel, Schlingel. — ? Vielleicht dazu ausser der Reihe 

Abhandl. d. K. S. Gesellflch. d. Wissenscb. XXI. S4 



344 AoGUST Leskien, [S2 

le slaiks gefügig {slaika rfika freigebige Hand) ; le slaika eine Art 
Schlitten. 

i. pa-slipti^ prät. slipo BF 172 unbemerkt verschwinden. — 
€• slepiü präs. verbergen; le slepju slepH iter. verbeißen; le slepens 
heimlich. — &• pr^t. slepiaü inf. sle'pti (zu prds. slepiü) ; sUpimas 
nom. act.; slepikas nom. ag.; le slepejs Hehler; 1 pa-sWpsnei Wei- 
chen (bei N auch Schamtheile), slepsfws N dss., le paskpenes dss. — 
6^. «/ap/d adv. instr. sg., slaplomis adv. i. pl. heimlich zu shplä N 
Heimlichkeit, paslaptä Hinterhalt; slapte Sz Verborgenheit {potajem- 
nosc) ; släpczas verborgen ; paslaptis f. i-st. Geheimniss WP 29 ; slapus 
heimlich thuend *« slapaü slappi; slapstaü slapstpi iter. (zu slepiü); 
slapinti N verstecken. 

t« smillis f. i-st. Sand. — €• le smeltains sandig (le smilts f. 
Sand); smeltis f. NBd sandiger Acker, vgl. le smelis Wassersand im 
Felde. — €• smdynas G sandiger Acker, vgl. le smdis Wassersand 
im Felde. 

i. le smilgstu smilgu smilgi winseln - le smildfH iter. dss. — 
ۥ le smeldfu stneldfu smelgl schmerzen. 

i. ? sniilkihp Schläfe (am Kopfe) . — 6. le smelknes feines Mehl, 
das beim GrUtzemachen abfällt (daneben smaOcnes Feilstaub, Säge- 
späne). — et» le smalks fein. — Lit. smulküs fein, smülkstu smidkau 
smülkti fein werden. 

t. smilkslü smilkaü smilkli dunstig werden, glimmen, le pS- 
smilkstu smilku smilki versanden (eigentl. ersticken, vgl. unten smel- 
kiü); smilkalas G Weihrauch; sniilkmenai N Räucherwerk ~ smiUcaü 
smilkjjiti caus. Dunst machen, räuchern; smilkinti dss. — 6. smelkiü 
smelkiaü smelkti ersticken (von Pflanzen, die andere erdrücken). — 
CK. smälkas Dunst; ap-smalka G Lack; smälktas N Stelle im Walde, 
wo das Holz dicht steht; smälkiis m. und smalkstis m. Dunst. 

i» smirslu smirdau smirsti stinkend werden; smirdzu smirdeti 
dur. stinken; pasmirddis Stinkender (Schimpfwort); smirdas Stänker; 
smirdis und smirdzus dss. ; le smirda dss. ; le sniirfcha dss. ; le smir- 
dekl'i m. pl. Unrath; smirdulis N Gestank; smirdälim, smird^Uius 
Stänker, smirdele ZwerghoUunder ; smirdm N stinkend (aus Sz unter 
parkotem^ wenn nicht ein prt. präs. zu smirdu Sz) ^ le smirddH 
stänkern (vgl. smirdelis Stänker); stnirditUi; le smirdinät stinkend 
machen. — €• le smerdelis (und smirdelis) Stänker. — d» le smards 



83' Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 345 

Gestank, Geruch überh.; le smarfcha (= *sfiiard'ja) dss.; (wenn bei 
ULÜ smarscha richtig, so ist es = ^smard-sja, vgl.) lit. smärsas N 
(schlechteres) Fett (= ^smardsas)\ smärsias N Gestank; smarate 
KLD [ ] dss.; smärve (= ^smard-ve) dss. ~ smardinli stinkend 
machen. 

f. pr ffpigsnä Bad [i vielleicht Vertreter von e). — (l. pr spag- 
tan Bad. 

i. le spilwa »Teichgras, Samenwolle, Hopfentraube u. a., die 
Seele der Federpose«, le spilwens Bettkissen; le spilwines feine flat- 
ternde Birkenrinde. — CT. le späh Heft, Stiel; spahjs^ pl. späleij 
\e spaFi Schüben (Abfall beim Flachs); le spalwa Feder (des Vogels). 
— Z. Th. zweifelhafte Zusammenstellung. 

i. spindis m. N StelJstätte, geradlinig durchgehauene Waldlich- 
tung; spindtus K dss. (doch vielleicht zu spinde'ii glSInzen). — 
€m spendzu spendzau spfsli Fallen stellen (spannen). — tt# spqsiai 
Falle, le spmls Fallstrick -* spundyti B iter. (zu spfsti) ; le spmili 
Fallen stellen (zu spüais). 

%• spisiu spindmi spisti inch. erglänzen; spindiu spinde'ti g}}Sinzen^ 
le spidu spidel; at-spindis m. N Wiederschein am Himmel; spindul^s 
Glanz, Strahl ^ spislereli ein wenig aufleuchten. — d. le spufchs 
[= *spandjan) glänzend; le spudrs (= ^spandras) blank. — Dazu 
viell. spindis (s. das vor.) 

i» spingu spingeli Schi. Lsb. (»Räthselwort«) glänzen, vgl. ebenda 
als Kathselwort spinge die Glänzende; spingis m. N Durchhau im 
Walde (vgl. oben spindis); le spigana eine Lufterscheinung, le spi- 
gans dss.; \o. spiganis {vvYxchi \ \e spigulis Johanniswürmchen ~ le spl- 
gului schimmern. — €1. f spang^s Schielender; le spügalas Glanz - 
le spugüt glänzen. 

i. sj)iriü spirli hinten ausschlagen, mit dem Fusse stossen; 
spirä: aviü spirä Schafmist, iiög-spiros Sägespäne; spiris m. N Leiter- 
sprosse; at'Spirtis f. i-st. Stütze - spirdau spirdyti iter. KLD [ ]. — 
f. prät. sp^riau (zu spirti) ; spijrimas nom. act. ; äi-spyris m: Stütze - 
spyreti dem. (zu spirti). — €• le spehi sperl mit dem Fusse stossen - 
le sperinäl iter. — d. le späru prät. (zu spert); le spßrins starker 
Schlag. — a. le spars Wucht, lit. atr-sparas Widerstand WP 246; 
pa-spara G Stütze, sq-spata Gehrsass; spardus N von einem aus- 
schlagenden Pferde (aus Sz- unter kon\ ist aber viell. prt. präs. = 



346 AüGLST Lbskien, [8* 

spärdqs von spärdyii); spardulis N Schlag, Stoss; spämas Flügel; 
pr sparts stark; pr sparlin a. sg. Krafl, pr sparlint stärken; "f spärlas 
N Band; sparlüs J 97. 16 anhaltend, verschlagsam ^ spärdau spär- 
dyii iter. (zu spirti), 

i. splintü splitaü splisii KLD [ ] breit werden. — €• prös. 
spleczü und pleczü breite aus, le pleschu (neben pkschu) inf. plest 
(neben plest) breit machen. — <5. prät. spleczaü und pleczaüj inf. 
spie Sil und plesli^ le prät. jotefu; spletimas nom. act.; spletikas nom. 
ag. - plesteleti ein wenig ausbreiten MLG I. 375. — Ä. le p/ate breit; 
plalüs breit, le plaschs (= ^platjas, Vertretung von plalüs), davon 
denom. planlü plataü plästi breit werden; vandu eil satn-^latä das 
Wasser steht oder geht dem Ufer gleich hoch. — Ä. /i/dtos in der 
Phrase: rugei plötais iszplikf KLD das Korn ist platz-, stellenweise 
ausgebrannt; plöHs m. Breite -^ le platit iter. ausbreiten. — Die Zu- 
gehörigkeit der Worte von plalüs an ist fraglich. 

i» le spridfigs rasch, munter; spriges BF 175 Knipse, Schnipp- 
chen; le sprigulis Dreschflegel - le spridßnät klatschen, spritzen. — 
e. le sprßgslu sprPgu spregl (neben sprägl) platzen, bersten; le sprB- 
gaim rissig, geborsten - le iter. sprOgäL — Ä. spragü spragüti 
prasseln, platzen; spragä Zaunlücke; sprägilas Dreschflegel; spragüs 
prasselig ~ spraginli N rösten (= prasseln lassen) ; spragsiü spragseli 
KLD [ ] prasselnd anschlagen; le spragstit prasseln. — Ö. sprögslu 
sprogau sprögti prasseln, spriessen, le sprägl, le sprädf&is n. act. 
Knall; isz-sprogas Schössling; sproga N Spalte, WP 161 fliegender 
Funke; sprogalas ^ Schössling; sprogalä KLD ausgesprungenes Stück; 
le sprägste Spalte im Holz ^ sproginti platzen, spriessen machen. 

i. sprindis m. Spanne. — €• sprindzu sprendzau sprfsli spannen 
(mit der Hand), nu^sprfsti BF 175 abschätzen, le sprefchu spredu 
sprefl spannen, abschätzen, urtheilen, refl. sich recken, sich drängen; 
sprendulis KLD [ ] eingespaltener Stock zum Schleudern ; le spresls 
Stutze; le spresUs Gewölbe. — d» sprändas Nacken; spranstas B Buckel, 
Knauf; le wimch ir sprüslä er ist in der Klemme. — Ausser der 
Reihe le spraids Stelle, wo man gedrängt steht; le spraülis Stütze, 
Keil, debeS'spraislis Himmelsgewölbe. 

i. springstü springaü springti würgen intr. (beim Schlucken) ^ 
pri-springseti J 264. 8. — €• sprenge li BF 175 würgen intr. — 
€€• sprangüs würgend (beim Schlucken) - spranginli caus. beim 



85] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 347 

Schlucken ersticken, würgen machen; le sprangät einschnüren, ein- 
sperren. 

i. le stiba Stab, Riithe ; le stibenes^ stihini Stützhölzer der Schlit- 
ten; stibüklas J 246. 11 (= stebüklas) ~ le stibät^ stibül ULD schwer- 
fällig gehen, lahmen. — Aus Stender ein ? le stebu slibu stibt betäubt 
werden. — 6. stebiu-s siebe ti-s staunen; ein nu-steb^s entsetzt Sz 
[nuostebis^ unter zdumialy); nü-steba Sz Erstaunen; s/^&i//^' Radnabe ; 
stebüklas Wunder - slebinti N in Erstaunen setzen. — €• slebiu-s 
stebiati-s stebti-s sich stemmen; stebas Stab. Strebepfeiler. — €1. le 
siabs Pfosten, stäbas B Bildsäule, Götze, stäbas Schlagfluss >» slabaü 
siab^ii aufhalten, hemmen; stabd^jti; stabinli] slabdinli dss. ; slaptereti 
dem. augenblicklich stillstehen. — Ü. stöbas NBd Gewalt; slöbras B 
Säule ; stobrys Baumstumpf. — Vgl. staibis m. KLD [ ] Pfosten, 
Schienbein; slaibültis {ränku) Unterarm BF 176; staibus N stark. 

im siilgü-s ich eile G. — e. slelgiü stelgiaü stelgti starr hinsehen, 
} kq stelgti Jem. anstarren, stelgtis B prahlen, i-stelgii »sich gewöh- 
nen auf die Heuschläge und Kornfelder zu laufen« (von Pferden) MLG 
I. 233. — Ct. stalgus trotzig, frech B, von Pferden, die jene Ge- 
wohnheit haben MLG a. a. 0. «^ stalgauti B trotzen, stolz sein. 

i. slimbras Stummel (Schwanz); stimberys dss. — 6. stembiü 
stembiaü slembti N, KLD [ ] schössen, in Stengel schiessen ; slembras N 
Stengel, le st^rs Binse; stembnjs Stengel. — tt. stämbas N Strunk; 
stambras N Stengel, le slfibrs Halm; stambüs grob. 

i. pr stinsennien a. sg. eines nom. act. Leiden, pr slinons prt. 
prät. a. gelitten habend (so Kat. III, aber I stenuns, also wohl richtiger 
stinans in 111). — €• stenü stetieli seufzen. 

i. stingstu stingau stingli gerinnen (eig. starr, steif werden) ; 
le stingrs stramm, steif - stinginti N caus. — 6. stengiü-s stengiau-s 
stengti-s sich widersetzen, sich anstrengen; le stengs und stengrs 
trotzig, streng. — €1. at-stangä Widerspenstigkeit, i-slanga Kraft, 
siangm widerspenstig. 

i. slirpslü stirpaü stirpli etwas emporkommen (beim Wachsen), 
etwas zunehmen. — 6. sterpti-s [üz säwo ieis^bt*) auf seinem Rechte 
bestehen (etwa: sich starr machen, sich aufrichten?). — Unsichere 
Zusammenstellung. 

i. le stringstu stringu stringl stramm werden, verdorren Bi 1. 376. 
— CT, le Strangs muthig, frisch (zweifelhaftes Wort?). 



348 AcGusT Leskien, [8^ 

i. prät. svilaü svilti schwelen, le präs. svilstu; le su^ilis Holz, 
das nicht brennen will ; svilmis brenzlicher Geruch MLG I. 20 ; svUus 
N glimmend; svilim KLD ein Versengter «^ 8vilinti\ le mtlinät^ swilr- 
dinät caus. versengen. — i. präs. sv^ylü (zu svilti) \ pri-sv^los An- 
gesengtes (bei Speisen) ; svylp »eine Senge« KLD [ ] . — ^. le prfts. 
stvel'u swelt sengen trans. ; le swelme Dampf. — 6. le prät. swdu 
(zu swell). — (l. le swals und swala Dampf. 

i. svimbaliuti N, KLD [ ] baumeln. — Ct. svämbalas Senkblei, 
Loth , svämbaliüH baumeln ; svambus durch Schwere schwankend (von 
Aehren) LB 344. 

i. prdt. sviraü svirti das Übergewicht bekommen, präs. svirstü 
MLG L 73; le swira Hebebaum; le swiris (neben swiris) dss.; puswu- 
sviris halb überhangend; svirtü f. i-st. Brunnenschwengel; le svirte 
Hebebaum; svirw KLD nach N (bei N svyrus, aus Sz unter umsly^ 
wohl sicher prt. präs. = svprqs) schwebend. — t. präs. svyru (zu 
svirti) ; pusiäu-svyrä adv. halb überhängend ; svyrus N schwebend 
(s. o.) «^ svyreti i 386. 12 baumeln, nu-svyreti {rankds) J 794. 4 
trans. ; svyru ti taumelp, K svyröti taumeln ; svyrineti dss. — e. sveriü 
sverti wägen -^ sverdeti J 1035. 1 schwanken; sverdineli i 141. 13 
taumeln. — 4§. prät. sveriau (zu sverti); sverimas nom. act.; svirikas 
nom. ag. ; le stvire Ziehbalken am Brunnen. — d. sväras Gewicht, 
svarits schwer; svarbüs schwer, gewichtig; le swarts und swarte Hebe- 
baum ; svärtis m. Gewicht, Brunnenschwengel, Wagebalken -- svarstaü 
svarstpi iter. (zu sverti). — U. svoras KDL (unter »Gewicht«) u. a. 
Gewicht an der Uhr. — Ausser der Reihe le sweiris Hebebaum. 

im szirmas grau, le sirms, davon denom. sirml grau werden; 
szirvas Sz. — €1. szarmä Reif; szärmas^ le sarms Lauge. — Zweifel- 
hafte Zusammenstellung. 

i, szirdyti speisen B (iter. zu szerti), — e. szeriii szerti füttern; 
szermens m. pl. Begräbnissmahl. — €• prät. szeriau (zu szerti) ; sze- 
rimas nom. act.; szerikas nom. ag. — Cl. pä-szaras Futter. 

i. szirszü Wespe; szirsz^s^ szirszl^s dss., le sirm Hornisse, pr 
sirsilis dss. — €• szerius szerti-s sich haaren; szer^s Borste; szermü 
nach N Wiesel, nach K wilde Katze, Hermelin , le sermulis Hermelin ; 
szernas wilder Eber (nach Fick 11, 695). — 6. szünau-s prät. (zu 
szerti). — €1. le sari Borsten, Strahlen. — Zweifelhafte Zusammen- 
stellungen. 



S7] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 349 

t. nu'szisz^s N prt. prät. a. grindig. — Cl. szäszas Grind, davon 
denom. szasztü szaszaü szäszli grindig werden. 

i« kraujas szlikdamas WP 110 triefendes Blut; szliknoü N triefen. 

— €• szlekiu szlekiau szlekti N spritzen. — U. szläkas Tropfen - 
szlakü szkJieti tröpfeln N; szläkinti spritzen; le slazit iter. spritzen; 
le slazinät dss. ; szlakstaü szlakstpi iter. spritzen. 

i« sznibzdü sznibzdeti zischeln; dem. it. sznibzdineli; sznibzdomis 
adv. i. pl. (eines sznibzdä) zischelnd. — Ct. sznabidü sznabzdeti 
rascheln; pa-sznabzdomis (adv. i. pl. eines sznabzdä) zischelnd J 320. 3. 

i« szvüujenli nendriale schwankendes Rohr G aus Fort.- Miller 
(daneben zvilüti und zvilti aus Mikuckij: schaukeln, wiegen, und 
zvilti blasen, sausen, vom Winde). — 6. 1 szvelnüs weich, sanft (an- 
zufassen) '-^ le swehtH iter. hin und her bewegen. — d. le swalsts 
Übergewicht ^ le swalstit iter. hin und her bewegen, refl. sich schau- 
keln, schwanken. — Zu den Worten mit i vgl. übrigens: le fwel'u 
fwSlu [weit »walzen, fortbewegen, umwerfen« u. a. ULD (wenn f nicht 
Rest einer Präposition). 

t. szvilpiü szvilpiaü szvilpti pfeifen; szvüpa einer, der viel pfeift 
KLD [ ] ; le swilpis DompfaflF; le swilpe Pfeife ; szvüppie Pfeife - szvH- 
paiUi; szvilpinü] szvilpczoti; le swilpüt iter.; szvilptereti dem. iter. — 
€• swelpju swelpu swelpt pfeifen, MLG I. 371 sü-szvelpe 3. sg. prt. 
(wenn hier nicht e für % steht). 

i. le swirkstu swirku swirkt knistern, prasseln, szvirksztu szwirk- 
szczau szwirkszti N pfeifen, sausen. — Mit U vgl. szvarkszczü szwark- 
szczaü szvärkszti quaken (von Enten). 

im tiles Bodenbretter im Kahn; le lilandi dss.; Ullas Brücke «^ 
le lilät^ tilinät ausbreiten. — €• le telitiäl (= tilinät), — CT, pa-lalas 
Bett; pr lalus Fussboden. — €1. 1 tolüs fern, toli ad. fern, tsz tölo 
von weitem. 

im ap^tUifs zmogüs M durchtriebener Mensch, K construirt dazu 
ein iilkslu tilkau lilkti (die Bedeutung ist Dherumgestossen werden, 
sich herumtreiben«; slav. thkq tUSti stossen; zu aptükfs vgl. russ. 
tolocnyj paren geriebener Bursche, von dei-s. W.), bei N ap-tilku 
tilkau iilkti zahm werden (sich die Hörner ablaufen). — €• telkiü 
telkiaü telkti eine Arbeitergesellschaft zusammenbitten (eig. zwingen). 

— Um talkä eine so zusammengebetene Arbeiterschaft (slav. llaka 
Frohne) . 



350 AcGLST Leskien, [88 

i» prät. tilpan lilpti Raum haben; le tilpe Kramkammer. — 
e» präs. lelpü, — €1. talpä ausreichender Raum, talpüs geräumig, 
fassend KDL; talpnus fassend, umfangreich MLG I. 391 — talpinti 
Raum schaffen, unterbringen. 

i. iimsras schweissfüchsig. — €• lemstu iemaü limti dunkel 
werden; uz-temis m. N Verfinsterung *- lemdau temdyti caus. dunkel 
machen. — €• sü-ieme 3. sg. prt. LB 166 dunkel werden. — 
d. tamsä Dunkelheit, tamsüs dunkel, tämsinli verdunkeln. — Vgl. le 
iumst luma turnt dunkel werden; le lumsa Dunkelheit; le tumschs 
(= ^tumsjas^ Vertretung von tamsüs) dunkel. 

t. limpsln timpaü timpti sich recken ; i-timpas KLD [ ] Ansatz 
zum Sprunge; timpa Sehne (des Körpers) - timpinti »langsam mit 
vorgestrecktem Halse und langgestreckten Beinen gehen« KLD; nu- 
limplioti skürq JSv 32, vgl. Je debeschi tipufüjä-s die Wolken ziehen 
hin und her, le liptd'ül trübes Wetter werden, le tipuPains trübe ULD; 
timpsaü limpsöli {timsöti Schi. Don.) ausgestreckt liegen. — €• tem- 
piü tempiaü tempti spannen; tempt^va Bogensehne; temptuve N dss. — 
€t. tamprus G zäh, hartnäckig - lampaü tampijti iter. (zu tempti), — 
Vgl. i-tumpas KLD [ ] = itimpas. 

i. tistu tinaü tinti schwellen. — €1» tänas Geschwulst, tanüs 
KLD [ ] geschwollen. 

i. le tinu tinu tlt winden, wickeln, eig. spannen, dehnen, lit. 
tinü tinti {dälgi) klopfen (die Sense) ; tinklas Netz. — t. prät. tyniau 
(zu tinti). — €• tenvas G dünn, le tetvs {= tenvas). — Wohl mit 
dem vorigen identisch. 

i. tistü tjsaü tisti sich recken; per-tiselis lang aufgeschossener 
Mensch, Lümmel; tjsis m. N Fischzug - tisau tisoli ausgestreckt, 
lümmelhaft daliegen ; tislereti MLG L 79 dem. iter. sich strecken. — 
€• t^siü t^'siaü t^sti dehnen; uz-t^sas ^ Leichentuch; pra-t^m N Auf- 
schub; ap't^stüve N Tapete. — Ct. tusas KLD [ ] Fischzug (dial. = 
tansas^ tqsas); vilkü iszlqsa Wolfsfrass; tqsüs dehnbar - tq^aü tq»ijti 
iter. (zu tfsti). 

i. trrti erfahren - le tirät ausfragen, nach ULD auch »schütteln«, 
vgl. le tirinät »schütteln, reizen«; le tirdit forschen; tirdineti iter. dem. 
nachforschen. — t» präs. tyrit)^ prt. Ujriau (zu tirti) ; tffrimas n. act. - 
tyrineti iter. dem. ausfragen. — d» tärdau tärdyli ausforschen; lär- 
dinti dss. — Ausser der Reihe iter. teiräuti-s JSv 5 sich erkundigen. 



89] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 351 

i. le Ural viel und laut reden. — €1. lariu tariaü tärti sagen; 
nü-iarios Sz (unter podeyrzenie) Verdacht; sqtaris f. i-st. Eintracht; 
patarlü g. pl. (nom. wohl pa-tarle) Redensart MLG I. 62; tarmä und 
iarme Rede, Aussage; nü-tarlis f. i-st. Tadel, presz-tartis f. Wider- 
spruch; presz-larte dss.; presTr-tarüs N widersprecherisch - presz- 
taräuii widersprechen. — tt. pr tärin a. sg. Stimme. — Die Zu- 
sammenstellung zweifelhaft, da le lität nicht mit Sicherheit hierher 
gestellt werden kann. 

i. le tirkschis Nachtwächterschnarre; le tirkschet schnarren; 
Urszkinti klappern u. ä. — €• pa-leiszkia terszke terkszti frösteln 
(klappern vor Frost); le ierkschet schnarren; le terkschens Schnarre; le 
lerkschk'inäi schnarren, klappern. — U. iarszku tarszkiaü tärkszü KLD 
klappern ; larszkiü tarszkeU klappern, le larschköl schnarren ; le larksis, 
tarschk'is, tarschk'ins Schndivre; tarszkütis (dem.) Kinderklapper; tärszkalas 
Klapper -- iärszkinti caus. klappern lassen; larkszlereti dem. iter. (zu 
iarszkeli). — Vgl. treszkü treszketi knistern, prasseln, Ireszkinti caus. ; 
Iraszkü Iraszketi prasseln, träszkinti caus. ; trakszmas KLD [ ] Krachen. 

i, iirpstü iirpaü lirpti schmelzen intr.; tirpinis geschmolzen *« 
iirpaü tirppi caus. schmelzen trans.; tirpinti dss. — CK. tärpas 
Zwischenraum (indess le starpa) ; le tarpenis Südwestwind. — Zweifei- 
hafte Zusammenstellung; vgl. noch tirpsiü Iirpaü lirpti erstarren; 
lirpulijs Erstarren, Schaudern (der Haut). 

i. tirhztu tirszau tirszti N dickflüssig werden; /fm<a« dickflüssig, 
trübe, tirsztas lylüs dichter Regen «^ tirszlinti (von tirszlas) dickflüssig 
machen. — 6. tersziü tersziaü terszti schmutzen. 

i. prät. tiszkaü^ isztiszko spritzte auseinander intr. (präs. tyksztuf 
bei KLD tiszkü). — €• teszkiü präs. dickflüssiges werfen; leszkü 
teszkeli in dicken Tropfen fallen; teszlä (neben tcuizlä) Teig; leszmu 
Euter - leszkinli dickflüssiges werfen. — d* prät. teszkiaü tekszti (zu 
präs. leszkiü); teszkimas nom. act. — €1. taszkas Sz Tropfen, Punkt; 
taszlä Teig «^ taszkaü taszhjti iter. (zu teszkiü). 

i. trimslu Irimaü trimti sich beruhigen (von Schmerzen; eig. 
niederfallen), bei N präs. Irimu und ein trimü Irimaü trimti («u-) 
zittern vor Frost (eig. gestossen, erschüttert werden), vgl. sutrimdinti 
B zittern machen; le Irimda Getrampel, Lärm, Angst, le trimdinät 
trampeln -* trimtereli dem. ein wenig nachlassen. — €• tremiü tremti 
niederstossen, -werfen. — €• prät. Ire miau (zu tremti) ; tremimas 



352 AuGcsT Lbskien, [90 

nom. act. ; tremikas nom. ag. — U. lo tramda unruhiger Mensch; 
le iramlgs und tramdigs scheu -^ m-tramdyti B redigere, le tramdU 
scheuchen; traminli beruhigen, stillen (Schmerzen), su-iraminli MLG 
I. 21 verstauchen, ebend. 136 leise anstossen. 

i. irinkü Irikaü Irikli fehlgehen, nicht zu Stande kommen, vgl. 
JSv 7, sich beim Zählen versehen -- triktnti irre machen (beim 
Zahlen u. a.). — Ct. träkas Narr, le traks; vgl. patrakusi pt. prt. a. 
f. WP 118 verrückt geworden ; traküs N toll, albern ; ? traknei 
Krummstroh. 

i. trinü trittti reiben, le prät. trinu; üzirinas J 246. 8 Abmachsei; 
trinia bei KLD nach Sz (wohl irynia zu schreiben, der pl. auch bei 
K als trjnios angegeben) Sägespäne; trintine N Feile; trintüvas N 
Spulrocken, Fiedelbogen, le tritawa und tritaws Wetzstein. — f • prät. 
trpiiau (zu trtnti) ; trpiimas nom. act. ; trynei KLD [ ] Schwielen 
(bei Sz unter odrplwialosc : Irinei); Itrywjs Eidotter; tryni N Sz 
Pustel ~ tnjnioü iter. (zu trinii). — CT. le trüts (= ^tr anlas) Wetz- 
stein. — Ausser der Reihe träinioti-s iter. sich herumreiben, herum- 
stossen (im Gedränge). 

i. prät. trinkaü Irinkti (zu präs. Irenkü) Behaartes (z. B. den 
Kopf) waschen (rumpeln); trinkü {Irinkiü) trinke'ti dröhnen, le trizu 
trizei zittern; le trizem Erbeben; trinka Haublock; trinkis m. Anstoss; 
pr per-trinklan a. sg. prt. pass. verstockt '^ le trtzinat erschüttern; 
trinkczoU iter. stossen; trinktereti dem. it. dröhnen, trinkteliu LB 
346 dss., MLG I. 84 klopfen. — €• Irenkü präs. (zu Irinkti) ; trenkiü 
trenkiaü trenkli stossen (heftig) -^ le trezinät erschüttern; trenkseü 
schmettern (von lauten Tönen). — CT. i^tranka N Anstoss, pa-tranka 
holpriger Weg, tranküs holperig; tränksmas Gedränge, Lärm; le 
truksnis Lärm -^ irankaü trankyti iter. (zu trenkli). 

i. tripseli JSv 30 auflrapsen. — f. Irypiü trypiaü Ir^pti stampfen, 
treten. — €. trepstu Irepti N stampfen ; Irepse'li strampeln. — In pr 
Kat. III inf. trapl treten, er-lreppa 3. prs. sie übertreten. 

i. trisziu Irisziau triszti Sz düngen, stercorare. — €• treszlü 
(bei K tr^zlü) treszaü treszti trocken faulen, verwesen. — CT. pa- 
Iraszas N verfaultes Holz; träszkanos Eiter in den Augen. — Vgl. 
mit u: trtisza NSz Dünger, Irusznm MLG I. 391 faul, morsch. — 
Dazu auch f traisztis geil (von Pflanzen), bei N auch »morsch«, träisza 
N Fettigkeit, vgl. träiszi dirvä fetter Acker. 



91] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 353 

i. tvjstu tvinaü tvinti anschwellen (vom Wasser) -^ tvindau tvindyti 
caus. — Cl, tvänas Flut, le tvans und tvana Dampf, Dunst, tvanüs 
leicht schwellend (Fluss). — Ausser der Reihe tvairnjü-s {aplink 
v^ru8 tvain^te-s buhlen, von Jacoby MLG I. 75 als »schwellen« 
gefasst) . 

i. tvinkstü Ivitikaü tvinkti schwftren, anschwellen, le tvtkt 
Schwüle fühlen, vor Hitze schmachten; le twlkülis Schwindel -- le 
twizinat schwül machen; tvinkszczoti iter. »von Pulsen, in schmerz- 
haften Geschwüren fühlbar schlagen« KLD. — €• tvenkiü tvenkiaü 
Ivenkti schwellen machen, Ivenkia N es ist schwül. — CK. tvänkas 
Schwüle, tvankm schwül. — Ausser der Reihe le tweizinät schwül 
machen; le twaiks Dunst, Schwüle. 

i. tvirtas fest (altes pt. prt. pass. von tveriü), davon tvirtinti 
befestigen. — e. tveriü tverti fassen; le tversme und tversmas pl. 
f. Rückhalt, Schutz. — 4§. tveriau prät. (zu tveriü); tverimas nom. 
act. — CK« ap'tvar(i8 NBd Gehege; ap-lvara N das Netz umfassender 
Strick, i-tvara »von der Nussruthe abgeschälter Streif zur Befestigung 
der Sense am Stiel« MLG I. 236 (die Thätigkeit: i-tvert%), le pa- 
tvara Halt, Schutz; tvarklas B Hirt; tvärsles N Fahrleine; tvärtas 
Verschlag ^ tvärstau tvärstyti iter. (zu tverti). — r- €i. tvorä Zaun, 
le tväre. 

im isz-tvirkti liederlich werden, aus Rand und Band gehen 
MLG L 226. — U. tvarkä Ordnung, tvarki$8 ordentlich '^ Ivarkaü 
tvarhjti in Ordnung bringen. 

im tviska tviskiiti stark blitzen. — t. tvykstu tvysketi knallen 
(beim Blitzeinschlagen), bei N blitzen, nach K auch »flackern« (von 
der Flamme) ; tvijskinti stark anklopfen ; tvtjkslereti plötzlich knallen. 
— 6. (e?) tveskia mälka N nach M das Holz schwelt, glimmt. — 
Ctm tvaskeli J 1524. 3 blitzen, präs. tvasku Sz (unter blyszczp sif^) 
(vgl. SzP 13 akis wieszpalies tot labiaus zibuncios ira ir Iwakstuncios 
negi satde), tvaskü tvaskeli plappern, viel schwatzen; tvdska KLD 
Plapperer, nach N Geschwätz. — Ä. tvoskü tvoskiaü tvöksti KLD [ ] 
viel schv/ atzen ;tvo8koti N flackern; tvoskinti N stark schlagen. 

im le pa-^l'a Füllung (als Fundament) ; vtlna Wolle ; vilnis f. 
i-st. Welle <^ le wilät rund machen, beschütten mit . . .; le witinäl 
zwischen den Fingern rollen. — e. veliü velii walken , le weit walzen, 
walken; le pa-vel'es (= pavil'a); le "f weide das vom Regen nieder- 



354 AcGusT Leskien, {92 

gelegte Korn; velentis KLD [] Walke; ? t;e/eiid Stück ausgestochenen 
Rasens, Rasen (Uberh.), vgl. le welens Rasen, Erdkloss; veltüvas 
Walke ^ le welöt iter. (zu well). — d. prät. veliau (zu velti)', ve'li- 
mas nom. act. ; velikas nom. ag. ; vele KLD nach N Walke (bei N 
steht wele). — CT. välas Schweif haare des Pferdes; ap-vala Sz 
(unten okrqg) Kreis, ap-valüs rund; nü-valai und nu-valos Nach- 
geburt; valinys Tuchrand; f vältis f. i-st. Kahn -- valaü valpi fort- 
schaffen [{-valpi^ nti-'Vabjti^ pa-valpi)^ vgl. knäto nuvala abgeputzter 
Docht KDL (unter »Lichtputze«), Lichtschnuppe; le walstil iter. (zu 
well), — CT. le wäls und wäle Heuschwade; le wäU und wäle Wasch- 
bleuel; völas N Unterlageholz (slav.?) ; volai Wellen MLG L 21 
(slav.?) - volioti iter. hin- und herwälzen, le wäl'ut^ wäl'ät (slav.?). 

im le wil'u will betrügen, lit. privilti betrügen, z. B. J 706. 9, 
vilti-s hoffen WP 204, nach N S. 86. das Präs. vilstu oder vilu, pr 
pra-ivilts verrathen; viltis f. i-st. Hoffnung, z. B. WP 46, MLG L 383; 
le wiltas Betrug - viliöli, le wil'äl; le wilinät locken. — 'l. le prät. 
wilu^ lit. vylau^ z. B. v^le-s 3. sg. MLG L 377 (zu villi); v^im Be- 
trug; vj^lis dss. J 193. 26; vyla N dss., vylus N trügerisch. — 
€. pr po-wela sie verriethen; le welts vergeblich, lit. veltas G unnütz, 
vellü J 181. 27, bei N vellüi adv. vergeblich. 

i. vilbti G zwitschern. — 6. velbejöti N lispeln. 

i. pa-vilstu vildau vilsti N ererben ; pa-vildeli N besitzen. — 
€• por-veldu veldeti ererben. — CT. valdzä Regierung; le vahts i-st. 
Gebiet, Gemeinde, Staat; valdövm Herrscher; pr waldüns Erbe (neben 
pl. weldünai) -- valdaü valdtjü regieren. 

i. le wügans (neben welgam) feucht; le wilksts noch nicht recht 
trocken - vilgau vilgyti anfeuchten. — e. le weldfu weldfu welgt 
waschen (daneben walgt geschrieben) ; le welgs (neben walgs) Feuchtig- 
keit; pr welgen Schnupfen; le welgans (neben wügans) feucht -^ le 
weldfet anfeuchten. — CT. le walgs feucht, subst. Feuchtigkeit; ?le 
pa-ivalgs Zukost; ^välgis m. Speise; "fvälgau vdlgyti speisen. 

i* prät. vilkaü vilkti ziehen ; vilkiü vilke'li bekleidet sein mit . . ; 
ap'vilkas N Sammetblume; nü-vilkis Sz (unter zetvloka) exuviae, 
nach N f. i-st. Abgezogenes; vaid-vilkis Ränkestifter; vilksne N 
Schleuder; vilkstyne N Schleuder -- le wilzinäl in die Länge ziehen. 
— €• velkü präs. (zu vilkti); velke Schleife, le wehe Strecke; velkeia 
Zochschleife — CT. le walks und walka Zug, le nihwalka Schlangen- 



93] Der Ablagt dbh Wgrzblsilben im Litauischen. 355 

balg, lit. üz-^aUios Bettbezug; üz-^alkalas dss. ; väUamas Zug; le 
walkans was sich zieht; le walksne^ lit. valksne N Fischzug; le walksls 
Fischzug ; valküs zähe «^ välkioti , le walkät iter. (zu velkti) ; ap-^i-valk- 
stijti iter. sich anziehen MLG L 364, is^i^-sirvalkstpi KLD [ ] sich ver- 
ziehen (von Wolken). 

im ?le wimbas f. pl. herabfliessender Speichel, Geifer - i)imdau 
vimdyti erbrechen machen (caus. von vemli). — €• vemiü vSmti sich 
erbrechen, speien; le wemes f. pl. Erbrechungsreiz, Yomirtes; vemalai 
Ausgebrochenes (KLD schreibt sing, ve malas^ p\nr. vemalai^ DL ve- 
malas) . — €» prät. vemiau (zu vemli) ; vemimas nom. act. ; vemikas 
nom. ag.; ve malas K (s. vemalai). 

i. vingis m, Krümmung; vinge N dass., vingiuti Bogen machen, 
sich schlängeln J 485. 4; le mingrs hurtig; vingrüs sich schlängelnd, 
vgl. pr ' vingriskan List; vingus krumm, gewunden {vingiu kelüiiu i 
635. 7) ^ vingurioü iter. krümmen. — 6. vengiu vengiau vengli 
meiden. — CK. ätvanga Rast: ? le wanga Handhabe (zum Tragen, 
von der Krümmung?), ? le pl. wangas fesseln; ?le wangals, wangale 
Mangelholz (aus dem Deutschen?); vangüs träge, dazu denom. pa- 
vangstu vangau vangti N verdrossen sein -^ vangstaü vangslf^H iter. (zu 
vengti) . 

i» at-vipti (präs. vimpu) MLG I. 68 herabhangen (von Fetzen, 
von den Lippen). — i. vypsaü vypsöti mit ofiTenem Munde dastehen, 
gaffen; vi/pslas N Maulaffe, Tölpel; vifplinti KLD gaffen; le wlpnüt 
lächeln; le wipnigs heiter, scherzhaft ULD. — d. v^piu-s vepiaü-s vepü'-s 
den Mund verziehen (K schreibt e\ indess le wäplis Maulaffe, Lüm- 
mel , le wßplül gaffen) ; isz-si-vepelis einer der mit offenem Munde 
dasteht; veplp; vepelis; veparis Maulaffe «^ v^i^^ati vdpsöti gaffen, das 
Maal verziehen (K trennt vepsöü »den Mund halb öffnend, schief 
ziehen« und vepsöti mit etwas geöffnetem Munde dastehen; es ist 
dasselbe Wort) ; veplinü mit offenem Munde herumlaufen. — Ausser 
der Reihe: vaipaü-s vaippi-s das Maul verziehen, gaffen. 

i. prät. viriaü virli kochen, trans. u. intr. (eigentl. wallen, 
sprudeln, vgl. kraüju szirdis mvirusi i 842. 25) ; le wira Gekochtes, 
Gebräu; le ap-wirde Geschwür unter dem Nagel {kur asinis ap-iviru- 
schas ULD); le wirags Strudel; püs-viris halb gar; viralas Gericht; 
le wirulis Sprudelquelle; virtis m. Strudel; virtuvü N Küche - virinti 
kochen lassen; le wirinäi, — %• at-vijrs Gegenstrom am Ufer MLG 



356 August Leskien, [d^ 

I. 21 ; vjirius Strudel. — e. präs. verdu (zu virti) ; verstne Quelle, 
le wersme Glut - le werdit sprudeln. — CT. le ai-wars Wirbel; varw 
kochbar Sz (warztjsty). — CT. le wärs Suppe; isz-vora Sz Suppe; le 
ifwäres f. pl. Ausgekochtes; le wärags Gericht -^ le warft kochen 
trans. 

i. pr et'Wiriuns pt. prt. a. (Präsens 2. sg. opt. pr et-werrais 
öffne); ät-viras offen; at-^romis adv. i. pl. (eines -virä) N offen, 
klar; le sorwires f. pl. Querstangen bei der Egge; ? le wirkne Auf- 
gereihtes, Schnur; virlinis Schlinge; virve Strick ^ le wirinät iler. 
auf- und zumachen. — €• venu verti öffnen und schliessen, einfädeln. 

— S» prat. veriau (zu verti); verimas nom. act.; le w^r&fis Stich 
mit der Nadel; le w^ens Faden. — CT. per-^ara Netzleine; api-vara 
JSv 23 Strick, vgl. ap-vare' KLD [] Schnur; per-varas Langbaum 
am Leiterwagen, ap-varas G Schnur der Bastschuhe, par-[z=z per-) 
varai G Thor; varlai Thor; ap-värtis f. i-st. Strick; ap^värte Schnur 
der Bastschuhe - värstau värsiyti iter. (zu verti). — CT. le sa-wän 
(neben sa-wari^ sa-wares) Querstangen bei der Egge; ? t^oro« Spinne ; 
^vora Reihe; apy-vora NSz Schanze. 

i. pr wird^ Wort. — CT. värdas Name. 

i. pra-virkstu virkau virkti anfangen zu weinen, nach KLD auch 
wirksztu wirszkau wirkszti - virkauti iter. J 849. 11 weinen; virkdau 
virkdyli; virkinti caus. weinen machen; virkulioli N dem. ein wenig 
weinen. — €• verkiü verkiaü verkti weinen; verksmas das Weinen; 
verksme N dss.; verksnifs Heuler, Schreihals. 

t. virpstu virpau virpti {pa-) verkommen (am Körper) ; virpiu 
virpe'ti beben, zitterig sein, bei N auch virpu virpli; pär-virpas N, KLD 
[ ] armseliger, verkommener Mensch, Losmann, pr po-wirpg frei (vgl. 
^v po-wierpt verlassen), pr grunt-powirpun grundlos; le wirpeles f. pl. 
Herumdrehen eines Schlittens auf dem Eise; le wirpuls (auch werpels) 
Wirbelwind; virpulp N das Zittern. — e» verpiü verpiaü verpti 
spinnen, pr et-werpeis 2. sg. opt. präs. vergib (erlass), pr el-iverpsnä 
Vergebung, ei-werpsennien a. sg. dss.; verpalai Gespinnst; verpole N 
dss.; verpöni Gespinnst; \e werpata Scheitel; t^erptöva« N Spinnwirbel. 

— CT. värpas Glocke; värpa Aehre; vdrpstis BF 195 dünne Stange; 
varpste Welle, um die sich etwas dreht, Spindel -- varpaü varp^ii 
N, Sz aushöhlen, durchlöchern, spicken, vgl. kirm-^arpa Wurmfrass 
im Holz. — Fick II. 663 unterscheidet drei Wurzeln varp: werfen; 



95] Der Ablait der Wurzelsilben im Litauischen. 357 

zittern; loslassen, schwanken. Die Grundbedeutung wird .»los- 
lassen« sein. 

im virstü virtaü virsti umfallen, stürzen intr. ; virlis m. Sturz, 
virt^ne Stelle, die zu Fall bringt; isz^rszczas, isz-virkszcziis auswärts 
gekehrt - virtäuti N laviren; virteliüH N wackeln. — €• verczü 
verczaü versti wenden ; at-verstüve N eine Art Klappbank , le werstawa 
Pflugsterz. — Um isz-vartas N Umdrehung; pnj-varta Zwang; le 
warscha {■=■ ^wari-ja) Thorriegel; värsmas Gewende, le warsms Strich; 
varsnä Pfluggewende, nach N auch varsnas^ varsnis^ vgl. le ap-varmis 
Kleidersaum; värstas Gewende; pr aina-warst einmal (Orig. ä) '^ vartaü 
vartpi iter. (zu versli); vartalioti WP 163 umstürzen; pr warünt 
wenden. 

*• le wirfchu-s wirfü-s wirße-s rücken, vgl. if-^wirlti^-s ausfasern; 
virz^s (neben verii^s) N Strick; pa-^irzis m., paviries f. pl. Zugabe 
zum Lohn «^ virze'ü binden, z. B. J 857. 1 4 ; virzau virzyti N binden. 
— €m verziü veriiaü verzii schnüren, le werfchu werfu werft wenden, 
drehen, iter. le werfät, vgl. verie'ü J 386. 45 umgewickelt sein; iszr- 
verza N Beute, Raub; verzag (neben virz^s) N Strick. — Ct. värzas 
Fischreuse ; le warfa dass. -* varzaü varzpi iter. (zu verzti) ; ? le »o- 
warfat zusammenklecksen, Arbeit schlecht machen. 

i. le wißnät umherfahren. — t. pa-vyze'li ein §tück Wegs mit- 
fahren lassen BF 200; v^zoti ein wenig fahren. — e. vezü veziaü 
vezti fahren; mart-ve^s Brautführer. — 6. pra-veza tiefes Geleise; 
vdze' Gleis »^ vezinti caus. fahren lassen; vezineli iter. dem. ein 
wenig umherfahren. — tt. ü^vazas N Auffahrt; pa-vazä Schlitten- 
kufe; väzbas Fuhrlohn; le wafchas pl. t. und wafchm pl. t. Schlitten; 
vdzis m. dss. ; .vazmä Fuhre; vazta Fuhre Sz (unter podwoda) ~ va- 
ziuti fahren; vazini'ti dss. iter. dem.; le wafat herumführen, herum- 
schleppen. — Ci. pra-^oza tiefes Fahrgleis; pra-^ozi N Anfurt. 

i. zilstü Sz (unter siwiejfi) zilaü iiUi grau werden; iilas 
grau, le ßls blau, le ßlinäl blau förben, le filgans bläulich. — 
ff. zylu präs. (zu zilti). — e. ziliü Ülii grünen, wachsen; ielmH 
Schössling; tehyjjs N grünender Stamm «^ zeldau zeldyti wachsen 
machen; le felinät dss. — d. prät. ieliau (zu ieUi); i^'limas nom. 
act. — (l. al'ialas N, le at-fals Schössling; aUialä Nachtrieb; tölias 
grün, le falsch dss. ; le falgans grünlich <^ taliffti grünen ; zMinti giiln 
machen. — A« zole Gras, Kraut ^ zolineli Kräuter lesen. 



358 August Leskien, 96] 

i. zilpstü zilpaü zilpli dunkel, trübe werden (von den Augen). 
— e. ap-zelpimas akiü Augenverblendung (so zu lesen das bei N 
S. 515 aus Bd angeführte apszelpimas; es kommt von einem transi- 
tiven zelpti trübe machen) , äkys apzelpusios B {ap-fchalpuses ebend. 
ist nur andere Orthogr. für e; das ap-sidpu^ios äkys B Verschreibung 
der Handschrift?). — Vgl. le fchilbstu fchilbu fchilbt erblinden (da- 
neben fchulbt), 

i. iindu zindau Hsti saugen (an der Brust), le präs. fifchuj d. i. 
Hindzu^ nur-zisti trans. (aussaugen) ausmergeln; zindis N f. i-st. 
Nahrung der Mutterbrust; le fidals Muttermilch; zindulp Sz Säug- 
ling [osesek] «^ zindau zindyti caus. sdugen; le fidil u. fidinäL — 
a. zändas Kinnbacken; zqslai; zqslos B Gebiss (am Zaum). 

i. pa-tistu zinaü zinti kennen; iinaü zinöti wissen; ziniä^ zine 
Kunde, sq-zine Gewissen; pa-zihtis f. i-st. Kenntniss. — i. zyn^s 
Zauberer, iyne Hexe. — 6. zenklas Zeichen. 

i. z^gis m. Gang, Geschäftsgang, zyge'ti einen Gang thun (wenn 
= 2^()fw); zingine das Schrittgehen; zingsnis f. u. m. Schritt. — 
€. zengiü zengiaü zengti schreiten. — CK. prazanga Uebertretung BF 
158, Sz (unter wyst^pek); zängosios kojeles (im Volksliede) die 
schreitenden Füsslein (von einem m. zangus) ~ zangstaü zangstpi iter. 
(zu zengti). ^ 

i. prät. iiraü zirti zerstreut werden, auseinanderfahren. — 
t. präs. zyrü. — €• zeriü zerti scharren. — d. prät. zeriau (zu 
zerli)\ zerimas nom. act. ; zerikas nom. ag. — CK« zarslaü zarstyti iter. 
(zu zeriü). 

i. zirgas Ross; zirgei N Kreuzhölzer auf dem Dache; iirges 
Schrägen, Holzbock; zirgles KLD »zwei an einem Ende schräg ver- 
bundene Stangen, welche statt der Zochschleiche gebraucht werden« «^ 
zirgliöti gespreizt gehen; zirglenli; zirglinti dss. ; zirgline'ti dem. dss.; 
zirgsaü zirgsöti gespreizt stehen. — €• zergiü zergiaü zergti die Beine 
spreizen, gespreizt gehen. — CT# ap-zargomh (i. pl. f. adv.) sc. jott 
rittlings; ap-zargei adv. dss. (von einem Adj. zargus) - zargaü zar- 
gpti ; iargstaü iargst^ti iter. (zu zergti) ; zargine'ti iter. dem. 

i« ap'tlimbu, zlibau^ zlibti Triefaugen bekommen MLG I. 223; 
zlibas triefäugig, blödsichtig. — e. zlebiü zlebiaü zle'bti schwach 
sehen können. 

i. zvilgu ivilgeti KLD [ ] glänzen ; zvilgiu zvilgeti schnell hin- 



d7] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 359 

blicken; ivilgis m. Blick, (-ivilgis ÄDblick; at-zvilga N Rücksicht -- 
zvilgiere'ti dem. blicken, ivijlgtereti Schi. Gr. — €• zvelgiü zvelgiaü 
zvelgti blicken. — Cl. zvälgas Beschauer, pl. zvalgai Brautschau; 
ap-zvalga Sz Umsicht (unter niebacznie)^ ap-zvalgüs umsichtig «^ zvalgaü 
zvalgijti iter. (zu ivelgti), 

i. zvingu (oder zvhigstu) zvingau zvingti anfangen zu wiehern <« 
zvingauii wiehern iter. — 6. zvengiu zvingiau zvengti wiehern, le 
fwegl. — <*• äukso pazvangeU i 550. 7 Theil des Pferdegeschirrs - 
3. sg. pr. zvänga inf. zvange'ti klingen, z. B. J 194. 14; 1348. 3; 
zvanginli klirren, klingen lassen IG 1 77. — Ausser der Reihe le fwai- 
gät iter. (zu fwegt). 

Es folgen die primären Verba mit i vor r, /, m, n oder einer 
diese Consonanten enthaltenden Gruppe, bei denen kein Ablaut 
nachweisbar, zugleich solche, bei denen i nach r u. s. w. steht, und 
beliebige, wo die verwandten Sprachen ein correspondirendes e oder 
0, a nachweisen. 

i. brizgu brizgau brigsti fasern MLG I. 224, brizgü brizgeli aus- 
fasern; hzbrizga Faser; brizgilas Zaum. 

i. le dirschu (und dirstu) dirsu dirst cacare; le dirsa podex. 

i. f-drink^s (B indrinkens) prt. prät. a. »frech, gierig«. 

i. pa-kirsli B aus dem Schlafe auffahren, isz mSgo pakird^s 
WP 113, pakirdo 3. sg. prt. ib. 33, pakird^s aukszt^ ib. 195; pa- 
kirdinli B erwecken, bei Sz prfts. pakirdzu erwecke {przebudzam) . 

i. pr avrklipts verborgen. 

{. knimbü knibaü knibti [sU") zusammenknicken intr. (Halme, Knie), 
N bat auch hiembu als präs., daher ist das Wort hierhergestellt. 

i. pilü pilti giessen (füllen), prügeln, le pilslu pilu pilt; le pilu 
pil^t triefen; al-pildas Ersatz J 1016. 7; pHlnas voll; pilvas Bauch <^ 
le pilinät träufeln; pHstau pilstyti iter. (zu pilti). — i. prät. pijliau 
(zu pilti) ; p^limas nom. act. ; pylä Prügel ; pylus (1. p^lius) N Vollmond, 
preszpylis N zunehmendes Mondlicht. 

i. le if-püzis ULD prt. prät. a. (= ^pilk^s) übermülhig. 

i. pisu pisaü pisti coire c. fem. (hierher wegen too;, s. Fick 
IL 605). 

i» silpstu silpau silpti schwach werden; silpnas schwach« 

i. skinü skinti pflücken, le schKinu schk'inu schk'it. — %. prSt. 
sk'jjniau'^ nom. act. sk^nimas; le schk'lnis Heuraufe. 

Abliandl. d. K. S. Oesellscb. d. Wisaensch. XXI. 25 



360 August Leskien, [9S 

i# le sifu (?) sirt »kriegerische Streif- und Raubzüge machen; 
umhersch wärmen« u. a. ; le sira und sifa das Herumstreichen; le sifi 
Marodeure. — t. le siru prat. (zu sirt) - le sirul^ slrH iter. 

i. 3. sg. nü-slimpa entschlüpft JSv 6, le slipstu slipu sllpt gleiten, 
schief werden; le slips schräge, steil -- slimpineti J 312. 6; 417. 19 
entschlüpfen; le slipßt caus. schräge machen. 

i. smilu smilti sich versengen G. 

i. pa-spügfs prt. prüt. a. BF 174 dünn im Stroh (von Korn), 
im Wachsthum zurückgeblieben. 

i. le spirgsiu spirgu spirgt frisch werden, erstarken (eig. auf- 
spritzen intr.?); spirgas Griebe; le spirgts frisch, munter -- spirgau 
spirgyli Fettstückchen (Grieben) braten (prasseln machen). 

i. le swirkstu swirku swirkt rieseln, knistern. 

i. szile-s 3. sg. prt. WP 74, 211 sich bestreben {Artus szilies 
daroditi sunu diewa maiesni tejsant uz diewa liewa 211). 

i. prät. szilaü szilti warm werden , le präs. siUlu ; sziltas warm ^ 
szildau szildyti caus. wärmen. — t. präs. szylü. 

%. styrstü slyraü sljrti erstarren; st^ros äkys starre Augen KLD. 

i^ szvinkstu szvinkau szvinkti übelriechend werden. 

i. prät. tüaü tilti schweigend werden; tüstus Sz schweigsam «^ 
tildau tildyti zum Schweigen bringen. — f • präs. tylü (zu tilti) ; 
tyliü tyle'ti schweigen; tylä das Schweigen, tylüs schweigsam. — 
Vgl. slav. toliti besänftigen. 

im tingstu tingau tingti faul werden; tingiu tingeti faul sein; 
t'mgiwjB Faulenzer, tinginiäuti faulenzen; tingüs faul. 

t. triszu trisziti N zittern. 

i. tvilkti, 3. sg. prät. tvilke (WP 274 su undeniu karsztu tvilkie^ 
das indess zu tvilkyli gehören kann), auch G, (mit heissem Wasser) 
begiessen; iter. bei G ap-tvilkyti bespritzen, benetzen. 

'L le fwirgslu fwirdfu fwirgt rieseln, grobkörnig zerfallen ; le fwirg- 
fde Kies, lit. ivirgzdas Kies. 

m. b) e e a o (a). 

€• bedu Sz (unter kopam) grabe, le befchu bedu beß schütten, 
begraben; moUbedis m. NBd Lehmgrube; le 6e(ieft/i« Maulwurfshaufe; 
le bcdre Grube - le bedit graben, begraben. — U. "fbaslis ro. Sz 



d9] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 361 

Pfahl, ] 159. 8 '^ fbadaü hadpi stechen, mit spitzen Dingen stossen; 
"ihastaü-s bastyti-s sich herumtreiben, vgl. bei N pabastä Herumtreiber. 
— Die Zusammenstellung zweifelhaft. 

e. su'berbiij^ auzülas WP 260, su-berbejusi ISpa WW 260, nach 
G alt, moosig. — «• le ba{h)rbala, ba{h)rbani feine weisse Birken- 
rinde (lose hangend), alte Lumpen, Klunker; Ibarbalas N ein von 
Strauch gedrehtes Tau an den Holzflössen. — Zusammenstellung 
zweifelhaft. 

€• degü degiaü degti brennen trans. u. intr. ; degas N Feuer- 
brand; le degas f. pl. ausgebrannte Stelle; le deglis Feuerbrand; le 
deguls brennender Schwamm ; degsnis f. Brandstelle ; ugnä-dektis f. i-st. 
und ugnä-dekstis f. i-st. brennende Kälte; dege'si und dege'sei m. pl. 
Brandstelle, deg^'sas BF 106 brennendes Stück Holz; degw NSz 
Feuerbrand '^ deginti caus. brennen lassen. — 4. nüdegulis^ nudegul^s 
Feuerbrand K. — öt. ddgas Ernte, isz-dagas ausgebrannte Stelle 
(durch Ausbrennen urbar gemacht) ; dagä Ernte, isz-daga von der 
Sonne versengte Stelle des Feldes; dag^s Klette, dageti J 584. 6 
wie eine Klette stechen (oder wachsen?); dägloH (daneben deglas) 
weiss und schwarz gestreift; le dagla Brandfleck, daglaim gestreift; 
le daglis Zunder -^ dagiöli iter. (zu degü)^ z. B. J 380. 6; 186. 4. — 
a^m ato-dogei Sommerroggen. 

e. deriü {derii) dereii dingen; taugen, wozu dienen, J 498. 2 
gedeihen; suderme Sz Vertrag (unter rokosz) -^ derinti versöhnen. — 
a» sändara JSv Einwilligung; pa-darus Sz officiosus; padaras Sz 
[skutek) eventus, üz-daras Abmachsei, Gewürz (vgl. dar^li); ät-daras 
oO*en {at'dar^ti aufmachen) ; apnlarüs geschickt -- daraü darjti machen 
(zum Bedeutungsverhaltniss vgl. d. »machen« = fügen). — ^« dorä 
Eintracht, m-si-doröti J 1245. 2, nedoras N lasterhaft, pondorüs fried- 
fertig, das einfache dorua {dorios szirdes)^ z. B. IG 12; daneben dora 
als f. [dora szirdis IG 158) von doras ib. 159 bescheiden; üt-doris 
verschliessbarer Raum {üzdartjti). '* 

e. derkiü deikiaü derkti besudeln. — C^. ? le darks und darzs 
(= ^darkis) Schecke; därktas N hasslicher Mensch; dark^sis NM 
unreinlicher» hässlicher M.; darküs garstig '^ darkaü dark^li iter. (zu 
derktt) entstellen, schmähen. 

€• dvesiü präs. ich athme. — ^. prät. dvesiaü dve'sti [nu-dv. 
verenden); dvesimas das Verenden; pri-dvesas N dumpfig; le dwesele 

25* 



362 August Lbskibn, [<00 

AtheiD, Seele, Leben -- dvesuli Athem holen. — Cl. dvasiä {dvase) 
le dwaschüj dväse Geist; at-dvastis f. oder m. Sz Athmen (unter od- 
dech), — Vgl. dus-, 

e. elgiu-s elgiau^s elgti-s sich betragen, sich wie verhalten. — 
€1. algä Lohn. — Zweifelhafte Zusammenstellung. 

€• erziu knurren <- erzinii caus. zergen. — d. arza G Streit (in- 
dess kann a = anl. e sein). 

ۥ gerbiu gerbiau gerbti ehren Sz {szanujf), WP 200; ap-si- 
gerbti sich ankleiden JSv 6, 8, le ^erbju ^erbu ^erbt kleiden (Ver-^ 
mittelung der Begriffe »schmücken«?); le ap-^erbs Kleidung. — 
a» garbÜ Ehre, bei SzP 8 garba^ garbüs Sz ehrwürdig «^ ? le garbät 
schonen, pflegen, warten; gärbinti rühmen; garbstaü garbsUjiti iter. 
(zu gerbti) KLD rühmend herzählen. 

€• glemziü glemziaü glemzti zusammendrücken, stopfen. — 
d, glamiaü glamtpi iter. 

6» le grebju grebu grebl schrapen, aushöhlen; le greblis Harke, 
Hohleisen - le grebihät iter. — ^. gre'biu gre'biau gre'bti harken, 
raffen; griblijs Harke - gribstaü gribsipi iter.; grebsünSti dem. — 
d. le grabas f. pl. Zusammengerafftes; grabüs fingerfertig «^ grabine ti 
iter. dem. hin- und hergreifen; le grabinät iter. (zu grebt). — &• le 
gräbju gräbu gräbt greifen, packen, harken, lit. grobti raffen, packen, 
z. B. ] 503. 1, JSv 66; grobe G Beute; le gräbulis Langfinger -- grob- 
siyti WP 117, le gräbsllt iter. (zu grobti). 

e. le gremül wiederkäuen. — ^. ? le gramem Sodbrennen ULD. 

— CT. gramsnoti N kauen. — Ct. le 1 gräms Sodbrennen ULD; gro- 
mulys Wiederkäuballen, grömtdiüti wiederkäuen. 

e. grenizdu gremidau grimszti schaben , le gremfchu gremfu gremß 
nagen, beissen. — €1. pa^gramdis N Nachschrapsel ; le gramschti m. 
pl. Nachbleibsel, AbMe «^ grämdau grämdyti iter. schaben; le gram- 
stit iter. zusammenraffen, aufharken. 

ۥ grendu {jgrendzt/) grendau gr^sli reiben, scheuem, abschinden. 

— U. grandinis m. u. a. Schabwerkzeug «^ grändau grändyti iter. 

e. le grefm prächtig. — a. grazüs schön ; graznä Schönheit. — 
€€• groie G Schönheit, groiijbe dss. ; grözinti schmücken. 

e. kedenü kedenli zupfen. Wolle krämpeln; le k'edinät Wolle 

.zupfen, vgl. le k'eda, Uedra Spindel; kedilti N bersten. — Ct. hodas 

Wickel von Flachs u. a., Federbusch der Vögel, Schopf (Schleicher 



404] Dbr Ablalt der Wurzelsilben m Litauischen. 363 

schreibt kudasj wozu das le kudal'a kudelsch = lil. kudelis Wickel 
von Flachs etc. stimmt). — Zweifelhafte Zusammenstellung. 

e. kenkia kenke kenkti weh thun. — U. känkas NSz und kanka 
NSz Qual ~ kankinti peinigen. 

C. pri-kergti WP 11, 101 anbinden, beifügen. — U. su^kargtjli 
Her. verknüpfen MLG I. 80, BF 121. 

e. klestinti Schi. Don. (nach Schi, jetzt kleslenti) hin und hcrsch lagen 
(vom Winde). — ^. kle'styti Schi. Don. peitschen, stäupen (KLD schreibt 
klestytt); dazu einige Worte, deren Schreibung ebenso unsicher ist: 
klesczu {klestu) klesczau klesti N (e; e KLD) sich bewegen, rauschen 
(z. B. von Blättern) , dss. Wort bei N peitschen, stäupen ; kkstercli N 
flattern. Bei KLD [ ] kUsziü kleszihü kWszti fegen (Getreide) und 
ebenda ein kletu kleczau klesli (Getreide) abstäuben. Dazu wohl auch 
m-kle'sti J 438. 3 (3. sg. fut. sukles) dicht werden lassen, spriessen 
lassen (Blätter), kUsteli (3. sg. prät. kle'ste ] 481. 3; 806. 17, 
3. sg. prt. kUsU'jo J 481. 2, klesti^' jo 689. 1 wohl Druckfehler) 
spriessen; vgl. auch bei G pa-kliesli^ ap-kliesti (d. i. klesti) bedecken, 
schützen. — CT, nu-klastu kl(i8lau klastit NQu herabfallen (wohl: 
herabflattern) ; nu-klaslai und nu-klastos N, KLD [ ] Getreideabfegsel ~ 
klastaü klast^li iter. (Getreide) abfegen. 

e. al-si-kvempti sich mit dem Ellbogen aufstützen MLG 1. 130, 
BF 131 — ät^vampte Seitenlehne MLG L 130. 

e. präs. lekiü fliegen. — 4. prt. lekiaü lSkti\ lekimas nom. act.; 
lekikas nom. ag.; le Ukas f. pl. Herzschlag; lekei (e) NQu fliegende 
Spreu; le Ukls Aufgang (der Sonne); le lekschüs (loc. pl. m.) im 
Galopp ~ le Ukät iter. hüpfen, springen; lekineti dss. — CT. läkas 
KLD Flug; lakä Flugloch der Bienen; läkim KLD dss.; pirmlakai und 
pirm4ako8 das beim Worfeln vorausfliegende; lakünas Flieger J 605. 2; 
le lakia Huhnerstange, lit. laktä und laksztä, bei N auch läktds; lak- 
slus Sz flüchtig (unter pierzchliwy; viell. prt. präs. = lakslqs zu 
lakstaü); läksztas Blatt (besonders breites; nach Fick IL 648); lakus 
behende MLG L 389. <« laktnli caus. fliegen lassen; lakiöti iter. (zu 
lekli); lakine'ii iter. dem.; lakstaü lakstpi iter. 

e» lesü lesaü lesti picken, le lest {last) rechnen, zählen; lesalas 
KLD Vogelfrass '^ lesinti caus.; lesine* ti iter. dem. — 6. le Uschu 
{Ustu) Usu lest (neben lest) zählen, rechnen. — U. lasa N Vogel- 
frass, ap^lasa Sz Auswahl, apylasus N wählerisch; iszlasas peklos G 



304 AiGisT Leskikn, l^^* 

Auswurf (\ov Hölle; lasalas N = Irsalas^ - lasmi lasfiti iler. (zu lcsfi\ 
le hml saiiiineln, lesen. 

C mein rneczaü mvsfi werfen; ap-mctai Svherg^vn; al-mcfalas Sz 
Abwurf, Auswurf unter oilmiol ; uz-meirhlis Thürriegel; le r-mesls 
Einwurf; mrlmetn/s pl. Scliergarn; vtesliirai Scherrahmen ; melifs N ab- 
werfend vom Pferde) - le mcliiuli iler. werfen. — e. atmefis ni. 
KI.D [ ^, Stütze am Heu- oder Stroliliaufen - meiiiu mclyfi^ le miiät 
iler. zu mrsfi): meczoii KLI) iter. dem.; mcüioli BF lil dss. ; me- 
lineü KLD "'• dss. — Cl. at-mafas N Abwurf, Auswurf, le alnials 
und afmata Dreeschland, Stütze, Ii^ ufmaLs und ufmala Zugabe zum 
Futter. — (!• nci molais einerlei nach Schi, mntas =i Auswurf, 
Kehricht), ap-motas Bewurf; isz-jnofa Kehricht, prv-mola Anwurf 
fz. B. von Kalk\ 

C 7ucz<jh mcztjiav mnjsti knoten, stricken; wezga Strickerin; 
mezfjinjis Strickzeug. - ((• miizgas Knoten; makslas N Nadel, Strick- 
brett der Netzstricker - mnztiau maztjiili iter. (zu mczfjh] JSv 43: 
mazijioii dss. ; makstfiti dss. Hechten BF 1 38. 

ۥ nersziii ncrsziav nrrszll laichen; nersziu ncvszrli KLD , ] dss. 
— fl. närszas Laich; isznarszos Bogen (KDL unter »Fischbrut« ; ap- 
narszas Milchner; narszlai Laich; uarszlas Laich und Laichzeit iiarszto 
r:c.s7/.v', le narsfs und narsfa -^ le nmshi laichen. 

C. ucszit ucsziau ncszli tragen; lauk-nrszu Holzgefiiss zum Hinaus- 
tragen des Essens aufs Feld; -ucszys (in Comp. Trager. - (\ \r 
uf'sis Achseljoch [horotin/slo] ; neszczd schwanger so K) - le arml 
iter. zu ncst). — f(. pnhtaszus INophet; s({-)iasz()s. le sa-naschas 
:= 'nas-jäs] Zusammengetragenes, Zusammengespültes; le uasiis, pl. 
fKfschl'i Schilf, Bohr vom Flusse getragenes) ; )uiszla Last; naszczei 
Wassertrage (Achseljoch); naszus KLD fruchtbar, uaszus z'mjas i(i 13 
Beitpferd - uasziud NSz (lerücht verbreiten. — (1. sq-fioszai Zu- 
sammengespültes 'bei i'berschwemnumgen; ; le uäscha Achseljoch; 
le (dial.? niisa. nusis Heutra^e - aoszcztfli (ierücht verl)reiten. 

C, le pcl'tt pell schnUdicn. — C\ le priit. pelu; le peläjs nom. 
ag. - le pi'lrl iter. schmähen. — ((• le pal'a<s f. pl. Tadel. 

C. le perpi ULD quienen, Ncrrecken. — f(. parpiu parpiaii 
piirpli knarren, (piarren; parph/s KLI) knarrender Käfer; parpslii par- 
pan piirpii aufdinsen; vgl. piirpli sich aufblühen. 

(\ pra-perszis ui. N Blanke im Eise. - ((• pvaparszas NSz Graben. 



403] Der Ablalt der Wurzelsilben im Litauischen. 365 

€• peszü pesziaü peszti abreissen, rupfen, püWcken ; peszeklis Mist- 
haken; peszlüves Rauferei '-^ peszineli iter. dem. — Cl. päszinas Splitter 
(eiogerissener , in die Hand) ^ paszaü paszpi iter.; pasziöti i 556. 
3 dss. 

ۥ pr issprestun verstehen, isspresnan, isspressenien nom. act., iss- 
prettingi nämlich (die Formen sind mit Ausnahme des einmaligen 
ispresnä immer 88 geschrieben, woraus indess auf eine Wurzelform 
8pret nicht geschlossen zu werden braucht). — {€• pranlü prataü 
prästi gewohnt werden {8thpr. verstehen). — Ä. prötas Verstand. 

€• regiü regeti schauen; nu-rega Sz Scharfsinn; le nü regas von 
Angesicht; le redfe Sicht, nu redfe8 so viel man sehen kann. — 
U. su-rag^bos Brautschau MLG I. 76; Iragana Hexe. 

ۥ rembiu rembeti KLD [ ] trSige sein, von Pflanzen: nicht recht 
wachsen, le aprembH im Wachsthum zurückbleiben. — (l. rambüs träge. 

e. i-8i-^enzp8 prt. prftt. a. sich gereckt h., i8Z'8i-r^iti MLG L 226 
(geschrieben iszr-sir-reiti) sich ausrecken, sich stemmen. — Cl. rqta8, 
pl. rqzai (geschrieben räza8) »ein blätterloses, dürres Reis, eine Stop- 
pel, pl. Stoppeln, Besenstumpf, Zinken einer Forke«, vgL tri-rqii8 
dreizinkig, vgl. auch jis eil sävo razü »er geht seine Nath weg, nach 
seinem Kopfe« KLD (dieselbe Bedeutung hat dti resztü Don., viell. 
rf8ztül^ und eiti 8ävo rö8ztu KLD []; le rufe langgestreckter Hügel 
Bi L 261 , le rüfes Reissen, Gliederschmerz (= ^ranzes) - rqiau rq- 
ztjli recken (bei B ranszilis ist zu lesen ranzyti-s)^ le rüfite-s sich 
recken, Reissen haben. — Ausser der Reihe ? rcitiü^s reiziam reizti-s 
sich brüsten, sprändq i-8i'-reiif8 pt. prät. a. Nacken aufsetzen, hart- 
näckig sein, vgl. die Schreibung räizau-8 räiiyli-s sich recken (= rq- 
zijti-s). Diese Formen mit i-Diphthong setzen eine mir nicht bekannte 
Stufe mit i voraus. 

€• le repu repu rept Callus ansetzen, zur Heilung bewachsen. — 
(l. ap'rap8taü rap8tpi iter. mit etwas Dickflüssigem bespritzen KLD 
nach M. 

€• reszkiu re8zkiau rekszli pflücken N. — d. raszkau raszkyli 
iter. NSz, JSv 49, BF 162. 

€• segiü segiaü segti heften. — €• apsega Einfassung, Clausur 
(so schreibt K N's apsega). — €1. 8äga8 und 8agä etwas, womit die 
Leinwand beim Bleichen festgelegt wird, prtj-'8aga N Heftnadel, pa- 
saga Sz (unter poprqg) cingula, pä-8aga8 Hufeisen J 958. 17; saglis 



366 AcGcsT Leskibn, [104 

f. i-st. Schnalle (bei ] 84. 7 sägtis m.), le sagts und sagte -- sagau 
sagyti iter. (zu scgti)^ z. B. J 1134. 25; sagiöti dss., z. B. J 810. 8; 
sagslaü sagst^ti dss. J 831. 7. 

6» «e/(i( sekiati sekli folgen ; «e/^m« N Gelingen ; ped-sekis N, KLD 
Spürhund. — U. pSdr-sakas Aufspürung der Fährte, Fährte '** sakioli 
iter. N; le sakstit iter. suchen, spüren nach etwas. — Cl. pe'dsokas 
(= pi'dr-sakas) LB S. 1 50 in einer Daina. 

€• sekme Sz Fabel, Erzählung (bei Sz unter bäsA steht sekmßs) ; 
«eA^mi« f. i-st. NSz dss. (bei KLD [ ] m.) , sekmius NSz Fabelerzähler - 
ponsaka Märchen; üi-sakas JSv 10 Aufgebot ~ sakaü sakpi sagen. 

€• selü seleti schleichen; selomis N adv. i. pl. schleichend. — 
e. ? «e/ena GetreidehUlse; se'linti KLD schleichen, nachstellen; seltne li 
ib. [ ] iter. — d. pa-sala, davon iszr-pasalü, pasalöms unvermerkt, 
vgl. pasalü G in aller Stille, pasaltss G einer, der hinterlistig über- 
fällt, pasalas N betrügerisch. 

e, semiü simti schöpfen. — ^. prät. 8e*miau\ nom. acl. semi- 
mos. — d. sämlis m. Schöpflöffel <« samstaü samstpi iter. ] 144. 3 
{sämstau sämstytt). 

€• sergiu sergeli behüten, bewachen. — d. sarga N Wache, 
al'Sargä^ ap-sargä Hut; särgas Wächter; sargüs wachsam '^ le sargät 
hüten. 

e. skelsiü skelsiaü skelsti verschlagen, vorhalten (ausreichen). — 
Cl. skalsä das Verschlagen, skalsüs verschlagsam '^ skälsinti caus. 
machen, dass etwas verschlägt. 

€• sk^stü skendaü sk^sti untersinken, ertrinken; skendulis N ein 
dem Ertrinken naher, Ertrunkener; skendinjs N dss.; skendonis KLD 
dss.; skendu [skendeju) skendeti im Ertrinken sein. — CT. paskandü- 
le'le (demin. eines paskandüle, m. -dfUis) Ertrunkene J 278. 6 -- skan- 
daü sküfidpi ertränken; skandinti dss. 

€. smengü smegaü smegti wo hineinfahren und stecken bleiben. 
— (€• präs. smagiü schleudern; smagüs geschmeidig, handlich, ange- 
nehm , smagurei Leckerbissen ; ? le smags und smagrs schwer von 
Gewicht, lastend; smagüs N schwer zu tragen, zuziehen; 1 smägenes^ 
smägines^ le smadfenes Gehirn, Mark, lit. dantü smägines Zahnfleisch, 
le smaganas, — (l. präs. smogiaü smögti (zu smagiü); smogimas nom. 
act.; smogikas nom. ag. ; sq-smoga NBdM Meerenge; smögis m. hef- 
tiger Wurf, Schlag; smogc N Hieb. — Vgl. smeigtü. 



105] Dbb Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 367 

B. smerkiü smerkiaü smerkli nach KLD in Noth zu versetzen 
suchen, nti-smerkti umbringen, pa-smerkti B verderben. — d. smar- 
küs grausam. 

C. le snerdfe Rotz; le snerglis dss., nach N auch lit. snerghjs. — 
a. marghjs Rotz. 

e. itegenjs Stengel, Strunk. — (I. stägaras dss. 

e. szelpiü szelpiaü szelpti helfen. — d. paszalpä Hülfe. 

e. szvelpiu szvelpti; präs. szvepliü] szvepliöti; szveplenti lispeln; 
szvepbjs Lispler. — Cl. szvapljs Lispler; szvapus MLG I. 394 viel 
lispelnd. — Vgl. oben szvilpli pfeifen. 

€• tekü teketi laufen, fliessen; le teka Fusssteig, vgl. Ht. iszr-teka 
Mündung (eines Flusses); tekme Quelle, Bach; tekinas laufend, im 
Lauf ^ tekineti iter. dem. ; le lezinät caus. laufen lassen. — S. le iter. 
Ukät. — CK» täkas Pfad; nutaka mannbares Mädchen [nur-teketi hei- 
raten), iszr-taka Mündung, ap-takä Umlauf (Geschwulst an der Nagel- 
wurzel) ; nuiakana in der Wendung vandü' yrä nutakamij das Wasser 
fällt KLD [ ]. — a. i-toka N Mündung. 

e. telzu telzti bei G soll »beharnen« bedeuten; ebenda ein su- 
taliti durchprügeln. — a. laltyti MLG 1. 383 prügeln, talze 3. sg. 
prt. WP 97 schlagen, le talfit u. talstit durchprügeln. 

€• tepü tepiaü tepti schmieren; tepalas Schmiere; pa-tepte Sz 
Schmutzfleck - tepliöti; teplenti schmieren. — CT. tapioti iter. WP 75; 
tapineti G iter. 

€• ? le terpju lerpu terpt kleiden , schmücken ; pr en-terpo es 
nützt. — CT. tarpä Gedeihen, larpstü tarpaü lärpli gedeihen (denom.?). 

ۥ le teschu lest mit dem Beil behauen; le tesele eine Art Beil. 
— ^. prül. li^i (auch präs. teschu, inf. täst). — CT. taszaü taszyti 
iter. dss. 

€• trendu (trefidiu) trendeti von Motten, Würmern zerfressen 
werden. — CT. trandis f. i-st. Holzwurm, Motte, nach KLD pl. trändys 
Staub des Holzwurms, nach N trandp m. dss. ; trande Motte ~ tratir- 
de'ti KLD nach M von Motten zerfressen werden. 

€• präs. tresiü läuäsch sein. — ^. prät. Iresiaü tresti — CT. trasä 
käle KDL (s. v. brünstig) läufische Hündin ~ trasyti iter. B (= te- 
kineti) . 

€• treszkü treszketi knistern, prasseln. — CT. trakszmas NSz 
Krachen; traszkü traszketi {=i treszketi) ; träszkinti caus. prasseln machen. 



368 August Leskien, [106 

e. vedii vedziaü vesti führen, heirathen (vom Manne); nauvedä 
und nauvedzä Bräutigam; ved^s und vedljs Freier. — Cl» vädas Führer, 
le wads, üzvadas ] 622. 1 Vertheidiger ; pa-vadä zweite Frau; vädzos 
Fahrleine - vadiöti^ le wadät iler. — Ü. i-voda N Wasserleitung 
(Einführung). 

ۥ iembu zembeli zu keimen anfangen (eig. spalten, zerreissen). 
— a. zämbas Balkenkante KLD [ ] N, i-zambis {iiumbis) Sz (unter 
ukosny) schräge. 

€• zvelgstu ivelgti Sz plappern; zvelgseti ebend. dss. — dm le 
fwaUisch^t Scherben an einander schlagen, mit Schellen läuten, 
schwatzen ULD. 

Die primären Verba, bei denen kein Ablaut (ausser etwa e 
neben e) nachweisbar ist: 

e. berszli (3. sg. pr.) javai bei M das Getreide wird weiss. 
Unsicheres Wort. 

ۥ uzr-blcsta ugnis das Feuer wird klein; blestereti sich legen 
(vom Winde). 

€• breiü breieti rasseln. 

e. brezgü brezgeti stammeln. 

6. delsiü delsiaü delsti säumen, zögern. 

€• densti sich bedecken, schützen G. 

B. esmi ich bin. — ^. esqs prt. präs. 

ۥ gebu gebeti pflegen = gewohnt sein, giebieli WP; giebus G 
gewohnt {ie nur zur Andeutung des erweichten g, nicht = e oder e), 

e. geniü geneti ästein; gen^s Specht (Baumhacker, Fick II. 546). 

e. Ie gtvelfchu gwelfu gwelft verklatschen, verleumden. 

ۥ isz-gverfs ausgeweitet (daneben isz-dver^s)^ bei KLD von gvei- 
slu gveraü gverli sich ausweiten; isz-gverinti caus. KDL unter »aus- 
buttern i(, 

€• kepü kepiaü kepti backen; kepsnis f. i-st. Gebackenes, Ge- 
bratenes. 

€• Ie k'eschü-s {mrsü) k'esü-s k'enle-s sich aufdrängen. — ^. ? ke- 
sau-s kesijli-s sich unterfangen, Miene machen etwas zu tbun. 

€• kelü keteli beabsichtigen. 

€• klenkü klekaü klekti gerinnen, stddekfs geronnen, daneben 
sunkrekfs; le krezu krezöl gerinnen, bei N lit. kreku kreketi; vgl. sq- 
krekos N Glumse u. a.; sti-klekinti gerinnen machen. 



407] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 369 

e. ap'klepiu, -klepti B fassen, begreifen. 

6« iszr-lempu lepau lepti N sich verzärteln, gewOhnl. lepsin lepaü 
lepüj viell. denom. von lepus weichlich. 

6» ap-lepti Sz unter ogamqc amplecti (mit /, also nicht wie bei 
KLD Upli zu schreiben). 

€• le 'Aemu Aemt. — ^» le nßmu nehmen. 

ۥ peldu peldeti B sparen, schonen, unterlassen. 

ۥ le peldu peldH schwimmen. 

e. penü peneti nähren, mästen; penas Futter. 

€• pöndtu {pende'ju) pende'ti stocken, trocken faulen; iszpendis 
m. KLD trocken Ausgefaultes. 

€• periü pere'ti brüten; peras Brut. 

e. perszt perszeti schmerzen; perszulp Schmerz. 

ۥ platdiai pa-pete G die Haare stehen aufrecht. 

€• pUmpti^ prt. prät. a. f. plempus{i) JSv 9, J 348.3 schlemmen (?). 

€• plezdü {splezdü) plezde'U flattern. 

e. pleszkü pleszke'li pfasseln. 

e. Silbe 3. sg. prt. J 965. 10 schwatzen (?). 

e. sklepiu sklepiau sUepti wölben N; sklepas Gewölbe. 

e. sklempiü sklempiaü sUempti glatt behauen. 

e. skrenlü skretaü skresli sich mit einer (Schmutz) kruste über- 
ziehen, ap-skresti verharschen (Wunde). 

e. le smelu smeU, — ^. le prät. sm(Au schöpfen. 

ۥ spengia spcnge spengti klingt in den Ohren. 

e. srebiü schlürfen. — €• prät. srebiaü srebti (K auch piäs. 
srebiü). Daneben sriobiü sriobiaü sriöbti {sriubti). 

€• stelbiü steWiaü stelbli schal werden. 

6» szelbiu'S szelbiaü-s szelbtinsl M sich zu helfen suchen. 

€• sznenkü sziiekaü sznckli anfangen zu reden; sznekü szvekcli 
sprechen; szneküs gesprächig; nznektä Gerede. 

€• tenkü tekaü lekti hinreichen. 

€• -lesin -teseli ausführen, ausrichten. 

e. vebzdü vebzdeli wimmeln. 

€• pa-^dti B erlauben; velyti wünschen. 

e. le sa-ivergt eintrocknen, einschrumpfen ULD. 

€• zerplü {ierpliü) zerpleli glühen. 

€• ilembiu tlembiau ilembti etwa »jammern«, z. B. J 1 1 28. 5, 1216.3. 



370 AcGusT Lbskien, [408 

IV. e a o (a). 

e* begu be'gau hegti laufen, fliehen; he' gas Lauf; prj^-fre^a Asyl; 
hegis m. Lauf; hegte' Lauf; le heglis Flüchtling; hegus N flüchtig '^ 
heginli caus. laufen machen; hegind'U dem. iter. ; hegiöti iter. — 
Cl. hoginli etwas flüchten, fortschafl'en. 

S. le hrözu hräzu brßkt schreien - le hrekät iter. — «. le 
hräk'M iter. schreien. 

d. gle'hiu gle'hiau glehti umfassen (mit den Armen), le glebl; 
glehp Armvoll. — Ct* le glahät hüten, bewahren, warten, lit. ajH 
glahöti sich um Jem. bemühen, pflegen MLG L 69, ? dazu auch 
glaboli bitten, anflehen, z. B. WP 196. — Cl. glohiu globiau globli 
umarmen, umhüllen, le gläbju glahu glüht retten, schützen; gloha N 
Umarmung, le gläha Lebensunterhalt, Auskommen '-> glohöti iter. (zu 
glöhti) . 

4. plckiu plekiau pU'kti prügeln (Schi. Don. schreibt e\ schwer- 
lich richtig) ; plekis m. das Prügeln. — <Jl. plakü plakaü pWUi 
schlagen, peitschen ; le pluku (= ^planku) plaku plakt flach werden, 
platt hinfallen; nu-plakos Schwingelheede ; le plaku, piakam adv. flach, 
platt auf der Erde; le plakans flach; plakld N Hieb; plaklüvai Sensen- 
klopfzeug, plaktuve' Schwingmesser (beim Flachs) ; plaksztas N der 
Prügel. — Ä. plökas N Estrich; plökis N Streich, Hieb; le plaze 
Schulterblatt, vgl. pläzenis flacher Kuchen ; le plakans (neben plakans) 
flach; plökszczas flach; ?le pläzi m. pl. Lage, Schicht. 

d. reju rejau rd'ti heftig losschreien. — Ä. le räju räju rät 
schellen. 

ۥ replomis (i. pl. eines repla) eiti kriechend, auf allen Vieren 
gehen «^ replioli kriechen ; replinti etwas plump (gewissermassen : auf 
alle Viere) hinstellen; replineli iter. kriechen; repsaü repsöti plump 
daliegen. — Ct. le räpju räpu räpt kriechen, iter. le räpät; le räpu 
et kriechen. 

^. reziu reziau re'zti schneiden; rctp Schnitt **' rezau rezyli 
iter. — e ist die urspr. Form (vgl. slav. rdzati — raz^), aber da- 
neben steht e: rdiiu rStiau rezti; at-r^iai, ätrezos K Abschnittsei, 
und dazu ai: raiiti'f BF 162 schneiden; le rßife schneidender 
Schmerz; raisztas N Kreis <- räiiau räizyti iter. schneiden. 

(5. sle'giu slegiau slegli bedrücken, pressen, le skgl schliessen ; le 



409] Der Ablaut der WcRZELsaBEN im Litauischen. 371 

slegs Bürde ; le at-slßga Schloss ; slegtis f. Presse ; sligte dss. KDL. — 
d. slogä Plage, at-slogo 3. sg. prt. (eines präs. at-slogstu) ] 589. 5 
vom Drucke frei werden; slogai N Hölzer zum Beschweren eingeweichton 
Flachses ; slogm N beschwerlich ; le slügs Last , aif-slügs Riegel ~ 
sloginti plagen ; le sludfit bedrücken, beschweren ; le slügät und slugül 
dss. — Vgl. übrigens le sluga Last, Plage Bi L 257. 

B. stegiu std'giau stegti Dach decken; stegius Dachdecker. — 
Ü* slögas Dach. 

(5. zeriü zereli strahlen. — CT. pazäras^ paziäras Schein am 
Himmel; zarijä glühende Kohle. — Ä. paziöi'a Wiederschein am 
Himmel; zioröti K glühen. 

Primäre Verba mit e ohne Umlaut: 

le bleju hUt blOken. 

brükszia brüszko brekszti anbrechen (vom Tage) ; ap^-briszkis m. 
Tagesanbruch. 

demi [dedü] de'jau deti legen (doch sind dabei Formen wie 
pr'i-das Zugabe zu berücksichtigen). 

dr^kslu dre'kau drekti Feucht werden ; dre'gnas und dregnm feucht 
Das k in drekau ist vielleicht aus Präs. und Inf., wo k lautgesetz- 
lich für 9, eingedrungen. 

edu {emt) edtau esti fressen; ^drä NBD Thierfulter, edrus ge- 
frässig; i'desis m. Frass; edis m. N Frass; edzos Raufe; edmenys 
pl. N Fresse (Maul), u. s. w. 

jegiü jegiaü jügli Kraft haben, vermögen, le jBgl\ nu-jdgä^ le 
jSga Einsicht. 

ap-kei^ verkommen, im Wachsthum zurückgeblieben, pt. prät. 
a. {e schreibt KLD unter kezu^ dagegen ap-kiezelis Zwerg). 

megstu megau mi'gti Wohlgefallen; meginti prüfen. 

me'ziu meziau mezti Dünger machen, misten, mezlai Mist, le 
mifchu m€fu mefl, mesls (also nicht mSzli zu schreiben). 

plekslu plekau ple'kli moderig werden. 

reju rejau reti KLD aufschichten; re'kles Stangen hinter dem 
Ofen zum Holztrocknen. 

se'ju sejau seit säen; »emu Same; seklä dss.; se'jis m. das 
Aussäen. 

sküczu skii'czau sküsti ausbreiten (von Pflanzen: Blätter, Aeste). 

speju spejau speti Müsse haben u. s. w. 



372 AüGtsT Leskien, [HO 

szebiu-s szebiaü-s szebti-s aufzukommen, sich zu helfen suchen, 
M u. sonst bei N. 

pa-szelps toll geworden pt. prt. a. 

le wßpju wßpu wSpl Decke umlegen Bi I. 358. 

vestu vüsau vesti sich abkühlen; vesa Sz {unier ochhda) Kühle; 
pa-veais ni. kühler Schatten; vesus kühl. 

zMü zebiaü zebti »langsam, mit langen Zähnen essen«. 

V. a o (a). 

a. ariü ariaü ärti pflügen; le ara und are Ackerland; ärklas, 
le arkls Pflug; arklp Pferd (Pflüger). — d. ore Pflügezeit. 

(Ib bälü balaü bälli weiss werden; le balgans weisslich; bdllas 
weiss; baltis bei Sz f. und m. {bielidlo), bei K m. weisser Farbstoff; 
balsvas MLG I. 387 weisslich ~ bälinti bleichen ] 251. 23, le 6a- 
linäL — d. le pt. prdt. a. nübälis erblichen (lit. ^nu-bolfts) ; le bäh 
(wäre lit. %ola8) bleich <- le bälet erbleichen. 

U» bariü [barü] bariaü bärti schelten; bamis f. i-st. Zank; barm 
und bamüs N (letzteres bei Sz unter niesporny) streitsüchtig. — 
Ä. le prät. bäru (zu baHi barl — wäre lit. ^oriau); le bärejs 
Zänker. 

U. bäzmas Masse, Menge; le bafcha Habe, le bafchas f. pl. 
Verlegenheit {bafchas tikt zwischen Thür und Angel gerathen). — 
d. le bäfchu bäfu bäft stopfen; le bäßs Senkstein im Netzbeutel; 
bözmas Netz (des Bauches) ; ? böte {buze) Keule, Klöppel am Dresch- 
flegel, vgl. aber le bufe^ baufe dss. 

U. blaszkai N »vorgeklopftes Getreide« (bei N auch bleszkaiT « 
blaszkaü blaszkpi iter. hin* und herschleudem ; blaszkitUi dss. — 
&• bloszkiü bloszkiaü blokszti bei Seite schleudern, bei N auch »Ge- 
treide vorklopfen«. 

€1. braszkü braszke'li krachen, prasseln; bräkszmas das Krachen; 
isz-braszkos bei KDL s. »Buttermilch« (mit ? vers.) ; braszküs prasselig 
~ m^aszkau braszkyli N zusammenschütteln (einen Sack Getreide); 
bräszkinti prasseln machen. — €1» broszkiü broszkiaü brokszti {svSstq) 
buttern (eigentl. »schütteln«); broksztüvas Butterfass. 

a» gabenti bringen, holen; gabana Armvoll. — &• par-^obinti 
WP 38 bringen lassen, N hat gobinti als »schachern«, pra-gobHis als 



H4] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 373 

»Durebbringer, Verecbacherer«. — Hierber auch f gobeli begebren, 
gobus^ gobszas^ gobszis begierig, gobtdis Begier, alles bei G. 

a. at-kalle' und ät-kalta Rückenlehne MLG I. 45, BF 97. — 
€1* atsiköUij pt. prät. a. at-si-köl^s angelehnt KDL unter »lehnen«. 

a. kariü kärti hängen; le pa-kars Haken; aüs-kara Ohrring; 
kartdei N hangende Eiszapfen; kdrtuves, le kartawas Galgen; kärtis 
f. i-st. Stange; karüs N hängend, schlaff (aus Sz unter obwisly^ wenn 
nicht pt. präs. = kariqs) -- le iter. ftarä^-^ hangen , sich schaukeln; 
kärstau kärstyti iter.; karstine'ti dem. iter. — €t* prät. köriau^ le 
Äärw, (zu kariü); körimas nom. act.; ? le kärs lüstern; pa-kore' Galgen; 
Ikor^s Wabe. 

CT. klänas Pfütze. — (l. klone KLD dss.; klonü m, niedrige 
Stelle im Acker. 

a. läbas gut. — lt. löbis m. Gut, Reichthum, davon wohl 
denom. lobslü lobaü löbli reich werden (kann indess primär sein) «^ 
löbinii bereichern. 

Cl. laszü lasze'li tropfen; läszas Tropfen ~ läszinü träufeln; 
lasznöti tröpfeln. — €1. le läsa und läse Tropfen; le /ö^tna/ tröpfeln. 

€1. mäzas klein, denom. davon mazlü mataü mäiü klein werden ; 
üt maiens von klein an. — rö. mözis m. Wenigkeit, mäzr-mozei 
Kleinigkeiten. 

a. skanüs vi^ohlschmeckend. — €€• skän-skonei Leckerbissen; 
skoneli wohlschmecken; ?le skämch (= ^skänjas^ das ein skänus 
vertreten kann) sauer. 

€l. skaptas Schnitzmesser; skaplis G Hohlaxt «^ skapoli N schaben, 
schnitzen; skapsiaü skapsUjti KLD [ ] dss. — A« skopiü skopiaü sköpli 
mit dem Messer aushöhlen (K ä); skopluvas G Hohlmesser. 

a. släkles Webstuhl (eigentl. nur »Gestell«) ; le staklis Zacken, 
^inke; pr stalU {stallll) stehen; le stats Pfahl; üi-statas Pfand; pa- 
skUe' NM Ansehen, natürliche Beschaffenheit; pastatuv^ NSz Unter- 
lage; Status steil; statines Zaunlatte «^ stataü statjjti stellen; stalin^'ti 
dem. iter. (zu stat^ti). — U. stöju stöjau slöti sich stellen; pr stä- 
nintei adv. eines part. präs. einer Präsensbildung wie slav. stane-lb; 
le städs Pflanze, le stadil setzen, stellen, pflanzen; pa-stölas Gestell; 
stomu Statur; le stästs Erzählung, le stästit erzählen; le stäws 
Wuchs, Gestalt, le stäws aufrecht stehend, steil, le stätve und «/am 



374 Ai^GusT Leskien, [H2 

m. pl. Webstuhl, stovä Stand, Standort, davon slöviu stoveti stehen, 
stovine'ü dss. dem. iter. ; slovis NSz f. i-st. Zustand. 

Cl. szälü szalaü szälli frieren, le präs. salslu; le sals Frost; 
szalnä Reif; szdllas kalt; szältis m. KSilte ^ szäldau szäldyti caus. 
frieren machen; le saldet; saldinäi (lit. szäldinti) dss. — U» pa- 
szoljis Frost in der Erde, Nachtfrost. 

(ۥ szankus Sz (bei Sz szunkus = szankm) behende, beweglich; 
at-szanke Widerhaken, bei N auch atszanka -- szankinli springen 
lassen (ein Pferd) . — U* szöku szökau szokti springen , ? dazu le 
säkt anfangen; szökis m. Sprung «^ szokinti N caus. (= szankinti"); 
8z6kczoli\ szokine'U; szoktereti iter. dem. (zu szokti). 

Ct. szlampü szlapaü szläpli nass werden (kann auch denom. sein 
von) szldpias nass -^ szläpinti nass machen ; le slapH dss. — €1. szlop- 
me {sddp-me) BF 183 Nässe. 

Cl. präs. vagiü stehle; vagis m. i-st. Dieb «^ väginti des Dieb- 
stahls beschuldigen; vagine ti iter. dem. (zu vagiü). — Ct. vogiaü 
vogti (prät. u. inf. zu vagiü) ; vogimas nom. act. ; vogte und vogczu N 
verstohlen adv. 

(€• pri-valüs nöthig; pri-valaü vahjli bedürfen; fvaliöü etwas 
zwingen = vollbringen können. — €1. pnjvole, prSvole BedUrfniss. 

CT. zadü zade'li versprechen , präs. pra-zandu Sz (unter nazywam] 
benennen, isz-zandu Sz aussprechen; zddas in be iädo sprachlos; pa- 
zadä, prS-iada Gelübde; pre'-zaslis f. i-st. Ursache; pra-zasiü m. N 
Spottname, Beiname «^ zädinti sprechen machen, anreden. — CT. zödis 
m. Wort, denom. iostu iodau zosli N Worte machen; iosme JSv 48 
Rede - zmczoli sprechen JSv 8. 

Die primären Verba mit a ohne Ablaut: 

adau ad^ti nähen (Form des Iterativs); adatä Nähnadel. 

ap-älfs pt. prät. a. KLD [ ] aus Bd abgemergelt. 

ankü akaü äkli Augen bekommen, wohl denom. von akis Auge. 

älkstu älkau älkli Hunger bekommen, hungern nach; iszalkis m. 
Hunger. 

alpslü alpaü älpti schwach werden; alpnas schwach. 

barszkü barszketi klappern; barksznöti iter. (vgl. burksznött). 

bläzgu bläzgeli klappern; bläzgyti und bläzginti caus. 

galiü gald'ti können; gale\ galiä das Können. 

gqstü gandaü gqsti erschrecken intr.; iszgqslis f. i-st. Schrecken. 



H3] Der Ablaut der WuRZELsaaEN im Litauischen. 375 

galändu^ galändau galqsti wetzen. 

st^gratnbü G Tassen, fangen. 

kaliü kaliaü kälti schmieden. 

kalbü kalbe li reden; kalbä Rede, Sprache, kalbüs gern redend, 
gesprächig. 

le kaUlu kaltu kalst trocknen, verdorren; le kah mager (= ^kalt- 
sa-8)\ ie W/uT?^ Auszehrung; le kältet trocknen trans., doch vgl. kal- 
dans mager ULD. 

kalstü kaltaü kalsti schuldig werden, wohl denom. von källas 
schuldig; kalte Schuld. 

le kampju kampn kampt fassen, greifen. 

kandu (le kufchu = ^kandzu) kändau kqsti beissen; le kuda 
Motte; lit. kandis f. i-st. dss.; kändis m. Riss; kqsnis f. u. m. Rissen; 
kandüs bissig. 

kankü kakaü käkti hinreichen, genügen. 

karsziü karsziaü kärszti kämmein (Wolle). 

kärsztu kärszau kärszti alt werden; kärsziu kärsziau kärszti alt 
sein; nukarszis Altersschwäche; karsze N dss. 

kasfi kasiaü kästi graben; äp-kasas NSz Graben. 

lakiu lakiaü lakti Dünnes fressen, schlappen, le präs. lüku 
(i= ^lanku) ; lakalas N Frass. 

parpstü parpaü pärpti aüfdinsen. 

plastü plasteti intr. schlagen {g^slos die Adern). 

rankü fakaü räkti aufpicken, aufstochern, le ruku raku rakt 
graben; ät-rakas offen; räktas Schlüssel; raksztis f. i-st. KLD [] 
Splitter "^ rakineti [dantis) stochern iter. 

sälü salaü sälti süss werden KLD, daneben salstti als Präs. an- 
gegeben; saldüs süss; le salgans süsslich; le ^-sals Malz. 

skalbiü skalbiaü skälbti waschen (d. h. mit dem Waschholz 
schlagen); bei R ein isz-skelbti [ifßelpti) auswaschen. 

skantü skaczaü (richtiger skataü) skästi mit «u- bei M aufhüpfen ; 
skatinti G caus. »Jem. anstiften etwas schnell auszuführen«. 

le smüku (== ^smanku) smaku smakt ersticken, erlöschen; le 
smaka Geruch. 

tampü tapaü täpti werden. 
pa-^älpfs gelbsüchtig, pt. prät. a. 

Abliandl. d. k. S. Geiellscb. d. Wissenscb. XXI. 26 



376 AcGusT Lbskien, [H4 

vapü vapeti plappern. 

varviü varveti triefen. 

zagiü zagiaü zägti N, KLD [ ] versehren, verunreinigen, le fugu 
[i=z ^fangu) fagu fagt stehlen; ne-i-zagas Sz Unversehrtheit, Keusch- 
heit; le faglis Dieb. 

Primäre Verba mit o (d) ohne Ablaut: 

böju böjau böti beachten. 

böstu bödau bösti Ekel bekommen; bodzu-s bodzaii-g bösti-s sich 
ekeln; nu-boda Ekel; bodm N ekelhaft. 

le bläfchu blädu bläft schwatzen. 

le bräfchu bräfu braft streifen, sausen; le brafe Gedränge; le 
bräfma Zugwind. 

nu-döbiu döbiau döbti Schi, zu Tode quälen. 

dröziu dröziau drözti schnitzen; drozlü Hobelspan. 

droviu-8 droveti-8 blöde sein (wie slove'ii ein Denom., vgl.) dro- 
viis blöde KLD. 

dvökti stinken, präs. dvoku WP 126. 

le prät. gäju ich ging; gälis f. pl. i-st. Fluglöcher am Bienenstock. 

göbiu göbiau göbii einhüllen. 

le gäfchu gäfu gäfl schütten, lit. gözti G giessen; le pagäfa und 
pagäfne Neige. 

gröju gröjau gröli krächzen. 

grösli M poltern, dort 3. sg. grödza^ bei KLD eine 3. sg. grozia^ 
N hat ein grodzu grosti suchen. 

joju jojau jöti reiten. 

klöju klöjau klöli zudecken; isz-klodas Bettdecke; paklöde Bett- 
lakei^; paklolis f. i-st. Unterbett -- klostau kloslyti iter. 

klokiu klökiau klökti gluckern (vom Wasser) ] 219. 5, bei N 
»speien«; bei G ein par-klokli müde werden. 

koptu köpiau köpti klettern, steigen; Iköpos die kurische Neh- 
rung; kopes Leiter J 269. 6; koplos dss. WP 227. 

kosiu köseli husten; kosuhjs Husten. 

kosziu kösziau köszti seien. 

le kräju krät sammeln; le kräja gesammeltes Gut; f apkroja Sz 
(unter oblogi) impedimenta itineris. 

le kräpju kräpu krapt stehlen, lit. kropli WP 69, 230, auch 
bei G 



4^^] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 377 

sU'kröszfs sitzen geblieben, alt geworden (zu einem incb. krosztu) ; 
krosziü kroszeti faul dasitzen; kröszau kröszyti hocken, faulenzen. 

kvöcza-s kvöte-8 kvösii-s {man) mich dünkt, isz-kvösti JSv 9 aus- 
forschen, präs. 3. sg. kvöcza; kvötimas Examen ib. 10; isz-du'ti kvölq 
Rechenschaft geben ib.; kvotini'ti iter. hin und her fragen J 656. 3; 
692. 5. 

löju lojau löti bellen, le lät auch »fluchen«; le lästs Fluch; le 
lädit fluchen. 

lösztu löszau löszti lohen, Muthwilien treiben. 

atr-si-loszius losziaü-s loszli-s sich anlehnen ; ät-loszas und atloszä 
RUcklehne; llöszas lahm. 

moju möjau möli winken; möjis m. Wink. 

mokstu mökau mökti {isz-, pti-) lernen; möku moketi verstehen, 
vermögen, bezahlen; mökslas Lehre, mokslüs gelehrig; mökesnis m. ; 
mökestis m. Zahlung. 

le mäzu mäzu mäkt drängen, drücken, mäkt^-s sich bewölken; 
Je mäkunis dunkle Wolke. 

nokstu nökau nökli reifen; le näku näzu nakt kommen. 

noriu noreti wollen; noras Wille. 

osziü osziaü öszti summen; oszli^s Schwätzer. 

plöju plöjau ploti breit zusammenschlagen; plönas fein. 

rökia röke rökli es regnet fein; roke N Staubregen. 

röpiu röpiau röpti mit etwas fertig werden, ap-röpti bestreiten 
können, bei G f-si-ropti hineindringen. — Vgl. indess rup-. 

le skiü>8tu skäbu skäbt sauer werden, wohl denom. von le skäbs 
sauer, lit. bei G sköbas dss., sköbli sauer werden. 

le a^, nu-skärstu skäru skärt gewahr werden, bemerken. 

skrödzu skrödzau skrösti aufschneiden, spalten (Thiere). 

le släpstu släpu släpt dürsten, sticken, nu-szlopa WP 84 (3. sg. 
prät. scheint verächtlich »krepiren« zu bedeuten, richtig slopaTj, vgl. 
slopslu G schwach werden, slopinti caus. G, BF 172 ersticken, slopti 
ersticken intr. BF 172; le släpes f. pl. Durst; le sldpät trans. ersticken. 

le mäju snät locker zusammendrehen. 

sokiü sokiaü sökti unarticulirt singen. 

sopü Bopeti Schmerz haben; le atnsäpes Nachwehen; sopulis, so- 
ptUf^s Schmerz. 

8Q8%ü sosiaü 8Ö8ti quälen mit Bitten u. a. ; sosle' Beschwerde. 



378 August Lbskien, [4^6 

slokstü slokaü stökti in Mangel gerathen, viell. denom. von stoka 
iMangel. 

nu-stopli NRM erlappen. 

siropslu stropau slropli N emsig sein, wohl denom. von stropus 
emsig. 

svöti J 342. 2 {asz negaliü tävej svöti; Bedeutung?). 

patom loseli (auch mit sz) N zu Gefallen reden. 

iroksztu Irökszau trökszti dürsten; troszkulp Durst, Gier. 

ivöju tvöjau tvöti schlagen J 460. 7 u. s., auch G. 

vöj^s leidend; volis f. i-st. Geschwür; ? vgl. le waijät weh 
thun trans. 

vokiu vökiau vökti^ m- etwas auffinden, ap- bereinigen, be- 
schicken, nu- verstehen, le wäzu wäzu wäkt zusammennehmen, fort- 
schaffen ; ? dazu le wäks Deckel, vökas Augenlid, bei Sz Deckel, bei 
N voka Deckel; nüwoka Sz Verstand. 

vöziu vöziau vözti stülpen; änt-vozas Deckel. 

ziöju ziojau ziöti den Mund aufsperren; 1 ziögas Heuschrecke; 
"f ziögris Stacket KLD, J 1016.6; ziotis f. i-st. N Kluft; iiopl^s einer, 
der Maulaffen feil hat -- ziopsaü ziopsöti mit offnem Munde dastehen ; 
ziögauti N gähnen, n. a. 

Anhang. 
ü. 

Eine Untersuchung über diesen Yocal leidet unter der Schwierig- 
keit, dass die Ueberlieferung des Preussischen nicht mit Sicherheit 
erkennen lässt, wie weit dieselbe oder eine vergleichbare Vocalfärbung 
hier Geltung gehabt hat, dann aber unter dem weit grösseren Uebel- 
stand, dass die litauischen Dialekte u und o in einander übergehen 
lassen und dass z. Th. in Folge davon auch in dem Dialekte, den 
die preussisch-litauische Schriftsprache repräsentirt, die grösste Un- 
sicherheit in der Anwendung von u und o herrscht. Man braucht 
nur Kurschat's Werke, die Grammatik und die beiden Wörterbücher 
zu vergleichen, um die grösste Regellosigkeit in der Schreibung eines 
und desselben Wortes zu finden. Weit besser ist man mit dem Let- 
tischen daran, wo Bielenstein's Grammatik und das Ulmana'sche 
Wörterbuch, an dessen Vollendung jener betheiligt war, einen sichern 



447] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 379 

Anhalt bieten. Unter diesen Umständen scheint es mir zunächst noth- 
wendig festzustellen, wie weit sich das Litauische und Lettische im 
ü decken, um von den Fällen, wo die Sprachen im ü übereinstimmen, 
als von deu älteren und sicheren auszugehen. Ich lasse daher ein 
alphabetisches Verzeichniss der Beispiele folgen, so weit meine Samm- 
lung derselben reicht. 

apu'kasj le apügs Steinkäuzchen. 

bute^ le büfe Keule. 

dübe' Höhle, le dube^ vgl. oben unter Reihe U. 

duna^ le duna dune ULD Brod. 

düH^ le dul geben, pr dä-twei, 

gübäy le guba Rüster. 

le guds Ehre, gudäl ehren, bei N als zem. goda, godoti^ also wohl 
guda. 

gulis Lagerstätte, le güra Bett, vgl. oben u. R. II; gülti nach Fick 
II, 550 zu gal abfallen (ßdXXco). 

Judas schwarz, le jüds Teufel ; nach Fick I, 1 5 zu skrt. andha. 

jukas, le jtiks Scherz; jükti-s lachen — zu lat. jöcus"? 

jusiu jusU, le just gürten; jüsta^ le jmta Gürtel — l-Ccoo-{JLat. 

le Uuns Estrich, lit. klunas (neben klönas) Bleichplatz hinter der 
Scheune. 

kudas Schopf, küdelis Flachswickel, le küdehch. 

kupiu küpli häufen u. a., le küpt vgl. oben u. R. II. 

kusa kusas Dohle, le küsa. 

lubas Baumrinde, le lubs Schale. 

liübiu'8 liubtir-s das Hauswesen beschicken, le lubl ULD. 

mümu Hirnschale, wenn damit zusammenhängend mümelis das 
Zäpfchen (im Munde), le mümelis (geschrieben wird meist 
momü'). 

nümas nümä Zins, le nüma, nach Fick I. 127 von W. nem. 

pudas^ le puds Topf, Fick II, 599 pädor-. 

pulu (Präs. zu pülli fallen), le pulu, vgl. oben u. R. II., nach Fick 
II, 253 zu acpdXXo). 

pusziu-s pü'szti-s sich putzen J 1489. 4 u. oft, le puschu püsL 

ruszus geschäftig [ruszli besorgen), le rüschs rührig, s. o. u. R. II. 

sudiei Russ, le südßji dss. 

mlas Bank, le suis, vgl. Fick II. 798, zu lat. solum u. s. w. 



380 AüGDST Lbski£n, [41B 

szluta Besen (zu szluti fegen), le sluta s. o. u. R. U. 

szäleis i. pl. im Galopp (n. sg. szulp)^ le sulis Schritt. 

üdas Mücke, le üde. 

udegä Schwanz, le udega, 

u'ga Beere, le üga^ vgl. slav. jago-da. 

üleklis {ölektis) Elle, le ülekts, vgl. sl. lakUh = ^oUcUh. 

ülä Fels, le üla Kiesel. 

usis Esche, le usis, vgl. serb. jasen. 

udzu VLsli riechen, le w/lf, vgl 6Cco 68-a)8a. 

üszvis Schwiegervater, üszve Schwiegermutter, le usa Schwägerin 
ULD. 
Diese Zahl von 35 Beispielen ist klein im Vergleich zu den in 
beiden Sprachen insgesammt vorhandenen Fallen von u. Diese hier 
aufzuzahlen unterlasse ich einmal wegen der schon hervorgehobenen 
Unsicherheit im Litauischen, dann wegen des Mangels an sicheren 
Etymologien. Wie wenig noch die Worte nach dieser Richtung be- 
kannt sind, davon mag Fick's Wörterbuch ein Zeugniss ablegen. In 
dem grossen Werke kommen nur folgende litauische Worte mit u 
vor: dÄ7i, judas^ jffkas, ju'stiy külas^ kupä, nü'gas, nü'glas^ nffmas^ 
pudas^ pälu, szlübas lahm (ich kenne nur sdiibas)^ stumu (richtiger 
ist, wie auch von F. daneben geschrieben wird stomü)^ su'las, $zlu% 
ü'ga^ um, ffsii. Davon sind külas, nu'gas, nuglas als sicher oder 
vermuthlich slavische Lehnworte noch zu streichen, hinzukommt dube' 
(bei Fick dt^e geschrieben^. Von den obigen 35 Fällen gehen sicher 
oder vermuthungsweise auf o- oder o-Vocal zurück: dviti, gulis, jü'dasy 
jukas, jü'sti, nü'mas, püdas, pulu, sälas, äga, fflektUy üsis, udzu. 
Bei dieser Lage der Dinge scheint es mir verfrüht, wenn man mit 
so grosser Sicherheit, wie es öfter geschieht, behauptet, litauisches 
u könne nur o-Yocal sein, nicht auf eu oder ou {au) beruhen. 



449] Der Ablaut deb Wurzelsilben im Litauischen. 381 



B. Die Sphäre der einzelnen Vooalstufen. 

I. Im primären Verbum« 
1. Die Beulen I— in. 

I. Im primären Verbum, dessen Nichtpräsensformen 
keinen durch 6 oder o erweiterten Stamm haben. 

A. Dieselbe Stufe bleibt im ganzen Formensystem oder wechselt nur mit der 

entsprechenden Länge. 

a) i der Reihe i^ y^ e u. s. w. 

Im primären Verbum, dessen Infinitivstamm gleich der Wurzel 
ist (die Verba -e-ti mit primärem Anstrich werden unten besonders 
behandelt), ist diese Stufe in der Mehrzahl der Fälle von in- 
choativer oder intransitiv-passiver (oft zugleich inchoa- 
tiver) Bedeutung begleiteL Wo ein Durativum oder Transitivum 
daneben vorhanden ist, zeigt dies die Stufe e. Die Präsensbildung 
geschieht mit -tu (-«-to), wenn die Wurzel auf zwiefache Consonanz 
(r, /, m, » -f- Cons.) oder auf einfaches m, n auslautet, durch in- 
figirten Nasal, wenn sie auf einen beliebigen andern Consonanten, 
durch Dehnung des i (bei Suffix -a-) oder mit -s-tu^ wenn sie auf 
r, / auslautet. Im zweiten Falle tritt ganz vereinzelt -tu auf (le klibstu, 
pl^sztu), vielleicht auch Doppelbildungen: infigirter Nasal und -lu zu- 
sammen {gristü). Die erwähnte Bedeutung ist selten bei Präsenssuffix 
a {e-o) ohne Dehnung. 

1» Yerba mit inchoati?er oder intransitiTer Bedentnng. 

a) Präsens auf -tu, 

büstu bilti anfangen zu reden. 

bingstü bingaü bingli muthwillig werden (sich [heben) — bengiü 
bengti beendigen (heben). 

le birstu biru birl {byrü biraü birii) ausfallen, sich verstreuen — 
beriü berti streuen. 

blista blindo blisli dunkel werden — blendzu-s bl^'sti-s sich ver- 
finstern. 

blista blindo blisti fester werden. 



382 August Leskien, [420 

bristu brindau brisli quellen. 

bringstu bringti theuer werden. 

brinksiu brinkü quellen, anschwellen. 

le dilstu diu sich abschleissen (neben delu\ lit. dylü dilti), 

dilbslü dilbli (nu-) die Augen niederschlagen inch. — delbiü delbti 

{akis) . 
dilgstu dilgau dilgti von Nesseln gebrannt werden, 
le dinistu (neben demu) dimt dröhnen. 

dingstü dingli wohin gerathen (sich bergen) — dengiü dengti decken. 
dirgsiu dirgti in Unordnung gerathen — dergia dergti eigenll. es 

macht schlechtes Wetter«. 
diritü dirzti zäh werden. 
drisiü dristi (prös. auch drfsü) dreist werden. 
drykslü Schi, driskaü driksti {su-drisk^s) zerreissen intr. — dreskiü 

dre'ksti zerreissen trans. 
giUla gilli anfangen zu stechen (von Schmerzen) — geliü gelti 

stechen. 
gilhstü gilbaü gilbli sich erholen — gelbu gelbeli helfen, 
le dial. dßmstu (gew. dfemu) dfiml geboren werden (lit. gemii 

gimlt) . 
girsiü girdaü girsti zu hören bekommen, 
le grimstu grimt sinken, lit. grimstü grimzdaü grimsii — gremzu 

gremsti senken. 
gryslü {=igrislü Doppelbildung = ^grim-tu'f) grisaü grisli überdrüssig 

werden — gresiu gresti entwöhnen. 
griitü grizaü grizii sich wenden, zurückkehren — grpziü gr^'zü 

drehen. 
ilstü ilsaü ilsti müde werden. 

ingsta tngli sich abstreifen, abgehen — engti abstreifen. 
inksta inko inkli verschiessen (von Farbe), 
le irstu iru irt sich auftrennen (lit. yrü trü). 
kilstü (neben kylü) kilü sich heben — keliü kellt heben. 
kimstü kimti heiser werden. 
*kir8ztu kirszau kirszli zornig werden. 
^kirstu kirdau kirsti aus dem Schlafe auffahren, 
le klibstu klibl lahm werden (wahrscheinlich denom. von klibs lahm). 
klimpstü klimpti einsinken. 



424] Deb Ablaut deb Wubzelsilben im Litauischen. 383 

le timslu l'imt zusaiDmenknicken intr. — lemiü lemti. 
ünkslü linkti sich biegen — lenkiü lenkti biegen, 
le milst milsa milst (lit. tnilszti) dunkel werden. 
mirsztu mirti sterben, 
le mirgstu mirgt flimmern. 

mirkstü mirkaü mirkti eingeweicht werden — merkiü merkti ein- 
weichen. 
mirsztü mirszti vergessen. 
nirszlü nirszli; nirstü nirsti ergrimmen — nerczu-s nenii-s sich 

ereifern, 
le piUtu pilt voll werden, 3. sg. pepilsl gebräuchlich, vielleicht de- 

nominativ von dem wie pih gesprochenen pilns voll. 
phjszlu plpzti zerreissen intr. — plesziu ple'szti zerreissen trans. 
rimislü rimaü rimli (sich stützen) ruhig werden — remiü remli 

stützen. 
silpslu silpau silpii schwach werden, 
le sirgstu sirgu sirgt (lit. sergü sirgaü sirgti) erkranken. 
sirpstü sirpti reifen. 

^skilbslu skilbti bekannt werden — skelbiu skelbli bekannt machen. 
*8kirbstu skirbau skirbti angehen (stinkend werden; ap-skirb^s). 
^skirstu skirdau skirsti aufspringen [suskird^) — skerdzü skersli 

spalten, 
le slipstu slipu slipt gleiten (lit. slimpu slimpti entschlüpfen), 
le sllkstu sliku sllkt sich senken (lit. slenkü slinkti schleichen), 
le smilgstu smilgt winseln — smeldfu smelgl schmerzen. 
smilkslü smilkti dunstig werden — smelkiü smMkti ersticken. 
smirstu stnirdau smirsti stinkend werden. 

^spilgslu spilgau {pa-spilgfs) sptlgii im Wachsthum zurückbleiben. 
spistu spindau spisti erglänzen, 
le spirgsiu spirgu spirgt frisch werden, erstarken. 
springstü springti würgen (im Halse). 
stingstu stingli gerinnen (starr werden) — siengiü-s stengti-s sich 

widersetzen. 
stirpstü stirpli etwas zunehmen, emporkommen — sterpti-s auf etwas 

bestehen. 
siyrstü slp'ii starr werden, 
le stringstu slringt stramm werden. 



384 AuGDST Lbskibn, [^22 

le swilstu swilu swiU sengen inlr. (lit. svylü wiUi) — le swetu sweU 
sengen trans. 

svirslü (neben svyru) sviraü svirü das Uebergewicht bekommen — 
sveriü sverii wägen. 

le sivirhtu stvirlU rieseln, knistern. 

le silstu silu siU warm werden (lit. szylü szilaü szilti). 

szvinkstu szvinkti übelriechend werden. 

lilkslu lilkli herumgestossen werden, sich abreiben — '■ telkiü teUUi. 

timpstü iimpti sich recken — tempiü tempti spannen. 

tingstu tingti faul werden. 

tfstu tinaü tinti schwellen. 

tislü tjsaü Ifsti sich recken — tfsiü tffsti dehnen. 

tirpslü tirpti schmelzen; erstarren. 

tmztu tirszti dickflüssig werden • — tersziü terszti schmutzen. 

*tyk8ztu tiszkaü auseinanderspritzen — teszkiü tehzti dickflüssiges 
werfen. 

trimstu trinUi sich legen (von Schmerzen) — tremiü tremti nieder- 
werfen. 

tv^kstu [Ivyske'li) knallen (vom Blitz). 

tvistu tvinti anschwellen (vom Wasser). 

tvinkstü tvinkli schwären — tvenkw Ivenkti schwellen machen. 

^tvirhtu ^tvirkau iszr-tvirkti in Unordnung gerathen. 

vilstu vildau vilsti (pa-) erwerben. 

virkstu virkti {pra-) anfangen zu weinen — verkiü verkti weinen. 

virpstu virpti verkommen (körperlich) verpiü verpü vgl. oben. 

virstü virtaü virsti umfallen — verczü versti wenden, umwerfen. 

zilpstü iilpti trübe werden (Augen) — zelpli trübe machen. 

Hstu [por-] zinaü iinti erkennen. 

ivingstu {zvingu) ivingti anfangen zu wiehern — ivengiu ivengti 
wiehern. 

le fwirgstu fwirgt rieseln. 

Unter der grossen Zahl dieser Verba sind nur vier, deren 
Wurzelauslaut durch einfachen momentanen Consonanten oder Sibilan- 
ten oder sk gebildet wird (das wahrscheinlich denominative le klibstu 
nicht mitgerechnet) : grystü, drykstü^ tv^kstu, plpzlu; das erste kann als 
Doppelbildung aufgefasst werden (= ^grinstu)^ die Auffassung ist in- 
dess nicht nothwendig, da, wie sich unten bei i der Reihe i, g u. s. w. 



423] Der Ablaut der Wurzelsilben m Litauischen. 385 

und bei u zeigen wird, diese Bildung langen Vocal bevorzugt, bei den 
andern ist Nasalvocal ohnehin ausgeschlossen. 

ß) Präsens mit infigirtem Nasal. 

drimbu dribaü dribti langsam herabtropfen — drebiü drebti mit 
dickflüssigem werfen. 

giistü (wenn nicht grystü richtiger) grisaü gristi (Präsens mit Doppel- 
bildung = ^grinstu). 

kinM$ kibli hängen bleiben. 

knimbü knibti zusammenknicken intr. 

krirUü kritaü krisü herabfallen — kreczü kre'sti abschütteln. 

kvimpü kvipti anfangen zu riechen intr. — kvepiü kve'pti duften. 

rinkü rikti aufschreien — rekiü rekti schreien. 

le 8tku (= ^sinku) giku sikt versiegen (lit. senkü sekaü sekti). 

*8limpu slipau slipti {pa-) verschwinden — skpiü sle'pti verbergen. 

splintü splitaü splisti sich ausbreiten — spleczü sple'sti ausbreiten. 

trinkü trikti fehlgehen, irrig werden. 

vimpu vipti {at-) herabhangen (von Lippen u. a.) — vepiu-8 vepti-s 
den Mund verziehen. 

ilimbu ilibti Triefaugen bekommen — iUbiü iU'bti schwach sehen 
können. 
Es ergiebt sich, dass die Wurzel niemals langen Vocal hat. 

y) Präsens mit Dehnung zu y. 

byrü biraü birti sich verstreuen, ausfallen — beriü berti streuen. 

yrü iraü irti sich auftrennen. 

kylü kilaü kilti sich heben — keliü kelli heben. 

^kyru (3. sg. pakp- überdrüssig werden) kirti — keriü kereti s. o. 

nyrü niraü nirti (isz-) aus dem Gelenk kommen — neriü nörli ein- 
tauchen, einfädeln. 

skylü skilaü skilti sich spalten — skeliü skilli spalten. 

diylü skilaü skilti in Schulden gerathen — skeliü skeleli schuldig 
sein. 

svylü mlaü svilti sengen intr. — le swel^u swelt sengen trans. 

9vyru mraü svirti das Uebergewicht bekommen — sveriü sverti 
wägen. 

szylü szilaü szilti warm werden. 



386 August Leskien, [424 

tylü iilaü tilti versluminen. 

zylü iilaü zilti grau werden. 

zyrii ziraü iirti zerstreut (zerscharrt) werden — zeriü ierli scharren. 

S) Präsens mit Suffix a (e-o) ohne Dehnung des Wurzeiv. 

hrizgu brizgau brigsti fasern. 

le ilgu ilgl nach Stender bei Bi I, 344 verziehen (vgl. ilgas lang], 
lit. iszr-si-ilgstu ilgau ilgti wohl denom. 

ryzgü rizgaü rigsti ausfasern intr. (ob die Quantität des Präsens 
Schi. Gr. § 113 richtig?). 

slimpu entschlüpfen (vgl. oben le slipstu). 

smilu smilti (bei G., vielleicht smylu zu lesen) sich versengen. 

Irimü trimti zittern — tremiü tremti stossen (vgl. trimstu), 

virpu virpli bei N zittern — verpiü verpti (vgl. o. virpstu). 

zvingu zvingti anfangen zu wiehern (vgl. zvingstu). 

Ganz vereinzelt steht le dfestu dßm dfiM auslöschen intr. (gegen- 
über lit. gestü gesaü gesti dss. und trans. le dfeschu dfest). Vom 
lettischen ^cnrikt (gerinnen) wird das Präsens nicht angegeben. 

Bemerkenswerth ist, dass dem Lettischen die Bildung mit y fehlt. 
Kurschat schreibt die betreffenden Präsentia bald mit i/, bald mit { 
(%/i(, fcf/u), in Juskewi6 Sammlung finden sich Schreibungen wie 
b{nra (3 sg. = frj^ra), allein dass der Schreiber hier einen Nasal- 
vocal gehört habe und nicht vielmehr einer grammatischen Theorie 
gefolgt sei, ist noch zu entscheiden. Die Nasalität der Wurzelsilbe 
ist mir aus dem Grunde sehr zweifelhaft, weil bei anderen Yocalen 
als i, z. B. in szcilü (von Kurschat szqlü geschrieben) im Ostlitaui- 
schen nicht die zu erwartende Vertretung der nasalen Silbe erscheint, 
bei Sz heisst es szalu^ nicht ^sztdu. Vereinzelt steht die Länge in 
ryzgü, das allerdings für ^rinzgu stehen kann. 

2. Yerba ohne ausgeprägte inchoative n« s. w. Bedeutung (s. o.). 

Die Präsensbildung geschieht entweder mit Suffix a {e-o) oder 
ja (je-jo). 

a) Präsens mit Suffix a. 

dirbu dirbti arbeiten. 

le dirm (neben dirstu und dirschu) dirsu dirst cacare. 

ginü g^niau ginti wehren. 



1S^] Deb Ablaut dbb Wdbzelsilben im Litauischen. 387 

imü emiau imti nehmen. 
knibü knibli zupfen. 
minü m^niau minti treten. 
pilü p^liau pilli giessen. 
pinü pjjniau pinti flechten. 
pisü pisti coire c. fem. 
skinü skpiiau skinti pflücken. 
8lilgu-8 G eile. 

tinü tf^niau tinti (Sense) klopfen. 
trinü tr^niau trinli reiben. 
zindu iisli saugen. 

ß) Präsens mit Suffix ^a. 

le bilfchu bildu hilft reden. 

birbiü birbti summen. 

le dirschu dirsu dirst cacare (neben dirsu und dirsiu). 

giriü gjriau girti rühmen. 

grindiü grisü dielen. 

iriü ijriau irti rudern. 

le lifchu (neben ledu = lendu) lidu llft kriechen. 

skiliü skjliau skilti Feuer anschlagen. 

skinü sk^riau skirti scheiden. 

spiriü sp^riau spirli mit dem Fusse stossen. 

szvilpiü szvilpti pfeifen. 

trisziu triszti Sz stercorare. 

le wil'u wilu will betrugen (lit. präs. bei N angegeben als vilstu 
und vilu). 

le wirfchü^s wirfur-s wirßS-s rücken. 

le fischu fidu fiß (lit. zindu) saugen. 

Vereinzelt steht mit Dehnung im Präsens tyriü t^riau tirti er- 
fahren. Von dirti schinden ist das Präsens nicht sicher bekannt, 
von vilbti (zwitschern) nicht angegeben. 

b) u der Beibe u u ü u. ». yr. 

Es wiederholt sich hier die Erscheinung, dass mit der inchoa- 
tiven oder intransitiv-passiven Bedeutung die Stufe u oder ü ver- 
bunden ist: das Präsens hat -tu oder infigirten Nasal oder Suffix a 



388 August Lbskien, [426 

{e-o). Bisweilen scheinen Doppelbildungen vorzukommen. Die weitaus 
meisten Verba gehören den angegebenen Bedeutungsclassen an, ein 
kleinerer Theil mit verschiedenen Präsensbildungen ist ohne jene 
Bedeutungen. Wenn den Inchoativen oder Intransitiv-passiven ein 
Durativum oder Transitivum gegenüber steht, hat es in der Regel 
die Stufe au, 

1. Yerba mit inchoativer oder intransitiv-passiver Bedentnng. 

a) Präsens auf -tu. 
A. Consonantisch auslautende Wurzel. 

1. Vocal ü, 

bliikslu blfikau blfikü schlaff werden. 

biigstu bügau bügti erschrecken intr. 

czüstu czüdau czüsti in Niesen ausbrechen — czdudiu czausli 

niesen. 
dzügstü diügaü dzügti (so Schleicher Gr.) froh werden (vgl. indess 

dzungü) — dzaugiu-s dzaügtir-s sich freuen (sich erheitern). 
dükstü dükaü diUUi toll werden. 

glüstu (3. sg. glüst) sich anlehnen — glaudiü glaüsti anschmiegen. 
güztu guiti sich kauern s. S. 316. 
*grü8tu grüdau grüsti weich werden. 
^krüstü krüsaü krüsti aufleben, sich erholen, 
le küpstu küpu küpt beräuchert werden. 
liüstü liüdaü liüsti traurig werden. 

lüzlu lütau lüzti brechen intr. — lauziu Iduzti brechen trans. 
nüstu nüdau nüsti gelüsten. 
nükstü nükaü nükti rauschen (inch.). 
plüstu pliidau plüsti ins Schwimmen gerathen — plaudiu plausti 

schwemmen. 
plüksztu pluszkau plükszii zusammenfallen, dünn werden. 
rüstu rüdau rüsti ergrimmen. 

rügstu rügau rügti sauer werden — le raugt^-s aufslossen. 
slügstu slügau slügti sich setzen (von Geschwulst). 
snüstu snüdau snüsti einschlummern — snäudiu snAusti schlummern. 
sprüstu sprüdau sprüsli sich zwängen — spräudiu sprausü 

zwängen. 
sprügstu sprügau sprügti N entwischen. 



427] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 389 

' stügstu stügau stügti steif werden (und stügü stügaü stügti). 
trükslu trükau trükti reissen intr. — träukiu träukti ziehen, 
le tükstu tüku tükt schwellen. 
üksta üko ükli sich beziehen (vom Himmel). 

2. Vocal ü. 

le büftu (Doppelbildung = *bunftuTj budu buft erwachen (lil. 

bundü) . 
bukstü bukaü bukti stumpf werden, aber daneben präs. bunkü. 
biurstü biuraü biürti garstig werden. Bei K das Präs. biurstü 

oder biürü, überhaupt als zweifelhaft angegeben. 
dustü dusaü düsti (le präs. dusu) ins Keuchen kommen, 
le glumslu glumu glutnt glatt werden, 
le gubstu gtibu gubt sich krUmmen. 
le gumslu gumu gumt sich langsam auf einen senken, 
le gurstu guru gurt ermatten. 
junkslü junkaü jünkti gewohnt werden (W. juk mit festgewordenem 

PrSsensnasal), le wird Bi I. 374 als prät. neben jüku 

(= ^junkau) auch jüku angeführt. 
kluslü klusaü klüsti [pa-) gehorchen, 
le kukstu kuku kukti die Flügel hängen lassen. 
kiürstu kiuraü kiürti löcherig werden, 
le kurstu kuru kurt heizen intr. Bi I. 378. — kuriü küriau kürti 

trans. heizen, 
le küslu (Doppelbildung = ^kunstu^) kusu kusl schmelzen intr. 
kustü {kunlü) kutaü küsti sich aufrütteln. 
mürstu muraü mürli durchweicht werden (vom Boden), 
le ptupstu pl'upu pl'upl sprudeln, 
le skumstu skumu skumt traurig werden, 
le spurstu spuru spurt faserig werden, 
le schukstu schuku schukt schartig werden. 
türstu turaü türti in Besitzung kommen. 
Httgstü (neben Üungü) zlugaü tlügti durch und durch nass werden, 

triefen. 
Dazu verdient bemerkt zu werden, dass unti8r den Fällen mit 
ü keine auf r, /, m, n auslautendie Wurzel vorkommt (eine Aus- 
nahme wäre ziürstü ziüraü iiürti [pror] zu sehen beginnen, allein 



390 August Leskien, [12S 

hier wird iiüriü ziüreti zu Grunde liegen), dass unter den Fällen 
mit ü (im ganzen 22) 10 r oder m als Auslaut der Wurzel zeigen, 
7 die Bildung mit Nasal neben oder zugleich mit -tu haben, i {dustü) 
im Lettischen dusu hat. Es bleibt somit nur ein litauisches Verbum 
mit ti, das diese Form rein hat pa-klustü, in solchem vereinzelten 
Falle ist man aber nicht sicher, dass nicht ein Denominativum der 
Art wie saustü (zu saüsas) vorliegt; ferner drei lettische, davon 
pl'upstu ein Schallwort, schukslu vielleicht Denominativum zu schuke 
Scherbe, vielleicht schükstu zu lesen (inf. schükt ULD als Nebenform 
angegeben, prt. schüku, inf. 8chükt Bi I. 376 mit Fragezeichen), 
kukstu. Es liegt bei diesen Verhältnissen der Schluss nahe, dass 
die Bildung auf -tu bei Wurzelauslaut auf momentane Consonanten 
und Sibilanten ursprünglich nur ü haben konnte. Dafür spricht auch 
Schleichers dzügstü dzugaü, wo keine Doppelbildung angenommen 
werden kann, während le büflu und küstu allerdings eine solche 
enthalten können. 

B. Vocalisch auslautende Wurzeln. 

Das Litauische hat hier die Form -s-tu nur ganz vereinzeil oder 
als dialektische Nebenform der Präsentia nach Art von iüvü^ das 
Lettische dagegen durchgehend. 

dzüstu dzüvau dzüti^ le fchüstu fchüwu fchüt trocken werden — 

dzäuti trocknen, 
le gfüstu (lit. bei Sz griüstu) gf-üwu gfüt einstürzen {jgriüvü) — 

gfaut stürzen trans. 
le güstu {günu) güwu gut haschen, 
le kl'üstu ktüwu kl'üt gelangen {kliüvü hängen bleiben) — ktaute-s 

sich anstemmen, 
le püstu püwu pul faulen {piüvü), 
iüstu Sz [züvü) züvaü züti umkommen. 

Dem Lettischen fehlt die Bildung nach Art von iüvü. 

ß) Präsens mit infigirtem Nasal (le ü = un). 

le brüku bruku brukt abbröckeln, sich abstreifen — braukiü braükli 

abstreifen. 
bundü budaü busti erwachen. 
bunkü bukaü bukti (auch bukslü) stumpf werden, 
le drüpu drupu drupl bröckeln intr. 



429] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 391 

dumbü (le dubu) dubaü dübli hohl werden — dubiu dübti aiis- 

höblen. 
diungit diugaü dzügti (auch dziügsiu) froh werden — dzaugiu-s 

dzaügti'S sich freuen, 
le düku duku dukt malt werden, 
le düfu (neben dufu) dufu duß entzweigehen — dmniit daüzli 

heftig stossen. 
grumbii grubaü griibti holperig werden. 
gundü gudaü güsti klug werden. 
jundü judaü jüsli sich regen inch. 

le jfiku juku Juki sich vermischen — le jauzu jaukl mischen. 
juntn julaü jüsli durch Gefühl wahrnehmen inch. — jauczü jaiisli 

fühlen. 
klumpü klupaü klüpti stolpern — klaupiu-s klaüpti-s knien, 
le kihüpu kfupu kfupt {krupt) verschrumpfen — kraupiü kraüpti 

aufschrecken u. s. w. • 
kunlü {kustü) kulaü kiisli sich erholen. 

le küpu kupu kupl sich ballen — küpiu küpli hUufeln, kaüpti dss. 
ie küstu kusu kusl (Doppelbildung?) schmelzen inlr. 
le muku muku mukt sich abstreifen — maukiü maükli streifen. 
plunkü plukaü plükti befliessen, verschiesscn — plaukiü plaükli 

(fliessen) schwimmen. 
ptmlü putaü pusii schwellen — puczü ptisli blasen. 
runkü nikaü rükli faltig werden — raukiü raiikli falten. 
skumbü skubaü skübti sich beeilen. 
skundü skudaü sküsti anfangen zu schmerzen. 
smunkü smukaü smükii abgleiten — smaukiü smaükli abstreifen, 
le gprüku spruku sprukl entwischen — le sprauzü-s spraukle-s 

entwischen. 
Ie 8üku 8uku stikt entwischen (lit. mkü mkli drehen trans.). 
siuntü smiaii siüsli toll werden — siaucziü siaüsli toben, 
le schtüku schl'uku schl'ukt glitschen — le schl'üzu schl'ükl spinnen. 
szunkü szukaü szükii aufschreien — szaukiü szaükli schreien. 
szuntü szutaü szüsli schmoren intr. 

trunkü irukaü trukti sich verziehen (zögern) , le Irüku Irukt zu- 
sammenfahren — Iräukiu träukii ziehen. 
tunkü tukaü tükti fett werden. 

Abhaadl. d. K. S. Oesellach. d. Wisnensch. XXI. 27 



392 August Leskien, [130 

ilungü (und zlugsiü) zlugaü zlügti triefen. 

le füJu ftidu fust verschwinden. 

Von vocalisch auslautenden Wurzeln kommt hier nur in Be- 
tracht : 

le gümi {güslu) gut haschen (vgl. lit. gninü^ 9^ip* nachjagen). 
Sämmtliche consonantisch auslautende haben in den Nicht- 
präsensformen nur kurzen Vocal , der Gegensatz gegen die (u-Ciasse 
zeigt sich klar bei zwiefacher Formation von derselben Wurzel, vgl. 
trükstu Irükau trükti mit trunkü Irukaü trukti; le iüksiu tüku tükt fett 
werden mit tunkü tukaü lükli fett werden. 

y) Präsens mit Suffix a (e-o), 
A. Consonantisch auslautende Wurzeln. 

blusu bliisau blusti NSz (Quantität unsicher) verzagen. 

le dubu dubu dubi (lit. dtimbü dübli) hohl werden — dubiu dubli 

höhlen, 
le dtisu dusu dmt keuchen (lit. dmtü düsti)^ viell. nicht inch. 
le dufu (neben düfu = -dunfu) dufu dtift entzweigehen — damiü 

daüzti quetschen, stossen. 
susü stisaü süsli (so nach KLD flectirt, Prüs. ungebräuchlich) räudig 
(eigentl. trocken) werden, le smu fiusu sust trocken werden, 
le tr^mi tnisu trust struppig werden. 
szupü sztipaü szüpti faulen (Holz). 

Der Vocal ist durchweg kurz, nur bei Schi. Lsb. findet sich 
ein pa-stügii siugaü slügli (steif werden) mit Dehnung im Präsens, 
vgl. oben stügslu stügau siügti. 

B. Vocalisch auslautende Wurzeln. 

Das Präsens hat Dehnung zu ü ; bei consonantisch anlautendem 
Suffixe haben die hierhergehörigen Wurzeln wie sämmtliche vocalisch 
auslautende Wurzeln des Litauischen stets langen Vocal. Dem Let- 
tischen fehlt die Präsensbildung dieser Art. Die Nebenformen auf 
'8-iu s. oben. 

bliüvü bliüvaü bliüli aufbrüllen — bliäuju bliäuli brüllen. 

griüvü griüvaü griüti stürzen intr. — griäuju griäuti stürzen trans. 

kliüm kliuvaü kliüli hängen bleiben — le klaute-s sich anlehnen. 

püvü püvaü püli faulen. 

zürn züvaü züli umkommen. 



131] Der Ablaut der Wurzelsilben im LrrAUiscnEN. 393 

Zu dem prät. sriivo^ pt. pa-sriivfs wird präs. "^srfwü^ inf. *sniti 
zu construiren sein. 

ö) Präsens mit Suffix ja (je-jo). 

g\diü guliaü gülli sich legen. 

knkiu kiikiau ktikti N aufheulen (Quantität unsicher) — kaukiü 

kaukii heulen. 
tüpiü tüpiaü lüpti sich kauern, hocken. 

Es bleiben einige Verba übrig, von denen das Präsens nicht 
belegt ist: su-Jrugti (3. sg. prt. drugo) sich gesellen; 3. sg. prt. 
pa-rupo; 3. sg. prt. pa-ügo^ prt. pa-ügps; prt. prät. su-niür^s; 3. sg. 
pr. sti-piiro (ö ?) ; s. oben unter den betreffenden Worten. 

2. Terba ohne ausgeprägt inehoatiye u. s. w. Bedeutung. 

a) Mit Prüsenssuffix a (o-e). 
A. Consonantisch auslautende Wurzel. 

m 

brtikü brvkati briikti zwängen. 
kruszü krmzaü krüszti stampfen. 
kiuzü kiuzaü kiüzti wimmeln. 

lupii lupaü lüpti abschälen; le präs. lüpu = ""lumpu. 
muszü musziaü müszti schlagen. 

skulü skutaü sküsti schaben; le präs. skütu = *skunttL 
stikü sukaü sükti drehen. 
8upü supaü süpli schaukeln. 
Nur kurzer Vocal. 

B. Voealiseh auslautende Wurzel. 
siüvii siüvaü siüti nähen, le schünu schüum schul. 

ß) Präsenssuffix ja [je-jo). 

A. Durchgehend kurzer Vocal. 

le slrufchu struft eitern, lit. N srudzu srudzau srüsti blutig machen, 
le tupju tupu tupl hocken. 

B. Durchgehend langer Vocal. 

grüdzu grüdzau grüsii stampfen. le plüzu plüzu plüki zupfen. 

kriiikiu kriükiau kriükti grunzen, rügiu rügiau rügti Aufstossen haben, 

le lüdfu lüdfu lügt bitten. le rüzu rüzu rfikl brüllen. 

niükiü niükiaü niükti rauschen le schVüzu schtüzu sMükt spinnen. 

27* 



394 August Leskibn, [432 

le schnüzu schiiüzu schnükl schnau- triüsiü iriüsiaü /riti^/i geschäftig sein, 
ben (neben schiiauzti schtiaukl). üziü üziaü üzti sausen, rauschen. 

G. Wechsel von u und ü, 

buriü biiriau hürii wahrsagen. kuliü küliau külli dreschen. 

dumiü dümiau dtimii zudecken. kuriü küriau kürli bauen; heizen. 
duriü düriau dürti stechen. rutniü rümiau rümti stampfen. 

grumiu-s grümiau-s grümtis ringen, stumiü slümiau stümti stossen. 
le jumju jümii jumt (präs. auch 
jumu^ prat. jumu) Dach decken. 

Der Auslaut ist also r, l, m, dazu kommt eines mit auslauten- 
dem t: püczü pficzati ptisli^ wo lettisch durchgehend ü: püschu pülu 
püstj blasen. 

Es bleibt noch ein Rest, wo die Präsensform nicht bekannt 
oder die Quantität nicht sichei-zustellen ist: krupiü-s krupiau-s krupti-s 
zusammenfahren (erschrecken); kupin kupiau kupli zu Haufen legen; 
czüpti greifen nach etwas; snüzti (3. sg. snui) rauschen. 

c) i der Reihe iy y^ e u. b. w. 

Die Erscheinungen sind dieselben wie unter b). Dem t, y des 
Inchoativs oder Intransitiv-passivs steht e oder ei beim Durativum 
oder Transitivum gegenüber. 

1. Terba mit inchoativer oder intransitiv-passiver Bedeutung. 

a) Präsens auf -tu, 

A. Consonantisch auslautende Wurzeln. 

4. Vocal durchgehend y. 

blykszlü blyszkaü blykszii erbleichen. 

dpjstu dijgau dijgti keimen (hervorstechen intr.) — d^gia dSgti 

stechen. 
drykslü drykaü drijkii sich herabziehen — drekiü drSkti streuen 

(Halme), 
le (jibslu ^ibu (jibt schwindlig werden. 
gyfitu g^dau gtjsli anheben zu singen — gtdn gedoii singen. 
gyzlü gyzaü gfizli herb werden, 
le gliftu glidu glift schleimig werden. 
klystu klydau kltj/sti irregehen (le sich zerstreuen) — le klffchu 

klefi ausstreuen. 



133] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 395 

klypslü klypaü kljpti inch. die Füsse schief biegen beim Gehen — 

kleipiü kkipti schief treten (Schuhe). 
krypstü krypati knjpti sich wenden — kreipiü kreipli wenden. 
hjsln lysau Ufsli mager werden. 

le niflu nidu nlfl hassen (inch. Hass werfen auf . .). 
nykstü nykaü nijkti verschwinden. 

m 

pykatü pykaü pijkti böse werden — peikiü peikli fluchen. 

le 3. sg. plsi inf. pisti ÜLD sich (leicht) ausschlauben. 

njkszla r^kszti sich in Fäden auflösen. 

le sikstu {slzu) sizu slki zischen (von kochendem Wassei). 

le schkißu schk'ldu schk'ifi zergehen, lit. skystu skydau skysli — 
skedzü skSsti scheiden, dünn machen. 

slystu sltjdau sltjsti gleiten. 

slygslu slygau slygti N schlummern (wohl inch.). 

le swiflu sxvldu swift schwitzen. 

le siviß 8ivida swift anbrechen (vom Tage). 

szmykszlu szmyszkau szmykszU N verkümmern. 

Irtfstu tnjdau Irysli Durchfall bekommen — IrMzu iresli Durchfall 
haben. 

Injkszlu irfiszkau trijkszli spritzen intr. — tr'eszkiu Irekszli quetschen. 

vyslu vtjdau vifsli gewahr werden. 

le wlksiu wlkt geschmeidig werden, sich biegen. 

vykstü vykaü vykti sich wohin begeben u. s. w. — veikin veikU 
machen. 

vijslu vtjlau vysti welken. 

zysUi zydau zjjsti aufblühen — zcdzu zesti formen. 

zypstü zypaü zypli sich erholen (von Krankheit). 

2. Vocal durchgehend i, 

bliystu blizgau bligsli aufleuchten. 

driztu drizau drizti matt, schlaff werden. 

lipstu lipli brennen (s. o. an der betreflenden Stelle — die Quan- 
tität ist unsicher). 

müstü {su-si-) milaü milti sich erbarmen. 

miszlü tniazaü miszii sich mischen; bei Bi I. 374 das lettische Präs. 
zu prät. misu misl zweifelnd ob rnistu oder mislti angesetzt. 

nizln nizaü nizli krätzig werden, Präs. bei K nach Vermuthung 
angesetzt. — nSza^ le nef nefa lieft jucken. 



396 AcjGisT Lbskien, [^34 

le ristu mu risl, neben präs. ristu (Doppelbildung = ^rinslul) 

sich anfügen, 
le snigsl sniga snigt (lit. sninga) es schneit (eig. inchoaliv). 
vyslü (Doppelbildung, zu schreiben vislü?) visaü vidi sich vermehren 
— veisiü veisti fortpflanzen. 
Vereinzelt steht sklislü sklindaü sklisH auseinanderfliessen, wo aus 
einem Präs. ^sklindu der Nasal fest geworden und das Verbum in 
dieser Gestalt in die <u-Glasse übergegangen ist. Die ursprüngliche 
Regel scheint auch hier die Verbindung der Länge mit der PrSsens- 
bildung auf -iu gewesen zu sein. Die Formen le rislu^ lit. vyslü 
müssen nicht nothwendig als Doppelbildungen aufgefasst werden. 

B. Vocalisch auslautende Wurzeln. 

Präsens auf -tu. Die Bildung ist aufs Lettische beschränkt, 
le hlsiu-s bijur-8 bite-s sich fürchten, 
le dfislu dfiju dfil heilen intr. 
le zlsln-8 zijü'S zlsle-s ringen, 
le lisl Itja lit regnen (eig. sich ergiessen). 

Die litauische Bildung dieser Verba s. unten. 

ß) Präsens mit Nasal (le l = in). 

kindü kidaü kisli (gebräuchlich su-kidps zerlumpt), so nach IVluth- 

massung von K. 
kinlu kitau kisii anders werden — keiczü keisli wechseln. 
klinkü klikaü klikti aufschreien — klgkiü kbjkli schreien, 
le knihi knitau knist keimen 
pr po-linka er bleibt. 
limpü lipaü lipli kleben bleiben. 

mingü migaü mtgti einschlafen — me'gn megoti schlafen. 
mintü milaü misti sich nähren, 
le mitu mitu mist losthauen. 
ninkü nikaü nikti auffahren. 

pingü pigaü pigti wohlfeil werden (Denominativ von pigiis?), 
rinkü rikaü rikti sich verzählen u. s. w. 
le ristu (Doppelbildung?, neben ristu) risn risl sich anfügen. 
'^sklindu sklidau sklisti auseinanderfliessen (vgl. oben sklislu) — 

skleidzü skleisti ausbreiten. 
skrindü skridaü skristi kreisen, fliegen inch. — skredzu skresti fliegen. 



135] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 397 

smingü smigaü smigti stecken bleiben (auf einer Spitze) — smeigiü 

smeigti feststecken trans. 
minga snigo snigti schneien (cig. inch.). 

spinlü spilaü spisti ausschwi&rmen — speczü spesli schwärmen. 
slingu stigaü stigü (wo anlangen) ruhig werden, wo bleiben — 

sleigii stiften. 
slimpü sUpaü siipti steif werden — siepiü sVSpii recken. 
slringu slrigaü slrigii hängen bleiben — slregli anstecken. 
szimpu szipaü szipli stumpf werden. 
szvinlü 8zvitaü szvisti aufleuchten, hell werden — szveczü szv&sti 

leuchten; szveiczü szveisli putzen. 
tinkü tikaü tikli passen intr. — leikiü teikli trans. 
vyslü (Doppelbildung = visiü'l) visaü visU sich vermehren — 

veisiü veisti fortpflanzen, 
le ßbu (neben fibu) fibu fibt flimmern — zebiü zSbli anzUnden. 
züingü zvigati zvigti aufquieken — zvegiü zvSgti quieken. 

Keines dieser Verba zeigt ^, den Gegensatz zu der (ii-Classe 
veranschaulicht ninkü nikaü nikti und nykslü nykaü wjkti von der- 
selben Wurzel. — Von vocalisch auslautenden Wurzeln ist die Bil- 
dung mit Suflix -na- {lijna es regnet) dialektisch als Nebenform der 
Bildungen wie lyja vorhanden. 

y) Präsens mit Suffix a [e-o). 
A. Consonantisch auslautende Wurzel. 

skida 3. sg. präs. ertönt. 

szmizti szmizau szmizli verkümmern. 

le fibu (neben fibu = *fimbii) fibu fibt flimmern. 

B. Vocalisch auslautende Wurzel. 

gyjü gijaü gijli heilen intr.; i^gyjü u. s. w. erlangen. 

Ifija lijo lyli regnen (eig. sich ergiessen) — leju leli giessen. 

^szlyjü szlijaü szbjli sich neigen — szlejü szleli anlehnen. 

Von einigen diesen Bedeutungsclasscn zuzurechnenden Verben 
ist die Präsensform nicht bekannt: hli^ prät. izau entzweigehen; prät. 
sur-jiszkau anfangen zu suchen {j'eszkau jeszköti suchen) ; le klU sich 
zerstreuen; sur-kligo schrie auf; 3. sg. prät. mjro glupen; pa-pijusi 
{kdrve) strotzend; uz-kisii (Flachs zum Trocknen legen) s. ob. ; ai-lizli 



398 AcGOST Le8kibn, [136 

die Lust verlieren, sich abwenden (prät. 3. sg. liio); sztiktij prUl. 
szlikaü erralhen. 

2. Terba ohne inchoatlTO u. s. w. Bedeutung. 

a) Mit Präsenssuffix a (o-e). 
A. Consonantisch auslautende Wurzeln. 

kiszü ki^zaü kiszli stecken Irans, riszü riszaü riszti binden. 
knimi knisaü knisli wühlen. rilti rilaü rtsti rollen. 

lipü lipaü lipli steigen. le silu situ sist schlagen. 

migü migaü migli drücken. szikü szikaü szikli cacare. 

Von sysaü (prät.) si/sii abhalten (ein Kind), pa-si-lyk^s verseheo 
mit (Slerbesacranienten) ist das Präsens mir unbekannt. 

B. Vocaliscb auslautende Wurzel. 

le mlju mtju mit tauschen. 

le plijü-8 pliJH'8 pllte-s sich aufdrängen. 

ryjü rijaü lißi schlucken. 

le wiju iiuju wit flechten, winden (lit. vejü vijaü t^yti). 

(i) Mit Präsenssuffix ja (je-jo). 

gnybin ynybiau gnijbti kneifen. 

klykiü klykiaü klf/kti schreien. 

le mifchu miju miß harnen (lit. mein myzau myzti). 

strypiü strypiaü strijpti trampeln. 

zvygiü zvygiaü zvygti quieken. 

Zu diesen mit langem Yocal das bei N stehende spikiu spikli 
ermahnen mit der Kürze. 

d) Yocal e, allein oder im Wechsel mit e. 

Nur consonantisch auslautende Wurzeln. 

Ebenso charakteristisch, wie für die Stufe t die inchoative oder 

intransitiv-passive Bedeutung, ist für die Stufe e die durative oder 

transitiv-active, so dass nur eine geringe Zahl der hierhergehörigen 
Verba jene Bedeutung hat. 

1. Terba mit inchoativer oder intransitiv-passiver Bedeutang. 

a) Präsens auf -tu. 
br^'stu hreiulau br^'sli körnig werden (vgl. brislu brindau brfsli auf- 
({uellen) . 



437] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 399 

geslü gesaü gesli erlöschen. 

gverstu gveraü gverti sich ausweiten (so nach KLD; in Gebrauch 

nur pt. prät. iszr-gverfs). 
lepsin (N auch kmpu) lepaü lepti sich verzärteln (wohl denom. 

von lepüs). 
reslü (renlü) relaü resti dünner werden (wohl denom. von relas), 
sk^slü skendaü sk^'sii untersinken, ertrinken. 
lemstu lemaü lemti dunkel werden. 

trepslu Irepli N stampfen (mit den Füssen; wohl inch. zu fassen). 
treszlü treszaü Ireszli faulen. 
zvelgslu zvelgli plappern Sz (wohl inchoativ). 

ß) Präsens mit Nasal. 

gendü gedaü gesli entzweigehen. 

glembü glebaü glebti weich werden, zerlliessen. 

jenkü jekaü jekti erblinden. 

lempü lepaü lepli {lepstü) sich verzärteln (wahrscheinl. denom. von 

lepüs) . 
renlü {reslü) relaü resli dünner werden (wahrscheinlich denom. von 

retas) . 
senkü sekaü sekü sich senken (vom Wasser). 
smengü smegaü smegli hineinfahren. 
klenkü klekaü klekli gerinnen. 

skrenlü skrelaü skresli sich mit einer Kruste beziehen. 
sznenkü sznekaü sznekli anheben zu sprechen. 
lenkü lekaü tekli hinreichen, zufallen. 

y) Präsens mit Suffix ya. 

le blefchu bledu bleft aufdinsen. 

stelbiü slelbiaü stelbti schal werden. 

Als Inchoativ kann auch das lettische repu repu repl einen Callus 
ansetzen (Sufßx a) angesehen werden, inchoative Bedeutung hat auch 
le sa-wergt einschrumpfen ÜLD (Präs.?). 

2. Terba mit durativer oder transitiver Bedeatnng. 

Die etwa gegenüberstehenden inchoativen oder intransitiv-pas- 
siven mit t s. 0. S. 381 bei diesem Vocal. 



400 AcGDST Leskien, [<38 

a) Suffix a. 

bedu grabe (le befchu bcdu beft mezgü mezgiaü megsti knoten. 

schütlen, begraben). neszü nesziaü neszii tragen. 

de(jü degiaü degii brennen. peszü pesziaü peszli pflücken. 

gremzdu gremzdau gremszti schaben, rezgu rezgiaü regsti stricken. 
gremzu gremzau gremzti versenken, nekü sekiau sekli folgen. 
grendu {grendzu) grendau grpsti lelzu ieltli G beharnen. 

reiben, scheuern. lepü iepiaü tepii schmieren. 

kcpü kepiaü kepli backen. vedü vedzaü vesti führen. 

lesü ledaü lesli picken. vezU veziüü vezti fahren. 

melü meczaü mesti werfen. 

ß] Suffix >«. 
1. e ohne Wechsel mit e. 

le befchu bedu beft schütten, be- glemziü glemziati glemszU zusam- 

graben. mendrücken. 

beldzu beldzau belsli klopfen. le grebju grebu grebi schrapen. 

bengiü bengiaü bengti enden. grendzu {grendu) grendau gr^'sti 
le berfchu berfu berft scheuern. reiben. 

blendzü'8 blendzaur-s bl^'sti-s sich gresiu gresiau gresli (verekeln) ent- 

verßnstern. wohnen (Quantität unsicher). 

czerszkiü czerszkiaü czerkszli klirren gr^ziü gr^ziaü gr^'zti drehen. 

(neben czirszkiü). le gwelfchu gwelfu gwelft verklat- 
delbiü delbiaü dclbii [akis) nieder- sehen. 

schlagen (die Augen). kenkia kenke kenkli weh thun. 

delsiü delsiaü delsli säumen, zögern, kenczü kenczaü k^'sli erdulden. 

dengiü dengiaü dengli decken. le k'escliü-s k'esil-s Kesle-s sich 
dergia derge dergti es ist schlechtes aufdrängen. 

Wetter (eig. es macht schl. W.). Idepiu {ap-)klepii begreifen. 

derkiü derkiaü derkti besudeln. lenkiü lenkiaü lenkli biegen. 

elgiü-8 elgiafir-s clgti-s sich ver- meldzü meldzaü melsli bitten. 

halten. le melschu melsu meist verwirrt 
le elschu elsu eist keuchen. reden. 

e7igiü engiaü engti abstreifen. merkiü merkiaü merkti einweichen, 

le erfchu {er flu) erdu erft trennen, merkiu merkiau merkti die Augen 
erziu knurre. schliessen. 

jerfrm j/crfrtaw jfcrft/i ehren ; kleiden, nersziü nersziaü nerszti laichen. 



139] Der Abladt der Wurzelsilben im Litauischen. 401 

nerczu-s nerczaths nersli-s sich be- slelyiü slelgiaü stelgti starr hin- 
eifern, sehen u. a. 
perdzu perdzau persti pedere. stengiü-s stengiau-s stengli-s sich 
rengiü rengiaü rengli rüsten. widersetzen. 
renczü renczaü r^sli kerben. szelpiü szelpiaü szelpti helfen. 
reszkiu reszkiau rekszti pflücken. le swelpju swelpu swelpl pfeifen 
segiü segiaü segli heften. (dss. wohl lit. szp^lpiu szvelpU 
skelbiu skelbiau skelbli Gerücht ver- lispeln). 

breiten. telkiü lelkiaü telkli Arbeiter zusam- 

skelsiü skehiaü skelsli verschlagen inenbitten (s. o.). 

(ausreichen). lempiü tempiaü tempii spannen. 

skerdzü skerdzaü skcrsti (spalten) le lerpju lerpu icrpl kleiden. 

schlachten. i^ün t^siaü t^sti dehnen. 

sklempiü sklempiaü sklernpli glatt lerszkia terszke terkazii frösteln 

behauen. (klappern) . 

sklendzü sklendzaü skl^sli schien- tersziü tersziaü terszli schmutzen. 

dern. trenkiü Irenkiaü trcnkli stossen. 

sklepiu sklepiau sklepli N wölben, tvenkiü ivenkiaü tvenkli schwellen 
skverbiü skverbiaü skverbli bohrend machen. 

stechen. le weldfu weldfu welgl nass machen, 

le sledfu sledfu siegt stützen (wenn vengiü vengiaü vengti meiden. 

e = en), verkiü verkiaü verkli weinen. 

lestneldfu smeldfusmelgt Bchmevzeu, verpiü verpiaü verpti spinnen. 
smelkiü stnelkiaü smelkli ersticken, verczü verczau vcrsli wenden. 
smerkiü smerkiaü stnerkti verderben, verziü verziaü verzti schnüren. 
spendzuspendzausp^sliFoWensieWen, zengiü zengiaü zengti schreiten. 
spengia spenge spengti klingt in den zergiü zergiaü zergti die Beine 

Ohren. spreizen. 

sprendzu sprendzau sj)r^sti spannen, zkmbiu zlembiau zlembti jammern. 
stembiü slembiaü stctnbli schössen zvelgiü zvelgiaü zvclgli blicken. 

(Stengel ansetzen). zvengiu zvengiau zvengti wichern. 

Mit Ausnahme von le 6e/K, le grebt^ le Uesle-s^ segli und den in 
Quantität oder Form nicht zweifellos überlieferten grcsti^ klcpli, 
rekszti^ sklepii haben alle anderen als Wurzelauslaut r, /, m, n -f- Con- 
sonant. — In diese Reihe gehören wahrscheinlich auch kergti an- 
binden; kvempti'S sich aufstützen; r(Vi/i recken; slerpü-s bestehen auf, 
deren Präsens mir nicht vorgekommen ist. 



402 AtGusT Leskten, [140 

2. e im Wechsel mit e. 
A. Wurzelauslaut momentane Consonanlen oder Sibilanten. 

drebiü drebiaü drebii dickflüssiges lekiü lekiaü lekli fliegen. 

werfen. slepiü slepiati slepti verbergen. 

dreskiü dreskiaü drek^ti zerreissen spleczü spleczaü splesti ausbreiten. 

Irans. srebin srebiaü srebti schlurfen. 

dvesiü dvesiaü dvesti athmen. leszkiü ieszkiaü tekszti dickflüssiges 

kreczü kreczaü kresti schütteln. werfen. 

kvcpiü kvepiaü kvepti duften. tresiü tresiaü tresti läufisch sein. 

Ausgenommen die Fälle dvesti^ kve'pti, tekszti gehl dem e ein 
r oder / voran, hn Lettischen hat dfest löschen trans. die Neben- 
form dfest^ Prät. wird nur dfmi angegeben, PrUs. dfeschu und 
dfeschu; ebenso bei tost — lest behauen (mit dem Beil), prat. lem^ 
prds. teschu und teschu. 

B. Wurzelauslaut r, /, m. 

beriü bcriau bcrti streuen. semiü semiau scmti schöpfen. 

geliü geltau gelti stechen. le seru söru sert in die Rije 

geriü geriau gerti trinken. stecken. 

kcliü keliau kelli heben. skelin skeliau skelti spalten trans. 

Ic kefu k'eru k'ert fassen. le smel'u smelu smelt schöpfen. 

lemiü lemiau lemti Schicksal be- le spefu speru spert mit dem Fusse 

stimmen. stossen. 

le nemu nömu nemt nehmen. le swel'u sivelu swelt sengen trans. 
neriü neriau nerti eintauchen trans. sveriü sveriau sverti wdgen. 

le pel'u pöln pelt schmähen. szeriü szeriau szerti futtern. 
periü periau perti mit dem Bade- szeriü^s szeriau- s szerti- s sich 

quast schlagen. haaren. 

remiü remiau remti stützen. le fwel'u fwelu fwelt wälzen. 

süteme prät. 3. sg. LB 344 würde ein präs. ■temiu voraussetzen 
lassen, die Form würde zur Bedeutung indess nicht recht stimmen. 

tremiü Iremiau tremti nieder- veriü veriau verti öffnen u. a. 

stossen. zeliü zeliau zelti wachsen (von 

Iveriü tveriau tverti fassen. Pflanzen, grünen). 

vcliü veliau velti walken. zefiü zeriau zerti scharren. 

vemiü vemiau vemti sich erbrechen. 



444] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 403 

Der Unterschied in der Verwendung des e zwischen A und B 
besteht, wie bekannt, darin, dass jene das e in allen Nichtpräscns- 
formen des Verbums haben, diese nur im Präteritum. 

e) Vocal au. 

Bekanntlich sind im Litauischen ursprungliches eu und ou in au 
zusammengefallen und nicht mehr sicher zu scheiden; bei den pri- 
mären Verben mit Suffix ja liegt bei der Parallelität mit e und ^, ei 
sicher durchweg eu zu Grunde. Inchoative Bedeutung mit dem ent- 
sprechenden Präsenssufßxe ta- ist ganz vereinzelt; die durchgehende 
Bedeulung ist die durative oder transitiv-active gegenüber inchoativen 
und intransitiv-passiven Verben mit der Stufe u, 

1. Terba mit inchoativer Bedeutung (Suffix des Präsens -ta-). 
aüszta aüszo aüszii anbrechen (vom Tage). 
äuszta äuszo äuszti kuhl werden. 
kiaustü kiaustaü kiaüsli verkümmern (im Wachsthum). 

Es versteht sich, dass Denominativa wie pläukslu pläukau pläukti 
(von plaukai Haar) Haare bekommen hier nicht aufgenommen sind. 
— Bei NSz ein skraudu skrausti rauh werden, wenn richtig, viel- 
leicht denom. von skraudus, 

2. Terba mit transltiT-activer oder durativer Bedeutung. 

a) Suffix a im Präsens, 
le fiauku nauzu Aaukt (lit. pr niäukiu) mit Wolken beziehen, 
le raugü-s (at-) raudfü-s raugle-s rülpsen, 
le schmaugu schmaugu schmaugl auf den Mund schlagen. 
äugu äugau äugti wachsen. 

ß) Suffix ya. 
A. Consonantisch auslautende Wurzeln. 

braukiü braukiaü bratikti wischen, dzaugiu-s dzaugiaü-s dzaügti-s sich 

baubiü baubiaü baübti brüllen. freuen. 

baudzü baudzaü baüsti züchtigen, dauziü dauziaü daüzti heftig stossen. 

czäudzu czäudzau czäusti niesen. glaudzü glaudzaü glatisli anschmie- 

czäupiu czäupiau czäupli den Mund gen. 

eng schliessen. gniäuziu gniduziau gniduzü zusam- 
czauszkiü czauszkiaü czaükszti rie- menquetschen. 

sein. le graufchu graudu grauft poltern. 

draudzü draudzaü draüsti drohen, gräuziu gräuziau gräuzti nagen. 



404 AuGcsT LssnsN, [14^ 

le ^aubju ^aubu ^atibt crgcHzen. rankiü raukiaü raükli falten. 
gavdiü gaudzaü gamii klagen, jam- rausiü ratisiaü raüsti wühlen. 

mern. le skaufchu skaudu skauft neiden, 

le jauzu jauzu jaukl mischen. sklaudzu sklatulzau sklausti drängen. 

jauczü jauczaü jatisli fühlen — smäugiu smäugiau smäugii würgen. 

le jauschu jauiu jaml zu ver- smaukiü smaukiaü smaükti zwängen. 

nehmen geben. snaudzu snaudzau »tmusti schlum- 

klaupiu-8 klaupiaü-8 klaüpti-s knien. mern. 
kliaudzu kliaudzau kliausli N {kliau- spräudzu spräudtau spräusii zwün- 

da) hindern. gen. 

kläusiu kläusiau kläusti fragen. le spraudfu spraudfu sprangt schro- 
kraukiü kraukiaü kraükii krächzen. ten. 
kraupiü kraupiaü kraüpti zusam- späudzu späudzau spämti drücken. 

menfahren machen, aufschrecken, sraubiu {sraubiau) {sriaubti) Sz 
kaukiü kaukiaü kaükii heulen. schlürfen. 

kaupiü kaupiaü kaüpti hiiufeln. sraupiuf sraupiau) (jiraupli) umfassen, 
kiämziu kiäusziau kiäuszii schnell siaugiü siaugiaü siaügti heulen. 

gehen. saubiü saubiaü saübli toben. 

laukiu läukiau läukti warten. siaudzu siaudzau siausli summen. 

maukiü maukiaü maükii streifen. saugiu saugiau saugli tönen. 
mausziu mausziau mauszti brünstig siauczü siaticzaü fdaüsti toben. 

sein. siauczü siauczaü siaüsli umhüllen. 

nidtikiü'S nidukiau-s niäukti-s sich le slauzu slauzu slaukt melken. 

bewölken. szliauziu {szliauziau) [szliauszli) krie- 

plaudzu plaudzau plausti waschen, chen. 

le plaufcliu plaudu plaufi nass le scMauzu scMauzu schiiauki 

machen. schnauben. 

plavkiü plaukiaü plaükti schwim- szaukiü szaukiaü szaükli rufen. 

men. sziausziü'-s sziausziaü^s sziaüszii-s 

pliaupiü pliaupiaü pliaüpti schwa- sich sträuben (Haare). 

tzen. träukiu träukiau träukii ziehen. 

prausiü prausiaü pi^aüsti (Gesicht) äudzu dudzau äusti weben. 

waschen. le fchtlaudfu fchAaudfu fchüaugl 

le paufchu paudu pauft ruchbar {fchmaudfu fchmaugt; fmaudfu 

machen. fmaugt) würgen. 

Hierher wohl auch le paupt schwellen; taupti G schonen. 



4^3] Der Ablalt der Wurzelsilben im Litauischen. 405 

B. Vocalisch auslautende Wurzel. 

Das PräleriUim hat ö (le ä). 

le anju (Nebenform von auna) awu liduju liöviau liduti aufhören. 

{äwu) aul (Schuhe) anziehen. mäuju mdviati mäuli streifen. 

bliäuju bliöviau bliduli brüllen. le mauju mäwu maut brUllen. 

briäuju-s briöviau-s bridutis sich le tiauju Aäum naul miauen, 

drängen. plduju pl^rviau plduli spülen. 

dzduju dzöviau dzduii ivocknen irdius. piduju pioviau piduli schneiden. 

^'aiiju (/rioviViti (/nati^i stürzen trans. rdujn römau rduti ausreissen. 

jäuju jöviati jduti mischen. le skatiju skäwu skaut umarmen. 

le kl'auju-8 kl'mm-s kl'aule-s sich le schk'auju schk'änm schk'aut nie- 
anlehnen (lit. pa-si-klduU ver- sen. 

trauen auf). le spraujü-s spräwu-s spraut em- 

krduju kröviau krduti häufen. porkommen, empordringen. 

kdujti. köviau kduli schmieden ; spiduju spiomau spidnU speien, 

kämpfen. szduju szoviau szduti schiessen. 

Die lettischen Nebenformen der Präsentia wie ktaunu^ raunu 
u. s. w. , die dialektisch auch im Litauischen vorkommen, sind 
Weiterbildungen einiger alter Musler wie aunü und können hier un- 
berücksichtigt bleiben. 

y) Suffix na. 

Es kommen hier nur vor aunü aviaü aüti (Schuhe) anziehen; 
gdunu gavaü gduli bekommen. 

f) Vocale e und ei. 

Verba inchoativer oder intransitiv- passiver Bedeutung fehlen 
hier so gut wie ganz, daher auch die entsprechende Präsensbildung 
auf to-: es lassen sich nur anführen le mdflu (neben mefu) mefu 
mefi stumpf werden (von den Zähnen) , le reibst reiba reibt es 
schwindelt. — Sehr spärlich ist femer bei den Verben durativer oder 
transitiv-activer Bedeutung a) das Präsens auf a vertreten, bei der 
Stufe ei fehlt es ganz, bei ^ gehören hierher: 

le b^fu b^fu beft gerinnen (dessen ö* übrigens = en sein kann), 
le degu degu degt (lit. degiü degli) stechen. 
me'zu metau mezti N mit Honig süssen. 



406 August Lbskien, [U4 

le nefu nefa nefl jucken. 

stiegu stregli anstecken. 

Es bleibt also nur ß) die Prüsensforra mit ja, die bei den 
vocalisch auslautenden Wurzeln im Lettischen z. Th. die Nebenform 
auf -na- hat (vgl. le kfauju und kfaunu), 

A. Consonantiscb auslautende Wurzeln. 

4. Vocal e. 

brSziu breziau brezli kratzen. skredzu skredzau skresU kreisen, 

degiü degiaü dSgti stechen. fliegen. 

drekiü drekiaü drekli (Halme) skreczü skreczaü skrMi drehen. 

streuen. le sledfu sledfu siegt stützen (wenn 
geziü geziaü g'ezli grollen, impers. e nicht = en). 

gezia kratzt im Halse. le sn^dfu snedfu snegt reichen. 

grebiu grebiau grebii greifen. le spefchu spedu sjwß drücken. 

greztu greziau grSzli einschneiden, le spedfu spedfu spegt pfeifen, 

le klefchu kledu Ueft ausstreuen, speczü speczaü sphli schwärmen, 

le kledfu kledfu klegl schreien. si^iü stepiaü stSpli recken, 

le knefchu knefu kneft keimen. svcdzü svedzaü svesti schleudern. 

kveczü kveczaü kv'Mi einladen. szepiu-s szepiaü-s szepti-s Gesiebt 
le ledfu ledfu legt weigern. verziehen. 

lepiü lepiaü lepti befehlen. szveczü szveczaü szvSsti leuchten. 

leczu leczau le'sti anrühren. lesiü tesiaü tSsti strecken. 

leziü leziaü lezti lecken. tr'MzutredzautrSsHDuvchtM haben. 

le medfu medfu megt diücken. trSszkiu treszkiau tr^szti spritzen. 

pesziu pSsziau pJsszti schreiben. le trepju trepu trepl beschmieren, 

le T^ju rebu rebt verdriessen. le webjü-s webü-s webte-s Gesicht 
rekiü rekiaü rSkti schneiden. verziehen. 

rd'czü reczati rSsti rollen. le weschü-s wesu-s weste-s gedeihen. 

s'ikiu sSkiau sJSkti langen. le weschu wesu west einladen, 

le schk'ebju schk'äm schk'ebt schief vtziu [uz-si-) vSziau v'ezti vermögen. 

neigen. zebiü zebiaü z'ebti anzünden. 

skSdzu sk^^dzau skSsti scheiden. zedzu zedzau zSsti formen. 

skeczü skeczaü skSsti ausbreiten. zvegiü zvegiaü zvSgti quieken. 

2. Vocal ei. 

le beidfu beidfu beigt endigen (lit. geidiü geidzaü geisti begehren. 
baigiü baigti). greibiu greibiau greibti greifen. 



H5] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 407 

keikiu keikiau keikti fluchen. sJdeidiü skleidzaü skleisü ausbreiten. 

keiczü keiczaü keüti wechseln. skeiczü skeiczaü skeisti ändern. 

kleipiü kleipiaü kleipti schief treten, smeigiü smeigiaü smeigti anstecken. 

kreikiü kreikiaü kreikti (Stroh) le steidfü-s steidfu-s sleigte-s eilen. 

streuen. szleikiü szleikiaü szleikti wetzen. 

kreipiü kreipiaü kreipti wenden. szveiczü szveiczaü szveisti putzen. 

kreiszkiu kreiszkiau kreikszti durch- teikiü teikiaü teikli fügen — le 

wühlen. teizu teizu teikt sagen — Hl. 

leidzu leidau leisti lassen (le laift). teigiü teigiaü teigti erzählen. 

peikiü peikiaü peikti tadeln. temü teisiaü teisti abmachen. 

pleikiü pleikiaü pleikti Fische aus- veikiü veikiaü veikti machen. 

nehmen u. s. w. veisiü veisiaü veisti fortpflanzen. 

rüszkiu reiszkiau reikszti offenbaren, zeidzü zeidzaü zeisti verwunden. 

B. Vocalisch auslautende Wurzel. 
4. e durchgehend. 

grejü grejaü grSti schmänden. 

leju iSjau ISli giessen. 

skrejü skrejaü skrSti im Kreise bewegen, fliegen. 

szlejü szlejaü szlSti anlehnen. 

2. ^ {%) im Wechsel mit ei, ej, nur lettisch. 

le deiju deiju det tanzen. le reiju reju ret bellen, beissen. 

le dfeijii dfeiju dfet hervorblühen, le skreiju skreju skret laufen, 
hervorragen. le smeiju smeju smet lachen. 

le kreiju kreju kr et schmänden. le sleiju sleju slet anlehnen, 
le Uiju leju lel giessen. 

Einige dieser Verba haben im Präsens die Nebenform mit Suffix 
na\ krenu, skrenu^ slenu; dazu kommt senu seju sei binden. — Im 
Leitischen entspricht die Form sleiju sleju slet vollständig' der von 
kfauju kMivu kraut [kräuju kroviau kräuti). Das Litauische hat die 
entsprechende Bildung nur im Prät. ejaü (zu einü eiti). 

B. Die Vocalstufen wechseln im Formensystem desselben Verbums. 

Die Verhältnisse sind aus den Grammatiken bekannt, der Voll- 
ständigkeit wegen mögen indess die Fälle auch hier aufgezählt 
werden. 

Abhandl. d. E. 3. OeBelUch. d. Wissenscb. XXI. 28 



408 August Lbskibn, [U6 

4 . Die Reihe i, y, e u. s. w. 
le ^edii ^idu ^ift merken. werden (von den Zahnen) Bi I. 

likü likaü likti lassen. ^**- 

. , . . le redu ridu rht ordnen. 

megu (minqu) mtgau miqh ein- , ,,,^ ,,,., ,,,. ^ 

^ "^ ^ ^ ^ ^ le schketu schkttu schktst meinen. 

schlafen. ^ / • \ ^ ' ^- u • 

snega [sninga] sntgo snigtt schneien. 

le mefnu (kann indess = menf-^u \q ^tegu stigu stigt einsinken. 

sein, vgl. lit. m^zü myzaü mpti) i^ ^tregu sirigu strigt einsinken. 

mifu mift. \q teku tiku tikt geschehen, 

le mefu mifu [mefu) meft stumpf vejü vijaü v^ti wickeln. 

2. Die Reihe i, e u. s. w. 

bredü bridaü bristi waten. le melfu milfu milft schwellen, 

le delu {dilstu) dilu dilt sich ab- melzu milzau milzli melken. 

schleifen. menü miniaü minti gedenken, 

le demu {dimstu) dimu diml dröhnen, le perdu pirdu pirft pedere. 
drfsü [dristü) drisaü dristi dreist perkü pirkaü pirkti kaufen. 

werden. perszü pirszaü pirszti freien. 

gemü gimiaü gimti (le auch dßm- renkü rinkaü rinkti sammeln. 

stu) geboren werden. sergu sirgaü sirgli krank sein. 

genü giniaü ginti austreiben (Vieh) . slenkü slinkaü slinkti schleichen. 
kemszü kimszaü kimszli stopfen. telpü tilpaü tilpti Raum haben. 
kerpü kirpaü kirpti scheeren. trenkü trinkaü irinkti (eig. abstossen) 

keiiü kirlaü kirsli hauen. waschen. 

kremtü krimtaü krimsti nagen. velkü vilkaü vilkti ziehen. 

lendü lindaü Hsti kriechen. 

Vereinzelt steht mit abweichender Präsensbildung verdu viriaü 
virti kochen, und mit anderer Ablautsform imü emiaü imü nehmen. 
— Bekannt ist, dass die Verba unter 2. sämmtlich den Wurzelaus- 
laut 2, m, n oder r, /, m, n -|- Gonsonant haben, ausgenommen nur 
bredü brisii^ wo r dem Vocal vorangeht. Femer ist zu bemerken, 
dass bei 1. wie bei 2. nur die Präsensbildung auf -a- vorkommt 
(abgesehen von dem zweifelhaften lettischen mefnu) . — Der Reihe 
fi, ö, au fehlt dieser Wechsel, das eigenthümliche pulu puliau pülii 
ausgenommen. 

Aus dem Bisherigen ergeben sich für die Vertheilung der Vocal- 
stufen folgende allgemeine Sätze: 



447] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 409 

I. Die Stufen i (der e-Reihe), i (der ei-Reihe), u (der ew-Reihe) 
sind gleichwerthig; die Bedeutung der Yerba mit diesen Stufen ist 
in der grossen Mehrzahl die inchoative oder intransitiv-passive (gegen- 
über entsprechenden durativen oder transitiv-activen Verben). Für 
das Lettische hat dieses Yerhältniss schon Bielenstein L 334 ff. richtig 
erkannt. L^nge und Kürze vertheilen sich wie folgt: 

1) bei i (der e-Reihe) findet sich nur vereinzelt durchgehende 
Länge: plpzlu plijszau plpzti^ der aber ein ebenso durchgehendes 
i im transitiven plesziu pWsziau pleszti gegenübersteht, so dass ge- 
Wissermassen dieser Ablaut eine Reihe für sich bildet; dazu nur 
noch tv^kstu tvyske'ti. Wechsel mit der Kürze findet vor momen- 
tanem Consonanten oder Sibilanten statt in (/rj//^«tö gegenüber driskaü 
u. s. w. {gTystü und ryzgü können Nasal enthalten), sonst ist die 
Länge auf die litauische Präsensbildung der auf /, r auslautenden 
Wurzeln beschränkt (fryrw, kylü). 

2) u und u, i und y vertheilen sich so, dass die Kürzen mit 
der Präsensbildung durch Nasal, die Längen mit der durch -ta- ver- 
bunden sind, und die betreffende Quantität durchgeht {trunkü trtikaü 
trükti — trükstu trükau h'ükli; ninkü nikaü nikti — nykstü nykaü 
njkti). Wechsel zwischen den Quantitäten findet nur statt bei vo- 
calisch auslautenden Wurzeln, indem das Präsens ü oder i gegen- 
über dem Präteritum mit ü oder i hat, z. B. bliüvü bliüvaü^ gyjü gijaü 
(bei consonantisch auslautendem Suffix versteht sich im Litauischen 
die Länge des Wurzel vocals vocalisch schliessender Wurzeln von selbst). 

IL Die Stufen e, e\ ei, au sind gleichwerthig, die Bedeutung 
der Verba mit diesen Stufen ist durchgängig die durative und tran- 
sitiv-active ; die Präsensbildung geschieht in der grossen Mehrzahl 
durch Suffix ja. Quantitätswechsel kann nur bei e stattfinden, und 
nur in Nichtpräsensformen e erscheinen: 

1) bei Wurzelauslaut r, /, m hat das Präteritum allein e {beriü 
beriau berti)^ 

2) bei andern Consonanten im Wurzelauslaut mit r oder / vor 
dem e das Präteritum und die Infinitivformen [lekiü lekiaü lekti). 

III. Die Verba mit nicht bestimmt inchoativ u. s. w. fixirter 
Bedeutung bei Tiefstufe i (zu e), i, u haben als Präsenssuffix ent- 
weder a {o-e) oder ja (Jo-je) ; die Quantitäten vertheilen sich 
folgendermassen : 

28* 



410 August Leskien, [4^S 

1) beim i (der a-Reihe) ist der Vocal des Prdsens stets kurz 
mit einer Ausnahme: tyriü {t^riau tirti); wenn die Wurzel auf r, /, n 
auslautet, bat das Präteritum Debnung: minü mfjniau minü; giriü 
gpiau girli; skiliü skjliau skilti. 

2) beim u baben, wenn die Wurzel auf momentanen Consonanten 
oder Sibilanten auslautet, die Präsentia auf a die Kürze: bruku, die 
auf ja die Länge: grüdzu, die Yocale verbleiben in ihrer Quantität 
dann im übrigen Formensystem des Yerbums {brukaü brükli — grüdzau 
grüsti). Yocalwechsel findet statt bei Wurzelauslaut r, /, m, indem 
das Präteritum die Länge erhält: duriü düriau dürti. Bei vocalisch 
auslautender W. hat das Präs. ü gegenüber dem präteritalen ü (nur 
siüvü siüvaü siüli). 

3) bei i (der ei-Reibe) scheinen nach den wenig zahlreichen 
Beispielen zu schliessen die Verhältnisse ebenso wie bei u zu sein, 
daher kiszü kiszaü kiszli^ aber strypiü strypiaü strjjpti, und ri/jü 
rijaü r^ti. 

Anhang. 

Die Stnfen a ^ o (der e-Beihe) nnd ai im primären Terbum. 

4. Vocal a. 

Es lassen sich nur sehr wenige Beispiele anfuhren, deren Zu- 
gehörigkeit zu dieser Reihe überdies z. Th. zweifelhaft ist und von 
denen einige als denominativ angesehen werden können, 
le aif-kam käru kart antasten (zweifelhaft, ob hergehörig), 
le karstu karsu karst erhitzt werden. 
maliü maliaü mälti mahlen. 
pampslü pampaü pämpti aufdinsen (le pampig pempt^ pumpte vgl. 

lit. pümpuras Knospe u. a.). 
parpiü parpiaü pärpti knarren, quarren ; parpstü parpaü pärpli (und 

purpti) sich aufblähen. 
plantü plataü plästi breit werden (zweifelh., ob zu dieser Reihe, 

und wohl sicher denom. von plalüs). 
pranlü pralaü präsü gewohnt werden (su- verstehen); zweifelh., 

ob hierher gehörig. 
skärü skaraü skarti zerlumpt werden (gebräuchlich nur nth^kdrfs 

zerlumpt; das Wort ist wohl sicher denom. vap skarä Lumpen). 



449] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 411 

le skrabl prät. skrabu (prUs. skrabu^ skrabstuf) schaben. 
stnagiü smogiaü smögti schleudern. 
tarpslü tarpaü tärpti gedeihen (denom.?). 
tärszku tarszkiaü tärkszti klappern. 
szwarkszczü szwarkszczaü szwärkszti quieken. 

Die onomatop. Worte wie pärpti^ szwärkszti kommen dabei kaum 
in Betracht. 

2. Vocal i, 

grebiu gre'biau grebii raffen, harken. 

klesziü kldsziaü kleszti fegen (Getreide). 

knebiü knebiaü kn^'bti leise kneifen (^?). 

le kwßpstu kwSpu kwöpt qualmen (lit. kvepiü kvepiaü kve'pti neben 

Pros, kvepiü duften). 
pWsziu plesziau pleszli zerreissen. 
räiiü rekiaü rekti schreien, 
le spregstu sprBgu sprBgt platzen (neben sprägi). 
stebiu-s siebiaü-s stebti-s sich stemmen. 
szlekiu szlikiau szlekti spritzen trans. N. 
vepiü-s vepiaü-s vi'pti-s den Mund verziehen. 
zlebiü ilebiaü ilebti schwach sehen. 

3. Vocal 5 (ä). 

le gräbju gräbu gräbt greifen (lit. grobti). 
le knäbju knäbu knäbt picken, zupfen. 
skobiu skobiau skobti abpflücken. 
sprögstu sprögau sprögti prasseln, spriessen. 
tvoskü tvoskiaü tvöksti viel schwatzen. 

4. Vocal Ol. 

Diese Stufe ist in den Fällen, wo sich ein Ablaut constatiren 
lässt, nur ganz vereinzelt vertreten: 

baigiü baigiaü baigti (le beigt) endigen. 

klaipiu [isz-) »verschränken« ist, wenn nicht ein Denominativ, wohl 

nur andre Schreibung für kleipiü. 
le laifchu laidu laift lassen (gegenüber lit. läsli), 
sklaidzu sklaisti N {til-) riegeln, die Schreibung mit ai ist ohne 

Gewähr, vielleicht das Wort denominativ. 



4 IS August Leskien, [450 

Die anderen noch vorhandenen sind die oben S. 292 aufgezählten 
Beispiele, bei denen kein Ablaut vorliegt. 

II. Yerbalstämme auf e mit primärer Präsensbildung 

auf a oder i (Ja). 

Es durfte hier unmöglich sein, die primären Yerba von den 
denominativen mit Sicherheit oder auch nur mit annähernder Ge- 
nauigkeit zu scheiden, namentlich so lange eine plausible Erklärung 
der Präsensstämme auf i fehlt {m^li-me) ; m^liu myleti kann primär 
sein, aber auch ein Denominativum zu mylüs, smirdiu smirdi'ti ist 
wahrscheinlich primäre Bildung, kann aber auch von einem Nominal- 
stamm smirda- herkommen, pavjjdzu pavydeti beneiden von pav^das 
Neid u. s. w. Ausserdem sind sie nicht scharf trennbar von den 
abgeleiteten Verbalstämmen, deren e durch sämmtliche Formen bleibt, 
weil die eine Glasse zuweilen in die andere übergreift. Der Werth 
der folgenden Aufzählung ist daher gering. Am sichersten wird' 
man diejenigen als primär ansehen können, die Präsens auf -a- 
haben und dem Inchoativum gegenüber die ausgeprägte Bedeutung 
des intransitiven Durativums besitzen, »in dem und dem Zustande 
befindlich« bedeuten. Die ursprüngliche Regel scheint hier die Tief- 
stufe zu sein, vgl. 

szvitü szviteti hell sein [szvintü szvisti hell werden). 

Einigermassen deutlich tritt dies Yerhältniss indess nur hervor 
bei der i- und w-Reihe, bei der c-Reihe erscheint es ganz verwischt. 
— Es dürften folgende Verba hierher zu rechnen sein. 

A. Wurzelvocal i, y (der Reihe i e u. 8. w.). 

1. Präsens auf a. 

dyru dyreti gaffen. svidü svideli glänzen, 

le gribu gribet wollen. szvitü szviteti hell sein, 

le kwitu kwität flimmern. triszku triszketi (y? N) spritzen 
lytü [lyczü] lyte'ti anrühren. (trans. oder intr. ?). 

le nldu nldH hassen. visgü visgüli schlottern, 

le ritu ritBt rollen intr, le wifu wifet flimmern, 
le slidu slidet und slidu sltdet zibü iibeti schimmern, 

gleiten. z^du {z^dzu) zydeti blühen. 



484] Der Ablaut der Wcrzelsilbisn im Litauischen. 413 

Ganz vereinzelt ist diese Bildung bei der Stufe e\ 
le ncjf ne^^t jucken, lit. ntzi nezd'ti. 
rStu rMd'ti intr. rollen, 
le schk'edu schk'edet in Theile zergehen, 
le fedu (fefchu) fedet blühen. 

.2. Präsens auf i [ja). 

lydzü lydeti Geleit geben, geleiten trans. 

lyczü [lyiü) lyieti anrühren. 

mijliu mylüti lieben (vielleicht denominativ) . 

tikiü tiketi vertrauen auf, glauben an. 

ty^dzu {pa-) vydeti beneiden (vielleicht denominativ). 

i^dzu [t^du) zydeti blühen. 

Mit e oder ei: vesziü veszeti zu Gast sein (wohl sicher deno- 
minativ, vgl. vesz-kelis) ; reikia reiketi nöthig sein ; seikiü seiketi messen 
(mit einem Hohlmasse); veizdzu veizdeti sehen. 

B. Wurzelvocal u, ü. 

4. Präsens auf a. 

bruzgti bruzgeti rascheln (ö?). le küpu küpH rauchen. 

hundü budeti wachen (Präsens nach kuszü kuszeti sich regen. 

der Inchoativbildung). kutu kuteli sich zerfasern N. 

le dusu dtisßl ruhen (eig. keuchen), puszkü pmzkeü knallen. 

düzgu düzgeti dröhnen (f/?). le putu putH stäuben, stühmen 
le glünu glünSt lauern. (Schnee). 

gruzdü gruzde*li schwelen. rudü rudeti rosten. 

judü judeii sich regen. trupü irupeti bröckeln. 
krutü kruteti sich regen. 

2. Präsens auf i {ja). 

le duzu duzet brausen. nüriü nüreii glupen. 

dusiü duseti hüsteln. pliuszkiü pliuszkeii plappern. 

düsiü düse'ti keuchen (vielleicht de- rüp' rüpeti Sorge machen, impers. 

nom., vgl. z. B. dt-düsis Seufzer). man r. mir Kegt am Herzen. 

guliü guleli liegen. nisziu ruszeti geschäftig sein. 

kruniü krune'H hüsteln. ruzgiu rüzgeti murren. 

kuviu-s kuve'ti-8 Sz sich schämen, le südfu südßt klagen. 

liüdzü liüdeti traurig sein. tupiü tupe'ti hocken. 
lukiu lüke'ti harren. 



414 



August Leskibn, 



[Ml 



Auch hier ist die Zahl der Bildungen mit au gering: le glaudu 
glaudet streicheln (iterativ?) ; le schk'audu [schk'aufchu) schk'audii 
niesen; czäudzu czätideii niesen; päu^zkiu päuszkeli knallen; täuszkiu 
tauszke'ti anklopfen; skaüst skavde'ti weh thun; ^ravtfi ^at;e'(» sickern ; 
aviü aveti Schuhe anhaben; die beiden letzten Bildungen müssen als 
Denominative gelten (vgl. sravä), wären die Verba primäre, so wür- 
den sie ^srauju^ ^auju lauten. 

C. Wurzelvocal t, e. 

Hier lässt sich eine Regel nicht constatiren; % erscheint zwar, 
wie sonst, mit wenigen Ausnahmen nur in der Begleitung von r, /, 
m, n, allein ebenso in derselben Verbindung auch e\ es mögen daher 
im folgenden die betreffenden Verba einfach aufgezählt werden. 

4. Präsens auf a. 



a. Vocal I. 



hildu bildeii poltern. 
brizgü brizgii'ti ausfasern intr. 
kibii kibeti zappeln. 
klibu klibeti wacklig sein. 
kibzdü kibideü wimmeln. 
kribidü kribzdeli wimmeln. 
lindu {lindiu) lindeti kriechen. 
mirgu mirgeti flimmern. 



le pilu piUt triefen, 
le rilu riUt dünn werden. 
sptngu spingeti glänzen. 
sznibzdü sznibzdeli zischeln. 
trinkü {trinkiü) trinketi dröhnen. 
triszu triszeli zittern. 
tviska tvisketi stark blitzen. 
tvilgu ivilge'ii glänzen. 



b. Vocal e. 



beldu beldeti klopfen. 
bezdü bezdeti pedere. 
brezgü brezgüti stammeln. 
brezü breze'ti rasseln. 
czerszkü czerszke'ti klirren. 
drebu drebi'ti zittern. 
gebu gebeti pflegen. 
gedü gedeti Leid tragen. 
gMu gelbeti helfen. 
kelü kelüti beabsichtigen. 
klebü klebeti wackeln. 
krebidü krebideti rascheln. 



krelü krete'ti wackeln. 
merszu inerszili ausser Acht lassen. 
peldu peldeli sparen, schonen, 
le peldu peldH schwimmen. 
penü pene'ti nähren. 
perszt perszeü schmerzen. 
plezdü plezde'ti flattern. 
pleszka pleszke'ti prasseln. 
selü seleti schleichen. 
skddu skelditi sich spalten. 
skendu skendeti im Ertrinken sein. 
skrebü skrebeti rascheln. 



453] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 415 

stenü steneti stöhnen. treszkü treszketi knistern. 

sznekü szneketi reden. vebidü vebzde'ti wimmeln. 

tekü teketi laufen. veldu {pa-) veldiiti ererben. 

teszkü leszketi tropfen. zembu tembeti keimen. 
trendu {trendzu) trendeti von Motten 
zerfressen werden. 

2. Präsens auf i {ja), 

a. Vocal 2. 

girdiü girdeti hören. tyliü lyle'ti schweigen (wohl denom., 

girgzdzu girgtdeti knarren. vgl. tylä das Schweigen). 

ilsiu-s üse'ti-s ruhen. iingiu tinge'H faul sein (vgl. tingiis 
linkiü linki'ti geneigt sein; sich ein faul). 

wenig neigen. trinkiü [Irinkü) trinke' ti dröhnen, le 

miniü {menü) mini'li gedenken. trtzu trlzH zittern. 

smirdzu smirdeti stinken. viMü vilketi bekleidet sein mit. 

spindzu spindeti glänzen. virpiu virpüti zittern. 

b. Vocal e. 

deriü dereti dingen. regiü regeti schauen. 

geniü gene'ti ästein. rembiu rembeti träge sein. 

kenczü kenti'ti leiden. sergiu serge'ti hüten. 

keriü kereti verzaubern. skeliü skeleti schuldig sein. 

kvepiü kvepeli duften. skerdzu skerdeti Risse bekommen. 
merdzu mirdeli im Sterben liegen, le slepju slepöl verbergen (iter.?). 

nersziu nerszeti laichen. stebiu-s stebeti-s staunen. 

peliü peleti schimmeln. tesiü [at-) teseti ausrichten, aus- 

pendzu {pende'ju) pendelt trocken führen. 

faulen. trendzu [trendu) trendeti von Motten 

periü pereti brüten. zerfressen werden. 

D. Wurzelvocal a (der e-Reihe). 

kabii kabeti hangen. skämbu skämbeti klingen. 

klcdm klabe'ti klappern (neben klebü le skanu skanät klingen. 

klebe ti und klibü klibeli). skrabd'ti rascheln (gewöhnl. skrebü 

knabü knabeti N schälen (zupfen). skrebüli). 
skabü skabe'ti ästein. spragü sprageti prasseln. 



416 August Lbskien, [4 54 

szlakü szlaheti Iröpfeln. traszkü trasTke'ti prasseln (neben 
sznabzdü sznabzdeti rascheln (neben treszkü treszke'tt) . 

sznibzdü sznibzde'li). ivaskü tvaskeü blitzen (neben tviskü 
tarszkiü tarszketi klappern. tviskd'ü). 

2. Die Keihen IV und V. 

Bei den wenigen Beispielen der Reihe IV lässt sich ein be- 
stimmtes Yerhältniss der Yocalstufen in der Bildung primärer Verba 
nicht erkennen. Die vorkommenden Fälle s. o. S. 370. 

Bei der Reihe V ist die Zahl der Beispiele, die überhaupt Ab- 
laut zeigen, ebenfalls gering, indess kann man einige Male beobachten, 
dass die Stufe a Inchoativ- und Intransitivbildungen, die Stufe o 
transitiv-activen Verben zukommt, vgl. 

braszkü braszkeli — broszkiü broszkiaü brökszti (wenn die Zusam- 
menstellung richtig ist) 
und vgl. die transitive Bedeutung von bloszkiü blökszti bei Seite 
schleudern, skopiü skopli aushöhlen, at-si-^ölti sich anlehnen. Zu 
einem bestimmten festen Resultat reichen indess die vorhandenen 
Fälle nicht aus. 

Als Anhang mag hier der Wechsel von ä und a oder von a 
und ö (ä) innerhalb des Formensystems desselben Verbums folgen. 

A. Präsens ä, sonst a. 

Es kommen nur Beispiele vor, die sonst keinen Ablaut zeigen; 
die Bedeutung ist die inchoative. 

bälü balaü bälti weiss werden. 

szälü szalaü szälii kalt werden. 

sälü salaü sälti süss werden. 
Diese Bildung läuft also parallel der von byrü biraü birti und fehlt 
wie diese dem Lettischen in dem einzigen entsprechenden Beispiel: 
salstu salu sali (= szälü). 

B. Präteritum o (ä), sonst a. 

VVurzelauslaut r, /. Nur Verba ohne sonstigen, wenigstens 
sichern Ablaut. 

kariü köriau kärti hängen, 
le aif-kaht käru kart antasten. 



455] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 417 

le fcflrt« bäru hart schelten — lit. barü {bariü) bariaü bärti. 
le pt. prät. nu^bälis erbleicht. 
Dies entspricht dem Vorgänge in beriü be'riau, duriü düriau u. s. w. 

C. Präsens a, Nichtpräsensformen o (ä). 

Auslaut stummer Gonsonant. 
smagiü smogiaü smögii schleudern (Ablaut in smengü). 
vagiü vogiaü vögli stehlen. 
Es entspricht drebiü drebiaü drebti^ püczü püczaü püsli u. s. w. 



II. In der Nominalbildung. 

Die folgende Darstellung berücksichtigt nur diejenigen Bildungen, 
bei denen sich überhaupt eine festere Regel oder eine Neigung zu 
bestimmten Yocalstufen erkennen ISisst, die also für den Stand des 
Litauischen charakteristisch sind; es werden daher nicht alle primären 
Nomina, die in der alphabetischen Aufzählung vorkommen, hier an- 
geführt. Ferner kommen hier nur solche Worte in Betracht, deren 
Wurzel überhaupt einen Ablaut zeigt, so dass die unten folgende 
Aufzahlung nicht als ein vollständiges Yerzeichniss der Bildungen 
mit dem betreffenden Suffix angesehen werden darf, ebensowenig 
als ein vollständiges Yerzeichniss der im Litauischen vorhandenen 
stammbildenden SufQxe. Die Anordnung ist nach den stammbilden- 
den Suffixen gemacht, innerhalb des einzelnen Suffixes nach den 
Yocalstufen, doch sind die Bildungen auf -a- ans Ende geschoben. 

-t-« Die wenig zahlreichen Beispiele zeigen, dass das Suffix 
sich wesentlich mit der tiefsten Yocalstufe verbindet: i. pre-likis 
Zufall. — U» Ü. plüdis Schwimmholz am Netze; pHüszis Schilfgras 
(neben pliusze); rüdis Rost; zuvis Fisch. — i. (der e-R.)- grindis 
Dielenbrett; ätilsis Ruhe; kritis Fall; zindis Nahrung der Mutterbrust. 
— Als Abweichungen von dieser Regel weiss ich mit Sicherheit 
nur zu nennen sq-laris Eintracht; trandis (neben trande) Holzwurm. 
Das aus M bei N angeführte grandis f. ist möglicherweise m., da M 
keine Genusbezeichnung dazusetzt und das dabeistehende Deminutiv 
grandele nicht nothwendig ein femininales grandis beweist. — Noch 



418 August Leskien, [456 

anders geartet sind die ebenfalls vereinzelten: geris bei KLD fem. 
Trank; me'lys pl. blaue Farbe. 

2-Suffixe. Nur zum Theil sind durchgehende gleichartige 
Erscheinungen zu erkennen. Mit beliebigen Vocalstufen kann das 
-Ija- {-l^s)^ welcher nomina agentis bildet, verbunden sein: kvesltjs 
Einlader (Hochzeitsbitter); dygl'^s Stachel; grezle Schnarrwachtel; 
bubl^s und baubl^s Rohrdrommel (eig. »Brillier«) ; krauklys Ki^ähe 
(Krächzer); szaulijs Schütz; «ati&/j^« Herumtreiber ; pirszlys Yreiwerhet; 
mirkl'^s Blinzler; kamszlp Vielfrass (Stopfer, wohl an das iter. katn- 
8zpi angelehnt) ; vedhjs Freier u. s. w. Das -/ja- setzt ein ein- 
facheres -io- voraus, das gelegentlich noch vorkommt, vgl. le kraukh 
Rabe. Die Yielgestaltigkeit der Wurzelsilbe hängt damit zusammen, 
dass das Suffix zur Zeit seiner lebendigeren Anwendung allgemeines 
Suffix für nomina actorum geworden war und daher nicht an eine 
bestimmte Vocalstufe gebunden blieb. Es hätte hier unerwähnt 
bleiben können, ich wollte aber bei der Gelegenheit hervorheben, 
dass dies Suffix dasselbe ist wie das slav. -h des prädicativen Pari, 
prät. act., das ursprünglich ein Substantiv war {dah jesmi bedeutete: 
dator sum). Heute lebendig ist zur Bildung von nom. ag. (meisi 
mit deteriorirendem Sinn) -elis {ne-tikelis u. dgl.), das einfach die 
Vocalstufe des zu Grunde liegenden Verbums theil t. Von den übrigen 
/-Suffixen zeigen mehrere einigermassen regelmässig die gleiche 
Vocalstufe. 

a) -w/o-, 'Ulja' bevorzugt die tiefste Stufe: t. dygulp Stich; 
le ^ibulis Ohnmacht; mitulp durchwintertes Thier; le ntkulis kränk- 
licher Mensch; ryszidjjis Bündel; spiiulijs Stern auf der Stirn von 
Thieren; skriduW Gerbeisen; skrituip Scheibe; pavidulis Ebenbild. — 
tl. dzugülis Spassmacher, dusuhjs Engbrüstigkeit; gniuzulas Faustvoll; 
kukulp Kloss; le küsuls Sprudel; rudulis armer Schelm; le rtipuk 
grobes Holzstück; sprüdulas Knebel. — t. (der e-R.) griitdas Reit- 
bahn, gr{zule Deichsel; le krituVi Lagerholz; nu-mirulis Epilepsie; 
sniirdulis Gestank; spindulijs Strahl; le splgulis Johanniswürmchen; 
le sprigulis Dreschflegel; le ttptda- in tlpulains trübe (vgl. tipuVüt) ; 
le wirulis Sprudelstelle; virpulp Zittern, le wirpuh Wirbelwind; zin- 
dul^s Säugling. — Abweichungen davon sind seltener: geidulp 
Lüsternheit; le ^eibtdis Ohnmacht (neben ^ibulis); skaidülios (Fasern) 
ist wohl als denom. anzusehen (vgl. le skaida Span); — czaudulp 



457] Deb Ablaut deb Wurzelsilben im Litauischen. 419 

Niesen; graudulis Donner; skaudulys Geschwür; maudul^js Schlummer; 
le daukulis Wischtuch ; — le bambuh (neben bambals) Käfer ; grqztUas 
und gr^zule Deichsel. In Bildungen von Wurzeln mit momentanen 
Consonanten oder Sibilanten im Auslaut, wie le deguls brennender 
Schwamm, vgl. nu-de'gulis^ tm-de^ti/j^« Feuerbrand; \e kretulis eine Ari 
Sieb ; siebule Radnabe darf das e als die Tiefstufe angesehen werden. 

b) -ala-. Mit ziemlicher Regelmässigkeit treten hier die höheren 
Vocalstufen ein: e^ eif di. seikalas Bedürfniss; slregalas Köder; pa- 
szveitalai Putz; trSdalas dünnes Excrement; veikalas Geschäft; drai- 
kalas gestreute Halme; maiszalas Gemengsei; snaigalä Schneeflocke 
(wohl Denominativ) ; aptaisalas Umhang. Mit i nur pa-vidalas Er- 
scheinung, Gestalt und etwa myzalai {mizalai) Harn. — dU» äugalius 
Wachsthum; rävalas Gäten; le schnaukalas f. pl. Nasenschleim; 
wozu noch mit ov angereiht werden mag jövalas Traber. Mit U 
nur apsükalas Thürangel. — Cl» le bambals Käfer; brändalas Kern; 
dängalas Decke ; läsalas Yogelfrass ; sargala- in sargalingas kränklich ; 
skambalas Schelle; le spugalas Glanz; svämbalas Senkblei; tafszkalas 
Klapper ; üz-valkalas Ueberzug. Daneben mit 6 •' bezdalas ; uz-dengalas 
Decke; lesalas Vogelfrass — wobei es nahe liegt, an spätere An- 
lehnung an die Verba dengti, lesti zu denken — ; atmetalas Abwurf, 
Auswurf; t;erpa/ai Gespinnst; mit ^Z be*rala8 umgeworfeltes Getreide ; 
geralas Getränk; kv&palai wohlriechende Dinge; vemalai (und vemalai) 
Gespeie; endlich mit t.' bimbalas (und bimbilas) Rosskäfer; le kritals 
Lagerholz, krilal'a dss. und umgestürzter Baum; le pimpald penis, 
vgl. pimpalains knotig ; smilkalas Weihrauch ; smirdälius Stänker, von 
einem smirdala-; viralas Gericht (gekochtes); le fidals Muttermilch. 

m-SufOxe. — a) -me»- (nom. -mü und die abgeleiteten Formen 
auf -mene u. ä.) ; die e-Stufe ist hier die Regel : €%• eitnena^ eirnenas 
Bach; reikmene Bedürfniss; skSdmenys und skemenys (Scheidungen) 
Scher-, Webergänge; le skremens runde Scheibe. — ai€. augmu 
Jahreswuchs; raumii Muskelfleisch. Abweichend piümu Ernte; püt- 
menos Geschwulst. — €• gelmenis stechende Kälte; lefikmene Gelenk; 
melmü Nierenstein ; melmenys pl. Scheergarn ; szerme^is Leichenmahl ; 
teszmu Euter; zelmu Schössling. Die einzige Abweichung ist smilk- 
menai Räucherwerk. 

b) -f»a-«, -sma-s; -ma^ -sma^ -me, -stne. — et^ €• eisme Gang, 
Steig; gesme\ le dfesma Lied, Gesang; le kreims Sahne, lit. greimas 



420 August Leskien, [458 

schleimiger Niederschlag; le skremes Abgänge; atsüeimas Vorhof; 
le teiksma Erzählung; le weikme Gedeihen. Ganz vereinzelt ist ui. 
bäime Furcht; le gaisma Licht; at-szlaimas bei Sz {at^szleimas) . — 
(tu, bausme Strafe; dramme' Zucht, le drattöma Drohung; dzaügsmas 
Freude; grausmas Donner; grausme Warnung; le jamma Gerücht; 
kauksmas Geheul; le kfaume Menge; plaüksmas F\oss ; plaüsmas floss; 
skaüsmas Schmerz ; le straume Strom ; szaüksmas Geschrei. Hier 
sind die Fälle mit t€-Stufe etwas zahlreicher: brükszmis Strich; le 
dusmas f. pl. Zorn; le dufma Verwirrung; le kl'üms und ktüma 
Hinderniss; le püsma, püstne, püsmis Athemzug; trükszmas Zug; üz- 
ükstnis^ ui'üksme geschützter Ort. — In der c-Reihe ist mit diesen 
Suffixformen bald e, bald a der Wurzel verbunden, sehr selten i. 
€• suderme Vertrag; gelme Tiefe; glemes {glemes) zäher Sehleim; 
gesme' GUmmfeuer, le dfesma {dfäsma) kühler Morgenhauch ; rekstnas 
Geschrei; sekme Fabel [sekmis f. dss.) ; le swelme Dampf; iekme 
Quelle; le twersme^ twersmas pl. Rückhalt; versme* Strudel; verksmas^ 
verkäme Weinen. — d. garsmas Ruf; länksmas Biegung; tarmä^ tarme 
Rede ; träksznms Krachen ; tränksmas Lärm ; välksmas Zug ; värsmas 
Gewende; vazmä Fuhre. — i» kilme Abkunft; le schk'irme Gedeihen -, 
svilmis brenzlicher Geruch. 

tl-Suffixe. Nur einige der mannigfachen Formen dieser Classe 
lassen feste Verhältnisse erkennen. Die wenigen als solche deutlich 
erkennbaren alten Participia prät. pass. auf -na- haben die Tiefstufe, 
z. B. kilnds erhaben ; le mlkns weich ; lipnüs (Vertretung von ^Upnas) 
klebrig; liüdnas traurig; wohin wohl auch Bildungen wie skutna^ ab- 
geschabte Stelle, zu rechnen sind. — Die alten Verbalnomina auf 
-m- f. haben die Tiefstufe: brüksznis (auch m. brtiksznis) Strich; 
lupnis und lupsznis abgeschälte Rinde (eig. Schälung); pusnis zu- 
sammengewehter Schneehaufen; zingsnis Schritt; dazu stimmt auch 
degsnis Brandstelle. Die Worte dieser Art sind (wie die Feminina 
auf -ti-) öfter in die Flexion der masculinen ja-Stämme übergegangen 
vgl. dijgnis Stich; gribsznis GriflF; mirksnis Blick. — Sonst lässt sich 
ein festes Verhältniss mit einiger Sicherheit nur constatiren bei 
dem primären -ina-, -inja-^ das mit wenigen Ausnahmen von 
der Tiefstufe begleitet ist: i» izines Schlauben; miszims Mischling; 
ritinis Rolle; slidinas übervoll; skridinp Scheibe; stipinas^ stipitij^s 
Speiche; stripinis Sprosse, Knittel; szmiziri'^s Geschmeiss; le fUfifis 



459] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 421 

Blitz. Abweichend greziwjs SchDitt. — U. krüvinas blutig (denom. ?) ; 
küpinas gehäuft; lupinai^ lupinos Schalen; le pltuliAi pl. Schwimm- 
hölzer am Netze; subini' podex; sukinüs Kreisel; trupinp Brocken. — 
i (der e-Reihe). dilbinas Gluper; ^tmine' Geschlecht; kilpinis^ kilpine 
Armbrust; lingineU Schaukel; miliwjs Stock der Handmühle; milzinas 
Riese; le stibiiii Sttttzhölzer des Schlittens; tirpinis geschmolzen; le 
ti;t7zin«c& Brummkreisel ; iin^he Schritt. Dazu stimmt tekinas laufend; 
mezgin^s Strickzeug. Abweichungen sind selten: rentinys Brunnen- 
einfassung; skendin^s Ertrinkender; grandinis Schabwerkzeug; päszinas 
Splitter (eingerissener); valin^s Tuchrand. 

«-Suffixe. Bei -sa-s^ -sa scheint die höchste Stufe die ursprüng- 
liche Regel zu bilden, soweit eine solche aus der geringen Zahl der 
Beispiele entnommen werden darf: ui, baisä Schrecken; gaisas 
Liebtschein; szvaisä Glanz (doch szvesä Licht). — dU. le gausa 
Genügen; raupsai Aussatz; abweichend le rüsa Rost. — U» gärsas 
Schall; närsas Zorn; smärsas schlechtes Fett; tamsä Finsterniss. 

^Suffixe. Unter diesen zeigt ein constantes Yerhaltniss zum 
Wurzelvocal : 

a) -fo-, daneben -«/a-, -<jfl-, -stja-, meistens masculin. Die Be- 
deutung ist vorwiegend die eines nomen instrumenti; die Yocalstufe 
af, a«, a. Cli. baigsztis Fliegenwedel; daiktas Stelle, Ding; graib- 
sztas Kescher; graisztas Säge; graiszlos Einfassung des Eimerbodens; 
kaisztis Riegel; le klaists Herumtreiber (vgl. Adjectiva in vereinzelter 
Bildung dieser Art: skaislas hell, klar) ; maisztas^ maiszta Aufruhr; 
laiptas Gerüst, Steg; le maiksts^ maikste {mig-) lange Stange; maistas 
Nahrung; raiste Kreis; raisztas^ raisztis Kopf binde; saitas Strick, le 
saite Band; smaigstis, smaigste Stange; szlaitas^ 8zlaitis Abhang; 
ap-szvaista Reinheit. Daneben findet sich seltener die Stufe € bei 
Worten gleicher oder ähnlicher Bedeutung: le dßgsts Keim; leptas 
Steg; mSlas Pfahl; le meti Tausch; le nests Krätze; pestä^ le pe8t8 
Stampfe; setas Sieb; svSstas Butter. Ganz vereinzelt i (i)^ le wuts 
Bündel. — dU* le braukts Streich Werkzeug; pri-si-glauste Zufluchts- 
ort; gniauite Faust; le kraula Ufer; pr. liausta- Betrübniss; le 
e-maukti Zaum; le e-mauti Zaum; rank-mauste Armbinde; le plavkts 
Sims u. s. w.; plausias Floss; plaütis Schnupfen; le slaukts Art Ge- 
schirr; spraustis Sperruthe des Webers; le spramte Gestell für den 
Pergel; sraulas^ le slrauts Strom (Regenbach); zlatiktai Traber. Ab- 



422 August Lbskien, [460 

weichuDgen davon sind kaum vorhanden, allenfalls kann man dahin 
rechnen: küpstas Erdhöcker; le rusia, rüste braune Farbe; le srusie 
abgeschabte Stelle; srulä Jauche; zlüktas BttckwUsche; die letzten 
beiden haben die Form alter Participia prät. pass. — d. bängtos 
;wriw Ungewitter, bangtas ungestüm; bränksztas Bruch (im Felde); 
brastä Furt; dängtis Deckel, uz-dangte Decke; därktas Scheusal; atr 
dvaslis (auch f.) Athem; gamta Natur; grqztas Bohrer; kämsztis Stöpsel; 
kärsztis Hitze (indess wohl denom. von kärszias heiss); nunUastai^ 
nuklastos Abfegsei; krapszlas Xv^izhdunen; äl-kvamptd Seitenlehre; lalUa 
Huhnerstange, laksztä dass.; läksztas Blatt; länkiis Haspel, länkslas 
dass.; le lüsts Versteck, Iqstä Brutnest; magstas Art Stricknadel; 
närsztas^ le narsts und narsta Laichzeit; narszlas Zorn; narias Ecke; 
nasztä Last; näszczei Achseljoch; päntis Fessel; rämlis und rämstis 
Stütze; rqstas Ende eines Baumstammes; sägtis {sagiis t^ le «a^te und 
sagtet) Schnalle; sämtis Schöpflöffel; le «arfe Scheiterhaufen; sklqstis 
Riegel; smälktis und smdlkstis Dunst; smälktas dichte Stelle im Walde; 
slaplä, slapte Heimlichkeit [slapczas heimlich) ; smärstas^ smarsle Ge- 
stank; spqstai Falle; spärtas Band; sprqstas Buckel, le sprüsta Klemme; 
le swarts^ swarle Hebebaum, Ht. swärtis Brunnenschwengel; le truts 
Wetzstein (= ^tran-ta-s) ] tvärtas Verschlag; le walksts Fischzug; le 
walsts Gebiet; värpslis dünne Stange, varpste' WeWe, Spindel; värsias 
Gewende; vartai Thor; vaztä Fuhre. Ganz selten sind gleichartige 
Worte mit andern Vocalstufen : kersztas Zorn ; miltai Mehl (altes Par- 
ticip?); tiltas Brücke (altes Particip?); le dfinUa Geburt; grfstas N 
Diele (Particip?); le llgste Schwungstange. 

b) 'ti-. Die Bildungen auf das alte femininale -ti- lassen sich 
im Litauischen nicht genau mehr von den masculinen auf -tis und 
den femininen auf -te sondern, da sie in deren Flexion übergehen, 
indess lässt sich die alte Regel, nach welcher die Tiefstufe die Be- 
gleiterin des Suffixes ist, deutlich wahrnehmen: t. krgtis f. und m. 
Kescher; szlitis (daneben szlite) Garbenhocke; vpis Gerte; dahin ur- 
sprünglich auch su^tikte Zusammentreffen. Abweichend ist pri-eüis 
Vorstadt. — U. le jütis pl. Gelenk u. s. w. ; kliütis (und kliüte) Hin- 
derniss; pra-pultis Verderben; piütts (und piüte) Schnitt; rüksziis 
Säure; sprüslis Gedränge; lükestis Harren, rüpestis Sorge sind wohl 
als Denominative zu nehmen. Abweichend kliautis (und kliaulii) Hin- 
derniss; zlaüktys pl. Traber (vgl. ilaüklai dss.). Hierher zu rechnen 



^^1] Dbk Ablaut dbb Würzelsilben im Litadischen. iS3 

sind auch gniüzt^' Faußtvoll; pakrüU Uferrand, le krüte HUtnpel; 
plütis m. offene Stelle im EilSe; ilugtis das Waschen. — i (der 
e-Reihe). gimtis Geschlecht; ap^ntis Verlheidigung; girtis Gelage; 
m-griztis Rückkehr; kütis Geschlecht; kimsziis Stöpsel (eig. Stopfung); 
atrfnintis Gedenken; mintis Ringkampf; mirtis, Tod; pirlis Badstube; 
skilsUs Klauenspalte; skiltis Scheibe; smillis Sand; at-spirtis Stutze; 
smrtü Brunnenschwengel; pa^zintis Kunde; viltis Hoffnung. Dazu 
stimmt ugnär-degtis^ ugninlegstis brennende Kälte. Bildungen wie ri- 
ma^tu werden als denominativ anzusehen sein. Eine Anzahl Bil- 
dungen, die nur mit -te Überliefert sind, gehört ursprünglich sicher 
hierher: prahingtS Uebermass; griite' Büschel; rinkte Sammlung; 
pa^tepte Schmutzfleck; ebenso virtis m. Strudel. Ganz selten ist 
die abstufe: atnivastis (auch m.) Athem; mglis Schnalle (auch m.); 
paslaptis GeheimnisB; im^tariis Tdide\; ap-wärtis, apwärte Sinck: mqstis 
Erwägung ist vielleicht secundäre Bildung. 

-4^. Für dies Suffix lassen sich im Litauischen keine regel- 
massigen Yocalstufen mehr feststellen, erstlich, weil die Adjectiva 
auf urspr. -a- mit denen auf -u- beständig durcheinanderlaufen, so 
dass man im einzelnen Falle des Ursprünglichen nicht sicher ist, 
zweitens, weil es eine grosse Zahl denominativer Adjectiva auf -u- 
giebt, die doch wieder von den primären nicht sicher geschieden 
werden können. Die alte Regel, dass -u- von der Tiefstufe be- 
gleitet war, ist an vielen Beispielen ersichtlich, vgl. slidüs rutschig; 
diAus hohl; gludits anschmiegend; klupüs stolperig; bingiis muthig; 
atAiüüs offen; Hmüs heiser u.^'s. w. Eine Aufzahlung würde aus 
dem ersten der angeführten Gründe hier zwecklos sein. Als Bei- 
spiele denominativer Bildungen seien genannt : grasus ekelhaft {grasä) ; 
klampus sumpfig {klampä Sumpfstelle) ; skalms verschlagsam (skalsä) ; 
talpüs geräumig {falpä)\ (t^aiiäa überflutend {tvänas)-, tvanküs schwül 
{Ivänkas Schwüle) u. s. w. 

Suffix -CK-, •*(^. Feminina und Masculina sind hier nicht ge^ 
schieden, theils weil das Genus nicht selten wechselt, theils weil 
durch das Hineinfallen der alten Neutra in die beiden anderen 
Genera eine festere Scheidung ursprünglicher Masculina und Femi- 
nina nicht mehr durchzuführen ist. Die Bildungen mit diesem Suffix 
vermeiden in solchem Grade die Mittelstufe, dass diese in einigen 
Yocalstufen ganz zurücktritt; am auffallendsten ist das bei der 

Abliandl. d. K. 8. OeBelltcb. d. WiRsenscIi. XXI. 29 



424 ÄD6U8T Lbskibk, [468 

ß-Reihe, daher diese hier vorangestellt wird; die Zahl der Falle 
mit e ist verhaltnissmässig gering, die mit % bedeutender, die mit 
a durchaus überwiegend: OL. a/^d Lohn; an^d Oeffaung; akd Müdig- 
keit; arza Streit; halda^ Stössel; le huqn^ buga dichte Menge, pro- 
bangä Uebermass, p&bangas, pabangä Beendigung, bangä Welle; le 
uf-bars Uebermass, atnbaraij ätbaros beim Worfeln Verstreutes; bradä 
Waten, Pfütze ; brända Kernansetzen ; brankä Schwellen ; dagas Ernte, 
isz-dagas von der Sonne ausgebrannte Stelle, iszdaga dss., dagä 
Ernte; apdangä Kleidung; le nu^daras pl. Abfälle, ätdaras offen, saiir 
dara Einwilligimg; darbas Arbeit; darga schlechtes Wetter, padargas 
verwickelte Maschinerie; le draska Lump; därias Garten; drqsä 
Kühnheit; pagadas Verderben; gälas Ende; pag&lba Hülfe; gämas 
Geschlecht, äp^amas Muttermal; le gans Hirt, le gani pL Weide; 
le gargfda sandiger Boden; le grabas pl. Zusammengerafftes; grändai 
Latten zum Decken, pa-granda Diele; grasä Ekel; at-grqias Wieder- 
kehr, 8u-grqza Rückzug; le ^a Sparrbalken, trii^aba Vorhang; kalpa 
Querholz am Schlitten; {-kamszai Füllsel, katnsza Stopf ung; kdnkas^ 
kanka Qual; n'ap^-kanta Hass; kdras Krieg; aUkarpai^ ätkarpos Ab- 
schnittsei, karpa Warze; kartä Schicht; kartas Mal (beim Zahlen); 
klampä Sumpfstelle; i-kratas Betteinschüttung; kväpas Hauch; Ukag 
Flug, lakä Flugloch der Bienen, pirm-lakai, pirm4akos das beim 
Worfeln vorauffliegende Korn; le latns^ iama Mal; /anc^d Flugloch der 
Bienen; längas Fenster; le luks biegsam, länkas Reif, i-lanka Einbie- 
gung, lankä Thal; iszlasas {peklos) Auswurf der Hölle, lasa Vögel- 
frass, ap2^-/a«a Auslese ; maUd Bitte; isz-maiki« Verstand; märas Pest; 
le tnarga Schimmer, märgas bunt; le marks Flachsröste, marka dss.; 
üz-marka Blinzler; märszas Vergessen, üi^tnariza Vergesslichkeit, uio- 
marsza Vergesslicher ; at-matas Abwurf, le ufmats und ufmata Zu- 
gabe (zum Futter) ; mäzgas Knoten ; näras Taucherente, isTr-nara ab- 
geworfener Balg, naromk plaükti mit Untertauchen schwimmen; 
närszas Laich, isz^arszos Rogen; prä-naszas Prophet, ^Hio^a« Zu- 
sammengespültes; pra-parszas Graben; rämas Ruhe; le randa rinnen- 
artige Vertiefung, rändas Striemen; ranga Einrichtung, Zurüstung; 
pa-ranka Nachlese, rankä Hand; räntas Kerbholz, isz-ranta Kerbe; 
rqzai Stoppeln ; sägas und sagä Klammer zum Festlegen der gebleichten 
Leinwand; pä-saka Erzählung, üi-sakas Aufgebot; pi'd-sakas Fahrte; 
porsalä (pasalöms unvermerkt); le sari Borsten; särgas Wächter; 



1^3] Dbk Ablaut dbk Wurzelsilben im Litauischen. 4S5 

ap-sargä Hut; ie skals Lichtspan, shüädss.; paskdlba Gerilchi; skalsä 
Verschlagen; skarä Fetzen; Ie sklanda^ päsklanda schlendernde Wege- 
stelle, ui-sklanda Riegel; ät-skrabai Abfall von Zeug; slankä Schnepfe, 
Schleicher; ie smags schwer; Ie smalks fein; smalkas Dunst, apsmalka 
Lack; Ie smards Gestank; Ie spars Wucht, at-sparas Widerstand, 
84'Spara Gehrsass; sprdndas Nacken; Ie stabs Pfosten, stäbas Bild- 
säule, stäbas Schlagfluss; stämbas Strunk; at-stangä Widerspenstigkeit; 
Ie swals und swala Dampf; sväras Gewicht; paszalpä Hülfe; pä^szaras 
Futter; «z/^o« Tropfen; pchsznabzdomis z\sc\ie\vkd\ (d/^o« Pfad, isz-taka 
Mündung, nu-taka mannbares Mädchen; pätalas Bett; to/fcd Arbeiter- 
gesellschaft (s. 0. unter tilh-); talpä ausreichender Raum; tänas Ge- 
schwulst; tü'sas {=z ^^tansas) Fischzug, vilkü isztasa Wolfsfrass; tarpä 
Gedeihen; tärpas Zwischenraum; täszkas Tropfen; träkas Narr; 
pa-trankä holpriger Weg, {-tranka Anstoss; trasä käle läufische Hün- 
din; pa-traszas verfaultes Holz; tvänas Flut, Ie tvans und tvana Dampf; 
tvänkas Schwüle; ap-tvaras Gehege, aptvara Netzstrick; tvarkä Ord- 
nung; tväska Geschwätz, Schwätzer; vädas Führer, pa-^adä zweite 
Frau ; vHas Schweifhaar des Pferdes, kndto nü'-vala abgeputzter Docht, 
ap-ifala Kreis; Ie walgs Feuchtigkeit, feucht; Ie walks Zug, iiirvalkas 
Ueberzug, Ie mMoalka Schlangenbalg; ät-vanga Rast; Ie at-wars Wir- 
bel; pirvaras Langbaum am Leiterwagen, p&rvara Netzleine; värpas 
Glocke, värpa Aehre; isz-vartas Umdrehung, pr^-varta Zwang; värias^ 
Ie warfa Reuse; üz^alas Auffahrt, pavazä Schlittenkufe; at-zalas Schöss- 
ling, at-ialä Nachtrieb ; zämbas Balkenkante ; iändas Kinnbacken ; pro- 
zanga Uebertretung ; ap-iargomis rittlings; zvälgas Beschauer, ap-zvalga 
Umsicht. — i. czirszka Kreischer; bylä Rede; dilba Gluper; Ie dima 
Dröhnung; dirzas Riemen; pa-dribä Augentriefen ; Ie driska Zerreisser 
gyla heftiger Schmerz; girä Trunk, Ie dftras pl. Gelage; gyrä Ruhm 
grinda, \e grlda Diele, pa-grindai Bohlenlage, Ie grids Fussboden 
griio rätas der grosse Bär; isz^a Anfurt für Kähne; pä-iras locker 
isz-kylä Anhöhe; kimsza Dachluke; päkirpos Abschnittsei; atr-kirta 
Schlacke; Ie klibs lahm; kilpa Steigbügel; ktrüia Fesse; Ie llks 
krumm, vtfirlinkas einfach, ap-linka Umgegend, ap-linkomis sitkti; Ie 
müs Alp ; päminos Abgänge von Flachs, Ie pamina Tritt (am Wagen) ; 
Ie mirgas pl. Blinken; mirka Flachsröste; Ie nira Taucherente; 
käs-pinas Haarband; pirdä Furzer; ne-nurrima unruhiger Mensch; 
rindä Krippe; ringa krumm Dasitzender; pa-rinka Nachlese; Ie siks 

J9* 



426 ÄcGcsT Lkskibn, [464 

klein; at-skirai adv. abgesondert; sklifidas Riegel; slinkas faul, sUnka 
Schleicher; smirdas Stänker, le smirda dss.; le stiba Stab; prir-svjflos 
Angesengtes; le swira Hebebaum, pustäu^svyrä adv. halb überhangend; 
sznibidomis zischelnd; szvilpa wer viel pfeift; i-timpas Ansatz zum 
Sprunge , timpa Sehne (des Körpers) ; üir4r%nas Abmachsei ; IriiJkü 
Haublock; vyla Betrug; le wira Gekochtes, at-^yrs Strudel; ät-^ras 
offen, at-viromis adv. i. pl. f. offen; pchvirpas Losmann; zilas grau; 
iirgas Ross; dibas triefäugig; at-ivilga Rückblick. — e. degas Feuer- 
brand, le degas f. pl. ausgebrannte Stelle; dengä Decke; gema (?) Früh- 
geburt; geras gut; le ap^erbs Kleidung; gerdas Botschaft; le gir€fa 
Wendehals; le xerps und zerpa GrasbUschel u. s. w.; milas Lüge; 
menas Yerständniss ; ap-^netai Schergarn; mezgä Strickerin; lauh-nesza 
Gefäss zum Speisentragen (aufs Feld); le nu regas vom Sehen (von 
Angesicht), nürega Scharfsinn; rentas Kerbe; retas dünn; selomis 
schleichend; le serga Krankheit; änt-skrebai Krampe; nusteba Er- 
staunen; le stengs trotzig; le teka Fusssteig, isz-teka Mündung; ui-t^sas 
Leichenluch, pra-t^sä Aufechub ; nathveda Bräutigam ; le welgs feucht. 
Diesen mögen die wenigen Fälle mit d folgen: pri-dvesas dumpfig; 
geda Scham; gelä heftiger Schmerz; le kräts Hahnenkamm, Mähne; 
kvepä kurzer Athem (Dampf); le lekas pl. Herzschlag; prapleszä Bruch; 
re'ka Schreihals; ap-sega (?) Einfassung; ste'bas Stab; prorveia Ge- 
leise. 

Nicht ganz so stark ist der Unterschied in der ei-Reihe, aber 
immerhin deutlich genug, um die Bevorzugung der Stufen O/l und i 
gegenüber dem &l und e erkennen zu lassen. Clt» le baigi Nord- 
licht; por-baigä Ende; por-däigos Spielen; ap^-daira Vorsicht; draikas 
lang gestreckt, pa-drä^s verstreutes Stroh ; le gaiba Faälerin ; gaidas 
Sänger, fem. gaidä; le gaida Erwartung; ap^aibamis handgreiflich; 
le aifa Eisspalte, par-aiia Abnahmezeil des Mondes, isz-aiios Schlau- 
ben; le klajsch geräumig; pa-klaidä Irrthum; kraika Streu; pr kvaita- 
{quoits) Wille; le Iaidos pl. lange Reihen, ol-Zatdä Eriass ; p&4aikas Rest; 
le laipa Steg ; pr pa-laips Gebot ; maigas Haufen ; pr maiga- (acc. maigun) 
Schlaf; le e-^iaids Hass; le naiks heftig, aukszt^-naika adv. rücklings; 
nairomis schielend; le naifs^ naifa Krätze; paikas dumm; paisa Haufen 
Gerste zum Abpuchen; paiszas Russ; le sur-raibs, le raiba Yerdruss; 
ap^-raika Abschnitt; räiszas lahm; ät-raitas^ atraüa Aufschlag {atn 
Aermel); at-sajä Strang; saikas Hohlmass; le skaida'Span\ le skaits 



163] Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen. 427 

Zahl; ut-sklaida Riegel, le sUaids glatt; le skrajsch undicht; le slaids 
abschüssig; smaigas Pfahl; le maigs schlank; le spaids Druck; slaigä 
adv. plötzlich; por-sträipomis stufenweise; ap-gzvaita Reinheit; i-taikas 
was zu Gefallen geschieht, pa-taikä Müsse; pa-taisä Zubereitung; 
vaizdai Brautschau, ap^^aizda Vorsehung, vaidas Erscheinung; vaikas 
Knabe; vaisä Fruchtbarkeil; vaisza Bewirthung; taibas Blitz; iaizdä 
Wunde. — i (t). d'^gas Dom, le dlgs Keim; drikä herabhangende 
Fäden; le jfrita Wille; kliszas schiefbeinig; isz-krikas verstreut; i-krypai 
adv. mit halber Wendung; at-lyda Unterlass; pri4ipa Anbau, paAipomis 
stufenweise, le pe-llpi Angeklebtes; iaz^liios Zahnlücken; ätrmigas 
Nachschlaf, le miga Lager eines Thieres; svrfniszai adv. durchein- 
ander; mitas Lebensunterhall; le mriha Yerdruss; le riks und rika 
Brodschnitte; le «cAft'i&« schief ; le «/^/tc/a Schleife; \q slidas pl. Schutt* 
schuhe, le slids glatt; äp-skritas rund; le stiga Pfad; paszvitai Schmuck- 
sachen; le ;)aMifc« und -<ffca Lebensunterhalt; isz^tisas gestreckt; tryda 
Durchfall; pa-v^das Neid; porühai Flitter. — e und ei: €• d'egas 
Keim; isz-^rSkas im blossen Hemde; pchggiä Rache; l$kas unpaar, 
äl-läcas, le ai-läca Rest; l^sas mager; nezai Krätze; tnSgas Schlaf; 
tnSlas lieb; pSszas^ pesza Russ; at-^ikai Abschnittsei; ät-reias^ at-^ita 
Aermelaufschlag; le sgks Getreidemass ; snSgas Schnee; le speis Bienen- 
schwarm; tesä Wahrheit, pra-iSsas N Mast; trgda Durchfall; ziShas 
Blitz; iiSdas Ring, BlUthe. — ei. le heiga Neige; le ^eiha Faslerin; 
geida Verlangen; pa-peika Tadel; speigas starke Kälte; po-tetfcd Müssig- 
gang ; at-teisa Entscheidung ; veidas Antlitz ; veikas geschwind ; pa-zeida 
Verletzung. 

In der eu-Reihe kann altes eu von altem OU nicht geschieden 
werden, da bekanntlich beide Formen litauisch in au zusammen- 
fallen, die folgende Aufzählung kann also auch über das ursprüng- 
liche Verhältniss der Vocalslufen nichts ergeben : au. le audi pl. Ge- 
webe, at-audai^ atatMlos Einschlag; le augs Gewächs, augä Wachs- 
thum, le alnaugas pl. Wiederwuchs; le auka Sturmwind; haxidä 
Strafe; yhraukai Füllwände, nu'-braukos Abschabsei; daubä Schlucht; 
i padauküs entwei; daiisos Lufl; le padaufs Lärmmacher, pa-dauiä 
Vagabund; le draudi Drohungen; draügas Genosse; le gauda Klage; 
le glauda Glätte ; gliaümas schleimiger Abgang (vom Schleifstein) ; le 
grauds Korn ; grauias Kies ; le jaws Gemengsei ; le jauda Kraft ; le 
jauks lieblich; pa-jautä Gefühl; le €-kawa Klammer; le /^ati/Mi Sturm- 



428 AüGüST Leskien, [466 

wind; kaükas Beule, kaukos Drüsen; kaüpas Haufe, uirkaupa lieber* 
gewicht; kiäuras durchlöchert; klämä Gehorsam; le kfawa Haufen; 
le krauka Husten des Viehes; le kfaupa Grind; krauszas Fels; läuias 
Ast, nü'lauza Bruchstück, le laufa Bruchstelle im Walde; le nü-^nauks^ 
le nur-mauka abgestreifter Balg, le mauka meretrix; nauda Nutzen; 
paütas Ei, papautas Schwiele; pa-plava Spülwasser; X^platiks Wisch- 
tuch, le plaukas pl. Flocken, Fasern, pre-^lauka Hafen; plauszai Bast; 
ratdä Wehklage; raüdas roth, raitda rothe Farbe; räugas Sauerteig, 
le at-raugas f. pl. Aufstossen; raükas Runzel, rauka dss.; raüpas 
Pocke, le raupa Gänsehaut > saüsas trock